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Full text of "Von deutscher Kunst : gesammelte Aufsätze und nachgelassene Schriften"

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VON DEUTSCHER KUNST. 



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Schäfer, Gesammelte Altsätze. 




1864. 



Verlag von Wilhelm Ernst u. Sohn, Berlin. 



VON DEUTSCHER KUNST 



GESAMMELTE AUFSÄTZE UND 
NACHGELASSENE SCHRIFTEN 



\ox 



CARL SCHÄFER 

Oberbauiat Sr. = 5n9- 
weiland Professor an der Technisclien Hochschule in Karlsruhe 



MIT 3 BILDNISSEN 



9 TAFELN UxND 139 TEXTABBILDUNGEN 



BERLIN 1910 

\EKI,AG VON WILHELM ERXST & SOHX. 



KACHDRUCK VERBOTEN. 
ALLE RECHTE VORBEHALTEN. 




3 



VORWORT. 



Der Gedanke zur Herausgabe der vorliegenden Sammlung stammt noch von 
meinem verstorbenen Vater selbst her. Schon im Jahre 1890 hatte er ein 
vorläufiges Verzeichnis der aufzunehmenden Arbeiten zusammengestellt. Eintretende 
Schwierigkeiten verhinderten jedoch damals die Ausführung des Planes. Das 
Entgegenkommen der Verlagsfirma Wilhelm Ernst u. Sohn, die als Verlegerin des 
Zentralblatts der Bauverwaltung eine große Zahl der für das Werk nötigen Bild- 
stöcke im Besitz hat, ermöglichte die nunmehrige Herausgabe. 

Für die Auswahl der Arbeiten ist in erster Linie das erwähnte Verzeichnis 
maßgebend gewesen, das bis in die spätere Zeit fortgeführt und durch einige wenige 
ältere Stücke ergänzt worden ist. Die Herkunft ist jedesmal in einer Fußnote 
angegeben, die wie alle von mir herrührenden Bemerkungen durch Sternchen (*) 
von den durch Ziffern gekennzeichneten Noten der Originale unterschieden sind. 

Der Anhang enthält einige fremde Aufsätze, deren Beigabe für das bessere 
Verständnis gewisser Einzelheiten wünschenswert erschien. Vorangesetzt ist dem 
ganzen eine Einleitung aus der Feder des Architekten Albert Steinmetz, des Schülers 
und langjährigen Assistenten meines Vaters. 

Die Sammlung kann nicht den Anspruch erheben, das Lebenswerk meines 
Vaters in lückenloser Folge widerzuspiegeln. Sie will vielmehr als Ergänzung 
betrachtet sein zu seinen sonstigen größeren Veröffentlichungen, als Ergänzung 
insbesondere zu dem fast unerschöpflichen Schatz von Forschungsergebnissen, 
den er jahraus jahrein in seinen Hochschulvorträgen niedergelegt hat. Diese 
letzteren gleichfalls im Druck der Oefifentlichkeit vorzulegen, wird sich hoffentlich 
in nicht allzu ferner Zeit ermöglichen lassen. 

Altenberg (Rheinland), den 15. November 1909. 

H. A. Schäfer. 



INHALTSVERZEICHNIS. 



S«it« 

Einleitung VII 

Geschichte und Beschreibung des Klosters Nordshausen (1862) i 

Kirchliche Gefäße und Geräte aus dem Wesergebiet (1864) 8 

Ueber die Glasmalerei (1867) - 16 

Emailliertes Weihrauchschiffchcn des 13. Jahrhunderts (1867) 34 

Neubau auf Schloß Hinnenburg in Westfalen (1868) 37 

Gutachten, die Untersuchung und Aufdeckung der übertünchten Wand- 
malereien in der Kirche zu Lippoldsberg betreffend (1868) .... 47 
Gutachten, betreffend die Schloßkapelle und den Rittersaal des Schlosses 

in Marburg (1869) - . . . 54 

Gutachten über die Restauration der lutherischen Pfarrkirche zu Franken- 
berg (1870 71 

Zur Geschichte des alten Universitätsgebäudes zu Marburg (1872) .... 81 
Inventarium über die in und an der St. Elisabeth-Kirche zu Marburg er- 
haltenen Kunstwerke und Denkmäler (1873) 87 

Gotische Wandmalereien in Marburg. Ein Beitrag zur Geschichte der mittel- 
alterlichen Polychromie (1876 u. 1879) 129 

Wohnhaus iri Marburg (1879) 149 

Der äußere Putz am Limburger Dome (188I) 154 

Steinerne Kanzel für den Dom in Naumburg (1881) 156 

Die Glasmalerei des Mittelalters und der Renaissance (1881) 159 

Das deutsche Schieferdach (1S82) 192 

Die Dachschieferfrage (1882) 197 

Die Fällzeit des Holzes und dessen Behandlung nach der Fällung (1882) . 201 

Die Frage der Fällzeit des Holzes (1885) 204 

Altes Turmkreuz aus Schmiedeeisen (1882) 207 

Die Wiesenkirche in Soest (1882) 210 

Die Kirche in Idensen (1883) 216 

Ueber das deutsche Haus. Vortrag, gehalten zum Schinkelfest im Archi- 
tekten-Verein am 13. März 1883 221 

Glasmalereien in Aufnahmen und Entwürfen, ausgestellt im Kunstgewerbe- 
museum in Berlin (18S4J 233 

Wanderungen in der Mark Brandenburg (1884) 237 

Die Zeitstellung der Klosterkirche von Jerichow (1884) 249 

Leo von Klenze (1884) 265 

Ueber Baukonstruktionen I und II (1884 und 1885) 267 

Westliche Turmfront der Liebfrauenkirche in Chälons a. d. Marne (1884) . 272 

Der Neubau der Technischen Hochschule in Berlin (1884) 274 

Die Preisbewerbung um Entwürfe zur Gedächtniskirche in Speier {1884) . 279 

Aufruf zu Beiträgen zur Erhaltung der romanischen Kirche in Idensen (1884) 285 

Die Bebauung der Kaiser-Wilhelm-Straße in Berlin (1885) 286 

Amtsgerichtsgebäude für Balve in Westfalen (18S5) 289 



VI 



Seite 



Portale an Wohnhäusern in Halle a. d. S. (1885) 292 

Die Ausstellung von Lehrlingsarbeiten der Berliner Gewerbe (1885) . . 295 

Das Washington-Denkmal in der Hauptstadt der Vereinigten Staaten (1885) 300 

Das Rathaus in Ingolstadt (1885) 303 

Der Spitzbogen und seine Rolle im mittelalterlichen Gewölbebau (1885) . . 306 

Das Sedlmayrsche Haus in Berlin (1885) 317 

Die Preisbewerbung um das Lutherdenkmal in Berlin (1885) 321 

Die Ausstellung gefärbter und getönter Bildwerke in Berlin (1885). . . . 325 

Neue Kirchenbauten in Württemberg (1885) 339 

Eiserne Zimmeröfen (1886) 342 

Kirche in Münchenlohra (1886) 346 

Die Jubiläumsausstellung der bildenden Künste in Berlin (1886) 352 

Die Wettbewerbung um den Neubau des Königlich sächsischen Finanz- 
ministeriums in Dresden (1887) 370 

Entwurf zu Türflügeln für den Kölner Dom (1887) 375 

Neubau der Universitäts-Aula in Marburg (1888) 377 

Bauernhaus in Gutach im Schwarzwald (1895) 385 

Die heutige und die zukünftige Baukunst. Vortrag, gehalten auf der Berliner 

Gewerbe-Ausstellung (1896) 394 

Der Fensterfund auf dem Schloß in Heidelberg (1897) 404 

Neue Funde auf dem Heidelberger Schlosse (1898) 410 

Die Kirche zu Jung-St. Peter in Straßburg (1899) 415 

Vom Friedrichsbau auf dem Heidelberger Schlosse (1900) 426 

Vom Otto-Heinrichsbau in Heidelberg (1902) 428 

Denkschrift über die Wiederherstellung des Meißner Doms (1902J .... 431 

Ein altes Denkmal der Holzbaukunst (1903) 440 

Kleinere Beiträge zum Zentralblatt der Bauverwaltung 445 

Anhang 453 

Register 472 



BERICHTIGUNGEN. 

Seite 25 Zeile iS von oben lies eine statt ein. 
« 25 « 20 « « « Zeichnung statt Beieichnung. 
« 28 « 22 « « K Entfernung statt Entfertigung. 
« 28 « 28 « « « steht statt lest. 
« 34 « 17 « unten « meisten statt kleinsten. 
« 53 « 3 « « « vor statt von. 
« 64 « 7 « oben « sie statt die. 
« 134, S. 160, S. 161, S. 163 u. S. 213 Die Fußnoten rühren nicht vom Herausgeber, sondern vom 

Verfasser her und müssen deshalb statt des Sternchens eine Ziffer erhalten. 
« 264. In der Fußnote ist der Name des Verfassers des angezogenen Buches, Dr. Theodor Rudolph, 

nachzutragen. 



EINLEITUNG. 



Uie vorliegende Veröffentlichung hat den Zweck, Klarheit und Üebersicht- 
lichkeit in die Lebensarbeit eines Mannes zu bringen, der als eine außerordent- 
liche Erscheinung auch von denen anerkannt wird, die sich seinen Bestrebungen 
gegenüber ablehnend verhalten. 

Am 5. Mai 1908 ist Carl Schäfer nach längerem Leiden gestorben. Wie im 
Grunde nach Abschluß eines jeden Menschenlebens, drängen sich auch hier die 
Fragen auf: Was hat er gewollt, auf welchem Wege hat er nach seinem Ziele 
gestrebt und wie weit hat er es erreicht? Die Beantwortung dieser Fragen steht 
in unmittelbarem Zusammenhange mit den Kulturkonflikten des letzten Jahr- 
hunderts , das heißt jener Epoche , welclie die Fähigkeit verloren hatte , aus den I 
kulturellen und sozialen Zeitströmungen heraus durch das Zusammenwirken aller 
Kräfte unter Führung starker Persönlichkeiten eine bodenständige Kunst organisch^ 
zu entwickeln. 

Diese Fähigkeit war durch den Einfluß Rousseaus und unter den Nach- 
wirkungen der französischen Revolution verloren gegangen; sie auf irgend eine 
Weise wiederzuerlangen, ist das unaufhörliche Streben der genannten Zeit 
gewesen und seine Kraft ganz in den Dienst dieses Ideals zu stellen, das ist es, 
was Schäfer gewollt hat. In bezug auf das ersehnte Ziel steht also sein Wollen 
durchaus im Einklang mit demjenigen seiner Zeit, nicht so jedoch in bezug auf 
den Weg, den er zur Erreichung dieses Zieles für richtig hielt und den er seinen 
Zeitgenossen gewiesen und angebahnt hat. 

Liegt doch gerade in dem Mangel an Einheitlichkeit dieses Vorgehens die 
tiefe Tragik und die greifbarste Aeußerung unserer inneren Zerrissenheit. Es soll 
hier nicht der Versuch unternommen werden, das gewaltige Ringen in allen 
seinen einzelnen Phasen eingehend zu schildern; zum Verständnis des gegen- 
wärtigen Buches erscheint es jedoch unentbehrlich, wenigstens im Prinzip das 
Verhältnis Schäfers zu den bedeutendsten Männern festzulegen, die vor, mit und 
nach ihm auf anderem Wege das teure Kleinod wiederzuerlangen gesucht haben. 

Drei verschiedene Richtungen lassen sich hier scharf voneinander unter- 
scheiden: 

Die erste erwartet sich das I Icil nur von der Wiederaufnahme der Antiken 
und der von ihr unmittelbar abhängigen Kulturen. Die zweite sucht es durch 
das Studium der heimischen Ueberlieferungen zu erreichen. Die dritte glaubt nur 
an eine Erneuerung durch sich selbst ohne Anschluß an irgend etwas Dagewesenes. 



VIII 

Jede dieser drei Gefühlswelten hat selbstverständlich ihren Ursprung in 
geistigen Strömungen, jede hat ihre Männer des Gedankens und ihre Männer 
der Tat. 

Die erstgenannte Richtung hat uns in der Dichtkunst unsterbliche Meister- 
werke beschert. Was ihren Einflufl auf die Architektur angeht, so lassen sich in 
ihr zwei Phasen unterscheiden: 

Die eine hat ihren Hauptvertreter in Friedrich Weinbrenner in Karlsruhe 
(1766 bis 1826) und kennzeichnet sich dadurch, daß sie eben zunächst noch 
nicht in eine sklavische Nachahmerei des griechischen Tempelschemas verfallt. 
Die Architekten haben noch zu viel Tradition aus früherer Zeit geerbt und ver- 
stehen noch mit einer gewissen Frische und Ursprünglichkeit die antiken Formen 
den aus dem Bedürfnis heraus entwickelten neuen Baugedanken unterzuordnen. 
Auch war man noch nicht so in dem Dogma der alleinseligmachenden Schönheit 
des griechischen Tempels befangen, daß man nicht auch Anlehnung an römische 
Beispiele gestattet hätte, die denn auch eine viel größere Freiheit und richtigere 
Anpassung an die Natur der Bauaufgaben zuließen. 

Erst die zweite Griechenperiode unter Führung Karl Friedrich Schinkels 
(1781 bis 1841) brachte das spezifisch Krankhafte der Bewegung voll zum Aus- 
bruch. Das griechische Tempelschema wurde immer mehr als das absolut 
Schöne angesehen und auch überall da anzuwenden versucht, wo die Bauaufgabe 
eine durchaus andere Lösung verlangt hätte. Besonders brachte das Bestreben, 
wie beim griechischen Tempel die Anlage von Fenstern zu vermeiden, eine Reihe 
von Ersatzversuchen durch Oberlichter und dergleichen mit sich, die einer 
unbefangenen Kritik gegenüber nicht standhalten können. Nichtsdestoweniger 
muß es uns heute fern liegen, etwa geringschätzig auf jene Zeit zurückzublicken, 
die, wenn sie auch unzweifelhaft auf falschem Wege war, doch in ihrem Sinne 
bedeutendes geleistet hat. Im Anschluß an die geschilderte Kunstweise und 
neben ihr herlaufend kommt das Studium der italienischen Renaissancevorbilder 
unter Führung Sempers (1803 bis 1879) auf, im Grunde eine Parallelerscheinung 
zu der im 16. Jahrhundert in Deutschland beginnenden sogenannten deutschen 
Renaissanceperiode. Aber wie so grundverschieden stellen sich die beiden in 
ihren Resultaten dar: Bei letzterer handelt es sich nur um eine Regeneration der 
Ausdrucksformen. Die ganzen Bauüberlieferungen, die sich von alters her durch 
das Material, das Klima usw. herausgebildet hatten, vor allem das steile deutsche 
Dach und die ganzen Handwerksübungen wurden nach wie vor beibehalten. 
Nicht so bei der im 19. Jahrhundert ins Leben gerufenen Parallelbewegung 
Hier suchte man , ähnlich wie in der zweiten Periode des Hellenismus , die 
italienischen Vorbilder so genau wie möglich nachzuahmen ohne Rücksicht 
auf die bei uns gänzlich andersgearteten Voraussetzungen in bezug auf das 
praktische Bedürfnis, das Material, die Konstruktion und den mehr, als man 
vielleicht auch heute noch zugeben möchte, in uns festgewurzelten Schönheits- 
begriff deutscher Bauauffassung. 

Wenn diese Periode auch starke Talente und in ihrer Art hervorragende 
Leistungen zu verzeichnen hat, so kann ihr doch der Vorwurf der größten Ein- 
seitigkeit nicht erspart bleiben. Ungeheure Gebiete, besonders die kleinbürger- 
liche und ländliche Baukunst, wurden von ihr vollkommen vernachlässigt. Im 
Einklang mit der hellenistischen Richtung wurde das handwerkliche Können, als 
der künstlerischen Wirkung mehr oder weniger hinderlich, zu verbergen ge- 



IX 

sucht. Man übcr[)utztc beispielsweise die künstlerisch und technisch so hoch- 
stehenden Holzhäuser, um ihnen so die Wirkung von Steinbauten zu geben, 
weil man diese bei aller trostlosen Nüchternheit für „ästhetischer" hielt. Kurz 
diese Geistesrichtung mußte der gänzlichen Entfremdung deutscher Eigenart und 
der daraus hervorgegangenen Schönheitsbegrifife, vor allem aber dem gänzlichen 
Verfall des noch übrig gebliebenen Restes deutscher Handwerkstradition direkt 
in die Hände arbeiten. 

Allein, wie bei allen bis zum äußersten gesteigerten Krankheitszuständen, so 
blieb auch hier die Reaktion nicht aus, und zwar zeigte sich dieselbe wieder 
zunächst auf geistigem Gebiete. Es entstand das Zeitalter der Romantik aus der 
Sehnsucht heraus, den verlorenen Anschluß an deutsches Wesen wiederzugewinnen. 
Man begann sich in die ältere deutsche Poesie zu versenken und das Wieder- 
erwachen deutschen Stammesbewußtseins auch auf politischem Gebiete vor- ' 
zubereiten. 

In der Baukunst zeigte sich bald die Wirkung dieser neuen Geisteselemente. 
Hatte doch schon Schinkel Versuche, mittelalterlich zu bauen, angestellt, wenn 
dieselben auch, infolge der von Grund aus mißverstandenen Auffassung selbst in 
den elementarsten Voraussetzungen alles Bauens, naturgemäß äußerst dilettantisch 
ausgefallen sind. 

In diese Zeit des Suchens und Tastens trat gegen 1850 Georg Gottlob 
Ungewitter (1820 bis 1864) als erster, der dem Wesen aller gesunden Baukunst 
überhaupt und der mittelalterlichen im besonderen wieder nachzuspüren suchte. 
Die grundlegende Verschiedenheit zwischen der damaligen Auffassung und 
der seinigen hat er im Vorwort zu seinem Hauptwerke: ,, Lehrbuch der gotischen 
Konstruktionen" festgelegt: 

„Die in den ersten Dezennien unseres Jahrhunderts in Deutschland 
allgemein gültigen und selbst jetzt noch in vielfacher Hinsicht äußerst 
wertvollen Lehrbücher über Landbaukunst von Gilly, Wolfram usw. be- 
zeichnen als die drei Haupterfordernisse eines jeden Bauwerkes: die 
Zweckmäßigkeit, die Dauerhaftigkeit und die Schönheit. Letzterer jedoch 
wird von vornhein eine sekundäre Stellung angewiesen und dieselbe nur 
insoweit zulässig erklärt, als sie den ersten beiden Eigenschaften nicht 
widerstrebe. 

Diese, übrigens vernünftige Auffassung ist nur insoweit irrig, als sie 
die Möglichkeit eines Konfliktes zwischen der Schönheit und ihren bevor- 
zugten Schwestern zuläßt, und selbst dieser Irrtum ist begründet durch 
die damals allgemein herrschenden Begriffe von architektonischer Schön- 
heit. Sie wurde daher allgemein adoptiert, insbesondere zum Glaubens- 
artikel der Staatsbaubeamten gemacht, und war insofern von äußerst 
nachteiligen Folgen, als die große Mehrzahl dieser letzteren, weit entfernt, 
im vorkommenden Falle den Ursachen jenes Konfliktes nachzuforschen 
und dieselben, soweit möglich, aus dem Wege zu räumen, im Gegenteil 
sich dabei beruhigte und, die in jener Auffassung enthaltene Lizenz weiter 
ausdehnend, selbst die Häßlichkeit als zulässig erachtete. Man sprach 
das zwar nicht direkt aus, aber man gelangte doch auf diesem Wege zu 
dem Begriff, und zwar zu dem ausgesprochenen der ,, schönen Architektur", 
zu der die gewöhnliche Baupraxis sich gegensätzlich verhielt. Der 
ersteren gehörten denn beinahe ausschließlich die in großen Städten auf- 



X 

zuführenden Prachtbauten, die Paläste, Theater, Museen, der letzteren 
aber die weitaus überwiegende Mehrzahl der Nutzbauten, der landwirt- 
schaftlichen und Kommunalbauten, ja selbst die kleineren Kirchen an. 
Daß eine derartige Auffassung, wonach ganze Kategorien von Werken 
aller Schönheit bar und ledig zu bleiben hatten, wonach der überwiegenden 
Mehrzahl der Menschen nur unschöne Bauwerke, und bei dem alle 
Handwerke beherrschenden Einfluß der Architektur nur unschöne Gegen- 
stände zu Gesicht kommen konnten, die endgültige nicht sein durfte, 
sieht sich leicht ein." 
In Ungewitter tritt uns also zum ersten Male wieder ein Mann vor Augen, 
der die Schönheit nicht als ein Vorrecht der offiziellen Kunst gelten lassen, 
sondern dieselbe, wie es zu allen Zeiten wirklicher Kunstblüte war, auf sämtliche 
Aeußerungen menschlichen Strebens ausgedehnt wissen will. Zweckbestimmung, 
Material und Konstruktion eines jeden Bauwerkes oder Gegenstandes sind für ihn 
nicht mehr Hindernisse, sondern die Grundlagen zur Schönheit desselben, letztere 
wächst organisch aus diesen Elementen heraus. 

Auf Grund der obenerwähnten, für jene Zeit durchaus neuen Anschauung 
beginnt nun auch wirklich zum ersten Male das nach fachmännischen Gesichts- 
punkten betriebene Studium alter germanischer Kunst, und zwar auf der Grundlage 
des mittelalterlichen Kirchenbaues als der klassischen Verkörperung einer Kultur, die 
sich durch eine etwa 2 50 jährige Schulung an römischer Ueberlieferung allmählich, 
Schritt für Schritt, auf allen Gebieten kulturellen Strebens auf sich selbst zu be- 
sinnen und von allem mehr oder weniger äußerlich Uebernommenen freizumachen 
gewußt hat. Es ist unter anderem die einzige Kunst, die eine Wiedergeburt der 
Ornamentik durch das Naturstudium hervorgebracht hat. Kein Wunder, daß 
diese in der Geschichte einzig dastehende, von Jugendkraft und F"rische strotzende 
Zeit ihre Anziehungskraft auf Ungewitter nicht verfehlt hat. Obgleich ganz im 
Ideenkreise seiner Umgebung aufgewachsen, fühlte er sich doch schon früh von 
jener Wunderwelt angezogen und trotz seines frühen Todes hat er uns eine Reihe 
grundlegender Forschungsergebnisse in seinen Werken hinterlassen. 

Eine Parallelerscheinung zu Ungewitter und als solche zum Vergleich mit 
ihm herausfordernd war in Frankreich Viollet-le-Duc (1814 bis 1879), doch läßt 
sich nicht leugnen, daß Ungewitter einen weit nachhaltigeren Einfluß auf die Ent- 
wicklung der deutschen Baukunst ausgeübt hat, als sein Fachgenosse auf die 
französische. Denn, während in der heutigen französischen Architektur von der 
Wirksamkeit Viollets kaum noch etwas zu spüren ist, hat Ungewitter durch seine 
Schule in Kassel seinen Geist bis auf unsere Tage weitergepflanzt, und zwar in 
erster Linie durch Vermittlung seines großen Schülers Carl Schäfer. 

Geboren am 18. Januar 1844 '" Kassel, zeigte Schäfer schon in jungen 
Jahren ausgesprochene Anlagen zu zeichnerischen Darstellungen, ohne daß er 
jedoch dadurch von vornherein auf die Architektenlaufbahn hingewiesen worden 
wäre. Vielmehr widmete er sich zunächst dem Ingenieurfach. Bereits mit 
141/2 Jahren bezog er die Kasseler höhere Gewerbeschule. Da er sich viel mit 
Feldmessen beschäftigte, kam ihm eines Tages der Gedanke, mit seinen Meß- 
instrumenten auch architektonische Aufnahmen zu machen, und zwar bot sich 
ihm diese Gelegenheit am Kloster Nordshausen bei Kassel. Diese Uebungen 
brachten ihn darauf, sich kunsthistorische Schriften anzusehen, um seiner Un- 
kenntnis der Architekturformen aufzuhelfen. Die so zustande gekommene Auf- 



XI 

nähme zcif,'te er Ungewitter, der seit 1851 an der genannten Anstalt Baukunst 
lehrte. Dieser forderte ihn auf, in seinen Lehrkursus einzutreten und mit der 
Befolgung dieses Rates, 1860, also in seinem 16. Lebensjahre, hatte Schäfer seinen 
wirklichen Beruf gefunden. Die erwähnte Aufnahme vollendete Schäfer zeichnerisch 
und arbeitete auch einen Text dazu aus, und zwar bis zum März 1862, also mit 
18. Jahren. Sie bildet den Anfang der vorliegenden Veröffentlichung und war 
bisher noch nicht gedruckt worden. 

Schon in diesem ersten Versuch offenbart sich die außerordentliche Klarheit 
im Denken, die Fähigkeit, sich die Absichten der einzelnen Persönlichkeiten, die 
an dem untersuchten Werke gearbeitet haben, vor Augen zu stellen und dieselben 
scharf voneinander zu trennen. Es ist dabei ziemlich unwesentlich, ob die ge- 
wonnenen Ergebnisse in allem richtig sind; die außerordentliche Veranlagung, 
die sich in dieser Jugendarbeit ausspricht, wird dadurch nicht in Zweifel ge- 
zogen. 

Hatte Schäfer schon in der genannten Arbeit seine Bestimmung als Forscher 
entdeckt, so sollten ihm auch bald seine beiden anderen Hauptfähigkeiten zum 
Bewußtsein kommen , nämlich die des Lehrens und die des künstlerischen Ge- 
staltens, jene über die Maßen selten in einer Person vereinigten Eigenschaften, 
die seine ganze Lebensarbeit charakterisieren und deren Zusammenwirken und 
Ineinandergreifen man sich klar machen muß, um das Lebenswerk dieses genialen 
Mannes zu verstehen. Schäfer gehörte zu den Ausnahmeerscheinungen, denen 
das glückliche Naturell zuteil geworden ist, welches nach Goethe dazu gehört, 
die tiefe Kluft, die Wissenschaft von Kunst trennt, zu überspringen. 

Schon von seinem 18. bis zum 20. Jahre sehen wir ihn an der Baugewerk- 
schule in Holzminden Winters über in Baukonstruktionen, Mathematik und 
Formenlehre meist vor älteren Schülern unterrichten. Von 1864 bis 1868 war 
er teils als Mitarbeiter, teils als selbständiger Architekt in Paderborn, auf der 
Hinnenburg und in München tätig. In diese Zeit, also in sein 19. bis 24. Lebensjahr, 
fallen auch schon Untersuchungen kunstgewerblicher Art, wie über kirchliche 
Gefäße, Glasmalerei, desgleichen über Wandmalereien im Mittelalter, ein Kapitel, 
in welchem Schäfer seine volle Selbständigkeit und Unabhängigkeit von allen 
vorhandenen Ergebnissen früherer Forschungen aufs unwiderleglichste zeigt. 

Bei allen diesen Untersuchungen stand ihm eben in historisch zweifelhaften, 
mit schriftlichen Dokumenten nicht aufzuklärenden Fragen sein von handwerk- 
licher Sachkenntnis getragenes, künstlerisch-organisches Empfinden, ohne welches 
eine lebendige, für die Weiterentwicklung der Kunst verwertbare Forschung un- 
denkbar ist, als sicherer Führer zu Gebote. Damit ist auch von vornherein der 
Konflikt zwischen Schäfer und der zünftigen Kunstforschung gegeben, die sich 
seinen Feststellungen gegenüber meist ablehnend verhielt, eben weil sich dieselben 
nicht ausschließlich auf philologischen Argumenten, sondern hauptsächlich auf den 
obengenannten Faktoren aufbaute, die den Kunstgelehrten der Schule nicht zur 
Verfügung stehen. Wenn dieser Streit, der das ganze Leben Schäfers hindurch 
verfolgt werden kann, auch bedauerlicherweise nicht selten persönlich ausartete, 
so kann doch kein Zweifel bestehen, daß er, als aus der Sache herausgewachsen, 
unvermeidlich war. 

Im Herbst 1868 nahm Schäfer seine Lehrtätigkeit wieder auf, und zwar in 
Kassel, als Nachfolger Ungewitters an der höheren Gewerbeschule bis zu deren 
Auflösung im Jahre 1870. 



XII 

Dies ereignisschwere Jahr bedeutete auch für Schäfer einen Wendepunkt. 
Brachte es ihm doch seine Berufung nach Marburg als Baumeister des Universitäts- 
gebäudes, an welchem der Sechsundzwanzigjährige seine künstlerische Gestaltungs- 
kraft, geführt durch das vorangegangene Studium historischer Kunst, zur vollen 
Entfaltung brachte. Hier zeigt sich also umgekehrt, dafl der Forscher dem 
Künstler zur Seite steht und ihm in seinem Schaffen eine klare Direktive gibt. 
Sämtliche Errungenschaften der durch Ungewitter neubegründeten Lehre sind 
an diesem klassischen Bauwerke aufs vollendetste verkörpert. Es bildet gewisser- 
maßen die Erfüllung der Ungewitterschen Lebensarbeit. Die Zweckbestimmung 
des Bauwerks und der einzelnen Teile bilden das Programm zum ganzen Bau- 
gedanken. Material und Konstruktion dienen dazu, die Ausführung zu ermöglichen 
und auf diesen praktischen Unterlagen baut sich organisch die ästhetische Wirkung 
auf. Daß sich ein derartig aus durchaus gesunden Vorbedingungen heraus ent- 
standenes Werk seiner Umgebung einfügt, ist, falls letztere auch solchen Vor- 
bedingungen ihr Dasein verdankt, selbstverständlich. Alle jene, uns heute so 
geläufigen Begriffe, die wir unter dem Namen Heimatschutz und dergl. zusammen- 
fassen, das Anpassen eines Bauwerks an das Stadtbild oder die Landschaft, 
auch die Rücksichtnahme auf vorhandene Baumbestände (wenn letztere einer solchen 
wert sindj hat Schäfer an diesem Bauwerke bereits in Anwendung gebracht, 
und so verdient dasselbe als erstes modernes Bauwerk im weitesten Sinne vor- 
bildlich in den Vordergrund zu treten. 

Mit den Arbeiten am Marburger Schlosse beginnt in dieser Zeit auch 
Schäfers Wiederherstellungstätigkeit historischer Bauwerke und damit jener dornen- 
volle Weg durch unaufhörliche Widersprüche und Schwierigkeiten von Seiten 
der offiziellen Kunstwissenschaft. Man konnte und wollte eben um keinen Preis 
die Schäferschen Neuforschungen anerkennen, weil sie auf dem obenerwähnten 
Wege gänzlich unabhängig von allen herrschenden Schulmeinungen angestellt 
worden waren, und letztere dadurch sehr oft als irrig und unhaltbar erwiesen 
wurden. Namentlich erregte die nach den genauesten Aufnahmen historisch 
getreu wiederhergestellte Innenbemalung des eben genannten Schlosses den 
größten Unwillen der ,, Sachverständigen", welche denn auch später eine Ueber- 
malung vornehmen ließen, so daß die Arbeit bis auf weniges nur in einer den 
damaligen Begriffen angepaßten Entstellung auf uns gekommen ist. 

Neben diesen beiden Hauptwerken führte Schäfer noch eine Reihe von Privat- 
bauten in Marburg und Umgebung aus, und zwar besonders unter Anwendung 
der alten Fachwerktechnik, deren Erforschung eines seiner Hauptverdienste 
bedeutet. Die erste Arbeit dieser Art, der Neubau auf Schloß Hinnenburg, fällt 
schon in das Jahr 1867. Das bemerkenswerteste ist das 1877 entstandene Haus 
Grimm in Marburg. Durchaus neu sind die von Schäfer aufgestellten, auf Grund 
der oben geschilderten Methode gewonnenen Forschungsergebnisse, namentlich 
die klare Trennung der einzelnen Holzbautypen nach den Völkerstämmen, denen 
sie angehören. Zum ersten Male hat er sächsische, fränkische, alemannische und 
keltische Holzbauweise in ihren charakteristischen Unterschieden klar erkannt 
und so ein Gebiet baulichen Schaffens für das Studium erschlossen, auf welchem 
die deutsche Vergangenheit Unerreichtes geleistet hat. 

Eine ganze Reihe von Gutachten und Aufsätzen aus dieser Marburger Zeit 
legen ferner Zeugnis ab von dem rastlosen Studium Schäfers auf sämtlichen 
Gebieten der Baukunst und des Kunstgewerbes. 



XIII 

Aber alle diese Arbeiten und Studien sollten letzten Endes doch nur Vor- 
bereitungen sein zu Schäfers Tätigkeit als Hochschullehrer, d'e 1878 mit der 
Habilitierung als I'rivatdozent in Berlin begann. Erst in dieser Stellung zeigte sich 
seine eigentliche Bestimmung. P>st hier bot sich ihm Gelegenheit, die in ihm 
schlummernden Kräfte zur vollen Entfaltung zu bringen. Hier kam in gleicher 
Weise der Forscher, der Lehrer und der Künstler zu Worte, geführt und getragen 
von einem handwerklichen Sachverständnis und von einer konstruktiven Denk- 
klarheit ohnegleichen. Zu alle diesem kam eine äußere Erscheinung von edelster 
Mannhaftigkeit, ein Auge, dessen Ausdruck klaren Geist und Herzensgröße wider- 
spiegelte. Dabei war sein Vortrag von denkbarster Gemeinverständlichkeit und 
frei von jeder Pose, stets nur von dem Bestreben durchdrungen, der großen Sache 
und nicht der Verherrlichung seiner Person zu dienen. Nicht geistreiche philo- 
sophisch-ästhetische Begriffe, sondern positives Wissen und Können unter seine 
Schüler zu pflanzen, war der Leitfaden seines Unterrichts. Nur selten hörte 
man ihn von der allgemeinen Bedeutung und dem ihm vorschwebenden End- 
zweck seiner Lebensarbeit sprechen. Wenn er es aber tat, so geschah es mit 
der ganzen Ueberzeugungskraft und sittlichen Größe einer von ihrer Mission durch- 
drungenen Persönlichkeit. 

So sagt er in einem 1886 im Zentralblatt der Bauverwaltung veröffentlichten 
Aufsatze: 

„Nur durch nachhaltige Vertiefung in die Besonderheiten unserer ge- 
schichtlichen Stile wird die Beherrschung derselben ermöglicht, und nur 
durch Wiederanknüpfen der zerrissenen Fäden der Ueberlieferung die 
Ausgestaltung einer echt modernen lebensfähigen Baukunst." 

Mit welch sachlichem Ernste Schäfer auf die Erreichung seines Lebenszieles 
hinarbeitete, beweisen die auch hier wiederum unzähligen Untersuchungen und 
Abhandlungen über Gegenstände aus allen die Baukunst auch nur entfernt 
berührenden Gebieten, und jeder, der unbefangen an das Studium dieser Arbeiten 
herantritt, muß die Einheitlichkeit des Wollens darin erkennen, selbst wenn er 
den eingeschlagenen Weg nicht für den richtigen hält. 

Es wurde schon auf das tiefe Zerwürfnis zwischen Schäfer und der 
zünftigen Kunstwissenschaft hingewiesen und dessen Ursachen klargelegt. Leider 
sollte sich dasselbe in der Folge noch verschärfen und immer mehr in persönliche 
Gehässigkeit ausarten. Gleich nach seiner Uebersiedelung nach Berlin hatte 
Schäfer seine Aufmerksamkeit dem norddeutschen Backsteinbau zugewandt, 
diesem herrlichen Zweige mittelalterlicher Baukunst. Schon gegen seine erste 
Veröffentlichung aus diesem Gebiete ,, Wanderungen in der Mark Brandenburg" 
(1884), in der er einige Beobachtungen niederlegte, die von den bisher gültigen 
Meinungen abwichen, erhob sich ein heftiger Widerspruch von Seiten des Ver- 
fassers der im Jahre 1860 erschienenen ,, Backsteinbauten des preußischen Staates", 
des Geheimen Oberbaurats und Professors Adler in Berlin. Der strittige Gegen- 
stand war die Klosterkirche in Jerichow, deren Erbauung Schäfer in das 13. Jahr- 
hundert verlegte, während sie Adler in seinem Werke der Mitte des 12 Jahr- 
hunderts zugeschrieben und damit zu der Würde des ersten bedeutenden Back- 
steinbaues auf norddeutschem Boden erhoben hatte. Die von Schäfer auf das 
eingehendste begründeten neuen Beweise konnten denn auch zuletzt von Adler 
nicht mehr widerlegt werden. Dieser Sieg Schäferscher Beweisführung war 
keineswegs geeignet, den alten Streit zwischen ihm und der Kunstwissenschaft zu 



XIV 

beendigen, auch dann nicht, als Schäfer als neues Argument die unmittelbare 
Abhängigkeit des norddeutschen von dem oberitalienischen Backsteinbau unzwei- 
deutig darlegte.*) Im Gegenteil verschärfte sich dieser Streit von Jahr zu Jahr 
und wuchs sich gegen Ende des vorigen Jahrhunderts zu einem offenen Kriege 
aus, als Schäfer, nachdem er im Jahre 1894 als Oberbaurat und Professor nach 
Karlsruhe an die Technische Hochschule berufen worden war, die drei wichtigsten 
Wiederherstellungsarbeiten seines späteren Alters in Angriff nahm, nämlich: der 
Jung St. Peterkirche in Straßburg i. E., des Friedrichsbaues auf dem Heidelberger 
Schlosse und der Domtürme zu Meißen in Sachsen. 

Es dürfte wohl in der Geschichte nicht allzuviele Beispiele geben, in denen 
die Tragik, die in dem Leben eines jeden Bahnbrechers notwendig liegt, deutlicher 
zum Ausdruck kommt. Fern soll es uns liegen, die Einzelheiten des Kampfes 
nochmals durchzugehen oder hier gar entscheiden zu wollen, zu wessen Gunsten 
er geendigt hat. Bleibt doch auch in unserer Zeit nach wie vor jene tiefe Kluft 
zwischen der schulmäßigen Forschung und der auf jener von Schäfer geschaffenen 
Grundlage betriebenen fortbestehen; sind doch bis jetzt, um nur von den meist- 
umstrittenen, in dieses Kapitel gehörigen Dingen zu reden, noch keineswegs die 
bei näherem Zusehen unbedingt unwiderleglichen Neuforschungen Schäfers über die 
Außen- und Innenbemalung historischer Bauwerke, insbesondere die polychrome 
Behandlung von Stein, Holz und Eisen, allgemein anerkannt und in den auf 
Hochschulen und Universitäten maßgebenden kunstgeschichtlichen Werken auf- 
genommen und verarbeitet. Auch heute noch gelten die von Schäfer in der 
Vorrede zu seiner klassischen baugeschichtlichen Untersuchung des Klosters 
Eberbach, am Schlüsse einer Betrachtung über die Schwierigkeiten der Forschung 
an den Klosterbauten ausgesprochenen Worte: 

,,Aber schwierig ist in der Baugeschichte des Mittelalters ja alles, 
das weiß jeder, der sich ernsthaft mit den entsprechenden Studien be- 
schäftigt hat. Derselbe weiß auch, daß die Wissenschaft der Baugeschichte 
des Mittelalters überhaupt eigentlich noch zu begründen, zu fundamentieren 
ist. Möge der Baustein, den ich hier liefere, für würdig befunden werden, 
in dem notwendigen Fundamente auch seine Verwendung zu finden." 
War es trotz der ungeheuren Anstrengungen seiner Widersacher nicht ge- 
lungen, Schäfer an der Ausführung der drei genannten Wiederherstellungen zu 
hindern, so endigte doch der letzte und schwerste Kampf um die Ruine des 
Otto-Heinrichs-Baues in Heidelberg zunächst mit einem Siege der vereinigten 
Gegnerschaft. Allein, wie die neueste Aufrollung der Frage in den Tagesblättern 
beweist, ist dieselbe auch heute noch von einer endgültigen Entscheidung im 
Sinne der Gegner der Wiederherstellung weit entfernt, und wer weiß, ob die An- 
gelegenheit schließlich eine bessere Lösung finden wird, als sie der Ausbau der 
Ruine durch Schäfer bedeutet hätte. 



*) Vergleiche „O. Stiehl, Der Backsteinbau romanischer Zeit", Vorwort: „Die Entstehung der 
nachfolgenden Untersuchung geht zurück auf eine Anregung meines verehrten Lehrers, des Herrn Professor 
Carl Schäfer, jetzt in Karlsruhe. Als ich im Frühjahr 18S9 im Begriff war, zu einer Studienreise nach 
Italien aufzubrechen, machte er mich darauf aufmerksam, daß durch Vergleichung der oberitalischen mit 
der norddeutschen Backsteinkunst wichtige Folgerungen zu ziehen seien , aus denen sich nach seinen 
allgemeinen, auf flüchtigem Besuche gemachten Beobachtungen, insbesondere durch die l eberein- 
stimmung der Technik der Zusammenhang beider Gebiete leicht nachweisen lassen würde. Ihm sei 
hiermit der verbindlichste Dank abgestattet für diesen wettvollen Hinweis auf ein lohnendes Arbeits- 
gebiet !" 



XV 

ICincs ist jedenfalls tius dem nicht immer mit Geschmack geführten Streite 
mit Genugtuung hervorzuheben, nünilich die Tatsache, daß Schäfer sich den 
unzähligen und unaufhörlichen Anfeindungen gegenüber mit der Würde eines von 
seinem Werte überzeugten Mannes verhielt und denselben nur äußerst selten 
öffentlich entgegengetreten ist. Ein unvergängliches Denkmal persönlicher 
Bescheidenheit hat sich Schäfer aber vor allem gegenüber einer Darstellung 
in dem in Wetzlar gefundenen Skizzenbuche eines Architekten aus dem Anfang 
des 17. Jahrhunderts selbst gesetzt. Nachdem Schäfer seinen Entwurf für die 
Wiederherstellung des Otto-Heinrichs-Baues vollständig ausgearbeitet hatte, kam 
ihm auf einmal der erwähnte Fund vor Augen, die Giebel auf dem Otto-Heinrichs- 
Bau darstellend, wie sie in jener Zeit ausgesehen haben, und, von der Echt- 
heit des Dokumentes überzeugt, zögerte er nicht, seinen Entwurf unter Zugrunde- 
legung der alten Zeichnung umzuarbeiten. Dieses großartige Beispiel von Zurück- 
setzung der eigenen Person hinter die Sache kann nicht eindringlich genug betont 
werden, namentlich in einer Zeit, wo der Ichgeist und die Selbstvcrgötterung so 
zu den innersten Kulturgeschwüren gehören wie heute. Damit wären wir bei der 
zweiten großen Gegenströmung angelangt, die fast durchweg in Verbindung mit 
der ersteren dem Durchdringen Schäferscher Anschauungen entgegenarbeitete, 
nämlich der im Anfang angeführten dritten Weltanschauung, die nur an eine 
Neubelebung unserer Kultur durch sich selbst ohne Anschluß an irgend etwas 
Dagewesenes glaubt. 

Diese Philosophie hat ihren Ursprung im letzten Viertel des vorigen Jahr- 
hunderts genommen und wurde verkörpert durch die Lehren Friedrich Nietzsches 
(1844 bis 1900). In ihm hat hauptsächlich der unsere Zeit in ihrem Innersten 
zersetzende sogenannte Individualismus seinen geistigen Vater, wenn auch zweifellos 
die Auswüchse seiner Philosophie gegen seinen Willen sich breit gemacht haben. 
Mit der Schaffung des Begriffs vom ,,Uebermenschen" wird dem ganzen Heer 
der Mittelmäßigen als etwas Lästigem, Unnötigem, als den ,,Vielzuvielen" die Daseins- 
berechtigung abgesprochen oder dieselben höchstens in einer der Persönlichkeit, 
dem ,,Uebermenschen" sklavisch dienenden Stellung geduldet. Es ist undenkbar, 
daß Nietzsche, der als Dichter und Stilist von außerordentlicher Bedeutung ist, 
sich über die verhängnisvollen Auswüchse, die seine Lehre notwendig zeitigen 
mußte, im klaren sein konnte. Die große Tragik seiner Weltanschauung liegt 
darin, daß sich natürlich niemand zu den ,,Vielzuvielen" rechnen will; alle möchten 
,,Uebermenschen" sein, und so ist ein unentwirrbares Chaos von ,, Persönlich- 
keiten", von Meinungen und Lebensbegriffen, eine Geistesanarchie der unmittelbare 
Erfolg dieser neuen Ideen. Auf keinem Gebiete war die Wirkung eine tragi- 
schere als in der Kunst. 

Während ein starker Geist in früheren Zeiten stets aus seiner Umgebung 
herauswuchs und sich zunächst mit ihren Bestrebungen durchaus identifizierte, 
nichts Eifrigeres zu tun hatte, als alles, was die Zeit ihm an Erlernbarem bot, 
sich anzueignen und dann, wenn er die Kraft in sich trug, mit organischer Not- 
wendigkeit die keimenden Werte zur vollen Entfaltung brachte oder den Samen 
zu neuen Werten legte, will heute jeder von vornherein zu einer Persönlichkeit 
geboren sein, die sich an nichts Dagewesenem zu bilden braucht, weil sie alles 
von selbst zu besitzen glaubt und sich gar nicht darum künmiert, was die 
,,Vielzuvielen" machen, oder was die eigenen Leistungen zum Fortschreiten der 
Gesamtheit beitragen. Menschen , die wie die große Masse in früheren P'pochen 



XVI 

ihre Persönlichkeit darin sahen, Ererbtes 7.11 erwerben, um es zu besitzen, und in 
dieser Rolle mit vollem Rechte auch einen Platz an der Sonne beanspruchten, 
giebt es in der ,, individualistischen" Weltanschauung nicht. 

Während es in früheren Zeiten überall „Schulen" gab, so etwa in der 
Malerei eine schwäbische, fränkische, niederdeutsche, venezianische, römische usw., 
während sämtliche aus solchen Schulen hervorgegangenen Künstler, auch die 
allergrößten, in ihren Leistungen teils im Anfang, teils ihr ganzes Leben hindurch 
das Gepräge ihrer Schule trugen, soll heute diese ganz unabsehbare erzieherische 
Wirksamkeit vollständig unnötig geworden sein; vor allen Dingen glaubt man 
es aber unter keinen Umständen notwendig zu haben, sich etwa an den Kunstwerken 
aus früherer Zeit zu bilden, denn es soll ja alles in der „Persönlichkeit" liegen. 

Man fragt sich: Giebt es denn keine Epoche in der Geschichte, die mit der 
unserigen irgendwie in Parallele zu bringen wärer Es müßte doch außerordentlich 
lehrreich sein nachzuspüren, wie eine solche das ersehnte Ziel zu erreichen gesucht 
hat. Hier drängt sich notwendig die italienische Renaissance zum Vergleich auf. 
Auch bei dieser handelte es sich darum, neue Ausdrucksformen für neue Geistes- 
strömungen und Lebensbedingungen zu finden. Wie hat man aber diesem Be- 
dürfnis abzuhelfen versucht? Nur durch die Schulung an den überlieferten römischen 
Vorbildern. Diese mit aller Gründlichkeit zu studieren, um in ihr Fahrwasser 
hineinzukommen, war die nächste Sorge der damaligen Kunstler, und mit welch 
imponierender Einheitlichkeit sie unter Führung starker Persönlichkeiten an die 
Aufgabe herangingen, ist uns in unzähligen Denkmälern und Dokumenten jeglicher 
Art überkommen. Dabei handelte es sich in damaliger Zeit keineswegs um eine 
so völlige Wiedergeburt, wie wir sie heute nötig haben. Z. B. waren die hand- 
werklichen Ueberlieferungen und alle möglichen Uebungen und Fertigkeiten 
durchaus gefestigt als ein selbstverständliches Vermächtnis für jeden Kunstjünger. 

Wenn wir dieses großartige Vorbild uns vor Augen führen, wenn wir 
bedenken, daß die Schriftsteller jener Zeit auch nicht von einem namhaften 
Künstler berichten, der sich nicht unbedingt in dies Fahrwasser hätte mitreißen 
lassen, so sollten wir doch in bezug auf die Bedurfnisse unserer Zeit ganz andere 
Schlüsse ziehen müssen. 

Wie so vollkommen deckt sich nun das Streben Schäfers mit demjenigen 
der geschilderten Epoche. Wie durchaus im Einklang mit den Ewigkeits- 
wahrheiten, die uns durch das Studium sämtlicher verflossenen Kulturen vor 
Augen treten, ist das obenerwähnte Programm Schäfers. Ganz selbstverständlich 
hat Schäfer das Eindringen in den Geist alter Beispiele nicht als Selbstzweck, 
sondern nur als notwendige Vorarbeit zur Schaffung einer Unterlage von ge- 
sundem Können und Wissen und klarer künstlerischer Direktive angesehen, 

„bis einmal ein Urgenie, ein Michelangelo, auf der historischen Basis in 
Gottes Namen an der Erfindung des neuen Stiles das seinige tun mag."*) 

Auch in einem anderen, nicht minder charakteristischen Ausspruch belehrt 
er uns über das ihm vorschwebende Ziel: 

,,Wenn es nun dahin kommen sollte, daß die Baukünstler wieder 
allgemein historisch bauten, dann würde mir die Frage ganz gleichgültig 
erscheinen, ob und wie lange es bei dieser Art bleiben, oder ob sich 



*) Vergl. S. 403. 



XVI£ 

der neue Stil daraus entwickeln wurde. Das kann man meiner Ansicht 
nach ruhig in Gottes lland gestellt bleiben lassen."-) 

Schäfer ist tot. Hat er sein Ziel erreicht, ist er heute schon so durch- 
gedrungen, sind seine Lehren schon so zum Allgemeingut geworden, daß man 
seine Lebensarbeit als beendet betrachten darf? Die Antwort hierauf lautet: Nein, 
beendet nicht. Zwar ist eine große und nicht zu unterschätzende Gefolgschaft 
vorhanden und treu an der Arbeit. Zwar ist auf allen Gebieten baukünstlerischen 
Schaffens der Einfluß Schäferscher Lehre nicht zu verkennen. ,,Ihr verdanken 
wir es, daß heute ein kunslcrischcr und, Gott sei Dank, echt deutscher Zug durch 
die ganze jüngere Generation der deutschen Architekten geht, der bei jeder 
Konkurrenz, bei jeder Eisenbahnfahrt durchs Land deutlich zu sehen ist."**) Eine 
Reihe von Lehrstühlen an unseren Hochschulen ist von Schülern Schäfers besetzt, 
die die Lehren des Meisters fortpflanzen. Das erste Ziel, das er sich gesetzt 
hatte, die Erlösung aus den Banden des hellenistischen Formalismus, ist voll- 
ständig erreicht. Und in wie weiten Kreisen seine Anschauungen und Lehren i 
doch schon Wurzel gefaßt haben, das zeigt beispielsweise die Riesenbautätigkeit 
der preußischen Staatsbauverwaltung, deren samtliche Ressorts sich heute mit 
Bewußtsein auf den Standpunkt der historischen Kunst stellen. 

Aber das schließliche Endziel ist noch weit entfernt, noch ist Schäfers Lehre 
nicht zur Alleinherrschaft gelangt. Und wie wäre dies auch anders möglich? Solch 
schwere und ernste Lehren brechen sich nur langsam Bahn , und es braucht 
Generationen, um sie zum Gemeinbesitz einer Kulturwelt zu machen. Wie wäre es 
möglich, da diese Lehre noch vielfach mit einer Geistesrichtung zu rechnen hat, 
die den von Schäfer vertretenen Ewigkeitsgrundlagen aller wirklichen Kultur 
tödliche Feindschaft entgegensetzt. So lange die ,, individualistische" Weltanschauung 
fortbesteht, kann unmöglich eine echte Kunst aufkommen, die sich irgendwie 
neben einer der Vergangenheit angehörigen sehen lassen könnte. Immer wieder 
werden uns die Denkmäler der Vergangenheit zurufen: Die uns geschaffen haben, 
machten ihre Sache besser wie ihr, lernt an uns, was sie gekonnt haben. 

Glauben wir etwa, uns der Wirkung dieser Zeugen echten Kunstschaffens 
auf die Dauer ganz entziehen zu können ? Glauben etwa die patentierten 
„Modernen", es getan zu haben? Man untersuche nur die ,, modernen" Erzeug- 
nisse auf das wirklich Gute und Bleibende hin, was sich zweifellos bei ihnen 
findet. Man sondere dieses Gute von dem Modischen, mit aller Gewalt ,, modern" 
und ,, individuell" sein wollenden, und man wird finden, daß die wirklich 
bleibenden Werte durchaus nichts spezifisch Neues vorstellen, sondern auf den 
oberflächlichen Beschauer nur deshalb ,, modern" wirken, weil sie eben mit 
diesem Modischen, krankhaft Individuellen bekleistert sind. Viel mehr als 
sie selbst zugeben möchten und jedenfalls überhaupt wissen, haben die „Modernen" 
der Wirksamkeit Schäfers zu verdanken, viel mehr als sie glauben, zehren sie 
immer wieder von alter Ueberlieferung, nur daß sie, statt sich an die nächst- 
liegende, die deutsche zu halten, ihre Vorbilder in maurischer, japanischer usw. Kunst 
suchen oder in Beispielen aus prinütiven Entwicklungsstufen. Wenn man sieht, 
wie es mit aller Gewalt vermieden wird, irgendeine uns geläufige historische Form 
anzuwenden, wenn z. B. an Stelle von Kapitellen unmögliche, krankhaft naive 



*) Vergl. S. 401. 

**) Ans eim-iii lirief Gr>liricl von Seidls an Scliäfer vom 13. Juli 1903. 



xvm 

Bildungen treten, damit der Architekt nur ja dem Vorwurf ausweichen kann, 
Kapitelle gemacht zu haben, so fragt man sich doch: wo soll das hinführen? 

Allein zweifellos macht sich in letzter Zeit auch auf selten der ,, In- 
dividualisten" das Bedürfnis bemerkbar, den Anschluß an alte Baukunst zu 
suchen. Es ist ja auch selbstverständlich, daß die Reaktion auf die krankhafte 
Neuerungssucht nicht ausbleiben konnte. Heute noch gelten dieselben großen 
ehernen Gesetze, wüe zu allen Zeiten. Kein Mensch kann sich auf die Dauer 
der Wirkung eines klassischen Beispiels entziehen, und niemals wird unser Sehnen 
nach einer modernen Kunst gestillt, wenn wir nicht, wie zur Zeit der italienischen 
Renaissance, geschlossen und einheitlich, unter Führung wirklicher Ueber- 
menschen nach einem und demselben Ziel auf einem und demselben Wege 
streben. Gewiß wollen wir nicht das zeitlich Modische, sondern nur das für die 
Ewigkeit geltende unserer alten Ueberlieferung uns aneignen: aber wie können 
wir das tun, wenn wir nicht ehrlich bestrebt sind, zunächst zu den Voraus- 
setzungen einer wahren Kultur zurückzukehren. 

Wenn die Reaktion auf die krankhafte Neuerungssucht unserer Tage ein- 
getreten sein wird — und sie ist unausbleiblich — , wenn sich die Ueberzeugung 
überall wird Bahn gebrochen haben, daß ,,nur durch Wiederanknüpfen der zer- 
rissenen Fäden der Ueberlieferung die Ausgestaltung einer echt modernen lebens- 
fähigen Baukunst ermöglicht wird", dann erst wird das Schäfersche Lebenswerk 
seine volle Bedeutung erlangen, dann erst wird die Zeit bereit sein für ein 
„Urgenie, einen Michelangelo, der dann auf der historischen Basis in Gottes 
Namen an dieser Erfindung des neuen Stiles das Seine tun mag". 

Wir aber, die auf diesem Boden stehenden, unmittelbaren Schüler Schäfers 
haben die Pflicht, da, wo uns Gelegenheit geboten wird, die Schäferschen Lehren 
zu betätigen und vor allem dazu beizutragen, daß die Errungenschaften des 
Meisters Allgemeingut werden und in der Nachwelt fortleben, um so den Boden 
zu bereiten für das Wiedererwachsen eines lebensfähigen, alle Kulturgebiete 
gleichmäßig durchdringenden Stiles, des ,, neuen Stiles". Dann wird der tote 
Meister sein edles Ziel doch noch erreicht haben, wenn es ihm auch nicht mehr 
vergönnt war, die Früchte seiner Arbeit in vollem Umfange selbst vor Augen 
zu sehen. 

A. Steinmetz. 




Abb. I. Ansicht von Südost. 



Geschichte und Beschreihung des Klosters Nordshausen. 



(Mit 4 Textabbildungen und i Tafel.) 



In fast anderthalbstündiger Entfernung von Kassel liegt am Fuße des Bauns- 
berges, dessen Basaltkegel den südlichen Abschluß des Habichts waldes bilden, 
an der nach dem Waldeckischen fuhrenden Korbacher Straße das Kirchdorf 
Nordshausen, früher weit berufen durch seine wunderkräftige Heikiuelle. 

Die Geschichte des Dorfes reicht bis zum Anfange des 13. Jahrhunderts 
hinauf, wo an diesem Orte das der heiligen Jungfrau geweihte Nonnenkloster 
Nordshausen gestiftet wurde. — Die Gebäude des Klosters lagen auf engem 
Raum am südöstlichen Ende des Dorfes und sind der größten Zahl nach bis auf 
geringe Spuren verschwunden. Unter den erhaltenen Resten hat außer den 
Ueberbleibseln des Kreuzgangs nur die Klosterkirche kunstgeschichtliches Interesse, 
und ihr vorzüglich werden wir deshalb im folgenden unsere Aufmerksamkeit zu 
schenken haben. Sie bildet mit dem davor gelegenen Friedhofe den südlichsten 
Teil der ehemaligen Anlagen und ist der größeren Hälfte nach älter als die 
übrigen Reste. Mit diesen gehört sie dem gotischen Stil an, bis auf den Turm, 
welcher noch aus der Periode des Uebergangsstils herrührt. Die Kirche ist ein- 
schiffig, von gleicher Breite mit dem Turm und im Osten rechtwinklig geschlossen, 
augenscheinlich ist ihr westlicher Teil älter als der östliche. Der Turm hat 
oblonge Grundform und wird von einem das Dach des Schiftes nicht überragenden 
Satteldach bedeckt. 

Der Kreuzgang lehnte sich nördlich an die auf gewöhnliche Weise 
orientierte Kirche an, teils über ihm, teils um ihn herum lagen Wohn- und 
Wirtschaftsgebäude des Klosters, weiter westlich die zugehörigen Gartenanlagen. 



*) Verfaßt im Jahre 1862 als erste archäologische Arbeit. Die kleine Monographie sollte später 
in den von Dehn-Rotfelscr herausgegebenen „Mittelalterlichen Baudenkmälern in Kurhessen" abgedruckt 
werden, doch stellten diese nach der iweiten Lieferung das Erscheinen ein. Vergl. „Dehn-Rotfelser 
und Lotz, Die Baudenkmäler im Regierungsbciirk Kassel." Kassel 1870. S. 202. Die dort gegebene 
Baubeschreibung beruht auf der vorliegenden Arbeit. 

Schäfer, Gesammelle Aufsätze. 1 



Geschichtlicher Ueberblick. 

Die erste Erwähnung findet das Kloster in einer vom Jahre 1200 datierten 
Schenkungsurkunde des Grafen Albert von Waidenstein, auch von Schauenburg 
genannt,') welche dartut, daß zu dieser Zeit die Stiftung schon bestand, und 
die Bewohnerinnen dem Zisterzienserorden angehörten. Sieben Jahre später über- 
gibt derselbe Herr dem Konvent die Kirche zu Oberzwehren mit der zugehörigen 
Kapelle zu Nordshausen, und das betreffende Schriftstück gibt die früheste auf uns 
gekommene Nachricht von Bauten am letzteren Orte. Wie sich aber keine Spur 
mehr von der erwähnten Kirche findet, so ist auch von den in Nordshausen 
erhaltenen Resten nichts dieser Frühzeit zuzuschreiben. Ueberhaupt ist die 
älteste Geschichte des Klosters dunkel, da nur wenige bezügliche Urkunden 
erhalten sind und auch diese fast sämtlich nur Gütererwerbungen betreffen. Doch 
ist es wahrscheinlich, dafl in der Zeit kurz vor der Mitte des 13. Jahrhunderts die 
Stiftung ihrer inneren und äußeren Einrichtung nach einer Reorganisation unter- 
worfen wurde, und aus einer Urkunde vom Jahre 1247 ergibt sich, daß um diese 
Zeit erhebliche Bauten an dem Kloster vorgenommen worden sind. Den noch 
erhaltenen Turm der Kirche erkennt man seiner stilistischen Beschaffenheit nach 
mit Bestimmtheit als einen Bau dieser Periode, und ohne Zweifel wurde derselbe 
damals dem älteren, nun verschwundenen Kirchenschiff angefügt. 

Weiter wird aus dem Jahre 1262 von einem Neubau berichtet.-) Wir 
werden nicht irregehen, wenn wir in ihm die westliche Hälfte des gegenwärtigen 
Schiffes erkennen, die sich noch jetzt durch verschiedenartige Gliederung und 
einen deutlichen Absatz im Mauerwerk von der später angefügten östlichen 
abgrenzt und, wie wir in der Baubeschreibung näher zeigen werden, ursprünglich 
das ganze Schiff bildete. 

Erst im Jahre 1290 erhielt das Kloster die päpstliche Bestätigung, obgleich 
ihm schon 1263 während eines Interdikts ein exzeptioneller Gottesdienst gestattet 
ward. Die Besitzverhältnisse anlangend muß bemerkt werden, daß, wenn schon 
das Kloster nie reich wurde, die Verwaltung seiner Einkünfte doch stets eine 
sehr kluge war. Grundstücke, Renten und Gefälle besaß es an 27 Orten, außer- 
dem standen ihm Patronatsrechte in BetrefT der erwähnten Oberzwehrner Kirche 
zu, deren Besorgung im Gottesdienst schon die Schenkungsurkunde des Grafen 
Waidenstein dem Konvent zur Pflicht machte. 

Die Zahl der Nonnen war auf 23 festgesetzt, und so viel waren auch bei 
der Säkularisation noch in Nordshausen. Von Schirmvögten des Klosters wird 
uns in der letzten Zeit seines Bestehens Herrman von Grifte genannt, doch hat 
das Amt wahrscheinlich schon früher bei derselben Familie gestanden, dem Her- 
kommen gemäß, wonach die Schutzherrschaft der geistlichen Anstalten in den 
betreffenden Dynastengeschlechtern erblich war. 

Gegen den Anfang des i 5. Jahrhunderts hin wurde an den Klostergebäuden 
eine umfassende Erneuerung vorgenommen. Alles, was von Wohn- und Wirt- 
schaftsgebäuden sich in Resten erhalten hat, stammt aus dieser Zeit, und auch die 
Kirche wurde damals durch Anfügung der östlichen Hälfte erweitert, ebenso wie 
der westliche Teil eine Reihe neuer Fenster erhielt (1405). Die größeren Strebe- 



1) Marb. Beitr., Stück II., 257. 

-) Kuchenbecker, Analect. Hass., p. I, pag. 2. 



3 

pfeiler jedoch sowie die sudliche Eingangstür und die jetzigen I*"enster bekam 
diese Partie der Kirche erst bei einer späteren Restauration, welche noch kurze 
Zeit vor der Aufhebung des Klosters eintrat. 

Diese letztere erfolgte wie bei allen hessischen Klöstern mit der Einführung 
der evangelischen Lehre in Hessen durch Landgraf Philipp den Großmütigen im 
Jahre 1527. Die Einkünfte verwendete man, wie die von neun anderen Klöstern, 
zur Fundierung und für die weiteren Piedürfnisse der kurz zuvor gestifteten Uni- 
versität Marburg. Diese ließ die Güter durch Vögte verwalten, bis zum Jahre 
1848, wo die noch bestehenden Rechte der Universität allmählich abgelöst 
wurden und die Liegenschaften mit den erhaltenen Klosterbaulichkeiten in Ge- 
meinde- und Privatbesitz übergingen. Von den letzteren waren die meisten 
Oekonomiegebäude schon früher, teilweise sogar vor der Aufhebung des Klosters, 
verfallen, und das letzte Gebäude wurde 1855 wegen Baufälligkeit abgebrochen. 

Baubeschreibung. 

1. Die Klosterkirche. 

a) Der Turm. Das Material ist Bruchstein, nur die Außenseite der Mauern 
ist mit behauenen Sandsteinquadern verkleidet. In drei Stockwerken erreicht 
der Turm bis zum Anfange der Giebelmauer eine Höhe von 44 Fuß. 

Die das unterste Stockwerk bildende Vorhalle ist mit einem rippenlosen, 
roh aus Bruchsteinen gemauerten Kreuzgewölbe überspannt. An der Nord- und 
Südseite wird die Länge dieses Gewölbes durch Schildbogen verringert, welche, 
auf rechtwinkligen Mauervorsprüngen ruhend, ohne Gliederung vortreten. Abb. 1 1 
zeigt die Kapitelle der Pfeiler des südlichen Schildbogens. Ebensolche, nur un- 
verzierte Kapitelle finden sich an dem nördlichen Schildbogen und an den west- 
lichen Leibungsecken der nach der Kirche führenden Tür. Diese Tür ist im 
Spitzbogen gewölbt und auch die Schildbogen sowie die Anschlüsse der Kappen 
an der westlichen und östlichen Mauer zeigen diese Form. Außen und innen hat 
der Boden eine so bedeutende Erhöhung erfahren, daß er jetzt bis fast zu den 
Kapitellen reicht. 

In das zweite Stockwerk des Turmes gelangt man von der Emporbühne 
der Kirche, dem früheren Nonnenchor, aus. Es dient als Uhrkammer und 
empfängt sein Licht durch drei Kreise mit eingesetzten Vier- und Sechspässen. 

Das dritte Stockwerk enthält die Glockenstube und hat Schallöffnungen, die 
an den schmalen Seiten des Rechtecks einzeln, an den längeren, der West- und 
Ostseite, paarweise stehen. Das in Fig. i auf Tafel i abgebildete Schaufenster 
der Südseite ist an den Fasen mit knollenartigen Verzierungen besetzt. Da die 
Balkendecke zwischen dem zweiten und dritten Stockwerk gegen ihre frühere 
Lage um drei Fuß erhöht worden ist, so sind die Fenster nachträglich mit 
Brüstungen versehen ; die der Nordseite wurden ganz vermauert. 

Die auf der nördlichen Seite in Abtreppungen sich erhebende Giebelmauer 
ist mit dem übrigen Bau gleich alt, während das Dachwerk nebst dem sudlichen 
■ Giebel aus der Neuzeit stammt. — Vom Dachboden über dem jetzigen Kirchen- 
schiff aus erkennt man an der östlichen Turmmauer die deutlichen Spuren von 
dem früheren Anschluß eines Dachfirstes, 26 Fuß tiefer liegend als der jetzige. 
Es muß also sicher ein viel niedrigerer und wahrscheinlich auch schmälerer 
Kirchenbau mit dem Turm in Verbindung gestanden haben. Ohne Zweifel war 



dies alte Schiff auch ungewölbt und sicherlich gehörte es zu der 1207 erwähnten 
Kapelle, der also einige Jahrzehnte später der Turm vorgebaut ward. Die geringe 
Höhe des alten Daches erklärt es, warum das Kaffgesims der Schallfenster auch 
an der Ostseite des Turmes herumgeht und die Fenster der Ostwand selbst 
den übrigen gleich behandelt sind; sie gewährten früher die Aussicht ins Freie, 
statt wie jetzt als Eingang zum Bodenraum zu dienen. 

(Man vergleiche hier und später die in den Text gedruckten Zeichnungen; 
der Grundriß zeigt in hellerer und dunklerer Schraffur die Arbeit der verschiedenen 
Perioden.) 

b) Die westliche Hälfte des Kirchenschiffs. In ihr zeigt sich uns 
der größte Teil des gegen 1262 dem Turme angebauten Schiffes. Die ursprüng- 
liche Beschaffenheit desselben ist trotz mancher Veränderungen noch deutlich 
zu erkennen. Es enthielt drei Gewölbefelder, von denen die beiden westlichsten 
ziemhch vollständig erhalten sind. 

Die Dienste sind im Grundriß nach einem Dreiviertelskreise gebildet, ihre 
Werkstücke eingebunden. Der Sockel ist bei allen gleichgestaltet, nach dem Profil 
(Fig. 12c auf Tafel i) konzentrisch umlaufend. Er ist den vier Diensten dieses 
Teils der Kirche später untergesetzt, was man genau sieht und was seinen Grund 




Abb. 2, 



10' 30' 4ö' 

Grundriß der Kirche. 



in der auch hier nach der Erbauung vorgenommenen Erhöhung des Bodens hatte. 
Von den Kapitellen dieser Dienste (Fig. 5 bis 8 auf Tafel i) sind je zwei gegen- 
überstehende nach demselben Motive gebildet. Bei den beiden westlichsten durch- 
dringt sich der achtseitig gestaltete Aufsatz mit dem zylindrischen Körper der Dienste, 
von welch letzteren bei dem nördlichen Kapitell ein mit Blättern geschmückter 
Hals abgesondert ist, der, sowie der Astragal, dem südlichen fehlt; letzteres eine 
Anordnung, welche in der ihr zugrunde liegenden Konsequenz an die späteren 
Perioden der Gotik erinnert. Die auf diese folgenden runden Kapitelle führen an 
der Kehle ein der heraldischen Lilie gleichgestaltetes Ornament neben mensch- 
lichen Köpfen; was aber die zugehörigen Dienste besonders auffällig macht, ist 
der dem zylindrischen Schafte derselben vorgelegte Sporn, der den Grundriß 
in die Form des geschweiften Stabes hinüberleitet und das Aufsetzen der 
Gurtrippe vorbereitet, eine Disposition, welche zwar am Ende des 14, und durch 
das 15. Jahrhundert hindurch häufige Anwendung findet, für die wir aber kein 
anderes so frühes Beispiel anzuführen wissen. 

In den westlichen Ecken wird das Gewölbe von Kragsteinen gestützt, deren 
einer in Fig. 15 auf Tafel i beigefugt ist. 



5 

Dem Gewölbe fehlen die Schildbogen; die Kappen, 9 bis 12 Zoll stark 
in Bruchsteinen gemauert, haben jederseits geringe Stechung, die Gurt- und 
Kreuzrippen — wie die Dienste aus Werkstücken aufgeführt — zeigen das 
rrofil Fig. 13b auf Tafel i, die letzteren vereinigen sich in unverzierten Schluß- 
ringen. 

Die Gewölbe fanden ihr Widerlager nur in der bedeutenden Stärke (3 'u bis 
4 Fuß) der aus Bruchsteinen konstruierten Mauern, da die ursprünglichen, 
ganz auffallend schwachen und niedrigen Strebepfeiler, von denen noch zwei an 
der Südseite erhalten sind, nichts zur Verstärkung beitragen konnten. Das 
östlichste der Gewölbefelder bildete den infolge der Bausitte der Zisterzienser 
jedenfalls rechteckig geschlossenen Chor, von Norden und Süden durch kleine, 
gerade überdeckte, an den vermauerten Spuren noch erkennbare Fenster erhellt. 
Die beiden westlichen Joche waren in halber Höhe der Mauer von dem Nonnen- 
chor umzogen, dessen roh gebildete, zum Teil den Diensten ansitzende Krag- 
steine gegenwärtig als Stützen der Emporbühne dienen. Der Raum ober- und 




L 



_1_ 



I' S iO' 10' 10' ttO' 50' 

Abb. 3. Längenschnitt der Kirche. 



unterhalb dieser Scheidung erhielt seine Beleuchtung je durch eine Reihe jetzt 
vermauerter Fenster, die in Spitzbogen geschlossen waren, wenig abgeschrägte, 
aus Bruchsteinen gemauerte Gewände besaßen und deren Verglasungsfeld wahr- 
scheinlich nicht durch Pfosten geteilt ward. 

Das Schiff war augenscheinlich früher nur von der Vorhalle des Turmes 
aus zugänglich. Wegen der Auftragung des Bodens sieht map von dem 
Sockelgesims nichts mehr. 

Im Anfange des 15. Jahrhunderts wurde dieser alte Schiffbau bedeutend 
verlängert. Man brach die östliche Schlußmauer mit den angrenzenden südlichen 
und nördlichen Mauerteilen weg, entfernte das dritte Gewölbejoch und ersetzte 
die kleinen Fenster des Nonnenchors durch größere. Diese wurden wie die alten 
paarweise in jedem Wandfelde angeordnet; eins derselben ist, auf der Nordseite 
noch jetzt offen. In dieser Zeit wurde der Boden der Kirche erhöht, was durch 
die Anhäufung von Bauschutt und Erde aus den jetzt gleichfalls angelegten 
Klosterkellern veranlaßt sein mochte. Diese Auffüllung machte es auch nötig, 



die untere Fensterreihe zu vermauern und bot Gelegenheit, unter dem nun 
höheren Fußboden einige noch jetzt erhaltene Gräber anzulegen. 

Am Ende des 15. Jahrhunderts brach man statt der oberen Fenster in 
jedes Wandfeld ein neues, größeres und zweiteiliges ein, verstärkte oder erneuerte 
die Strebepfeiler und legte die Tur an die Südseite, weil man den an den Turm 
anstoßenden Kreuzgangsflijgel vor diesem her verlängern wollte, und hierdurch 
der Eingang versperrt wurde. Die neuen, noch gegenwärtig zur Erleuchtung 
dienenden Fenster haben schwache Pfosten und spätgotisches, aus Fischblasen 
und Perpendikularbildungen zusammengesetztes Maßwerk. Die Tür zeigt einander 
durchdringende Stäbe (Fig. 13c auf Tafel i), und gibt durch ihre Jahreszahl 1495 
den Zeitpunkt dieser ganzen Veränderung an. 

c) Der östliche Teil des Schiffes. Wie aus dem vorigen hervorgeht, 
gehört er dem 15. Jahrhundert an; aus derselben Zeit ist der östlich der Kirche 
vorliegende Anbau; weder der eine noch der andere Teil zeigt wesentliche 
Spuren späterer Veränderungen. Das Material ist, dem der älteren Hälfte gleich, 
Bruchstein, doch unterscheidet es sich von jenem in der Farbe, und nur die Nordmauer 
ist von Steinen aufgeführt, welche mit denen der westlichen Hälfte ganz überein- 
stimmen. Es ist also anzunehmen, daß der Vergrößerungsbau an dieser Seite begann 
und man hier das Mauerwerk von der niedergerissenen Hälfte des Chors benutzte. 

Auch dieser Teil enthält zwei und ein halbes Gewölbefeld; der Chor, im 
Boden um zwei Stufen erhöht, nimmt das östlichste Feld ein. 

Die Kapitelle sind in der Form des Kerns den älteren mit polygonem Abakus 
nachgebildet und zeigen Eichenlaub mit den den Einfluß der Spätgotik verratenden 
buckeligen Erhöhungen in den Blättern; zwei davon zeigen die Fig. 2 und 3 auf 
Tafel I ; von den Schlußsteinen dieses Teils enthält der westliche auf der Deckplatte 
eine dreifache Rose, jeder der beiden anderen eine figürliche Darstellung: den Kopf 
des Erlösers von acht Blättern, dem Symbol der Seligkeiten, umgeben, und Maria 
mit dem Kinde. Beide Reliefs sind von handwerkmäßiger Ausfuhrung, die letztere 
Darstellung zeigt Aehnlichkeit mit der entsprechenden auf dem Klostersiegel, das 
aber schon im 13. Jahrhundert angefertigt wurde. 

Die Fenster dieses Teils sind an der Nordseite gerade, sonst im Spitzbogen 
geschlossen. Die mit rautenförmigen Scheiben versehenen Verglasungsfelder ver- 
halten sich der Breite nach zu den Pfosten wie 4: i. Letztere, im Grundriß 
aus einem Rechteck von drei zu acht Zoll durch Abschrägung der Ecken ge- 
bildet, vereinigen sich in breitgedrückten, mit undurchbrochenen Nasen besetzten 
Spitzbogen; das darüber befindliche Maßwerk, bei den zweiteiligen Fenstern aus 
einer einzigen Platte gehauen, gehört der mittleren Periode an; die Anordnung, 
welche es in dem dreiteiligen Ostfenster hat, findet sich genau wiederholt in 
einem gleichzeitigen Fenster der Kasseler Martinskirche. 

Das Innere der ganzen Kirche ist jetzt einfarbig getüncht; Altar, Kanzelfuß 
und Taufstein (Fig. 16 auf Tafel i) sind rohe Bildungen gotischen Stils. 

Die Profile an den Strebepfeilern dieses Teils, welche im Gegensatz zu den 
später angefügten des älteren Baues im Verbände mit der Mauer stehen, sowie 
die des Kaffsimses und Sockels zeigen die Fig. 12 a, b und 13 a auf Tafel i. Der 
Dachsims wird durch eine einfache Hohlkehle gebildet. 

Der östliche Anbau der Kirche mag in seinem unteren gewölbten Stockwerke 
die Sakristei enthalten haben. Die beiden noch darüber befindlichen Räume standen 
mit dem Dachboden sowie den anstoßenden Klostergebäuden in Verbindung. 



Schäfer, Gesammelte Aufsätze. 



TAFEL 1. 



KLOSTERKIRCHE ZU NORDSHAUSEN. 







Verlag von Wilhelm Knist u. Sohn, B(.Tlin. 



2. Die sonstigen Reste des Klosters. 

In dem beigegebenen Situationsplan bezeichnet: 

a die Kirche; 

b den Friedhof, der noch an seinem ursprüngHchen Platze liegt. Seine 
Umfassungsmauer enthält einen Grabstein mit dem baldachinbekrönten Relief 
einer weiblichen Figur, welche einen Kelch in der Hand hat; 

(• ist ein noch erhaltenes Oekonomiegebiuide des Klosters, mit Bruchstein- 
mauern und hölzernem Ueberbau, im Inneren mit fünf Fruchtböden übereinander. 
Die perspektivische Ansicht Abb. i zeigt es im Vordergrunde; 

(/ bezeichnet die Reste des Kreuzgangs: Er wurde durch eine Stellung von 
5 Fuß weiten, der Mitte nach 14 Fuß voneinander entfernten Bogen gebildet, 
und zog sich wahrschein- 
lich nur an der West- 
und Nordseite herum. 
Er war ungewölbt und 
die darüber gelegenen 
Räume, von denen noch 
einige Mauerstücke mit 

viereckigen Fenstern 
gleich denen auf der 
Nordseite der Kirche, 
erhalten sind, enthielten 
die Zellen der Konven- 
tualen. 

Die in c angegebe- 
nen Mauerreste müssen 
teilweise sehr hohe 
Räume umschlossen haben. Sie enthalten verschiedene Tür- und Fensteröffnungen, 
besonders einen großen, spitzbogig gewölbten Torweg, welcher in diagonaler 
Richtung durchgeht. 

/' ist der Platz des im Jahre 1855 abgebrochenen Gebäudes. Es enthielt 
F'ruchtböden und einige enge Zimmerchen und war der älteste Holzbau in 
Nordshausen. Die spitzbogige Tür und die Balkenköpfe zeigten interessante 
Holzschnitzereien. 

Im Situationsplan bezeichnet ferner: 

// die Umfassungsmauer; 

h den ehemaligen Klostergarten sowie 

i den Baumgarten; 

/■: und l geben die Plätze an, wo nach einem wahrscheinlich kurz nach der 
Säkularisation entworfenen Risse, welcher sich im Kurfürstlichen Staatsarchive 
befindet, weitere Gebäude des Klosters standen. 




Abb. 4. Lageplan. 



Kirchliche Gefäße und Geräte aus dem Wesergebiet. 



I. Kelch aus Stahle bei Holzminden. 

Der in der vorliegenden Zeichnung mitgeteilte, höchst interessante Kelch 
ist zweifelhaften Ursprunges, soll einer freilich unverbürgten Nachricht zufolge 
durch französische Emigranten gegen den Schluß des vorigen Jahrhunderts an 
seinen jetzigen Ort gekommen sein, ist aber mit gröiSerer Wahrscheinlichkeit 
wohl als ehemaliger Angehöriger des benachbarten Corve\', dessen reicher 
Kirchenschatz in jener Zeit sich zerstreute, anzusehen. 

Das Material ist vergoldetes Silber, die Abmessungen mittlere: 17 cm der 
ganzen Höhe nach, loV; cm Durchmesser der Kuppe, 13 cm des Fußes. 

Schon eine oberflächliche Betrachtung genügt, um darzutun, wie die ver- 
schiedenen Teile des Gefäßes nicht derselben Zeit ihre Entstehung danken, offen- 
bar gehört Fuß und Knauf der ersten Entwicklungsphase der Gotik an, indes 
die Kuppe die Arbeit der Mittelperiode gotischer Kunst erkennen läßt. 

Anlage und Ausführung jener unteren Teile nun sind es zunächst, welche 
ein erhöhtes Interesse des Archäologen und des Künstlers gewiß in Anspruch 
nehmen. Haben wir doch in ihnen ein Erzeugnis der Zeit vor uns, in welcher 
der Arbeiter in edlem Metall die höchste Stufe der Kunstfertigkeit erstieg. Wir 
meinen die Zeit, welche die romanischen Grundformen der kirchlichen Gefäße, 
diese allen Anforderungen des Schönheitssinnes, der Handlichkeit, des Materials 
und der Technik in so vorzüglichem Grade entgegenkommenden Formen noch 
beibehält, dieselben aber mit all dem mannigfachen Detail ausschmückt, das die 
neue Richtung, nach der sich die Künste mit der Architektur nun voranbewegen, 
nur zur Verfügung stellt. 

Nicht zu leugnen ist es doch offenbar, daß von den zahlreichen Form- 
gebungen, wie sie die spätere Gotik für die Gefäße der Kirche erfindet, recht 
viele mit ihren, wenn auch noch so sehr in das neue Material übersetzten, 
ursprünglich rein architektonischen Dekorationsmotiven an künstlerischem Wert 
hinter jenen Schöpfungen der Frühzeit weit zurückstehen. 

A. Was zunächst den Fuß des vorgeführten Kelches anbelangt, so ist das 
Silber zu demselben in doppelter Lage angewandt, die Vergoldung außen und 
innen stark aufgetragen, mit rötlichem Glänze. Die Dicke des doppelten Bleches 
beträgt, im ganzen gemessen, genau ein i mm. 



*) Zuerst geiiruckt im „Organ für christliche Kunst" 1S64, S. 76, loi. 




Gl 



lO 

Die Grundform des Fußes ist die hergebrachte romanische des Kreises; das 
Profil die gewöhnliche gedehnte Kehle, der Rand noch von einer kräftigen Ein- 
ziehung umzogen. Aus der oberen Blechstärke sind ringsum sechs Kreise von 
je 33/^ cm Durchmesser ausgeschnitten, welchen Ausschnitten Medaillons mit 
figürlichen Darstellungen einliegen. Wie am häufigsten bei solchen, den Kelch 
schmückenden Bilderzyklen sind die Hauptmomente der Geschichte des Heilandes 
zum Gegenstande erwählt. Die Zeichnungen sind eingraviert, der Grund ein- 
getieft und mit einer violettschwarzen Emaille ausgefüllt. 

Verfolgen wir die einzelnen Darstellungen der Reihe nach, so gewahren wir 
auf dem ersten Medaillon die beiden Figuren der Verkündigung. Maria steht 
aufrecht mit auf der Brust gefalteten Händen vor einem Sessel, ähnlich den 
Thronsesseln, wie sie sich häufig auf Siegeln des 13. Jahrhunderts vorfinden, 
wenn dieselben das Bild der Himmelskönigin tragen (eines gänzlich überein- 
stimmend mit dem vorliegenden Sessel gezeichneten Thrones erinnert sich z. B. 
der Verfasser von dem Mariensiegel des hessischen Klosters Nordshausen her). 
Von den Schultern herab fällt über das faltige Unterkleid der typische Mantel. 
Der in Diakonentracht heranschreitende Engel hält in der Linken die mit dem 
Kreuz bekrönte Kugel, das Zeichen seines Ranges in der Hierachie der himmlischen 
Scharen, die Rechte erhebt sich mit ausgestrecktem Zeigefinger. Das Oberkleid 
ist seitlich geschlitzt, Rand und Schlitz umsäumt, was über letzterem in eine Blume 
endet. 

Aus einer stilisierten Wolke herab schwebt die Taube zur Jungfrau nieder. 
Seitwärts von dieser erblickt man aufgehängt einen Spinnrocken. — Die im 
edelsten Stile gehaltene schwungvolle Zeichnung dieses Bildchens läßt dasselbe als 
das anziehendste der Reihe erscheinen; mit den übrigen Darstellungen teilt es die 
den geübtesten Arbeiter verratende Ausführung in festen flotten Zügen. 

Das zweite Medaillon fuhrt uns die Geburt vor Augen. Im Vordergrunde 
nimmt fast die Hälfte des Kreises das mit einem Rautenmuster überzogene Bett 
ein, auf dem Maria mit dem Kinde ruht; in der naiven Weise des Mittelalters 
sehen wir das letztere in einem fest umschnürten Wickelzeuge. Links hiervon 
zeigt sich schlafend, auf seinen Stab gestützt, Joseph, mit dem spitzen Judenhute 
bekleidet; dem Kopfe fehlt der Nimbus, Ochs und Eselein schauen über einer 
Krippe hervor, der ein schlankes Säulchen als Stütze dient. Die Tiere haben 
Augen von Emaille. 

Es folgt das Abendmahl, dargereicht in Kelch und Brot von zwei Aposteln, 
die rechts und links vom Heilande hinter dem Tische stehen, einer vor diesem 
in halbliegender Stellung hingestreckten Figur. 

Anlangend die Deutung der letzteren, haben wir an den gläubigen Christen 
gedacht, wie er am Wege des Lebens sitzt und den Heiland um Brot anbettelt 
(Thomas von Aquin). Wenn nicht die Geberde des Darreichens von Brot und 
Wein seitens der Apostel sich so deutlich ausspräche, so möchte die ganze 
Darstellung vielleicht auch auf die Fußwaschung zu beziehen, jene Figur als 
Magdalena zu deuten sein; das in Flechten auf dem Rücken hinabfließende Haupt- 
haar läßt die Annahme, daß der Künstler ein Weib habe darstellen wollen, als 
zulässig erscheinen. Auf dem Tische erblickt man noch Gefäße, Brote und ein 
Messer. Nicht zu übersehen ist die Form des freilich in kleinster Dimension, aber 
doch klar erkennbar gezeichneten Kelches in der Hand des einen Apostels. Die 
Kuppe hat die bestimmt ausgeprägte Form der romanischen niedrigen Schale 



1 1 ' 

nach dem Profil eines Halbkreises. Ein Schluß hieraus gezogen hinsichtlich der 
Gestalt der ursprünglichen Kuppe unseres Kelches erscheint uns allerdings als ein 
berechtigter. 

Den Gegenstand des vierten Medaillons bildet die Kreuzigung. Die Figur 
des Kruzifixus erscheint der Zeit angemessen, in der sie entstanden, in der 
würdigen, edlen Haltung, welche gegensätzlich zu der Auffassung, wie sie die 
spätere Kunst von diesem Heilsereignis genommen, den in freier Hingabe sich 
opfernden Gott versinnlicht, nicht den leidenden Menschen. Das Haupt neigt 
sich wenig nach Norden, der Körper ist seitwärts eingebogen, mit dem Knie- 
schurz bekleidet; die Arme sinken nur wenig, der Ausdruck des Kopfes ist ein 
ruhiger. Vor dem Kreuze sproüt der Baum des Lebens auf, besetzt mit denselben 
schön stilisierten Blättern, welche wir, dem Ahornblatt nachgebildet, so außer- 
ordentlich häuhg in der Skulptur des 13. Jahrhunderts auftreten sehen und 
welche auch an unserem Kelche noch als Ranken auf der glatten Fläche des 
Fußes zwischen den Medaillons einliegen. Rechts und links vom Kreuze sind 
die traditionellen Zeugen des Opfertodes, Maria und Johannes, zur Darstellung 
gebracht, vor dem ersteren aber erblicken wir in knieender Stellung die Figur viel- 
leicht des Künstlers, wahrscheinlicher des Stifters. Sie hat die Proportionen der 
übrigen Gestalten und trägt ein weltliches Gewand, auch die Anordnung des 
Haupthaares läßt einen Weltlichen erkennen; den Namen erblicken wir in Majuskeln 
der Frühgotik auf dem Rande des Bildes eingegraben: ,,Godefridus" (Fig. 3). Es 
hat uns die Geschichte von Corvey nicht den Anknüpfungspunkt zur näheren 
Zeitbestimmung geboten, wie wir ihn bei Lesung dieses Namens erwarteten. 

Wir gelangen zum fünften Bilde, die Auferstehung uns vor Augen führend. 
Triumphierend trägt der Auferstandene das Kreuzpanier; um das Grab herum sind 
die Opferkerzen aufgestellt, vor ihm schläft der Wächter. Das Grab ist mit einem 
spätromanischen Bogenfries geschmückt, die Kerzen, stark nach oben verjüngt, 
haben mehr als Manneshöhe und stehen auf niedrigen, nur aus Fuß, Pfanne und 
einem Zwischenringe bestehenden Leuchtern; der Fuß ruht auf drei Tierpfoten. 
Der Kriegsknecht trägt Eisenhaube und Kettenpanzer. 

Der Bilderkreis endet mit der Figur des Heilandes als Weltrichter, sitzend 
auf einem reichen teppichbehängten Throne, angetan mit Mantel und Unterkleid, 
in der ausgestreckten Linken das aufgeschlagene Buch des Evangeliums haltend 
die Rechte lehrend erhoben. Das Haupt ruht auf dem Kreuznimbus, zur Rechten 
und zur Linken stehen unter dem Kreuze die Zeichen des Alpha und Omega. 

Wir glauben nicht zu viel zu sagen, wenn wir diese Gravüren zu den 
besten Erzeugnissen dieser Art rechnen, welche die lebensfrische Kunst des 
13. Jahrhunderts gefördert. Bis auf den letzten Rest verschwunden sehen wir die 
Starrheit der romanischen Periode; neben engem Anschluß an Tradition und 
Typus erfreut uns in diesen Bildern eine reizvolle Individualisierung; die kleinsten 
Köpfchen haben einen selbständigen Ausdruck; die Gewandung gibt sich in wohl 
durchdachten edlen Motiven. Wie schon erwähnt, ist die Ausführung eine meister- 
hafte zu nennen. 

Den äußeren Rand der Medaillons bildet ein kordonniertes Bändchen. In 
den Zwischenräumen liegen Ornamente, ein mittleres Knöpfchen bildet den Aus- 
gang zweier in nach entgegengesetzter Richtung liegenden Bluten endender Ranken; 
nach oben und unten wachsen aus jenen je drei neue Stengel hervor, und 
tragen dieselben entweder ein mittleres Blatt und seitwärts zwei Blüten, oder 



• 12 

eine solche in der Mitte und Blüten rechts und links davon. Die Blatter sind 
die fünflappigen des Ahorn, die Blütenkelche zeigen sich aus je sechs Kügelchen 
zusammengesetzt; die ganze Form ist in den aufeinander folgenden Zwischen- 
räumen abwechselnd umgekehrt. Die Arbeit ist die des Treibens, das Relief 
stark, wie Fig. 5 und 6 ausweisen. 

B. Auf den Knauf, zu dem wir als zweiten Teil in der Beschreibung über- 
gehen, bezieht sich alles, was wir wegen des Materials und der Ausführung bei der 
Besprechung des Fußes erwähnt. Er besteht aus dem eigentlichen pomellum und 
über und unter ihm je einem Schmuckbande. Diese letzteren wieder sind mit 
einem Perlschnürchen gleich dem der Medaillons abgegrenzt; dann folgt zwischen 
zwei mit eingeritzten Rauten ornierten Kehlen ein Wulst, dem vier Reihen kleiner 
Kreise aufgraviert. Die Wirkung dieser so einfachen Verzierungen ist eine günstige. 
Zwischen beiden umgekehrt zueinander liegenden, sonst gleichen Bändern tritt 
das pomellum in starker Anschwellung hervor. Bei kreisrunder Grundform im 
ganzen runden sich in allmählichen Uebergängen acht kleine Medaillons heraus. 
Wie die unteren, enthalten sie auf Emaillegrund eingravierte Darstellungen, hier 
Köpfe. Dem unteren Bilde der Verkündigung entspricht der Kopf des Erlösers; 
dann folgen nach rechts herum der Kopf des Petrus, der Maria und hierauf fünf 
Apostelköpfe, der letzte mit der Tonsur. Die Zusammenstellung dieser Acht- 
teilung mit der Sechsteilung des Fußes ist uns als Abnormität aufgefallen. 

Am oberen und unteren Rande des Knaufs liegen Trauben; zwischen ihnen 
wachsen Ranken heraus, deren Endigungen, als Blätter und Blüten gleich denen des 
Fußes ausgebildet, sich abwechselnd zwischen und auf die Medaillons legen. 

C. Die Kuppe. Schon die Gestalt tut dar, daß sie mit den unteren Teilen 
nicht gleichzeitig. Sie zeigt das der Hyperbel am meisten sich nähernde Profil, 
wie es die entwickelte Gotik diesem Teile zugrunde legt. Das Silberblech liegt 
einfach, nur die unteren Blätter sind aufgelötet und hängen mit einem Stiele 
zusammen, der durch den Knauf in den FuJ3 hinabgesteckt ist und hier mit 
einem durchgreifenden Niet sich festhält (Fig. 7). Die Vergoldung ist heller, 
mehr ins Gelbe stechend, als am Fuß und Knauf Anlangend die den einzigen 
Schmuck der übrigens glatten Schale ausmachenden unteren Blätterreihe, so ist 
schon deren Ausführung bei weitem von den zierlich modellierten, minutiös ins 
Detail eingehenden des anderen Ornamentes verschieden. Die Flächen des 
Blattwerkes liegen in einer und derselben Flucht und ist denselben Kontur 
gegeben durch das Herausnehmen der Zwischenräume; an diesen letzteren zeigt 
sich schon das Bestreben der Spätgotik, solchen Lücken in ganz und gar 
unberechtigter Weise eine selbständige geometrische Gestalt zu geben. Die Blatt- 
flächen selbst sind nur mit einigen mittleren flachen Aushöhlungen und scharfen 
Einschnitten auf den Lappen belebt (Fig. 8). Das Muster wiederholt sich sechsmal. 

Bei dem Mangel spezieller Nachrichten uns an Habitus und Detail des 
Gegenstandes haltend, glauben wir unter vergleichender Inbetrachtnahme ver- 
wandter Kunstwerke den Fuß und Knauf dieses Kelches mit genügender Sicher- 
heit dem dritten Viertel des 13. Jahrhunderts, die Kuppe dem 14. Jahrhunderte 
als Entstehungszeit zuschreiben zu können, wo freilich bezüglich der ersteren 
Teile an die Anfertigung von Seiten eines deutschen Künstlers ausschließlich 
gedacht ist. Auf eine flache runde Kuppe als ursprüngliches Zubehör läßt die 
wahrscheinliche Zeit der Anfertigung im allgemeinen, sowie auch noch die schon 
erwähnte Darstellung eines solchen Kelches auf dem Medaillon des Abendmahls 



13 

schließen. Ein signaculum ist nicht zu entdecken. Das Gewicht dieses Kelches 
ist 44 Lot. Die Erhaltung ist vortrefflich. 

Wir schließen die Beschreibung des Gefäßes mit dem Wunsch, daß es seiner 
kirchlichen Bestimmung, der es, wie wir hören, erst kürzlich durch Erwerbung für 
das Kabinet eines Kunstliebhabers entfremdet werden sollte, noch lange möge 
erhalten bleiben. 

II. Dreisitz aus der Kirche zu Amelunxborn. 

Bekanntlich sind die Dreisitzc von höherem Kunstueite selten geworden, be- 
sonders die in dem monumentaleren Materiale des Steins ausgeführten. 

Um so freudiger überrascht waren wir beim Anblick dieses schönen, aus 
noch guter Zeit der Gotik stammenden Gestiihls. 

Die Zisterzienserkirche Amelunxborn endet in einem dreischiffigen, mit 
gerader Ostwand in einer Flucht abgeschlossenen Chore, dessen Mittelschiff von 
den Abseiten durch mannshohe Schranken getrennt ist. Einen Teil dieses Ab- 
schlusses, der Librigens aus einer einfachen, die Pfeiler verbindenden, ehedem mit 
Blenden geschmückten Mauer besteht, machen diese Stuhle aus, welche demnach 
ihre Rückseiten nach dem Seitenschiffe kehren. Sie stehen auf der Sudseite des 
hohen Chores in einem der westlichen Joche. Sie sind aus Werkstücken und 
Platten des dicht beim Baue gebrochenen roten Sandsteines aufgebaut, wobei die 
Gewölbe jedoch aus Gips gegossen sind; die Sitze bestehen aus Holz. 

Die lichte Weite jeder Abteilung beträgt 2V3 Fuß, größte Höhe der ganzen 
Architektur über 13 Fuß. 

Die Konstruktion ist vortrefflich. Die Rückwand wird nur als Abschluß 
gebraucht. Stabilität erhält der ganze Bau zunächst durch die Scheidewände. 
Sie beginnen über dem gemeinsamen Unterbau einer Trittstufe mit je einer Sockel- 
schwelle, auf der hochkantig eine 572 zöllige Platte steht; aut diese folgt, die 
Lehne bildend, wieder eine flachliegender Binder, dann nochmals eine Platte und 
wieder ein Binder; dieser tritt in vergrößerter Breite nach vorn als Kragstein vor 
und nimmt zwei Pfosten eines Tabernakels auf, dessen Giebel rückwärts auf den 
Ansätzen ein Lager findet, welche eckig noch dem Giebelsims der Wimperge 
aufsitzen. Letztere setzt sich aus zwei Platten zusammen, deren untere gegen 
die Fortsetzung der Scheidemauer über der Schicht der Kragsteine anlehnt und 
deren obere durch eben jene Ansätze im Lot erhalten wird. 

Die Bekrönungen der Wimperge sind aus besonderen Stücken gefertigt, 
auch die Riesen der Tabernakel in zwei oder drei Schichten zerlegt. 

Die Rückwand bildet sich aus kaum zweizölligen, zweifach aufeinander- 
gesetzten Platten, in Boden und Scheidewand eingefedert. Die letztere tritt nach 
rückwärts über den Plattenschluß als Strebepfeiler hinaus. 

Ein besonders nettes Motiv ist es, an diesen Strebepfeilern die Binder durch 
gesimsartiges Vorspringen anzudeuten, wie es Fig. 2 zeigt. 

Der Dachsims ist aus auf den Strebepfeiler gestoßenen Stücken gefertigt. 

Zum einzelnen übergehend, sind die unteren Teile vorzüglich durch Stäbchen 
gegliedert; an den Scheidewänden tritt in den Einziehungen der zweiten Platte 
Skulptur hinzu. Von Westen anfangend, ist die erste Einkehlung mit einer 
Blattreihe ausgefüllt, in der zweiten steht gebückt und in Mönchstracht der 
l""uchs, den Gänsen predigend; es ist dieses p-igürchen in ansprechend humoristischer 



14 




Si 
< 



'5 

Weise aufgefaßt (Abb. 5), vorzuglich gelungen der schlaue Ausdruck im Gesicht. 
Die dritte Nische enthält eine Darstellung, deren spezielle Bedeutung uns nicht 
recht klar: Ein Mensch bckamjjft, indem er ihm den Rachen aufzureißen scheint, 
einen Löwen, den er, auf ihm hockend, mit den Beinen umfaßt. Die vierte Dar- 
stellung bringt eine betende Figur, vielleicht die des Stifters. 

Im Bewußtsein der Ungereimtheiten, zu welchen die Auffassung solcher 
Darstellungen im Sinne von Sinnbildern so oft führt, wollen wir es nur beiläufig 
erwähnen, daß uns auch eine Deutung dieser drei Bilder als Darstellung der drei 
Tugenden, der Frömmigkeit (der Betende), der Stärke (der Löwenbekämpfer) und 
der Klugheit (der Fuchs) eingefallen. 

Die Kragsteine sind mit Blattwerk i.iberzogen, welches teilweise aus fratzen- 
haften Köpfen hervorwächst; die Pfosten der Tabernakel einfach gefast, diese 
selbst weisen eine verschiedene Ausbildung auf. Daß die kleinen Eckfialen, 
die dem gegenwärtig östlichen Tabernakel zum Schmucke dienen, auch bei den 
beiden anderen ähnlichen Gestaltungen entsprochen haben, ist unwahrscheinlich, 
weil dieselben doch wohl mit dem Uebrigen aus dem ganzen Stücke gearbeitet 
worden wären; es scheinen die kleinen Kragsteine der westlichen Tabernakel 
schon ursprünglich leer gestanden zu haben. Auf der östlichen Auskragung 
nimmt an Stelle des ursprünglich wohl auch hier vorhanden gewesenen Taber- 
nakels die Steinfigur eines Bischofs Platz, die gleichfalls mittelalterlich und an 
welcher noch Spuren von Polychromierung sichtlich. 

An den Wimpergen zwischen den Tabernakeln tritt in der Entwicklung 
des Nasenwerks eine Verbindung der Formgebungen verschiedener Zeiten hervor, 
die Herumfuhrung des alten Plättchens und das Hervorwachsen eines jungen 
Plättchens aus der alten Kehle. Das Anschneiden aller Maßwerkglieder an dem 
Giebelsims, wie es im oberen Teile Platz greift — ein eigentlich einer früheren 
Zeit angehöriges Motiv — , macht den besten Eindruck. 

Den Bekrönungen auf Wimpergen und Fialen ist eine etwas zu sehr über- 
wiegende Größe zugeteilt; sie gleichen übrigens im wesentlichen den eigentüm- 
lichen, großen Kreuzblumen auf den Giebeln der Kirche. Die Kantenblumen 
entstehen meist aus Einkerbungen eines Rundstabes, der die Kanten begleitet; 
die einzelnen Gliederungen zeigen an jedem Giebel, an jeder Fiale, jedem Knauf 
usw. ein immer verschiedenes Profil (Fig. 4). 

Die, wie erwähnt, aus Gußmasse hergestellten Ueberdeckungen sind flach- 
bogige Kreuzgewölbe. 

Der Rückwand ist auf der äußeren Seite in den verschiedenen Feldern ein reiches, 
rosenartiges Maßwerkmuster flach eingeritzt, ebenso die Figuren zweier Apostel. 

Die Ausfuhrung, vorzüglich des Laubwerks, verliert bedeutend an Charakter 
durch die dicke Uebertünchung, mit welcher dies schöne Gestühl bedacht worden, 
und die man erst bei der letzten, der ganzen Kirche in vielfacher Beziehung 
zum Schaden gereichenden Restauration angeordnet oder wiederholt zu haben 
scheint. — Die ursprünglichen Holzsitze sind nicht mehr vorhanden. 

Eine Abhandlung in ,, Irisch, Jahrbucher" erwähnt dies Gestühl und schreibt 
dem 15. Jahrhundert seine Entstehung zu. Wir finden jedoch, daß der Charakter 
des Ganzen sowohl als die Auffassung der Details auf eine weit frühere Zeit 
hinweist, und möchten keinesfalls ein Datum über die Mitte des 14. Jahrhunderts 
hinaus ansetzen. 



i6 



lieber die Glasmalerei.'^ 

(Mit 5 Textabbildungen und i Tafe].) 



Wenn man von Glasmalereien spricht, so nimmt man dem gewöhnlichen 
Gebrauche nach dieses Wort in einem engeren Sinne und begreift darunter Bilder 
auf Glas, welche dem durchfallenden Lichte ausgesetzt werden, also Fenstergemälde. 
Ausgeschlossen von diesem engeren Begriffe bleiben demnach die undurchsichtigen 
Malereien, die auch dem Wesen der Sache nach streng von den durchsichtigen 
Bildern zu scheiden sind. Indem wir, diese Unterscheidung uns aneignend, nur 
mit den Glasmalereien, insofern dieselben zum Schluß der Fenster dienen, uns 
beschäftigen werden, liegt es doch nahe, in einer Abhandlung über dieselben nach 
anderer Seite hin eine Weiterung des Begriffs eintreten zu lassen und ihnen jene 
eigentümlichen Arbeiten anzureihen, die ohne eigentliche Malerei in bloßer Zeichnung 
durch das Aneinanderfügen verschieden geformter Glasstücke entstehen. 

In dem so festgestellten Sinne genommen, ist die Glasmalerei eine Erfindung 
der altchristlichen Kunstperiode, denn, was man unter antiken Glasmalereien 
versteht, sind undurchsichtige Bildchen, auf Goldgrund ausgeführt und zwischen 
zwei Glasscheiben eingeschmolzen. Vom 5. Jahrhundert ab berichten die kirch- 
lichen Schriftsteller, mehr oder weniger deutlich beschreibend, von Kirchenbauten, 
in denen Glasfenster einen besonderen Schmuck ausmachten, und, obgleich aus 
so früher Zeit nichts sich erhalten hat, lassen doch einige Stellen jener Autoren 
kaum einen Zweifel darüber, daß wenigstens in einzelnen Fällen diese ersten Glas- 
fenster auch Gemälde enthielten. Gleichzeitig in Italien und im oströmischen 
Reiche scheint unsere Kunst frühe Wurzel gefaßt und dann nach Frankreich und 
Deutschland verpflanzt worden zu sein. 

Die ersten bestimmten Nachrichten über ihr Auftreten in unserem Vater- 
lande datieren aus dem 9. Jahrhundert. Doch waren gläserne Fenster überhaupt 
noch lange eine Seltenheit und behalf man sich ihrer Kostbarkeit wegen häufig 
mit Tafeln aus Hörn oder Spat, mit Pergament und geöltem Papiere, setzte die Fenster 
mit wenig durchbrochenen, dünnen Steintafeln zu oder verhängte sie mit Teppichen. 

Vom II. Jahrhundert ab gestatten erhaltene Beispiele eine genauere Kenntnis- 
nahme von den Leistungen der Glasmalerei. Es lassen sich von da ab hin- 
sichtlich der Technik dieser Kunst zwei Sy.steme voneinander unterscheiden, ein 
älteres und ein neueres. Nach dem ersteren wird die Grundlage der Bilder von 

*) Zuerst gedruckt in der ,, Zeitschrift des Vereins zur Ausbildung der Gewerke in München". 
17. Jahrg. X867, S. 21. 



17 



einem Glasmosaik gebildet, einem Mosaik, aus verhältnismäßig kleinen Glas- 
stiicken bestehend, und ist auf der einzelnen Scheibe nur mit einer einzigen 
Farbe gemalt, die Arbeiten des sjjäteren Systems dagegen bestehen wenigstens 
teilweise aus größeren, mit verschiedenen Farben behandelten Scheiben. 

Beschäftigen wir uns vorerst ausschließlich mit dem älteren System, das bis 
zur Mitte des 14. Jahrhunderts das allein herrschende bleibt, sonach die Zeit des 
romanischen, des frühen und des entwickelten gotischen Stils umfaßt. 

Während dieser ganzen Periode findet die Glasmalerei eine sehr umfassende 
Anwendung, indem für die Verglasungen der Kirchenfenster wohl ausnahmslos 
eine kunstgemäßc Ausfuhrung beliebt wurde und ebenso die weltliche Kunst in 
ihren Schloß- und Klosterbauten, den öffentlichen und Privatgebäuden der Städte 
von Tag zu Tag in höherem Grade an der Benutzung auch der Glasmalerei 
teilzunehmen begann. Besonders ist es der im 12. und 13. Jahrhundert in der 
Architektur eintretende Umschwung, welcher der Glasmalerei ein weites Feld sichert 

Die Gotik, im all- 
gemeinen die Fenster- 
flächen der kirchlichen 
Gebäude vergrößernd, 
in ihren Prachtbauten 
sogar die ganze, zwi- 
schen den Strebepfei- 
lern eingeschlossene 
Wandfläche bis auf 
niedrige Briistungs- 
mauern in Fenster auf- 
lösend, entzieht durch 
diese Umwandlung der 
in den romanischen 
Kirchen in großartiger 
Entfaltung auftreten- 
denWandmalerei einen 
beträchtlichen Teil des 
Raumes, denselben den 
Glasgemälden zur Ver- 
fügung stellend. In den aufgelösten Pfeilerbauten dieses Stils findet die Wandmalerei, 
zunächst die Pfeiler und die Dienstgruppen mit polychromen Mustern überziehend und 
alles plastische Ornament in Farben fassend, hauptsächlich noch im Gewölbe eine Stelle 
freierer Entwicklung. Die Schmückung der Wandfläche, zwischen schmalem Pfosten- 
werkganz aus Verglasung sich zusammensetzend, ist dem Glasmaler überwiesen worden. 
Aus dieser großen Bedeutsamkeit der Glasmalerei ergibt sich, daß wir von 
diesen, in allen Gebieten der Kunstübung festen Grund legenden Zeiten hervorragende 
Leistungen und eine sachgemäße Auffassung auch in diesem Falle zu erwarten haben. 
Gehen wir zu näherer l^eschreibung über. 

Die Glasgemälde weisen während der Dauer des romanischen Stils, der 
geringen Fenstergröße entsprechend, bescheidene Maße, besonders der Höhe nach, 
auf; die durchschnittliche Breite dieser Fenster bewegt sich zwischen zwei und vier 
Fuß (Abb. 7 Fig. i). In gotischer Zeit sind, und zwar während der frühesten 
Periode, einfache Fenster oft gruppenweise nebeneinander gestellt (Abb. 7 Fig. 2), 

Ötrhaler, Gesammelte Aufstitze. 2 




Abb. 7. 



sehr bald aber schon treten die breiten, pfostengeteilten Fenster auf. Die Pfosten 
erheben sich ganz oder nahezu bis in die Höhe des Bogenanfanges, sind dann 
durch Bogen verbunden und durch die einfacheren oder zusammengesetzteren 
Formen des Maßwerkes belastet. 

Der Glasmalerei bieten sich also außer den vertikalen Feldern die konzen- 
trischen Felder und die Zwickel des Maßwerkes. Hinsichtlich dieser auszufüllenden 
Räume sei gleich bemerkt, daß die Fensterformen der frühesten Gothik als die 
für die Malerei günstigsten zu betrachten sind: Die vertikalen Kompartimente 
wahren eine bedeutendere Breite, in einzelnen Fällen sechs und sieben Fuß, meist 
drei bis vier Fuß betragend; im Maßwerk ferner sind die Figuren groß und 
einheitlich, einfache Kreise oder sog. Pässe, d. h. reguläre Kombinationen von drei 
oder mehr Kreisbogen (Abb. 8 Fig. 3); mit fortschreitender Zeit werden die Fenster, 
felder schmäler, die Räume im Maßwerk kleiner und mehr und mehr von 
den sog. Nasen beschränkt, welche in die Konzeption der Malerei gar zu leicht in 
störender Weise eingreifen (Abb. 8 Fig. 4). Sehr günstige Gelegenheit bieten 
der Glasmalerei die 
Rosenfenster des frü- 
hen Stils. 

Die Verglasung 
ist in einzelnen, mit 
den größten Dimen- 
sionen höchstens drei 
Fuß erreichenden Ta- 
feln angefertigt, und 
fügen sich diese einer 
die Fensterfelder tei- 
lenden, beim Bauen 
eingemauerten eiser- 
nen Armatur ein, 
die entweder aus 
einer einfachen Folge 
flacher Eisenstangen 
besteht oder, mit 
schwächerem Eisen 
verdoppelt, die Fuge 

zwischen den Tafeln von beiden Seiten deckt. Die Befestigung geschieht durch 
Oesen und Splinte. Geteilt werden die durch die Armatur gewonnenen Abteilungen 
noch durch die sog. Windruten, etwa halbzöllige Rundeisen, die, mit den Enden 
in das Pfostenwerk oder unter jene Hauptschienen fassend und mit der Verbleiung 
durch aufgelötete Haften verbunden, die Tafeln gegen das Ausbuckeln schützen. 

An den Pfosten und Steinsträngen entlang greifen die Glastafeln in ver- 
schieden gestaltete Falze oder Nuten ein. Die Formen der Armatur, die, weit 
entfernt, der Malerei zu schaden, umgekehrt, ein kräftiges Rahmwerk bildend, 
ein nicht unwesentliches Moment für die Wirkung derselben darstellt, wechseln mit 
den Perioden. In den breiten romanischen und frühgotischen Fenstern besteht 
die Armatur teils aus geraden, horizontalen und vertikalen, teils aus kreisförmig 
gebogenen Stäben, ebenso kommen Vierpässe und andere Medaillonformen vor. 
Der späte Stil verzichtet auf diese reicheren Teilungen und führt für seine 




Abb. 8. 



19 

schmaleren Fensterfeldcr ein rcgelnia(3iges System von Pfosten zu Pfosten reichender, 
einfacher Querstangen ein. 

Die Glastafeln sind aus Scheiben von höchstens fünf Zoll Größe zusammen- 
gefügt. Das Glas ist oft unregelmäßig dick, im allgemeinen aber stark; wir 
haben Scheiben von nahezu der Dicke eines Viertelzolles getroffen. Die Rleistränge 
sind V4 t)is '/e Zoll breit, nicht sehr hoch, aber oft auf den Flächen abgerundet, 
was günstig wirkt. Die oft komplizierte Gestalt der Scheiben wurde denselben 
durch Sprengen mit einem rotglühenden Eisen gegeben und die Ränder nach- 
gearbeitet, das Blei mußte man gießen und den zur Aufnahme der Scheiben 
bestimmten I'alzen ebenfalls aus der Hand nachhelfen; wo drei oder mehr Stränge 
zusammentrafen, wurde das Löten und Veizinnen in der noch jetzt üblichen Weise 
vorgenommen. 



Wir schreiten nun zur Charakteristik der verschiedenen Art und Weisen, in 
denen sich die Ausfuiirung der eigentlichen Malereien bewegt. 

Zunächst enthalten die reicheren Fenster entweder figürliche Darstellungen 
oder vegetabilisches Ornament oder verbinden beides. Einzelne Teile sind dann 
auch wohl durch ein Mosaik bloß geometrischer Figuren gefüllt, und in den 
einfachsten P'ällen bilden diese allein das Muster. Hiernach unsere Einteilung 
treffend, besprechen wir: 

I. Das Pflanzenornament und die Ornamentfenster. Das Blattwerk ist streng 
stilisiert in der romanischen und frühgotischen Zeit, und bewahrt sogar in den 
Bauten des letzteren Stils die Glasmalerei bei ihren Blättern usw. den romanischen 
Charakter; in der späteren Zeit wird die Auffassung naturalistischer. Für die 
Frühzeit vorzüglich bezeichnend sind jene in der Mitte geknickten und sonach 
im Profil erscheinenden Blätter, die sich in drei oder mehr einfache oder wieder 
gespaltene, regelmäßig gerundete Lappen teilen. Dieselben wachsen seltener aus 
Stielen hervor, als sie die P2ndigung und dann gleichzeitig meist den Umschlag 
breiter Ranken bilden; das Blatt zeigt in diesem Falle die äußere Seite, wenn 
sich die Ranke von der inneren bietet, was für die Farbengebung ein günstiges 
Motiv liefert. DieRanken selbst sind mit Längsstrichen, mit Perlstreifen oder sonstigen 
Mustern behandelt oder seitlich mit Blattlappen besetzt. Wo die Einteilung es 
verlangt, sind konzentrische, an die Form der Blumenkrone anknüpfende, oft 
rosenähnliche, sog. Rosetten angeordnet. In der naturalistischen Manier der späten 
Periode sitzen die Blätter an wirklichen Stielen. 

Das Fenstergemälde zerfällt gewöhnlich in einen äußeren P^ries und die an 
Größe weit überwiegende innere P"läche. Seltener fehlt der Fries. Für die 
innere Fläche bildet entweder ein Schema geometrischer Streifen ein Netz und 
durchwächst dasselbe mit den von einzelnen Knotenpunkten ausgehenden Ranken 
und Blättern oder die Ranken allein bewirken die Einteilung, können aber in 
diesem Falle teilweise auch in geraden oder Kreislinien sich bewegen. 

Die farbige Ausfuhrung nun geschieht in der Weise, daß die Ornamente in 
hren Umrissen und inneren Konturen farbigen und weißen Scheiben mit brauner 
oder schwarzer Farbe aufgemalt und entweder gar nicht oder gleichfalls nur mit 
diesem sog. Schwarzlot modelliert sind. Wo demnach verschiedene Lokalfarben 
abwechseln sollen, werden auch verschiedene, durch die Bleifassung getrennte 
Scheiben nötig. Es liegt hierin das Grundprinzip und das Kennzeichen der 

2* 



20 

frühen Glasmalerei. Dieselbe ist ein Mosaik aus Hüttengläsern, deren Zeichnung 
nur durch Schwarz ihre weitere Detaillierung erhält. 

Die verwendeten Farben sind das Rot, das Blau und das Gelb in erster, 
das Grün und das Violett in zweiter Linie. Hierzu tritt das weiße oder vielmehr 
farblose Glas. Das letztere hat, und zwar zum Nutzen der Gesamtharmonie, einen 
grünen oder bräunlichen Anflug, ersteren ursachlich freilich infolge unvollkom- 
mener Fabrikationsweise. Der bräunliche Ton ist nicht zu verwechseln mit der 
braunen Färbung, die das weiße Glas oft infolge chemischer Veränderung nach- 
dunkelnd angenommen hat. Die bunten Farben treten fast nur in reinen, tiefen, 
satten Tönen auf, nur selten, zur Abwechslung in reicheren Mustern und spärlich 
ausgedehnt kommt ein helleres Rot und Blau vor. 

Das weiße Glas ist meist mattiert, um es körperlich zu machen und in der 
Wirkung das Herausfallen der weißen Scheiben gegen die farbigen zu vermeiden. 
Die bunten Gläser dagegen sind ohne einen solchen, die I'arbenfulle wesentlich 
beeinträchtigenden, gleichmäßigen Ueberzug geblieben. 

Das bunte Glas ist bei seiner Herstellung in der Masse gefärbt, mit Aus- 
nahme des Rot, das von jeher Ueberfangglas war, d. h. aus zwei aufeinander 
geschmolzenen Schichten, einer stärkern weißen und einer schwächeren roten, 
bestand, letzteres wegen der Kraft dieser Farbe, die das in der Masse gefärbte 
Glas bei jeder größeren, für sich allein haltbaren Stärke der Scheibe undurch- 
sichtig machen würde. Die geschmolzene Glasmasse ändert, wenn sie mit den 
färbenden Stoffen versetzt, auf den verschiedenen Temperaturgraden den Farbenton 
und man benutzte dies in manchen Fällen zur Gewinnung unterschiedener Nuancen. 
Meistens aber ist durch das ganze Fenster hindurch das angewandte Rot, Blau 
usw. jedesmal das nämliche. 

Das Schwarzlot ist eine Schmelzfarbe, d. h. eine mit Glasfluß gemischte 
Farbe, die kalt auf die Scheibe aufgetragen und dann eingeschmolzen wird. Der 
Gang der ganzen Arbeit ist also der, daß zunächst die aus fertigen Hüttengläsern 
genommenen Scheiben dem gemachten Karton entsprechend zugeschnitten, dann, 
auf diesem Karton liegend, mit dem genannten Schwarzlot nach Art der Malerei 
in Wasserfarben gemalt, dann gebrannt und schließlich zusammengesetzt und 
verbleit werden. 

Das Schwarzlot spielt am meisten ins Braune in den französischen Glas- 
gemälden, in Deutschland findet sich oft ein wirkliches, kräftiges Schwarz. 

Die Stärke der im allgemeinen kräftigen Konturen wechselt, besonders ist 
darauf die Entfernung der Malerei vom Beschauer von Einfluß, wie diese auch 
die einfachere oder mehr ausgeführte Detaillierung überhaupt bedingt. Wohl zu 
beachten ist die Art, in welcher die Bleistränge die einzelnen Scheiben umziehen. 
Ohne sich kleinlich der Kontur anzuschließen, umschreiben sie dieselbe in großen 
Zügen und geben der Scheibe damit nur die Bossenform der auf ihr gemalten 
Blätter u. dergl. Die Diflerenzflächen zwischen der gezeichneten Kontur und 
dem Bleistrang sind dann einfach schwarz ausgefüllt, und es liegt in der hierdurch 
entstehenden Kraft der Umrisse ein Hauptfaktor für die Deutlichkeit und den 
Efi"ekt (Abb. 9). Wo der tiefen Einschnitte, z. B. eines Blattes wegen das aus- 
füllende Schwarz eine übertriebene Geltung erlangen könnte, ist dasselbe durch 
kleine leuchtende Pünktchen gelichtet. Die besprochene Bleifuhrung bringt 
vorzugsweise auch noch eine sachgemäße Vereinfachung in die Arbeit des 
Glasers. 



Die Modellierung bezweckt nicht die Angabe von Licht und Schatten; wo 
sie auf das Ornament Anwendung findet, sind nur die Rippen der Blätter oder 
Ranken beiderseits durch in schwächeren Tönen gehaltene, rnit ihnen auslaufende 
Streifen vertieft. 

In der Farbenverteilung macht sich ein oberstes Gesetz dahin geltend, daß 
sich das Ornament hell von dem dunklen Grunde abhebt. 

Fi.ir die einschlägliche Ausführung der Ornamentmalerei, und zwar zuvörderst die 
einfachere Art derselben, bieten ausgezeichnete Beispiele die Fenster der Elisabeth- 
kirche in Marburg (Abb. A auf Tafel 2). Große freie Rankenzüge von etwa i '/i Zoll 
Breite zerlegen die Fläche in innere und äußere Felder, welche dann mit abzweigenden 
Ranken, Blättern, Knospen und Fruchten gefüllt sind. In den inneren Feldern 
ist der Grund tiefblau, in den äußeren rubinrot; Ranken und Blätter sind weiß, 
die ersteren hier und da von gelben Schnallen (die Stränge zusammenfassenden 
Ringen) unterbrochen; überhaupt ist das ganze System von weißem Ornament 
auf abwechselnd blauem und rotem Grunde nur mit wenigen Fleckchen von 
Gelb uiul Grün aufgeputzt, jenes noch fiir die Mittelpunkte mehr konzentrischer 

Blattpartien, dieses in den regel- 
mäßig verteilten, nach Art von 
Trauben behandelten Früchten 
erscheinend. 

Etwas reicher gestaltet sich 
diese Art, wenn nur für die Ranken 
das Weiß, für die Blätter das 
Gelb gewählt ist. Wie oben be- 
merkt, schlagen sich dann die 
Blätter gegen die Ranken um, 
so daß bei dem gesamten Orna- 
ment eine weiße und eine gelbe 
Seite vorausgesetzt ist, von denen 
bald diese, bald jene sich nach 
außen kehrt. 

Im Triforium des Straßburger 
Münsters, in Resten von Glas- 
malereien im Dome zu Soest und in verschiedenen französischen Kirchen dehnt sich 
sodann, immer mit Beibehaltung der freien Bewegung des Ornaments und der roten 
und blauen Gründe, der gesamte restierende Farbenvorrat auf die Blätter und Blumen 
aus. Die Blätter sind meist in Gruppen geordnet, die von gemeinsamen Knoten 
ausstrahlen und wechseln in Weiß, Gelb, Gn.m und Violett, auf rotem Grunde 
kommt oft noch Blau hinzu, auf blauem Grunde Rot. Fortwährend aber sind 
Hauptabteilungen gebildet durch helle Streifen, nämlich durch die weiß oder gelb 
belassenen Ranken oder durch durchgeflochtene geometrische Bänder (Abb. B auf 
Tafel 2, aus Straßburg). 

Aehnlich wie in diesen Werken für die Färbung des Grundes das Rot mit 
dem Blau abwechselt, finden sich auch symmetrisch gestellte und einander ent- 
sprechende Teile des Ornaments in abwechselnden Farben behandelt, wobei z. B. 
ein Blatt, das zuerst grün gefärbt ist, bei der nächsten Wiederholung in Violett 
auftritt, dann wieder grün wird usw. Diese sog. Farbenverschiebung erstreckt 
sich sowohl auf der Höhe nach getrennte Wiederholungen im gewöhnlichen 




22 

Sinne, als auch auf die symmetrischen Hälften derselben Ornamentgruppe und 
trägt wesentlich bei zu dem belebten Farbenreiz in alten Glasbildern wie in der 
ornamentalen Malerei des Mittelalters überhaupt. 

Die beschriebene Behandlungsweise ist im ganzen der frühesten Zeit eigen; 
das 14. Jahrhundert liebt es dagegen, seine Ornamentfenster zunächst durch ein 
streng geometrisches Schema zu gliedern. Beispiele dieser Art sind vielfach 
erhalten, von auffallender Schönheit u. a. in der Oppenheimer Katharinenkirche, 
im Kölner Dom, in der Soester Wiesenkirche, der Thomaskirche zu Straßburg 
(Abb. C aufTafel 2), dem Dom zu Freiburg und der Klosterkirche zu Haina. So spannt 
sich z. B. in einem der einfachsten und schönsten derartigen Fenster des Freiburger 
Domes ein Netz großer Rauten über das Ganze, entstanden durch das Einlegen 
schwarzgemusterter gelber Streifen innerhalb deren das Rot, außerhalb das Blau 
als Grund sich findet. In jeder ganzen Raute liegen vier, in jeder halben zwei 
weiße Scheiben, die nach Art eines Vierpasses in die Grundform eingesetzt und 
deren jede mit einem weißen Blatte auf schwarzem Grunde bemalt ist. Im Mittel 
punkte jedes Vierpasses sind rote und grüne Rosetten angebracht. 

In anderen Fällen, und zwar der Mehrzahl nach, ist das geometrische Schema 
noch strenger den Formen des architektonischen Maßwerkes entsprechend aus- 
gebildet. Es entsteht z. B. das Muster durch große, der Höhe nach aufeinander 
folgende Kreise mit einem eingesetzten Vielpaß und bunter Mittelrosette, indeß 
jeden Lappen des Passes ein weißes Blatt einnimmt. F"ast regelmäßig sind die 
trennenden Stränge, besonders die maßwerkartigen, gelb gefärbt. 

Sobald mit Unterdrückung des farbigen Grundes die ganze Fläche sich mit 
weißem Laubwerk füllt, das nur noch durch bunte Bänder nach einzelnen Kom- 
partimenten sich sondert, geht das Genre in das der Grisaillen über, von denen 
später die Rede sein wird. 

Die die Fensterflächen einfassenden Friese schließen gegen den Stein hin 
mit einem Streifen weißen Glases ab, der die Bestimmung hat, die Malerei von 
der umgebenden Architektur lebhaft abzuheben. Die Friese bestehen aus engeren 
Wiederholungen von Blattformen, in frei geschnittene Scheiben eingeschlossen 
oder einer geometrischen Gruppierung sich einfügend, sind von Bändern durch- 
zogen oder bilden sich auch v/ohl nur durch solche, etwa rosettenbesetzte Bänder. 
Das den alten Glasmalern geläufigste Motiv für die Behandlung dieser auch zur 
Teilung der inneren Fensterflächen verwandten Bänder besteht in dem sog. Perlfries, 
d. h. in einer Folge von kreisförmigen Augen in der Farbe des betreffenden 
Glases auf dem durch das Schwarzlot geschaffenen schwarzen Grunde, einfach 
für sich stehend, mit kleineren Augen abwechselnd, von hellen Linien eingefaßt usw. 
Desgleichen finden sich Muster, aus Dreiecken, Quadraten, Rauten usw. zusammen- 
gesetzt, oder man hat die Streifen auch mit schwarzen Linien und Pünktchen auf dem 
hellen Grunde des Glases geschmückt. 

2. Figurenfenster. Sie ergeben sich sofort aus den mit Blattwerk verzierten 
Glasmalereien, sobald der Fläche derselben einzelne oder der Höhe nach wieder- 
holte Medaillons sich auflegen, welche die figurlichen Darstellungen in sich ein- 
schließen (Abb. D auf Tafel 2, aus Marburg). Dies ist die romanische und früh- 
gotische Weise. Die Medaillons sind kreisförmig, übereck quadratisch, nach einem 
Passe gebilde oder sonst aus geraden Linien und Kreisstücken zusammengesetzt. 
Umgebent sind sie von mehr oder weniger reich ausgebildeten, bänderartigen 
Einfassungen oder auch durch wirkliche Laubwerkfriese. Die Einteilung der 




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Medaillons verbindet sich mit der der eisernen Armatur der Fenster, indem ent- 
weder jede der durch die Querstangen geschiedenen Tafeln ein Medaillon faßt 
oder diese von dem reicher angelegten Eisenwerk umzogen werden. Ueberhaupt 
schlieüt sich jedem komplizierteren Schema der Armatur stets auch die Einteilung 
der Malerei an. 

Fiir die Flächenteile außerhalb der Medaillons wird zunächst die im vorigen 
entwickelte Behandlung mit Ornament beibehalten; der Grund in den Medaillons 
ist durchgehend derselbe oder wechselt in zwei Farben ab, desgleichen kann er 
mit dem Grund der umgebenden Zwickel übereinstimmen oder sich gegen ihn 
verschieben. Auch jetzt entscheidet man sich hauptsächlich für Rot und Blau zu 
den Gründen. 

Die Figuren nun sind in dieser Gattung der Medaillonbilder, der die Mehrzahl 
der frühen Figurenmalereien angehört, meist tableauartig zu Gruppen verbunden 
und bewegen sich deshalb und wegen der neben den Friesen und der Einfassung 
verbleibenden beschränkten Fläche der Medaillons in geringen Maßen. Die Farben 
sind die der Natur, und es wird daher auch für die kleinsten Figuren noch die 
Zusammensetzung aus verschiedenen Glasstücken nötig, indem das z. B. rote Kleid 
aus rotem, der grüne Mantel aus grünem Glas genommen werden muß. Die 
Fleischfarbe ist entweder durch einen lichten Ton gelben Glases hergestellt oder 
man hat einfach weißes Glas genommen; das Haar ist bei kleinen Dimensionen 
nur durch schwarze Zeichnung auf der fleischfarbenen oder weißen Scheibe des 
Kopfes angegeben, bei größeren Maßen werden einige Scheiben gelben oder bräun- 
lichen Glases für dasselbe verwandt. 

Kontur und Modellierung sind wie bei den Ornamenten nur durch das 
Schwarzlot hervorgebracht, und wie bei jenen ist auch hier die Nachahmung der 
Natur in etwaiger Wiedergabe der komplizierteren Lichteffekte und besonders 
der Schlagschatten durchaus vermieden. Das ganze Bild ist nur kolorierte 
Umrißzeichnung, höchstens sind die durch kräftige Striche dargestellten Falten 
des Gewandes da, wo sie besonders zur Geltung gelangen sollen, durch begleitende, 
strichweise aufgetragene Halbtöne von Schwarzbraun verstärkt. Bei keinem dieser 
Bilder kann man sagen, daß das Licht von dieser oder jener Seite käme, sondern 
es sind, wo überhaupt außer der Zeichnung in Strichen noch modelliert ist. nur 
die tiefer liegenden Partien von den höher liegenden abgehoben, so dafl z. B. eine 
zwischen zwei parallel laufenden scharfen Falten sich ergebende Tiefe der Deut- 
lichkeit halber durch Schraffierung als solche bezeichnet ist. 

Neben den Medaillonbildern kommen vereinzelt schon früh, später allgemeiner 
große stehende Figuren vor, welche schließlich jene Darstellungen in kleinerem 
Maßstabe ganz verdrängen. Diese Standfiguren erreichen oft die Lebensgröße. 
In allgemeinerer Anwendung treten sie mit den pfostengcteilten Fenstern der 
gotischen Architektur auf, in denen gewöhnlich der Breite nach auf jedes Feld eine 
solche Figur zu stehen kommt (Abb. E auf Tafel 2, aus Straßburg). In bewunderns- 
w-erter Feinheit des Gefühls findet sich die Einheit zwischen der Malerei und den 
einschließenden Architekturformen in der Behandlung dieser Bilder gewahrt. Die 
Haltung der Figuren ist in allen Fällen eine strenge, statuarische; bezüglich der 
Färbung fällt nie die Figur aus der Umgebung heraus, sondern sind im Gegenteil 
die Farben so verteilt, daß Figur und Grund in bester Harmonie als gleich- 
berechtigte Teile des Teppichmusters sich geltend machen, das für das Ganze den 
Charakter abgibt. Diese Einzelfiguren stehen frei auf dem verschieden behandelten 



Grunde oder unter sog. Baldachinen. Die Gegenstände für die Figurenmalerei 
der kirchlichen Fenster, und nur solche sind aus dieser Frühzeit auf uns ge- 
kommen, sind im allgemeinen heiligen, biblischen oder legendarischen Inhalts. 
Entweder sind die Personen der Gottheit, einzeln oder vereint im Bilde der 
Dreifaltigkeit, zur Darstellung gebracht, oder die heilige Jungfrau in verschiedener 
Auffassungsweise, oder die Einzelgestalt eines Heiligen bildet den Gegenstand, 
oder es entwickeln sich vor unseren Augen die Szenen der heiligen Geschichte 
oder des wunderbar reichen Legendenschatzes der Kirche. 

Nur selten nimmt das einzelne Bild einen größeren Grad von Selbständigkeit 
in Anspruch, meist verbindet es sich mit anderen oder mit dem Ganzen zu einem 
Bilderzyklus. Der Zusammenhang ist im letzteren F"alle ein bloß historischer oder 
es sind den in historischer Folge aneinandergereihten Vorgängen die entsprechenden 
sog. Prototypen gegenüber gestellt. Einen besonders beliebten Gegenstand für 
die Medaillondarstellungen gibt die Geschichte des Heilandes und die seiner 
gebenedeiten Mutter ab. Die Bilder folgen dann von unten nach oben und schließt 
der erstere Zyklus im obersten Felde des Fensters oder im Maßwerke in der 
Regel mit der Darstellung des Welti ichters, wie er auf dem Regenbogen sitzt und 
die Erde unter den F"ußen hat; als Schlußtableau im Leben der Maria erbhcken 
wir gewöhnlich den Akt ihrer Krönung durch den göttlichen Sohn oder durch 
die vereinigten Personen der heiligen Dreifaltigkeit, der heilige Geist dann in 
Gestalt der Taube herniederschwebend. Als Proben jener Prototypen, die so 
häufig mit den heiligen Szenen im Zusammenhang dargestellt sich finden, nennen 
wir, als beispielsweise sich auf den Kreuzestod des Erlösers beziehend, die 
Ermordung des Abel, die Opferung des jungen Isaak, die von Moses erhöhte 
Schlange; so entsprechen ferner der Auferstehung die Darstellung des Daniel in 
der Löwengrube, der drei Jünglinge im Ofen, des Jonas im Walfisch, der Tochter 
des Jairus usw. 

Im unteren Teile der Fenster erscheinen nicht selten die kleinen Figuren der 
Stifter in betender Stellung, auch deren Wappen. Die Wappen schmücken meistens 
den architektonischen Untersatz der Standfiguren. 

Das Kostüm der Figuren ist während der frühesten Periode das römische, 
schon vom 12. Jahrhundert an aber kommt das jeweilige Gewand der Zeit zur 
Anwendung, häufig zwar noch nach antiken Reminiszenzen idealisiert, oft aber 
auch, und zwar zunehmend in der Spätzeit, direkt dem gewöhnlichen Leben 
entlehnt. 

Die Gründe bleiben einfachsten Falles einfarbig. So stehen in den kleinen 
Spitzbogenfenstern des Mittelstockwerkes des Münsters zu Straßburg große 
Figuren auf einfach rotem oder blauem Grund, ohne Untersatz und Baldachin, 
ja ohne umgebenden Fries. In reicheren Ausführungen ist in der oben be- 
schriebenen Art der Grund mit Ornament gefüllt; nicht selten hat auch die 
geringe Größe der neben den Figuren verbleibenden Flächen den Anlaß gegeben, 
dieselben nur mit einem farbigen Mosaik aus geometrisch geschnittenen, kleinen 
Scheiben zu versehen. Für die Mittelperiode des gotischen Stiles charakteristisch 
sind die einfachen Wiederholungen meist rautenförmiger Scheiben, jede mit einem 
Blättchen bemalt und getrennt meist durch Streifen, oft nur durch bunte Pünktchen. 
Zu prachtvollster Wirkung gelangen die Gründe durch die Auflösung in große 
Medaillons, denen die Standfigur aufliegt, ausschließlich rechts und links einen 
Teil derselben sichtbar lassend. So in Gelnhausen, Limburg und Marburg. 



!5 



Wir gelangen zur gemalten Architektur dieser Fenster, zunächst in den 
Haldachinen verwendet. Es ist dieselbe ein Gegenstand von großer Wichtigkeit 
für die neuen Anwendungen der Glasmalerei, insofern man häufig gerade in 
diesem Punkte von der alten Weise abgegangen. Die gemalte Architektur, 
besonders des frühen Stiles, ist etwas ganz anderes als eine sklavische Nach- 
ahmung des Steinbaues, sondern stellt sich in ähnlicher Weise leicht und phantastisch 
dar wie die Architekturen, die wir als Ueberreste italisch-griechischer Kunst auf 
ilen Wandgemälden von Pompeji finden; die einzelnen Teile sind in Form, 
Zusammenstellung und Verhältnis nie behandelt, als ob architektonisch konstruktive 
Rücksichten und Notwendigkeiten das maßgebende wären, sondern nach malerischen 
Prinzipien ausgebildet. Dem Charakter einer Flächenmalerei angemessen, sehen 
wir eine bloße Umriflzeichnung vor uns, oder es ist eine leichte Schattierung in 

völlig konventioneller Art nur 
da angebracht, wo es die not- 
wendige Verdeutlichung des 
Gegenstandes erfordert. Das 
gleiche gilt von der Perspektive, 
denn noch weniger als ein be- 
stimmte Lichtrichtung ist für die 
Bezeichnung ein bestimmter 
Horizont, ein bestimmter Augen- 
punkt angenommen. Die Per- 
spektive tritt ein , wo es aus 
Gründen der Deutlichkeit wün- 
schenswert erscheint, einen Teil 
nicht bloß in der Vorderansicht, 
sondern auch in der Seiten- 
ansicht, der Unter- oder Auf- 
sicht zu zeigen. — Die Färbung 
für diese Architekturen ergibt 
sich, völlig absehend von natura- 
listischen Rücksichten, nur aus 
den Erwägungen, die für die 
Farbengebung des ganzen Fen- 
sters überhaupt bestimmend sind, 
aus Gründen harmonischer Ver- 
teilung und Abwägung. Daß 
diese Prinzipien die vorwaltenden, ersieht sich auch recht deutlich an einem Detail wie 
den Heiligenscheinen, die ebenso häufig als das Gold und Licht vorstellende Gelb auch 
die blaue, rote, überhaupt aber die in den Zusammenhang passende F"arbe haben. Im 
allgemeinen gehen die Baldachine und sonstigen Architekturen hell vom Grunde ab. 
Für die symmetrisch stehenden Ikddachine verschieben sich wohl die Farben. — Die 
ältesten Baldachine sind nur ein einfacher Bogen, gewöhnlich auf Säulen ruhend, 
die beiderseits der Figur als Einfassung dienen. Als nächste Zutat tritt ein 
überspannter Giebel, eine sog. Wimperge, hinzu, oder es überbaut sich die Figur 
mit jenen burgartigen Gruppierungen von Türmchen, Häuschen und Erkern, welche 
als Darstellung des himmlischen Jerusalem aufzufassen sind (.'^bb. lo Fig. 6 u. 7). 
Die späteren Baldachine, stockwerkweise in freier Behandlung die Elemente der 




Abb. 10. 



26 



entsprechenden architektonischen Entwicklungen, Strebepfeiler, Giebel, Fialen, 
Bogen und Strebebogen zusammensetzend, zeichnen sich meist durch bedeutendere 
Höhe aus, wie sich dieselbe aus den fast übermäßig hohen Fensterfeldern dieser 
Periode entwickeln mußte (Abb. lo Fig. 8). 

Inschriften sind eine nicht seltene Zugabe auf den mittelalterlichen Glas- 
malereien. Die Buchstaben haben die Farbe des Glases, der Grund ist schwarz, 
bei größerem Maßstab sind oft je zwei derselben durch Flecken einer anderen 
Farbe getrennt (Abb. 1 1). 

Ob die geschilderte Behandlungsweise der alten Glasmalereien eine im 
Prinzip richtige und also auch für die Wiederanwendung berechtigte gewesen, ist 
eine Frage, welche häufiger mit unbewiesenen Behauptungen kurz abgetan, als 
studiert und mit Gründen erörtert wird. Wenn es aber mit Recht zu bezweifeln 
steht, daß eine Malweise, wie sie für eine bestimmte Gattung, z. B. die Staffelei- 
malerei der Oelbilder, ausgebildet worden, bloß deshalb auf alle anderen Gattungen 
ausgedehnt werden soll, weil sie eine größere Zahl technischer Mittel zur Ver- 
fügung stellt, so ist es unserer Meinung nach gerade in dem vorliegenden Falle 
der Glasmalerei von \\'ichtigkeit, sich Rechenschaft darüber zu geben, ob jene 
Mittel die dem Genre entsprechenden sind. Ein Glasgemälde wird gegenüber 
jeder anderen Malerei nicht vom reflektierten, sondern vom durchfallenden Lichte 
beleuchtet, dasselbe bildet ferner einen Teil der Wand, welcher durch das 
Oeffnen des Fensters aus- 
geschnitten wurde, durch 
die Glasfläche für Auge und 
Gefühl wiederhergestellt wer- 
den soll. Glasgemälde in 
neuerdings so häufig be- 
liebter Weise mit allen 
Mitteln der Oelmalerei in 

General- und Lokaltönen, allen Lichteffekten und bestimmter Perspektive, mit land- 
schaftlichen Hintergründen usw. ausgestattet, werden dem Auge, welches nach dem 
Fenster sieht, stets an unbestimmter Stelle im Raum zu schweben scheinen und nie in 
ein Zusammenwirken mit der umgebenden Architektur zu bringen sein. Die alten 
Fenstermalereien, völlig flach ausgeführt, besonders in der Farbengebung alle Teile 
in Gleichberechtigung und Harmonie setzend, tragen den Charakter der Wand, der 
Fläche, und reproduzieren jene Teppiche, mit denen man im Altertume die 
Fenster verhängt hatte. Jedes einzelne Detail in der alten Behandlungsweise 
trägt dazu bei, die Glasmalerei zur Flächenmalerei zu machen, so neben der 
Ausfuhrung der Figuren selbst die glatt gemusterten oder einfarbigen Hintergründe, 
die konventionelle Perspektive, die oft gleichmäßig die Gewänder überziehenden 
Muster usw. Indem die alte Glasmalerei ihr Programm, die Schließung der 
Fensteröffnung durch eine Fläche, die sich auch in der Behandlung als Fläche 
präsentiert, in höherem Grade erfüllt als die moderne, der Oelmalerei sich 
anschließende Manier, kann es nicht befremden, daß tatsächlich die Schöpfungen 
der ersteren jedem nicht einseitig gebildeten Beschauer die vollständigere Be- 
friedigung gewähren. 

3. Die Grisaillemalerei. Sie wurde im 13. und 14. Jahrhundert hauptsächlich 
für die nach Einfachheit strebenden Kirchen der Zisterzienser gewählt und ist 
nur mit Schwarzlot ganz auf weißem Glase hergestellt, eine Art, die natürlich 




B 




Abb. II. 



vorzugsweise für ürnamentcnmalerei in Betracht kommt. Das Laubwerk ist mit 
kräftigen Strichen gezeichnet und der Grund selten weiß gelassen, meist kreuzweise 
schraffiert oder mit Punkten besetzt. Wie bei den bunten Fenstern bewegen 
sich die Ranken frei oder nach geometrischem Muster oder wechseln mit Streifen. 
Bei den einfachsten Beispielen wiederholt sich regelmäßig dieselbe Scheibe mit 
demselben oder einem wechselnden Ornamente. 

Grisaillefenster von großer Schönheit finden sich aus dem 13. und 14. Jahr- 
hundert in der Klosterkirche zu Altenberg, doch tritt hier zu den Grau in Grau 
ausgeführten Malereien teilweise noch eine, wenn auch sparsame Belebung durch 
bunte Punkte und Streifen. Besonders gute Muster bieten auch die Fenster des 
Kreuzganges der Kirche zu Heiligenkreuz bei Wien. 

4. Die farblosen Musterfenster sind zwar nicht unter die Glasmalereien im 
engeren Sinne zu rechnen, doch erwähnen wir derselben, weil besonders diese 
Gattung sich zur Benutzung für moderne Gebäude so sehr empfiehlt, und zwar 
in allen Phallen, wo beschränkte Baumittel oder sonstige Rücksichten die Be- 
schaffung wirklicher Malerei nicht gestatten, anderseits man aber doch etwas 
Kunstmäßigeres verlangt als die landläufige Verglasung mit großen Scheiben. 
Es sind Reste solcher Arbeiten in Kirchen nur selten erhalten, am gewöhnlichsten 
wurden sie auch zur Befensterung profaner Gebäude gebraucht, wie die Zimmer- 
prospekte auf alten Bildern dies häufig dartun. 

Das einfachste Muster ist eine Zusammensetzung derselben Scheibenform, 
also aus Rauten, Sechsecken oder Dreiecken. Mannigfaltiger wird es durch 
Abwechselung zwischen zwei P'ormen, z. B. zwischen Achtecken und Quadraten 
von der Breite der Achteckseite. Hierhin gehört die Verglasung mit den sog. 
Butzenscheiben, runden einzeln geblasenen Scheiben von infolge des Drehens 
nach der Mitte hin zunehmender Dicke, sehr beliebt im späten Mittelalter und 
den folgenden Jahrliunderten. P^in sehr ergiebiges und von den Alten in größter 
Mannigfaltigkeit durchgeführtes Motiv ergibt sich in den bekannten Band- 
verschlingungen; ein oder mehrere Bänder durchziehen, sich kreuzend, gerade 
oder gewunden, die Flache, wobei die Regel gilt, daß ein Band immer abwechselnd 
über und unter dem anderen sich durchflicht. In reichsten Beispielen kommen 
freie Ornamente hinzu oder füllen solche für sich allein das Fenster. Hierbei ist 
dann die P'orm der Blätter eine sehr vereinfachte, indem durch Vermeidung der 
einspringenden Winkel nur wenige geschwungene Linien die Kontur abgeben, so 
die Herstellung durch Ausschneiden erleichternd und das Charakteristische der 
Technik zum Ausdruck bringend (Abb. F auf Tafel 2 bietet einige Beispiele). 

In einem Pralle fanden wir den Grund vom Ornamente durch die Wahl eines 
grünlicheren Glases abgehoben, was wir mit günstigem Resultate in zahlreichen 
neuen Ausführungen angewandt haben. 

Noch erwähnen wir der bisweilen eingetretenen Vergoldung der Bleistränge 
nach außen hin, durch welches Mittel man das Dessin in wirksamer Weise auch 
für den außenstehenden Beschauer deutlich machte. 

5. Kombinationen. Das überwiegende Höhenverhältnis vieler Kirchenfenster 
führte darauf, dieselben der Höhe nach in zwei Teile zu zerlegen, den unteren 
Teil für größere Standfiguren zu reservieren, den oberen Teil mit Ornament, biuit 
oder in Grisaille, zu schmücken. So folgt ähnlich wie in vielen anderen Kirchen, 
in den oberen Fenstern des Kölner Domes, welche die Reihe der Könige von 
Juda vorführen, in jedem P"ensterfelde von unten nach oben zuerst ein archi- 



28 

tektonisch gehaltenes Piedestal mit dem Wappen der Stifter, dann auf gemustertem 
Grunde die lebensgroße Königsfigur, dann der eine gleiche Höhe in Anspruch 
nehmende Baldachin und schließlich das ornamentale Muster. In Marburger 
Fenstern stehen zwei Figuren übereinander, dann erst schließt sich das ^Muster an. 

In der freilich erst spätgotischen Kirche zu Blutenburg bei Mijnchen sind in 
geschmackvoller Weise Glasmalerei und bloße Glaserarbeit aus Butzenscheiben 
verbunden. Das unterste Feld gehört einer der aufeinanderfolgenden Szenen der 
Passion und ist mit einer ganz niedrigen Architektur bekrönt, das zweite Feld 
enthält ein Wappen, der obere, weit größere Teil des Fensters ist mit Butzen 
verglast. 

Ferner erhöht sich der Effekt Grau in Grau ausgemalter Fenster, ja selbst 
farbloser Verglasung häufig durch gemalte, farbige Friese, die ihnen zur Ein- 
fassung dienen, oder, was besonders oft vorkommt, die Fensterfelder enthalten 
ganz oder überwiegend Grisaille oder weißes Glas und das Maßwerk bunte 
Malerei. Umgekehrt findet man das Maßwerk in dann freilich bunter, unbemalter 
Mosaik, während die vertikalen Felder bemalt sind; der Grund ist die größere 
Entfernung des Maßwerkes vom Auge. Beispiele bieten Marburg, Herford usw. 



Schließlich sei die Art erwähnt, wie man gewöhnlich Glasmalereien in den 
Fenstern der Wohngebäude anordnete. Weil nämlich hier eine vollständige 
Bemalung wegen der durch dieselbe eintretenden Verdunkelung des Zimmers 
unstatthaft wurde, führte man die beabsichtigten Figuren, Wappen u. dgl. in 
einem schon durch die geringe Entfertigung vom Auge gerechtfertigten, sehr 
kleinen Maßstabe aus und fügte dies Bildchen der Mitte des Fensters ein, das 
übrigens mit rautenförmigen, sechseckigen, runden oder ähnlichen Scheibenformen 
geschlossen wurde. 

Ehe wir zur Besprechung der Glasmalerei des späten Stiles übergehen, 
möchten wir kurz auf den Zusammenhang aufmerksam machen, in welchem die 
alte Fenstermalerei mit der Polychromie des ganzen Gebäudes fest. Das Mittel- 
alter machte einen sehr weitgehenden Gebrauch von den Farben. Die große 
Mehrzahl der romanischen und gotischen Kirchen war im Inneren, oft auch im 
Aeußeren bemalt. Für das Innere ward eine Behandlung in den kräftigen, 
ungemischten Tönen der einfachen Erdfarben, zunächst der Ockerfarben gewählt, 
oder dasselbe in die leuchtenden Farben der höheren Skala, dann unter umfassender 
Benutzung des Goldes gesetzt. Die farbige Behandlung dehnte sich aus auf die 
Architekturformen, auf alle Flächen, einschließlich der Bodenfläche, auf die 
ornamentale und bildliche Skulptur, auf das Möbelwerk und alle Einrichtung mit 
fast alleiniger Ausnahme der der Berührung ausgesetzten Möbel, wie z. B. des 
Gestühls. 

Es ist nun klar, daß ein so durchgeführtes System der Farbenanwendung 
auch die Bemalung der Fenster erforderte, daß aber auch diese Glasgemälde in 
einem solchen Zusammenhange einen weit höheren Grad von Berechtigung 
einerseits und Wirkung anderseits sich aneigneten, als, herausgerissen aus diesem 
Zusammenhange und in einer vielleicht geweißten Kirche angebracht, möglich ist. 
Die Polychromierung der allergrößten Zahl alter Kirchen ist unter neuem Putz 
und Anstrich verschwunden, auch bei Neubauten hat man sich gewöhnlich für 



29 

einfachen, hellen Anstrich oder für die noch schlimmere Kemalung, statt in 
entschiedenen, in unendlich gedämpften h'arbentönen entschlossen. Die Glas- 
malerei fuhrt in solcher Umgebung zu einem disharmonischen, schreienden, 
beleidigenden Eindruck. Man vergleiche nur in dieser Hinsicht z. B. die in der 
Bemalung verdorbenen oder derselben überhaupt noch nicht unterworfenen Kirchen 
in Oppenheim und Marburg, die Dome in Köln, Frankfurt und Ilalberstadt 
besonders mit den durch gluckliche Restaurationen in ihrer alten Farbenpracht 
wiederhergestellten französischen Monumenten, u. a. des Chores der Kathedrale in 
Paris, der Sainte-Chapelle daselbst, der Kirchen bezw. einzelner Kapellen in Rheims, 
St. Denis, Amiens usw., oder auch nur mit dem Straßburger Munster, in dem 
der Gegensatz des allenthalben in seiner natürlichen, tiefdunklen Farbe erscheinenden 
Bausteines zur Weiße der Gewölbkappen die Polychromie ersetzt. 

Wo Glasmalereien befindlich oder angebracht werden, sollte man auch die 
Mittel nicht scheuen, eine wenn auch noch so einfache, in jedem Falle aber ent- 
sprechend kräftige Bemalung der Architektur vorzunehmen. Fast unerläßlich ist 
eine, und zwar dunkle, abstechende Färbung der Fensterpfosten und des Maß- 
werkes. 

Das spätere Mittelalter fuhrt neue Hilfsmittel und Erfindungen in das 
Technische der Glasmalerei ein, im allgemeinen nicht zum Vorteile dieser Kunst. 
Gegen die Mitte des 14 Jahrhunderts tritt die Anwendung der gelben Schmclz- 
farbe auf, der zweiten Farbe, die durch Malen und Einbrennen aufgebracht wird, 
nachdem in dieser Hinsicht bisher nur das Schwarzlot vorhanden gewesen. 

Im 15. Jahrhundert fängt man an, außer dem roten Glase auch andere, 
besonders Gläser von gemischten Farben durch Ueberfangen herzustellen und 
schreitet sogar dazu, dieselbe Scheibe mit mehreren Schichten von verschiedener 
Färbung zu überziehen. 

Der Gebrauch, welchen man von diesen technischen Fortschritten macht, ist 
der folgende: 

Zunächst erscheint es nicht mehr geboten, wo das Gelb die Lokalfarbe 
ausmachen soll, dasselbe in eigenen Scheiben einzufügen, vielmehr wird es häufig 
dem weißen Glase eines angrenzenden Teiles aufgemalt. Es ermöglicht dies 
Verfahren die Anwendung der gelben Farbe in kleineren und kleinsten Teilen, 
in feinen Linien z. B., und es schmücken sich daher zuerst die Ränder weifler 
Kleider, die Glieder weißer Architektur mit gelben Mustern. Jetzt wird auch 
das Haar der Figuren meist der hellen Scheibe des Gesichtes mit gelber Farbe 
aufgemalt. 

Eine weitere Anwendung aber findet das Gelb als ein Mittel zur Model- 
lierung. Es kommt in dieser Beziehung für sich oder gemeinsam mit dem Schwarz- 
lot vor, und zwar auf allen Farben. Oft wird auf einer Seite der Scheibe mit 
Schwarz, auf der anderen nnt Gelb gemalt. 

Viel reichere Mittel stellt das Verfahren des Ueberfangens zur Verfugung, 
da man nun die farbige Kruste eines solchen Glases nach beliebiger Zeichnung 
ausschleifen und auf den ausgeschliffenen Stellen die zum Vorschein gekommenen 
Schichten weißen oder bunten Glases mit Schwarz oder Gelb ausmalen kann. 

Diese neuen Erfindungen sind indes häufig in verhältnismäßig späteren 
Malereien noch ignoriert oder in bescheidenem Maße verwendet, und es finden 
sich bis ins 16. Jahrhundert hinein Fenster, die im wesentlichen das alte Mosaik- 
system festhalten, nur daß auf den weißen Scheiben nach Bedürfnis mit Gelb 



30 

gemustert ist. Dahin gehören z. B. die oben erwähnten, vortrefflichen Malereien 
zu Blutenburg aus dem Jahre 1494. Hauptsächlich Ornamentfenster benutzen 
noch lange nur die in der alten Manier gegebenen Mittel. So äußert sich die 
späte Technik z. B. in Fenstern des 1 5. Jahrhunderts, die die Münchener Frauen- 
kirche enthält, ausschließlich in der durch Ausschleifen bewirkten Bildung eines 
weißen Auges als Mittelpunkt einer roten Rosette. 

Die Gegenstände der Figurenmalerei bleiben die der vorigen Perioden, doch 
fällt oft die größere Bedeutung auf, welche man den Personen der Stifter und 
ihren Wappen zugewiesen hat. Mehr und mehr kommen auch weltliche Vor- 
gänge, selbst in Kirchen, zur Darstellung; vorwaltend aber gegen das Ende des 
Mittelalters hin zieren sich die Profanfenster mit Szenen aus der Landesgeschichte 
oder der Geschichte der betreffenden Familie. 

Das Ornament nimmt die späteren Stilformen an, mit ihnen in manchen 
Fällen eine ausgeführtere Modellierung. Was die Gesamteinteilung der Fenster 
betrifft, so bleibt sie für die bloß ornamentalen Malereien dieselbe wie früher, nur 
daß ganz freies Laubwerk seltener, die Teilung durch ein Maßwerkschema dagegen 
fast allgemein herrschend wird. Aus den Figurenbildern verschwinden die 
Medaillons, die Figuren stehen regelmäßig unter Baldachinen, die selbst an 
Bedeutung und Höhe immer mehr zunehmen, auch wohl für die verschiedenen 
Felder desselben pfostengeteilten Fensters querüber zu einer zusammenhängenden 
Architektur verwachsen. Erst im 16. Jahrhundert geben die einzelnen F"iguren 
großer Dimension ihre Selbständigkeit auf und nehmen teil an der gemeinsamen 
Handlung eines einzigen Bildes, zu dem sich das ganze Fenster gestaltet. 



Das Resultat dieser Aenderungen besteht da, wo dieselben in höherem 
Maße auftreten, in einer Störung der Harmonie zwischen der Fenstermalerei und 
der Architektur. Das Glasgemälde büßt oft, wenigstens teilweise schon den 
Charakter der Fläche ein, reißt sich los vom Ganzen des Bauwerkes und will ein 
eigenes, abgesondertes Leben führen. Es entspricht eine solche Richtung dem 
Auseinandergehen der einzelnen Künste, wie dasselbe vom 15. Jahrhundert ab, 
der ganzen großen Kunst zum größten Schaden, sich geltend machte. Es schwindet 
das Bewußtsein, daß der Bau in Architektur, Skulptur und Malerei ein Einheitliches 
sein soll und der einzelne Meister sucht, mehr und mehr auf Kosten der Gesamt- 
harmonie, einseitig nach Effekt strebend, die Ausbildung seines Werkes. 

Seitdem die Einwirkung der neuitalischen Kunstbestrebungen auch im übrigen 
Abendlande fühlbar wird, emanzipiert sich die Glasmalerei fast vollständig von 
den allgemeinen Stilgesetzen. Das Glasgemälde wird ein Kunstwerk für sich, das 
der Architektur sich nirgend willig einfügt, sondern nur widerwillig die vermeint- 
lichen Hemmnisse erträgt, welche das Stabwerk und die Armatur der Fenster 
sowie die Technik des Verbleiens ihm auferlegt, statt gerade aus diesen Grund- 
lagen heraus seinen Charakter in eigentümlicher Weise zu entwickeln. Man sucht 
die höchste Aufgabe darin, sich die Effekte einer fremden Gattung, der Oelmalerei 
anzueignen. Unterstützt werden diese Bestrebungen durch weitere Vervoll- 
kommnungen auf dem technischen Gebiete; gegen die Mitte des 16. Jahrhunderts 
gelangt man zur Herstellung der verschiedensten Farbentöne in Schmelzfarben, 
so daß man nun zu einer vollendeten Appreturmalerei, d. h. einer Malerei mit 
bunten Farben auf nur weißem Glase schreiten kann. Die nächste Folge ist die 



3] 

Einfuhrung größerer Scheiben; dem Verlangen nach diesen kommt die gleichfalls 
bereicherte Praxis des Glasmachens entgegen. 

Das neue Prinzip der Appretur spricht sich in manchen Fällen in einer so 
schroffen Weise aus, daß über das ganze Fenster hin eine gleichmäßige Einteilung 
viereckiger Scheiben gezogen ist und diese dann unabhängig von der Bleiführung 
mit den einzelnen Teilen des Gemäldes versehen sind. Häufiger freilich folgt 
das Blei nach alter Weise noch den Hauptkonturen, wie denn auch die Benutzung 
von in der Masse gefärbten oder überfangenen Hüttengläsern nicht sofort auf- 
gegeben wird, sondern gerade in den besten Beispielen auch des i6. und 17. Jahr- 
hunderts zum Teil sich beibehalten findet. Aber auch in diesen macht sich der 
Verfall geltend; der Verzicht auf zahlreichere Bleikonturen raubt dem Bilde einen 
Teil der Kraft ; von den Farben übernehmen Weiß und Gelb die Hauptrolle und 
zerreißen und durchlöchern das Fenster, besonders von weitem aus gesehen, wo 
das Detail der Zeichnung verschwindet; durchgeführte Licht- und Luftperspektive, 
landschaftliche oder andere vertiefte Hintergründe stellen ganz und gar den 
Charakter der Staffeleibilder dar; die Figuren ordnen sich in großen Kompositionen 
zu bewegten Gruppen usw. 

So verwerflich dieser Stil sich für die großen, monumentalen Aufgaben 
erweist, so gibt es doch ein Gebiet, auf welchem er es der Natur der Sache nach 
zu erfreulicheren Leistungen bringt. Es sind dies die oben erwähnten, aus 
unmittelbarer Nähe zu beschauenden Bildchen der Profangebäude, denen auch die 
mehr durchscheinende, als durchsichtige Ausführung in Schmelzfarben nicht 
schadet. Sie sind häufig auf eine einzige Scheibe gemalt, und hat sich diese als 
Kabinetsmalerei bekannte Gattung vorzüglich in der Schweiz zu hoher Blüte ent- 
wickelt. 

Uebrigens verdienen die Glasgemälde dieser Zeit, eben als Gemälde betrachtet, 
oft eine hohe Aufmerksamkeit durch die vollendete Zeichnung und malerische 
Behandlung. Es war nicht selten der Fall, daß die bedeutendsten Künstler die 
Kartons zu diesen Arbeiten anfertigten. So sind z. B. Holbein und Aldegrever, 
vielleicht auch Dürer, nach dieser Richtung hin tätig gewesen. 

Das 16. Jahrhundert erfand auch den Bleizug, die Anwendung des Diamants 
und wandte für die aufzubringenden Ornamente oft die Schablone an. 



Wie stets, wo eine Kunstgattung ihre Eigentümlichkeit aufgegeben, gefährdet 
auch die Glasmalerei auf dem eingeschlagenen Wege ihre Existenz. Aehnlich so 
vielen anderen Kunstzweigen, die das Mittelalter geschaffen und gepflegt, verliert 
sie allmählich an Boden und geht bald schon in bezug auf das Technische und 
das Geistige mit beschleunigteren Schritten dem Untergange entgegen. Man 
wendet immer mehr nur das weiße Glas an, schon gegen das Ende des 17. Jahr- 
hunderts ist die früher allgemein in Uebung befindliche Prozedur zur Gewinnung 
der Ueberfanggläser ein verschollenes Geheimnis geworden. Die bilderstürmenden 
Tendenzen der Reformationszeit und der nach hellen, sogenannten freundlichen 
Kirchen verlangenden Aufklärungszeit des vorigen Jahrhunderts vernichteten die 
größte Masse der überkommenen Kunstschätze, nicht wenig verdarb während des 
dreißigjährigen Krieges, der späteren Kriege und der französischen Revolution, 
barbarische Restaurationsversuche kamen hinzu, und so wäre von diesen herrlichen 
Werken nichts auf uns gekommen, wenn man nicht seit dem Anfange unseres 



32 

Jahrhunderts ihren Wert wieder schätzen gelernt, das noch Vorhandene größten- 
teils sichergestellt und an die letzten Ausläufer der alten Traditionen angeknüpft 
hätte zum Zwecke der Wiedergeburt dieser Kunst. 



Als man im gegenwärtigen Jahrhundert daran ging, die auf allen Gebieten 
in einen großen, geistigen Bankerott eingetretene, bildende Kunst durch Aufnahme 
auch mittelalterlicher Elemente zu verjüngen, war dies Bestreben leider zu häufig 
das Produkt mehr eines oberflächlichen Gefallens an den Resultaten der alten 
Kunstübung als eines tieferen Verständnisses und Hineinlebens in den Geist der 
betreffenden Schöpfungen. In einer gewissen Selbstüberhebung und Ermangelung 
wirklichen Fleißes glaubte man und glaubt ein seichtes Kunstliteratentum so 
vielfach heute noch für das Erzeugnis jugendlich übersprudelnder Phantasie halten 
zu dürfen, was nur aus gewaltigster Geistesarbeit und einer in Kunstsachen uns 
eigentümlich fremd gewordenen Logik erwachsen war. Daraus erklärt sich, daß 
man die alte Weise, bevor man sie irgend eingehender studiert, zu veredeln und 
zu verbessern unternahm. 

Glücklicherweise ist die Glasmalerei einer von den Kunstzweigen, auf deren 
Gebiet die technischen Schwierigkeiten schon ein so leichtfertiges Vorgehen im 
allgemeinen verwehren mußten, und man betrieb die neueren Versuche darin 
meist mit einem nicht genug zu lobenden Ernste und Eifer. Doch brachte es die 
herrschende Geistesrichtung mit sich, daß man vorzugsweise den Erzeugnissen 
der Spätzeit seine Aufmerksamkeit zuwendete und ihre damals nicht zu endgültigem 
Abschluß gelangte Entwicklung fortzubilden suchte, natürlich in Anstrebung aller 
Effekte der Oelmalerei. Die konsequente musivische Behandlung verschmähte 
man ihrer angeblichen „rohen Unbehilflichkeit" wegen und übersah nur zu 
häufig die W'irksamkeit eines kräftigen Konturs dem durchfallenden Lichte 
gegenüber. 

Das Mittelalter, wie das klassische Altertum, schuf für jede besondere tech- 
nische Gattung in der Kunst einen eigentümlichen entsprechenden Stil; der Stein, 
der Ziegel, das Holz, das Metall usw. wurden ihren speziellen Eigenschaften 
gemäß ausgebildet und behandelt, in der Architektur sowohl, als in der Skulptur, 
so war auch in der Malerei das Freskobild ganz anders beschaffen als das Tafelbild, 
ein Glasbild anders als eine gestickte oder gewirkte Darstellung. Diese klassischen 
Bahnen verlassend, haben die neueren Kunstbestrebungen, die den einzelnen 
Kunstzweig bereichern wollten, die Kunst im ganzen stets um ein wesentliches 
ärmer gemacht, wo sie die durch die Sache geforderte Technik, dies Wort im 
niederen und im höheren Sinne genommen, darangaben und Fremdes nachzuahmen 
suchten. 

Aber wie, um nur ein Beispiel zu nennen, die moderne Ausartung des 
Holzschnittes schon allgemein vom besseren Geschmacke mit den kernigen 
Schöpfungen der alten Meister verglichen und verurteilt wird, wie man vom 
Architekten schon wieder eine Holzkonstruktion verlangt, wo er mit Holz, eine 
Eisenkonstruktion, wo er mit Eisen baut, so wird man über kurz oder lang wohl 
allgemein in einem Glasbild ein Glasbild und nicht eine der Technik zum Trotz 
hergestellte Nachahmung eines Oelbildes sehen wollen. 

Man hat die Anwendbarkeit der Mosaikmalerei damit bestreiten wollen, daß 
man in ihr dem Künstler nicht genügende Gelegenheit gegeben glaubte, seine 



33 

Kunstfertigkeit und alles, dessen er fähig, zur Entfaltung zu bringen. Dieser An- 
schauung gemäß müßte man aber auch in der Dichtkunst z. B. die reimlose 
Dichtung verwerfen und sich auf den Standpunkt der Kinder stellen, die von 
einem ordentlichen Gedichte verlangen, dafl es sich reimt, müßte man in jede 
Gattung der Tonkunst, in das Volkslied und das Kirchenlied den ganzen Reichtum 
an Mitteln hineintragen wollen, über den diese Kunst verfügt. Wir sind aber 
der festen Meinung, daß eine Malweise, die so hohe Anforderungen in bezug auf 
Zeichnung und Farbenwahl stellt wie die Glasmalerei, nach dem alten Systeme 
noch genug des Feldes bietet zur Geltendmachung künstlerischer Tüchtigkeit. 
Streben wir doch auch hier nach Mannigfaltigkeit statt nach Eintönigkeit und nach 
Kunst statt nach Künstelei! 



Die neue Glasmalerei ging, wie bekannt, hauptsächlich von Bayern aus, erst 
allmählich folgten das übrige Deutschland und Frankreich nach Die Münchener 
Glasmalerei, gewiß lebhaft anzuerkennen, besonders, insofern sie den Weg wieder 
eröffnete, hat doch auch in vielen ihrer Hervorbringungen gegen das gesündigt, 
was wir als die besseren, als die wahren Prinzipien ansehen. 

Gute neue Mosaikfenster sind für die Münchener Frauenkirche ausgeführt 
worden, desgleichen in nicht unbedeutender Zahl in hessischen und westfälischen 
Kirchen, in Köln und Halberstadt. Vorzüghch sind auch die Arbeiten französischer 
Glasmaler in Paris, Rheims, Chalons usw. Leider hat sich gerade in Deutschland 
auf die Glasmalerei auch der in der Neuzeit in so bedauerlicher Weise sich breit- 
machende Surrogatschwindel geworfen seit der Entstehung der Linnicher Fabrik, 
welche bei leider nicht unbedeutendem Absätze nach Art der Kattundruckerei 
aufgeschmierte Muster statt wirklicher, eingebrannter Glasmalerei unter dem an- 
gemaßten Namen der letzteren in die Welt hinausschickt. 



Schiifur, Gcsainiiieltf Aufsätze. 



34 



Emailliertes WeilirauGlischiffchei) des 13. Jahrhunderts. 



(Mit I Holischnitt.) 



Das untenstehend dargestellte interessante Gefäß fanden wir vor zwei Jahren 
im Besitze der Kirche des Dorfes Neuenbeken bei Paderborn. Dasselbe möchte, 
abgesehen vom Werte als Kunstwerk, schon deshalb der Mitteilung wert sein, 
weil bekanntlich gerade Kauchschiffchen aus einigermaßen früher Zeit nur selten 

sich erhalten haben; ist 
doch dies Gefäß auch mehr 
als ein anderes der dem 
Kult dienenden Objekte 
der Gefahr der Beschädi- 
gung ausgesetzt. Außer- 
dem aber zeichnet sich 
unser Exemplar wohl vor 
der Mehrzahl der bisher 
publizierten Beispiele höhe- 
ren Alters durch besonders 
geschmackvolle Behand- 
lung aus, wie es den klein- 
sten auch in Hinsicht auf 
gute Erhaltung, soviel hier- 
von bei den veröffentlich- 
ten Beschreibungen jener 
zu ersehen, überlegen zu 
sein scheint. 

Die Form ist die der 
Frühzeit eigene schifför- 
mige, mit niedrigem Fuß, übereinstimmend mit den auf 
Bildern und Grabsteinen des 13. und 14. Jahrhunderts 
nicht selten in der Hand inzensierender Engel dargestellten 
,,naviculis". Ein in der Profillinie, der Gestalt des Fußes und den Umrollungen der 
Deckel vollständig übereinstimmendes Schiffchen zeichneten wir nach der Darstellung 
auf einem gravierten Grabstein in Chalons-sur-Marne. Das Profil erinnert in seiner 
straffen Linie noch lebhaft an die Antike und hat noch nichts von der später oft 
in geringerem oder höherem Maße eintretenden Ausbiegung des oberen Randes. 




Zuerst gedruckt in den ,, Mitteilungen der K. K. Zentral-Komniission" Wien 1S67. S. XLVllI. 



35 

Der Fuß ist niedrig konisch, die Deckel sind nach mit dem Zirkel gezogenen, an 
den Ecken verrundeten Spitzbögen konstruiert und schwanenhalsartig umgerollt 
mit je einem Hundskopf als Abschluß dieses Griffes. Das Material ist geschlagenes 
Kupfer, das auf der äußeren Fläche vergoldet wurde. Die Deckel und der Fuß 
sind in Email ausgeführt. 

Bekanntlich unterscheiden sich die Schmelzarbeiten danach, ob die die Zeich- 
nung herstellenden Metallkonturen aus dem metallenen Grunde hochkantig auf- 
gelöteten Streifchen bestehen oder aus der Masse genommen sind, das Metall auf 
den von ihnen eingeschlossenen, später mit Email gefüllten Zwischenräumen aus- 
gegraben ist. Unser Schiffchen zeigt die letztere, im Gegensatz zu der ersteren 
aus Byzanz gekommenen Technik die abendländischen und unter ihnen wieder 
die späteren Werke kennzeichnende Art der Arbeit und stimmt darin mit der über- 
wiegenden Zahl der auf un.s gekommenen Monumente überein, indem schon das 
vorzuglich produktive 13. Jahrhundert fast allgemein die schwierigere und nicht 
die gleiche Solidität gewährende ältere Weise verließ. Ferner haben wir die 
Gattung von Schmelzarbeit vor uns, in der teilweise, und zwar gerade in den 
l'^iguren, das Metall auch als p-läche auftritt, gegenüber dem freilich kunstreicheren 
Verfahren, das auch diese Figuren aus verschiedenen Farben von Glasfluß herstellt. 
Jeder Deckel enthält innerhalb eines schmalen goldenen Frieses ein spitzbogiges 
Feld in Lapislazuliblau als Grundfarbe. Demselben fügt sich ein kreisförmiges 
Medaillon ein, jeder der drei Zwickel ist mit einer kleineren Rosette und zwei 
goldenen Punktchen geschmückt. Im Medaillon ist der Grund dunkelblau, um- 
zogen wird es von dem doppelten Goldstreifen, den Theophilus in seiner ,,schedula" 
für die Einfassung solcher Medaillons vorschreibt; das zwischen den Goldstreifen 
eingeschlossene blaue Emailbandchen ist etwas dunkler noch als der innere Grund. 
Jedes Medaillon enthält die von den Knien an sichtbare stehende Gestalt eines 
F^ngels mit einem geschlossenen Buche in den Händen und aus einer Wolke sich 
erhebend. Die Zeichnung ist in außergewöhnlich starken Strichen eingraviert, 
die Linien sind fließend und von gutem Schwung, der Stil streng und geschmack- 
voll, die Ausfuhrung sicher und elegant. Die Figur wird in ihrem äußeren Um- 
risse von einer tieferen und breiteren, ursprünglich wohl mit Niello gefüllten 
F^urche umzogen, von welcher Ausfüllung aber Spuren nicht mehr zu entdecken. 
Ein gleiches Niellorändchen scheint die äußere Abgrenzung der Wolke abgegeben 
zu haben. Uebrigens besteht diese von oben nach unten aus einem doppelten 
Goldstreifen, einem Streifen weißer, dann blauer Email und einem lebhaft ziegel- 
roten Kern. Der Nimbus des einen Engels ist von innen nach außen streifen- 
weise rot, grau, weiß und in Gold ausgeführt, beim andern tritt hier an die Stelle 
der grauen Farbe das dunkle Blau. — Beiderseits von den Figuren dient je ein 
goldene Ranke zur weiteren Ausfüllung. — Die kleineren Rosetten bilden sich aus 
einem roten, zunächst dunkelblau umzogenen Auge, einem lebhaft grünen, einem 
gelben und einem goldenen Streifen, erstere nach einem unregelmäßigen Vielpasse 
gelegt, letzteres nach außen den kreisförmigen Umriß einhaltend. 

Im Fries ist auf den gerundeten Seiten nur eine Reihe von im Quadrate 
einbeschriebenen Vierblättchen angeordnet, am Scharnier entlang kommt eine 
Reihe abwechselnd gestellter, je durch einen Punzenschlag hervorgebrachter drei- 
eckiger Tüpfel hinzu. 

Die die Griffe abschließenden Köpfchen sind wundervoll charakteristisch in 

der I'orm und von großer Feinheit in der Ausfuhrung. 

3* 



36 

Die Schale ist ohne Emailschmuck nur mit einem gravierten Muster ver- 
sehen, bestehend aus einem einfachen Bogenfries und darüber einem Fries von 
Sägezähnen, diese sind blattrippenartig gestrichelt. 

Der F"uß war nach unten mit einem konzentrisch umlaufenden Emailband 
verziert, dessen Farben aber nicht festzustellen sind, weil hier der Schmelz bis auf 
den letzten Rest ausbröckelte, nur die Wellenlinie ist noch erhaben sichtbar, die 
die weitere Detaillierung dieses Bandes ausgemacht hat. 

Abgesehen von diesem Schaden und der größtenteils abgescheuerten Ver- 
goldung, ist die Erhaltung dieses Gefäßes eine vollkommene. — Die Maße sind 
7 Zoll Länge und 3 ',4 Zoll Breite, die Höhe beträgt 1-3 Zoll. Das Kupfer ist 
im Deckel '/n Zoll stark, in der Schale etwas schwächer, für die Emailausfüllung 
ist das Material bis auf die Hälfte der Dicke ausgetieft. 

Der in unserer Zeichnung in der Hälfte der Größe abgebildete Löffel möchte 
wohl noch der ursprüngliche sein und ist ebenfalls von Kupfer und vergoldet. 



Von den Abbildungen von ähnlich alten Rauchschiffchen, die uns zu Gesicht 
gekommen, stimmt am nächsten mit unserem Exemplar eines der von Darcel 
in den „Annales archcologiques" mitgeteilten überein (Didron, Ann. arch. S. 14). 
Der Schmuck der Schale ist fast genau derselbe, auf den Deckeln aber ist die 
Gesamtanordnung, die auch der umgebenden Friese entbehrt, weniger geschmack- 
voll, und scheint die Zeichnung des auch hier angebrachten Engels, verglichen mit 
dem ausgezeichneten Stil des Neuenbekner Schiffchens, roh und ungeschickt zu 
sein. Auch zeigen diese französischen Muster in etwas schon die Ausbiegung 
des oberen Randes der Schale, welche, noch stärker ausgeprägt, in dem von 
Herrn von Hefner-Alteneck (Kunstwerke usw. Bd. II) in Abbildung publizierten 
Schiffclien aus der Sammlung des Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen das Profil 
in eine entschiedene, ziemlich unschöne Kontrekurve hinüberführt. 

In Ansehung des Ursprungs des beschriebenen Gefäßes neigen wir der 
Meinung zu, daß dasselbe ein Erzeugnis der Kunstindustrie von Limoges sei. In 
der den Formen und der Technik nach wohl als Entstehungszeit anzunehmenden 
Zeit von 1250 etwa, versahen die Limousiner Werkstätten schon einen großen 
Teil von Deutschland mit Emailarbeiten. Schon die Ausführungsweise nur des 
Medaillongrundes in Email, der Figuren in Metall, wie sie für die spätere Zeit 
von Limoges charakteristisch ist, in den Cölner Werken aber die Ausnahme 
bildet, spricht für den französischen Ursprung, wenn auch nicht die große Aehn- 
lichkeit mit dem erwähnten Schiffchen aus Roder und die Uebereinstimmung 
wenigstens einzelner Details mit denen anderer in Frankreich aufbewahrten 
Limousiner Erzeugnisse, die wir zu beobachten Gelegenheit hatten, uns die aus- 
gesprochene Meinung nahelegte. — Etwa von der etwas holprigen Linienführung 
der vier Ranken des Deckels und der weniger exakten Ausführung der sechs 
kleinen Rosetten abgesehen, kann dies Kunstwerk gewiß auf Geschmack und 
Eleganz einen gegründeten Anspruch erheben, und können wir uns aus vollem 
Herzen dem a. a. O. ausgesprochenen Wunsche des Herrn Darcel anschließen, daß 
unsere Goldschmiede ihre gewöhnlich häßlichen Muster gerade für Weihrauch- 
schiffchen durch das Studium dieser Werke des 13. Jahrhunderts bessern möchten. 



Neubau auf Schloß Hinnenburg iu Westfalen."^ 

(Mit 4 Abbildungen.) 



Das auf Abb. 13 bis 16 in den Rissen und einigen Details gegebene Gebäude 
bildet einen Teil der von dem Verfasser für die den Grafen von Bocholz-Asseburg 
zugehörige und seit Jahrhunderten von Gliedern dieses Geschlechtes bewohnte 
Hinnenburg bei Brakel entworfenen und unter seiner Leitung im Jahre 1866 aus- 
geführten Baulichkeiten eines Schloflvorhofes. 

Die Minnenburg liegt in halbstündiger Entfernung von dem genannten 
Städtchen auf dem Auslaufe eines von drei Seiten her steil ansteigenden Hügels. 
Das die Gebäude aufnehmende Plateau desselben ist von geringer Breite und 
teilt sich der Länge nach in zwei Absätze von nicht unerheblichem Höhenunter- 
schied. Demgemäß beherrscht einerseits das eigentliche, die Wohnräume fassende 
Schloß bezüglich der Höhe den Vorhof, welcher neben der Burgkapelle Stallungen, 
Oekonomiegebäude und Bauten für die Beamten und die Verwaltung aufnimmt; 
anderseits war in der außergewöhnlichen Beschränkung des Bauterrains die 
Nötigung gegeben, mit den Gebäuden bis hart an die Abdachung des Berges 
vorzugehen und selbst den Abhang zu benutzen und teilweise mit zu bebauen, 
dies sowohl bei den ursprünglichen, als den neu angelegten Gebäuden, so z. B- 
bei dem hier mitgeteilten Hause. 

Das Schloß bietet in seinem mächtigen Eckturme und zweien seiner Flügel 
mittelalterliche Architektur, auf dem Vorhofe präsentiert sich die höchst malerisch 
situierte und gegliederte achtseitige Kapelle, deren Inneres im Zusammenhange 
mit den Neubauten stilgerechter Restauration unterworfen wurde, als Werk sogar 
frühmittelalterlicher Periode: so war der Stilcharakter der neuen Anlagen von 
vornherein ein gegebener, abgesehen davon, daß die Ueberlegenheit gerade des 
gotischen Stiles in der hier vorherrschend zur Anwendung gebrachten Holz- 
konstruktion wohl anerkannterweise feststehen möchte und die Grundlegung 
desselben forderte. 

Das mitgeteilte Haus nimmt eine Ecke des Vorhofes ein und schließt sich 
nach der einen Seite an andere Bauten an, indeß nach der anderen Seite eine 
hohe Futtermauer die Verbindung mit der Burgkapelle herstellt. Der Berg fällt 
innerhalb der bebauten Fläche um etwa 18 Fuß ab, so daß nach der dem Hofe 
abgewendeten Seite hin die Geschosse bedeutend unterbaut werden nuißten. 



*) Zuerst gedruckt in der ,, Allgemeinen Bauzeitung", Jahrg. 1868, S. 



38 

Dieser Unterbau ist massiv ausgeführt, ebenso der Witterungseinflüsse wegen voll- 
ständig der eine nach Westen hin sich richtende Flügel, dessen Lage auf scharf 
vorspringender Bergnase eine in hohem Grade exponierte; für den östlichen Flügel 
empfahl sich, und zwar zunächst aus Gründen der Raumgewinnung durch Ueber- 
bauten, der Fachwerkbau. Die Umgebung bildet nach außen der herrliche 
Buchenbestand des Burgberges, in welchen hinein und über welchen hinweg in 
liebliche Fernsicht besonders der Erker der Südseite die Aussicht öffnet. 

Das Erdgeschoß setzt sich aus einer Durchfahrt und angeschlossener Leute- 
halle nebst zwei Ateliers für den persönlich der Kunstübung obliegenden Besitzer 
des Schlosses zusammen, die Etage und das Dachgeschoß des westlichen Flügels 
enthalten Wohnräume. Außer der Durchfahrt ist das Erdgeschoß unterkellert worden. 

Was nun die Ausführung angeht, so war dabei die Absicht leitend, ent- 
.sprechend der formlichen Konzeption sich gänzlich auch den mittelalterlichen 
Verfahrungsweisen anzuschließen. Wir haben in diesem Bestreben nun zwar im 
vorliegenden Falle sowohl als bei manchen vorhergegangenen Ausführungen in 
vielfachen Widerspruch der geläufigen modernen Praxis gegenüber eintreten 
müssen, doch hat uns dabei immer das Bewußtsein zur Beruhignng gedient, dem 
unserer Ansicht nach obersten Gesetze der mittelalterlichen Kunst, der Ableitung 
von Form und Erscheinung überhaupt, außer aus dem allgemeinen Programm aus 
den Eigenschaften des Materials und den Regeln baulicher Mechanik, eben aus 
der Konstruktion, nach dem Maße unserer Kräfte gerecht geworden zu sein. 
Wir sind den Stilarten des Mittelalters mit einiger Vorliebe zugetan, trotzdem 
sind uns nicht selten gotische Werke selbst neuesten Datums aufgefallen, von 
denen wir die Gotik hätten hinwegwünschen mögen; dieselbe haftet nämlich, 
nur die Resultate der Kunstbestrebungen unserer Vorfahren benutzend, aus- 
schließlich auf den Formen, oft nur auf den Formen des Aeußeren, der Fassade; 
man hatte vergessen, daß diese Formen, für ein bestimmtes Material entwickelt 
und eins sich nicht für alle schickend, unterworfen einer veränderten Ausführungs- 
weise, bedeutungslos oder gar in schlimmerem Lichte erscheinen mußten. Noch 
bekennen wir, daß häufig uns das technische Verfahren der Alten vor dem ent- 
sprechenden neueren den Vorzug zu verdienen scheint, und zwar an und für sich 
betrachtet. 

Als Mauermaterial standen die fast überall in Westfalen gefundenen Kalk- 
bruchsteine zur Verfügung; die Ecken und Gliederungen sind aus Tuffstein aus- 
geführt, nur die stark belasteten Konsolen ließen die Benutzung eines festen Sand- 
steines wünschenswert erscheinen, indem der hiesige Tuff eine nur geringe relative 
Festigkeit besitzt. 

Bei der Fundamentierung brachten wir in Anbetracht des stark geböschten 
Terrains und demnach der großen Verschiedenheit des an sich nicht sehr trag- 
fähigen Baugrundes ein Verfahren zur Anwendung, welches der mittelalterlichen 
Technik angehört und das sich besonders empfiehlt, wo das Terrain abschüssig 
ist und man gleichzeitig an ein schon bestehendes Mauerwerk oberhalb anschließen 
will. Es wurden nämlich nach dem Berge hin und mithin umkehrend gegen die 
Richtung, in der er abfällt, die Fundamente stufenweise tiefer gemacht. In den 
gewöhnlichen Fällen, in welchen die äußeren Erdschichten lockerer und weniger 
tragfähig sich erweisen, hilft man durch dieses Mittel den Gefahren des ungleichen 
Setzens, eventuell dem Abreißen vom vorhandenen Mauerwerke, wenigstens teil- 
weise ab. 



39 




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Abi). 13. Südseite. 



40 

Das Mauerwerk wurde mit vollen Fugen hergestellt und bei jedesmaligem 
höheren Rüsten das vollendete Stück in Rapputz gesetzt. Es möchte wohl das 
Geheimnis der oft bewundernswerten Dauer des alten Flächenputzes eben darin 
zu suchen sein, daß man in solcher Weise den Putzmörtel mit dem Mörtel der 
Fugen möglichst intim sich verbinden machte. Ebenso wurden die Werksteine 
ins volle Kalkbett versetzt und die starken, halbzölligen und dreiviertelzölligen 
Fugen immer noch frisch mit der Kelle kantig ausgeschnitten. Solchergestalt 
vermeidet sich, wie namentlich die alten Backsteinbauten Norddeutschlands zeigen, 
das Ausbröckeln der Fugen, welches erfahrungsmäßig bald eintritt, wo dieselben 
nach dem Trocknen des inneren Mörtels ausgekratzt und mit frischem Fugen- 
mörtel verstrichen werden. 

In den Brüchen, welche den hiesigen Kalkstein liefern, findet man zahlreiche 
Klüftungen, vertikal die Schichten durchschneidend. Die Steine zeigen in den- 
selben glatte, oft wie poliert erscheinende Köpfe, dem Aussehen nach geurteilt, 
eine besondere Beständigkeit versprechend, und in der Tat beständiger als die 
gesprengten oder gehauenen Flächen. So haben sich diese Köpfe an Partien des 
Paderborner Domes, welche aus dem 12. und 13. Jahrhundert stammen, sehr gut 
gehalten, indes die bearbeitet hergestellten Flächen zoll- und fußtief ausgefressen 
sind. Herr Baumeister Volmer in Paderborn hat bei Neubauten daselbst schichten- 
rechtes Mauerwerk ganz und gar mit solchen Köpfen ausgeführt, und es kommt 
dabei den Fassaden, abgesehen von der Dauerhaftigkeit, noch die wechselnde, 
oft prächtige, meist in rotbraunen Tönen sich bewegende Färbung dieser Flächen 
zu gute. In unserem vorliegenden Beispiele sind die P"lächen berappt und nur die 
größeren Köpfe vom Putze frei gelassen. Freilich wird es bei dieser Benutzung 
der natürlichen Spaltflächen nötig, zum großen Teile die unter schiefem Winkel 
ansetzenden Lager nachzuarbeiten. 

Die Gewölbe sind flache Kreuzgewölbe von einem Dritteil Pfeilhöhe im 
Gurte; die Anfänger sind aus Tuffstein gearbeitet, übrigens das Gewölbe in Ziegeln 
ausgeführt, und unter alleiniger Einrüstung der Gurt- und Gratbogen die Kappen 
aus freier Hand eingewölbt. Das Gewölbe ist ohne Putz geblieben, die Fugen 
sind ausgestrichen worden. 

Wo Holzarchitektur in den alten Formen hergestellt werden soll, macht es 
sich, will man den Charakter der Echtheit wahren, fast als erstes Erfordernis 
geltend, das Material frei von jedem deckenden Ueberzug in seiner natürlichen 
Beschaffenheit sehen zu lassen. Gewöhnlich beabsichtigt man durch Aufbringen 
des beliebten Oelanstriches nun wohl, das Holz wider die Angriffe des Wetters 
sicherzustellen und seltener mag dabei eine gewollte Verschönerung der Natur 
das nächste Motiv abgeben. Wir glauben aber, daß wenigstens ein Vorteil, den 
der Anstrich in Ansehung des ersten Punktes etwa gewähren sollte, mehr als 
aufgehoben wird durch die verderblichen Folgen, welche die dann vollständige 
Aufhebung des Luftzutritts besonders zu dem frischen, viel Saft enthaltenden 
Holze mit sich fuhrt. Die alten Holzbauten blieben, wenn nicht eine künstlerische 
Bemalung zum plastischen Schmucke hinzutrat, ohne Anstrich und äußeren Putz, 
überall an den erhaltenen Beispielen aber hat sich das Material gut konserviert, 
und das nicht nur, wo die Eiche das Bauholz par excellence lieferte, wie in den 
meisten Gegenden Deutschlands und Frankreichs es der Fall war, sondern auch 
gleichmäßig in den aus Nadelholz gezimmerten Häusern der Harzgegend und der 
süddeutschen Berge; so hat die gesamte prächtige Holzarchitektur Halberstadts 



41 




OST _ SEITE. 



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Abb. 14. 



42 

ihr Material aus den Nadelholzwäldern des Harzes genommen. Dasselbe ist trotz 
der Jahrhunderte vortrefflich erhalten, soweit man das beurteilen kann, soweit 
eben nicht der Ungeschmack neuerer Zeitläufte die eleganten Skulpturen mit der 
Oelfarbenkruste verkleisterte. Ohne Zweifel hat man in damaliger Zeit auf die 
Auswahl des Bauholzes eine größere Sorgfalt verwandt als es jetzt oft möglich 
die für das Fällen geeignete Zeit gewissenhaft eingehalten, und regelmäßiger als 
es jetzt geschieht, den Prozeß des Auslaugens zur Anwendung gebracht, haupt- 
sächlich aber möchten diese Arbeiten dem ungehinderten Luftzutritt ihre Erhaltung 
zu verdanken haben. Jedenfalls muß, auch praktische Rücksichten hintangesetzt, 
überall, wo man Stil machen will, wie oben gesagt, schon des Charakters wegen 
jeder deckende Ueberzug, der nicht Polychromie ist, unterbleiben. Eine Ver- 
besserung dagegen, dem Holze einen wirklichen Schutz verleihend und für das 
Aussehen die natürliche Textur noch hervorhebend, bietet die alte Manier des 
Tränkens mit erhitztem Leinöl, die, in längerer Praxis auf alle größeren Holz- 
arbeiten angewandt, stets unseren Plrwartungen entsprochen hat. 

Die Art der angewandten Verbände und einige Verbindungen sind aus den 
Zeichnungen zu ersehen. Bezüglich des Ueberkragens der Geschosse, wie dasselbe 
für den alten Holzbaustil fast charakteristisch, möchten wir, obgleich wir auch die 
Veranlassung dieser Konstruktionsweise in der speziell durch die Raumbeengnis 
in den alten Städten nahe gelegten Intention der Vergrößerung der oberen Räume 
enthalten glauben, es doch nicht unterlassen, auf die Beobachtung aufmerksam zu 
machen, daß gerade die übergebauten Häuser in den alten Städten verhältnismäßig 
am besten Lot und Flucht zu wahren vermocht haben. Ein wohl zu beachtendes 
Moment besteht gewiß darin, daß gegenüber der Belastung der Gebälke in Zimmern 
durch die ausgekragte äußere Wand ein Gegengewicht geschaffen wird, indem 
sich der einzelne Balken zu einem Hebel mit dem Drehpunkte auf dem unteren 
Wandrahmen gestaltet, mithin ein Zustand des Gleichgewichtes entweder voll- 
ständig oder bis zu einem gewissen Grade herbeigeführt wird. Dem Einbiegen 
der Böden entgegenwirkend, kommt man durch das Ueberbauen dem Buckeln der 
Wände, der ersten Folge jener Alteration, zuvor. Auch eine Abstrebung in 
Rücksicht des Querverbandes, sonst nur durch die Seiten- und Scheidewände her- 
gestellt, gewährt dies System außerdem noch in dem Dreieckverband der Kopf- 
bänder und Knaggen zwischen den Ständern und den Balken. Wir reden nicht 
von dem Schutze, der jeder unteren Wand durch die obere und der Straßen- 
passage durch die ganze Ausladung zuteil wird. 

Die Schnitzarbeit an Balkenköpfen, Bändern, Füllhölzern, Schwellen und 
Ständern wurde in einfacher Weise vorherrschend aus Fasenschnitten, Fasen und 
einfachen Kehlungen, besonders kräftigen Rundstäben gebildet, teilweise verziert 
mit jenen der Frühgotik eigenen Reihen von Bossen, Zähnen und Stäbchen, 
selbstverständlich alles aus dem vollen Holz geschnitten. 

Die Decken sind auf verschiedene Art konstruiert worden. Die des Erd- 
geschosses im östlichen Flügel lassen die gehobelten und gefasten Balken bis auf 
halbe Holzhöhe sichtbar, dazwischen ist gewellert und geputzt, der Länge nach 
zieht hier ein verdoppelter, gleichfalls profilierter Träger durch das ganze Haus. 
Für den ersten Stock wurde die auf Abb. 15 gezeichnete Deckenkonstruktion 
gewählt, indem aus Mangel an genügend langen Ständern den äußeren Wänden 
nicht die gewünschte Etagenhöhe gegeben werden konnte. Dieser Umstand be- 
gründete auch die in den Detailzeichnungen ersichtliche Konstruktion des oberen 



4,1 



Detail lei 3 äcs Schruttes CD 
Durdischnilt ^ / 



Detail bei a des Schnittes CD 
Ansicht 




Nord . Seite 
Detail höh des I Stock^rundrisses 



Durchschmtl. 



Ansicht 




• Mar. ( '"^ dif/vi»iU'* a Ji.«4*tA*J(» 



Abb. 1$. 



_ 44 

Geschosses des Erkers, welches von dem zwei Geschosse durchdringenden Eck- 
ständer aus aufgehängt worden ist. Wir benutzten das Konstruktionsmotiv in der 
gezeichneten Art zur Dekoration der betreffenden Räume, deren reicher innerer 
Fries, aus dem geschnitzten Gebälk mit seinen Rahmen und Sattelhölzern, bezvv. 
Pfeilern und Knaggen, sowie der geputzten und gemalten Aufmauerung sich zu- 
sammensetzend nicht ungünstig wirkt. 

Die eigentlichen Balken, d. h. die Zangen des Dachverbandes, sind rauh 
geblieben und mit profilierten eichenen Brettern unterschalt worden. Zum Unter- 
schiede von den deutschen Holzbauten charakterisiert die altfranzösischen mehr 
das von uns in der Decke des westlichen Flügels angewendete System der Gebälk- 
konstruktion, das System der Träger- und Lagerhölzer. Es leiht sich dasselbe 
bequem dazu her, auch schwächere Hölzer an dieser Stelle in Verwendung zu 
bringen. In unserem Falle sind die Träger, i6 Fuß weit freiliegend, 8 und 
10 Zoll stark genommen, die Lagerhölzer liegen 6 Fuß weit frei, 2 Fuß weit 
auseinander und haben 5 und 6 Zoll Stärke. Träger und Lagerhölzer sind 
der ganzen Holzhöhe nach sichtbar gelassen und über die letzteren hin Latten 
genagelt. 

Die in das eine der Ateliers führende steinerne Freitreppe hat innen ein- 
gemauerte, außen der Wange eingezapfte Stufen; die Wange überträgt ihren Schub 
auf die Flanke einer in zwei Schichten vorkragenden Konsole. Die innere Etagen- 
treppe ist mit den Wangen zwischen durchgehende sechszöUige Pfosten verspannt, 
die vom unteren Boden bis unter die Träger der Dachbalkenlage des Treppen- 
hauses aufsteigen, eine Konstruktion, welche im Vergleich zu den gewöhnlichen, 
etwa der mit Mäklern, die Vorteile einer größeren Solidität für den Augenblick 
und für die Dauer bietet. 

Die alte Kunst kannte nicht, was man jetzt ,, notwendige Uebel" nennt; 
dieselbe suchte jeden Bauteil, sobald er als notwendig in die Gesamtkonzeption 
eintrat, kon.struktiv und dekorativ sachgemäß auszubilden, suchte nirgend zu ver- 
heimlichen und zu simulieren. An diese Prinzipien ist, glauben wir, anzuknüpfen, 
wenn es sich um die zweckmäßige und so zu sagen anständige Behandlung von 
Dingen handelt, so wichtig und insgemein so vernachlässigt, wie es z. B. die 
Vorrichtungen für den Wasserablauf sind. Vielleicht wird uns später die Gelegen- 
heit, unsere Beobachtungen und Versuche auf diesem Felde im Zusammenhange 
bekannt zu machen. Bei dem Hinnenburger Bau ergab sich die Wasserrinne 
leicht in einer den Balkenköpfen aufgelegten Schwelle, die teils schon mit Fall 
gelegt wurde, teils denselben in der zunehmenden Tiefe ihrer Aushöhlung 
vergrößerte. 

Auf den Ecken sind die Rinnen den Gratstich- bezw. Ortbalken aufgekämmt, 
die darüber hin vorspringen, ausgehöhlt sind und als Wasserspeier dienen. Rinnen 
und Wasserspeier wurden mit Blei ausgefüttert. Die Rinnen bilden in dieser Form 
einen für Beaufsichtigung und Reparatur des Daches zweckmäßigen Umgang. 
Mit Ausnahme des Dachwerkes und der unter die Balken gelegten Träger stand 
für die Holzarbeiten dieses Hauses schönes Eichenholz zu Gebote. 

Die Heizung geschieht durch drei Kamine, übrigens durch Oefen. Die 
ersteren ruhen mit dem Mantel auf einem von sandsteinernen Gewänden und Aus- 
kragungen getragenen hölzernen Schwellenkranz, der Mantel selbst ist von Ziegeln 
gemauert und einfach geschmückt durch geputzte Streifen zwischen den sonst 
ohne Putz gelassenen Teilen des Mauerwerks. 



45 



Details der Südosteckc. 



Details des Erkers an 
der Sudseite. 




46 

Das Dach ist in der hier zu Lande gewöhnlichen Weise mit Steinplatten auf 
Lattung eingedeckt. 

Uebergehend zu den Tischlerarbeiten bemerken wir, daß für dieselben ein 
gewisser Wert zunächst in sorgfältiger Ausführung und gutem, offen dargelegtem 
Eichenholz gesucht ward. Die Fensterflügel sowohl als die Türen schlagen un- 
mittelbar an die Fenster und Türständer des Zimmerwerks an, so daß Blind- 
rahmen, Futter und Bekleidungen nicht nötig werden. Diese von uns zum öfteren 
angewandte Art verhilft diesen Bauteilen zu einem gewissen Ansehen von Ge- 
diegenheit, welches selbst in den Formen reicher ausgestattete Bretterbekleidungen 
zu leicht vermissen lassen, macht übrigens, verglichen mit letzteren, nicht einmal 
einen Aufwand von Mehrkosten nötig. Den Beschlag bilden eiserne, ohne An- 
wendung der Feile in warmer Arbeit hergestellte Bänder und Schloßkästen, mehr 
oder weniger verziert durch ausgehauenes Blattwerk und kalt aufgemeißelte Linien- 
muster. Gleichfalls sind die Bekrönungen des Daches, das Treppengeländer und 
die Armatur der Fenster im Feuer angefertigt und wie jene Beschläge ohne Anstrich 
gelassen. Ein hinreichender Schutz vor dem Rosten erreicht sich leicht durch 
eine im noch warmen Zustande vorgenommene Behandlung mit Hörn oder einem 
ähnlichen Stoffe, 

Die Verglasung der Fenster wurde aus kleinen, höchstens vierzöUigen 
Scheiben weißen Glases in schmaler, hochkantiger Bleifassung zusammengefugt 
und besteht in den aufgehenden Flügeln aus Rautenmustern, in den festeingekitteten 
Oberlichtern aus komplizierteren Verbänden, deren zwei wir den gegebenen Detail- 
zeichnungen auf Abb. 15 beigefügt haben. 

Farbige Dekoration ergab sich mit Leichtigkeit, indem im Treppenhause 
und der Durchfahrt der dem Aeußeren entsprechend sichtbar gebliebene Holz- 
verband, ebenso in den Zimmern die Architektur der Decken, Türen und Fenster 
von selbst gegen die geputzten Flächen kontrastierte, auf denen es daher nur 
bescheidener Anwendung einfacher Ockerfarben bedurfte. Teilweise sind auch 
die Holzglieder des Aeußeren und Inneren der Bemalung unterworfen worden. 
Die geputzten Gefache der mit Ziegeln ausgemauerten äußeren Wände wurden mit 
eingeritzten Ornamenten versehen, in einer an die neuerdings mehrfach besprochene 
Sgraffitomanier anknüpfenden Art, über deren Anwendung in den alten Bauten 
mancher deutscher Gegenden sowie über deren Wiederanweiidung unserseits wir 
uns weitere Mitteilungen vorbehalten. 



47 



Gutachten, 

die Untersuchung und Aufdeckung der übertünchten Wandmalereien in der Kirche 
zu Lippoldsberg sowie die zur Trocl<enlegung usw. dieser Kirche geeigneten 

Maßregeln betreffend.*) 



Zufolge verehrlichen Auftrags habe ich mich am i8. November d. J. nach 
Lippoldsberg begeben und nach stattgehabter allgemeiner Untersuchung durch 
Leute des dortigen Weißbindermeisters eine sorgfältige Ablösung der Kalki.iber- 
striche an den geeigneten Stellen bewirken, auch diejenigen Arbeiten vornehmen 
lassen, welche in Ansehung der Frage der Trockenlegung usw. zu meiner 
Instruierung nötig waren. Diese Arbeiten sind bis zum 21. desselben Monats 
fortgesetzt worden, am 26. und 27. November war ich wiederholt an Ort und 
Stelle, lieber den Befund bemerke ich, und zwar: 

A. In betreff der Wandmalereien. 



Die Kirche ist gegenwärtig im Inneren durchaus mit einem gleichmäßigen 
Anstrich versehen. Unter demselben finden sich zunächst frühere Anstriche, 
dann die Reste farbiger Bemalungen aus verschiedener Zeit: 

a) Die oberste derselben gehört dem Ende des 17. Jahrhunderts an und 
erstreckt sich über die ganze Kirche; 

b) eine spätgotische Malerei, den Formen nach zu schließen aus den ersten 
Jahren des 16. Jahrhunderts, bedeckt nur einen Teil des Gebäudes; 

c) zu Unterst und auf der natürlichen Fläche des Steines und der Tünche 
breitet sich die romanische Bemalung aus, aller Wahrscheinlichkeit nach 
direkt nach Vollendung der Bauarbeiten aufgebracht. 

Die der Zopfzeit angehörige Malerei ist auf durchgehendem hell- 
phrsichblütfarbenen Grunde ausgeführt. Die Gesimse sind lebhaft blau gefärbt, 
die Fenster sind mit einer blau aufgemalten, aus Blätterranken und Kokoko- 
schnörkeln zusammengesetzten Guirlande umzogen. In der Apsis zeigt die Halb- 
kuppel die Darstellung des hessischen Wappens, das in großer Dimension fast 
die ganze Höhe dieses Gewölbes einnimmt, darüber die Namenschiffre des Land- 
grafen Carl: C. L. Z. H., darunter die Jahreszahl 1694. Die Ausführung ist roh, 
das Bindemittel der Farben scheint Milch zu sein. 

*) Krstatttt ;ini 27. Deiember 186S im Aiifiraijc der Königlichen Regierung lu Cassel. 



48 

Von der Dekoration des i6. Jahrhunderts habe ich Reste ausschließlich 
im Kreuzschiffe gefunden. Sie ist allein mit gebranntem Ocker durchgeführt. 
Die Motive sind architektonische: in halber Höhe der Wände eine Arkatur, flach- 
bogig mit Zvvickelblättern, darüber eine hohe Maßwerkgalerie, an den Giebel- 
seiten Eselsrückenbogen mit Kreuzblumen. Die Ausführung ist roh, die Technik 
die der Tempera-Malerei. 

Die romanische Malerei. Das System ist dasselbe, welches nach meinen 
bisherigen Erfahrungen den farblichen Dekorationen der romanischen Kirchen 
Westfalens überhaupt zugrunde liegt: Das eigentliche Baugerippe ist auf der 
Farbe des verwendeten Sandsteins, überhaupt Hausteins, mit weißen Fugen 
bemalt, die Flächen haben weißen Grund, darauf i'n einfachen Erdfarben eine 
mehr oder weniger reiche architektonische, ornamentale oder figurale Malerei; 
an ausgezeichneter Stelle sind der Quadrierung der Hauptbauteile ornamentierte 
Bänder aufgelegt. 

Zur Vergleichung und Ergänzung können in Betracht gezogen werden die 
von mir aufgefundenen Dekorationen der Gaukirche, der Kirche Busdorf und der 
Kirche Abdinghof zu Paderborn, der unbenannten früheren Kirche östlich vom 
Dome daselbst, der Kirchen in Höxter, Herford, Gesecke, Böddecken, Neuenbeken, 
der Höhenkirche in Soest sowie die Malereien im Dome und der Kapelle 
St. Nicolai in Soest. 

Im Inneren der Kirche zu Lippoldsberg standen in der hellgrauen Farbe des 
verwendeten Sandsteins sichtbar die Flächen aller Pfeiler und Wandpfeiler und 
die steinernen Kanten der Gurt- und Arkadenbogen. Die Schildbogen und die 
gleich ihnen aus großen Bruchsteinen gemauerten, der Nonnenempore abgewandten 
Kanten der Gurtbogen waren getüncht und mit einem entsprechenden Grau 
bemalt. Die Fugen sind mit % ^oll breiten weißen Strichen angegeben. 

Die Gesimse, die Sockel, Kapitelle und Kragsteine sind mit verschiedener 
Färbung der Glieder in Weiß, Grau, Gelb, Rot und Blau gemalt. 

Das Weiß der Wände und Gewölbe ist mit etwas Grün versetzt. 

Wände und Gewölbe sind näher untersucht worden im Seitenschiffe und 
der Apsis des Hauptchores. 

Den Seitenschiffswänden ist ein roter Sockelstreifen aufgemalt, darüber 
bis zu Manneshöhe eine auf Säulchen ruhende, in schwarzen Konturstreifen aus- 
geführte Rundbogenstellung. Derselben fügt sich je unter dem Fenster ein 
größeres viereckiges Feld ein, dessen Mitte ein Weihkreuz schmückt, schwarz 
und rot mit elegant gezeichneten Blattendigungen. Darüber folgt ein roter Fries, 
und auf ihm stehen zu beiden Seiten des Gewölbekragsteins rote Säulen, einen 
gemalten Bogen tragend, der auf der Wand die Linie des Kappenanschlusses 
begleitet. Die Fenster waren mit einfachen Strichen eingefaßt. 

Die Gewölbe der Seitenschiffe sind im Mittel mit einer großen Rosette 
in Gelb und Rot verziert, über die Grate laufen aus einfachen Strichen zusammen- 
gesetzte Bänder. 

Viel reicher ist der Chor mit Figuren, Ornament und Architektur bemalt: 

Das Gewölbe der mittleren Apsis scheidet sich zunächst von der Wand 
durch einen Fries. Seine Mitte nimmt eine große rcs/c« piscis ein, welche die 
thronende Gestalt des Heilands umfaßt. Die Einfassung der ersteren besteht 
aus fünf parallelen, im ganzen gegen i8 Zoll breiten Bändern, von denen das 
mittlere weiß und schwarz gemustert ist, indeß die anderen einfach in Hellgrau, 



49 

Weiß und Grün gestrichen. Der hiervon eingefaßte Grund ist grau, und hebt 
sich auf ihm die Figur des Erlösers mit einem zinnoberroten Ober- und einem 
himmelblauen Unterkleide ab. Die Säulen des Thrones sind bunt gemustert. 
Beiderseits neben dieser Hauptfigur füllen je zwei stehende F'iguren, dem An- 
scheine nach die vier Evangelisten darstellend, den übrigen Raum des Gewölbes. 
Die erste derselben von Norden an trägt ein weißes Kleid, einen roten Mantel 
und ein weißes Skapulare, auf der Brust hält sie ein weißes Buch. Die zweite 
trägt über dem weißen Kleide einen himmelblauen Mantel, die dritte einen gelben 
Mantel auf hellblaugrünem Kleide, die Gewänder der vierten Figur scheinen 
durchweg in einem bräunlichen Tone getärbt zu sein, ihre Gewandsäume sind 
gemustert. 

Den Heiligenscheinen aller fünf Figuren des Gewölbes ist durch aufgetragenen 
Stuck ein fast einzölliges Relief gegeben, zugleich sind sie mit einem eingedrückten 
Muster versehen. Die mittlere Christusfigur hat eine Höhe von gegen lo Fuß, 
sitzend gemessen, die stehenden Bilder sind 8 Fuß hoch. 

Die Wand der Apsis wird in der Höhe der Fenstersohlbank durch einen 
sehr hohen Fries geteilt. Er setzt sich zwischen horizontalen Strichen aus Halb- 
kreisbogen zusammen, unter deren jedem, gleichsam in einer Nische, die mit 
einem Spruchbande ausgestattete halbe Figur — wie es scheint — eines Propheten 
Platz findet. 

Unter diesem Friese ist die Wand weiß gelassen, darüber aber stehen rechts 
und links vom Fenster je drei Kolossalfiguren in weißen, grünen und bräunlichen 
Gewändern, das Haar gelb, die Nimben ohne Relief und in der Farbe des 
Grundes. Ein in der Höhe ihrer Schultern aufgehängter Teppich bildet den 
Hintergrund, überdacht waren sie, wie es scheint, von in Gelb gehaltenen Bal- 
dachinen. Ihre Höhe beträgt gegen 9 Fuß. 

Das östliche Fenster war mit einem Bande umzogen, seine Leibung mit 
Figuren in zwei Reihen geschmückt, von denen die ganz in die Bogenhöhe 
fallenden, mit den Köpfen bis zum Scheitel reichenden der oberen Reihe am 
besten noch erkennbar. 

Die Apsis ist bis zur Höhe des Gewölbekämpfers, entsprechend der An- 
ordnung der Schildbogen im Gewölbe, von drei Pfeilerecken eingefaßt. Dieselben 
sind bis zur Höhe des zuletzterwähnten I'rieses auf Grau gequadert, über ihm 
bleibt es nur die äußere, indes den inneren beiden, und zwar je ihrer Ansichts- 
fläche und ihrer Leibung, sich Ornamentbänder auflegen. Ebenso bleibt dann 
die Remalung dieser Ecken im Gewölbe. Die betreffenden Bänder sind 15 Zoll 
breit und in der Zeichnung verschieden. Doch stimmen sie in der Anordnung 
insofern überein, als immer eine Stellung von Doppelkreisen das Motiv abgibt. 
Zwischen ihnen liegen symmetrische Blättergruppen, die Kreisfläche selbst ist 
einmal mit Blättern, ein anderes Mal mit der trefflich stilisierten Umrißzeichnung 
eines Vogels ausgefüllt, die Farben sind weiß, gelb, rot, grau, grün, alle 
Konturen schwarz. 

Die Behandlungsweise dieser Malereien ist die an den einfachsten Werken 
der Zeit überall vorfindliche. In Ornament und Figuren sind die Lokalfarben 
glatt aufgetragen, kaum hier und da ist eine Tiefe mit einem etwas kräftigeren 
Tone derselben Farbe modelliert, jede plastische Wirkung und eine bestimmte 
Lichtfuhrung ist vermieden, die Vollendung geschieht allein durch die schwarze 
Konturierung. 

Scliilfcr. Ciesammelte .\ur8iit7.t.'. ■» 



50 

Das Technische angehend, ist zunächst die Palette des betreffenden Malers 
eine sehr beschränkte zu nennen. Die verwendeten Farben sind außer Weiß und 
Schwarz nur der Ocker, natürlich, gebrannt und mit Weiß und Schwarz gemischt, 
ein Bergblau und ein trübes, mineralisches Grün. Die Farben sind aufgetragen, 
als der Grund noch feucht war, und zwar mit Wasser angerieben und mit Kalk- 
milch versetzt, überall dünn und fast nur lasierend. Der weiße Grund ist im 
Gewölbe nur lasiert, übrigens mindestens dreimal und deckend angestrichen. 
Gerade Linien und Kreise sind scharf vorgerissen, die übrige Zeichnung ist mit 
Strichen roten Ockers vorgemalt. Danach sind die Lokalfarben in einem einzigen 
Tone, in den Gewändern mitunter in zwei Tönen aufgebracht, schließlich mit 
Schwarz, nur vereinzelt auch mit Rot die Konturen aufgesetzt. 

Die Ausführung ist sicher und flott und trägt, wie stets in jener Zeit, 
den Charakter der Improvisation. Der Stil bestimmt sich, was die Ornamente 
angeht, durch die fast ausschließliche Verwendung jener halb umgeschlagenen, 
an breiten Ranken sitzenden, mehrlappigen Blätter der spätromanischen Zeit, die 
Faltenführung der Gewänder ist streng und durchdacht, mehr geradlinig und 
weniger flatternd, als z. B, in der Soester Nicolaikapelle. 

Die Wandmalereien sind durchweg schlecht erhalten. Sie waren: 

a) schon abgebleicht, als man sie zum ersten Male überweißte, 

b) wohl sicher schon damals durch die das beschädigte Gewölbe durch- 
dringende Feuchtigkeit alteriert. 

c) Sind Risse im Gewölbe usw. zu verschiedenen Malen ausgekratzt und 
verstrichen worden. 

d) Es wurden diese Malereien beim Ueberweißen und, um die betreffende 
Weiße haftbar zu machen, teilweise mit der Kelle ausgekratzt, des- 
gleichen 

e) beim Weißen der oberen Partien in den unteren stark mit anhaftendem 
Kalk bespritzt. Schließlich hat man 

f) und wahrscheinlich gelegentlich der zopfigen Uebermalung das Gold der 
plastischen Heiligenscheine und damit die Farbe der Gesichter der fünf 
oberen Figuren ganz und gar abgekratzt. 



Deshalb ist es unmöglich, durch bloße Entfernung der Kalküberstriche die 
Kirche in den ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen, und bleibt nur übrig, 
entweder alles neu zu überweißen oder durch Uebermalen 

die Wiederherstellung der alten Polychromie 

zu bewirken. Die unzweifelhafte, bedeutende kunsthistorische Wichtigkeit dieser 
Malereien und die Seltenheit erhaltener und gut hergestellter Beispiele aus der 
betreffenden Periode in Anschlag gebracht, legen eine solche Wiederherstellung 
gewiß sehr nahe. 

Freilich dürfte dieselbe nicht ohne die gleichzeitige Vornahme einiger 
weiteren Arbeiten geschehen, im Zusammenhange mit welchen erst es 
möglich werden würde, das Innere der Kirche aus dem gegenwärtigen trüb- 
seligen Zustande zu befreien. Diese Arbeiten sind: 

I. Die Erneuerung der Fensterverglasung. Diese ist gegenwärtig durchaus 

mlich beschaffen und würde neben den neugemalten Wänden nicht zu halten 



51 

sein. Man könnte das Hauptchorfenster mit Malerei, die übrigen Fenster mit 
weißem Glase in Rauten und Bleifassung versehen. 

2. Die Reparatur des Gestühls. Die Sitzbänke auf dem Chor und in den 
Seitenschiffen würden fortfallen, die zwei seitlichen Bankreihen der Kreuzarme 
durch je eine mittlere ersetzt werden, die Bänke des Hauptschiffes würden um 
einen Fuß von den Pfeilern ab- und nach innen gerückt, die verbleibenden Bänke 
überhaupt aber mit den auszuschießenden geflickt. Aus 13 halbruiniertcn Sitzen 
im Chor, den Resten eines schönen alten Chorgestühls, würden zweimal vier 
vollständige Sitze herzustellen sein. Ich bemerke, daß die dann resultierende 
Zahl von Plätzen ermitteltermaßen dem Bedürfnis gegenüber mehr als genügt. 

3. Die Reparatur des Fußbodenbelags. Das Geplätte fehlt an einigen Stellen, 
nämlich unter dem Nonnenchor, in der südlichen Nebenapsis, im südlichen 
Nebenchor und der nördlichen Nebenapsis. Desgleichen wird gelegentlich der 
Reduktion des Gestühls im Kreuzschiffe und der Versetzung desselben im Haupt- 
schiffe ein jetzt durch Dielenbelag bedeckter Teil des Fußbodens geplattet werden 
müssen. 

4. Die Restauration der Orgelbühne und der westlichen Halle. Die west- 
lichen Teile der Kirche befinden sich infolge vollkommener Vernachlässigung, 
Vermauerungen, Einziehen neuer Wände, Aenderungen bezüglich der Zugänge usw. 
in sehr unwürdigem Zustande. Indem hier indes mit wenigem geholfen werden 
kann, bezw. die Wiederherstellung des Ursprünglichen durchaus von Vorteil sich 
erweisen wird, so schlage ich vor: 

a) die alte Treppe im südlichen Turm bis zur Höhe der Orgelbühne 
durch Auflegen hölzerner Trittstufen zu restaurieren; 

b) vor dem inneren Zugang derselben die neue Holztür zu entfernen; 

c) das verwahrloste westliche Turmportal, zu dieser Treppe führend, zu 
öffnen und zu reparieren; 

d) desgleichen die Vermauerung vor dem Treppenantritt wegzuräumen; 

e) einen Windfang über der Höhe der Orgelbühne auf die 22. Stufe zu 
setzen; 

f) die Tür von der Treppe zur Orgelbühne, jetzt vermauert, zu öffnen; 

g) die neue Holztreppe im nördlichen Seitenschiffe zu entfernen, ebenso 
den hölzernen Podest derselben; 

h) die von diesem Podest in den Stand vor der Orgel führende Tür 
durch Wegbrechen des Sturzes usw. wieder in die ursprüngliche 
Fensteröffnung zu verwandeln; 

i) die neue Wand, welche die Empore des nördlichen Seitenschiffes in 
zwei Teile teilt, abzubrechen; 

k) diese Empore an ihrem östlichen Rande mit einer Brüstung zu ver- 
sehen ; 

1) die jetzt als Weinkeller dienenden drei westlichen Gewölbefelder des 
unteren Raumes im nördlichen Seitenschiffe durch Aufbrechen von 
drei vermauerten Bogen wieder zur Kirche zu ziehen; 
m) die in den betreffenden Raum hineinfuhrende äußere neue Tur zu ver- 
mauern ; 

n) das westliche Mittelportal zu öffnen und zu reparieren; 

o) das westliche untere P'enster desgleichen; 

p) den unnützen Stand vor der Orgel zu entfernen; 



52 

q) den hölzernen Fußboden der Orgelbühne zu entfernen und dieselbe 
damit auf das alte Niveau, d. h. gegen jetzt um 5 Fuß tiefer zu legen; 
r) die Orgel herunter und mehr nach Osten zu stellen; 
s) eventuell das westliche obere Fenster zu reparieren. 

5. Die Versetzung usw. der Kanzel. Sie steht gegenwärtig an akustisch 
sehr ungünstiger Stelle und gegen das kirchliche Herkommen in der Achse der 
Kirche vor dem Altare, angelehnt an einen stilwidrigen, häßlichen Mauerklumpen. 
Sie würde mit geringen Kosten an den sudwestlichen Vierungspfeiler zu versetzen 
und mit einer passenden steinernen Brüstung zu versehen sein. Vorhanden ist 
nämlich nur der romanische Untersatz und ein gotischer Sockel. 

6. Die Versetzung usw. des Taufsteins. Der schon früher durch die Da- 
zwischenkunft von Sachverständigen vor dem Untergange gerettete und in die 
Kirche gebrachte Taufstein ist eins der wichtigsten und interessantesten Monumente 
der Gattung überhaupt. Er verdient gereinigt, durch einen neuen Sockel an 
Stelle des fehlenden ergänzt und an den liturgisch ihm zukommenden Platz in die 
nordwesthche Ecke der Kirche, den nach 4. 1) neu zu öffnenden, jetzt als Wein- 
keller benutzten Raum, geschafft zu werden. 

B. Die Trockenlegung der Kirche betreffend. 

Die unteren Partien der Kirche sind gegenwärtig im Aeußern und Innern 
fortwährend sehr feucht, so daß der Boden besonders in den Seitenschiffen und 
Kreuzarmen hoch mit Schimmel bedeckt, die Wände naß und die Tünche nicht 
haltend, die westlichen Pfeiler und Wände zollhoch ausgeblüht erscheinen, den 
ganzen Innenraum aber und vorzüglich unter der westlichen Halle eine moder- 
hafte, verdorbene Luft erfüllt. 

Die Ursache ist in der mangelhaften Ventilation des Innern, besonders aber 
in der beträchtlichen Erhöhung des äußeren Bodens an der West-, Nord- und 
Nordostseite zu suchen, ebenso in dem Mangel einer jeglichen Ableitung des 
Traufwassers und in dem Bestehen einer Dungstätte, welche am nördlichen 
Kreuzarme und Nebenchor bis hart an die Mauer der Kirche sich ausdehnt. 

Insoweit die erwähnten Uebelstände, welche den Aufenthalt in der Kirche 
zu einem unangenehmen und ungesunden machen und welche die Solidität der 
unteren Mauerteile und der Fundamente zu gefährden drohen, durch eine bessere 
Ventilation des Innern zu heben sind, wird sich die schon oben vorgeschlagene 
Wiederöffnung der westlichen Türen und Fenster von Vorteil erweisen. Ein Teil 
der neuen Fensterverglasungen müßte zum Oeffnen eingerichtet werden, schließlich 
würde man passend in den Gewölben von oben verschließbare Zuglöcher ein- 
brechen. Anlangend dagegen die Regulierung des äußeren Terrains und des 
Wasserablaufs, schlage ich unter Bezugnahme auf beistehende Grundrißskizze vor: 

I. Vor der Westfront der Kirche den im Laufe der Zeit um 31/2 Fuß auf- 
gefüllten Boden bis zum früheren Niveau abzutragen, längs der Wand und 3 Fuß 
breit, nach außen abfallend zu pflastern, dann eine gepflasterte Gosse a anzulegen 
und von ihr aus das Terrain wieder bis zur gegenwärtigen Höhe allmählich an- 
laufen zu lassen, das Wasser der Gosse aber bei b zu sammeln und in einen 
Kanal c, aus Bruchsteinen unter der Erde hergestellt, zu leiten, welcher es in den 
von d nach e führenden, von der Brennerei herkommenden, genügend tief 
liegenden Abzugskanal führt. 



53 



2. Länfjs der Wand des nordliclien Seitenschiffes wäre das Terrain durch- 
schnittlich 2 Fuß 8 Zoll tief, d. h. mindestens bis zur Höhe des Fußbodens der Kirche 
auszuheben, ein 3 Fuß breiter nach außen abschüssiger Pflasterstreifen und eine 
Gosse anzulegen, welche durch Fall von beiden Seiten her das Wasser bei f 
sammelt, von wo es unter der Erde in eine bei <j auszugrabende, gemauerte und 
überdeckte Senkgrube laufen würde. 

3. Vor den Wänden des nördlichen Kreuzarms und der Längswand des 
nördlichen Nebenchors ist das Terrain um durchschnittlich 2 Fuß auszuheben, 

und zwar bis zu der neu 
d/ if aufzuführenden Futter- 

mauer A, welche, von der 
Kreuzschiffswand 6 Fufl 
entfernt und 2 Fuß über 
dem gegenwärtigen Ter- 
rain hoch, die Kirche 
gegen die üungstätte des 
Oekonomiehofes abgren- 
zen soll. Das Traufwasser 
wird in eine Senkgrube i 
geleitet. 

4. Weiter und bis 
vor den drei Chornischen 
entlang würde das Ter- 
rain um durchschnittlich 
1 1/2 Fuß tiefer gelegt, das 
Wasser in einer Gosse 
gesammelt und von h 

nach l in einen unter der Erde liegenden bruchsteinernen Kanal bis in die von m 

nach n fuhrende Gosse geleitet. 

5. Vor der Südseite ist das vor die Mauer gepflanzte Gesträuch zu 
entfernen. 

6. Vor der Westseite ist der ohnedies ruinierte und unbenutzbare angelehnte 
Stall wegzubrechen (0). 

7. Behufs Ableitung des Traufwasscrs würde mit Vorteil von der Südseite 
entlang ein Strang Drainröhren mit entsprechendem Abfluß nach p gelegt werden 
können. 




Abb. 17. 



54 



Gutachten 

betreffend die Schloßkapelle und den Rittersaal des Schlosses in Marburg. 



A. Befund im allgemeinen. — B. Der ursprüngliche Zustand. — C. Die 
späteren Veränderungen. — D. Vorschläge betreffs der Restauration. 

A. Befund im allgemeinen. 

Die Kapelle und der Saalbau sind nebst einigen damit direkt zusammen- 
hängenden Bauanlagen die ältesten Bestandteile des auf uns gekommenen Schlosses. 
Sie wurden gleichzeitig und, wie die Kombination der chronistischen Nachrichten 
bei Ritesel und Dillich sowohl, als die stilistische Beschaffenheit ergibt, der Haupt- 
sache nach zwischen 1281 und 1288 erbaut, doch scheint man bis zum Jahre 1312 
an der Vollendung einzelner Teile fortgearbeitet zu haben. 

Aus der Bauperiode des Saalbaues und der Kapelle stammen noch: 

der Treppenturm der Kapelle, nördlich ihrer westlichen Apsis angelehnt, 
welchen wir im Verlaufe als den nördlichen Treppenturm bezeichnen wollen, 
der Treppenturm südwestlich der Kapelle (der südliche Treppenturm), die 
unteren Partien des südlichen Schloßflügels im östlichen Dritteil der Länge 
desselben, der Torbau, welcher an die Nordseite der Kapelle anschließt. 

Der ursprüngliche Kapellenbau ist bis zur Höhe des Dachgesimses im 
Aeußeren sowie im Inneren des oberen Stockwerks, der eigentlichen Kapelle, 
vollständig erhalten. Im Inneren ist der ursprüngliche gemusterte Fliesenfußboden 
bis auf wenige modern erneuerte Stellen erhalten, jedoch ist die Glasur fast aller 
Fliesen desselben abgetreten. Die ursprüngliche Polychromierung der Wände und 
Gewölbe findet sich unter späteren Ueberzügen noch vollständig wieder. Ueber 
ihr werden bedeutende Reste einer Bemalung aus dem 16. Jahrhundert sichtbar, 
über diesen teilweise moderne Anstriche. Die Fenster sind in moderner Weise 
verglast. Die Kanzel, der Altar, der Pfarrstand, das Täfelwerk des Fürstenstandes 
sowie die westliche Tür und das Uhrwerk nebst Zifferblatt sind Arbeiten des 
16. Jahrhunderts, zwei andere Türen sind modern. Im Aeußeren der Kapelle 
finden sich Reste ursprünglicher Bemalung. Das Dachgesims, das Dachwerk und 
der Glockenturm sind im 16. Jahrhundert entstanden. 

Der nördliche Treppenturm ist bis zur Höhe des Dachgesimses noch 
der ursprüngliche. Im 16. Jahrhundert hat man das im Inneren das eigentliche 
Treppenhaus abschließende Gewölbe zerstört und durch dasselbe hindurch die 



*) Erstattet am 15. April 1S69 im Auftrage der Kgl. Regierung zu Kassel. 



55 

Treppe weiter nach oben hin fortt^cfuliit. Das Dachwerk ist im 16. Jahrhundert 
erneuert worden. 

Das Mauerwerk des südlichen Treppen türm s ist das ursprünghche, die 
Fenster und die Bedachung sind neu. Die Treppe ist in neuerer Zeit zerstört, 
das Innere zu Aborten hergerichtet worden. 

Der Torbau ist mit Ausnahme des Daches ursprüngUch. Das obere Stock 
werk, den Durchgang nach der Kapelle abgebend, wurde im 16. Jahrhundert 
behufs Anlage des Fürstenstandes mit einer Balkendecke durchzogen. In diesem 
Stückwerke ist der ursprüngliche Fliesenbodenbelag erhalten. 

Der Saalbau ist mit Einschluß des Dachwerks ursprünglich. Im Aeußeren 
sind später nach Norden und Westen die Räume zwischen den Strebepfeilern im 
untersten Stockwerke ausgemauert, im Stockwerke darüber hat man einige Fenster 
verändert. Von den vier Ecktürmchen des Saalbaues ist das südöstliche schon 
im Mittelalter abgetragen worden, das nordöstliche hat das oberste Stockwerk 
verloren, die drei noch vorhandenen Türmchen haben im 16. Jahrhundert neue 
Bedachungen erhalten. 

Im Inneren des oberen, sogenannten Rittersaales ist im 16. Jahrhundert eine 
durchgreifende Renovation vorgenommen worden. Die alten Eingänge wurden 
beseitigt und neue hergestellt, desgleichen der alte Kamin durch einen neuen 
ersetzt, ein Büfett eingebaut, die Wände und Gewölbe mit neuer Tünche über- 
zogen, die Fenster neu verglast. 

Die Marburger Schloßkapelle ist ein Bauwerk der spezifisch hessischen 
Schule, jener Bauschule, welche auf die Entwicklung der deutschen Kunst jener 
Zeit den bedeutendsten Einfluß äußerte. Verglichen mit den sonstigen Arbeiten 
der hessischen Meister des 13. Jahrhunderts, nimmt dieses Werk eine sehr hohe 
Stelle ein und muß demnach, in Anschlag gebracht den hohen Wert der früh- 
hessischen Bauten im allgemeinen, als eine der vollendetsten Schöpfungen der 
Architektur überhaupt bezeichnet werden. Die Grundform ist schön und höchst 
originell, alle Details sind von edelster Konzeption und exakter Ausführung. 

Diese Vorzüge teilt in vollem Maße der Saalbau, von den übrigen als gleich- 
zeitig anzusehenden Anlagen aber besonders das nördliche Treppentürmchen. 

Eine besondere Bedeutung gewinnen diese Werke, insofern man in Betracht 
zieht, wie wenige von den ähnlichen, auch nur annähernd gleichhoch zu stellenden 
Kunstbauten des Mittelalters sich auf unsere Zeit herüber gerettet haben; und 
wie manche unter diesen wieder durch die Zerstörungen der Jahrhunderte und 
die so oft mißlungenen Herstellungsversuche neuerer Zeit einen größeren oder 
geringeren Teil ihrer Schönheiten eingebüßt haben. 



B. Der ursprüngliche Zustand. 

Der ursprüngliche Zustand dieser . Bauwerke ist teils erhalten, teils mit 
Gewißheit, stets doch mit größter Wahrscheinlichkeit herzustellen. 

I. Das Innere der Kapelle. 

Die eigentliche Architektur ist erhalten. 

Dieselbe war vollständig bemalt. Der Bemalung lag ein System zugrunde, 
welches ich als das frühhessische bezeichnen möchte. Es besteht in der 



56 

Anwendung eines Musters von weißen Fugen auf rotem Grunde für alle Wand- 
und Gewölbeflächen und in einer Dekoration der Gliederungen mit hellen und 
dunklen, kräftigen, einfachen Erdfarben. In dieser Weise waren bemalt die Kirche 
in Wetter, die ruinierte Stiftskirche in Treysa (teilweise), die KoUegiatkirche zu 
Wetzlar, die abgebrochene Kirche zu Amöneburg und vor der Restauration die 
Elisabethkirche zu Marburg. 

In der Schloßkapelle ist der Grundton nicht so kräftig wie anderwärts, die 
Lagerfugen sind an den Wänden 17 Zoll, auf dem Gewölbe an 5^3 Zoll von- 
einander entfernt. In den Gliederungen sind die vortretenden Teile mit Weiß 
und Ockergelb, die Kehlen fast sämtlich mit dunklem, rotem Ocker gemalt. 

Aus dem System heraus, das sonst vollständig im Bereiche der von den 
französischen Autoren sogenannten hariiwnic simple liegt, tritt die Bemalung, 
welche die skulptierten Teile, die Schlußsteine und Kapitelle, erhalten haben. Hier 
ist das Blattwerk vergoldet, die Gründe sind tiefblau und tiefrot, die Glieder in 
Weiß, Grau, Blau, Grün und Rot gemalt. Nächst den Schlußsteinen ist noch ein 
Stück der Rippen mit diesen leuchtenden Farben dekoriert. Gewissen Sockeln 
der Fenstersäulchen und gewissen Stellen der Wand sind sogenannte Weihkreuze 
aufgemalt. 

Figürliche Bemalung ist nur auf die Fläche der westlichen Nische angewendet. 
Das betreffende Bild aber ist ein durchaus merkwürdiges. Es stellt im strengen 
Stile der Zeit, gestreckt aufrecht stehend, den heiligen Christophorus dar, wie 
er den Heiland durchs Wasser trägt. Die Dimension ist höchst bedeutend; die 
Höhe der Figur beträgt 6 Meter. Der Heilige, ganz en face abgebildet, hält den 
Erlöser, der zwar verhältnismäßig in Kindesgröße, übrigens aber als ,, kleiner 
Mann", sogar bärtig, erscheint, auf dem linken Arme, die Rechte stützt sich auf 
den typischen Baumstamm. Die Köpfe sind von feierhchem Ausdrucke, der 
Heiland segnet mit der rechten Hand in lateinischer Weise. Sein Haupt ist mit 
goldenem Kreuznimbus umgeben, mit dem gewöhnlichen goldenen Schein das des 
Heiligen; dieser ist bis auf die Füße herab bekleidet und geht in schwarzen 
Schuhen mit roten Riemen und goldenen Hafteln. Das Kleid ist grün, seine 
Rückseite rot, der Mantel leuchtendrot mit weißem Futter, durch eine goldene 
Agraffe zusammengehalten. Auch der Gürtel und die Säume des Kleides sind ver- 
goldet. Der Heiland ist in Blau, Grün und Weiß gekleidet. 

Der Heilige durchschreitet ein ganz konventionell nur durch Wellenstriche 
versinnbildetes Wasser, in dem sich aber Fische, Krebse, Seejungfrauen und zwei 
Halbmenschen tummeln, welche letztere, mit Sturmhauben, Schwertern und kreis- 
runden Schilden bewaffnet, einander bekämpfen. 

Das Bild wird getragen von einer in denselben prächtigen Farben auf- 
gemalten, in strengster Weise den dekorativen Stil des 13. Jahrhunderts vor 
Augen führenden Architektur, bestehend aus drei Doppelarkaden mit noch ver- 
jüngten Säulchen. 

Die ganze Darstellung ist in Stil und Zeichnung vortrefflich, die Behandlung 
ganz platt, nur in den Köpfen mit einer Spur von Modellierung. 

Alle Farben dieser alten Bemalung sind in Temperamanier aufgebracht. Den 
Untergrund bildet der natürliche Sandstein und auf dem rauhen Mauerwerk ein 
fester Kalkputz. 

Die Fenster sind, allen Analogien nach zu schließen und weil die Bemalung 
der einfassenden Architektur es erheischte, jedenfalls mit Glasmalereien versehen 



57 

gewesen, von denen indes nach vollständiger Erneuerung der Verglasung nichts 
übrig geblieben. 

Die ursprünglichen Türöffnungen waren mit Ilolztüren verschlossen. Der 
verzinnt gewesene Beschlag einer dieser Türen ist bei der späteren Erneuerung 
derselben wieder verwendet, freilich auch verstümmelt worden. 

Der Fußboden der Kapelle war durchaus und in prächtigster Weise aus 
glasierten Fliesen von gebranntem Tone hergestellt. Dieselben sind teils drei- 
seitig, teils winklig oder verschoben vierseitig, ly,, 3, 5 und 6 Zoll groß und 
3/^ Zoll .stark. Die Glasur ist weiß, schwarz, apfelgrün, lebhaft grün, gelb und 
braun, und zwar ist der Regel nach die ganze sichtbare Fläche mit nur einer 
dieser Farben überzogen. Zur Auszeichnung aber sind dann noch Friese, Bänder 
und ganze Medaillons aus Blattern, Lilien und Sternen hergestellt. Hierfür hat 
man der einzelnen Fliese die betreffende Zeichnung vor dem Brennen mit einem 
Holzmodel eingedrückt, die Vertiefung mit einem andersfarbigen Ton ausgefüllt 
und schließlich die ganze Fläche mit farbloser Glasur überzogen. Sowohl die 
Stärke der betreffenden Ausfüllungen als der Glasuren war leider nicht bedeutend 
genug, um an so gefährdeter Stelle diese Muster in ganzer Schönheit zu erhalten. 
Aus etwa 24 Nummern von Fliesen sind die mannigfaltigsten und schönsten 
Muster gebildet. Die glückliche Haupteinteilung der ganzen BodenflJiche und 
Anordnung der kleineren Teilungen, die sorgfältig berechnete Kontrastwirkung 
zwischen gleichmäßig gemusterten und reich rosetten- und medaillonartig be- 
handelten Partien, die geschickte Farbenverteilung machen aus diesem künst- 
lerisch durchgeführten Bodenbelag ein wahres Meisterwerk. 

Wo diese Fliesen überhaupt erhalten, liegen sie an der alten Stelle. Glück- 
licherweise sind noch genug derselben mit Glasur versehen, um eine Restauration 
des Ganzen mit Sicherheit vornehmen zu können. Die Steinchen sind auf ein 
Bett von Mörtel gelegt und mit solchem vergossen. 

Ich erwähne noch einiger interessanter Besonderheiten: 

In den Längswänden der seitlichen Nischen der Kapelle sind noch einmal 
kleinere Nischen ausgespart, welche je ein Sitzbänkchen und dicht darüber eine 
Fensteröffnung enthalten. Diese Oeffnungen gestatteten den Blick einerseits auf 
den Burghof, anderseits weit ins Land hinaus nach Süden hin und waren, wie 
es scheint, mit nach außen schlagenden Holzschaltern geschlossen, in welchen 
sich nach damaliger Art einige verglaste Durchbrechungen befunden haben mögen. 
In den beiden schrägstehenden Wänden der östlichen Apsis befinden sich unter- 
halb der Fenster je eine Doppelnische, die nördliche jetzt vermauert. Letztere 
wird als Kredenz gedient haben, die südliche wird durch Teller und Abflußrohr 
als Piscina charakterisiert. 

In der östlichen Apsis habe ich die Spuren aller Bestandteile des alten 
Altares aufgefunden. Der Altar des 13. Jahrhunderts war bekanntlich zumeist ein 
sogenannter Ziborienaltar, oder aber ohne Ueberbau eine einfache Mensa mit 
einem Tabernakel dahinter, welch letzteres das Reliquiarium aufnahm und in 
kleineren Kirchen oft mit der östlichen Kirchenwand in Verbindung trat. Wohl 
ausnahmslos war, und zwar in beiden l-\ällen, der Altar nach der Seite und rück- 
wärts mit zwischen freistehenden Säulen ausgespannten Teppichen umhängt. In 
der Marburger Kapelle nun findet sich hinter dem jetzigen Altare das Fundament- 
mauerwerk des früheren nebst dem Lager der Altarstufe vor, in der östlichen 
Wand der Kapelle aber finde ich unter der Tünche die Spuren des ehemaligen 



58 

Einbindens von Werkstücken, jetzt mit Ziegelsteinen ausgefüllt, und glaube die- 
selben mit Wahrscheinlichkeit als Zeugen von dem ehemaligen Vorhandensein 
eines etwa gewölbeartigen Tabernakels deuten zu dürfen, wie sich Ansätze zu 
einem derartigen Gewölbe z. B. auch hinter dem Altarbau der Elisabethkirche 
zeigen. Um die Stelle des Altars herum sind ferner, symmetrisch verteilt, die 
Fundamente von vier runden Säulen sichtbar, welche, wenn nicht bestimmt, den 
Ueberbau eines Ziborienaltars zu tragen • — wozu sie wohl zu schwach sein 
rrlöchten — , doch durchaus in Stellung und Stärke den Säulen entsprechen 
würden, welche erwähntermaßen die umschließenden Teppiche zwischen sich auf- 
nahmen und auf ihren Kapitellen in der Regel die Bilder von Engeln mit den 
Werkzeugen des Leidens Christi trugen. 

Im Fußboden des Rittersaales fand ich an einer bei der Errichtung des 
jetzigen Kamins umgelegten Stelle eine Altarplatte vor, welche, an den Kanten 
verstümmelt, auf ihrer Fläche noch die Weihkreuze trägt und der Größe nach 
sehr wohl dem Altar der Kapelle angehört haben kann. Ebenso habe ich in 
dem Schutt, mit welchem man, freilich erst im gegenwärtigen Jahrhundert, eine 
Schlußsteinöffnung des sogenannten kleinen Rittersaales ausfüllte, ein kurzes Stück 
eines Säulenschafts gefunden, im Durchmesser genau den Säulen entsprechend, 
die auf den Sockelfundamenten um den Altar herum gestanden haben. 

II. Der nördliche Treppenturm. 

Derselbe war hauptsächlich bestimmt, den Zugang vom Hofe nach dem 
Inneren der Kapelle zu vermitteln und zählt von der unteren Tür aus bis zur 
Höhe des Fußbodens der Kapelle 30 Stufen. Von der 32. Stufe aus führt eine 
ursprüngliche, jetzt vermauerte Tür in den südlichen Schloßflügel. Die 35. Stufe 
war die letzte und bildete Podest. Mit ihr war man unter den schönen, nach 
dem Hofe hin geöffneten, jetzt wegen der Höherführung der Treppe halb ver- 
mauerten Maß Werkfenstern angekommen, in deren inneren Nischen je zwei steinerne 
Sitzbänke noch, wenn auch teilweise beschädigt, erhalten sind. Auf den Bogen 
dieser Fenster waren unmittelbar die Kappen des zerstörten sechsseitigen Gewölbes 
aufgelagert; seine Rippen waren spitzbogig und hatten das schöne Profil der 
Rippen in der Kapelle. Ihre Anfänger kragten mit Laubwerk aus. 

Ueber diesem Gewölbe enthielt das Türmchen noch ein Zimmer, mit dem 
südlichen Schloßflügel in Verbindung stehend. 

III. Der südliche Treppenturm. 

Er setzte die nördliche Treppe fort und führte vom Fuflboden der Kapelle 
bis auf das Dach derselben. Zu diesem Ende mußte er das Dachgesims der 
Kapelle, mit dem er jetzt abschneidet, übersteigen, was nach der Ansicht bei 
Merian in der „Topographia Hassiae" auch noch im Anfang des 17. Jahrhunderts 
der Fall war. 

IV. Der Torbau. 

Die Architektur des Inneren war die sehr einfache, bis jetzt erhaltene. Die 
beiden Fenster hatten anfänglich gleiche Höhe der Sohlbank. Der Fußboden ist 
der alte, und gilt davon alles über den Boden der Kapelle Gesagte. Von Malerei 
findet sich unter späterem Anstrich nur ein rotes Bändchen, welches an den 
Wänden die Linie des Gewölbeanschlusses begleitete. 



59 



V. Das Innere des Rittersaales. 

Die ursprüngliche Architektur ist erhalten. 

Der Saal hatte drei jetzt sämtlich zerstörte Zugänge. Die llaupttür befand 
sich in der südlichen Ecke der östlichen Wand unter der jetzt diese Ecke ein- 
nehmenden oberen Treppe. Zu ihr führte vom Hofe herauf außen an der west- 
lichen Giebehvand des Saales empor, welche damals eine äußere Wand war, eine 
zwei Geschoß hohe Treppe. Sie lag zur Hälfte in, zur Hälfte vor dieser Wand, 
und war zu ersterem Behufe in derselben eine schräg aufsteigende Mauer- 
aussparung angeordnet. Zu letzterem Zwecke aber war in zweifüßiger Entfernung 
von der mehrgenannten Giebelwand eine Backenmauer aufgeführt, in welche die 
Treppenstufen einbanden und die in genügender Höhe über diesen Stufen durch 
treppenartig aufsteigende gewaltige Stürze sich mit der Giebelmauer verband. 
Darüber erhielt letztere dann wieder ihre volle Stärke. Ein Teil der Treppe lag 
übrigens, vom Sacke des unteren Gewölbes aufsteigend, im Rittersaale. — Die 
ganze, sehr interessante Anlage war bisher unter Vermauerung und Futz voll- 
ständig unsichtbar. Eine zweite Tür befand sich, wie mit großer Wahrscheinlich- 
keit anzunehmen ist, in der südlichen Wand, und zwar im zweiten Felde von 
Osten an, an der Stelle des jetzigen vereinzelt dastehenden spätgotischen Fensters. 
Hier hat nämlich außen, wie deutliche Spuren zeigen, ein Verbindungsbau nach 
dem südlichen Schloßflügel hinüber angeschlossen. 

Die dritte Tür, jetzt gänzlich unter dem Holz werke des Büfetts verborgen, 
mündete in den betreffenden Erker des Saales von einem Wendcltreppchen aus, 
welches ihn hier, in der Mauerstärke liegend, mit den unteren Räumen verband 
und zweifelsohne die Kommunikation mit der Küche herstellte. 

Die Fenster waren in den unteren viereckigen Abteilungen mit nach außen 
öffnenden, stellenweise durchbrochenen Holzschaltern, oben mit fester Verglasung 
versehen. 

Der Fußboden des Saales war wahrscheinlich von Anbeginn an aus einem 
starken Sandsteingeplätte hergestellt, vielleicht ist der jetzige Belag sogar noch 
der ursprüngliche, jedenfalls kann erwiesen werden, daß er noch dem Mittelalter 
entstammt. Der I'ußboden war über den meisten Schlußsteinen der Räume unter dem 
Rittersaal zwecks direkter Verständigung zwischen oben und unten mit quadratischen 
Oeffnungen durchbrochen. Vor der Frontwand des nördlichen Erkers läuft eine 
flache Rinne hin, in einen Ausguß mündend. 

Der Saal entbehrte, wie möglichst genaue Untersuchungen festgestellt haben, 
des Schmuckes der Bemalung. Indes war ein wenn auch bescheidener farblicher 
Effekt dadurch erzielt worden, daß man die eigentlich architektonischen Glieder, 
die Pfeiler und Kragsteine, die Gewölberippen und das Fensterwerk im natürlichen 
roten Stein gelassen, die Wand- und Kappenflächen hingegen mit weißlichem 
Mörtelputz überzogen hatte. Nur die freilich gar nicht mit dem Steinwerk 
zusammenhängenden, aus Holzscheiben an eisernen Stangen untergehängten 
ornamentierten Platten der Schlußsteine waren mit Gold und Farben geschmückt. 
Es ist dies genau dieselbe reduzierte Art der Ausstattung, welche z. B. in der 
Kirche zu Frankenberg früher zu sehen war. Eine Bemalung der Wände wäre 
auch ganz überflüssig gewesen, denn es waren dieselben in der Weise der Zeit 
auf eine ziemlich bedeutende Höhe hinauf mit Teppichen behangen. Solcher 
Wandbehang der Säle war, wie ausdrückliche Nachrichten und gelegentliche An- 



6o 

deutungen besonders der gleichzeitigen Dichter erweisen, in einiger Entfernung 
vor den Mauern angebracht, so daß sich dahinter noch schmale Gänge ergaben. 
In der Tat haben in unserem Saale auch die an wenigen Stellen noch erhaltenen 
Teppichhaken eine Länge von i'/, Fuß; sie trugen an ihren Enden horizontale, 
wohl hölzerne Stangen — die Spuren derselben vor den Gurtrippen des Gewölbes 
sind noch sichtbar — , und diese dienten direkt zur Befestigung der 15 Fuß hohen 
Tücher. Ueber den Teppichen wurde dann gerade noch das Maßwerk der 
Fenster sichtbar. 

Unter der Tünche habe ich die Spuren des ursprünglichen Kamins gefunden, 
beides die Vierungen der Gewändstücke und der Kragsteine unter dem Mantel, 
als auch die Bindersteine, welche von der Mauer aus in das Steinwerk dieses 
Mantels eingriffen. 

Dieser, wie sich erweisen läßt, mit dem Bauwerk gleichzeitige Kamin lag 
an derselben Stelle wie der jetzt vorhandene, hatte aber die bedeutendere Weite 
von 9 Fuß 8 Zoll. Die Gewände traten säulenartig vor die Flucht vor, auf ihnen 
lagen hohe Kragsteine, welche in der bekannten Weise zunächst einen Sturz, 
darüber den pyramidalen Mantel trugen. 

VI. Das Aeußere. 

Das Bild, welches diese Bauanlagen im ursprünglichen Zustande boten, ist, 
soweit es sich um das Steinwerk handelt, durch Abrechnung der nur unwesent- 
lichen späteren Aenderungen leicht herzustellen. 

Ich erwähne besonders, daß der Torbau früher um ein Stockwerk höher 
war, denn auf der nördlichen Wand der Kapelle fand ich im jetzigen Dach- 
boden des Torbaues und sogar über dem Dache unter neueren Anstrichen 
Spuren von figürlichen Malereien, von Inschriften, kurz von Zimmerdekoration. 
Auch die Bilder bei Dillich und Merian lassen dies Stockwerk erkennen. Daß 
das südliche Treppentürmchen einen Teil seiner Höhe verloren hat, wurde schon 
erwähnt. 

Die aus rauhem Mauerwerk hergestellten Flächen waren mit Kellenputz 
überzogen. 

Die äußere Malerei der Kapelle glich der inneren, war indes einfacher ge- 
halten, in den Gliedern war Weiß und Braun verwandt. 

Die Kapelle hatte wohl sicher ein Dachgesims aus zwei Schichten, ent- 
sprechend allen frühhessischen Bauten, auch dem Rittersaalbau. Es ist ferner 
nach Analogien wahrscheinlich, daß die obere dieser Schichten eine Wasserrinne 
in sich faßte. Dazu hat man sich über den Strebepfeilern die Wasserspeier zu 
denken. Ist ja ein solcher noch, freilich infolge der Dachänderung nun funktionslos, 
an dem nördlichen Treppenturm zu sehen. 

Wie man sich das ursprüngliche Dach der Kapelle zu denken hat, 
hängt wesentlich davon ab, ob man auf demselben an jetziger Stelle einen 
Dachturm als schon im Anfang vorhanden annimmt oder nicht; ich habe 
für das eine oder andere mich zu entscheiden, keine Anhaltspunkte auffinden 
können. 

Die Physiognomie des Saalbaues war hauptsächlich deshalb eine andere als 
heute, weil die flankierenden Ecktürmchen, wie mit Bestimmtheit angenommen 
werden darf, statt der jetzigen Hauben schlanke, hohe Helme trugen. 



6i 



C. Die späteren Veränderungen, 

I. Die Kapelle. 

Das Innere der Kapelle wurde später neu übermalt, in einer Weise, die 
sich stilistisch als dem Anfange des i6. Jahrhunderts angehörig bestimmt. Die 
Zeit, in der diese Hemalung vorgenommen wurde, läßt sich aber noch genauer 
ermitteln, und zwar zwischen die Jahre 1520 und 1527 einschließen, denn: 

1. fand ich auf der Fläche der ursprünglichen Malerei unter diesem spät- 
gotischen Ueberzuge zahlreiche eingeritzte Namensinschriften, von Touristen 
herrührend, teilweise mit Jahreszahlen versehen, und unter letzteren war die 
späteste 1520, 

2. aber ist die Kapelle 1527 dem lutherischen Gottesdienste übergeben 
worden, und von diesem Zeitpunkte ab hat man in keinem Falle die Wände 
einer landgräflichen Kapelle mit den Bildern von Heiligen, am allerwenigsten 
mit Anrufungen derselben ausgeschmückt, wie sie in der fraglichen Malerei 
vorkommen. 

Diese Bemalung nun ist in der allgemeinen spätgotischen Art ausgeführt, 
d. h. man hat die architektonischen Glieder bunt gefärbt, die Flächen geweißt 
und mit grünem Rankenwerk sowie mit figürlichen Darstellungen gefüllt. 

Interessant ist, daß man bei Polychromierung der Gliederungen die Färbung 
des 13. Jahrhunderts nicht ganz verwarf, sondern dieselbe teilweise wieder auf- 
frischte, teilweise ohne weiteres bestehen ließ und nur teilweise änderte. In 
letzterer Beziehung ist mehrmals für Gelb und Weiß Grau eingetreten, für Weiß 
Rot. Die Kapitelle und die Schlußsteine aber sind ganz in der alten Vergoldung 
und Färbung belassen worden. 

Von den Wandflächen sind am reichsten die fensterlosen seitlichen Flächen 
der beiden seitlichen Erker behandelt. 

In der Hauptteilung stimmen diese Flächen überein, nur das Detail wechselt. 
Ueberhaupt ist nämlich der 8 Fuß hohe Raum unter dem Kaffsims der Fenster 
in zwei Teile geteilt, der untere Teil in Art eines Teppichs, der obere mit einem 
Tableau bemalt; über dem Kaffsims folgt zunächst ein größeres Einzelbild mit 
Unterschrift, darüber sind je zwei Wappenschilder mit Unterschriften zu erblicken, 
in der Wölbung endlich ist die Fläche reich mit Rankenwerk bemalt, welches das 
Figürchen je eines Engels umrahmt, der ein Spruchband hält. 

So ist die Malerei auf der westlichen Wand des nördlichen Erkers folgender- 
maßen beschaffen: 

Der über dem Boden beginnende Teppich hat gelben Grund und schwarze 
Zeichnung, die Fransen sind weiß, rot und grün gemalt. Das darüber folgende 
Tableau stellt das Martyrium des heiligen Sebastian dar und wird von einem 
Rundbogen umschlossen, in dessen Zwickeln Laubwerkbündel liegen. Der Märtyrer 
ist entkleidet, an einen Baum gebunden und wird von zwei armbrustbewaffneten 
Soldaten mit Pfeilen gespickt. Die Figuren sind halblebensgrofl. Ueber dem 
Kaffsims folgt das fast lebensgroße Bild St. Johannis des Evangelisten mit der 
Unterschrift in Minuskeln: Sande . Johanne . EiyDH/elisfa . Ora . pro . nohis. Er 
hält die Rechte segnend erhoben, mit der Linken hat er den Kelch gefaßt, dem 
der Wurm des Giftes entsteigt. Auf dem Saum des Kleides stehen in Majuskeln die 
Anfangsworte des Evangelii geschrieben: In .jnlncipio . erat . rei-hum.e(t). rerhaf m I. 



62 

Von dem das Bild einfassenden seitlichen Randstrich aus ragen einander gegen 
über zwei gleichsam in Eisenwerk gedachte Konsolen in die Flächen hinein 
Auf der einen sitzt der Adler, an einem Bande die Tintenbüchse haltend, auf der 
anderen liegt das offene Buch, in dem wiederum zu lesen: in . pruicipio . erat 
verbum . et . verbu . erat^ . apu . deum . et . deus . erat . verbum . hoe . erat 
in . imncijiio . apd . den . oia . per . ips . facta . sunt. 

Die in der Kapitellhöhe der Kapelle gemalten Wappenschilder sind stark 
beschädigt, und läßt das eine noch den Flügel eines Adlers, das zweite ein Geviert 
von Weiß und Gold erkennen. Noch werden reiche Helmdecken und über den 
Schildern gekrönte Helme sichtbar. Unter ihnen stehen auf einem aufgehängten 
Täfelchen die Namen Yngern . vnd . Polen. 

Auf der entgegengesetzten Wand desselben Erkers stellt das untere Tableau 
die Mutter Anna mit der heiligen Maria und dem Jesuskinde dar; in häufig vor- 
kommender Auffassung auf der gemauerten Bank eines Gartens sitzend, in den 
geöffneten Wolken wird Gottvater im kaiserlichen Ornate sichtbar, der heilige 
Geist schwebt als Taube hernieder, die Darstellung im Stile Holbeins. In den 
Zwickeln des Rundbogens anbetende Engelsfigürchen. Die obere Standfigur ist 
die der heiligen Maria, nach der Apokalypse als „Weib in der Sonne" gedacht. 
Zwei Engel halten die Enden der Mondsichel unter ihren Füßen, oben schweben 
zwei Engel, auf Laute und Fiedel musizierend. Das göttliche Kind auf dem 
Arme der Jungfrau hält einen Apfel und eine winzige Schriftrolle in den Händen. 
Die halb zerstörte Unterschrift: . Sanda . Maria . Or {a . pro . nobis). Die 
Darstellung hat größte Aehnlichkeit mit einer entsprechenden im Chore der 
benachbarten Kirche zu Wetter. In diesem Felde sind die Wappen usw. ganz 
erloschen. 

Im südlichen Erker weist die westliche \^"and im Tableau die Standfiguren 
des heiligen Philippus und der heiligen Barbara auf; im Hintergrunde ganz klein 
das Martyrium des erstgenannten Heiligen. Das große obere Bild ist nur in 
wenigen zollgroüen Stückchen noch erhalten. Doch erkennt man auf denselben 
das Kopftuch einer weiblichen Figur, Knopf und Kreuz eines Kirchturmes und 
den Henkel eines Körbchens, und kann daher die Darstellung mit genügender 
Sicherheit als die der heiligen Elisabeth betrachtet werden. Wappen und Unter- 
schriften sind zerstört. 

Das Tableau auf der gegenüberliegenden Wandfläche ist durchaus zerstört. 
Von dem Bilde darüber sind genügende Reste erhalten, um den heiligen 
Christophorus erkennen zu können. Die Wappen sind zerstört, noch lesbar aber 
die Unterschriften derselben: Wirtenberg/: . r . Pomern. 

Die Frontwände der Erker bieten der Fenster wegen nur unterhalb des 
Kaffsimses Fläche für Malerei. Hier sind dann neben und über der Nische des 
Sitzplatzes drei rundbogige Blenden gemalt, in denen sich Bildchen befanden, 
ebenso waren die Leibungen dieser Nischen und sogar die Untersicht des Sturzes 
desselben in gleicher Weise benutzt. Die bezüglichen Flächen sind dabei wie 
die zuerst erwähnten Wände im unteren Teil mit aufgemaltem Teppichwerk ver- 
ziert. Die Bildchen selbst sind im nördlichen Erker bis auf eine geringe Spur 
verschwunden, im südlichen nimmt man in einer jener drei gemalten Blenden 
die Figuren zweier Soldaten wahr, und sind dieselben als die am Grabe Christi 
Wache haltenden Kriegsknechte zu erkennen, wonach der obere zerstörte Teil 
des Bildes die Auferstehung des Heilandes enthalten hat. In der Leibung neben 



diesem Bild war nach dem Gebrauche des Mittelalters ein alttestamentliches Vor- 
bild dieser Auferstehung dargestellt: Daniel, der Löwengrube entsteigend; einer 
der Löwen ist noch erkennbar. Die Untersicht des Sturzes gibt in einem Strahlen- 
niedaillon den Namen Jhesus: J. II. S. (Auch In hoc siyno, oder: Jesus hominimi 
salrator zu deuten.) 

Die Wandfeldcr der östlichen und westlichen Apsis unterhalb des Kaffsimses 
waren in der unteren Hälfte zwar mit Teppichen bemalt, haben darüber aber 
keine bildlichen Darstellungen empfangen. Die obere Hälfte dieser Flächen war 
im Gegenteil nur mit farbigen Streifen umrahmt. 

Die Kappenflächen des Gewölbes haben Strahlensonnen nächst den Scheiteln 
der Gurtbogen sowie auf der Scheitellinie jeder schmalen Kappe der Apsiden- 
gewölbe bekommen. Aus jedem Zwickel jedes Gewölbedreiecks wachsen außerdem 
Ranken mit verschiedenartigem Blattwerk hervor. 

Die letzterwähnten Ornamente sind noch ganz in der dekorativen Weise 
des mittelalterlichen Stiles gehalten und treten somit, ohne Angabe von Schatten 
und Licht zu erfahren, als kolorierte Umrißzeichnungen auf. In den Figuren- 
bildern macht sich natürlich schon der Naturalismus geltend. Das Fleisch ist 
mit einem Ockertone abschattiert, die Gewänder sind mit der dcmi-teinte angelegt 
und darauf Schatten und Lichter so kräftig aufgetragen, daß z. B. im blauen 
Mantel der heiligen Maria beide an den tiefsten und höchsten Stellen bis zum 
reinen Schwarz und Weiß gesteigert sind. Die Hintergründe sind teilweise land- 
schaftlich ausgeführt. 

Der Grund dieser spätgotischen Bemalung ist ein dünner Lehmputz, der auf die 
alte bemalte Fläche aufgetragen und dann fein mit Kalkmörtel überzogen wurde. 

Moderne Anstriche. 

In neuerer Zeit, und zwar nach Erbauung der jetzt wieder beseitigten 
hölzernen Emporenbühnen ward die Bemalung des unteren Teils der Wandflächen, 
soweit sie figürliche Bilder nicht aufwiesen, unter ziemlich genauer Beobachtung 
der Färbung der betreffenden Randstreifen, aufgefrischt. Letztere setzte man 
indessen bis zum Boden herunter fort, und verschwanden so die Teppichmalereien. 
Oberhalb der Emporen und der auf ihnen angeordneten Kirchenstühle wurden 
die Wände überweißt. 

Kanzel, Pfarrstand, fürstlicher Stand, Uhr. 

1596 (inschriftlich) wurde die die Kapelle gegen den Torbau abscheidende 
Wand über dem Kaffsims durchbrochen, jener Torbau in entsprechender Höhe 
mit einer Balkenlage durchzogen und auf ihr der fürstliche Stand eingerichtet, 
dessen in Tischlerarbeit von einer trocknen Renaissance ausgeführte Fassade in 
der Kapelle sichtbar wird. Derselben Zeit gehört, wie die stilistische Vergleichung 
mit großer Wahrscheinlichkeit ergibt, die Kanzel und der unter dem Gewölbe 
hängende Uhrkasten an, desgleichen der Pfarrstand und der jetzige Altar. 

Noch jünger ist das Holzwerk der Türen sowie die oberen westlichen 
Türöffnungen und auch die jetzt vorfindliche Fensterverglasung. 

Turm und Dachwerk sind aus den plumpen Hölzern konstruiert, welche 
man in nachmittelalterlicher Zeit zum Zimmerwerk verwendete, die Weise der 
Verbände und Verbindungen entspricht gleichfalls der Spätzeit des 16. Jahr- 



64 

hunderts, ebenso die äußere Form der gleichzeitigen Turmhaube, und da die 
letztere auch schon auf dem gegen 1604 gezeichneten Bilde von Marburg in der 
,, Hessischen Chronica" des Dillich sichtbar, so kann mit Bestimmtheit angenommen 
werden, daß Dach und Turm unter Ludwig Testator, dem letzten in Marburg 
gesessenen Landgrafen, erbaut worden sind. Hat derselbe ja auch übrigens eine 
Menge von L^mbauten im Schlosse ausfuhren lassen. 

Die Konstruktion ist übrigens besser, als die aus solcher Bauzeit zunächst 
zu erwarten. 

Die acht Eckpfosten des Turmes sind regelrecht aufgehängt, die Last des 
Holzwerkes ist durchaus auf die Umfassungsmauern übertragen. Das Material 
ist überall gut konserviert. 

IL Der Saalbau. 

Wahrscheinlich gleichzeitig mit der erneuerten Bemalung der Kapelle, also 
zwischen 1520 und 1527 sind im Rittersaale einige Malereien ausgeführt worden. 
Dieselben finden sich hauptsächlich unter der unten zu erwähnenden neueren 
Tünche auf einigen Wandfeldern vor, beginnen auf der Höhe des Gewölbeanfanges 
und haben Jagdszenen zum Vorwurf. Sie sitzen einem neuen Anstrich auf, mit 
dem man die frühgotische Tünche überzog und der durch den ganzen Saal geht. 
Auf der alten Tünche gewahrt man unter diesem Anstriche die Spuren von 
Vorzeichnungen in Kohle, wahrscheinhch zu den erwähnten Bildern. Letztere 
sind arg beschädigt. Jedenfalls gleichzeitig malte man um die altgefärbten 
Scheiben der Schlußsteine herum den Kappen blaue Strahlensonnen auf. 

In dieser Zeit mag nach Wegfall des oben erwähnten Verbindungsbaues 
nach dem entgegengesetzten Schloßflügel hin und damit der zweiten Eingangstür 
zum Saale auch das spätgotische Fenster der südlichen Wand entstanden sein. 

Die nächste noch bemerkbare Aenderung nahm man nach inschriftlicher 
Nachricht im Jahre 1572 vor. Damals vermauerte man den östlichen Haupt- 
eingang und brach nördlich daneben, sowie am nördlichen Ende der nämlichen 
Wand zwei neue Türen ein. Dieselben erhielten nach dem Saale hin die 
bekannten prächtigen, in gutem Renaissancestil ausgeführten Bekleidungen sowie 
entsprechende Türflügel und Beschläge. Der Kern dieser Holzarbeiten ist größten- 
teils Tannenholz, das aber fast überall mit Furnieren und Marketerie aus 
besseren Holzarten beleimt ist. 

Noch in demselben Jahre oder frühzeitig in dem darauf folgenden wurden, ohne 
daß man jetzt einen Grund dafür erraten könnte, die Wand- und Gewölbeflächen 
mit einer zollstarken Lehmtünche überzogen, die sich in verminderter Stärke 
merkwürdigerweise auch noch über die seitlichen Platten der Gewölberippen hin 
erstreckt. Die bezeichneten Flächen hat man dann weiß gestrichen, die Rippen, 
Pfeiler, Konsolen und das Fensterwerk aber in Braun, Gelb und Grau marmoriert. 

Außen vor der östlichen Wand des westlichen Schloßflügels entlang, und 
zwar in der Höhe des Rittersaales, scheint man in dieser Zeit einen ausgekragten 
Verbindungsgang gebaut zu haben. Von ihm aus gelangte man in den Saal 
durch eine neu eingebrochene Tür, deren Bekleidung die Jahreszahl 1573 
trägt. Diese Tür ist in derselben Art und mit noch größerem Reichtum aus- 
gestattet als die soeben erwähnten östlichen Türen. 

(NB. Daß die letzterwähnten Arbeiten in solcher Reihenfolge vorgenommen 
wurden, geht daraus hervor, daß die Lehmtünche vor den Bekleidungen der mit 



65 

1572 daticitcn Türen anliiuft, hinter der Bekleidung der Tur von 1573 aber 
durchgeht. Ebenso geht sie hinter dem gleich zu erwähnenden Büfett, der neuen 
Treppe und dem Kamine durch.) 

Diese Arbeiten rühren dem Stile nach aus der letzten Zeit Landgraf 
Ludwig IV. (in.), also aus den letzten Jahren des 16. oder den ersten des 
17. Jahrhunderts her. Sie stimmen in ihrem gegen die Architektur der Tiir- 
bekleidungen stark sich abhebenden trocknen, langweiligen Stile ganz mit der 
Holzarbeit des Fiirstenstandes in der Kapelle uberein, welche inschriftlich 1596 
gefertigt wurde. 

Auf ziemlich langen Strecken an den Wänden entlang werden dicht vor 
denselben auf dem Fußboden zwei Reihen eingesetzter Gevierte wahrnehmbar. 
Ihnen entsprechen in der Wand, und zwar in Sitzhöhe vorzufindende eingelassene 
Dübel. Beides deutet darauf hin, daß man hier feststehende Bänke errichtet 
hatte, indes erst zu einer Zeit, daraus bestimmbar, daß die erwähnten Spuren 
unter den Sockeln der Säulen der südlichen Türbekleidung nicht durchgehen. 
Sie müßten sich aber nach Verteilung und Ausmessung auch, von diesen Sockeln 
verborgen, noch vorfinden, wenn sie früher eingerichtet worden als diese Tur- 
bekleidung. Indes sind diese Bänke vor dem Büfett der Nordseite durchgegangen 
und müßten notwendigerweise vor diesem schon bestanden haben. Daraus ist 
denn zu folgern, daß dieselben nach oder gleichzeitig mit den Turbekleidungen 
aufgestellt und wahrscheinlich bei der Wiederaufnahme der Arbeiten am Schlüsse 
des Jahrhunderts beseitigt wurden. 

Der jetzt sichtbare oberste, übrigens meist wieder zerstörte Anstrich der 
Wand- und Gewölbeflächen ist deshalb neuer als die letzterwähnten Aus- 
schmückungen des Saales, weil er über die Rotstiftstriche, womit man die 
behufs Anbringung der letzteren vorgenommenen Ausmessungen markierte, hin- 
weggeht. 

Auf diesem neuesten Anstrich wurde zu Füßen der Wände ein roter Sockel 
gestrichen, die Pfeiler bekamen weißen Anstrich. 

Zur Zeit der letzten französischen Okkupation von Marburg, als man den 
Rittersaal zu einem Lazarett einrichtete, wurden die Fenster desselben mit Zeug 
verhängt und zu diesem Zwecke in der Höhe des Maßwerks die noch sichtbaren 
Dübellöcher eingehauen. Gleichzeitig setzte man vor den neuen Kamin und gegen 
das westliche Ende des Saales hin vor die südliche Wand zwei gemauerte Oefen, 
die indes längst wieder abgebrochen wurden. 

Aus dem Dache des Saalbaues wurden in neuerer Zeit frevelhafterweise 
die sämtlichen Kreuzhölzer des Längsverbandes ausgebrochen und entfernt. 
Infolgedessen haben sich die Flächen der Gespärre oft fußweit ausgebuckelt, 
die Kehlbalken haben teilweise die Scharten und Kämme der Rahmhölzer 
verlassen , überhaupt hat sich das ganze Dachwerk nicht unbedeutend 
derangiert. 

Daß der südöstliche Eckturm früher wirklich schon vorhanden war, be- 
weist außer dem im Inneren des Dachbodens an der Giebelwand vorfind- 
lichen Türgewände desselben hauptsächlich der für ihn bestimmt gewesene, 
noch gut sichtbare, erst später mit fremdem Holze ausgezimmerte Aus- 
schnitt im Dache, sowie die neue Tünche, welche im Aeußeren das Mauerwerk 
trägt, womit nach Abbruch dieses Turmes die entstandene Oeffnung ausgefüllt 
wurde. 

Schäfer, Gesammelte Aufsätze. 



66 



D. Vorschläge. 

Wenn das l^rinzip, bei Restauration älterer \\ erke der Baukunst mit Hinweg- 
räumung späterer Aenderungen und Zutaten ganz auf den altbeabsichtigten Zustand 
zurijckzugehen, im allgemeinen große Gefahren mit sich fuhrt, so kann doch bei 
der Restauration der Bauten des Marburger Schlosses demselben ohne zu be- 
fürchtenden Schaden beliebig weit Folge gegeben werden, \veil eben, wie oben 
angedeutet, jener ursprüngliche Zustand fast überall mit Sicherheit, in bezug auf 
einige zunächst zweifelhafte, übrigens nebensächliche Dinge aber wenigstens mit 
größter Wahrscheinlichkeit festgestellt werden kann. Indem nun ferner bei diesen 
Bauten das Alte durchgängig von hohem Kunstwerte, manches davon in gleicher 
Vollendung kaum anderwärts aufzufinden, einiges als Unikum dasteht — wird 
man, meiner Ueberzeugung nach, bei Herstellung der Kapelle, des Rittersaals 
und der untrennbar damit verbundenen Nebenräume von folgenden Gesichtspunkten 
ausgehen müssen: 

1. Im allgemeinen ist die Verfassung herzustellen, in welcher diese W'erke 
nach ihrer Vollendung im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts dastanden. 

2. Spätere Zutaten und Erneuerungen sind beizubehalten, wenn sie die äußere 
Erscheinung gar nicht beeinflussen (wie das Dachwerk der Kapelle), auch 

3. ferner dann, wenn sie selbst von Kunstwert, w'eder wertvolle alte Partien 
verdecken, noch in das Ganze störend eingreifen. 

4. Solche Zutaten, welche an sich von Wert, wichtige ursprüngliche Teile 
verbergen oder die Totalerscheinung in höherem Grade stören, müssen vorsichtig 
abgeräumt und für die im Rittersaale anzulegende Sammlung von Altertümern 
konserviert werden. 

5. Alle sonstigen Zutaten und Erneuerungen sind zu entfernen. 

6. Zu den restaurierten Räumen müßte man auf anständigen Wegen gelangen 
können. In dieser Hinsicht würde am besten gesorgt sein, wenn der Eintritt 
durch den nördlichen Treppenturm der Kapelle erfolgte, diese durchwandert und 
dann der Torbau und einige Stufen der anliegenden Wendeltreppe passiert 
würden. Man würde alsdann durch den Raum östlich vor dem Rittersaal, von 
dem ein entsprechender Teil her7Aistellen wäre, in den Saal selbst gelangen und 
denselben durch die zu restaurierende, nach dem Hofe fuhrende alte Haupttreppe 
verlassen. 

Danach erlaube ich mir, die Vornahme der nachfolgend aufgeführten Arbeiten 
vorzuschlagen. 

I. Das Innere der Kapelle betreffend. 

1. Die Lehmtünche ist zu entfernen, die spätgotischen Malereien sind teils 
abzulösen und aufzukleben, teils zu kopieren. 

2. Altar, Kanzel und Pfarrstand sind abzubrechen, desgl. das Uhrzeigerwerk. 

3. Die Schäden im Mauerwerk und in den architektonischen Teilen sind mit 
neu einzufügendem Steinwerk auszubessern. 

4. Wo ganz kleine Stückchen des Steinwerks fehlen, kann Zement ein- 
gestrichen werden. 

5. Die Vermauerung im unteren Teil der Fenster, sowie der Blenden im 
Chore usw., der seitlichen unteren Nischen und der unteren Tür des westlichen 
Ganges ist zu entfernen. 



67 

6. Die drei oberen westlichen Türen und die Durchbrechung zum Fürsten- 
staiul sind zu vermauern. 

7. Die in die Wände später eingelassenen Haken usw. werden ausgebrochen. 

8. Die alte Mörteltiinche ist auszubessern. 

9. Die ursprüngliche Wandmalerei wird durch Uebermalen aufgefrischt. 

10. Das östlichste Fenster bekommt Glasmalereien mit Medaillons, Szenen 
aus dem Leben der hl. Elisabeth enthaltend. 

11. Die übrigen oberen Fenster werden mit ornamentaler Glasmalerei 
versehen. 

12. Die drei ursprunglichen Türöffnungen erhalten stilentsprechende Tür- 
flügel nebst Beschlägen. 

13. Die unteren Fen.ster der seitlichen Nischen erhalten Holzschalter mit 
teilweiser Verglasung. 

14. Vor dem südlichen dieser F'en.ster wird auf dem Daciie des davor- 
stehenden Renaissanceanbaues eine Luke gebaut, um die Durchsicht zu er- 
möglichen. 

15. Auf der Stelle des alten Altars wird ein stilgerechter einfacher Altar 
aufgebaut. 

16. Der Bodenbelag wird unter genauer Einhaltung der alten Zeichnung 
und Färbung erneuert, dabei indes die Stärke der Inkrustationen bedeutender 
angenommen, die schwarzen und gelben Fliesen werden in der Masse gefärbt. 

17. In der Ausrundung des Austritts vor der nordwestlichen Tür wird der 
Boden wie früher wieder um 5 Zoll höher gelegt. 

II. Das Innere des Rittersaales betreffend. 

1. Der neue Kamin, das Büfett und die neue innere Treppe sind abzu- 
brechen. 

2. Die Lehmtünche wird von Wänden und Gewölben abgeschlagen. 

3. Die Pfeiler, Kragsteine, Maßwerke und Gewölberippen werden mit Wasser 
und feinem Flußsande reingewaschen. 

4. Das Stein- und Mauerwerk wird, wo es beschädigt, mit Stein aus- 
gebessert, besonders müssen verschiedene Teilungsstürze der Fenster erneuert 
werden. 

5. Die Dübellöcher des Maßwerks werden verkittet, unnütze Haken usw. 
entfernt. 

6. Die alten Teppichhaken werden repariert und vervollständigt. 

7. An Stelle des ältesten Kamins und unter Zugrundelegung aller Spuren 
wird ein einfacher, stilentsprechender neuer Kamin entworfen und ausgeführt. 

8. Die neuere obere östliche Tür wird vermauert. 

9. Der alte östliche Haupteingang wird wiederhergestellt. 

10. Die alte Mörteltünche wird ausgebessert und angestrichen. 

11. Die Bemalung der Schlußsteinscheiben wird erneuert. 

12. Das Geplätte des Fußbodens bedarf einiger Reparaturen. 

13. Die Bekleidungen und Flügel der drei Renaissancetüren werden re- 
stauriert. 

14. Die Fenster werden im unteren Teile mit teilweise durchbrochenen Holz- 
schaltern, oben mit Musterverglasung aus weißem Glase in Rundblei versehen. 



68 

III. Den Vorbau östlich vor dem Rittersaale betreffend. 

1. Die Holzwand, welche ehemals das in der Höhe des Rittersaals liegende 
Geschoß dieses Vorbaues der Länge nach in der Mitte durchzog, ist herzustellen, 
teils im unteren Geschoß abzusprengen, teils an im Dache aufzustellende Binder 
aufzuhängen. 

2. Die dann in die südliche zu restaurierende Hälfte dieses Geschosses ent- 
fallenden modernen Pfosten und Schornsteine sind auszubrechen. 

3. Die Decke des bezüglichen Raumes ist mit Tannenbrettern und eichenen 
Fugenleisten zu verschalen. 

4. Die Wände müssen getüncht werden. 

5. Auf den vorhandenen Fußboden ist ein neuer Dielenbelag einschl. der 
erforderlichen Lagerleisten aufzubringen. 

6. Die Fenster erhalten Rautenverglasung. 

7. Flügel, Futter und Bekleidung der östlich in diesen Raum führenden Tür 
werden erneuert. 

8. Die Tür zum Rittersaal erhält nach diesem Räume hin P'utter und Be- 
kleidung. 

IV. Die Treppentürrne der Kapelle und den nördlichen Durchgang betreffend. 

1. Im nördlichen Treppenturm sind alle Stufen über der 35. von unten 
auszubrechen. 

2. Der dann entstehende Podest ist mit einem Geländer zu versehen. 

3. Das Gewölbe über diesem Podest ist wiederherzustellen. 

4. Die Sitzbänke in den Fensternischen sind zu reparieren. 

5. Die Fenster dieses Treppenturms bedürfen neuer stilgerechter Verglasung. 

6. Die Wand- und Gewölbeflächen sind in der Weise der Kapellenwände 
zu streichen und abzufugen, die Rippen zu färben. 

7. Im südlichen Treppenturm sind die drei obersten Aborte zu entfernen 

8. In diesem Turm sind vom Boden der Kapelle bis über das Gewölbe 
derselben die aus dem nördlichen Turm ausgebrochenen Stufen zu verlegen. 

9. Im nördlichen Durchgang (im Torbau) ist die eingezogene Balkenlage 
auszubrechen. 

10. Daselbst das durch späteres Einbrechen einer nun wieder vermauerten 
Tür in seiner Höhe beschränkte nördliche Fenster wieder in alter Höhe herzustellen. 

11. Daselbst ferner die Mörteltünche auszubessern. 

12. Die Fensterverglasung zu erneuern. 

13. Die nördliche Tür im Holzwerk zu erneuern. 

14. Der Fliesenboden würde mit den besterhaltenen Stücken aus dem zu 
erneuernden Boden der Kapelle ausgebessert werden können. 

15. Die Wände und Gewölbe wären anzustreichen. 

V. Das Aeußere betreffend. 

1. Am Steinwerk der Kapelle sind einige geringe Schäden auszubessern. 

2. Auf das bestehende Dachgesims der Kapelle ist die jetzt fehlende 
steinerne Wasserrinne zu legen, in ihr sind die nötigen Ausgüsse anzuordnen. 

3. Die beiden östlichen Fenster des Stockwerks unter der Kapelle sind auf 
zubrechen und mit guter Verglasung zu versehen. 



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4. Die nördliche Eingangstiir zu dem betreffenden Raum ist stilgemäß her- 
zustellen, desgl. die Eingangstiir zum nördlichen Treppenturm. 

5. Auf das Mauerwerk des sudlichen Treppenturms werden 6 Fuß nebst 
Gesims aufgesetzt. 

6. An der Kapelle ist, wo es nötig, die Tünche herzustellen, anderwärts 
die Fugen auszustreichen, besonders sind die Wasserschläge von Gras zu reinigen 
und auszuspeißen. 

7. An der westlichen Grenze der Kapelle wird ein Brandgiebel erbaut, der, 
über das Dach emporgeführt, dasselbe von dem Dache des anstoßenden südlichen 
Schloßflügels scheidet. 

8. Das Uhrzifferblatt vor der Südseite der Kapelle wird entfernt und nötigen- 
falls dicht darüber auf dem Kapellendache für ein neues kleineres Zifferblatt eine 
Luke erbaut. 

9. Vom Turm der Kapelle müßte der über dem äußeren Umgange liegende 
obere Teil abgebrochen und stilgerecht erneuert werden, wobei wieder ein Wärter- 
stübchen und ein Raum für die jetzt in der Laterne hängende Glocke zu schaffen 
wäre. Die Arbeit, dem äußeren Charakter der Kapelle entsprechend, ganz ein- 
fach gehalten, würde einen irgendwie bedeutenden Geldaufwand keineswegs be- 
anspruchen. 

10. Der südliche und der nördliche Treppenturm würden neue Helmspitzen 
und das Kapellendach sechs stilgemäße Dachfenster bekommen. 

11. Von dem südlich an die Kapelle anstoßenden Vorbau vom Jahre 1572 
müßte der spätere breite hölzerne Dacherker, welcher, an sich unschön, die 
Kapelle in störender Weise verdeckt, abgebrochen und der Anschluß des Daches 
vornehmlich unter dem westlichsten Fenster der Kapelle gebessert werden. 

12. Der Torbau müOte nach Osten und Westen mit einer steinernen Wasser- 
rinne versehen werden, dort einen Ausguß bekommen, hier müßte das Fallrohr 
aus der südlichen in die nördliche Ecke verlegt werden. 

13. Auf der Hofseite ist von der Wand des Torbaues die Umrahmung 
eines früher bestandenen Zifferblattes zu entfernen. 

14. Die zur Treppe nördlich des Torbaues fuhrende Tür ist im Holzwerk 
zu erneuern. 

15. Der Torbau ist in der Tünche und dem Fugenverstrich zu reparieren. 

16. Die inneren Flächen des Torbogens, die Westfront des Torbaues und 
die von den Wänden der Kapelle und des nördlichen Treppenturms nach dem 
Hofe hin sichtbaren Partien sind in der ursprünglichen einfachen Weise zu be- 
malen. 



17. An der Südseite des Rittersaals ist das Dach der neuen Pulttreppe ab- 
zubrechen. 

18. Daselbst die Aufziehluke des Daches .stilgemäfl zu ändern. 

19. Die drei unteren Dachfenster zu erneuern. 

20. Die Dachrinne, welche hier stellenweise vorhanden, zu entfernen. 

21. Am Steinwerk des Saalbaues sind nur wenige geringe Reparaturen vorzu- 
nehmen, besonders aber sind 

22. einige Sohlbänke der oberen Fenster, jetzt aus schlechten Schrotten her- 
gestellt, aus Stein zu erneuern. 



70 

23- Drei Fenster des unteren Stockwerks, jetzt modernisiert, mit neuen Pfosten 
zu versehen. 

24. Das Mauerwerk muß hier und da neu ausgefugt werden, nach dem Hofe 
hin ist auch getünchte Fläche auszubessern, besonders aber sind westlich und 
nördlich die großen Schrägen des untersten Stockwerks von Gras und Buschwerk 
zu reinigen und mit Zement auszufugen. 

25. Die Dächer zweier nördüchen Strebepfeiler, gegenwärtig mit Schiefer be- 
legt, sind zu reparieren; desgl. 

26. die Anfänger der großen Giebel. 

27. Auf das Dach würden nach Norden hin 12 neue Dachfenster kommen. 

28. Das südöstliche Ecktürmchen wäre wiederherzustellen. 

29. Das nordöstliche um die Höhe des obersten Geschosses wieder auf- 
zumauern. 

30. Alle vier Ecktürmchen wären mit neuen spitzen Helmen zu versehen. 

31. Die Führung der Leitdrähte für den Blitzableiter wäre zu regulieren. 

32. Im Dache des Saalbaues müßten die ausgebrochenen Windstreben 
wieder eingezimmert, auch sonst einige am Zimmerwerk nötige Reparaturen be- 
hufs Sicherstellung dieses Daches und Bauwerks vorgenommen werden. 



71 



Gutachten 

über die Restauration der lutherisciien Pfarrkirche zu Frankenberg. ) 



I. Erste Anlage. 

Die Pfarrkirche St. Maria zu Frankenberg gehört zu den bedeutenderen 
Werken der Baukunst in Hessen und ist eine Schöpfung nach dem Vorbilde der 
Elisabethkirche zu Marburg, verkleinert und vereinfacht gegenijber diesem Muster 
und abweichend in den der vorgeschrittenen Erbauungszeit entsprechenden Detail- 
bildungen. 

Die Kirche ist im wesentlichen ein Werk aus einem Gusse: Sie ward an 
Stelle eines älteren Bauwerks errichtet seit dem inschriftlich verbürgten Gründungs- 
jahrc 1286. Der Bau hat höchstwahrscheinlich mit dem Schiffe begonnen, während 
daß der Chor der älteren Kirche noch aufrecht stand. Später ward dann der 







Abb, 18. Sockelprofil 
am .Schiff. | am Chor. 



Abb. 19. Nasenbogen 
am Schiff. 1 am Chor 



neue Chor nach erweitertem Breiten- und Höhenmaße angefügt. Der Unterschied 
in der Erbauungszeit von Schiff und Chor ist stilistischen Indizien zufolge ein 
nur geringer; für das mindere Alter des Chores spricht die Profilierung der 
Sockel , der Gewölbedienste und die Aiilage der Nasen im Fenstermaßwerk auf 
der äußeren Seite. 

Mit dem eigentlichen Kirchengebäude hängt zusammen die dem südlichen 
Kreuzarm angebaute prächtige Marienkapelle, ein Polygonbau aus der 2. Hälfte 
des 14. Jahrhunderts, sowie die Sakristei, auf cler Nordscite des Chores gelegen, 
ein zweistöckiges einfaches Werk im Stil des Chores. 



Erstattet am 31. Man 1870 im Auftrage der Königlichen Regierung in Kassel. 



72 



II. Aeltere bauliche Veränderungen. 

1. Nach einem Brande vom Jahre 1476 ward das Dach der Kirche erneuert. 
Ursprünghch hat das Mittelschiff der Kirche ein besonderes Dach gehabt, 

die einzelnen Seitenschiffsfelder einschneidende Walmdächer; das neue Dach reicht 
über alle drei Schiffe. Seine Konstruktion ist, wenigstens über dem Langhause, 
übermäflig leicht; infolgedessen hat sich die Dachebene an vielen Stellen gebuckelt. 
Der über der Vierung gestandene Dachreiterturm ward nicht wieder erbaut. 

2. Bei der Anlage des neuen Daches fiel die durch meine Untersuchung 
als ehemals vorhanden konstatierte steinerne Wasserleitung, bestehend aus Rinnen 
im Dachsims, Wasserkesseln auf dem Kopf der Strebepfeiler und Wasserspeiern, 
fort. Ueber die Rinne ward das Dach hingezogen, die Strebepfeilerköpfe wurden 
mit Schiefern abgedeckt. 

3. Beim Brande des Daches war das weitgespannte Chorgewölbe eingeschlagen 
worden und ebenso das Maßwerk in 5 Chorfenstern. Statt der Gewölbe ward 
eine im Jahre 1731 dann erneuerte flache Decke angelegt, die beschädigten Fenster 
wurden zugeschalt und geschiefert, im Chor ward eine Orgel aufgestellt, welche 
man im 18. Jahrhundert in ungeheuerlicher Größe erneuerte. 

4. Bis zum Jahre 1529 ward die Kirche in den Seitenschiffen und im Kreuz- 
schiff mit hölzernen, sehr entstellenden Emporen verbaut, welche jedoch, wenigstens 
in den Köpfen von 33 Stichbalken, ein treffliches Schnitzwerk zeigen. Gleich- 
zeitig und teilweise später noch füllte man das Gebäude mit schlechtem 
Gestühle an. 

5. Anno 1554 ward eine steinerne runde Kanzel in spätestgotischen Formen 
gebaut. 

6. Im Jahre 1607 ward der abgebrannte Turmhelm durch eine außergewöhn- 
lich ärmliche und geschmacklose Haube ersetzt. Die durch den Brand gleich- 
falls beschädigten Fenster des Turmes haben ihr Maßwerk nicht wieder- 
erhalten. 

7. Im Laufe des 18. Jahrhunderts, teilweise schon früher und teilweise später, 
wurden die glasgemalten Fenster bis auf einige Reste durch wertlose weiße 
Fenster ersetzt. 

8. Im laufenden Jahrhundert überweißte man die dem Schlüsse des 15. Jahr- 
hunderts entstammende Bemalung der Gewölbekappen mit stilisierten Laub- 
ornamenten. 

9. Gleichfalls erst kürzlich, in den 30er Jahren, ward das turmartig steile 
Dach der Marienkapelle ganz ohne Not abgebrochen und ein neues flacheres 
Dach aufgesetzt. 



III. Zustand der Kirche vor der letzten Restauration. 

Abgesehen von den Verunstaltungen, welche die letzten Bauarbeiten der 
Kirche in ästhetischer Hinsicht zugefügt hatten, krankte dies Gebäude vor der 
Restauration an verschiedenen technischen Gebrechen. 

Dahin gehören hauptsächlich: 

I. Der schlechte Zustand der Fundamente aller Außenmauern mit Ausnahme 
derjenigen des Turmes. Die Fundierung war von vornherein meist in ungenügender 



73 

Tiefe und aus kleinem, schlechtem Material angelegt gewesen. Deshalb waren die 
Aulknniaucrii hier und da, besonders am Chore, bedenklich gewichen und 
gerissen. 

2. Kin größerer Teil des Pfosten- und Maßwerks der Fenster war, aus einem 
wenig wetterbeständigen Steinmaterial hergestellt, verwittert und faul und damit 
unstabil geworden. 

3. Viele andere Architekturteile, Fenstersohlbänke, Gesimse, Ecken, ebenso 
aber auch Fliichen Mauerwerks waren schadhaft, verwittert und in den Fugen 
ausgewaschen. 

4. Das I'ußbodengeplätte der Kirche war in einem sehr schlechten Zu- 
stande. 

5. Die Verglasung der Fenster war eine sehr mangelhafte, undichte und 
gebrechliche. 

PLine wesentliche Ursache dieser Zerstörungen war der Mangel einer Dach- 
rinne, der, bei der sehr exponierten Lage der Kirche doppelt verderblich, das 
Dachwasser bei jedem Windzug gegen die Mauerflächen schlagen ließ. 



IV. Restaurationsarbeiten. 

Vom Jahre 1832 bis 1857 wurden durch den betreffenden Baubeamten wieder- 
holt kleinere Reparaturen an den Dächern und der Fensterverglasung vorgenommen. 
Nachdem sich aber die eben erwähnten Schäden der Fundamente in immer 
schlimmerer Weise zu äußern begannen und der Zustand einzelner Partien des 
Mauerwerks, besonders am Chore, ein derartiger ward, daß man an die Mög- 
lichkeit eines teil weisen Einsturzes denken mußte, kam es in den Jahren 1857 
und 1858 zu Verhandlungen zwischen der Pfarrbehörde zu I-"rankenberg, der 
städtischen Behörde, dem Kurfürstlichen Konsistorium zu Marburg, dem Kurfürst- 
lichen Ministeiium, dem Kurfürstlichen Landratsamte und dem Landbaumeister 
zu Frankenberg über eine umfassende Herstellung des Gebäudes. Landbaumeister 
Augner gab am 6. August 1858 die Kosten solcher Arbeit auf 5000 bis 
8000 Taler an. 

Im August 1858 beauftragte Kurfürstliches Ministerium den Architekten 
Ungewitter zu Kassel mit Anfertigung eines Restaurationsprojekts. Dieses Projekt 
war nebst Kostenanschlag im März 1859 vollendet. Die Ausführung sollte der 
Landbaumeister besorgen. Am 21. März 1860 veranschlagte derselbe das Projekt 
Ungewitters neu, und zwar auf 9000 Taler. 

In den Jahren 1861 bis 1863 wurden außerhalb dieses Anschlags noch 
kleinere Reparaturen an durch den Hagel zerschlagenen Fenstern und an den 
Dächern vorgenommen. 

Im April 1^64 ward Landbaumeister Augner auf sein Ersuchen von der 
Leitung der Restauration entbunden und Ungewitter mit derselben beauftragt. 
In demselben Jahre begannen die projektierten Restaurationsarbeiten. 

Im Oktober 1864 ward nach dem Tode Ungewitters der Architekt Zindel 
zu Kassel mit der Leitung der Arbeiten betraut. 

Die spezielle Bauaufsicht hat in den Jahren 1S64 bis 1867 der damalige 
Baueleve Böning geführt. 



74 

In den Jahren 1864 und 1865 wurden: 

1. Die Fundamente der Kirchenmauern und der zugehörigen Strebepfeiler 
aufgegraben und, wo es nötig, ausgebrochen und mit neuem Mauer- 
werk auf gehörige Tiefe unterfangen. 

2. Im Inneren der Kirche wurden die Emporen, Gestühle, die Orgel nebst 
ihrer Bühne und die Decke des Chores abgebrochen. 

3. Der Chor ward mit Kreuzgewölben in der Form der ursprünglichen 
neu gewölbt. 

4. Die des Maßwerks entbehrenden Chorfenster wurden hergestellt. 

5. Das Orgelwerk ward einer Reparatur unterworfen. 

In den Jahren 1866 und 1867 ist weiter vorgenommen worden: 

6. Die Ausbesserung der Fundamente an einigen zurückgebliebenen 
Stellen. 

7. Die Herstellung des Fußbodengeplättes durch die ganze Kirche unter 
möglichster Ausnutzung der alten Platten. 

8. Die Ausbesserung der Pfeiler und Wände an den durch die ehemaligen 
Emporen beschädigten Stellen. 

9. Die Ausbesserung und teilweise vollständige Erneuerung des Maßwerks 
der Schififsfenster. 

10. Die Herstellung vieler beschädigten Gesimse. 

11. Das Mauerwerk ist, wo es nötig, ausgefugt worden. 

12. Es ward ein steinerner stilgemäßer Hochaltar beschafft, ebenso 

13. eine neue steinerne Kanzel errichtet, nachdem die vorhandene ab- 
gebrochen. 

14. Aus vorhandenen vier Pfosten und Platte ward ein Liturgie -Altar 
erbaut. 

15. Die Fenster des Chores wurden mit Glasmalerei bezw. mit Mustern in 
weißem Glase versehen. 

16. In Schiff und Kreuzschiff wurde die vorhandene Verglasung der Fenster 
herausgenommen, gereinigt und neu verbleit und ergänzt wieder ein- 
gesetzt. 

17. Für Schiff und Kreuzschiff wurde ein neues Gestühl hergestellt unter 
Verwendung des noch brauchbaren Materials der alten Stühle. 

18. Eine Reihe erhaltener Chorstühle ward restauriert. 

19. Eine neue steinerne Orgelbühne gebaut und ein Oigelgehäuse ge- 
fertigt und 

20. das Dach der von der Sudseite in den Chor fuhrenden Vorhalle 
gedichtet. 

Im Jahre 1868 wurden: 

21. Die Wand- und Gewölbeflächen des Inneren der Kirche nebst dem Hoch- 
altar und der Kanzel bemalt. 

22. Die Chorstühle angestrichen. 



75 



V. Gutachtliche Bemerkungen über die Restauration. 

Zu (Jen unter IV aufgezählten Arbeiten bemerke ich, und zwar: 

Zu I und «I. Uic Erneuerung der Fundamente hat den beabsichtigten Zweck 
erreiclit: ein weiteres Ausweichen und Reißen der Mauern hat trotz des neu 
eingefügten Chorgewölbes nirgends stattgefunden. Die vom Landbaumeister 
Augner in seinem Berichte vom 12. November 1869 erwähnten Risse sind die 
vor der Restauration vorhanden gewesenen Risse und haben, indem sie durch 
die neu eingezogenen Gesimse und Mauersteine unterbrochen werden, sich er- 
sichtlich neuerdings nicht mehr erweitert. 

Zu 3. Die Rippen der Chorgewölbe sind aus Sandstein, die Kappen aus 
Backstein hergestellt. Die Ausfijhrung ist musterhaft. 

Zu 4, 7 und 1 1. Diese Steinarbeiten sind gut ausgeführt worden. 

Zu 12. Der im Chorschluß errichtete sandsteinerne Hochaltar besteht aus 
Stufe, Mensa, 2 Kommunionbänken und Retabulum, letzteres drei Figurengehäuse 
enthaltend. In denselben stehen augenblicklich 3 mittelalterliche, der Marien- 
kapelle entstammende Figuren. Der Altar ist im frühgotischen Stile gehalten. 

Zu 13. Die Kanzel steht am südöstlichen Kreuzpfeiler, ist von überall her 
sichtbar, in frühgotischem Stil gehalten und mit Ausnahme des stilisierten schmiede- 
eisernen Treppenhandlaufs aus Stein gefertigt. 

Zu 14. Der Liturgie-Altar steht im Vierungsfeld. 

Zu 1 5. Die neue Fensterverglasung im Chore entspricht in Rücksicht des 
Stiles und der Technik allen zu stellenden Anforderungen. Sämtliche Maflwerke 
haben mit eingebranntem Schwarzlot auf kleine, in Blei gefaßte Scheiben viel- 
farbigen Hüttenglases gemalte Ornamente erhalten, das Mittelfenster übrigens eben- 
solche Ornamentik nach dem Muster vorhandener und darin konservierter Reste; 
auch sind in dasselbe 9 erhaltene figürliche Medaillonbilder und 2 erhaltene Stand- 
figuren nach geschehener Reinigung und neuer I^'assung so passend als möglich 
eingefügt worden. 

(Die Medaillons enthalten Szenen aus der Leidensgeschichte Christi, die 
Standfiguren sind weibliche Heilige mit deutschen Inschriften auf Spruchbändein. 
Erste Jahre des 14. Jahrhunderts.) 

Die Glasmalerei der zwei dem Mittelfenster zunächst stehenden Chorfenster 
ist ornamentale Grisaille. 

Die übrigen Chorfenster haben neben bunten gemalten Friesen aus kleinen 
Scheiben zusammengesetzte Glasmuster in Form von Bandverschlingungen er- 
halten. 

Zu 17. Das neue, gut ausgeführte Gestühl entspricht dem Stil der Kirche. 

Zu 19. Ebenso die Orgelbühne und der Orgelprospekt. 

Zu 20. Das betreffende Dach ist aus Mangel steinerner Schutzgesimse entlang 
den Anschlüssen am Steinwerk immer noch undicht. 

Zu 21. Vor der Restauration waren im Inneren der Kirche nur die glatten 
Flächen getüncht, alle Architekturteile aber wiesen den natürlichen roten Sandstein 
auf. Nach der Entfernung der störenden Zutaten späterer Zeit und den nötig 
gewordenen Herstellungen am Steinwerk bot dieses aber einen derartig gefleckten 
und geflickten Anblick, daß man fast notgedrungen zu einer Uebermalung schreiten 
mußte. 



Die vorgenommene Benialung muß, abgesehen von geringeren, in der Aus- 
führung eingeschlichenen Mängeln, wie der vielleicht etwas zu intensiven Färbung 
der Schiffspfeiler und des Musters in der Kehle des Kaffsimses, als stilgemäfl 
anerkannt werden. Es sind dabei die Grundsätze befolgt, welche aus den er- 
haltenen Beispielen solcher Malerei gerade in Oberhessen abstrahiert werden 
können. 

Die Pfeiler und Bogen sowie das Fenstermaßwerk sind dunkel abgefärbt 
worden, die glatten Flächen der Wände und Gewölbe heben sich hell 
davon ab. 

Im Schiff haben die Wände ein durch Grau getrübtes Weiß, die Gewölbe- 
kappen einen hellen Ockerton, letztere sind mit weißen Fugen quadriert. 

Die Schlußsteine sind mit Gold und lebhaften Farben dekoriert, die Rippen, 
Bogen, Wandpfeiler und Fensterprofilierungen je nach Stäben, Kehlen und Platten 
mit Weiß, gelbem und gebranntem Ocker gestrichen. Die Schiffspfeiler haben 
einen ockerroten, weiß gequaderten Kern, von dem sich die Dienste, mit gelbem 
Ocker gefärbt, hell abheben. 

Im Chor ist das Grau der Wände ein entschiedeneres, sie sind weiß gequadert, 
unterhalb des Kaffsimses ist ein Teppichmuster aufgemalt, die Gewölbekappen 
haben im Chor die natürliche Färbung der dabei sauber weiß ausgefugten Back- 
steine behalten. 

Wo Ornamente vorkommen, sind sie durchaus stilentsprechend in Flach- 
malerei gehalten. 

Die neue Kanzel und der neue Hochaltar sind in entsprechender Weise 
polychromiert worden. 

Zu 22. Die oben erwähnten restaurierten und mit einer neuen Brüstung 
versehenen Chorstuhle sind leider zuletzt und gegen die Absicht des Archi- 
tekten, statt mit Oelfirnis, mit einer deckenden Holzfarbe gestrichen und gemasei t 
worden. 



VI. Veranschlagte, jedoch noch unausgeführt 
gebliebene Arbeiten. 

Als solche ist, außer einigen noch nicht angebrachten Stücken des Orgel- 
prospekts, nur der Oelanstrich der Gestühle im Schiff zu bezeichnen, welcher bis 
jetzt unterblieben und aus reinem, am besten vorher erhitztem Leinöl aufzu- 
bringen ist. 

VII. Vorschläge zur Beendigung der Restaurations- 
arbeiten. 

A. Dringliche Maßregeln zur Sicherung des Bauwerks und seiner Teile. 

I. Die oben erwähnten Fundamentierungsarbeiten haben sich nicht auf die 
Fundamente der Sakristei erstreckt, welche sich ersichtlich in einem ebenso 
schlechten Zustande befinden als die Fundamente des eigentlichen Kirchengebäudes 
vor der Restauration. Die große nördliche Wand dieses doppelstöckigen Anbaues 
ist an mehreren Stellen gerissen, nach außen stark übergewichen und hat sich 



n 

gegen 12 Zoll weit aus der Mbene gegeben. In Absicht tier Abhilfe hat man 
schon vor l.ingerer Zeit das Kreuzgewölbe des oberen, jetzt unbenutzten Stock- 
werks ausgebrochen, ohne den betreffenden Zweck zu erreichen. Vielmehr mehren 
sich die erwähnten Schäden der Mauer noch gegenwärtig; ihrem weiteren Umsich- 
greifen wurde aber, den an der Kirche gemachten l'jfahrungen zufolge, durch ein 
Unterfangen der Fundamente vorzubeugen sein. Das Mauerwerk bedarf an einigen 
Stellen des Ausfugens. 

Der l'ußboden des unteren Stocks der Sakristei, jetzt unter dem Niveau des 
äußeren Terrains liegend, miißte erhöht werden. Um den jetzt modrigen und 
feuchten Zustand des Inneren zu verbessern, wäre es am besten, den Fußboden 
aus Dielen auf einer längs den Langwänden untermauerten Balkenlage herzustellen 
und dem darunter entstehenden Luftkeller durch in die Mauern zu brechende 
Zuglöcher V'entilation zu schaffen. 

2. Die Kirche ist das höchst situierte Gebäude der Stadt Frankenberg. Ihr 
westlich gelegener Turm nimmt die höchste Stelle des Berges ein. GleichmälJig 
längs der Nord- und Sudseite der Kirche fallt das Terrain von Westen nach 
Osten stark ab, dergestalt, daß am Ostende der P'ußboden 4'/2 über, am Westende 
derselbe 8 Fuß unter dem äußeren Terrain liegt; iiberhaupt liegt im Mittel auf 
60 Fuß Länge, von Westen an gerechnet, der Fußboden der Kirche unter dem 
äußeren Terrain. Infolge dieses Umstandes ist die westliche Partie des Inneren 
im Fußboden und unteren Teil der Wände sehr feucht, das Geplätte und die 
Mauersteine sind mit Schimmel und Moos überzogen. Diesen Uebelstand zu 
heben, schlage ich vor, längs der Westseite der Kirche und längs der Süd- und 
Nordseite auf die Länge von je 4 Gewölbsfeldern dicht an den Mauern entlang 
einen 274 Fuß breiten, mit Mauerwerk eingefaßten Trockengraben zu ziehen, 
denselben in der Terrainhöhe mit Steinplatten abzudecken und seinen Grund zu 
pflastern. Es bieten die Steigungsverhältnisse des äußeren Bodens um die Kirche 
her die Möglichkeit, das Wasser aus diesem Graben mittels gepflasterter offener 
Kandeln weit von der Kirche ab fortzuleiten. 

3. Bei der Errichtung des gegenwärtigen Dachwerks ist es versäumt worden, 
den Anschluß desselben an die Mauern des Turmes zu dichten; es dringt hier 
der Regen ungehindert ein und verdirbt die Holzkonstruktion und die Gewölbe. 

Ich schlage die Anlage von einzulassenden bleiernen Schutzsimsen vor. 

4. An der Marienkapelle ist das Maßwerk des westlichen Fensters und die 
Sohlbank des über dem Portal gelegenen Fensters schadhaft geworden. Es muß 
hier durch Erneuerung einiger Stücke schleunigst abgeholfen werden, wenn nicht 
an ersterer Stelle das Pfostenwerk, an letzterer die Prachtarchitektur des Portals 
einer baldigen Zerstörung ausgesetzt bleiben soll. 

B. Weitere notwendige Arbeiten an der Kirche. 

Steinarbeiten. Die Sockel der Gewölbedienste im Chor sind bei der 
Neuverlegung des Geplättes bis auf das Profil unter die Platten zu liegen 
gekommen. 

Ich schlage vor, dieselben neu zu fertigen und höher zu legen. 

An den Laubkragsteinen und Baldachinen, welche, an den Pfeilern des Innern 
angebracht, 14 lebensgroße Figuren tragen und überdecken sollten, sind ver- 
schiedene Reparaturen nötig. 



78 

Auf der Innenseite der Bogenwand der Orgelbühne möchte ein Gesims anzu- 
bringen sein. 

Die ursprünglich mit Fialen bekrönt gewesenen, jetzt mit Schiefer abgedeckten 
Chorstrebepfeiler schlage ich vor, wieder mit den genannten Bekrönungen zu 
versehen. 

Glaserarbeit. Einige Fenstermaßwerke des Schiffes sind noch in höchst 
störender Weise mit zusammengewürfelten Stücken modernen bunten Glases ver- 
glast. Ich schlage vor, dieselben auszubrechen und durch weiße Bleiverglasung 
konform den übrigen Schiffsfenstern zu ersetzen. 

Tischlerarbeit. Eine der neuen Bänke ist in zwei Bänke von halber 
Länge geschnitten worden. Hierzu müßten zwei Schlußwangen nach dem vor- 
handenen Muster gefertigt werden. 

Dacharbeiten. Das Dach der Vorhalle am Chor mußte durch an den 
Strebepfeilern einzusetzende Schutzgesimse nach Art der für das Schiffdach pro- 
jektierten gedichtet werden. 

Eine überaus störende Unregelmäßigkeit an der bestehenden Dachanlage ist 
es, daß über das dem erweiterten Chore vorliegende, normal angelegte Chorfeld 
das Dach des Langhauses in seiner ganzen Breite hingezogen ist; dieser 35' breite 
Baukörper hat ein Dach von 61' Breite, und man sieht südlich und nördlich durch 
eine der Mauerflucht vorliegende 16' breite und 14' lange offene Untersicht in 
den Dachraum der Kirche hinein. Ich schlage vor, diese so sehr häßliche und 
den ganzen Aufriß der Kirche entstellende Dachanlage in der durch Skizze 
erläuterten Art zu korrigieren. 

Die Kirche entbehrt, wie oben erwähnt, seit dem Umbau des Daches der 
Dachrinnen. In rauhester Gegend, ungeschützt auf dem Gipfel des beträchtlich 
hohen Hügels gelegen, ist das Gebäude dem Unwetter dermaßen ausgesetzt, daß 
der genannte Mangel stets eine Ursache des Verderbens für die aufgehenden 
Wände und selbst für die Fundamente bleiben wird. Wenn also diese, die er- 
neuerten Maßwerke und Fensterpfosten, die Gesimse, die hergestellte Verglasung 
vor den verderblichen Wirkungen des verschlagenen Traufwassers geschützt 
werden soll, so wird es nötig werden, die alte Rinnenanlage vollständig oder 
modifiziert wiederherzustellen. Eine Repristination der ursprünglichen Anordnung 
ist aber nicht durchzuführen, weil die Balkenköpfe, wenn auch möglichst weit ab- 
geschnitten, doch die breite und flache, zum Umgehen eingerichtete Steinrinne 
noch teilweise decken. Ich proponiere deshalb, dem weitmöglichst freigemachten 
Steingesims eine Zinkrinne aufzulegen, die Ableitung durch die den Strebepfeiler- 
köpfen (wenigstens an den Schiffen) aufgelegten Wasserkasten und die Ausgüsse 
wieder unverändert herzustellen. Dann müßten einige Wasserkasten und eine 
größere Zahl Ausgüsse erneuert und einige der letzteren repariert werden. 

Malerarbeit. Außer einigen noch zu verbessernden, in der Ausfuhrung gegen- 
über der Vorschrift des Architekten verdorbenen Stellen an der Bemalung der 
Wände bleiben die oben erwähnten Bildkragsteine und Baldachine noch zu malen 
und ebenso der noch in Holz gebliebene Orgelprospekt, welcher augenblicklich 
aus dem übrigens durchgehends polychromierten Inneren vollständig herausfällt. 

Ich behalte mir vor, Entwürfe hierzu nach erfolgter Aufnahme dieser Archi- 
tekturen vorzulegen. 

Sonstiges. Ich schlage vor, das gegen die Anordnung mit Farbe über- 
schmierte Holzwerk von 4 Türen und das der Chorstühle von diesem unpassenden 



79 

Ueberzug zu reinigen, ferner 2 vor die Fensterverglaaung gehängte hölzerne, wert- 
uncl bedeutungslose Dcnktafeln nebst 2 nicht hergehörigen Oelbildern von ihrer 
Stelle zu entfernen und in ilcr Sakristei aufzustellen, ebenso 4, jetzt an un- 
passender Stelle stehende, in die Marienkapelle gehörige Steinfigiirchen. 

C. Restauration des Turmes. 

Der Turm ist jetzt aller l'enstcrmaßwerke beraubt, die Strebepfeiler brechen 
7 Fuß über dem obersten wagerechten Turmgesims ab; dies Gesims ist durch 
Brand verdorben, die Galerie darijber fehlt, statt des Helms krönt ein häßicher 
und gebrechlicher Aufsatz des 17. Jahrhunderts das Ganze. 

Zu dem Projekte Ungewitters muß ich zunächst bemerken, daß, wie ich weiß 
der Verfasser desselben seinerzeit nicht in der Lage war, eine genaue Aufnahme 
der obersten erhaltenen Partien des Turmes zu beschaffen. Eine solche Aufnahme 
füge ich nun bei. Dieselbe ergibt, daß die von Ungewitter projektierte Lösung nicht 
die ursprungliche sein kann, indem die vier den Helm umgebenden F"ialen auf dem 
Hohlen stehen würden; die von mir auf Blatt C mit G bezeichneten Stürze sind 
nämlich, wie die Besichtigung an Ort und Stelle ergibt, nicht dagewesen. Vielmehr 
schneiden die Giebelsimse sich auf den Turmecken direkt zusammen, und unter- 
halb derselben hat auf den ganzen Giebelflächen kein Stück von außen her ein- 
gebunden. 

Blatt VI und VII gibt die von mir unter Festhaltung der vorhandenen Teile 
und ihrer Maße projektierte Lösung des Turmes. 

Ueberhaupt aber sind an diesem Turm folgende Arbeiten nötig : 

1. Der Wasserschlag über dem Westportal ist vollständig verwittert und 
muß erneuert werden. 

2. Die Fialen dieses Portals fehlen und müssen hergestellt werden. 

3. Die Bekrönung des Portalgiebels desgl. 

4. Noch sind einzelne verwitterte Stücke des Portals zu erneuern. 

5. Die Westseite des Turmes ist auf 50 Fuß Höhe auszufugen. 

6. In allen 9 Fenstern des Turmes außer dem Portalfenster fehlt das 
Maßwerk und muß hergestellt werden. 

7. Der oberste wagerechte Sims nebst Galerie und 4 Wasserspeiern muß 
erneuert werden. 

8. Die Giebelsimse müssen erneuert werden. 

9. Herstellung der Fialen auf den Strebepfeilerköpfen und des hölzernen 
Helmes. 

10. Im Inneren des Turmes muß die sehr schlechte Holzdecke, welche die 
üurchgangshalle vom Balgeraum der Orgel zu trennen eingelegt ist und 
welche in die Türöffnung des Portals hineinschneidet, 3 Fuß höher 
liegend aus neuen kantigen Hölzern hergestellt werden. (Geschehener 
Untersuchung zufolge kann das Bälgewerk diese Umänderung vertragen.) 

11. Der Fußboden im Innenraum des Turmes ist 2 Fuß 4 Zoll tiefer 
zu legen. 

12. Das mittlere Gewölbe im Turm, welches gefahrdrohend durchlöchert 
ist, muß bis auf die Rippen ausgebrochen und mit neuen Kappen ver- 
sehen werden. 



8o 

13. Ist eine neue Treppe zur Orgelbühne, auf welche man jetzt mittels 
einer sehr schlechten Holzstiege gelangt, anzulegen. 

14. Die hohe Wendeltreppe des Turmes ist in den meisten Stufen schad- 
haft, oft sogar durchgetreten, und würden diese Stufen durch aufgelegte 
eichene Bretter zu reparieren sein. 

D. Restauration der Marienkapelle. 

Dieses prächtige Bauwerk (der große Steinaltar des Inneren ist bei Ungewitter 
,Musterbuch", T. 127 und 128 abgebildet) bedarf: 

1. einiger Reparaturen an verwitterten Mauersteinen, Gesimsen und dem 
Blendenwerk der Strebepfeiler, 

2. der Erneuerung bezw. Reparatur einiger Stücke der inneren Architektur, 
besonders am Altar, 

3. der Umlegung und Ergänzung des Bodengeplättes, 

4. einer neuen Eingangstür nebst Beschlag. 

5. Sämtliche Fenster entbehren des Verschlusses, und muß deshalb auf 
neue Verglasung einschl. Eisenwerk Rücksicht genommen werden. 

6. Das Figurenwerk des Altars ist größtenteils an Ort und Stelle und dis- 
loziert, an verschiedenen Orten in der Kirche, erhalten und kann 
mit sehr geringen Kosten ergänzt und hergestellt werden. 

7. Im Inneren der Kapelle war das Ornament vom Schlußstein und 
Kapitellen auf rotbraunem Grunde vergoldet, die Gewölbekappen hatten 
eine weiße Färbung. Beides schlage ich wiederherzustellen vor. 



8i 



Zur Geschichte des alten Uiiiversitätsgebäutles zu Marburg. 



Die einzelnen Teile des im Abbruch begriffenen Universitätsgebäudes ver- 
danken, mit Ausnahme eines einzigen unbedeutenden Anbaues, ebenso wie die 
jetzige reformierte Kirche ihre Entstehung den bis zur Reformationszeit hier 
angesessen gewesenen Predigermönchen und sind seit der benannten Zeit Ver- 
änderungen im großen nicht unterworfen worden; angehend die bauHchen Einzel- 
heiten, hat auch an ihnen freilich wie an der großen Mehrzahl der erhaltenen mittel- 
alterlichen Werke der Unverstand und die Gleichgültigkeit späterer Zeiten arg 
gefrevelt. 

Die Gebäude bestanden aus drei, nach den Weltgegenden orientierten, einen 
viereckigen Hof umschließenden Flügeln ; die vierte Seite des Vierecks war durch 
die Kirche hergestellt; der östliche Flügel setzte sich in einem längeren Vor- 
sprunge nach Süden hin fort. Südwestlich stand auf dem Klostergrundstück ein 
isoliertes Haus. 

Diese Gebäudeteile entstammten sehr verschiedenen Zeiten, indem die 
Dominikaner seit dem Ende des dreizehnten Jahrhunderts bis zur Aufhebung des 
Klosters an der Vergrößerung der Baulichkeiten desselben gearbeitet haben. 

Das wenige, was an urkundlichen und inschriftlichen Nachrichten über diese 
Gebäude bis jetzt bekannt geworden, findet sich von Lotz in der vortrefflichen 
Statistik der „Baudenkmäler des Regierungsbezirkes Kassel" zusammengestellt. 
Es besteht: 

1. aus einer die Gründung des Klosters in 1290 oder 1291 beurkundenden 
Nachricht, 

2. aus einer von Herrn Bücking hierselbst aufgefundenen Urkunde, nach 
welcher 1452 am ,,Schlafhuse" und „Rebentur" gebaut worden ist, 

3. aus der von Landau angeblich am östlichen oder nördlichen Kreuz- 
gangsflügel entdeckten Jahrzahl 1484, 

4. aus der inschriftlichen Jahrzahl an dem isolierten südwestlichen Bau 
1521. 

Es sei hier gleich bemerkt, daß der erwähnten Landauschen Mitteilung ein 
Irrtum zugrunde liegt, indem die Jahrzahl 1484 am südlichen Kreuzgangsflügel 
sich befand, sowie daß Lotz die zu 2. genannte Urkunde auf einen von derselben 
nicht gemeinten Bauteil bezieht und infolgedessen die sämtlichen Räume des 

*) Im Jahre 1872 als Sonderdruck bei J. A. Koch in Marburg erschienen. 
Scbiifor, Gesaiunielte .Vufsätze. ^ 



82 

Klosters mit unrichtigen Namen nennt. Es scheint dem genannten Archäologen 
entgangen zu sein, daß der große östliche, die Aula enthaltende Klosterflügel kein 
einheitliches Bauwerk ist, sondern der Länge nach in zwei Teile zerfällt, von 
denen der nördliche gegen 1300, die südliche Verlängerung erst um die Mitte 
des fünfzehnten Jahrhunderts entstanden ist. Auf letztgenannten Bauteil bezieht 
sich die Urkunde von 1452, und nicht auf den südlichen Klosterflügel, in welchem 
demnach fälschlich von Lotz das Schlaf haus und das Refektorium gesucht wird; 
vielmehr enthielt dieser Südflügel die Kapitelstube, und das von Lotz als Kapitel- 
stube angesprochene Universitätsarchiv ist nichts anderes, als die zur Kirche 
gehörige Sakristei. 

An den Gebäuden des Dominikanerklosters lassen sich nach sorgfältigem 
Studium der stilistischen und sonstigen technischen Merkmale fünf Bauperioden 
unterscheiden. 

I. 

Die erste Periode umfaßt die Jahre von etwa 1290 bis 1320. In dieser Zeit 
wurde der Bau des Chores der Kirche begonnen und vollendet sowie das 
Kirchenschiff" bis auf ein weniges unterhalb seiner jetzigen Höhe hinaufgeführt. 
Gleichzeitig und in ununterbrochenem Mauerverband mit dem Chore ward an 
denselben der östliche Klosterflügel angebaut; derselbe hatte damals eine Länge 
bis über das zweite Fenster der Universitätsaula hinaus. In dem Winkel zwischen 
diesem Flügel und der Kirche lag ein auf vier Seiten von einem Kreuzgang um- 
schlossener Hof, der etwa die anderthalbfache Größe des auf uns gekommenen 
Kreuzgangshofes besaß. 

Der östliche Flügel enthielt über einem kreuzgewölbten Keller im Parterre- 
geschoß die Sakristei und das Refektorium oder Speisezimmer; letzteres umfaßte 
den zuletzt zu zwei Lehrzimmern abgeschiedenen Raum und das nördliche Dritteil 
der Aula und war ein schlichter, mit einer von drei Holzsäulen getragenen 
Balkendecke geschlossener, durch vieieckige Fenster mit Steinkreuzen von Osten 
her erhellter Saal; westlich nach dem Kreuzgange hin öffnete sich derselbe in 
einer großen Spitzbogentür und zwei rechts und links danebenliegenden Maßwerk, 
fenstern. Im Obergeschoß lag über Sakristei und Refektorium der Schlafsaale 
Derselbe zeigte die interessante Anordnung einer hoch in das Dach hinaufreichenden 
Bogendecke. 

Während sich der Kreuzgang mit seinem östlichen Flügel an den oben be- 
schriebenen Bau, mit dem nördlichen Flügel an die Kirche anlehnte, bestand er 
westlich und südlich nur aus einem einfachen Korridor, der, nach dem Hofe hin 
im Bogen sich öffnend, gegen außen mit einer bloßen fensterlosen Mauer ab- 
geschlossen war. Dieser ältere Kreuzgang, von dem nur Reste auf uns gekommen 
sind, war in einfacher Weise mit Balken überdeckt; nur in den vier Ecken fand 
sich aus technischen Gründen ein Kreuzgewölbe angeordnet. Die inneien Kreuz- 
gangsmauern waren mit einer luftigen Bogenstellung derart vollständig durch- 
brochen, daß zwischen je zwei Bogen nur ein schlanker Steinpfeiler stand; die 
Bogenöffnungen selbst füllten schwächere Pfosten und Maßwerk. Diese schöne 
Bauanlage hatte demnach die größte Aehnlichkeit mit dem allgemein bekannten, 
mit zu dem dortigen Museum gezogenen Kreuzgang des ehemaligen Minoriten- 
klosters in Köln und fand sich merkwürdigerweise noch einmal peinlich genau 
kopiert im Kreuzgang des hiesigen Franziskanerklosters, wie die von letzterem in 
der nördlichen Hofmauer der Universitätsbibliothek erhaltenen Baureste beweisen. 



83 

Der starke Abfall des Bauterrains nach Süden hin hatte auf die Anlage 
eines Souterrains unter dem südlichen Kreuzgangsflügel geführt. Es enthielt 
die Küchenräunic. Vor ihnen lag noch weiter südlich eine auf Säulen ruhende 
Halle. 

Von diesem ersten Predigerkloster sind aufler dem später verlängerten Ost- 
flügfl nur erhalten die südliche Mauer des Kreuzganges, ein einziges der gewölbten 
Kckfelder desselben und viele Reste der inneren Kreuzgangsarchitektur, welche in 
die späteren Bauten vermaueit wurden. 

n. 

Um das Jahr 1400 fand eine Erweiterung des Klosters statt. Der südliche 
Flügel des Kreuzganges ward mit Ausnahme der äußeren Mauer abgebrochen und 
an seiner Stelle, aber in dreifach größerer Breite und deshalb den Hof bedeutend 
verkleinernd, der bis jetzt erhaltene Südbau eriichtet. In demselben entstand 
der Kapitelsaal, welcher das letzthinnige Auditorium V und die Hälfte des 
Auditoriums II umfaßte. Zwischen ihm und dem Refektorium blieb ein Raum 
übrig, der schon damals nur als Flur benutzt worden zu sein scheint. Dies in 
dem mit Kreuzgang und Refektorium gleichhochliegenden Stockwerke. Die 
niedrige Etage darüber war durch einen Mittelgang geteilt, und zerfiel die südlich 
von demselben gelegene F'läche in kleine, wohl für das Studium und sonstige 
stille Arbeiten bestimmte Zellen, wiUirend nördlich vom F'lur Speicherkammern 
sich befanden. 

In dieser Periode gab man es auch auf, das Schiff der Kirche nach regel- 
mäßigem Plan höher zu führen und zu vollenden, indem man sich mit einem 
Abschluß begnügte, der durchaus den Charakter des Provisoriums trägt. 

III. 

Gegen 1450 wurde die südliche Giebelmauer des Ostbaues abgebrochen und 
dieser Bau bis an den jetzt sogenannten Rudolphsplatz verlängert. Das Refek- 
torium erweiterte sich hierdurch auf die doppelte Größe; um das entsprechende 
Stück wuchs das im Obergeschoß befindliche Dormitorium oder Schlafhaus. 
Dieser neuere Teil des Ostbaues unterscheidet sich vom älteren im Keller durch 
die veränderte Wölbungsvveise (Tonnen- statt Kreuzgewölbe), im Parterre bezeichnet 
der breitere Mauerteil zwischen dem zweiten und dritten l<"enster der Aula die 
Grenze, auch das Dachgesims sowie die Konstruktion des Zimmerwerks im Dache 
ändert sich an dieser Stelle. In der neuen südlichen Schmalseite erhielt das 
Refektorium drei Maßwerkfenster; das mittlere von ihnen war eine runde Rose. 
Nach oben schloß diese Wand mit einem Staffelgiebel ab, durchbrochen von 
einem breiten, ebenfalls maßwerkgeteilten Fenster, das bis zur Bogendecke des 
Dormitoriums hinaufreichte. 

Unterhalb der Fenster des Refektoriums schmückten zwei Nischen die 
Mauerfläche, in deren oberer ein Standbild des Gründers des Ordens, des heiligen 
Dominikus, Platz fand; die untere größere Nische erhielt eine Darstellung der 
Kreuzigung, die in den drei Hauptfiguren plastisch, in den Nebenfiguren nur in 
Malerei hergestellt war. Dieses zur Zeit des Bildersturmes sehr verstümmelte und 
dann vermauerte Kunstwerk ward erst vor zwei Jahren durch den Schreiber dieses 
wieder offcngelegt. 

6* 



84 

Zu gleicher Zeit mit der Verlängerung des Ostbaues ward derselben nach 
Westen hin ein weiterer Raum vorgelegt, der, von geringerer Mauerhöhe, mit einem 
einseitigen Dache bis unter die Fenster des Schlafsaales reichte. Dieser Raum 
enthielt die neue vergrößerte Küche. Von dem in der Mitte gestandenen, besonders 
unterwölbten riesigen Kamin sind die Reste des Mantels noch erhalten. Der 
Küchenbau reichte gleichfalls an den Rudolphsplatz heran, bis nach dem in den 
vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts erfolgten Einsturz der hohen 
südlichen Futtermauer des Klostergrundstücks ein Teil davon abgebrochen 
wurde. 

Von großem Interesse ist es, daß sich im Mauerwerk dieser gegen 1450 
aufgeführten Bauten zahlreiche Architekturreste von einem älteren Bauwerk finden, 
dessen sonst keine zu uns gelangte Nachricht Erwähnung tut. Es muß in 
Marburg bis zu der genannten Zeit ein gegen Ende des zwölften Jahrhunderts 
entstandenes Gebäude vorhanden gewesen sein, wohl zu weltlichen Zwecken 
gebaut, ungefähr gleichzeitig mit der alten Pfarrkirche St. Kilian, von spät- 
romanischem Stilcharakter gleich dieser, aber reicher und zierlicher in jedem 
Detail. Das Gebäude war oder enthielt eine Halle mit runden Mittelsäulen, 
Kreuzgewölben, reichen Eckpfeilern und einem auf ikonischen Konsolen ruhenden 
Bogenfries unter dem äußeren Gesims. Reste dieses Bauwerks finden sich auch 
noch anderwärts in Marburg in am Schlüsse des Mittelalters angefertigtem Mauer- 
werke. Daß man es nicht mit Bestandteilen des älteren, später bis auf weniges 
verschwundenen Marburger Schlosses zu tun hat, wird durch die in einen 
hessischen Burgbau des zwölften Jahrhunderts schlecht hineinpassende Reichheit 
der Architektur wenigstens sehr wahrscheinlich gemacht. Es bedarf dieser Gegen- 
stand daher der ferneren Erforschung noch in demselben Grade, in dem er sie 
nach meiner Ansicht und in Anbetracht eines Aufschlusses, der hier für die ältere 
Geschichte Marburgs möglicherweise erwachsen kann, verdienen möchte. 

IV. 

Große Erweiterungen und Umbauten entstanden in der durch die oben er- 
wähnte Jahrzahl 1484 fixierten Zeitperiode. 

Die nach der Errichtung des Südbaues noch vorhandenen drei Kreuzgangs- 
flügel wurden, wohl wegen Baufälligkeit, wie sie bei der stark durchbrochenen 
Anlage leicht eintreten konnte, abgerissen. Den schon seit der vorigen Periode 
verkleinerten Hof umbaute man mit vier Flügeln eines neuen Kreuzganges. Der 
südliche davon ward aus den Resten des soeben abgebrochenen älteren Kreuz- 
ganges hergestellt, doch so, daß in soliderer Weise zwischen je zwei Bogenöffnungen 
statt des früheren dünnen Steinpfostens eine gewisse Breite von Mauerwerk 
trat. Der nördliche und östliche Flügel bekamen neue Spitzbogenfenster von 
wesentlich verschiedenem Charakter, der westliche Flügel Fenster mit so- 
genannten Vorhangsbogen. Diesem Flügel wurde auch eine doppelte Breite 
zugeteilt, so daü über ihm in einem oberen Stockwerk ein großer Speicherraum 
entstand. 

Damals erbaute man auch, um eine verbesserte Kommunikation zwischen 
Keller und Küche einerseits und zwischen den Parterreräumen und dem Dormi- 
torium anderseits zu erhalten, innerhalb des Südbaues den noch jetzt sichtbaren 
Treppenturm mit steinerner Wendeltreppe. 



85 

y. 

Die letzte Vergrößerung erfuhren die Baulichkeiten des Klosters noch kurz 
vor der Aufhebung, gegen 1521. Am westlichen Kreuzgangsfliigel wuchs außerhalb 
eine neue Stube an, hauptsächlich aber erfolgte zu dieser Zeit der Bau des ab- 
gesondert gelegenen Hauses, in welchem sich zuletzt die Geschäftslokalc der 
Universität befanden. Ich halte dasselbe für ein dem damaligen Prior Isenrade 
erbautes Wohnhaus. lieber dem Haupttor befand sich das Wappen desselben 
neben dem Ordenswappen; dieses Haus hatte auch, abweichend von den übrigen 
Gebäuden und vom Brauche überhaupt, einen direkt von der Straße zu benutzenden 
Eingang. 

Eigentümlich war es, wie man mit einer Ecke dieses Hauses den offenbar 
schon früher vorhanden gewesenen Klosterbrunnen überbaut hatte. Es ist dies 
die nordöstliche Ecke. Am entgegengesetzten Ende waren in das Gebäude Sub- 
struktionen einer Befestigung des hier bestandenen Lahntores eingebaut. Dieselben 
erregen noch gegenwärtig die Aufmerksamkeit durch jene vorzügliche Maurer- 
technik, welche gemeiniglich im Mittelalter die Werke der Militärarchitektur vor 
denen der Zivilbaukunst auszeichnet. 



Nachschrift. 



Durch die Gefälligkeit des Herrn W. Bücking geht dem Verfasser dieser 
Zeilen soeben ein Auszug aus den Marburger Baurechnungen der Pfarrkirche zu, 
welcher geeignet ist, über die im vorhergehenden angeregte Frage nach einem 
schon im zwölften Jahrhundert hier bestandenen größeren Monumentalbau Licht 
zu verbreiten. 

Danach nämlich verkauft die Fabrik der Pfarrkirche im Jahre 1447 Steine, 
welche ,, hinter der Pfarrkirche" liegen, den Predigermönchen. 

Diese Notiz näher angesehen, ist es zuvörderst klar, daß die Kirchenfabrik 
in keinem P'alle wohl neue, aus dem Bruche kommende Steine an die bezeichnete 
Stelle hinauffuhr, um hier Handel mit denselben zu treiben, sondern es muß sich 
um altes, einem Abbruch entstammendes Material handeln. Daß man es ferner 
mit den Steinen zu tun hat, welche im Predigerkloster in dieser, oben auf etwa 
1450 angesetzten Zeit zur Fortführung des Refektoriums und Schlafhauses ver- 
mauert wurden, liegt auf der Hand; unter diesen Steinen aber finden sich eben 
mannigfache Reste von Gesimsen, Säulen u. dergl. 

Man hat sich, dies und andere, gleich zu erwähnende Punkte erwogen, die 
Sache folgendermaßen zu denken: 

Die jetzige lutherische Pfarrkirche war bis gegen 1447 westlich um etwa 
36 Fuß kürzer als jetzt; westlich vor der Kirche standen, vielleicht verlassen 
und verfallen, die aus dem zwölften Jahrhundert herrührenden, archi- 
tektonisch reich entwickelten Gebäude eines Burgsitzes. 

Im Jahre 1447 begann man vor der Kirche den Pfarrturm zu bauen, akquirierte, 
wenn es nötig war, die erwähnten Gebäude und brach sie ab. Die Steine verwandte 
man teilweise zum Turmfundament, teilweise wurden sie, weil zu dem aufgehenden, 
aus großen Quadern projektierten und ausgeführten Turmmauerwerke nicht brauch- 
bar, verkauft. 



86 

In der Tat sieht man im Fundament des Pfarrturms Bautrümmer, welche 
ganz zu den im Universitätsgebäude gefundenen passen, weiterhin aber steht 
das östlichste Mauerstuck der vorausgesetzten Burg noch aufrecht 
und bildet gegenwärtig die Ecke der Superintendentenwohnung. An dieser Ecke 
ist der Stumpf eines Türmchens sichtbar, mit zwei romanischen Konsolen, genau 
entsprechend den im Universitätsgebäude ausgegrabenen. 

Der erwähnte Mauerrest ist stehengeblieben, weil der das Patronat über die 
Kirche ausübende Deutsche Orden auf diesem Mauerrest ein Pfarrhaus erbaute. 
Wir haben dasselbe, im sechzehnten Jahrhundert und später vergrößert, in der 
Superintendentur noch vor uns. 

Der Zukunft muß es vorbehalten bleiben, weitere Aufschlüsse über das in 
Rede stehende interessante Bauwerk herbeizuführen. 

Die genannte Stelle in den Stadtrechnungen lautet, in neues Deutsch übertragen: 
Item, als die vorgenannten Baumeister mit den Predigern um die 
Steine auf dem Pfarrkirchhofe geredet und nach Augenschein und Fest- 
stellung einen Teil davon verkauft haben, ist beim Weinkauf vertrunken 
worden vier Schilling. 

Item, auf Donnerstag nach Ostern, als die Baumeister im Beisein 

etlicher Schöffen und Ratsherrn den Predigern die Steine hinter der 

Pfarrkirche verkauft haben, sind beim Weinkauf getrunken worden 

3 Halbe guten Weines, die Halbe zu 6 Hellern, tut i8 Heller. 

Auch in diesem Falle also ist die gute, nun fast verschollene Sitte, bei 

wichtigen und unwichtigen Gelegenheiten auf Kosten des gemeinen Wesens 

einen Trunk zu tun, Anlaß zur Ueberlieferung einer immerhin interessanten Notiz 

gewesen. 



87 



Inventarium 

über die in und an der St. Elisabeth-Kirche zu Marburg erhaltenen 
Kunstwerke und Denkmäler.') 

Aufgestellt im Januar 1873. 



Das vorliegende Verzeichnis enthält diejenigen Kunstwerke am Gebäude, 
welche mit demselben nicht in einer Verbindung engsten Sinnes stehen, sowie 
alle beweglichen Denkmäler. 

Ausgeschlossen sind die bei der jüngsten Restauration entstandenen Arbeiten, 
es sei denn, daß durch sie ein altes Kunstwerk ergänzt oder kopiert wird. 

Uebersicht. 

Seite 

I. Gegenstände mit dem Gebäude an sich verbunden 88 

Glasmalereien, Wandmalereien, Skulpturen, Türflügel, Nischen und Wandschränke. 

II. Für den Kirchengebrauch eingebaut 93 

Altäre, Lettner und Schranken, Gestühl, Schränke und Laden, Diverse, Glocken. 

III. Paramente und Goldschmiedewerke 99 

IV. Grabdenkmäler und Gedächtniszeichen [02 

Mausoleum der .St. Elisabeth, Hüchgräber, Grabplatten, Cenotaphien, gemalte Ge- 
dächtnistafeln, geschnitzte Gedächtnistafeln, Schilde, u. z. : Original waffenschilde, 
Schildtafeln, Diverse. 

V. Trümmer von Kunstwerken und Ueberreste 117 

Stein, Holz, Glas, Diverse. 

VI. Formen und Kopien 120 

Gipsformen, Abgüsse, Diverse. 

*) Die obige, bisher ungedruckte Arbeit ist schon von W. Kolbe in seinem Werkchen „Die 
Kirche der heiligen Elisabeth zu Marburg nebst ihren Kunst- und Geschichtsdenkmälern", Marburg 1874 
benutzt worden. 

In den Inschriften sind die Siglen und anderen im Originaltext vorhandenen Abkürzungszeichen 
durch den Herausgeber aufgelöst und in runde Klammern ( ) gesetzt worden. In eckigen Klammern [ ] 
stehen solche Ergänzungen, die im Original nicht besonders angezeigt sind, sich aber notwendig aus 
dem Zusammenhang ergeben. Diese Ergänzungen, wie überhaupt alles, was in eckigen Klammern steht, 
rührt vom Verfasser des Inventars her. 



88 



I. Mit dem Gebäude an sich verbunden. 

Glasmalereien. 

Die Kirche enthält in 23 Fenstern des Chores und südlichen Kreuzarms 
Stücke von 28 gemalten Fenstern. Es sind die Reste aus dem Kirchengebäude 
überhaupt, welche 1770 in 14 Fenstern zusammengedrängt wurden, bei der 
Restauration durch Lange (R.) aber viele Ergänzungen und die gegenwärtige An- 
ordnung erhielten. Sämtliche alten Teile sind in nachmittelalterlicher Zeit, wahr- 
scheinlich zu dem ebengenannten Zeitpunkt, auseinandergenommen und neu und 
ungeschickt verbleit worden; bei der R. hat man auch diese Verbleiung größeren 
Teils, und zwar geschickt erneuert. Dagegen hat die R. die Gläser zu den 
Ergänzungen, besonders die weißen, blauen und fleischfarbenen, sehr unglücklich 
gewählt und durch die abweichenden und modernen Töne derselben die Wirkung 
der Gemälde beeinträchtigt. 

Wenn die Fenster der oberen Reihe von Nordwesten her durch Chor und 
Kreuzschift" mit (/, b, c . . ., die entsprechenden Fenster der unteren Reihe mit 
A, B, C . . . bezeichnet werden, so enthält 

Nr. 1. Fenster « (einheitlich), Grisaille des 13. Jahrhunderts, mit wenigen 
bunten großen Rosetten. Zu 3/^ alt, 74 bei der R. erneuert. 

Nr. 2. Fenster h (Reste zweier Fenster), in den Reihen Grisaille des 14. Jahr- 
hunderts, wenig bunt, der Fries bunt, zu '/e alt. Im Kreise ein buntes Ringel- 
muster, zu einem Figurenferister des 14. Jahrhunderts gehörig. 

Nr. 3. Fenster c (einheitlich), Grisaille des 14. Jahrhunderts, viel bunt, zu 
Y3 alt, Kreis neu. 

Nr. 4. Fenster d (Reste zweier Fenster), in den Reihen vier Standfiguren: 
St. Jacobus major, St. Catharina, St. Maria mit dem Kinde, St. Johannes evang. 
Im Kreise eine Rose, in den Zwickeln ungemalte Mosaik. Alles sehr gut erhalten, 
äußerst wenig ergänzt, 14. Jahrhundert. Zwei gleiche Wappen zu unterst, in ein 
ähnliches Fenster derselben Zeit gehörig. 

Nr. 5. Fenster e (aus 2 Fenstern), in den Reihen 4 Standfiguren: Synagoge, 
Ecclesia, Christus, Maria, bei der R. unberührt geblieben, im 18. Jahrhundert sehr 
schlecht verbleit und mit gelben Gläsern verflickt. 

Im Kreis Christus als Weltheiland, umgeben in den Lappen des Passes von 
den Darstellungen der 6 Schöpfijngstage. Rest eines früher hier gesessenen Fensters 
mit dem Baume Jesse. Wie vorstehend. 

Beide Teile des Fensters aus dem 13. Jahrhundert. 

Nr. 6. Fenster /' (aus 2 Fenstern), in den Reihen 4 Standfiguren: 
St. Augustinus, St. Johannes bapt, St. Maria Magdalena, Christus als Gärtner, im 
Kreise eine Rose; 14. Jahrhundert, nur der Christus vollständig alt erhalten und 
sehr schön, die übrigen Figuren haben durch die Ergänzungen sehr gelitten. 

Zu Unterst in den Reihen zwei Stücke eines romanisierenden Fensters aus 
der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, historischen Inhalts; der fünfte Schöpfungs- 
tag mit der Figur Gott Vaters, und Kain und Abel opfernd. Gut erhalten. 

Nr. 7. Fenster g (einheitlich), Grisaille des 14. Jahrhunderts, zu Yi alt. 
Kreis und Zwickel neu. 



89 

Nr. 8. Fenster h (einheitlich), Grisaille des 14. Jahrhunderts, fast ganz neu, 
jedoch alles nach altem Muster. 

Nr. 9. Fenster i (einheitlich), Grisaille des 14. Jahrhunderts, wenig bunt; in 
den Reihen */? ^It. Kreis und Zwickel neu. 

Nr. 10. Fenster ^ (einheitlich), Grisaille des 13. Jahrhunderts, ein Mäander, 
V3 alt, Kreis und Zwickel neu. 

Nr. 11. Fenster l (einheitlich), Grisaille des 14. Jahrhunderts, nur ein paar 
Scheiben alt, aber alles nach altem Muster. 

Nr. 12. l'enster m (einheitlich), wie vor. 



Fenster ,4. Keine Glasmalerei. 
Fenster B. Desgl. 

Nr. 13. Fenster C (einheitlich), Grisaille des 13. Jahrhunderts, ein Mäander, 
zu '/2 alt. Kreis und Zwickel neu nach altem Muster. 

Nr. 14. Fenster D (einheitlich), 13. Jahrhundert, in den Reihen vier Stand- 
figuren: St. Maria mit dem Kinde, St. Franciscus anbetend, St. Elisabeth, St. Jo- 
hannes evang., gut erhalten, der Kopf der Maria neu, St. Franciscus fast ganz 
neu, welche Ergänzung den Stil nicht getroffen, Kreis mit einem bunten Ornament 
nach altem Muster, Zwickel ornamental, fast ganz alt. 

Nr. 15. Fenster E (aus fünf Fenstern zusammengesetzt): Unten links Adam 
und Eva nach der Austreibung aus dem Paradiese, unten rechts der Sündenfall, 
beide Tafeln aus einem romanisierenden historischen Fenster der ersten Hälfte 
des 13. Jahrhunderts, ziemlich erhalten, einige neue Stücke schlecht. — Darüber 
links die Trinität in einer Mandorla aus einem zweiten dergleichen Fenster. Gut 
erhalten. 

Ebenso rechts der vierte Schöpfungstag, aus einem dritten dergleichen Fenster, 
demselben, dem zwei Tafeln aus Fenster f angehört haben. Gut erhalten. 

Darüber in den Reihen zwei Standfiguren: St. Johannes bapt. und St. Bar- 
tholomäus mit wenigen neuen Stücken, 13. Jahrhundert. Kreis mit einer Kreuzigung 
Christi, in den Lappen des Passes und in den Zwickeln Mosaik, 13. Jahrhundert. 
Abschluß eines hier gewesenen Fensters mit der Geschichte Christi in Sujets, gut 
erhalten. 

Nr. 16. Fenster i^ (aus drei Fenstern): Unten rechts ein Medaillon mit der 
Geburt Christi, 13. Jahrhundert, gehörte zu demselben Fenster wie der letzterwähnte 
Bestandteil des Fensters E. Gut. 

In diesem Medaillon hinwieder vier Scheiben aus dem historischen frühen 
Fenster (siehe Fenster /"). Alles übrige zusammengehörig zu einem historischen 
Fenster mit der Geschichte der hl. Elisabeth, 13. Jahrhundert, in den Reihen 
1 1 Szenen, im Kreis Jesus Christus, St. Elisabeth, St. Maria und St. Franciscus 
in Brustbildern, in den Zwickeln zwei Donatoren (r). Prachtvoll, leider durch das 
grelle Weiß der Ergänzung bei der R. wie zerlöchert. 

Nr. 17. Fenster G (aus zwei Fenstern), in den Reihen schönes Ranken- 
werk, 13. Jahrhundert, zu 3/^ alt. Kreis mit buntem Ringelmuster, zu einem 
Standfigurenfenster des 14. Jahrhunderts gehörig. 



?o 

Nr. 18. Fenster H (zweiteilig), reiches buntes Ornament des 13. Jahrhunderts 
in den Reihen, i/,o alt, der Kreis ganz neu nach altem Muster. Zwickel zu dem 
Kreise von G gehörig. 

Nr. 19. Fenster I (einheitlich), helle Grisaille des 14. Jahrhunderts. Reihen 
zu 7';o alt. Kreis ganz alt, Zwickel neu. 

Nr. 20. Fenster A' (einheitlich), helle Grisaille des 14. Jahrhunderts, nur 
wenige Scheiben alt. 

Nr. 21. Fenster L (einheithch) , ebenso, ganz neu, jedoch nach altem 
Muster. 



Es sind hiernach Stücke erhalten von: 

3 romanisierenden Fenstern des 13. Jahrhunderts in /; E, F. 

3 historischen Fenstern aus späterer Zeit des 13. Jahrhunderts in e, E und F. 

3 Fenstern mit Standfiguren des 13. Jahrhunderts in c, D und E. 

4 Fenstern mit Standfiguren des 14. Jahrhunderts in /;, d, f, G, H. 

5 Fenstern mit Grisaille des 13. Jahrhunderts in C, G, II, a, K. 

10 Fenstern mit Grisaille des 14. Jahrhunderts in /, K, L, b, c, g, h, 
i. l. m. 



28 Fenstern. 



Nr. 22. Kleines gemaltes Fenster im Treppenturm der Sakristei, Grisaille, 
das Glas in Rauten alternierend mit Blattwerk und ausgekratzten Löwen. 

Interessant durch die Einrichtung zum Oeffnen: ein bleierner Rahmen mit 
eisernem Kern. 22 Scheiben fehlen. 



Wandmalereien. 

Im Inneren und Aeußeren der Kirche unvollständig oder in Resten, einzelne 
Wandbilder erhalten, während die farbige Gesamtdekoration, welche das ganze 
Innere und — wie ich aufgefunden — auch das Aeußere bedeckte, verschwunden 
ist, hier durch den Einfluß von Wind und Wetter in sechs Jahrhunderten, im 
Inneren unter dem in Modefarben getränkten Pinsel des Restaurators. Einzig die 
Schlußsteine und die Malerei auf den Gewölbekappen des Chores sind treu her- 
gestellt worden; indessen entstammt letztere dem Anfang des 16. Jahrhunderts, 
während die Gesamtdekoration zwischen 1250 und 1280 entstand. 

Erhalten sind: 

Nr. 23. Spuren eines Bildes aus dem 15. Jahrhundert, außen rechts und 
links neben dem Südportal, in denen ich eine Anbetung der heiligen drei 
Könige erkenne. 

Nr. 24. Spuren eines Bildes an einem westlichen Turmstrebepfeiler^ nicht 
zu deuten. 

Nr. 25. Vier Figuren innen um den Schlußstein der Vierung, gut übermalt. 
13. Jahrhundert. 



91 

Nr. 26. St. Elisabeth und St. Katharina, er.sterc einen Armen neben sich, 
am vierten SchilTspfcilcr nördlich, Ende des 13. Jahrhunderts, bilden die Begleitung 
einer (erneuerten) Muttergottes, welche am südlichen Dienst dieses Pfeilers auf 
einem Kragsteine steht, darunter ein Tej^pich, dilettierend übermalt. 

Nr. 27. Spärliche Reste einer Komposition aus kleinen Figürchen rings 
um den nordlichen Wandschrank im Chore, auf Christum bezüglich. 15. Jahr- 
hundert. 

Nr. 28. iJer aus dem Grabe steigende Christus, am dritten südlichen Schiffs- 
pfeiler. 1 5. Jahrhundert. Nicht übermalt. 

Nr. 29. Kreuzigung im südlichen unteren geblendeten Fenster des nördlichen 
Kreuzarms, zwei Schacher mit Engel und Teufel, Maria und Johannes, der 
Crucifi.xus plastisch (s.u.), lebensgroß, restauriert. 15. Jahrhundert. 

Die Malereien im Tabernakel und den Nebenaltären s. u. 



Skulpturen. 

Nr. 30. Acht steinerne l-'iguren außen in den Giebeln des obersten Turm- 
stockwerks. 14. Jahrhundert. Sehr verwittert. 

Nr. 31. Die Mutter Gottes mit dem Kinde zwischen zwei Kronen darreichen- 
den Engeln, außen im Tympanon des Westportals. 13. Jahrhundert. Gut er- 
halten. Einiges mit Zement ausgebessert. Ehemals wie das ganze Westportal 
mit Gold und reinen Farben reich gemalt. 

Nr. 32. Die Muttergottes mit dem Kinde an einem Schiffspfeiler, zu den 
Bildern Nr. 26. Bei der R. neu gefertigt, besteht aus Zement, Kragstein und 
Baldachin, alt. Ende des 13. Jahrhunderts. Alles bemalt. 

Nr. 33. Christus am Kreuz, Holz, zu den Bildern Nr. 29. 15. Jahrhundert. 
Polychromiert und übermalt. Ueber diesem ganzen Werke eine Hohlkehle, welche 
unten mit einem alten und oben mit zwei neuen Bogenfriesen eingefaßt ist und 
den Rest einer großen Auskragung darstellt, welche, wie ich ermittelt, vom 15. bis 
zum 18. Jahrhundert hier eine Orgel trug. 

Weitere Skulpturen s. unter: Altäre usw. 



Türflügel. 

Nr. 34. Flügel des Westportals. 13. Jahrhundert. Tannenholz, schlicht. 
Außen ursprünglich mit gemaltem Pergament überzogen, darauf sehr reiche 
schmiedeeiserne Zierbänder und Randfassungen und je ein messingener Löwen- 
kopf mit Ring. Bei der R. ist der nur in einigen zerrissenen Resten erhaltene 
Pergamentüberzug um die Beschläge herum sorgfaltig abgeschnitten worden. 
Vor drei Jahren wurde das herrliche Werk durch Verschmieren mit Glaserkitt 
und dicker Oelfarbe über Holz, Eisen und Bronze hin geschändet. 

Die Innenseite mit Pergament überzogen, darauf zweimal ein riesiges Deutsch- 
Ordens-Kreuz gemalt, um die Ränder ein Fries mit P'igürchen auf den Ecken, 
die oberen alt, die unteren neu, restauriert und übermalt. Alte schmiedeeiserne 
Tragbänder, die Schlösser neu. 



92 

Nr. 35. Eiserne Tür aus dem Chore zur Sakristei, Rautenwerk, 15. Jahr- 
hundert. Schloß neuer (17. Jahrhundert). 

Nr. 36. Zwei hölzerne schlichte Türen hinter vorstehender, 13. Jahrhundert, 
mit einfachen Bändern. Schlösser neuer (16. Jahrhundert). 

Nr. 37. Tür aus der Sakristei in den nebenliegenden Treppenturm. 13. Jahr- 
hundert. Beschlag gleichzeitig. 

Nr. 38. Tür aus vorgenanntem Treppenturm zum Archiv. Wie vor. 

Nr. 39. Tür aus dem Treppenturm zum Umgang. 15. Jahrhundert. 

Nr. 40. liine Tür aus dem Treppenturm des nördlichen Kreuzschiffes zum 
Umgang, 13. Jahrhundert, aus einer doppelt so starken älteren Tür geschnitten. 
Beschlag gleichzeitig. 

Nischen und Wandschränke. 

Nr. 41. Piscina in der Sakristei, 13. Jahrhundert, Nische, ein Nasenbogen, 
das Becken halb auskragend, damit verwachsen zwei Kragsteine zum Aufstellen 
der Gefäße. Außen ein konischer Ausguß, fast zerstört. 

Nr. 42. Wandtabernakel im Chor, Ende des 14. Jahrhunderts. Schrank 
mit Türchen aus eisernem Rautenwerk mit Architektur und Malerei umrahmt. 

Unter der Sohlbank und in den Wimpergen vier plastische Engel mit 
Spruchbändern: laudanms te, benedicimus te. glorificamus te, adoramus te. Neben 
dem Schrank vier gemalte Figuren mit Spruchbändern: 

s. paul(Hs) Affirmo quoniam • hie • est • eristus. 

s. Johannes ■ hie • est • panis ■ qui de celo ■ descendit. 

s. Jacob • vere ■ dominus • est ' in ■ loeo ■ isto. 

s. Matheus • hoe • est • corpus • meu(m) • dicit • dominus. 

Dieses umfaßt ein Wolkenband, worunter zwei Ordensritter knieend mit 
Kerzen. Uebermalt (R.). 

Nr. 43. I Doppelwandschrank, Nordseite, Chor, 2 Türen des 13. Jahr- 
hunderts mit 3 zierlichen, teilweise verstümmelten Bändern, i Schloß und Schloß- 
blech alt, 2 Ringe fehlen, ebenso die die Türränder verzierenden Rosetten. War 
rot gemalt — dahinter 2 eiserne Rautengittertüren mit erhaltenem Beschlag. 
Nicht R. 

Nr. 44. I desgl. Südseite, Chor. Die Türen fehlen. In der Bodenplatte 
zwei als Piscinen dienende Becken mit Abfluß. 

Nr. 45. I desgl. im nördlichen Kreuzschiff. Nicht R. Nur eine Tür mit 
zwei Originalbändern erhalten. 13. Jahrhundert. 

Nr. 46. I desgl. im Südturm. Türen fehlen. 

Nr. 47. I desgl. im Nordturm desgl. 

Die folgenden Schränke in der Sakristei sind restauriert, die Türen teils 
rot, teils grün gestrichen, die Beschläge schwarz und bei Nr. 48 vergoldet. 
Früher mit reichfigurierten Seidenzeugen ausgeklebt, welche bis auf geringe Reste 
entwendet. 

Nr. 48. Doppelschrank, 4 Bänder, 2 Ringe, 2 Schlösser, Eisengitter. 
13. Jahrhundert. 



93 

Nr. 49. I desgl., 4 Bänder, 2 Ringe, 2 Schlösser, Eisengitter mit i Schloß. 

Nr. 50. I desgl., je 2 Bänder und Schlösser fehlen. 13. Jahrhundert. 

Nr. 51. Einfacher Schrank, 2 Bänder, i Ring. 13. Jahrhundert. 

Nr. 52. Desgl. 2 Bänder, i Ring. 13. Jahrhundert. 

Nr. 53. I zweiflügeliger Schrank, 4 Bänder, i Schloß. Dahinter Eisen- 
gittertür mit 2 Schlö.ssern. 13. Jahrhundert. 



II. Für den Kirchengebrauch eingebaut. 

Altäre. 

Nr. 54. Hochaltar. Im Chor; 1290 geweiht. — Die Mensa ist alt, bei der 
R. nach neuem Entwurf bemalt; die Stufen sind neu, auf der oberen ist eine große 
Schieferplatte eingelegt, welche sich vor der R. im Fußboden des Schiffes befand 
(,, Elisabethenstein"). Das Retabulum hat 2 Stockwerke, von denen das obere, über 
die Mensa erhobene, drei nach Westen offene Kapellen enthält. Auf der Rück- 
seite sind die Anfänger eines sonst verschwundenen, nach Osten auf zwei frei- 
stehenden Säulen gelegenen Gewölbes erhalten, welches mit dem oberen Stock- 
werk des Retabulums abschnitt. Auf dem Retabulum entdeckte ich die sicheren 
Spuren eines dritten, wahrscheinlich niedrigen und wagerecht abgeschlossenen 
Stockwerks von der beschränkten Breite der mittleren Kapelle. Der Altar hat 
also nicht mehr die alte vollständige Höhe. 

Die R. des Retabulums in bezug auf Ergänzung des plastischen Ornaments 
und Auffrischung der Polychromie muß trefflich genannt werden. Die Rückseite 
ist noch nicht übermalt. In den Kapellen stehen je 3 Figuren aus Stein und 
(die drei neuen) Zement, polychromiert. Mitten St. Maria mit dem Kinde 
zwischen 2 Engeln, südlich St. Elisabeth, St. Katharina, St. Maria Magdalena: diese 
sechs herrlich. Die nördlichen neuen Figuren: St. Johannes baptista, St. Franciscus, 
St. Petrus schwach. In den Blenden östlich, nördlich und südlich 10 ausgezeichnete 
gemalte Figuren, noch unberührt, mehr oder weniger verloschen. 

Die ganze Altaranlage ist, wie mir zweifellos scheint, aus der Einrichtung 
auf Reliquiarien hervorgegangen. Auf das verschwundene oberste Stockwerk von 
geringer Breite und größerer Tiefe war, mit dem Giebel nach Westen, der 
Sarkophag der H. Elisabeth gestellt. Die oben erwähnte, jetzt zerstörte Halle 
trug den Ueberschuß an Länge und die Maschine zum Aufziehen. In jeder Kapelle 
befindet sich vor den Figurenblenden eine breite Bank, auf welcher man kleinere 
Reliquiarien aufstellte. Diese jedenfalls kostbaren, leicht erreichbaren Behälter 
schützte man durch Eisengitter, welche die ganzen Oeffnungen der Kapellen 
schlössen. Erhalten sind die Rollen, zwischen denen die Gitter sich bewegten, 
die Haken, mittels deren sie hochgehalten wurden, und die Schlitze im Boden 
der Kapellen, durch welche die Gitter vor dem Hochamt in die zu diesen 
Zwecken angelegte Kammer unter Retabulum und Mensa hinabgelassen wurden. 

In der Rückwand des Retabulums befinden sich zwei Schränke mit Original- 
türen und Bändern, jedoch neuen Schlössern. Die Tür zur Kammer ist modern, 
mit zwei alten Bändern. Vor den vier ehemals den Altar umstehenden Zinn- 
leuchtern sind die beiden östlichen erhalten, 13. Jahrhundert; die steinernen Sockel 
jetzt unpassend durch einen Zinnzylinder ersetzt. 



94 

Nr. 55. Kreuzaltar. Steht westlich vor dem Lettner. Aelter als dieser. 
13. Jahrhundert. Oben VVeihkreuze. Rechts und links hingen im Mittelalter 
Teppiche; die Spuren dieser Anordnung bei der R. verwischt. 

Nr. 56. Johannesaltar. Im südlichen Kreuzarme. Mensa aus dem 13. Jahr- 
hundert, bei der R. nach neuem Entwürfe bemalt. Ursprünglich ohne Aufsatz, 
statt dessen war der Grund, die Leibungen und die Umgebung der Nische, in 
welcher die Mensa steht, mit Bildern bemalt. 

Im 15. Jahrhundert wurden über diese Bilder andere hingemalt, im 16. Jahr- 
hundert in der Nische ein Schnitzaltar mit außen und innen gemalten Flügeln 
gesetzt. Vor etwa 30 Jahren wurden die Flügel mit rohen Holzpfosten gesichert. 
Bei der R. sind die Wandbilder und auch der Schrein mit seinen Flügeln nicht 
berührt worden. 

Das Vorstehende gilt auch von den drei folgenden Altären Nr. 57 bis 59. 

Schrein von weichem Holze. Darin die Fredigt Johannis in der Wüste, die 
Taufe Christi und die Enthauptung Johannis. Predigt: Sechs Haupt- und zwei 
Nebenfiguren, dem Johannes fehlt ein Arm, einem der Schriftgelehrten eine Hand; 
Taufe: Drei Haupt- und zwei (fehlende) Nebenfiguren, dem Heiland fehlt das 
Lendentuch zur Hälfte, dem Johannes beide Arme; Enthauptung: Sechs Haupt- 
und in dem im Hintergebäude dargestellten Gemache verschiedene (fehlende) 
Nebenfiguren Noch fehlt dem Henker das Schwert, desgleichen ein Baum. 
Flügelbilder auf Leinen mit Kreidegrund, Geschichte des Johannes, außen stark 
beschädigt; Beschlag modern. Der Schrein inschriftlich von 15 12. 

Die Wandbilder des 15. Jahrhunderts haben die Johanneslegende zum 
Vorwurf, dazu kommt über dem Kaffsims noch links die Verklärung Christi; 
rechts die Muttergottes mit Kind, rings die Evangeliensymbole. Diese oberen 
Bilder gut, die unteren schlecht erhalten. 

Von den Wandbildern des 13. Jahrhunderts entdeckte ich eine Schüssel mit 
dem Johanneshaupte mitten über der Altarnische, rechts und links zwei musizierende 
Engel. 

Dem 13. Jahrhundert gehört auch eine zum Altar in Beziehung stehende 
Statue an. St. Johannes baptista, am Mittelpfosten des ubergelegenen Fensters, 
alt, bemalt, schön. 

Nr. 57. Martinusaltar. Im südlichen Kreuzarm. Vergl. Nr. 56. Mensa ohne 
Weihkreuze. Im Schrein St. Georg mit dem Drachen, die Messe des hl. Gregor, 
St. Martin mit dem Bettler, St. Georg: Arm und Fuß sowie der Lindwurm sehr 
verstümmelt, Vorderbeine des Pferdes fehlen, ebenso die Hände der Prinzessin. 

Messe: Acht Hauptfiguren und die (fehlende) Christusfigur; die Altargeräte 
sind verstümmelt, sechs ganze und zwei halbe Hände fehlen. 

St. Martin : Zwei Haupt- und neun Nebenfiguren. Ist teilweise und schlecht 
übermalt (vor der R.). 

Die Skulpturen waren bekrönt mit sechs Bogenzwickeln mit aufgemalten 
Wappen, von denen vier jetzt fehlen. 

Flügel rechts auf dem bloßen Holz bemalt, links auf Leinen und Kreide. 
Aus der Legende der hl. Gregor, Sebastian, Georg; davon St. Georg mit dem 
Drachen stark, die übrigen Bilder wenig beschädigt. Flügel von 15 14 und 1515- 
Maler mutmaßlich N. W. Suavis; Beschlag modern, nur das Schloß alt. 

Wandbilder des 15. Jahrhunderts ziemhch gut erhalten. S. Andreas, 
Hieronymus, Messe des hl. Gregor, S. S. Antonius eremita, Barbara, Bartholomäus. 



95 

Wandbilder des 13. Jalirhunderts bis jetzt nicht sichtbar. 
Skulptur am F"ensterpfosten, der Reiter St. Martin mit dem Bettler, 13. Jahr- 
hundert, das Pferd äußerst plump; bemalt ohne R. 

Nr. 58. Elisabethaltar. Im nördlichen Kreuzarm. Vergleiche Nr. 56. 

Im .Schrein der Tod der hl. Elisabeth, die Exjjosition ihrer Leiche und die 
Erhebung der (iebeine. Alles sehr wurmstichig, daher viele kleine Verluste. 

Tod: Acht Figuren, es fehlen ein Kopf und fünf Hände, der Hintergrund ist 
ruiniert. 

Exposition: Elf Figuren, von denen eine verschwunden, außerdem fehlen ein 
Kopf ganz, ein Kopf zur Hälfte, eine Hand, zwei Leuchter. 

Erhebung: Zwölf Figuren, zwei davon verschwunden. Noch fehlen drei 
Köpfe und zehn Hände. Der Hintergrund ist ruiniert. Die obere Umrahmung 
des Schreins ist ruiniert, von sechs Zwickeln mit Wappen nur noch einer vor- 
handen, Flügel mit Leinen und Kreidegrund. Szenen aus dem Leben der 
hl. Elisabeth. Die inneren gut erhalten, die äußeren fas*. ganz zerstört. Beschlag 
modern, nur das Schloß alt. Wandbilder des 15. Jahrhunderts sehr zerstört. Leben 
der hl. Elisabeth. Die des 13. Jahrhunderts werden darunter in einzelnen Spuren 
sichtbar. 

Nr. 59. Katharinenaltar. Im nördlichen Kreuzarm. Vergleiche Nr. 56. 

Mensa ohne Weihkreuze. Im Schrein mitten die heiligen Familien: Sieben 
Kinder und sechs Figuren der Eltern wohlerhalten. Fünf Figuren der hinter den 
Banken stehenden Väter fehlen. Seitlich zwei Standfiguren: St. Maria Magdalena 
und St. Katharina. 

Es fehlen: Der Oberkörper des Jesuskindes, ein Kopf, sechs Hände, die 
Vorhangbogen oben im Schrein und die vorerwähnten fünf Figuren. Ergänzt 
sind im Jahre 1842 die Salbenbüchse der Maria Magdalena, eine Hand mit Stab, 
Hand und Schwert der hl. Katharina, ein Rahmenstück eines Flügels. 

Flügel: Vorgeschichte Christi und die hl. Familien; die inneren Bilder gut 
erhalten, 1842 lackiert, die äußeren gleichzeitig an den ruiniert gewesenen Stellen 
ausgebessert, dabei eine Figur der Muttergottes ganz erneuert. Diese Aus- 
besserungen sind außerordentlich schlecht und stilwidrig, auch technisch sehr un- 
vollkommen. 

Beschlag neu. Schloß alt, Flügel von 151 1, von dem Maler des Martinus- 
altars. Von den Wandbildern nur die des 15. Jahrhunderts sichtbar, stark zer- 
stört. Legende der hl. Katharina und Maria egyptiaca. 

Nr. 60. Marienaltar, nordwestlich irn nördlichen Kreuzarm, friiher westlich 
vor dem Mausoleum der hl. Elisabeth. Ende des 15. Jahrhunderts, Mensa neu 
bemalt, der Altar übrigens ohne R. Schrein auf der Mensa, in zwei Abteilungen 
übereinander. 

Unten in der Mitte eine Pietas von Kalkstein aus Baumberg in Westfalen 
(nach angestellter chemischer Untersuchung), bemalt, war ehemals ein selb- 
ständiges Werk und ist älter als das übrige. Daneben Johannes und Maria 
Magdalena, Holz, polychromiert. Letzterer fehlen die Hände, sonst noch kleine 
Stückchen und die Vorhangbogen. Vor dieser unteren Abteilung eine eiserne 
Gittertür, welche nebst ihrem Beschlag, Schloß und Anstrich original ist. 

Oben Marienkrönung: drei Hauptfiguren und fünf Engel erhalten, fünf Kinder- 
engel fehlen Hände und Krone verstümmelt, das Mittelstück der Vorhangbogen fehlt. 



96 

Flügel: Anbetung der Könige, Tod Maria, Maria auf den Tempelstufen, Dar- 
stellung, Christi Geburt, Goldene Pforte. Kasten und Rahmen von Eichenholz, 
Flügel Tannen-, Schnitzwerk Lindenholz, Schloß alt. 

Nr. 61. Nebenaltar im Südseitenschiff. Kleine Mensa aus Sandstein, 
unbemalt; an der Längswand, also nicht orientiert, durch Schärfen von Werk- 
zeugen stark beschädigt. 

Nr. 62. Nebenaltar im nördlichen Seitenschiff, wie vor. 

Lettner und Schranken. 

Nr. 63. Lettner. Scheidet die Vierung der Kirche vom Mittelschiff und 
wurde in der ersten Zeit des 14. Jahrhunderts an Stelle älterer Chorschranken 
errichtet. Eine Mauer, der Breite nach durch Pfeiler in Vertikalfelder geteilt, die in 
mehreren Abteilungen übereinander sich mit Blenden und Durchbrechungen 
gliedern. Die mittleren 7 Felder treten nach Westen als Risalit heraus und bilden 
die Rückwand des Kreuzaltars, nach Osten korrespondiert mit dieser Mittelpartie 
eine Empore. Erstes Stockwerk, gleich hoch mit der Altarmensa: Blenden. 

Zweites Stockwerk: In den Seitenpartien durchbrochene Fenster; im Risalit 
7 Figurennischen, von denen die drei mittleren von der Anlage her durch Auskragen 
der Zwischenpfeiler zu einer einzigen Blende vereinigt wurden, und zwar zwecks 
Aufnahme einer Figurengruppe. 

Drittes Stockwerk: Seitlich je 8 Figurennischen in den Feldern, etwas unter- 
halb auch die Pfeiler zur Aufnahme kleinerer Figürchen ausgeblendet, im Risalit 
dieselbe Anordnung, nur daß wieder wie im 2. Stockwerk die drei mittleren 
Nischen vereinigt sind, hier jedoch infolge späterer, wenn auch im Mittelalter 
vorgenommener Aenderung der ursprünglichen Anlage. 

Viertes Stockwerk: Durchbrochene Fenster mit Wimpergen darüber, auf den 
Pfeilern Fialen. Auf den Ecken des Risalits erheben sich noch höher hinauf 
zwei Pfeiler, welche ein mit Nasen besetzter Bogen verbindet, zur Aufnahme des 
großen Triumphkreuzes mit seinen beiden Nebenfiguren. Diese Konstruktion 
besteht aus Eichenholz. Pfeiler und Bogen sind mit großen laubgefüllten Hohl- 
kehlen gegliedert und die 5 Kapitelle mit Laubköpfen geschmückt. 

Die östliche Empore besteht aus zwei getrennten Kanzeln, zwischen ihnen 
die Treppe. 

Sämtliches Figurenwerk des Lettners ist neu (R.) mit Ausnahme zweier guter 
handwerksmäßiger Steinfiguren im Risalit (St. Philippus, St. Paulus) Die neuen 
Figuren bestehen aus Zement bezw. Papiermache. Im Risalit: 

unten: St. Jacobus (St. Philippus), Pietas mit St. Maria Magdalena und 

St. Johannes evang. (St. Paulus), St. Petrus; 
oben: St. Matthäus, St. Johannes evang., der auferstehende Christus und 
2 Wächter, St. Andreas, St. Simon. 't 

Diese Figuren sind stillos, von theatralischer Haltung und schlecht. Die 
zwischenstehenden kleinen 4 Engel mit Musikinstrumenten sind, von anderer 
Hand, bei weitem besser, ebenso die Figuren der Seitenpartien: St. Barbara, 
St. Helena, St. Cäcilia, St. Agnes, St. Elisabeth, St. Kunigunde, St. Margaretha, 
St. Stephanus, St. Hieronymus, St. Sebastian, St. Thomas, St. Bonifacius, St. Carolus 
magnus, St. Augustinus, St. Mathias, St. Judas Thaddäus. Dazwischen zweimal sieben 



97 

musizierende Engel. Neu sind auch die drei Figuren des Triumphkreuzes, ebenso 
letzteres selbst mit den Evangelistensymbolen in Reliefs. 

An den Flanken des Risalits finden sich zwei kleine, auf die Auferstehung 
bezügliche, ziemlich rohe Reliefs aus der liauzeit, über den Durchbrechungen des 
zweiten Stockwerks der Seiteniiartien kleine Fabeltiere. Vor der R. war das ganze 
4. Stockwerk, ebenso die beiden Hochpfeiler mit liogen abgebrochen gewesen, 
ersteres fand sich nur in Trümmern noch an anderen Stellen vor. Die Restauration 
faßte bedauerlicherweise den Lettner auf, als hätte die Empore des Risalits nach 
Westen hin als Kanzel gedient, was nie der Fall war; die Architektur des Risalits 
blieb deshalb über dem dritten Stockwerke rasiert, das vierte wurde jm Risalit 
nicht hergestellt; statt seiner ward unorganisch ein Lesepult angeordnet, gestützt 
von zwei Engeln, die mit ihren Kieiderzipfeln die abgeschnittenen Pfeiler zudecken 
sollen. Die so hergestellte Kanzel kann aus akustischen Gründen nicht benutzt 
werden. 

Vor den in der Zopfzeit vorgenommenen Zerstörungen ging die Fialen- 
stellung des vierten Stockwerks auch im Risalit durch, und die Empore derselben 
war Kanzel nur nach Osten hin, für den in Vierung und Chor vor sich gehenden 
Gottesdienst der deutschen Ritter. Von ihren beiden Abteilungen herunter wurden 
Evangelien und Episteln verlesen. Die Kanzel für das Schiff und die Pfarrgemeinde 
aber stand in gewöhnlicher Weise an einem der Schiffspfeiler. Dies alles liegt 
in der Natur der Sache und wird unwiderleglich bewiesen durch die erhaltenen 
Architekturtrümmer. 

Die auf die Kanzel führende Treppe ist neu und besonders das Geländer 
stilwidrig. 

Die Bemalung des Lettners ist gut hergestellt worden, die l'"iguren der 
Seitenfelder sind unpolychromiert geblieben. 

Auf der östlichen Kanzelbrüstung zeichnen sich die Spuren von vier ehemals 
daselbst befindlich gewesenen festen Leuchtern aus. 

Nr. 64. Chorschranken. Stein, fassen die Vierung nach Süden und Norden 
ein und sind in der Zopfzeit abgebrochen, bei der R. nach an den Pfeilern er- 
haltenen Spuren des Anschlusses erneuert worden. 



Gestühl. 

Nr. 65. Sedile, im Chor an der südHchen Wand. Dreisitz für den 
zelebrierenden Priester und die Diakonen. 

Erste Hälfte des 14. Jahrhunderts, Eichenholz. In den 3 oberen Gehäusen 
die prachtvolle Figur des mittleren, der hl. Elisabeth, alt und gleichzeitig, die 
Seitenfiguren sind bei der R. gefertigte Abgüsse aus dem Katharinenaltar des nörd- 
lichen CJuerschifflügels. 

Die Wasserspeier an den Gehäusen sind neu. Die Polychromie der Sedile 
ist erneuert, in der unteren Hälfte den alten Zustand nicht treu wiedergebend; 
drei gemalte Engel über den Teppichen der Rückwand haben durch teilweises 
Uebermalen (scheinbar schon vor der R.) gelitten. 

Nr. 66. Chorgestühl. 54 Sitze in doppelter Reihe an 3 Seiten der Vierung. 
Gut erhalten. 13. Jahrhundert. 

Schäfer, GesanHileltu .\uf8ätze. ' 



98 

Die Säulchen der vorderen Brüstung sind (getreu) erneuert. 8 Wangen und 
die Giebel der hohen Schlußwangen neu. Eine einzige der Miserikordien ist 
geschmückt mit Eichenlaub. 

Nr. 67. Hochstuhl. Gleich alt mit den Chorstühlen und entsprechend ge- 
arbeitet. Jetzt in der Sakristei, hat wahrscheinlich in der Kirche, und zwar in 
einer Ecke gestanden, unsicher indes, wo; das Sitzbrett und die Tür des Schrankes 
in dem davor befindlichen Pult fehlen. 

Schränke und Laden. 

Nr. 68. Ankleidetisch in der Sakristei westlich. Eichenholz mit schönen 
geschmiedeten Beschlägen, 13. Jahrhundert. 8 Abteilungen mit jetzt noch 
16 Bändern, 7 Aufziehgrifien und 3 Schlössern. 

Nr. 69. Desgl. östlich, ebenso 8 Abteilungen mit 7 erhaltenen Türen, 
14 Bandern, 7 Ringen, 4 Schlössern. 

Nr. 70. Desgl. nördlich, jetzt im Kreuzschiffe der Kirche, 8 Abteilungen, 
16 Bänder, 3 Ringe, 5 Schlösser. 

Nr. 71. Schrank. Im Gange zwischen Chor und Sakristei, zweiflügelig, von 
Eichenholz, 13. Jahrhundert. 4 sehr schöne Bänder, 2 Ringe, i Schloß, i Riegel. 

Nr. 72. Kasten, in der Sakristei als Untersatz für den Sarkophag der 
hl. Elisabeth dienend. Dreitürig, Eichenholz, mit 6 sehr schönen Bändern, i Ring, 
I Schloß. Auf Kreidegrund rot gestrichen, an drei Seiten mit späterer Leinen- 
tapete beklebt. 14. Jahrhundert. 

Nr. 73. Lade, daselbst, im Gitter, 15. Jahrhundert. Tannenholz, mit Leder 
überzogen, auf dem durch unzählige eingeschlagene Nägelchen Muster gebildet, 
dünner Beschlag. 

Nr. 74. Lade, daselbst, Eichenholz, viele Bänder. 14. Jahrhundert. 

Nr. 75. Lade, im südlichen Turme parterre, Eichenholz mit eingelassenen 
Bändern. 14. Jahrhundert. 

Nr. 76. Lade, daselbst, eingelassene Bänder, 17. Jahrhundert, mit einem 
schönen Schloßblech aus dem 15. Jahrhundert. 

Nr. 77. Lade, im nördlichen Turm, mit zahlreichen schlichten Bändern und 
einem Schlosse mit sehr reichem Schließblech. 15. Jahrhundert. 

Nr. 78. Lade, daselbst; 17. Jahrhundert. 

Diverse. 

Nr. 79. Piscina, im Chor, südöstlich, Sandstein, pokalförmig, mit dem 
Mausoleum nachgeahmtem Laubfries und großen Blättern am Bauch, 13. Jahr- 
hundert, unbemalt. 

Glocken. 

In den Haupttürmen, Stühle aus dem 18. Jahrhundert. Darin 

südlich: 
Nr. 80. Glocke von 1,78 m unterem Durchmesser, 13. Jahrhundert. Unten 
2 Fadenbilder: Kreuzigung mit den beiden Nebenfiguren und die St. Elisabeth 



99 

im fürstlichen Mantel mit Krone, der ein Kngel den Schleier überbringt. Da- 
neben ein Armer. 

Schöne Inschrift: ORANDO ■ NOCENS ■ ABSIT*) ■ UBICUMQ(UE) ■ 
SONUS ■ ME US ■ ASSIT ■ 

Klöppel alt. Mechanik 1870 erneuert. Kompo.sition der Masse: 78,1 Kupfer, 
21,9 Zinn. 

Nr. 81. Unten 1,03 m. In 1840 erneuert, nachdem die alte Glocke ge- 
sprungen. Schlechte Klangfarbe. 

Nr. 82. Unten 0,99 m, 14. Jahrhundert. Majuskelinschrift: ALMA VIRGO ■ 
VmaiXl'M ■ INTEliCEDAT l'liO XOBIS A(i\\\()) ■ I)(()M1)NI, darunter 
ein M. — Klöppel alt. 

Nördlich: 

Nr. 83. Unten 0,90 m, 14. Jahrhundert. Gang glatt. Alter Klöppel, 
Bochumer Zapfenlager. 

Nr. 84. Unten o,Si m, 14. Jahrhundert. Majuskelinschrift: 
BRUDER BIT II ERICH SAL HETZEN ICH. 
Modernes Zapfenlager, Klöppel alt. 
Nr. 85. 0,69 m weit, 14. Jahrhundert. Glatt, auf Pfannen. Klöppel alt. 

Im neuen Dachreiter. 
Nr. 86. Unten 0,48 m weit. Inschrift in Minuskeln: 

in honore ■ fniuctc ■ dimhetli ■ iniiu) ■ donüni ■ xv-' xv ■. 
darunter in Majuskeln: 

MEISTER HANS KORTROG VON HOMBERG GOIS MICH. 
Klöppel alt. 

III. Paramente und Goldschmiedwerke. 

Nr. 87. Sarkophag der hl. Elisabeth. In der Sakristei, von einem Eisen- 
gitter umschlossen. Anno 1236 gefertigt (nicht wie Lotz, Baudenkmäler, meint, 
gegen 1280 umgearbeitet), stand im Mausoleum im nördlichen Kreuzflügel und 
an hohen F"esten auf dem Hochaltar, mag gegen Ende des 17. Jahrlumderts in 
die Sakristei gebracht sein; 18 10 nach Kassel gebracht und vieler Gemmen, 
Steine usw. beraubt. 

Besteht im Kern aus starkem Eichenholz, welches innen mit einem sara- 
zenischen Seidenstoffe des 12. Jahrhunderts beklebt war, dabei die Kanten mit 
Streifen roten Kalbleders gedeckt. Schon in gotischer Zeit abgängige Stücke 
des Stoffs durch neueres Musterzeug ersetzt, jetzt vom ursprunglichen Ueberzug 
nur noch wenig erhalten. Außen ist der Schrein mit vergoldetem Kupfer 
überzogen. 

Zur Dekoration dienen: 
a) Stanzwerk aus dünnem Kupferblech, da, wo es von beiden Seiten 
sichtbar, wie an den Hrst und Giebelkämmen, mit nach den Durch- 
brechungen ausgefeilten Kupferplatten hinternietet, ganz vergoldet. 



•) Auf der Glocke fehleihall ALSIT. 



100 

b) Damaszierte Arbeit, prächtige Ornamente aus Gold, in Kupfer geschlagen. 

c) Email, auf Kupferplatten ausgeführt, die Figuren, Köpfe und das Laub- 
werk in Metall auf einfarbigen Schmelzgründen, die zahlreichen geo- 
metrischen Muster vielfarbig; diese ein Mittelding zwischen email 
champleve und email cloisonne, in dem die feineren Konturen in neu- 
griechischer Weise aus Goldblech in die Gruben der Kupferplatten 
eingelötet sind. 

d) Filigran in herrlicher, der Arbeit an den Aachener und Kölner Schreinen 
weit überlegener Detaillierung und Mannigfaltigkeit. Darin 

e) Steine, Glasflüsse, Perlmutterstücke und Perlen. Die größeren Stücke 
haben glatte, teilweise mit Armen versehene, die kleineren laubartig 
ausgezähnte Fassungen, die Zahlperlen sitzen, von Drähten durchbohrt, 
auf Röhrchen. 

f) Getriebene Arbeit, an den Knäufen des Daches aus Kupfer, an den 
Figuren aus dünnem Silberblech, vergoldet. In bezug auf technische 
Vollendung höchst bewunderungswürdig. Einzelnes ziseliert. 

g) Gußarbeit: Nur weniges, wie die Kerne der Säulenkapitelle und die 
freistehenden Hände der Figuren, letztere aus Silber. 

Alle einzelnen Stücke sind mit kupfernen Nägeln befestigt. Der Figuren- 
schmuck besteht aus der Muttergottes mit dem Kinde, an der Seite des Schreins, 
welche als westlicher Giebel gedacht ist, gegenüber die St. Elisabeth, an den Lang- 
seiten je 6 Apostel, in deren Mitte einerseits Christus als Weltheiland, gegenüber 
die Kreuzigung in 3 Figuren (wovon der Crucifixus verschwunden). Neben 
letzterer Darstellung befinden sich noch 2 Reliefmedaillons mit der Geburt und 
Taufe Christi und auf dem Dache 8 sehr schöne Reliefszenen aus dem Leben 
der St. Elisabeth. Die Filigranarbeit war nach Ausweis der Aufzählung in der 
Anlage (s. S. 123) ursprünglich ausgestattet mit 

866 Steinen, 

58 Perlmutterstücken und 
256 Perlen. 
Unter den Steinen befanden sich Smaragde, Rubinen, Amethyste, Saphire, 
Hyazinthe, Karneole, Kristalle usw., jedoch auch Glasflüsse, außerdem aber 
2 wertvolle Kameen und gegen 40 oder 50 Gemmen, griechisch, römisch und 
orientalisch. Von ihnen sind die kleinere Kamee und 33 Gemmen nach im 
Jahre 1810 durch Ulimann gefertigten Abdrücken bei F. Creuzer, ,,Zur Gemmen- 
kunde", in Zeichnung mitgeteilt. 

65 Steine, Perlmutter und Perlen fehlten schon vor der Wegfuhrung im 
Jahre 1810, (Creuzer a. a. O.), gegenwärtig fehlen 194 Steine, 4 Perlmutter und 
205 Perlen, so daß noch vorhanden: 

672 Steine, 
54 Perlmutter und 
5 I Perlen. 
Unter den erhaltenen Steinen, welche ich bedaure, nicht sämtlich mit Sicher- 
heit bestimmen zu können, scheinen besonders wertvolle Stücke nicht mehr zu 
sein, doch will ich erwähnen, daß ich an Gemmen außer der von Justi (,, Vor- 
zeit" 1824) als allein erhalten bezeichneten (Nr. 2 bei Creuzer) noch sechs 
andere gefunden habe, nämlich Nr. 9, Nr. loa, Nr. 10, Nr. 20 a. a. O. und 



lOI 

zwei unter den Creuzerschen Abdrücken nicht befindlich gewesene, noch 
unedierte Stücke. 

Von den Perlen, welche gerettet, sind 2 groß, i kleiner, die übrigen sind 
kleine Zahlpcrlcn. Außer den in der Anlage betreffenden Ortes angegebenen 
kleineren Beschädigungen am Monumente und außer der schon erwähnten fehlen- 
den Christusfigur sind folgende Defekte zu verzeichnen: 

An der Westseite fehlt der linke Arm des Kindes, der Muttergottes fehlen 
2 Finger. 

An der Südseite befand .sich über dem Crucifi.xus noch eine getriebene 
Engelsfigur, welche nicht mehr vorhanden; es fehlt der linke Arm eines Apostels 
und etwa 9 qcm Stanzwerk eines Kammes. 

An der Ostseite fehlen etwa 25 qcm Kamm, 2 Emailplatten sind locker. 
An der Nordseite fehlt zwei Apostelfiguren je i Arm. Einer der großen Dach- 
knäufe ist lädiert. 

Der Schrein befindet sich hinter einem hohen Gitter aus schmiedeeisernem 
Stabwerk mit einer architektonischen Bekrönung aus Schmiedeeisen und Eisen- 
blech, welcher aus Blech geschnittene und gemalte Figuren aufgelegt sind. Schönes 
Schloß. — Das Gitter ist nach altem Muster bei der R. rot mit grünen Rosetten 
bemalt worden, die R. der oberen Bekrönung jedoch noch nicht vollendet; 
14. Jahrhundert. 

lieber dem Schrein hängt mit einer Einrichtung zum Niederlassen und Auf- 
ziehen ein Futteral aus hölzernem Gitterwerk und mit gemaltem Leinen über- 
zogen. Anscheinend aus dem 17. Jahrhundert. 

Nr. 88. Meßkelch mit Patene. Einziges Ueberbleibsel von der Menge kost- 
barer Gefäße, welche die Kirche besessen. Schlicht, 15. Jahrhundert. 

Auf Nodus und Röhre die Namen: 

mar'm, s. elisabct, .s. bähuryia. 

Auf dem Fuß ein Christuskörper, welcher, als der Kelch einmal neu zusammen- 
gelötet wurde, sein Kreuz verlor. 

Nr. 89. Wandteppich, im nördlichen Turme aufbewahrt, etwa 1400 ent- 
standen, gewirkt; stellt in 8 Szenen die Geschichte des verlorenen Sohnes dar; 
dazu kommen bis jetzt nicht erklärte Sinnbilder. 

Auf den trennenden Friesen der Te.xt des bezüglichen Evangeliums nach 
der Vulgata, in Minuskeln. Gegen 7 m lang. Die Zeichnung ist roh; der 
Teppich, an der unteren Kante stark verstümmelt, auch sonst viel beschädigt, 
ist in zwei Stücke zerschnitten und war bisher aus ihnen falsch zusammen- 
genäht. Er leidet durch das öftere P2in- und Auspacken bezw. Umknicken in 
bedenklicher Weise. 

Nr. 90. I Monstranz aus Holz mit einer Haupt- und vielen Nebenkapseln, 
kreisrund, auf Leinen gemalt, ehemals mit Kristallplatten und Steinen. Oben 
eine schöne Kreuzblume. Der Fuß fehlt. Erste Hälfte des 13. Jahrhunderts. Im 
Archiv. 

Nr. 91. Pendant zu vorgenanntem Reliquiar. Auch die Kreuzblume fehlt. 
Ebendort. 

Nr. 92. Bronzener Zeremonienschlüssel mit 4 Figuren. Erste Hälfte des 
13. Jahrhunderts. Im Gitter der Sakristei. 



I02 



IV. Grabmäler und Gedächtniszeichen. 
Mausoleum der St. Elisabeth. 

Nr. 93. Mausoleum. Dieses schöne und interessante Denkmal ist älter als 
der Teil der Kirche, in dem es sich befindet. Dasselbe wurde gegen 1255 in 
die ehemals den Platz des nördlichen Kreuzflügels einnehmende St. Franziskus- 
hospitalskapelle eingebaut, blieb beim Abbruch derselben stehen und wurde mit 
dem genannten Flügel der Kirche umbaut. Es diente zur Aufnahme des Elisabeth- 
schreins und erlitt, als für diesen der neue Hochaltar errichtet ward, also in den 
80. Jahren des 13. Jahrhunderts in seinen unteren Partien einen Umbau, wahr- 
scheinlich um den öfteren Transport des Schreins zu erleichtern. Aus letztgenannter 
Periode ist dann auch die im Mausoleum sichtbare Tumba. 

Sandstein, ganz bemalt, nur die Platte der Tumba von schwarzem Schiefer. 
An der Langseite der Tumba in Relief der Tod der hl. Elisabeth: die 
Heilige entseelt, oberhalb die gekrönte Seele zwischen zwei Engeln, dahinter 
St. Augustinus, St. Maria Magdalena, St. Johannes baptista, Christus, Maria, 
Landgraf Conrad, Kaiser Friedrich II. (oder Ludwig IV.?), St. Katharina, St. Petrus. 
Im Vordergrund 4 Bettler und Kranke bezw. Gefangene, rechts und links gemalt 
der hessische und der altthüringische Wappenschild. An diesem Relief eine 
Inschrift in Minuskeln: mai/fiftc)}- eo(ii)r(i(J(iis) la(ii)f(irari(iis) fi(fn)(lator hfidus) 
monusterij, welche (nebst den Wappen?) bei der R. zugefugt oder verändert 
zu sein scheint, lieber dem südlichen Bogen des Mausoleums ist die Figur der 
St. Elisabeth und die des Heilandes gemalt, welcher ihr die Krone reicht. Beide 
sind modernisiert übermalt. An der Westseite ebenso zwei Engel mit Kronen 
und ein Kopf der hl. Elisabeth. 

Auf der den westlichen Bogen umrahmenden Gliederung ist die obere Platte 
umlaufend in Majuskeln mit einer sehr interessanten Inschrift versehen, welche ohne 
R. geblieben. ■) 

CHR[IST]I ■ POST ■ ANOS ■ TBICENOS ■ MILLE ■ DUCENTOS f 
IJNDENO ■ MENSE ■ MORTIS ■ DEVICTA ■ SÜB ■ ENSE f 
ELIZABET ■ MUNDO ■ REVERENDA ■ TRIUMFAT ■ Aß ■ ISTO f 
AG ■ ANNO ■ QUINTO ■ POST ■ SEXTI ■ MENSEQUE ■ QUINTO f 
GREGORIO ■ NONO ■ FIDEI ■ REGNANTE ■ PATRONO f 
TRANSFERTUR ■ MERITO ■ SANCTORUM ■ SCRIPTA ■ REGISTRO f 

Ebenso finden sich auf der Umfassung der Südseite die folgenden leoninischen 
Verse : 

GLORIA ■ THEUTONIE ■ / VIRTU/TUM ■ GEMMA ■ SOPHIE f 
FÖNS ■ DECUS ■ ECCLEfSI/E ■ FIDEI- FfLJOfSJ ■ NORMA ■ lUfVENTJE f 
MATER ■ EGENORUM ■ MORBI ■ M[ED]I[CJIN[A] ■ [RJEORUM f 
SPfES] ■ [COR] ■ [SERJVORITM ■ [VJOTIS ■ INT ENDE ■ TUORUM f 
ELIZABET ■ GELO ■ REGNANS ■ VICTO ■ JEBUZEO f 
HOC ■ IN ■ MAUSEO[LOJ. 

Im Inneren des Mausoleums, und zwar an der östlichen Wand findet sich ein 
Temperabild mit gleichem Inhalt wie das Relief der Tumba: St. Elisabeth auf 



') Die [ ] eingeklammerten Buchstaben zerstört und ergänit. 



T03 

dem Bette, umstehend 9 Figuren, unter denen ich nur erkenne die Landgrafen 
Ludwig und Conrad, den Pradikator Conradus und den hl. Augustinus. Uebcr 
die-ser Szene Christus in einer Mandorla, zwischen den Kvangelistensymbolen, dem 
zwei Engel die Seele auf einem Tüchlein entgegenbringen. 13. Jahrhundert, nur 
bescheiden restauriert. 

Die Plattform des Mausoleums i.st mit einer hciizernen Maßwerkgalerie ein- 
gefaßt, welche bei der R. zur Hälfte erneuert ward. 

Die Bogenöffnungen waren zum Schutze des Schreins mit Eisengittern ge- 
schlossen; die der Nord- und Südseite sind erhalten, darin ein Turchen, um eine 
an einem eisernen Arm drehbare messinggegossene Büchse zur Aufnahme von 
Geldspenden durchzulassen. Der in den Bogen selbst gehörige obere Teil des 
südlichen Gitters ist im Gegensatz zu dem einfachen Maschenwerk der unteren 
Teile aus einer Stellung von Fialen und Wimpergen gebildet, denen aus Eisen- 
blech geschnittene Figuren eingepaßt sind. Dieselben sind durch Malerei bezw. 
Vergoldung ausgeführt, auch das Gitterwerk selbst war vergoldet und gemalt; 
in der Mitte steht die hl. Elisabeth, einen Armen beschenkend, rechts und links 
je zwei Medaillons mit Szenen aus dem Leben der Gefeierten. Darüber 
befand sich noch eine Kreuzigung mit Maria und Johannes, welche ver- 
schwunden ist. Diese Gitter, besonders das Bogenstück scheinen erst im vor- 
geschrittenen 14 Jahrhundert entstanden zu sein und sind nicht restauriert 
und ziemlich verkommen; die erwähnte messingene Büchse wohl noch aus dem 
13. Jahrhundert. 

Hinter dem Mausoleum wird ein dreieckiger Platz durch eine Mauer mit 
Maßwerkbrüstung abgeschlossen, welche Anlage alt (etwa 1285) ist. 

Hochgräber. 

Sie stehen im südlichen Kreuzflugel und sind von der Ueberschwemmung 
des Jahres 1847 eingerissen, bei der R. wieder aufgebaut und sorgsam mit 
Zement und an einigen Stellen mit Stein ausgebessert worden. Bei der folgenden, 
chronologisch geordneten Aufzahlung sind die am Monument selbst vorfindlichen 
Inschriften und Jahreszahlen einfach beigesetzt, die anderweitig ermittelten Daten 
aber eingeklammert [ ] worden. 

Nr. 94. [Landgraf Conrad, Hochmeister] | 1241 gest.] bemalt. Zu Füßen 
zwei plastische Wappenschilder mit dem gestreiften Löwen und dem Ordeiiskreuz. 
zu Kopf gemalt: der Löwe, laufend. Um das Kopfstück herum entdeckte ich, 
freilich äußerst schwach, Spuren eines Bandes mit Schrift. 

Nr. 95. Landgräfin Alheid von Braunschweig mit einem ihrer Kinder [1274 
gestorben]. Ist nicht, wie Lotz a. a. O. behauptet, die jüngere Alheid und von 
den Pilgern miUverständlich für die ältere, heilige Adelheid gehalten worden, 
sondern die altere Alheid selbst: abgesehen von anderem ist der Stil durchaus 
der von 1280 und die Architektur den damals ausgeführten Teilen der Kirche 
allein entsprechend, im Detail teilweise geradezu von ihnen kopiert. — Außer den 
beiden Hauptfiguren noch zwei Engel mit zwei Seelen. Am Kopf ein eisernes 
Gestell für eine Lampe. Reich und schön bemalt. — Von der gemalten Inschrift 
entdeckte ich, aufs äußerste verblichen, noch die Worte: . . . Oßll'T ALE YD IS 
QUONDAM LA^TGRAVIA . . . 



I04 

Nr. 96. [Landgraf Otto und Elisabeth von Cleve], gegen 1370 gefertigt. 
Zwei Hauptfiguren, drei Engel zu Häupten, zu Füßen zwei die Sterbegebete lesende 
Mönche. Die zwei Figuren stehen auf Löwen. In den Blenden der Tumba 
18 trauernde Heiligenfiguren in Relief. 

Nr. 97. Heinrich n. [ißjögest.J Außer der Hauptfigur zwei Engel mit der 
Seele, zwei Mönche, unter den Füßen ein I^ciwe, an der Tumba acht Heilige. 
Die Mönche zur oberen Hälfte erneuert. Von der ehemaligen gemalten Minuskel- 
inschrift der Umfassung kaum noch Spuren. 

Nr. 98. Zwei Kinder Landgraf Hermanns [etwa I400[. Dieses Grab war 
vor der R. zerstört, die Platte lag im Fußboden. Der jetzige Untersatz ist daher 
neu. Die Architektur ist mit Zement restauriert, die Figuren sind noch im 
vorherigen Zustand, sehr stark abgetreten. Außer den Kinderfiguren findet 
sich die Spur eines Engels. Die verstümmelten Inschriften in Minuskeln. Am 
Rande: 

f nach . gods . gehurt . m . ccc sen . marg(cir)eti{n) . dag . lan(Jl)gr(af) . 

hcinr{ich) . starb . darnach . uf . se(n)te . magdalene{n) . dag . elisaheth 

frauwe(n) . marg{ar)eti(n) . vo{n) . nnorei(ni)b(er)g . lantg{re)hi/ii(>i)e(n) . ivilch{er) . 
sele . sint . i(n) . dem . ewige{n) . lehene . ame{n) 

Auf den Spruchbänden in den Händen der Kinder (plastisch); 
god erbarme dich über mich und 
bruoder des begere ouch ich. 

Nr. 99. [Landgräfin Margaretha von Nürnberg mit ihrem Sohn Hermann.] 
[1406 gest.] Die Platte lag gleichfalls im nördlichen Seitenschiff im Boden; der 
Untersatz neu, die Figuren nicht restauriert und sehr abgetreten, die Architektur 
restauriert. Außer den beiden Hauptfiguren ein Engel (schwacher Ueberrest) und 
ein Löwe. Zu Füßen zwei Wappen: Hohenzollern und Hessen. Zu Häupten die 
zugehörigen Helme. 

Nr. 100. (Ludwig I.) Am Baldachin die Inschrift: m cccc ^ r('y (1458), an der 
Kopfseite der Tumba: 1471. Hauptfigur, zwei Engel, unter den Füßen der Löwe. 
Am Kopf- und Fußende der Tumba je das hessische Wappen zwischen je zwei 
Löwen, seitlich je sieben Blenden mit kleinen Wappenschildern. Die Augen der 
Figuren waren schwarz gemalt. 

Minuskelumschrift: 

Inclitus ludovicti(s) pius universis piidiciis f 
hac claudit{ur) archa cephas hassieq{ue) monarcha 
anthonii festo migrat ei{us) metnor esto f 
celesti palme vacet is per te deus alme f 

Nr. 101. [Landgraf Ludwig IL und Mechthild, seine Gemahlin.] 1478 gefertigt. 
Zwei Hauptfiguren, drei Engel mit zwei neuen Köpfen, zwei Löwen, drei Mönche. 
Auf den Ecken der Tumba vier Löwen, oben ein großes, unten zwei kleinere 
Wappen, seitlich je sieben Wappen. 

Nr. 102. Landgraf Heinrich III. 1484 gefertigt, Jahreszahl am Kopfende der 
Tumba. Die Figur steht auf einem Löwen, zu Fußen zwei Mönche, oben zwei 
Engel. Oben an der Tumba zwei Schildhalter mit dem großen Wappen, unten 



'°5 

zwei stehende Löwen mit demselben, seitlich je sieben Wappen. Die Inschrift 

lautet: 

Anno d(o»u)ni m cccc Ixxxüj of den acJdzti/nden da;/ starb der hocligehorn erlaufchtj 
furstelantgral heijnrich csu hesszen fjruff' czu kattzendnhogen czu difetz czu czegoi j hain j 

und czu nydde. 

Nr. 103. [Wilhelm II.] [1509 gest.]. Aus Alabaster. War stark ruiniert und 
ist vieles mit Alabaster erneuert. Es fehlen auf der Platte noch zwei Mönche 
und zwei Engel; die (neuen) Wappenschilder der Tumba sind unvollendet; der 
Baldachin sehr verstümmelt, besonders fehlt das oberste Stück ganz. 

Grabplatten. 

Nr. 104. Heinrich der Junker, 1298. Steht im sudlichen Kreuzschiff an der 
Wand. Lag vor der R. daselbst im Boden. Sandstein. Die nur konturierte 
Figur trägt den unten (Nr. 167) aufgeführten, im Original erhaltenen Schild. Die 
verstümmelte Majuskellegende: 

AXtXiO ■ noMIXI ■ M VC XG VJIl ■ IX ■ VIGILIA ■ ßAh'TJIüL/()3IEIJ 
APOSTfOLlllOBUTJEXRICUS- DOMICELLUS- LANTGRA VIUSWXIOR. 

Nr. 105. Landgräfin Adelheid [von Ravensberg] [starb gegen 1333]. Nicht 
nach Langes Meinung der Grabstein der älteren Adelheid. Sandstein, eine ein- 
geritzte Figur und (jetzt fast total unleserliche) Majuskelinschrift am Rande. Ist 
bei der R. leider unter das Hochgrab Margarethens von Nürnberg gelegt 
worden. 

Nr. 106. Anna von Wyers. 148 1 gest. Diese Platte ist übereinstimmend 
mit den drei folgenden von Sandstein und in der Mitte und friesförmig ringsum 
mit sehr wertvollen messingenen Nielloplatten eingelegt. 

In der Mitte ein großes Medaillon mit Wappen, auf den Pocken des Frieses 
kleinere Wappenmedaillons, auf dem Friese: 

Anno D{omi]ni m ■ cccc • Ixxxi ■ Jair ■ off' j\[u{n)dag ■ nach ■ dc(m) . Montage ■ 
J« ...... c • Anna ■ gehore(n) ■ vo(n) ■ wyers ■ hansen *) ■ vo{n) ■ doringcberg ■ 

havemeisters • eliche • husfrauwe ■ der . got • gnade. 

Um das mittlere Medaillon steht: 
iüide ■ Ich ■ hans ■ volyen ■ auch ■ her ■ nach ■ wan ■ got ■ wglle • der ■ seien ■ 

got • genade ■ amen- 
Der Stein ist erneuert. Vor der R. hatte er zwei (jetzt fehlende) Bronze- 
ringe zum PIcben und lag im Boden des nördlichen Querschiffs; steht jetzt daselbst 
an der Wand. 

Nr. 107. Landgräfin Anna von Katzenellnbogen. Ganz wie vor. Lag im 
südlichen Kreuzschiff, wo er mit neuem Stein und einem hinzugefügten steinernen 
Rahmen jetzt aufrecht steht. Inschrift: 

Anno l)(<}iiii))ii Mrca- xciiii Dexs ■ sontag ■ nach ■ sant- vallins ■ tag • starb ■ die ■ 
Irluchtc ■ hochgeborn ■ furstin ■ und ■ fraw ■ fraiv ■ Anna ■ geborn • vo{n) ■ kaizen- 
elnbogcn ■ und • dietz • lantgreffyn ■ zu ■ hessen ■ witwe ■ der ■ seien ■ got ■ gncdig • 

shi . iri(/le). 

*) Auf der Graliplatte, wohl fehlerhaft: . . . vo(n) . toyershausen . vo(n) . doringeberg . . . 



io6 

Nr. 108. Luckel von Hoitzfeld. Ganz wie Nr. 104. 
Anno D[omi)m M ■ cccc ■ xcvii ■ off ■ sontag ■ nach ■ saut ■ Calixtus ■ tage ■ starb . 
(Ige • Erher • vndc ■ frome ■ frauwe • luckel ■ von ■ Jioitzvelt ■ hansen ■ von ■ doryngcberg ■ 
hoffmeysters • Elyche ■ huszfrauwc ■ was ■ der ■ sele ■ der ■ almechtig ■ got • gnedig • 

v»(de) . hermherttich . syn. 

Um das mittlere Medaillon steht: 

f vnd . ich . hans . volgen . her . nach . ivant . got . ivyl . en . sgn . gebot . der . 
zele . der . almechtig . got . gnedig . sin ■ wil. 

Nr. 109. (Gegen 1500 gefertigt.) Wie vor; unvollendet, von der Inschrift 
nur ausgeführt: 

A7ino Domini Millesimo. . . 

Nr. 110. Landgraf Wilhelm I. 15 15 gest. Die Platte gefertigt gegen 1550. 
Liegt im Boden des siidlichen Kreuzschiffes. Abgetreten. Zwei Wappen. Inschrift: 
ANNO 1515 ILLUSTItlSSIMUS PRINCEPS W1LHELMU8 SENIOR 
LÄNTGRAFE IN HASSIAE, ZIG EN HA IN RH 

Nr. 111. Landgräfin Anna von Mecklenburg. 1535 gest. Der Stein ist 
1552 gefertigt. Daselbst. Ebenso. Inschrift: ANNO DOMINI 1535 SEXTA 
MAU IN DOMINO OBDORMIVIT ILVSTRISS/IMAJ DOMINA ANNA 
ILLVSTRISSIMI HESSORUM PRINCIPIS GUILHELMI CONYUX. 

Nr. 112. v. Hördte, Landkomtur. 1 591 gest. Plastische Figur mit Wappen. 
Lag im Boden der Vierung; steht jetzt im nördlichen Kreuz. Inschrift in Re- 
naissance-Majuskeln : An(n)o 1591 . den 6. Ftbruarij ist in Gott venchieden Er(n)- 
tvirdege Gestre{ii)ge Edle vnd Er(n)vest Georg v(on) Hördte Landcoiumenthur der 
Balley Hese{n) Comme(n)thur zu Marpurg Teidsches Orde(ji)s. D. G. G. 

Auf den Ecken die Wappen: 

Hördte, Wettberk, Hochbergk und Monchhausen. 

Nr. 113. v. Nordeck zur Rabenau, etwa 1660. Ebenso. Lag daselbst, jetzt 
im Chore, östlich. Grau gestrichen, Augen und Buchstaben schwarz gemalt. 
Wappenaufsatz jetzt am Eiskeller der Universität. In den oberen Ecken die zwei 
Ahnen Wappen: V. BIEDENFELDT und MILCHLING. 



Cenotaphien. 

Nr. 114. Landgraf Wilhelm III, 1 500 gest. Herrliche Bronzegüsse, ziseliert, in 
Stein eingelassen, zu äußerst ein vergoldetes und gemaltes steinernes Rahmenwerk. 
Steht am alten Platz im sudlichen Kreuz. Inschrift in gotischen Minuskeln: Anno 
d(omi)ni m ccccc uf den mo(n)dag nach sunt valenti(n) starp der erluchtige hoch- 
gehorn forste und her her Wilhelm lantgraf zu hesse(n) graff zu katczeulboge(n) zu 
ziegc(ji)hay{n) zu dietz und zu nidda etc. 

Nr. 115. Landgrafin Jolanda von Lothringen, 1521 gest. Ebenso. Gotische 
Minuskelinschrift: Anno d{omi)ni m ccccc ivxi mensis maij obijt illustr(issima) 
d(omi)na iola(ii)da lotringie et bare ducissa etc. legiti(m)a quo(n)da(ni) iUustr(issimi) 
p(ri)ncipis et d(omi)ni Wilhelmi la(n)tg{ra)vi hassie comil{is) i(n) Katze(n)elnbog(en) 
dietz zeg{en)hay{n) et i(n) nidd{a) c{uius). 



I07 

Nr. 116. Landgraf [Wilhelm I.] [15 15 gest. Platte gegen 1550 gefertigt] Sand- 
stein, in Relief. Nicht vollendet. Die Augen waren gemalt. Zu Nr. 1 10 gehörig. 
An alter Stelle im sudlichen Querflügel. 

Nr. 117. Landgräfin Anna von Mecklenburg (i535ge.st., das Denkmal 1552 
gefertigt). Zu Nr. 1 1 1 gehörig. Die Augen, Nasenlöcher, Schmucksachen schwarz, 
die Lippen rot gemalt. Inschrift aus vier lateinischen Distichen bestehend. 
Daselbst. 

Nr. 118. Elisabeth, Herzogin zu Sachsen, 1558 gest. War in wenigen Tönen 
gemalt. Daselbst. Inschrift: Von got.: genaden fraw diaahcl gehorne la>itgre/in zu 
Hessen, wiland herzog Hansen zu Sachsen verlassene ivitive in gott verscheid{c)i) den 
6. dccenipcris im ior 1558 der seilen gott genedig seie. 

Nr. 119. V. Holtzendorf 1585 gest. Hölzernes bemaltes Cenotaphium mit 
einem gekreuzigten Christus, links der Verstorbene, rechts die Frau desselben 
knieend, darüber und darunter Wappen. Steht in der sogenannten neuen Sakristei. 
Aufschrift: Anno Doniini 1585 den 19. Jnnü ist in Gott seliglic/i eutscidaffen der 
gestreng Edle und Ercnveste Balthasar v(on) lloltzendorff bärtig auss der Mark 
Branden(hurg) etc. dess Durchleuchtigen Hochgebornen Fürsten und herren Ludwigen 
Landgrafen zu Hessen etc. getvesener Chanwter Juncker., naclidem er seiner /{ürst- 
lichcn) g(naden) in die 24. Jar trewlich gedienet utid mit seiner geUhten Hausfrawen 
der edlen und viel tugentsamen fratcen Barbarae geborner von Dermbach IL Jar 
und 10. tag in Ehelicher bcstcntiger einigJceit geübt dem Gott ein fröliche Avfcrstehmig 
durch Jhesiim Christum gnediglich verleihen tcelle Atnen. 1587. Die Tafel ist 
signiert: //. L. 

Nr. 120. Conrad Klos, Landkomtur, 163S gest. Im nördlichen Kreuz 
neben dem Mausoleum. Sandstein, grau gestrichen, die Schrift schwarz. Ein Fuß 
verstummelt. Relief Umschrift: Herr Conrad Klos Jjandconmienthur der Bailei 
Hessen und Commenthur zu Marjtnrg teutsches Ordens Bitter. Starb im Jahr 1638 
den 6. Septetnbris. Auf den Ecken die Wappen: Klos, Entzberg, Portugal und 
Vitzlhum von Eckst. 

Nr. 121. Daniel von Habel, Landkomtur, 1652 gest. Im Chor. Sandstein, 
grau gestrichen, die Schrift schwarz. Relief Umschrift: Herr Georg Daniel von 
Habel Landcommenthur der Bailei Hessen Commenthur zu Marpurg, teutsches Ordens 
Ritter. Auf den Pocken die Wapjien: Habel, Wildungen, Ni2>l)enburg und Hoitzfeld. 
In der bekrönenden Kartusche gemalt: Natus 1592 25. DecL{m)p(ris). Mortnus 1652 
31. Maii. Aetatis 60. 

Nr. 122. V. Neuhoff, Landkomtur, 1670 gest. Steht im Chor. Sandstein, 

Wappen von Alabaster. Hochrelief Unterschrift: Der hochwürdig hochedcl- 

geborne Herr Herr Philips Leopoldt von Neirhof'f Stadhal.dter der Ballcij Hessen 

Ciniitnenthur zu Marpurg und Grifsted teutschen Ritterordens etc. De morte cogitans 

19 
vivus tne sibi exslruere curavit. Natus die 4 Octobr. 1618 Ohiit die , Novcmbr. A{nn)o 

1670. Actat. suue 52 An. 1 Mens. 5 di. 1 hör. Auf den Säulen die Ahnenwappen: 
Links: Neuhof, Canstein, Quade, Munster, Stecke, Viermund, Winkelhausen und 
Morien. Rechts: Schenckinck, Valcke, Frese, Schele, Hake, Bacr, Lansberch und 
Welvelt. 



io8 

Nr. 123. Graf zur Lippe, 1701 gest. Im Chor. Aus schwarzem und weißem 
Marmor. Reiches, im höchsten Grade unschönes und geschmackloses Werk. 
Ehemals stand auf dem oberen Abschlüsse noch die lebensgroße Gestalt des Todes, 
welche durch einen Blitz heruntergeschlagen ward. 

Vor der R. war das Denkmal mit einem Geländer von geschmiedetem Eisen 
eingefaßt. 

Gedächtnistafeln. 

Dieselben bestehen: 

a) Aus einer in 6 gemeinsame Rahmen gefaßten Serie init Wappen be- 
malter Tafeln, die Wappen deutscher Ritter darstellend, mit dem 
Datum ihres Eintritts in den Orden. 

b) Aus einer Serie desgl. früher in vier, jetzt durchgeschnitten in acht 
Rahmen befindlich, größere Tafeln, darstellend die Wappen der Land- 
komture der Ordensbailei Hessen, später vervollständigt durch zehn 
lose Tafeln. Die beigeschriebenen Jahreszahlen geben größtenteils das 
Jahr der Ernennung zum Komtur und das Todesjahr an, zuweilen 
jedoch fehlt das eine oder andere: auch sind inkonsequenterweise 
die korrespondierenden Zahlen nicht stets an korrespondierende Stellen 
geschrieben. 

c) Aus einer Serie desgl. von den Wappen der Hochmeister des Ordens, 
später fortgeführt in sieben losen Tafeln, ursprunglich in drei, jetzt 
sechs Rahmen gefaßt. 

Diese drei Wappenserien sind angefertigt worden : die Wappen 
der Ritter und die der Hochmeister gegen Ende des 17., die der 
Landkomture in den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts, und zwar als 
Annexe der ehemaligen Orgelbühne und des Stuhlwerks. 

d) Aus einzelnen Tafeln, welche teils gemalt, teils geschnitzt sind 
und je das Wappen eines Deutschritters bezw. Komturs aufweisen, 
gestiftet zum Andenken an den Eintritt des Betreffenden in den 
Orden und mit einer bezüglichen Jahreszahl bezw. Aufschrift ver- 
sehen . 

Die Tafeln zu a, b und c sind vollzählig und gut erhalten. Die 
Tafeln d teils mehr, teils weniger beschädigt. Von der Restauration sind 
diese Gedächtnistafeln nicht berührt worden. 



Godt V. HatzfeÜ 
Joha(n) V. Schwalbach 
Eberth Rode 

Friwal von Pfaffe{n)dorf 
Grop V. Weiter shanseri(n) 
Syttig V. Breide(n)bach 
Philips V. Lüders 
Joha(n) Eiedesel 
Herma(n) v. Wigers 



Gemalte Tafeln. 




1 deutscher Ritter. 




1416 


Co(nrad) v. Wolmershause(n) 


1484 


1465 


Goiswi(n) v. lloitzfelt 


1485 


1466 


Eberth v. Bickens 


1485 


1467 


Co(n)ze Haberkorn 


1486 


1472 


Goert Schlü. v. Linde{n) 


1487 


1478 


Ha(n)s V. Walde» stei(n) 


1488 


1478 


Da{n)iel v. Laitcrbach 


1481 


1480 


Di{d)e V. Färste(n)stein 


1485 


1481 


Se. V. Weitershause{n) 


1493 



109 



Hen(rich) v. Berlepsch 
Sittich V. Buc/u()t)auw 
Melch(ior) Milchli(n)g 
Johan V. Buche 
Joha{n) V. Liederbach 
Wil{helm) v. Brei(le(n)hac/i 
Josi V. Ilu(n)(JclsJiai(se{n) 
Wulffs. ge{Hanl) Miklili{n)g 
Jo(Jian) V. Langensdorf 
Chro. V. Fleckenhühl 
He(n)rich v. IJrff' 
Joha(n) V. Iiehe(n) 
Iiei(n)hart v. Dahvig 
Gf. Löwe V. Stei(n)furth 
Ho. V. Holdi(ii)gshaut;e{ii') 
Vol(pert) V. Sclnvalbac 
Wer^ner) v. Mosche{n)em 
Veitt V. Brencke(n) 
Georg v. Dahvig 
Cr aß Riedesel 
Co{n)radt Schure(ii)sch 
Mat{hias) v. Loche 
liuppert V. Bre(n)chen 
Ädolffs ge{nant) Milchh(n)g 
Hedde v. Roitshausc^n) 
Hein)rich v. wiederste[in] 

Ge lers 

(Dazu das Riedeselsche Wappen) 
Dieterich v. Seelhaeh 
A. Holtzapfel zu Voitzher 
Carll V. der Tluui{)i) 
FhiQips) V. Holdi{ng)shaits 
Philips V. Bicken 
Peter Huen 
Henrich v. Kloppe 
Alhardt v. Hürde 
Gerth v. Meschede 
Jo(han) Quadt v. Eise{n)gart 
Wol(fgang) Schus{har) ge(nant) 

Milchli{n)g 
Wal{ther) v. ]^letlt(ii)herg 
Johan Konian 
Jost V. Meschede 
Georg v. Hürde 
WilQtehn) v. Oie)ihattt.[en] 
Georg v. Haxler 
Adolff' V. MerUno 
Beumel v. Cale(n)berg 



1495 


Johann) Nagel 


1567 


1496 


Philips V. Iiehe(n) 


1572 


1497 


Her{man) Wulf v. Gute{n)be(rg) 


1572 


1497 


Philips V. Wildu(n)ge(n) 


1576 


1500 


Hen(rich) v. Qucr{n)hei{m) 


1576 


1503 


Baltha(sar) v. Zerze{n) 


1578 


1507 


Gerhart Stei{n)hause{n) 


1578 


1507 


Hart{mari) v. liehen 


1579 


1509 


Hei(n)rich v. Oinhausen 


1582 


1509 


Balthasar) v. Waldi(n)stei(n) 


1582 


1512 


Joha(n) V. Pletie(n)berg 


1582 


1514 


Heinrich Stahl 


1582 


1514 


Ottomar v. GaleQi) 


1585 


1514 


Ber(njhart Schwärt 


1585 


1516 


Falck A{dal)b{er)t(?) v. Keerse(n)- 




1516 


hurg 


1590 


1518 


Friderich v. Horde 


1590 


1522 


JoQtan) Wilhel(w) Spiegel 


1595 


1522 


Schornberg v. Spiegel 


1595 


1523 


Georg WilQiclnt) v. Harn 


1001 


1525 


Ha{n)s L'asiimir) v. Walle{n)dorf 


■ 1001 


1525 


Joha{n) V. Liederbach 


1001 


1520 


Philips V. Hti(n)delshau(sen) 


1613 


1536 


Georg Da(niel) v. Habet 


1013 


1530 


Phi(lips) W(il)h(elm) v. Gilze 


1013 


1537 


Hans Ber{n)hart Seh .... 


1015 


1538 


Coneradt Klos 

Auste(n} (?) Ey[tel) Schoe[n)berg 


1617 


1540 


V. Oi{n)hause(n) 


1617 


1540 


Ha(n)s Burck v. Hu{n)delsh{ausen) 


1017 


1542 


Leo Herma{n) v. ()y{n)hau{sen) 


1031 


1542 


Bad. Cv.v.Nor{deck) surRab{en)au 


1040 


1540 


Eber(hart) Zori. {?) Schilte 


1041 


1540 


Ada(;m) Wil(helm) v. Ketteier 


1044 


1548 


(unvollendet) 




1548 


Ha{n)s Georg v. Buseck 


1645 


1548 


Jo(hati) Ad(olf) Raw v. Holtz- 




1548 


haiise{n) 


1045 




Al(hart) Jost v. Westphal 


1645 


1549 


PhiQip) Leopolt i>. Neuhoff 


1645 


1554 


Ge{org) Fy{tel)Ratv v.Holtzhause{n] 


1658 


1557 


Frai^n^tz Moordia{n) v. Grieshei{m) 


1000 


1557 


Mo. V. Nor{deck) zur Rabe{n)aw 


1000 


1558 


Stepha(7i) Fra{n)tz v. Neuhof 


1666 


1558 


Mordio von der Reck 


1680 


1560 


Wil{hel)ii) Wennemar v. Neuhof 


1683 


1567 


Georg Graf zur Lippe 


1684 


1567 


JoQiari) Adolph v. Langwert 


1085 



I lO 



Die drei letzten Tafeln sind eine spätere Ergänzung, wofür der Raum in den 
Rahmen indes vorgesehen war. 

Nr. 125. Serie der Wappen der Marburger Komture. Die historisch 
bekannte Folge ist nicht ohne einige Lücken wiedergegeben, gegen den Schluß 
sind einige überflüssige Tafeln da. 

Conradus v. Büimgen, Land G. 1244. 1252. 

Wernerus v. Battenberg, Land C. 1252. 1257. 

Ludovicus V. Munzenhach, Land C. 1257. 1261. 

H. V. Kronenberg, Land G. 1261. 1265. 

Burchardus r Schivanden, Land C. 1282. 1285. 

Heramannus dictus Eichel, Land C. 12ß5. 1288. 

Johann v. Neßelroth, Land C. 1296. 1299. 

Wernerus v. Liederlach, Land G. I:i99. 1302. 

Heinrich r. Thüring, Land C. 1305. 1308. 

Reimboldus, Land C. 1313. 1319. 

Bertholdus v. Buches, Land G. 1319. 1320. 

Heinrich v. Lewenstein, Land G. 1331. 1332. 

Gonrad Wise r. Frankfurt, Land G. 1332. 1348. 

Eberhard v. Hertenstein, Land C. 1349. 1356. 

Johann v. Heyn, Land G. 1356. 1379. 

Gernand v. Schwalbach, Land G. 1379. 1395. 

Gonrad v. Beldersheim, Land G. 1395. 1413. 

Dieterich v. Weitershausen, Land G. 1413. 1420. 

Peter V. Espelbarh, Land G. 1420. 1428. 

Hermann v. Liederbach, Land G. 1428. 1438. 

Erasmus v. Wolmershausen, Land G. 1438. 1451. 

Merten Sehende r. Schueinsberg. 1451. 1459. 
** Wieprecht Lewe von Stenfurt Stadt[halter] der B(allei) H{essen). 1481 

gesto(rben). 
** Ludivig von Nordeck zur Babenatv 1481, Lant. 
** Wolfgauglc Schutsbar gena{n)t MilcUing 1510, Land G. 1507. 
** Diederich von Glee, Landt G. 1515. 
"^Daniel von Lauerbach 1515. 1529 gestorben). 
** Johan von Rehe 1543, Land. G. 1514. 
-^Älhardf ron Horde 1571, La{n)dt G. 1548. 
'^^ Georg mn Horde 1588, La{n)dt G. 1558. 
*"^ Wilhelm ron Ohnhausen 1593, Landt G. 1558. 
-^'^ Georg Da{niel) r. Ilabel 1613. 

** Friederich von Horde 1617 La(n)dt. 1627 gestor(ben), 1590.^) 
** Johan Fuchs 1627 La{n)d. 1631 gestor{ben). 1615. 
** Gonrad Glos 1631 St(atthalter) 1638 gest. 1617. 

** Adolph Eitel von Nordecken zur Rabenaw 1652 Landt. 1667 den 9. April. 1640. 
** Philip Leopold von Newhoff 1664 Goad(jutor) 1667 SlattQialter) 1645. 
** An. Dan(iel) v. Priort, Land G. in Hess. u. Sachsen, 1678. 

Augustus, Grajf zur Lippe, Kayserl. u. Hochfl. Hessen- Gassellischer Fthl- 
• marechal, 1681. 



1) Diese letiteren Zahlen bedeuten offenbar den Eintritt in den Orden. 



1 1 1 

Damian Hngo Graff ron Schönborn, Cardinal, Bischof zu Sj^eyer und 

Constanz, 1701. 
Ernst Hartman{n) Freyherr Diemar, Kayserlicher General Feldtnarechal, 1744. 
Willielni Maxim v. Stellen, 1747. 
Friederi{ch) IJnico v. Münster, 1749. 
Christian Liuhvig Graff v. Ysenbxrg, hochfürstl(ich) Hessen Cassellischer 

Generallieutenant, 17')1. 
Heinr{ich) Moriz v- Berlepsch, 1758. 
Beat{us) Conr(ad) Reuttn{er) v. Weyl, 1766. 
Beat{us) (Jonrad Rcutner von Weil, Land C. 1777. 
Ernst LudwQy) r. Freudenberg, 1778. 
Carl Ludwig von Doernberg, 1778. 
Ernst von Baumbacli, 1786. 
Frideri{ch) Wilhelm ron Malliz, 1786. 
Alex{nnder) Frid{erich) Willi{ehn) v. Seckendorf, 1792. 
Alex(ander) Friderich Wilh(^elm) von Seckendorf, Land C. 1803. 
Carl Phil(ip) Ernst von Babenau, 1808. 
Die mit '^^ bezeiclineten Tafeln sind offenbar früher als die übrigen fjefertigt 



Nr. 126. Serie der Wappen der Hochmeister: 

/. Heinrich von Walpott, 1190— 1:M6. 

IL Otto V. Kaerpen, 1206—1206. 

IIL Herman{n) von Bart, 1206—1210. 

IV. Hermann von Salza, 1211 — 1238. 

V. Co{n)rad Landgr. in Thüringen, 1238 — 1240. 

VI. Poppo von Osterna, 1253 — 1265. 

VII. Hanno r. Sangerhausen, 1263-1275. 

VIII Hartma{n) Graff v. Heldrunge{n), 1275—1283. 

IX. Burekart von Swenden, 1283 — 1290. 

X. Conrad v. Feuchtwangen, 1290—1297. 

XL Godefrid Gr{af) v. Hohenhhe, 1297-1309. 

XII. Sigfrid v. Feucht ivangen, 1309 - 1311. 

XIIL Carolas Beffart v. Trier, 1312—1324. 

XIV. Werner von Urseln, 1325 — 13-30. 

XV. Ludger{us) hertzog zu Brau{n)schiveig, 1331 — 1335. 

XVL Dieterich Burggraff v. Olde(v)hurg, 1335—1341. 

XVII Ludolph König v. Weitzau, 1342-1346. 

XV LH. Heinrich Dusncr v. Arfberg, 1346—1351. 

XIX. Weinrich von Knippe(n)rod, 1351 — 1382. 

XX. Conrad Zolner v. liote{n).stein, 1382 — 1390. 

XXI Conrad v. Walle{n)rod, 1391 ^ 1394. 

XXII. Conrad v. Jungingen, 1395 — 1407. 

XXIIL Virich V. Jungingen, 1407—1410. 

XXIV. Heinrich Heus v. Plauen, 1410—1413. 

XXV. Michael Küchenmeister, 1413—1421. 

XXVI Paulus Pölnizer v. Busdorff, 1422-1440. 

XXVIL Conrad von FAlerichshanscu, 1441 1449. 

XXVIII. Ludwig v. Eller ichshausen, 1450 — 1467. 



112 



XXIX. 

XXX. 

XXXI. 

XXXII. 

XXXIII 

XXXIV. 

XXXV. 

XXXVI 

XXXVII 

XXXVIII 

XXXIX. 

XL. 

XLI 

XLII 

XLIII 

XLIV. 

XLV. 

XL VI 

XLV IL 

XL VIII 

*IL. 

*L. 

*LI 
^LII 



Heinrich Ileus v. Plauen, 1467 — 1470. 

Virich V. Richtenberg, 1470—1477. 

Martin Truchses v. Wezhausen, 1477— 14S9. 

Hans vo(n) Tie/fen, 14S9-1497. 

Fridrich Hertzog zu Sachsen., 1498 — 1510. 

Albrecht Marggraff zu Bra(ti)de{n)hirg, 1511 — 1525. 

Walther v. Cro{n)lerg, 1525 — 1543. 

Wolffga{n)g Schutzhar ge{nant) Milchling, 1543 — 1566. 

Georg Hund v. We(ii)cl:heim, 1566 — 15S0. 

Heinrich ron Bohenhausen, 1580 — 1587. 

Ertzher(zog) Ma.ciniilia{n) zu Ostreich, 1588—1617. 

Ertzher^zog) Carl zu Ostreich, 1617 — 1627. 

Joha(n) Eustachius v. Weslernach, 1627 — 1631. 

Joha(n) Caspar von Stadion, 1631 — 1641. 

Ertzher(zog') Leopold W^iiyielm zu Ostreich, 1641 — 1662. 

Ertz(herzog) Carl Joseph zu Ostreich, 1662 — 1663. 

Joha(ti) Caspar v. Ampringen, 1664 — 1684. 

Ludwig Anton Pfalzgraf heg Rhein, 1684 — 1694. 

Franz Ludwig Pfalzgr(af) zu Neubur(j[f), Churf(ürst) ron Mainz, 

1694-^1732. 
Clement August Herz(og) in Bagern, ChurQurst) von Cöln, 1732—1761. 
Carl Alexander, Herzog zu Lothringen, 1761—1780. 
Maximilian Franz Königl{icher) Prinz Erzherzog zu Ostreich, 

1780—1801 
Carl Ludwig Königlicher) Prinz Erzherzog zu Ostreich, 1801 — 1804. 
Anton Viktor Königlicher') Prin(z) Erzherzog zu Ostreich, 1804. 



Die mit * bezeichneten Tafeln sind später angefertigt als die iibrigen. 

Nr. 127. Tafel zum Gedächtnis der Einkleidung des Philipps Grafen zu 
Solms. Holz, auf Kreidegrund gemalt und vergoldet. Wappen. 1448. Sehr be- 
schädigt. Aufschrift: [.4««o] m . cccc . xlviij . %iff . Mo(ii)dag . vor . s .Jacob . wart . 
her . philips . g{ra)ve . zu . solms . gecleyt. 

Nr. 128. Desgl. .Johann von Dernbach (etwa 1490), bei der R. übermalt. 

Nr. 129. Desgl. Volpert Swalbach de gissen 1516, Holz, gemalt. 

Nr. 130. Desgl. Elger von talhig 1514. 

Nr. 131. Desgl. krafft riettesel 1523. 

Nr. 132. Desgl. TIETERICH VON SELBACE 1540. 

Nr. 133. Desgl. PETERUS HUON 1546. 

Nr. 134. Desgl. [Philips von BicJcen] 1546, beschädigt. 

Nr. 135. Desgl. HAXS HEINRICH VON ELGERSCHHAUSEN 1548, 

Nr. 136. Desgl. ALHARD VON HORDE 1548, desgl. 

Nr. 137. Desgl. WALTHER V. PLETTENBERG 1554, desgl. 

Nr. 138. Desgl. WILHELM VON OIENHA ÜSEN ANNO 1558. 

Nr. 139. Desgl. GORG VON HORDE 1558. 



desj 



113 

Nr. 140. Desgl. HERR JÖRG VON HANXLER 1559. 
Nr. 141. Desgl. PHILIPS VON RHIEN (etwa. 1570). 

Nr. 142. Desgl. RÖDGER VON HORDE TEUTSCHS ORDENS 

ANNO 1585. 

Nr. 143. Desgl. OTHMAR VON GAHLEN TEUTSCHS ORDENS 
ANNO 1.->S5. 

Nr. 144. Desgl. PHILIPS WILHELM VON QILSEN T. 0. ANNO 1613. 

Nr. 145. Desgl. Philips von Himdelshaussen 1613. 

Nr. 146. Desgl. Gorg Daniell von Hobel 1613. 

Nr. 147. Desgl. Johann Fuchs Commenthur zu Brieffstadt (1615). 

Nr. 148. Desgl. H. B. S. V. H. Z. T. 0. (Hans Burgk S. von Hundels- 
hausen zum teutschen Orden), 1617. 

Nr. 149. Desgl. (A. W. v. Ketteier 1644), unvollendet. 

Nr. 150. Desgl. Alhart .Tost von Westphall Teutsch Ordens Ritter. 
Nat{us) 1617. 1645. 

Nr. 151. Desgl. WILHELM FRIEDRICH VON WARTENSLEBEN, 
FÜRSTL. HESSISCHER MAIOR ZU FUSS, IN DEN T. R. ORDEN 
AUFGENOMMEN DEN 31. TAG MAII AN(N)0 1695. Holz, mit Wachstuch 
überzogen, worauf gemalt, beschädigt. 

Geschnitzte Tafeln. 

Nr. 152. Geschnitzte und bemalte VVappentafeln, zum Gedächtnis an die 
Einkleidung von S. F. von Neuhoff 1666. Inschrift: STEPHAN FRANZ 
VON NEW HOFF WARD TEUTSCHEN ORDENS D. 6. DEC. ANNO 1666. 

Nr. 153. Desgl. W. W. von Neuhoff 1683. 

Nr. 154. Desgl. A. Graf zur Lippe 1683. 

Nr. 155. Desgl. G. Graf zur Lippe 1684. Inschrift: GEORG GRAF UND 
EDLER HERR ZUR LIPPE 1684. 

Nr. 156. Desgl. A. J. von Siennern 1684. 

Nr. 157. Desgl. H. H. von Boineburg 1687. Inschrift: HANS' HENRICH 
V. BOINEBURG GEN AND HOHNSTEIN, IN DEN T. R. ORDEN 
25. FEBR. 1687. 

Nr. 158. Desgl. A. W. Graf zur Lippe 1726. Inschrift: AÜGUSTUS 
WOLF H ARD GRÄFE UND EDLER HERR ZUR LIPPE 1726. 

Nr. 159. Desgl. C. F. von Brandt auf Bussau 1730. Inschrift: ANNO 1730 
den 17. APRILL ist der liocJnvohlyehohrne Christian Friderich Freyherr [vo]n Brandt, 
auf bussav in den Ritterliche{n) Teutschen Orden an undt auffgenommen uorden. 

Nr. 160. Desgl. H. M. von Brühl 1730. 

Nr. 161. Desgl. A. W. von Diemar 1735. Inschrift: Den 4. Februarii 1735 
ist der Reichsfrey hocwohlgehohrne Herr, Herr Alexander Ludwig Freyherr 
von Diemar in den hohen Teutschen Ritter Orden eingekleidet toorden zu Mergentheim. 

Nr. 162. Desgl. E. H. von Diemar 1736. 

Schäfer. Gesaiumt'Ue Aufsätzo. ^ 



"4 

Nr. 163. Desgl. C. L. Grai zu Isenburg 1754. 

Nr. 164. Desgl. G. G. W. von Hardenberg 1755. 

Nr. 165. Desgl. (Baumbach). Fehlt die Schrifttafel. 

Bemerkung: Die vorgenannten Gedächtnistafeln befanden sich zerstreut an 
verschiedenen Orten in und nahe der Kirche und sind gegenwärtig geordnet und 
in den unteren Turmhallen aufgehoben worden. 



Schilde. 

Die außerordentlich wertvolle Sammlung von Schilden, welche die St. Elisabeth- 
kirche besitzt, besteht: 

a) Aus Originalwaffenschilden, welche von ihren Trägern noch bei Lebens- 
zeit in der Kirche aufgehängt, nach dem Tode ein Erinnerungszeichen 
an dieselben abgeben sollten und, wenn die ehemaligen Besitzer in der 
Kirche begraben wurden, als integrierender Bestandteil des Grabmals 
über demselben, an der Wand aufgehängt, Platz nahmen. Diese Schilde 
bestehen sämtlich aus Holz und sind mit Leder bezw. Pergament oder 
mit Leinen überzogen und tragen darauf das Wappen entweder in 
bemaltem Stuck oder in bloßer Malerei. Infolge langer Vernach- 
lässigung sind sie mehr oder weniger beschädigt, manche ganz ruiniert. 

b) Aus Schildtafeln, in der Form eines Schildes aus Holz geschnitten und 
teils mit dem vollen Wappen, teils nur schildartig bemalt. Diese Tafeln 
fangen seit dem 15. Jahrhundert an, die wirklichen Schilde zu ver- 
drängen; ein einzelnes Beispiel, welches aber den Schild noch genau 
nachahmt, schon im 14. Jahrhundert. 

Schilde und Tafeln u und h lagen zerstreut an verschiedenen Orten und 
sind jetzt geordnet und in das Archiv gebracht worden. Leider sind bei der R. 
einige Schilde in verwerflicher Weise restauriert worden, indem man die 
Leder- usw. Ueberzüge entfernt und das Stuckrelief durch bloße schattierte 
Malerei hat wiedergeben wollen. Verschiedene Schilde und Schildtafeln sind 
unter Verlust der Originale jetzt nur in bei der R. gefertigten Kopien vorhanden, 
welche Kopien in der folgenden Zusammenstellung mitaufgeführt werden sollen. 

Originalwaffenschilde. 

Nr. 166. Schild [des Landgrafen und Hochmeisters Conrad] [etwa 1230]; 
beiderseits Leder, außen in Leder plastisch aufgelegt der hessen- thüringische 
Löwe, darunter gemalt das Ordensschild. Innen kleine Szenen aus einem Ritter- 
gedicht, fein auf Goldgrund gemalt, umfaßt von Rankengewinden. Hiervon nur 
noch geringe Spuren. Sonst leidlich erhalten. 

Nr. 167. Schild [des Landgrafen Heinrich junior, etwa 1290]; beiderseits 
Leder; dasselbe außen vergoldet und darauf in Leinen und Kreidegrund plastisch, 
stark modelliert und ajouriert der Löwe in einem Rankengeflecht mit Fabeltieren. 
Erhaltung ziemlich gut. 

Nr. 168. Schild [Stromberg] [etwa 1290]. Beiderseits Leder, außen Stuck- 
relief: drei Vögel auf gemustertem Silbergrund, unterhalb ein prächtiges Ranken- 
werk. Gut erhalten. 



'15 

Nr. 169. Schild 1?] [etwa 1290J. Beiderseits Leder, das Wappen in Stuck 
modelliert. Sehr beschädigt. 

Nr. 170. Schild [?] [etwa 1290]. Leder, das Wappen: zwei Leoparden, 
Silber auf schwarzem Grunde, nur gemalt. Leidlich erhalten. 

Nr. 171. Schild [?] [etwa 1300]. Beiderseits Pergament, das Wappen: ein 
silberner Adler auf rotem Grund, flach in Stuck modelliert. 

Nr. 172. Schild [des Kommenturs W. von Liederbach] [etwa 1300]. Beider- 
seits Pcrtjament, das Wappen, ein geteilter Adler in Rot und Silber, nur gemalt. 
Ziemlich erhalten. 

Nr. 173. Schill! [?] [etwa 1300]. Ebenso, das Wappen der Nordecks (oder 
das Dernbachscher). Stark beschädigt. 

Nr. 174. Schild [?j [etwa 1300]. Früher Leder mit modelliertem Wappen: 
ein goldenes Kreuz auf rotem Grund. Bei der R. das Leder abgerissen. 

Nr. 175. Schild [?] [etwa 1300]. Beiderseits Leder. Außen in schwachem 
Stuck modelliert: Drei Räder auf einem herrlich in Rauten mit gepreßten Köpfchen 
und Blattbüscheln gemusterten Grunde. Beschädigt. 

Nr. 176. Schild [?] [14. Jahrhundert]. Unfertige, nur grundierte Kopie. 
Das Original verloren. 

Nr. 177. Schild [Breidenbach, gen. Breidenstein] [etwa 1350J. Beiderseits 
Leder, das Wappen modelliert, ein Ankerschlüssel (?) in Schwarz auf Gold. Gut 
erhalten. 

Nr. 178. Schild [?] [etwa 1350]. Leinen. Das Wappen nur gemalt; ein 
weifler Löwe mit darauf gelegten goldenen Sparren, auf rotem Grunde. Sehr 
beschädigt. 

Nr. 179. Schild [r] [etwa 1400]. Pergament. Das Wappen: ein damas- 
zierter doppelter Sparren (r), Silber auf rotem Grunde, bloß gemalt. Sehr be- 
schädigt. 

Nr. 180. Schild [ ? ] [etwa 1400]. Dem vorigen ganz gleich, nur statt des 
Pergamentes Leinen. 



Nr. 181. Schild [ 

Nr. 182. Schild [ 

Nr. 183. Schild [ 

Nr. 184. Schild [ 



] [etwa 1400]. Pergament. Zerstört und unkenntlich. 

] [etwa 1400]. Pergament. Desgl. 

] [etwa 1400]. Leinen. Ebenso. 

] [etwa 1400]. Unvollendete Kopie. Das Original ver- 



loren. 

Nr. 185. Schild [ ? ] [etwa 1400]. Leinen. Drei weiße damaszierte Herzen 
auf blauem Grunde. Bloß gemalt. 

Nr. 186 und 187. Schlechte Kopien in Holz. Etwa 1400. Originale ver- 
loren. 

Nr. 188. Schild [des Landkommenturs Schenck zu Schweinsberg] [etwa 
1450]. Leinen, sehr zerstört. 

Nr. 189. Schild [eines Ritters Schenck zu Schweinsberg] [etwa 1450]. Ebenso. 

Nr. 190. Schild [eines desgl.] [etwa 1450 1. Schlechte Kopie in bloßem Holze, 
das Ori""inal verloren. 



ii6 

Nr. 191 und 192. Schlechte Kopien in bloßem Holze [etwa 1450], eines mit 
dem Kettlerschen Wappen. Originale verloren. 

Nr. 193. Schild [des Statthalters Lewe von Steinfurth] [etwa 1480]. Leinen, 
bloß gemalt, fast vollständig zerstört. 

Nr. 194. Turnierschild eines hessischen Fürsten. Außen Leinen mit feinster 
Malerei, innen starkes Leder. Prachtvoll. [15. Jahrhundert.] 

Schildtafeln. 

Wo nicht das Gegenteil bemerkt, sind diese Tafeln glatt von Holz und 
bloß gemalt. 

Nr. 195. [Wise von Frankfurt] [etwa 1350], noch schildartig gewölbt. 

Nr. 196. [Hessen] [etwa 1400]. Der silberne Löwe auf blauem Grunde, sehr 
hohes Relief. Hängt in der Kirche, Kreuzarm. 

Nr. 197. [Hessen] [etwa 1450]. Relief, daselbst. Restauriert. 

Nr. 198 und 199. Unvollendete Kopien, etwa 1450. 

Nr. 200. [Schwalbach] [etwa 1460]. 

Nr. 201. Anno d{onü)ni m cccc hrv her Ewart rode. Das Wappen aus 
Holz, plastisch. 

Nr. 202. [Lüders] [etwa 1470]. 

Nr. 203. Johan(n) buch (?) 1470. 

Nr. 204. A(nn)o d(omi)ni m cccc Ixxviij ohiit der ho geborn forste lodetvyg 

la{n)tgrnue czu hessen. — In der Kirche. Restauriert. 

Nr. 205. [Hessen] [etwa 1480], Relief. In der Kirche. Restauriert. 

Nr. 206. [Ritesel] [etwa 1480]. 

Nr. 207. [Lauerbach] [etwa 1480]. 

Nr. 208. Wieg and hoUsla .... [etwa 1480]. 

Nr. 209. Idel dyden 1485. 

Nr. 210. In jaren naclt crist unsers kern gehurt funfftzehenhundert den 
montag iiacti. sunt veltins tag ist gestorben der Irleuchte hocligeborn fürst und her 
Wilhelm lantgrave zu hessen grave zu katsenelnbogen zu dietz zu ziegenhain und zu 
nidde. des sele got genade f. In der Kirche. Prächtiges Relief in einem Kreise. 
Gut restauriert. 

Nr. 211. hans Ujderbach 1500. 

Nr. 212. [Holtzhausenl [etwa 1500!. 

Nr. 213. Sehr schönes Relief in einem Dreipasse. In der Kirche. Gut 
restauriert. Auf dem Dreipasse: TT. 150ä. Auf einer untergehängten Tafel: 
Im Jar vx<^ und And(er) uff niittwocheyi nach S. Kiliati ist mit tod abgescheiden der 
durchluchtig hochgebornn fürst und herre herr Wilhelm der mittler landgrave zu 
hessen Grave zu Katzenelnhog zu dietz zu ziegenhain un[d) zu nidda. d. g. g. 

Nr. 214. JOHAN VOX LANGESDORF 1502. 

Nr. 215 1503. 



117 

Nr. 216. Jost von Ilondelshusen Anno (l{omi)ni xif vh. 

Nr. 217 1507. 

Nr. 218. WoltJ'ganck schutzbar gen. mylehlynck 1507. Kopie, das Original 
verloren. 

Nr. 219. Jörg .... von .... 1513. 

Nr. 220. Swalbach de gissen 1516. Kopie, das Original verloren. 

Nr. 221. Johann von Rijn 1518. Ebenso. 

Nr. 222 etwa 1520 Ebenso. 

Nr. 223 etwa 1520. Unvollendete Kopie, ohne Original. 

Nr. 224. Jorge von dalwyg A{nn)o 1520. 

Nr. 225 1521. 

Nr. 226. Francisc{us) von hoüzfelt herr zum wyllenbergic 1523. 
Nr. 227. Mathias von Seibach genanth A(nn)o 1525. 

Nr. 228. Bern Schwarts Deutscher - Ordens - Ritter 1584. Kopie, das 
Original fehlt. 

Nr. 229 Unvollendete Kopie, bloß grundiert. Original fehlt. 

Nr. 230 desgl. 

Nr. 231. Johann Fuchs Comthur zu Brieffstadt [etwa 1638]. 
Nr. 232. [Nordeck] [etwa 1640]. 

Diverse. 

Nr. 233. Turnierlanze, früher im Chor aufgehängt, mit rotem Schaft, in der 
Spitze das Ordenskreuz. Rest einer weißen seidenen Fahne. 

Nr. 234 bis 237. 4 desgl., schwarz, in den Spitzen Sterne und ein Paß. 

Nr. 238 bis 243. 6 desgl. Die Spitzen fehlen. Diese Lanzen mögen aus 
dem 14. und 15. Jahrhundert stammen. Sie befinden sich gegenwärtig im Archiv. 

Nr. 244. Eiserner Helm des 17. Jahrhunderts. In der Sakristei. 

Nr. 245. Ein Paar Eisenhandschuhe, desgl., daselbst. 

V. Trümmer von Kunstwerken und Ueberreste. 

(Meist im Archiv aufbewahrt.J 

Stein. 

Nr. 246. Aschenurne, vorchristlich; in einem der benachbarten Grabfelder 
gefunden. Aus einem natürlichen Stein bestehend (?). Viele Bruchstücke, jetzt 
mit Gips zusammengekittet. 

Nr. 247. 3 Schlußsteine eines frühgotischen Gewölbes, wahrscheinlich aus 
der ehemaligen Firmaneikapelle des deutschen Hauses. Zwei mit 4, der Apsiden- 
schlußstein mit 6 Rippen. Sehr schön. 

Nr. 248. 19 Bruchstücke vom Hochaltar und Lettner, mit alter Bemalung. 



Ii8 

Nr. 249. 5 Stücke von Wimpergen des Lettners, bemalt. 

Nr. 250. 4 desgl. von den Galerien des Lettners, desgl. 

Nr. 251. 7 desgl. von Pfeilern des Lettners, desgl. 

Nr. 252. lo desgl. von Fialen des Lettners, desgl. 

Nr. 253. 6 Bruchstücke von einem verlorenen steinernen Monument des 
14. Jahrhunderts. 

Nr. 254. Taufstein aus der Stiftskirche zu Hersfeld. Ruine. 12 Blenden 
rings mit den Aposteln, auf Kragsteinen mit Köpfen stehend; die Fialen dazwischen 
durch Figuren getragen, in den Bogenzwickeln kleine Figürchen und Tiere. Bemalt. 
Etwa 1370. 

Nr. 255. Kleine Bruchstücke vom Hochgrab Wilhelms II. Alabaster. 

Nr. 256. Marmorner Totenschädel vom Cenotaphium des Grafen zur Lippe. 
Im Dachboden. 

Nr. 257. Männliche Figur ohne Kopf von Sandstein. Schön. Stil des 
13. Jahrhunderts. Im Dachboden. 

Nr. 258. Bruchstück einer Mönchsfigur. 

Nr. 259. Bruchstück einer sitzenden Figur, 16. Jahrhundert. 

Holz. 

Nr. 260. Türflügel aus Eichenholz mit zwei Bändern aus Schmiedearbeit. 

13. Jahrhundert. Zu der aus dem Chor in die sogenannte neue Sakristei fuhrenden 
Tür gehörig. Jetzt im nördlichen Kreuzflügel stehend. 

Nr. 261. Türflügel, ebenso. In Füllungen. 2 Bänder, i Schloß, i Grifi". 

14. Jahrhundert. Unbekannt, wohin gehörig. Daselbst. 

Nr. 262. Ganz gleich Nr. 260, nur das Schloß fehlt. Desgl. 

Nr. 263. Hängender Knauf von einem verlorenen Werk, dreiseitig mit einem 
Adler, einem Löwen, einem Phönix und Laubköpfen. Bei der R. bei dem Neubau 
der Orgel verwendet. Ende des 13. Jahrhunderts. 

Nr. 264. Ein erhaltenes altes Säulchen von der Brüstung der Chorstuhle 
(s. o. Nr. 66), 13. Jahrhundert. 

Nr. 265. 9 Bruchstücke von Laub des Lettnerbogens. 

Nr. 266. 15 desgl. von Wimpergen und Kreuzblumen der ehemaligen spät- 
gotischen Orgel. 

Nr. 267 bis 270. 4 Wappen, geschnitzt, von derselben Orgel, darunter das 
Ordenswappen und das des Komturs Clee, 15 15. 

Nr. 271. Lehnsessel mit gedrehten Stollen und Ueberzug von gepreßtem 
vergoldeten Leder, 17. Jahrhundert. Sehr ruiniert. 

Nr. 272. Sanduhr von der älteren Kanzel. 17. Jahrhundert. 

Nr. 273 bis 278. 6 große, schlecht geschnitzte und roh bemalte Wappen 
von einem Monument des 17. Jahrhunderts, vielleicht dem Gestühle des Lettners; 
darunter zweimal Nordeck, Neuhoff" und zwei österreichische Erzherzöge 1662. 

Nr. 279. Wappen. Reutner von Weyl 1777, von der zopfigen Orgel. 



iJ9 

Nr. 280. 2 geringe Bruchstücke der 2 Figuren einer Verkündigung Maria, 
15. Jahrhundert. 

Nr. 281. Elisabethfigur, mit dem Kirchenmodell. Bemalt. In einem 
Kapellclien stehend, l^ruchstück eines Altars. Sehr schön. 15. Jahrhundert. 

Nr. 282. Kest einer männlichen unbemalten Figur (Apostel?). 15. Jahr- 
hundert. 

Nr. 283. Marienstatue mit dem Kinde, nebst drei Bruchstücken vom Kopfe, 
schön, nus der Kirche zu Wehrshausen. Von Ludwig Juppe, 1523. 

Nr. 284. Hautrelief: Geburt Christi. Etwa 1525. 

Nr. 285. Desgl. Stück einer Passionsszene. Etwa 1525. 

Nr. 286. Sitzende Mutter Gottes, das Kind fehlt. Desgl. 

Nr. 287. Mutter Gottes mit Kind, zopfig. 

Nr. 288. Kleine Heilige, desgl. 

Nr. 289. Engelskopf mit Flügeln. 17. Jahrhundert. 

Glas. 

Nr. 290. 4 Tafeln eines Fensters, ehemals in der Kirche. 14. Jahrhundert. 
Die Verkündigung Maria. 

Nr. 291. 4 Tafeln desgl.: St. Maria und St. Katharina, 14. Jahrhundert. 

Np. 292. 6 Tafeln desgl.: 3 kluge und 3 törichte Jungfrauen. 13. Jahrhundert. 

Nr. 293 bis 298. Geringe Reste von 6 Fenstern figürlichen und orna- 
mentalen Inhalts des 13. und 14. Jahrhunderts. 

Nr. 299. 4 Kisten mit vereinzelten Gläsern aus alten Fenstern der Kirche. 
Im deutschen Hause. 

Diverse. 

Nr. 300. Ein Stück des orientalischen Seidenstoffes aus dem Inneren des 
Elisabethenschreines. Sehr beschädigt. Befindet sich in Händen des Kirchen- 
dieners. 

Nr. 301. Ein Stück des neueren Seidenstoffes aus dem Inneren des Schreines. 
Daselbst. 

Nr. 302. Einige Stückchen von den kostbaren Seidenstoffen, mit denen das 
Innere der Schränke der Sakristei ehemals ausgeklebt war. 

Nr. 303. F-in kleiner eiserner Schlüssel mit durchbrochenem Ring, 16. Jahr- 
hundert. Archiv. 

Nr. 304. Stationsbild in Relief aus Terrakotta: Das Tuch der hl. V^eronica. 
Anfang des 16. Jahrhunderts. War mit 13 anderen Bildern ehemals außen an 
den Strebepfeilern auf noch sichtbaren Haken befestigt. Im Archiv. 

Nr. 305. Desgl. eine andere Szene: Simon von Cyrene nimmt das Kreuz. 
Ebenso. 

NB. E.xemplare dieses selben Kreuzwegs finden sich an der Klosterkirche 
zu Treysa. 



I20 

Nr. 306. Der kupferne Hahn, welcher den abgebrochenen Dachreiter des 
17. Jahrhunderts bekrönte. 

Nr. 307. Zwei Stücke vergoldetes Kupferblech von dem Walmkreuz auf dem 
Chore. 16. Jahrhundert. 

Nr. 308. Ein Sporn zum Anschlingen. Aus einem Grabe. 17. Jahrhundert. 

Nr. 309 u. 310. Zwei Degen aus Gräbern. 17. Jahrhundert. 

Nr. 311. Ein Buch mit gepreßtem Lederband, im Archiv an einer Kette 
liegend, welches zum Eintrag der aus dem Archiv entnommenen Literalien be- 
stimmt war. Anno 1709. 



VI, Formen und Kopien. 

Gipsformen. 

Von den zahlreichen Formen von Figuren und Ornamenten, welche während 
der R. der Kirche angefertigt worden und welche einen Wert von mehreren 
Tausend Talern repräsentierten, ist, indem die Sammlung zerstreut wurde und aus 
Mangel an Raum nicht geordnet werden konnte, vieles abhanden gekommen und 
vieles der Zerstörung anheimgefallen. Ich erwähne beispielsweise, daß von den 
Formen von acht Kapitellen aus der hiesigen Schloßkapelle und von etwa zehn 
dergleichen aus der Kirche, welche ihrerzeit vorhanden waren, sich nur eine 
einzige vorfindet. Gelitten haben die geretteten Formen hauptsächlich durch die 
Auftürmung in engen Winkeln, wo sie sich zerdrückt haben und teilweise aus- 
einandergefallen sind. Für den Augenblick habe ich sie im Dachboden der 
Kirche untergebracht, was aber nur ein Provisorium sein darf 

Es finden sich noch brauchbar vor die Formen: 



Aus dem Lettner zu: 



Nr. 


312. 


Jacobus. 


j; 


313. 


Philippus. 




314. 


Der Pietas. 




315. 


Maria Magdalena 




316. 


Johannes evang. 




317. 


Paulus. 




318. 


Petrus. 




319. 


Christus. 




320 a 


u. b. Zwei Wäct 




321. 


Andreas. 




322. 


Simon. 




323. 


Barbara. 




324. 


Helena. 




325. 


Cäcilia. 




326. 


Agnes 




327. 


Elisabeth. 




328. 


Kunigunde. 




329. 


Margaretha. 




330. 


Stephanus. 




331. 


Hieronymus. 



Nr. 332. Sebastian. 

„ 333. Thomas. 

;, 334. Bonifacius. 

„ 335. Carolus. 

,, 336. Augustinus. 

„ 337. Judas. 

„ 338 bis 355. 18 Engeln. 

,. 356 und 357. Zwei desgl. am Pult. 

,. 358. Einem Adler (am Pult). 

„ 359. Dem Christus am Kreuz. 

„ 360 bis 363. Vier Symbolen da- 
selbst. 

Aus einem Nebenaltar: 
Nr. 364. Katharina. 
„ 365. Maria Magdalena. 

Aus dem Hochaltar: 

Nr. 366. St. Maria. 
„ 367. Maria Magdalena. 
„ 368. Katharina. 



121 



Nr. 369. Petrus. 
;, 370. Johannes baptista, 
,. 371. Franciscus. 

Aus dem Sedile; 
Nr. 372. St. Elisabeth. 

Außerdem: 
Nr. 373 bis 381. Acht Formen zu 
Figuren, welche mir zu 



bestimmen 
lungen ist. 



nicht ge- 



Nr. 382 bis 464. 83 jetzt lose Stücke 
einzelner Körperteile und 
Attribute zu Figuren. 

„ 485. Ein Dienstkapitell aus der 
Kirche. 

,, 466 bis 470. Fünf der reichen 
Friese vom Mausoleum. 

„ 471 bis 510. 40 Formen von 
Laubwerk aus der Kirche, 
vom Hochaltar, vom Mau- 
soleum, vom Lettner und 
zur neuen Orgel. 



Abgüsse in Gips 

Aus dem Lettner: 

Nr. 511. Jacobus, 2 mal. 

„ 512. Philippus, 2 mal. 

,,. 513. Pietas. 

„ 514. Joh. evang., 3 mal. 

„ 515. Paulus. 

„ 516. Petrus, 3 mal. 

„ 517. Matthäus. 

,, 518. Johannes evang. 

,, 519. Christus. 

„ 520. Ein Wächter. 

„ 521. Andreas. 

,, 522. Simon. 

., 523. Helena. 

„ 524. Cäcilia. 

,. 525. Agnes. 

,, 526. Elisabeth. 

,, 527. Kunigunde, 

,, 528. Margaretha. 

,, 529. Stephanus, 2 mal. 

,, 530. Hieronymus. 

,, 531. Sebastian, 2 mal. 

., 532. Thomas. 

„ 533. Augustinus. 

,, 534. Matthias, 2 mal. 

., 535. Judas, 2 mal. 

„ 536 bis 549. 14 Engel. 

,. 550. Maria unter dem Kreuze. 

„ 551. Johannes desgl. 

,, 552 bis 555. 4 Evangelisten-Sym- 
bole. 



und Zement. 

Vom Nebenaltar: 
Nr. 556. Katharina, 2 mal. 

Vom Hochaltar: 
Nr. 557. Elisabeth, 3 mal. 

558. Maria. 
„ 559. Petrus. 
,, 560. Johannes baptista. 
„ 561. Franciscus, 2 mal. 

Vom Pfeiler im Schiffe: 
Nr. 562. Maria. 

Vom Hochgrab Ottos: 
Nr. 563. Eine Heilige. 

Von der Orgel: 
Nr. 564 bis 569. 6 Köpfe. 

Ferner: 

Nr. 570,571. Zwei Dienstkapitelle aus 
der Kirche. 

„ 572. Hohlkehle mit Ornament,- 
vom Westportal, 2 mal. 

„ 573. Kehle vom Mausoleum. 

„ 574 bis 659. 87 einzelne Blätter, 
Krabben und Knollen aus 
verschiedenen Teilen der 
Kirche, in 1 10 Exem- 
plaren. 



122 



Diverse. 

Nr. 660. Kopien auf Papier der Gewölbemalerei im Chore, auf dem 
Archiv. 

Ferner: 

Kopien auf Holz von Schilden und Schildtafeln, im Archiv befindlich. Hiervon 
habe ich jedoch verschiedene Stiicke für verlorene Originale eingereiht und schon 
oben aufgezählt. Es bleiben als Dubletten: 

Nr. 661. Schild, Kopie von Nr. i66. 



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662. 


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170. 


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663. 


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77 


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171. 


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664. 


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77 


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172 Liederbach. 


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665. 


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669. 


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670. 


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185. 


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671. 


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JJ 


jj 


188 Schenck. 


jj 


672. 


j; 




37 


7) 


77 


193 Steinfurth. 


77 


673. 


Schildtafel, 


Kopie 


von 


Nr. 195 Wiese von Frankfurt. 


7) 


674. 












)j 


„ 203 Johann Buch. 


77 


675. 












n 


„ 207 Lauerbach. 


77 


676. 












jj 


„ 209 Dyden. 


J) 


677. 












Jj 


„ 211 Lyderbach. 


7; 


678. 
679. 














,, 214 Langsdorf. 
» 215. 


jj 


680. 












1} 


„ 216 Hundeishausen. 


j; 


681. 












jj 


„ 224 Dalwyg. 


77 


682. 












)j 


„ 226 Hoitzfeld. 


7) 


683. 
684. 














„ 227 Seibach. 
„ 232 Nordeck. 



123 



Anlage. 



Verzeichnis der Schmuckstücke und Kleinodien am Schrein der Hl. Elisabeth. 



Bemerkung-. Die Kassade mit dem Bilde der Mutter Gottes wird als Westseite betrachtet; 
gezählt werden die Kleinode von links nach rechts, also auf der Westseite von Norden, auf der Süd- 
seite von Westen usw. Es bedeutet: 



S = Stein, 
P = Perle, 



Pm =^ Perlmutterstück, 
E = Emailplatte, 



Eg = Emailplatte mit geometrischem Muster, 
F = Filigran. 



Die fehlenden Stücke sind in Klammern gezählt. 





S 


Pm 


P 


Knäufe. 








Am I. des langen Firstes: 6 Eg. 








Am 2. desgl.: 6 Eg. 








Am 3. desgl.: 4 E mit den 4 Paradiesesflüssen. 








Am 4. desgl.: 6 Eg. 

Am 5. desgl.: 6 E mit Fabeltieren. 








Am I. des kurzen Firstes: 6 Eg. 








Am 3. desgl.: 6 Eg. 








Westseite. 








Giebelbord; F mit 2 (1) S und (7 P) — Eg 
— (F mit 5 S und 4P) — Eg ^ F mit 
I großen Kristall und i (3) P — Eg — F mit 
4 (i) S und (4 P) — Eg - F mit i (2) S 
und (7 P). 


2 (I) 

(5) 
I 

5 (3) 




(7) 
(4) 
I (3) 
(4) 
(7) 


Bogen, äußere Schicht; 10(1 i)Sund 7 (14) P, 
unter den verschwundenen i sehr große Perle 


10 (II) 


7 (14) 


und 4 große Steine. 






Bogen, innere Schicht: 3 Eg. 






Mutter Gottes: 






Krone: F mit 3 (8) S und 5 (2) P.. 

Saum des rechten Aermels: F mit 5 S und 


3 («) 
5 




5 (2) 


(4 P). 
Saum des rechten Aermels des Kindes: F mit 






(4) 


2 (I) S. 
Stuhl: F mit 15 (4) S und 3 (3) P, unter den 
erhaltenen Steinen noch 2 Gemmen. 


2 (I) 
15 (4) 


3 (3) 


Zu übertragen 


43 (33) 




16 (48) 



124 





S 


Pm 


P 


Südseite. ^^'^^'■'''^S 


43 


(33) 




16 (48) 


Dach. 










I. Bogen: Eg — F mit i Pm und 4 S — Eg — 


4 




I 




F mit I Pm und 4 S — Eg. 


4 




I 




2. Bogen: F mit i Pm und 3 S — Eg — F mit 


3 




I 




I Pm und 4 S — Eg — F mit i Pm, i P 


4 




2 


I 


und 3 S. 


3 








3. Bogen: F mit i Pm und 4 S — Eg — F mit 


4 




I 




I Pm und 3 (i) S — Eg — F mit i Pm 


3 


(0 


2 




und 3 S. 


3 








4. Bogen: Eg — F mit i Pm und 4 S — Eg — 


4 




I 




F mit I Pm und 4 S — Eg. 


4 




I 




Sohlbank der Bogenstellung: F mit i Pm 






I 




und 4 S — Eg — F mit i Pm und 4 S — 


8 




I 




Eg — F mit I Pm und 4 S — Eg — F" mit 


4 




I 




4 (i) S — F mit I Pm und 3 (i) S — Eg — 


7 


(2) 


I 




F mit I Pm und 4 S — Eg — F mit 5 S — 


9 




I 




Eg — F mit I P und 3 (i) S. 


3 


(0 




I 


Umrahmung der Bogenstellung, west- 










liche Hälfte, von oben an: F mit 5 S — 


5 








Eg — F mit 5 S — Eg — F mit 4 (i) S - 


9 


(0 






Eg — F mit I P und 4 S — Eg — F mit 


4 






I 


5 S — Eg — F mit 2 Pm und 3 S — Eg — 


8 




2 




F mit 4 (i) S — Eg — F mit 3 (i) S — 


7 


(2) 






Eg — F mit I Pm und 4 S — Eg — F mit 


4 




I 




I Pm und 4 S. 


4 




I 




Umrahmung, östliche Hälfte, ebenso: Eg — 










F mit 4 (i) S — Eg — F mit 4 (i) S — 


8 


(2) 






Eg — F mit 4 (i) S — Eg — F mit i Pm 


4 


(0 


I 




und 4 S — F mit (i Pm) und 4 S — Eg — 


8 




(0 




F mit I Pm und 3 (i) S — Eg — F mit 


3 


(0 


I 


' 


4 S — Eg — F mit I Pm und 2 (i) S — 


6 


(0 


I 




Eg — F mit 5 S — Eg — F mit 5 S. 


10 








Fassade. 










I. Giebelbord: S S (S) S (S) S S S S auf F. 


7 


(2) 






2. Giebelbord: (S) S S S (S) S S (S) S auf F. 


6 


(3) 






3. Giebelbord: S S (S) Pm (S) Pm S S S auf F. 


5 


(2) 


2 




4. Giebelbord (Mittelgiebel): F mit i (2) S 


I 


(2) 






und (7 P) — Eg — F mit 3 (2) S und (4 P) — 


3 


(2) 




(11) 


Eg — F mit 2 (i) S und (9 P) — Eg — 


2 


(0 




(9) 


F mit 3 (2) S und (4 P) _ F mit (3 S) 


-> 


(5) 




(4) 


und (7 P). 








(7) 


Zu übertragen 


217 


(62) 


24 (I) i 


19 (79) 



125 





S 


Pm 


1 P 


Uebertrag 


217 


(62) 


24(0 


! 19 (79) 


S. Giebelbord: S S (S) Pm S Pm (S) (S) S 


4 


(3) 


2 




auf F. 










6. Giebelbord: (S) (S) (S) S (S) S S S S 


5 


(4) 






auf F, der letzte ist der römische ge- 










schnittene Stein. 










7. Giebelbord: (S) (S) (S) (S) (S) (S) S (S) S 


2 


(7) 






auf F. 










Bogen des Mittelgiebels, obere Schicht: 










S S S (S) (S) S S (S) (S) (S) (S) (S) (S) 


5 


(8) 






(S) (S) S (S) S (S) (S) (S) (S) S und 


3 


(7) 






4 (22) P auf F. 








4 ^22) 


Bogen des Mittelgiebels, untere Schicht: 










3 Eg- 










Platte des Dachsimses: 6 Eg. 










Ostseite. 










Giebelbord: F mit i Pm, 2 S und (7 P) — 


2 




I 


(7) 
(4) 


Eg — F mit 2 (3) S und (4 P) — Eg — 


-> 


(3) 




F mit 2 (I) S und (9 P) — Eg — F mit 


2 


(0 




(9) 


(5 S) und (4 P) _ Eg — F mit (i Pm), 




(5) 


(0 


(4) 


I (I) S und (7 P). 


I 


(0 




(7) 


Bogen, äußere Schicht: F mit 14 (8) S und 


14 


(8) 






I (21) P. 








I (21) 


Bogen, innere Schicht: 3 Eg. 










Buch der hl. Elisabeth. F, halb abhanden 










gekommen, das erhaltene Stück mit 3 S. 


3 








Fußgestell der hl. Elisabeth: F mit S (S) 


I 


(I) 






S*) (S) (S) (S) S. 


2 


(3) 






Nordseite. 










Dach. 










I. Bogen: Eg — F mit i Pm und 4 S — Eg — 


4 




I 




F mit I Pm und 3 (i) S — Eg. 


3 


(0 


I 




2. Bogen: F mit 2 Pm und 2 S — Eg — F mit 


2 




2 




I Pm und 3 (i) S — Eg — F mit i Pm 


3 


(0 


2 




und 2 S, das F beschädigt. 


2 








3. Bogen: F mit i Pm und 4 S — Eg — F mit 


4 




I 




I Pm und 4 S — Eg — F mit i Pm und 3 S. 


7 




2 




Zu übertragen 


288 ( 


115) 


36 (2) 1 


24 (153) 



Fehlt jetzt. Der Herausgeber. 



126 





S 




Pm 


P 


Uebertrag 


288 ( 


fi5) 


36 (2) 


24(153) 


4. Bogen: Eg — F mit i Pm und 4 S — Eg — 


4 




I 




F mit I Pm und 4 S — Eg. 


4 




I 




Sohlbank der Bogenstellung: F mit i P 








I 


und 4 S — Eg — F mit i Pm und 4 S — 


8 




I 




Eg — F mit I Pm und 4 S — Eg — F mit 


4 




I 




I Pm und 4 S — F mit i P und 4 S — 


8 




I 


I 


Eg — F mit I Pm und 4 S — Eg — F mit 


4 




I 




I Pm und 4 S — Eg — F mit i Pm 


4 




2 




und 4 S. 


4 








Umrahmung der Bogenstellung, östliche 










Hälfte, von oben an: F mit i P und 4 S — 


4 






I 


Eg — F mit (i P) und 4 S — Eg — F mit 


4 






(0 


(I P) und 4 S - Eg — F mit 5 S — Eg — 


9 






(0 


F mit 4 (i) S — Eg — F mit i Pm und 


4 


(I) 


I 




4 S — Eg — F mit (i S) und 4 S — Eg — 


8 


(I) 






F mit I Pm und 3 S — Eg — F mit 4 (i) S 


7 


(I) 


I 




Eg — F mit 4 (i) S. 


4 


(0 






Umfassung, westliche Hälfte, ebenso: Eg 










— F mit 5 S — Eg — F mit 5 S — Eg — 


10 








F mit 5 S — Eg — F mit i Pm und 4 S — 


9 




I 




F mit I Pm und 4 S — Eg — F mit 5 S — 


9 




I 




Eg — F mit I Pm und 3 S — Eg — F mit 


3 




I 




5 S — Eg — F mit I Pm und 4 S — Eg — 


9 




I 




F mit 4 (I) S. 


4 


(0 






Fassade. 










I. Giebelbord: S S S S S P S (S) P (S) 


6 


(2) 




2 


auf F. 










2. Giebelbord: S (S) S (S) (S) (S) (S) (S) S 


3 


(6) 






auf F. 










3. Giebelbord: S (Sj S (S) P S (S) S P 


4 


(3) 




2 


auf F. 










4. Giebelbord (Mittelgiebel): F mit 3 S und 


3 








(7 P) — Eg — F mit 4 (I) S und (4 P) — 


4 


(I) 




(") 


Eg ~ F mit (3 S) und (9 P) — Eg — F mit 




(3) 




(9) 


5 S und (4P) — Eg — F mit 3 S und 


8 






(4) 


I (6) P. 








I (6) 


5. Giebelbord: S S S S S (S) (S) S S 


7 


(2) 






auf F. 










6. Giebelbord: S (S) S S S Pm (P) (Pm) S 


5 


(0 


I (I) 


(I) 


Pm (S) S (S), der erste Stein ist der ge- 


I 


(2) 


I 




schnittene orientalische, auf F. 










Zu übertragen 


453 (140) 


52 (3) 


32(186) 



127 



Uebertrag 
7. Giebelbord: S (S) (S) (S) (S) (S) (S) (S) (S) 

(Sj S auf F. 
Bogen des Mittelgiebels, äußere Schicht: 
S S S S S S (S) (S) (S) Achatschale 
S (S) S S S S S S S (S) und 7 (14) P 
auf F. 
Bogen des Mittelgiebels, innere Schicht: 

3 Eg. 
Platte des Dachsimses: 6 Eg. 
Jesus figur: 

Buch in der Linken: F mit 5 S. 
Rechter Aermel: F mit 9 S. 
Krone*): F mit 15 (2) S. 
Buch des Paulus: F mit 5 S und 3 (i) P. 
Buch des Petrus: F mit 4 S. 
Stuhl des Paulus: F mit 14 (2) S und 9 (4) P., 
unter den erhaltenen Steinen ein kleiner 
griechischer, geschnittener. 

Stuhl des Petrus: F mit i Pm und 13 (2) S. 

Sockel des Schreins. 

Obere Platte, von der nordwestlichen Ecke an: 
I F mit 2 emaillierten Medaillons mit Köpfen 
— I F mit 5 desgl. — i F mit 2 desgl. — i ge- 
stanzte Platte — I F mit 3 Medaillons — i F 
mit I desgl. — i F mit 3 desgl. — i F mit 

1 desgl. — I F mit 3 desgl. — i F mit 

2 desgl. — I F mit 5 desgl. — i F mit 
2 desgl. — I F mit 3 desgl. — i F mit 
I desgl. — I F mit 3 desgl. — i F mit 
I desgl. — I F mit 3 desgl. — i gestanzte 
Platte — I F mit 2 Medaillons — i F mit 
5 desgl. — I F mit 2 desgl. — i gestanzte 
Platte — I V mit 3 Medaillons — i F mit 
I desgl. — I F mit 3 desgl. — i F mit 
I desgl. — I F mit 3 (2) desgl. — i F 
mit 2 desgl. — i F mit 3 desgl. — i F 
mit I desgl. — i F mit 3 desgl. — i F 
mit I desgl. — i F mit 2 (i) desgl. — 
I (jestanzte Platte. 



S Pm 

453 (140) i 52 (3) 
1 (8) 
I (I) 

6 (3) 
8 (2) 



32 (186) 



5 
9 
15 (2) 

5 
4 
'4 (2) 



13 (2) 



7 (14) 



3 (0 
9 (4) 



Zu übertragen | 534(160) 53 (3) 51 (205) 



•) Fehlt jetit. Der Herausgeber. 



128 





S 




Pm 


P 


Uebertrag 


534 (160) 


53 (3) 


51 (205) 


Untere Schicht ebenso: Eg — F mit 9 (2) S, 
von denen 2 antike, geschnittene: diese 


9 


(2) 






Fiügranplatte ist beschädigt — Eg — Eg — 
F mit 10 (I) S — Eg — F mit 10 (i) S 
— Eg — F mit 1 1 S — Eg — F mit 


20 
II 


(2) 






I (i) Fm und i (i) S — Eg — F mit 1 1 S 
— Eg — F mit 6 (5) S, die Hälfte des 


12 
6 


(I) 
(5) 


I (I) 




Filigrans fehlt — (Eg) — F mit 8 (3) S — 
(Eg) — Eg — F mit 6 (5) S, ein Viertel 
des Filigrans fehlt — Eg — F mit 3 (2) S 
— F mit II S — damaszierte Platte — 


8 
6 

3 
II 


(3) 
(5) 
(2) 






F mit II S - Eg — F mit 9 (2) S — 
Eg — F mit 7 (4) S; dies Stück ist be- 
schädigt — Eg — F mit II S, von denen 


20 

7 
II 


(2) 
(4) 






einer geschnitten zu sein scheint — Eg — 










F mit II S - Eg — F mit 3 (8) S, das 
Filigran zu drei Vierteln fehlend — Eg. 


•4 


(8) 






Zusammen 


672 ( 


94) 


J4 (4) 
58 


51 (20S) 




86t 


256 






1180 Kleinod 


ien 




(777 


erhalten, 403 


verloren). 



129 



Gotische Wandmalereien in Marburg. "^ 

Ein Beitrag zur Geschichte der mittelalterlichen Polychromie. 

(Einleitung. — Schloßkapelle, Inneres und Aeußeres. — Elisal)ethkirche. Inneres und Aeußeres, Sakristei, 

Archiv. — Marienkirche nebst Sakristei. — Michaelskapelle. — Ilospitalkapelle. — Kogler-Kirche. — 

Dominikanerkirche und Dominikanerkloster. — Deutsches Haus. — Kerner. — Rittersaal. — Die 

übrigen Schloßbauten. — Rathaus. — Fürstliche Kanzlei. — Wohnhäuser.) 



Während die Frage über die Polychromie der antiken Bauwerke noch immer 
als eine streitige bezeichnet werden muß, ist es erwiesen, daß das Mittelalter bei 
Ausstattung seiner Rauten einen ausgedehnten Gebrauch von der Färbung ge- 
macht hat. Von jedem Werke der romanischen und der gotischen Kunst darf 
man, ehe eine genaue Untersuchung das Gegenteil erwiesen hat, mit hoher Wahr- 
scheinlichkeit annehmen, daß es zur Zeit seiner Vollendung im Schmucke der 
Farben stand. Es gibt eine lange Periode, während welcher es Regel war, kirch- 
liche und profane Gebäude nicht nur im Inneren der Räume, sondern auch 
im Aeufleren zu polychromieren. 

Eine Literatur über dieses wichtige Gebiet der Kunstgeschichte ist zur Zeit 
erst in einigen geringen Anfängen vorhanden. Etwas bekannter als die Dekorations- 
systeme der Gotik sind im allgemeinen die farblichen Ausstattungen romanischer 
Kirchen; die Wandflächen derselben, welche eine größere Rolle gegenüber den 
Flächen der Fenster spielten, luden den Maler öfter zu reicheren und größeren 
Kompositionen ein, denen es heutzutage noch leicht gelingt, den Blick des Künstlers 
und Kunstforschers auf sich zu ziehen. In den Kirchenbauten der Gotik liegt oder 
lag hingegen der Schwerpunkt der polychromen Ausschmückung zumeist in der 
Glasmalerei der größer gewordenen Fenster. Bei der dekorativen Behandlung 
der eigentlichen Architektur bchalf man sich oft nur mit einer Fassung in einfachen, 
nach den Gliedern wechselnden Farben. Ein derartiger, bescheidener Schmuck 
entzieht sich dann häufig, auch wenn nicht spätere Ueberstreichung ihn zudeckt, 
sondern etwa nur Verwitterung, Licht, Staub und Feuchtigkeit an ihm gezehrt 
haben, der Aufmerksamkeit selbst gewiegter Kenner. Die neuere Kunstforschung 
hat daher gotische Wanddekorationen meist nur berücksichtigt, wenn sie au.s- 
schließlich oder vorwiegend aus Figurenwerk bestehen. 

Und doch ist es hohe Zeit, jede Spur, welche sich von diesen Arbeiten ent- 
decken läßt, zu sammeln, zu beschreiben und ab/.ubilden, denn täglich mehr 
schwinden die nicht selten schwachen Reste unter den Einflüssen eines ungünstigen 
Klimas, unter der Hand der Restauratoren und durch sonstige Unbilden. 

'; Zuerst gedruckt in der Deutschen Bauzeitung 1876, S. 324 und 1879, S. 33. 
Schäfer, Gesaiuniclte Werke. 9 



I30 

Die Absicht des Verfassers ist es, durch Beschreibung der von ihm ge- 
fundenen Reste solcher Arbeiten zunächst seines engeren Vaterlandes einen Bei- 
trag zur Kenntnis dieser Dekorationen zu liefern. Auf diese Beschreibung soll 
eine Uebersicht der zugrunde liegenden Systeme folgen. — Da eine derartige 
Publikation indessen in den Rahmen einer Zeitung sich nicht einzwcingen läßt, 
es jedoch vor allem gilt, das Interesse weiterer Kreise für den Gegenstand zu er- 
wecken, so sollen in folgendem vorläufig die Wandmalereien einer einzigen Stadt, 
Marburgs, besprochen werden. 



I. Die Schloßkapelle.*) 

Die Kapelle gehört zu den älteren Teilen des Schlosses und ist, wie die 
Kombination der aus Ritesel erhaltenen chronistischen Nachrichten mit denen 
Dillichs ergibt, der Hauptsache nach zwischen 1281 und 1288 erbaut. Mit dieser 
Zeitannahme stimmt die stilistische Beschaffenheit und eine von Lotz aufgefundene, 
die Weihe im Jahre 1288 dokumentierende Urkunde. Doch scheint man bis 1312 
an der Vollendung einzelner Teile fortgearbeitet zu haben. Der Bau ist ein Werk 
der spezifisch hessischen Schule, welche auf die Entwicklung der deutschen Gotik 
bekanntlich den bedeutendsten Einfluß äußerte, und zwar eins der trefflichsten 
Werke dieser Schule. Der ursprüngliche Zustand der Kapelle war vor der vom 
Verfasser projektierten und teilweise bereits ausgeführten Restauration erhalten 
oder doch mit Sicherheit zu rekonstruieren. 

Die Kapelle war innen und außen vollständig bemalt; außen zeigt sie noch 
heute die erste, der Bauzeit angehörige Färbung, innen war diese von einer Neu- 
bemalung des 16. Jahrhunderts und letztere noch einmal von einer solchen des 18. 
überzogen. 

Der Polychromierung des 13. Jahrhunderts lag ein System zugrunde, 
welches — nicht nur in Hessen — weit verbreitet gewesen ist. Es besteht in 
der Anwendung eines Quadermusters von weißen Fugen auf rotem Grunde für 
alle Wand- und Gewölbeflächen und in einer Charakterisierung der vor- und rück- 
tretenden Gliederungen durch helle und dunkle, einfache, kräftige Erdfarben. In 
dieser Weise waren gemalt: die Marburger Elisabethkirche, die Michaelskirche und 
das Oratorium im Deutschen Haus daselbst, die Kirche in Wetter, die Stadtkirche 
in Treysa (teilweise), die alte Kirche zu Amöneburg, die Kirche in Frankenberg. 
In der Schloßkapelle ist der Grundton ziemlich hell und gemischt aus gebranntem 
Ocker und Weiß; die Steinschichten sind an den Wänden 41 cm, auf dem Gewölbe 
14 cm hoch; die Fugen haben i cm Breite; sie laufen auf den Wänden nach den 
Regeln des Steinverbandes, auf den Kappen der a la frangciise ausgeführten 
Mauerung entsprechend. In der Fenstergliederung, der Gliederung der Gewölbe- 
dienste und in den Gewölberippen, auch in den Schildbogen und im Kaffsims 
sind die Rundstäbe und Platten mit leuchtendem Weiß und Ockergelb, die Hohl- 
kehlen mit dunklem, rotem Ocker gemalt. Nur für die Kehle des Kaffsimses ist 
der letztere mit Mennige versetzt. 

Aus dem System heraus treten in reicherem Farbenschmuck die skulptierten 
Teile, die Schlußsteine und Kapitelle. Hier ist das Blattwerk vergoldet, die Kelch- 



*) Vergl. auch das Gutachten, betr. die Schloükapelle usw. auf S. 54. 



131 

gründe und Futter sind abwechselnd tiefblau und tiefrot, die Profile in Weiß, 
Blau, Grün und Rot gestrichen. Nächst den Schlußsteinen ist noch ein Stück 
der Rippen mit diesen Farben der reicheren Skala und mit Gold dekoriert. Ge- 
wi.ssen Sockeln der F"enstersäulchen und gewissen Stellen der Wand sind in Weiß 
und Ockerrot Weihkreuze aufgemalt. Die Türgewände sind polychromicrt wie 
die der Fenster; sie umzieht ein Fries von in Rot platt aufgemalten Blättern. 

Figürliche Malerei findet sich nur auf der Fläche der westlichen Nische. 
Das betreffende Bild aber, im Jahre 1868 von mir aufgedeckt, ist ein durchaus 
merkwürdiges. Es stellt im strengsten Stile der Zeit, gestreckt aufrechtstehend, 
den heiligen Christophorus dar, wie er den Heiland durchs Wasser trägt. 

Die Dimension ist höchst bedeutend, die Höhe der Figur beträgt 6 m. Der 
Heilige, ganz en face abgebildet, hält den Erlöser, der zwar verhältnismäßig in 
Kindesgröfle, übrigens aber als kleiner Mann, sogar bärtig erscheint, auf dem 
linken Arm; die Rechte stützt sich auf den typischen Baumstamm. Die Köpfe 
sind von feierlichem Ausdruck, der Heiland segnet mit der rechten Hand in 
lateinischer Weise. Sein Haupt ist mit goldenem Kreuznimbus umgeben, mit 
dem gewöhnlichen goldenen Schein das des Heiligen. Dieser ist bis auf die 
Füße herab bekleidet und geht in schwarzen Schuhen mit roten Riemen und 
goldenen Hafteln. Das Kleid ist grün, seine Rückseite rot, der Mantel leuchtend- 
rot mit weißem Futter, durch eine goldene Agraffe zusammengehalten. Auch der 
Gürtel und die Säume des Kleides sind vergoldet. Der Heiland ist in Blau, Grün 
und Weiß gekleidet. Der Heilige durchschreitet ein ganz konventionell nur durch 
Wellenstriche versinnbildetes Wasser, in dem sich aber Fische, Krebse, See- 
jungfrauen und zwei Halbmenschen tummeln, welche letztere, mit Sturmhauben, 
Schwertern und kreisrunden Schilden bewaffnet, einander bekämpfen. Das Bild 
wird getragen von einer in denselben prächtigen Farben aufgemalten, in strengster 
Weise den Dekorationsstil des 13. Jahrhunderts vor Augen führenden Architektur, 
bestehend aus drei Doppelarkaden mit noch verjüngten Säulchen. Die ganze 
Darstellung ist in Stil und Zeichnung vortrefflich, die Behandlung ganz platt, nur 
in den Köpfen mit einer Spur von Modellisiung. 

Den Untergrund dieser alten Bemalung bildet der natürliche Sandstein und 
auf dem rauhen Mauerwerk ein dünner, äußerst feiner, ganz glatt abgefilzter Kalk- 
putz. Die auf Kalk als Bindemittel beruhende, durch das Einstreuen roten Ockers 
in Kalkmilch hergestellte Grundfarbe ist aufgebracht worden, als der Putz noch 
feucht war; die Fugen sind zuvor scharf vorgerissen und schließlich mit dem Weiß 
aus freier Hand nachgezogen. Die Vergoldung ist mit Oel direkt auf den Stein 
gebracht, ohne eine vorherige Glättung durch Kreide oder Bolus. 

Zweite Bemalung des Inneren. Das Innere der Kapelle wurde später neu 
übermalt, in einer Weise, die sich stilistisch als dem Anfange des 16. Jahrhunderts 
angehörig bestimmt. Die Zeit, in der diese Bemalung vorgenommen wurde, läßt 
sich aber noch genauer ermitteln, und zwar zwischen die Jahre 1520 und 1527 
einschließen. Ich fand nämlich einerseits auf der Fläche der ursprünglichen 
Malerei unter diesem spätgotischen Ueberzuge zahlreiche Namensinschriften, von 
mußigen Händen eingekratzt, teilweise mit Jahreszahlen versehen, und unter 
letzteren war die späteste: 1520. Anderseits aber ist diese landgräfliche Kapelle 
1527 dem lutherischen Gottesdienste übergeben worden, und von diesem Zeit- 
punkte ab hat man in keinem l'alle ihre Wände mit den Bildern von Heiligen, am 
allerwenigsten mit Anrufungen derselben ausgeschmückt, wie sie in der fraglichen 



132 

Malerei vorkommen. Diese Bemalung nun ist in der weitverbreiteten spät- 
gotischen Manier ausgeführt: man hat die architektonischen Glieder bunt gefärbt, 
die Flächen geweißt und mit grünem Rankenwerk sowie mit figürlichen Dar- 
stellungen gefüllt. 

Interessant ist, daß man bei Polychromierung der Gliederungen die Färbung 
des 13. Jahrhunderts nicht ganz verwarf, sondern dieselbe teilweise wieder auf- 
frischte, teilweise ohne weiteres bestehen ließ und nur teilweise änderte. In letzterer 
Beziehung ist mehrmals für Gelb und Weiß Grau eingetreten, für Weiß Rot. Die 
Kapitelle und die Schlußsteine aber sind ganz in der alten Vergoldung und Färbung 
belassen worden. 

Von den Wandflächen sind am reichsten die fensterlosen seitlichen Flächen 
der beiden seitlichen Erker behandelt. In der Hauptteilung stimmen diese Flächen 
überein, nur das Detail wechselt. Ueberhaupt ist nämlich der 2,30 m hohe Raum 
unter dem Kaffsims der Fenster in zwei Teile geteilt, der untere Teil in der Art 
eines Teppichs, der obere mit einem Tableau bemalt; über dem Kaffsims folgt 
zunächst ein größeres Einzelbild mit Unterschrift, darüber sind je zwei Wappen- 
schilder mit Unterschriften zu erbUcken, in der Wölbung endlich ist die Fläche 
weiß mit Rankenwerk bemalt, welches das Figürchen je eines Engels umrahmt, 
der ein Spruchband hält. 

So ist die Malerei auf der westlichen Wand des nördlichen Erkers folgender- 
maßen beschaffen : 

Der über dem Boden beginnende Teppich hat gelben Grund und schwarze 
Zeichnung, die Fransen sind weiß, rot und grün gemalt. Das darüber folgende 
Tableau stellt das Martyrium des heiligen Sebastian dar und wird von einem 
Rundbogen umschlossen, in dessen Zwickeln Laubwerkbündel liegen. Der Märtyrer 
ist entkleidet, an einen Baum gebunden und wird von zwei armbrustbewaffneten 
Soldaten mit Pfeilen gespickt. Die Figuren sind halblebensgroß. Ueber dem 
Kaffsims folgt das fast lebensgroße Bild St. Johannis, des Evangelisten, mit der 
Unterschrift in Minuskeln: Bande . Johanne . Evangelista . Ora . pro . nobis. Er 
hält die Rechte segnend erhoben, mit der linken hat er den Kelch gefaßt, dem 
der Wurm des Giftes entsteigt. Auf dem Saum des Kleides stehen in Majuskeln 
die Anfangsworte des Evangeliums geschrieben: In . principio . erat . vei'bum . 
e . rerhu. Von dem das Bild einfassenden seitlichen Randstreifen aus ragen, ein- 
ander gegenüber, zwei gleichsam in Eisenwerk gedachte Konsolen in die Flächen 
hinein. Auf der einen sitzt der Adler, an einem Band die Tintenbüchse haltend, 
auf der anderen liegt das offene Buch, in dem wiederum zu lesen : in . principio . 
erat . rerbiim . et . rerhu . erat . apd . den . et . deus . erat . verhum . hoc . 
erat . in . principio . apd . den . oia . pei- . ips . facta . sunt. 

Die in der Kapitellhöhe der Kapelle gemalten Wappenschilder sind stark 
beschädigt; das eine läßt jedoch noch den Flügel eines Adlers erkennen. Noch 
werden Helmdecken und über den Schildern gekröhte Helme sichtbar. Unter 
ihnen stehen auf einem aufgehängten Täfelchen die Namen: Vnyern . vnd . Polen. 
Auf der entgegengesetzten Seite desselben Erkers stellt das untere Tableau die 
Mutter Anna mit der heiligen Maria und dem Jesuskinde dar, in häufig vor- 
kommender Auffassung auf der gemauerten Bank eines Gartens sitzend. In den 
geöffneten Wolken wird Gottvater im kaiserlichen Ornate sichtbar, der heilige 
Geist schwebt als Taube hernieder. In den Zwickeln des Rundbogens anbetende 
Engelsfigürchen. Die obere Standfigur ist die der heiligen Maria, nach der 



"33 

Apokalypse als ,,Weib in der Sonne" gedacht. Zwei Engel halten die Enden 
der Mondsichel unter ihren Fußen, oben schweben zwei Engel, auf Laute und 
Fiedel musizierend. Das göttliche Kind auf dem Arm der Jungfrau hält einen 
Apfel und eine winzige Schriftrolle in den Händen. Die halb zerstörte Unter- 
schrift: . Snnctn . Maria . Or (a . pro . nobi><J. Die Darstellung hat größte 
Aehnlichkeit mit einer entsprechenden im Chor der benachbarten Kirche zu Wetter. 
— Die Wappen dieses P'eldes sind ganz zerstört. 

Im südlichen Erker weist die westliche Wand im Tableau die Standfiguren 
des heiligen Philip[)us und der heiligen Barbara auf; im Hintergrunde ganz klein 
das Martyrium des erstgenannten Heiligen. Das große obere Bild ist nur in 
wenigen zollgroßen Stückchen noch erhalten. Doch erkennt man auf denselben 
das Kopftuch einer weiblichen Figur, Knopf und Kreuz eines Kirchturms und den 
Henkel eines Körbchens, und es kann daher die Darstellung mit genügender 
Sicherheit als die der heiligen Elisabeth betrachtet werden. Wappen und Unter- 
schriften sind zerstört. Das Tableau auf der gegenüberliegenden Wandfläche ist 
durchaus zerstört. Von dem Bilde darüber sind genügende Reste erhalten, um 
den heiligen Christophorus erkennen zu können. Die Wappen sind zerstört, noch 
lesbar aber die Unterschriften derselben: Wirtenbergk . v . Poniern. 

Die Frontwände der Erker bieten der Fenster wegen nur unterhalb des 
Kaffsimses Fläche für Malerei. Hier sind deshalb neben und über der Nische des 
Sitzplatzes drei rundbogige Blenden gemalt, in denen sich Bildchen befanden; 
ebenso waren die Leibungen dieser Nischen und sogar die Untersicht des Sturzes 
derselben in gleicher Weise benutzt. Die bezüglichen Flächen sind dabei, wie 
die zuerst erwähnten Wände, im unteren Teil mit aufgemaltem Teppichwerk ver- 
ziert. Die Bildchen selbst sind im nördlichen Erker bis auf eine geringe Spur 
verschwunden, im südlichen nimmt man in einer jener drei genannten Blenden 
die Figuren zweier Soldaten wahr, welche als die am Grabe Christi Wache 
haltenden Kriegsknechte zu erkennen sind, wonach der obere zerstörte Teil des 
Bildes die Auferstehung des Heilandes enthalten hat. In der Leibung neben 
diesem Bilde war nach dem Gebrauche des Mittelalters ein alttestamentliches V^or- 
bild dieser Auferstehung dargestellt: Daniel, der Löwengrube entsteigend; einer 
der Löwen ist noch erkennbar. — Die Untersicht des Sturzes gibt in einem 
Strahlenmedaillon den Namen jhesus: J. H. S. (oder: Li hoc '^igno, oder: Jenus 
hominum salvator). 

Die Wandfelder der östlichen und westlichen Apsis unterhalb des Kaffsimses 
waren in der unteren Hälfte zwar mit Teppichen bemalt, haben darüber aber 
keine bildlichen Darstellungen empfangen. Die obere Hälfte dieser Flächen war 
im Gegenteil nur weiß gestrichen und mit farbigen Streifen ummalt. Das Christo- 
phorusbild war durch diesen Ueberzug verdeckt. 

Die Kappenflächen des Gewölbes haben Strahlenkronen nächst den Scheiteln 
der Gurtbogen sowie auch auf jeder Scheitellinie der fünf schmalen Kappen der 
Apsiden bekommen; aus jedem Zwickel jedes Gewölbedreieckes wachsen außer- 
dem Ranken mit verschiedenartigem Blattwerk hervor. 

Die letzterwähnten Ornamente sind noch ganz platt gehalten. Das Laub 
grün, die Stengel ockerrot, Laub und Stengel meist mit gleichmäßig starken, 
schwarzen Linien konturiert. Flotte Improvisationen, in der Ausführung roh. Die 
Figurenbilder sind modelliert, das Fleisch mit einem Ockerton; die Gewänder sind 
mit (k'))ii-tci)it(' angelegt und darauf dann Höhe und Tiefe so kräftig aufgetragen. 



134 

daß z. B. im blauen Mantel der Muttergottes das Licht bis zum reinen Weiß, der 
Schatten bis zum Schwarz gesteigert ist. Die Hintergründe sind teilweise land- 
schaftlich ausgeführt. Die Ausführung ist handwerksmäßig. 

Was die Technik dieser spätgotischen Dekoration anbelangt, so ist zu er- 
wähnen, daß die Wände und Gewölbe nicht etwa durch Ausflicken des vielfach 
beschädigt gewesenen Originalkalkputzes vorbereitet worden sind, sondern daß es 
vorgezogen wurde, sie größtenteils mit einer zweiten Tünche aus Lehm zu über- 
ziehen. Diese Lehmtünche, welche hierzulande überhaupt seit dem 15. Jahr- 
hundert schon in allen ähnlichen l^^äilen angewandt wird, ist nicht wie die Mörtel- 
überzüge der früheren Zeit nur mit der Kelle geglättet, sondern bereits in moderner 
Weise mit Richtscheit und Reibebrett bearbeitet. Sie ist im vorliegenden Falle 
überzogen mit einer äußerst dünnen Schicht Kalkspeise, letztere hat man drei- bis 
viermal mit Kalk geweißt und dann mit Kalkfarben die Malerei feucht angelegt. 
Die letzte Ausarbeitung inkl. des Konturs ist trocken und, wie es scheint, in Tem- 
pera vorgenommen worden. Die Bemalung der Glieder sitzt direkt auf dem 
Stein bezw. auf der alten Farbe derselben. 

Moderne Anstriche. Im Jahre 1784 wurden die Wandflächen unterhalb 
des Kaffsimses, größtenteils mit Unterdrückung der sehr zerstört gewesenen 
Teppiche, sonst aber die Färbung des 16. Jahrhunderts ziemlich gut nachahmend, 
übermalt. Teilweise wurden nur die Teppiche, und zwar sehr roh durch Ueber- 
malen erneuert. Die Wandflächen über dem Kaffsims überweißte man. Dieses 
Ueberweißen ist dann später noch mehrmals wiederholt worden. 

Vor der Restauration (begonnen 1872) sah man die zwei späteren Ueber- 
malungen stellenweise abgefallen und an diesen Stellen bezw. die erste und zweite 
Dekoration durchscheinen.*) Bei der Restauration hat man sich ent- 
schlossen, im allgemeinen die höchst interessante frühgotische Poly- 
chromie, deren gleichen weit seltener irgendwo erhalten ist, zu er- 
neuern; dagegen soll die spätgotische Bemalung der kleinen Seiten- 
chörchen, wo sie überhaupt allein reich und geistvoll entwickelt auf- 
tritt, konserviert werden; ein solches Seitenchörchen bildet für sich ein kleines 
Ganzes. 

Das Aeußere der Schloßkapelle, welches auf den Kanten Quader, auf den 
zwischengemauerten Bruchsteinen Tünche aufweist, läßt zur Zeit noch deutlich die 
Reste der ersten Bemalung des 13. Jahrhunderts erkennen; sie ist hier die einzige 
geblieben. Es schließt sich diese Bemalung ganz dem ursprünglichen Zustande des 
Inneren an; nur ist mit größerer Einfachheit zu Werke gegangen. Das Ganze ist mit 
dem oben bezeichneten hellroten Steinton übergestrichen, dann sind mit einem weißen 
Strich die Fenster umfaßt und die Hohlkehlen und Fasen dieser Fenster rotbraun 
abgefärbt worden; die Flächen außerhalb der Fenster hat man mit weißen Fugen 
gequadert und schließlich auch die Hohlkehle des Dachsimses in Rotbraun gesetzt. 

Wenn schon im vorstehenden ich die Entstehungszeit der spätgotischen 
Ausstattung näher bestimmt habe (während der übrigens ziemlich gleichgültige 



*) Auf dem Bilde bei von Dehn-Rotfelser, , .Mittelalterliche Baudenkmäler in Kurhessen'', sind 
Bruchstücke der frühgotischen, der spätgotischen und der zopfigen Malerei verbunden. Gerade, was 
Schnaase in seiner Rezension in den „Wiener Mitteilungen" gefällt, die Milde der Farbentöne, war in 
Wirklichkeit in der Schloßkapelle nie vorhanden. Wo Dehn einen gelblichen Grundton gibt, steht in 
Wirklichkeit reines Weiß, wie noch heute am Original konstatiert werden kann. Selbstverständlich soll 
hierdurch das Verdienst von Dehn-Rotfelsers nicht geschmälert werden. 



135 

Zeitpunkt der Entstehung der letzten Ueberstriche anderweitig überliefert isty, so 
bin ich bis jetzt nocli den Nacliweis dafür schuldig geblieben, daß die unterste 
Färbung, so des Inneren wie des Aeußeren, wirklich der Bauzeit der Kapelle 
angehört. Es wird sich derselbe indes besser im Zusammenhange mit der Be- 
sprechung des bei der St. Elisabethkirche gewonnenen Materials führen lassen. 



IL Die St. Elisabethen-Kirche. 

Ausmalung des Innern. Die St. Elisabethen-Kirche, das Hauptwerk der 
hessischen Gotik und eines der glänzendsten Denkmäler der deutschen Kunst 
überhaupt, ist nicht nur der Architektur im engeren Sinne nach fast intakt auf 
uns gekommen, sondern hatte bis zu der in den fünfziger Jahren begonnenen 
Restauration in den Schiffen auch die ursprüngliche Ausmalung bewahrt, während 
die östlichen Teile des Innern damals eine spätestgotische Uebermalung aufwiesen. 
Gelegentlich der Restauration ist diese Ausstattung bis auf wenige Reste bezw. 
Anklänge unterdrückt worden, und zwar zugunsten einer modern erfundenen, 
wesentlich vereinfachten Abfärbung, welche viel blassere, oft nur wenig harmonisch 
zusammenstehende Töne zeigt. 

Alljährlich wird diese Perle der Kunst des 13. Jahrhunderts, die wichtigste 
Sehenswürdigkeit der altertümlich interessanten, in schönster landschaftlicher 
Umgebung sich aufbauenden Bergstadt, das Wanderziel zahlreicher Touristen, 
Künstler und Kunstfreunde. Vielfach ist deshalb gerade hier die Frage der Poly- 
chromierung Gegenstand auch sachverständiger Besprechungen geworden. So- 
viel ich habe erfahren können, wurde hierbei meist von der Voraussetzung aus- 
gegangen, daß man es, was die gegenwärtige, oft als bunt und unharmonisch 
getadelte Färbung anlangt, mit der Erneuerung des mittelalterlichen Zustandes zu 
tun habe. 

Diese Voraussetzung ist unrichtig. Ihr gegenüber muü es als wichtig er- 
scheinen, wenn gerade durch die Hand des Künstlers, der die Restauration leitete, 
ein Zeugnis über den Bestand vor dieser Restauration uns aufbewahrt worden 
ist. Als nach einer im Jahre 1847 durch eine Ueberschwemmung verursachten 
argen Verwüstung der Kirche der Architekt und spätere Professor Lange mit 
den Wiederherstellungsarbeiten betraut worden war, erstattete derselbe zunächst 
einen eingehenden Bericht über den Befund. Diese mit außerordentlichem Fleifle 
und einer angesichts der Entstehungszeit überraschend großen Sachkenntnis ge- 
schriebene Arbeit verbreitet sich über die Färbung des Innern folgendermaßen: 

„Ist der verständige, auf eine höhere Wirkung der plastischen und archi- 
tektonischen Formen hinzielende Gebrauch der Polychromie, wie ihn auch andere 
Blüteperioden der monumentalen Kunst — und unter diesen vor allen die der 
griechischen — • aufweisen, an einzelnen oben beschriebenen Teilen nachgewiesen 
worden, so ließ sich auch erwarten, daß das ganze Innere der Kirche ursprünglich 
eine damit und namentlich mit der Pracht der gemalten Fenster in Einklang 
stehende Färbung gehabt habe. Dies bestätigt sich auch vollkommen durch 
eine vom Verfasser angestellte genaue Untersuchung, welche zugleich ergab, 
daß sich glücklicher weise dieser wesentliche Teil der Dekoration ziemlich gut 
oder doch erkennbar erhalten hat und von jeder späteren Uebermalung frei- 
geblieben ist. 



136 

Diese Färbung ist ebenso einfach als geschmackvoll und mit großer Mäßigung 
und Vermeidung alles Grellen und Ueberladenen nur darauf berechnet, die 
wesentlichen Teile des Baues zu sondern, sowie die architektonischen Linien und 
jene Teile, welche gleichsam den Gipfel der Konstruktion bilden, hervorzuheben. 

Mit sehr sinnreicher Steigerung des Reichtums ist die Vorhalle, das Langhaus 
und das Querhaus sehr einfach gehalten und nur im Altarhause größere Pracht 
entfaltet. In den erstgenannten drei Hauptabteilungen der Kirche sind die Pfeiler 
nebst ihren Kapitellen, die Wandflächen und Gewölbekappen hellbraunrot (Englisch- 
oder Venetianisch-Rot mit Weiß), der Steinfarbe nahe kommend, gefärbt und auf 
dieser Grundfarbe der Steinschnitt auf den wirklichen Fugen mit weißen Linien 
angegeben. Wie das ganze Verzierungssystem des germanischen Stils vorzugs- 
weise ein konstruktives ist oder sich doch aus der Konstruktion herleiten läßt, 
so ist auch hier sinnigervveise der anderswo sorgfältig unter dicker Tünche 
versteckte oder sonst maskierte Verband, dessen sich freilich die St. Elisabethen- 
Kirche nicht zu schämen hat, zur Ornamentation benutzt worden. Die Fugen 
sind vorher sorgfältig mit feinem Mörtel verstrichen und auch durch einen äußerst 
dünnen Verputz alle natürlichen Rauhigkeiten der Quadern geglättet. Die kleinen 
Wölbsteine der Gewölbekappen sind dagegen mit einem dickeren Mörtelverputz 
versehen und auf diesem ein Steinverband, Rechtecke von 7 Zoll (17 cm) Breite 
und 18 Zoll (43 cm) Länge bildend, durch weiße Linien angedeutet. Nur das nörd- 
liche Querhaus macht darin eine Ausnahme, daß in ihm die Kappen weiß oder 
sehr hellgrau gefärbt sind. 

Die Pfeiler, Scheide- und Kreuzbogen sind mit einem schönen, tiefgelben 
Ocker gefärbt, und zwar die letzteren durchaus, die beiden ersteren aber in der 
Weise, daß die einen Teil ihrer reichen Gliederung bildenden Stäbe weiß und nur 
die Einziehungen und Plättchen ockergelb gefärbt sind. Dasselbe ist bei dem 
Pfostenwerk und den von diesem getragenen Formen der Fenster beobachtet. 
Zum Ersätze für ihren sonstigen einfarbigen Anstrich sind die Kreuzbogen dagegen 
in ihren oberen Teilen bis auf 3 Fuß 3 Zoll {94 cm), von den Schlußsteinen und gleich- 
sam ein Ganzes mit deren Dekoration bildend, reicher verziert. Durch eine .schwarze 
Linie von der Fläche der Kappe gesondert, ist die obere, an diese anstoßende 
Platte dunkelrot gefärbt, der kleine Stab hochgelb und rot gemustert und durch 
die dunkelblaue Farbe der neben ihm befindlichen Einziehungen hervorgehoben, 
der untere Teil der Rippe aber, einen großen, mit einer Schneide versehenen 
Stab bildend, hellblau gefärbt und auf diesem Grunde die vorderste Schneide mit 
einem schwarz umrissenen Goldornament, welches in einer Lilienform endigt, verziert. 
Durch einige schwarze, rote, weiße und grüne Querstreifen ist dieser obere Teil 
vom Reste der Bogen getrennt. 

Die reichen Skulpturen der hohlen Schlußsteine sind ebenfalls farbig hervor- 
gehoben, und zwar das Laubwerk vergoldet, die bildlichen Figuren teils ebenfalls 
vergoldet, teils mit natürlichen Farben gemalt, während die tiefer liegenden Teile 
und Zwischenräume zu besserer Hebung der ersteren mit dunkler p-arbe, rot, 
blau und schwarz, versehen sind. Der mittelste Schlußstein des Langhauses sowie 
der im Gewölbe der Vorhalle ist außerdem noch dadurch hervorgehoben, daß 
ersterer mit einer auf die Kappen dunkelblau gemalten und mit goldenen Sternen 
besetzten Kreisfläche, der der Vorhalle mit einer solchen von viereckiger Form um- 
geben ist. Der Schlußstein des Gewölbes über dem Vorräume ist von vier Kronen 
haltenden Engeln, welche ebenfalls auf die Kappen gemalt sind, umgeben. 



137 

In größerer Farbenpracht leuchtet das Altarhaus. Während die unteren 
Teile der Wände bis an die erste Fensterreihe, die Leibungen dieser, nebst einer 
etwa lo Zoll (24 cm) breiten Einfassung, endlich die inneren Hohlkehlen und 
Plättchen derselben hellbraunrot wie im Lang- und Querhause gefärbt und mit 
weißen Fugenlinien versehen sind, sind die auf blauen Kragsteinen ruhenden 
Fenstersäulchen und das Stabwerk der F"ormen weiß gemalt und zu größerer 
Wirkung durch dunkelblaue Striche in den Winkeln dahinter hervorgehoben. 
Die Wandflächen zwischen Fenstern und Wandjjfeilern sind hellgrau (perlgrau) 
wie die Gewölbekappen und mit weißen Fugenlinien versehen. An den Wand- 
pfeilern selbst sind die verschiedenen Gewölbedienste, aus denen sie zusammen- 
gesetzt sind, verschieden gefärbt, und zwar die mittleren, auf denen die Scheide- 
bogen ruhen und welche sich durch größere Stärke auszeichnen, weiß, die Träger 
der Kreuzbogen hellbraunrot, die der Schildbogenrippen hellblau, die Einziehungen 
zwischen ihnen dunkelbraun. Sämtliche Knäufe haben gri.in gefärbte Blätter auf 
dunkelblauem Grunde, die Stäbchen sowie die Plättchen ihrer Deckplatten sind 
rot, die Hohlkehlen daran blau. — Die höchste Pracht ist jedoch für das Gewölbe 
aufgespart, welches sich gleich einem reich gestickten Zelthimmel iaber das AUer- 
heiligste ausspannt." 

Der Verfasser geht dann noch auf eine ausführliche Beschreibung der Pflanzen- 
formen über, die der Dekoration des Chorgewölbes zugrunde liegen. 

Zu der ganzen, durchaus klaren Darstellung ist hauptsächlich nur zu bemerken, 
daß Lange sich im Irrtum befindet, wenn er annimmt, es sei im Innern dieser 
Kirche der Reichtum der Ausmalung planmäßig nach dem Altarhaus hin gesteigert 
worden, wenn er überhaupt, wie dies ofienbar der F"all ist, die Dekoration der 
Schifie und die des Chores als ein einheitliches, seiner Ansicht nach wohl auch 
in einem Zuge entstandenes Ganzes ansieht. Im Gegenteil aber kann erwiesen 
werden, dafl die Polychromierung der Schiffe dem 13., die des Chores dagegen 
dem 16. Jahrhundert entstammte. Dem wahren Sachverhalte nach ist unmittelbar 
nach Vollendung des Baues, wahrscheinlich sogar stückweise je nach Vollendung 
der einzelnen Bauabschnitte, eine gleichmäßige Dekoration durch die ganze Kirche 
durchgeführt worden. Nach dem Sachbefund in verwandten Bauten zu schließen, 
ist diese früheste Bemalung im Chore sogar ganz gleich der geschilderten, bis 
auf Lange noch erhaltenen Bemalung im Schiff gewesen. Daß man die letztere 
der Bauzeit der Kirche zuschreiben muß, soll weiter unten gezeigt werden. Ein 
einziger Blick auf die im wesentlichen noch vorhandenen Pflanzenmalereien des 
Chorgewölbes indes genügt, um klarzustellen, wie die Chormalerei überhaupt 
ihren Ursprung nur der Scheideperiode der spätesten Gotik verdanken kann. Sie 
entwickelt sich nach dem im 15. und 16. Jahrhundert am meisten verbreiteten 
System, dessen Schöpfungen in allen Gegenden noch besonders häufig anzutreffen 
sind, und wonach helle, weiDe Gründe mit braunem Ranken- und grünem Blätter- 
werk und meist unter Zugabe verschieden gefärbter Blüten und Früchte geschmückt 
sind. I'2s mag eben in jener Spätzeit der Zustand der an 250 Jahren alten, 
frühgotischen Ausmalung eine Erneuerung wünschenswert gemacht haben, und 
man begann dieselbe im Chore, sicherlich mit der Absicht, sie über das ganze 
Innere fortzusetzen. Wenigstens muß die hellgraue Färbung, welche Lange auf 
den Gewölbekappen im nördlichen Querhause fand und welche identisch war mit 
der Grundfärbung der pflanzendekorierten Kappen im Chore, entschieden als ein 
vorbereitender Anstrich aufgefaßt werden, auf dem sich eine ähnliche Ausschmückung 



138 

wie im Chorgewölbe hat entwickeln sollen. Nach der Grundierung dieser Gew olb- 
flächen des Querschiffs ist eben die Arbeit unterbrochen worden. Ich erwähne, 
daß, wie durch glaubhafte Angaben nachgewiesen ist, sich auf diesen letzt- 
genannten Gewölbflächen unter dem betreffenden grauen Anstrich die ursprüng- 
liche hellrote Ouadermalerei gleichfalls vorgefunden hat. Die Formen des 
Ornaments der Chorgewölbe sind spätestgotische, ein hinein gemaltes, das Deutsch- 
ordenskreuz tragendes Wappenschild verrät allein schon durch seine Form die 
Entstehungszeit um das Jahr 1520. Im Gegensatz zu vielen spätgotischen Gewölb- 
malereien, in denen das Laubwerk nur die Zwickel der Kappenflächen füllt, 
überzieht das Ornament in dem in Rede stehenden Falle diese Flächen gänzlich; 
es löst sich aus gerade geführten Stengeln ab, welche die Gewölbrippen parallel 
und in geringem Abstand begleiten. Im Originale ist es ohne jeden Zweifel 
behandelt gewesen, wie in so manchen sonst noch erhaltenen Fällen und wie es 
in einem überhaupt sehr nahe verwandten Beispiel, nämlich von der spätest- 
gotischen Bemalung der benachbarten Kirche in Wetter, Ungewitter in seiner 
über den frühzeitigen Tod des Autors leider unvollendet gebliebenen Ornamenten- 
sammlung mitteilt; es war eben Flachmalerei, höchstens in den Blüten und 
Früchten der Pflanzen etwas in Modellierung gesetzt. Bei der Restauration wurde 
in Konturierung und Modellierung zu viel getan, auch die Farben wurden mehr 
oder weniger modernisiert und das Ganze der Eleganz und Wirkung moderner 
Salonmalerei nähergebracht. 

Die Langesche Beschreibung gibt keinen Aufschluß über die farbige Be- 
handlung der Kapitelle in den Schiffen. Nach anderweitigen Mitteilungen entbehrten 
dieselben der in der Schloßkapelle durchgeführten Uebereinstimmung mit der 
Farbenpracht der Schlußsteine und waren statt dessen auf dunkelrotbraunem 
Grund der Kelche im Blattwerk weiß und grün gehalten. Es war in bezug auf 
sie also bei der einfachen Ausstattung geblieben, welche nach Mitteilungen Un- 
gewitters auch die Kapitelle der Kirche in Wetter ursprünglich aufwiesen. 

Das ganze System der frühgotischen Ausmalung von St. Elisabeth läßt sich 
mit den Worten zusammenfassen: die Flächen hellrot mit weißen Quaderfugen, 
die Gliederungen weiß und dunkelgelb, die Kapitelle dunkelrot mit hellem Blatt- 
werk, die Schlußsteine in Gold auf Rot, Blau, Grün usw. 

Verglichen mit der früher geschilderten Dekorierung der Marburger Schloß- 
kapelle, fällt als unterscheidend die weniger kräftige Behandlung der Profilierungen 
(denen in der Elisabethen-Kirche die dunklen Kehlen fehlen) und die bescheidenere 
Abfarbung der Kapitelle ins Auge. Dabei ist wohl nicht zu leugnen, daß in 
bezug auf letzteren Punkt die Wirkung in der Schloflkapelle, wo diese Kapitelle 
in Gold und Farben mit den Schlußsteinen harmonieren, eine bessere ist. Der 
Grund einer hier stattgehabten Einschränkung ist gewiß in dem bei einem 
räumlich so ausgedehnten Denkmal stark ins Gewicht fallenden Kostenpunkt zu 
suchen. Wenn alle Arbeiten an einem derartigen Bauwerk im 13. Jahrhundert 
ungefähr denselben Aufwand an Mitteln erforderten wie heute, so machte hiervon 
allein die Herstellung von Vergoldungen, deren Wert im Gegenteil damals ein bei 
weitem höherer war, eine Ausnahme. 

Den jetzigen Zustand der Kirche betreffend, erwähne ich, daß die sämtlichen 
Schlußsteine in ihrer Bemalung ganz getreu, das Rankenwerk auf den Chor- 
gewölben mit den oben beschriebenen Modifikationen annähernd echt, alles übrige 
wesentlich abweichend von der alten P"ärbunCT übermalt erscheint. Besonders 



»39 

störend wirkt es, dafl im Chore statt des regelmäflig ins Graue stechenden dunklen 
Schieferblau, wie es die späte Periode zu verwenden liebte, ein helles giftiges, fast 
anilinmaßiges Blau verwendet worden ist. Die Quaderfugen sind überall unter- 
driickt worden. 

Ganz allein hinter dem Schreine eines der im südlichen Kreuzarm aufgestellten 
Altiire ist noch ein kleines Stück der alten Fugenmalerei unberührt sichtbar ge- 
blieben. An verschiedenen anderen Stellen habe ich dieselbe durch Abwaschen 
des neuen Ueberzuges zutage gefördert. 

Nicht unerwähnt mag bleiben, daß der Gesamtdekoration der Elisabethen- 
Kirche an verschiedenen Stellen figürliche Kompositionen aufgemalt sind. Indessen 
treten dieselben nur in einem Falle, nämlich wo, wie oben erwähnt, um einen 
Schlußstein herum vier gemalte Figuren gruppiert sind, in das System ver- 
woben auf. 

Bemalung des Aeufleren. Die nicht zu mißdeutenden Spuren einer 
ursprünglichen, durchgehenden Bemalung des Aeußeren, welche Schreiber dieses 
seiner Zeit zunächst an der Elisabethen-Kirche entdeckte, haben die Auffindung 
weiterer derartiger Reste bei einer ganzen Anzahl gotischer Monumente im Gefolge 
gehabt, und es kann derselbe nunmehr die vor der Hand befremdliche, aber auch 
durchaus gesicherte Behauptung aufsteilen, daß selbst große Quaderbauten 
vom 13. bis in das 16. Jahrhundert äußerlich vielfach vollständig poly- 
chrom bemalt waren. 

Die äußere Bemalung der Elisabethen-Kirche ist ziemlich gut erhalten auf 
den Flächen von Chor und Kreuzschiff, welche bald nach Hochfuhrung der Kirche 
durch die Errichtung des Sakristeigebäudes im nordwestlichen Winkel des Kirchen- 
kreuzes zugebaut worden sind. Dieselben gehen jetzt auf den von dem Aeußeren 
abgeschlossenen, schmalen, finsteren Zwischenraum zwischen Kirche und Sakristei. 
Der erste Blick zeigt, daß die Kirche, ebenso wie wir es bereits bei der Schloß- 
kapelle gesehen haben, im Aeußeren nach gleichem System wie im Inneren bemalt 
war. Die Fugen sind glatt verstrichen, die Flächen gänzlich mit einem äußerst 
dünnen Putz überzogen und rot gefärbt und schließlich wieder Fugen mit weißer 
Farbe (und zwar nicht immer auf den wirklichen Steinfugen) aufgemalt. Die 
ockergelbe Abfärbung besonders der Fenstergliederungen ist sodann auch auf den 
freistehenden Fronten der Kirche an vielen Stellen noch sehr gut sichtbar, und 
überall bieten sich einer genauen Untersuchung auch bei diesen freistehenden 
Teilen noch Reste des roten Quaderanstrichs da, wo ausladende Gesimse den 
nächsten Mauerstreifen unterhalb Schutz geboten haben. Diese Farbenspuren 
lassen sich bis in die obersten Partien hinauf verfolgen. Sie müssen zahlreicher 
und deutlicher gewesen sein, bevor gelegentlich der Restauration das Aeuflere der 
Kirche wiederholt mit Säuren abgewaschen wurde. — 

Ich habe im vorhergehenden nicht Raum gefunden, auf den reichen und präch- 
tigen F'arbenschmuck einzugehen, mit welchem zwei PZinbauten des Inneren, 
nämlich der Hochaltar und das Mausoleum der hl. Elisabeth, beides auch in ihrer 
Architektur unübertroffene Meisterwerke, ausgestattet sind. Gesagt sei nur, daß 
die Austeilung dieses Schmuckes im wesentlichen mit Gold, Weiß und Grün auf 
tiefroten und tiefblauen Gründen erfolgte. In ganz gleicher Pracht hat dann im 
Aeußeren ehemals das herrliche Westportal der Kirche gestrahlt. Die Untersuchung 
vom Gerüst aus ergab, daß alle Partien des vollendet schönen Laubwerks vergoldet 
gewesen sind. Die Gründe und Futter dieses Laubes waren in kräftigem Rot, 



I40 

Blau und Grün gemalt, die Gliederungen des Portalbogens in den Stäben weiß, 
in den Hohlkehlen blau und rotbraun. Die Portalsäulen hoben sich mit weißen 
Schäften von dem roten Quadergrund der Gewände ab, die Figuren hatten nach 
Art der Apostelbilder im Kölner Domchor gemusterte Gewänder in Gold und 
leuchtenden Farben. Die Türfliigel hatte man beiderseits unter den Beschlägen 
mit Pergament iiberzogen, welches sich auf der Innenseite, mit den Ordenswappen 
bemalt, noch erhalten hat. Aeußerlich mag dieser Pergamentüberzug eine kräftig- 
rote Grundfarbe gehabt haben, denn die reichen Türbänder wiesen noch vor nicht 
zu langer Zeit Spuren von Vergoldung auf Jetzt sind diese Bänder mit Asphalt 
und die Holzflächen steinfarbig (!) mit Oelfarbe angestrichen, die bronzenen 
Löwenköpfe auf den Türflügeln hat man noch einmal künstlich mit Farbe 
bronziert. 

P^rhebliche Farbenspuren erblickt man auch auf dem prächtigen kleineren 
Portal der Südseite. Das Gold scheint indessen hier ausgeschlossen gewesen zu 
sein, und das Blattwerk war in Grün gemalt. Schwache Reste eines Wandbildes 
rechts und links neben dem Bogen dieses Portals gehören nicht der Bauzeit der 
Kirche an, sondern tragen den Stil des 15. Jahrhunderts. Das Bild stellte die 
Anbetung des Christuskindes durch die drei Könige dar. — 

Es erübrigt noch, aus dem Dargestellten die naheliegenden Schlüsse zu 
ziehen betreffs Datierung nicht nur dieses Beispiels von farbiger Dekoration, 
sondern auch anderer, damit nahe zusammenhängender Fälle. Obgleich eine 
bezügliche spezielle Jahreszahl nicht überliefert ist, so ergibt sich doch aus der 
ganzen Baugeschichte der Kirche mit Sicherheit, daß Chor und Kreuzschiff im 
Aeußern gegen 1260 fertiggestellt waren. Die Sakristei ward um 1275 begonnen. 
In dem toten Winkel zwischen ihr und der Kirche zeigt sich die Architektur der 
letzteren vollständig so durch- und ausgeführt wie in den freistehenden Partien, 
das Mauerwerk der Sakristei selbst dagegen ist nach diesem Winkel hin ganz 
rauh belassen. Jede Annahme, daß dieser Winkel selbst jemals als ein zu 
benutzender Raum hätte betrachtet und behandelt werden können, ist gänzlich 
ausgeschlossen. Daraus ergibt sich, daß die Kirchenwände, soweit sie jetzt in 
diesen Winkel fallen, ihren oben erwähnten Farbeüberzug in dem Zeitraum 
erhalten haben, der sich ungefähr zwischen den Jahreszahlen 1260 und 1275 ein- 
begreift. Damit ist der gesamten Quadermalerei des Aeußern und ebenso der 
ganz gleichen des Innern ihr Ursprung als in die Bauzeit der Kirche selbst fallend 
angewiesen. 

Weiter aber folgt nunmehr, daß auch die ganz ähnliche unterste Poly- 
chromierung der Schloßkapelle, deren Bau an sich in eine nur um wenige Jahre 
spätere Zeit fallt, als die originale, ebenfalls noch im 13. Jahrhundert entstandene 
anzusehen ist. 

Sakristei-Bau. Dieses interessante, stilprächtige kleine Gebäude, von dem 
im vorstehenden schon die Rede war, dankt seine Entstehung, wie bereits gesagt, 
dem letzten Viertel des 13. Jahrhunderts. Es enthält in zwei Stockwerken die 
Sakristei und das ehemalige Archiv der hessischen Deutschordens-Balley. 

Die Sakristei ist ein quadratischer, mit vier Kreuzgewölben auf einem Mittel- 
pfeiler überdeckter Raum, in der Architektur der SchloDkapelle nahe kommend. 
Wie in der Kirche, so war auch hier die Farbendekoration erhalten. Sie ist hier 
seitens des Restaurators mit größerer Pietät behandelt und mit fast absoluter 
Treue erneuert worden. Das System ist im ganzen dasselbe wie in der Kapelle 



141 

des Schlosses. Die Wandflächen sind auf hellrotem Grunde mit weißen Ouader- 
fugen abgezogen, die Gliederungen in den Hohlkehlen mit dunklem Rotbraun, in 
den vortretenden Teilen jedoch nicht mit Weiß, sondern ebenfalls hellrot gefärbt. 
Kapitelle und Schlußsteine tragen reiche Vergoldung auf roten und blauen Grijndcn. 
Zu allem, was ich in diesen Gegenden von Farbenausstattung aus dem Mittel- 
alter vorgefunden habe, stellt sich fremdartig das Gewölbe des Raumes, dessen 
Kappenflächen einen kräftig-blauen Ton mit aufgesetzten Goldsternen zeigen. 
Allerdings geht der mittelalterliche Ursprung aus mir vorliegenden Notizen Langes 
hervor, doch nehme ich an, daß in dieser reicheren Behandlung der Gewölbflächen 
eine Zutat aus der Zeit des 14. Jahrhunderts auftritt. Damals richtete man die 
Sakristei zur Aufnahme des kostbaren Schreines ein, der die Gebeine der heiligen 
Landgräfin enthielt, was Anlaß zu reicherer Ausschmückung bieten mochte. — 
Das Gold auf dem Laub der Kapitelle ist Zutat der Restauration. Es war 
ursprünglich grün gefärbt. Der Archivraum über der Sakristei, der sich nach zwei 
oblongen Kreuzgewölben teilt, hat allein die ursprüngliche Dekoration unberührt 
bewahrt. Dieselbe ist hier sogar ausgezeichnet gut erhalten, der Bestimmung des 
Raumes entsprechend aber eine überaus einfache. Sie besteht in nichts als einem 
gleichförmigen Anstrich aller Teile mit dem mehr gedachten hellen Rot, dem auf 
Wand- und Kappenflächen das weiße Fugennetz aufgemalt ist. 



III. Die Marienkirche. 

Das durch seine imponierende Lage auf einer in halber Bergeshöhe geschaffenen 
mächtigen Terrasse auffallende Gebäude war die städtische Pfarrkirche. Der Chor, 
ehemals eine für sich bestehende, geschlossene Kapelle, ist um 1290, das weitläufige 
Langhaus um 1350 im Bau beendigt worden. Ersterer ist ein-, letzteres dreischiffig. 

Bei den vom Verfasser im Chore vorgenommenen Bauarbeiten fand sich, 
daß letzterer im Innern einen Anstrich in kräftigem Grau gehabt hat, auf den 
weiße Quaderfugen gezogen waren. Diese Manier der Bemalung gehört sonst der 
Stilperiode von 1350 bis 1450 an. Ob sich im vorliegenden Falle unter ihr ältere 
Farbüberzüge befinden, konnte nicht festgestellt werden. Die Schiffe treten zur 
Zeit mit einem gleichmäßigen modernen Anstrich auf Wo es ohne Einrüstung 
gelang denselben abzulösen, kam die alte Dekoration zutage, die ebenfalls in 
einer Quadrierung bestand. Die Grundfarbe der Flächen ist das unvermischte 
reine Weiß, die Fugenstriche sind in einem kräftigen Rotbraun aufgesetzt. In den 
Gliederungen finden sich die vortretenden Teile weiß gefärbt; die Kehlen waren 
nicht in dem gewöhnlichen rotbraunen Tone, sondern — wenigstens teilweise — 
mit Mennige gestrichen. 

Das Aeußere der Kirche selbst hat Reste von etwa durchgängiger Bemalung 
nicht entdecken lassen. Dagegen zeigt sich, daß auf der Südseite die Wandflächen 
zwischen Kaffsims und Sockel in ihrer ganzen Ausdehnung mit figürlichen Bildern 
und Wappenmalerei geschmückt gewesen sind. Die erhaltenen sehr geringen 
Reste verraten eine fleißige Ausfuhrung und den Stil des 15. Jahrhunderts. Zur 
Aufnahme dieser Bilder war die Wand mit einem dünnen Kalkputzüberzug vor- 
bereitet worden. 

Oestlich an den Chor der Marienkirche ward um 1600 ein Treppenhaus 
in deutschen Renaissanceformen mit einem reichen und zierlichen Portale angebaut. 



142 

Der malerische Anbau ist trotz der Herstellung in Quadern äußerlich ganz bemalt 
gewesen. Die noch vorfindlichen Spuren sind indes gering. Die Eckquadern 
waren grau gestrichen und mit schattierten Spiegeln bemalt. Sonst ist hauptsächlich 
nur noch am Wappen des Portales der, hier heraldisch bestimmte, Farbenschmuck 
zu erkennen. 

Die Sakristei läßt im Innern unter neuem Anstrich Reste derselben Bemalung 
hervortreten, wie sie das Kirchenschiff schmückte. 



IV. Die Michaelskapelle 

ist die malerisch am Abhang dicht gegenüber der Westseite der Elisabethen-Kirche 
gelegene capella in cimitei'io peregrijioriini. Das Innere hat im 17. Jahrhundert 
meist neuen Verputz erhalten und demzufolge kaum Farbe bewahren können. 
Das Aeußere zeigt die einstige Bemalung noch sehr deutlich. Sie sitzt einem 
durchgehenden Verputz auf, der auf den Quadern der Ecken und Architekturteile 
sehr dünn, auf den zwischenliegenden Bruchsteinflächen dicker ist. Der im 
13. Jahrhundert, dem dies Gebäude noch angehört, hierzulande vorherrschende 
hellrote Ton überzieht die Flächen; darauf erscheinen die üblichen weißen Quader- 
fugen. Sonst sind nur die Hohlkehlen und Fasen der Gliederungen abgesetzt, 
und zwar in dunklem Rotbraun. 



V. Die Hospitalskapelle vor Weidenhausen. 

Dieses kleine Bauwerk besteht aus einem schon überwölbten Chore, der gegen 
1300, und einem flach gedeckten Schiff, das gleichzeitig (nicht um 1580) ent- 
standen ist. 

Das Innere hatte die uns bereits bekannte hellrote Ausmalung mit weiß auf- 
gesetzten Fugen. An den Gliederungen waren, wie es scheint, nur die Hohlkehlen 
besonders, und zwar rotbraun gefärbt. 



VI. Die Kogler Kirche. 

Sie steht am Westende der Stadt auf halber Bergeshöhe und ist eine nicht 
vollendete, im Westen mit einer provisorischen Mauer abgeschlossene Anlage von 
der Art, die man als die der „halben Basiliken" füglich bezeichnen könnte. Das 
Mittelschiff hat zwar überhöhte Gewölbe, konnte aber wegen des geringen Maßes 
dieser Ueberhöhung nicht durch eigene Fenster erleuchtet werden. Der Chor ist 
einschiffig. Die Kirche ward 1485 vollendet und ist ein Werk von eleganten 
Verhältnissen und einheitlicher Durchführung. Sie bewahrt eine vollständige 
Ausmalung, die nach Inschrift im Jahre 15 16 hergestellt worden ist. Die den 
wichtigsten Bestandteil derselben ausmachenden Pflanzenmalereien im Gewölbe 
blieben bis heute unberührt, nur der sonstige, übrigens einfache Anstrich ist vor 
10 Jahren unter sachverständiger Leitung aufgefrischt worden. Alle Flächen sind 
rein weiß. Die Rippen, Konsolen und Dienste der Gewölbe, sowie die Gliederungen, 
Pfosten und Maßwerke der Fenster haben die hellrote Abfärbung mit weißen 
Fugen. Die glattweiüen Wände sind nicht weiter dekoriert; die zahlreichen 
Gewölbeflächen dagegen, welche sich zwischen den teilweise kapriziös geführten 



'43 

Rippen des reichen Netzgewölbes ergeben, finden sich in ihren sämtlichen 
Zwickeln reich mit Laubwerk in der uns von der Schloßkapelle her bekannten 
und überhaupt weit verbreiteten Manier der Spätgotik geschmückt. Auf der 
Längsachse des Gewölbes zeigen einige Kappenflächen aufgemalte Groteskköpfe, 
deren weite Mundöffnungen mit wirklichen, zum Aufhängen von Leuchtern be- 
stimmten Durchbrechungen im Kappengemäuer zusammenfallen. 

Auf dem unteren Teil der Chorwände sind einige Bruchstücke von gleich- 
zeitigen figürlichen Darstellungen, Braun in Braun gemalt, noch vorhanden. 



VII. Die Dominikanerkirche 

ist das Gebäude, dessen hochstrebender Chor den linksseitigen Abschluß des 
Stadtbildes herstellt, wenn man dem altertümlichen Marburg von jenseit der Lahn 
her gegenübertritt. Einzig dieser Chor ist von den Predigermönchen vollendet 
worden. Das Langhaus, welches aus einem Mittelschiff und einem nördlichen 
Seitenschiff besteht und in bezug auf letzteres die Anlage einer halben Basilika 
erhalten sollte, ist nur bis auf Seitenschiffshöhe emporgeführt worden. Interessant 
würde sich bei völligem Ausbau die südliche Mittelschiffswand dieser Kirche 
gestaltet haben. Dieselbe ist im unteren Teil ihrer Höhe in die äußere Strebe- 
pfeilerflucht gerückt, sollte darüber aber in die innere treten. So wäre noch 
einmal die in der Elisabethenkirche und in den Kirchen zu Haina und Gelnhausen 
auftretende frühgotische Anordnung einer doppelten Fensterreihe in derselben 
Mauer zur Ausführung gekommen. 

Die unvollendet gebliebene Kirche scheint durchgängige Bemalung nie erfahren 
zu haben, dagegen fand ich unter der neuen Tünche, welche die vorerwähnte 
südliche Mittelschiffswand und die Stümpfe ihrer nach innen gezogenen keilförmigen 
Strebepfeiler bedeckt, umfangreiche, die ganzen Flächen einnehmende Figurenbilder 
aus dem 15. Jahrhundert, die entschiedenen Kunstwert haben. Auf den Wand- 
flächen sind in lebensgroßen F"iguren Passionsszenen dargestellt, auf den Strebe- 
pfeilerflächen Einzelbilder von Heiligen. 

In der Sakristei löste ich ein schon früher durchschimmerndes Figurenbild unter 
der Weiße zum Teil heraus, welches ohne besonderen Wert ist und eine thronende 
Mutter Gottes mit Nebenfiguren zum Gegenstande hat. Der Stil ist der von etwa 1 500. 



VIII. Das Dominikanerkloster. 

Dasselbe ist wegen des Neubaues des Universitätsgebäudes bereits zum größten 
Teile abgebrochen. 

Der Kreuzgang zeigte im Innern und Aeußern Spuren einer Bemalung des 
15. Jahrhunderts, welche das architektonische Gerippe in Dunkelrot mit weißen 
Fugen gesetzt, die Flächen aber weiß belassen hatte. Darüber fand sich ein in 
blasseren, schattierten Quadern gehaltener Anstrich des 16. Jahrhunderts. Auf 
einer Außenwand des Kreuzganges kamen unter der Tünche zwei nicht uninteressante 
Darstellungen des hl. Christophorus und des hl. Georg (f) hervor, letzterer ver- 
stümmelt, beide im Stile von 1300 bis 1320. 

Die Wärmstube des Klosters bot, nachdem die neueren Farbüberzüge 
entfernt waren, ein gutes Beispiel von einfacher Zimmermalerei des 15. Jahrhunderts. 



144 

Die zur Hälfte vortretenden gefasten Deckenbalken waren ohne besonderes Absetzen 
des Fasens grau gestrichen, die Deckenfelder und die obere Hälfte der Wände 
weiß. Unten, und zwar auf Mannshöhe, hatte man die Wandfläche kräftig-rotbraun 
gefärbt, welche Farbe auch den Türflügel überzog. Unter der Decke lief auf der 
Wand ein 30 cm breiter, schwarz auf weiß schablonierter Maßwerkfries. 

Das ehemalige Dormitorium ergab bei der Untersuchung in einem süd- 
lichen, gegen 1450 erbauten Teile beachtenswerte Reste von Wandmalerei. Die 
Grundfarbe der sehr niedrigen Wände, über denen sich ehemals die Holzdecke in 
den Dachraum hinein erhob, war Weiß, die Fensterecken waren mit grauen Quadern 
eingefaßt. In Dreiviertel der Wandhöhe fand sich ein sehr breiter Fries aufgemalt, 
der sich in die tiefen Leibungen der flachbogigen Fensternischen hinein verkröpfte. 
Diesen Fries füllte ein prachtvoll gezeichnetes, in Weiß und Grün gehaltenes und 
fein schwarz konturiertes, verschlungenes Laubwerk von der bekannten Gattung, 
welche an die Darstellung der Helmdecken auf spätgotischen Wappenbildern erinnert. 

Die Wände des ehemaligen Refektoriums, das noch aufrechtsteht, haben 
unter einem Lehmüberzug von 1784 den alten Kalkputz bewahrt. Ich bin nicht 
dazu gekommen, den letzteren aufzudecken, doch dürfte dies zu tun auch jetzt 
noch der Mühe lohnen. 

Im Aeußern des Refektoriums fand ich in einer vermauerten Nische eine 
Darstellung der Kreuzigung Christi, aus dem 15. Jahrhundert herrührend, bei der 
die Hauptfigur plastisch hergestellt und bemalt ist, die zahlreichen Nebenfiguren 
dagegen nur gemalt sind. 

In den Klostergebäuden werden u. a. Werkstücke aufbewahrt, die sich beim 
Abbruch in modernem Mauerwerk vorfanden und von der in der Zeit um 1730 
demolierten Franziskanerkirche herrühren. Im Vorübergehen bemerkend, daß 
sich aus diesen Ueberbleibseln der kunstgeschichtlich sehr interessante frühgotische 
Chor genannter Kirche (deren Schiff dem 15. Jahrhundert angehörte) auf dem 
Papiere in der Hauptsache hat wiederherstellen lassen, erwähne ich hier speziell 
einen aufgefundenen Wölbstein von einer inneren Bogenblende. Dieser Stein ist 
auf seinem Fasen ockergelb, auf der Ansicht hingegen schwarz gestrichen und 
letzterer in weiß ein fortlaufendes romanisierendes Blattwerk aufgemalt. 

IX. Das deutsche Haus. 

Das Hauptgebäude dieser großartigen Anlage, die sogen. Kommenturei, birgt, 
wie mir nachzuweisen gelang, im östlichen Flügel noch das erste Marburger 
Franziskanerkloster in sich. Dieses schloß wiederum ein kleines, höchst zierliches 
Kapellchen ein, das sehr verstümmelt auf uns gekommen, vom Verfasser in den 
alten Stand gesetzt wurde und, abgesehen von seiner bemerkenswerten Anlage 
mit einem dem ganzen Umfange nach ausgekragten Chörlein, schon insofern 
allgemeineres Interesse erwecken muß, als feststeht, daß sein Raum noch vom Fuße 
der deutschen Nationalheiligen, der Landgräfin Elisabeth, betreten worden ist. 

Das Innere dieses Oratoriums war bemalt, und zwar mit hellroten Quadern 
zwischen weißen Fugen. Unter der flachen Holzdecke lag ein sehr einfacher, aus 
aneinandergereihten Kreisen bestehender, in Dunkelbraun aufgesetzter Fries. Das 
Kapellchen entstammt noch dem ersten Viertel des 13. Jahrhunderts. 

Im Mittelbau des deutschen Hauses war der sich daselbst nach der Südseite 
öffnende Arkadengang mit grauen, schattierten Quadern des 16. Jahrhunderts gemalt. 



I4S 



X. Der Kerner. 

Das Gebiiude trägt seinen aus „niriiar'uwi" verderbten Namen erst seit dem 
i6. Jahrhundert und war, ehe man um 1520 zu einem entsprechenden Neubau 
schritt, das Rathaus der Stadt. Das untere Stockwerk, ehemals die Rathauskapclle, 
dem 13. Jahrhundert angehörend, wurde etwa 100 Jahre nach der Erbauung und 
jedenfalls mit Rücksicht auf das sehr beschränkte Licht einfach geweil3t. Nur 
den Gratkanten der Kreuzgewölbe setzte man breite schwarze Striche auf Die 
fensterlose östliche Wand schmückte man mit einem figurenreichen Bilde, dessen 
zurückgebliebene Reste nicht einmal eine sichere Deutung des dargestellten Gegen- 
standes gestatten. 

XI. Der Rittersaal. 

Die Architektur des mächtigen Saalbaues ist aus mehrfachen Publikationen 
bekannt. Genaue Untersuchungen ergaben drei Schichten von Malerei übereinander. 
Keine derselben hat die Wandflächen in Anspruch genommen, weil diese von 
Anfang an auf den Behang mit Teppichen berechnet waren. 

Im Jahre 1572, wo überhaupt der Saal durchgreifend renoviert ward und 
seine eminent prachtigen, vom Verfasser restaurierten Täfelarbeiten im frühen 
Renaissancestil erhielt, strich man die Flächen weii3, malte die Gewölbrippen, die 
Pfeiler, Gewölbkonsolen und das Fensterwerk marmorartig in Rot und Gelb und 
vergoldete die skulptierten Schlußsteine auf der ganzen Unterfläche. 

Darunter waren im i 5. Jahrhundert die benannten Architekturteile in Grau 
mit weißen Fugen gemalt worden, und zwar die Gewölbrippen in der Weise, daß 
von den ziemlich langen Steinen, in die sie eingeteilt waren, abwechselnd der 
eine ein helles, der andere ein sehr dunkles Grau erhalten hatte. Die Schlußsteine 
waren in dieser Periode mit vergoldetem Laub auf buntem Grunde ausgestattet. 
Auf den Kappen umgab sie eine in Rot und Blau gemalte Strahlensonne. Aus 
dieser Periode fand ich auf einer der fensterlosen Wandflächen ein großes, sehr 
verstümmeltes Bild, in bewegten Menschen- und Tierfiguren eine Jagdszene vor- 
führend. 

In fruhgotischer Zeit waren in dem Rittersaal die Architekturteile in 
hellrote Quadern gesetzt und die P'lächen weiß. 

Das gesamte Aeußere des Saalbaues ist ursprünglich mit einem 
leuchtenden Ockergelb gestrichen und mit weißen Fugen abgezogen 



XII. Die übrigen Schloßbauten. 

In einem Saal des Leute hauses entdeckte ich unter neuem Putz im Jahre 1870 
ein friesartiges Tableau, Turnierszenen abbildend. Es hatte zahlreiche kleine, etwa 
25 cm hohe Figuren, war in zeichnender Manier angelegt und mit sehr satten 
Farben koloriert. Das Bild gehörte dem 15. Jahrhundert an und ist seitdem 
zerstört worden. 

Sonst wurden im eigentlichen Hochschloß nur sehr geringe Reste von 
Bemalung aufgedeckt. 

Schilf er. Gesaimuelte Aufsätze. 10 



146 

Wichtiger sind die Funde, welche in dem östlich isoliert stehenden so- 
genannten neuen Bau in demselben Jahre gemacht wurden. Ueber sie berichtete 
ich damals: 

,,Der obere der beiden Säle des ..neuen Baues" auf dem Schlosse zu Marburg 
war früher in drei Zimmer abgeteilt. Das nördlichste davon hat gegen den Schluß 
des 16. Jahrhunderts einen aus Lehm gefertigten neuen Wandverputz bekommen, 
der zur Grundlage gleichzeitiger Malereien diente. Die betreffenden Bilder sind 
samt der bezeichneten Putzschicht bei der jetzigen Reinigung der Wände leider 
bis auf geringe Ueberbleibsel abgeschlagen worden. Die erhaltenen Reste der im 
Renaissancestil gehaltenen Malereien zeigen eine Anordnung von je zwei Figuren 
auf jedem Fensterschaft mit einfassender, gemalter Architektur und erläuternden 
Inschriften. Letztere bezeichnen zwei dieser Figuren als die griechischen Heroinen 
Herse und Pandrosos. — Unter dieser Dekoration wird, und zwar zunächst in 
einem Streifen dicht unterhalb der Zimmerdecke, eine laut Inschrift im Jahre 1498 
gefertigte Malerei sichtbar. Man sieht vorderhand einen 2' ; Fuß hohen Fries, 
unten durch ein höchst seltsames, einem Flechtzaun nachgebildetes Band begrenzt, 
sonst zusammengesetzt aus Namensinschriften. Die geringen Bruchstücke geben 
die Namen: Frcmcisfcus von Sichingen, Hans von Ingelheuu, Iiittei' Philips Stumpff, 

.... von Honbcif), Hagen, Ejus. — Im Parterregeschoß, dem 

eigentlich sogenannten ,, neuen Saale", waren nach J. J. Winkelmann (gründliche 
und wahrhafte Beschreibung der Fürstentümer Hessen und Hersfeld) die Bilder 
der hessischen Fürsten seit Ludwig von Thüringen und der hl. Elisabeth gemalt. 
Dieser Saal war etwa im Jahre 1495 im Bau vollendet, und es müssen drei 
nunmehr an den Wänden sichtbare spätgotische Standfiguren als Rest der erwähnten, 
interessanten Figurenreihe angesehen werden. Die Tracht der Figuren ist die 
zeitentsprechende edler Leute, die Männer sind gerüstet. Die Figuren stehen 
vor einem Teppich, über dem noch ein landschaftlicher Hintergrund sich öffnet. 
Die Behandlung ist die der Flachmalerei, die Zeichnung elegant und sehr schön." 

Auch das Aeußere des neuen Baues erfreute sich einer gleichzeitig her- 
gestellten polychromen Behandlung. Sie war sehr einfach gehalten. Gesimse, 
Fenster- und Thüreinfassungen stachen in roter Quadermalerei von dem glatt- 
weißen Grunde der Flächen ab. Für ein scharfes Auge ist das Ganze noch wohl 
erkennbar. 

In letzterwähnter Manier hat man dann im 16. Jahrhundert auch die äußeren 
Flächen des Rittersaals übermalt. 

XIII. Das Rathaus. 

Das Rathaus ist ein spätgotischer Bau aus dem 2. und 3. Dezennium des 

16. Jahrhunderts. Geschmacklose, moderne Anstriche hatten innen und außen die 

alte Farbengebung verdrängt. Ueber letztere geben einigen Aufschluß die im 

städtischen Archiv erhaltenen Baurechnungen. Ich ziehe die folgenden Posten aus: 

,, Ludwig Leinweber wissbinder am rathus gegen dem markte 

wißgebunden und die ecksteine angestrichen mit schwartzer 

färbe usw. 

Gurt und Franz, Heinrich Stutz schreiners knecht und knabe hoben 
einen tag die gemolten sternborten oben am windelstein (ist der Treppen- 
turm) angeschlagen usw. 



147 

Itcni Jcilian moler von dem wnpen und bildnus St. Elis. pober der 
untersten thor am windclstcin mit s^old, silbcr und ander färbe zu molen 
geben 2 U. 2 sli. 6 "i. 

Item In der großen Stoben den Oben, Thorgestell, den Schrank und 
die listen (sind die noch erhaltenen Wandtäfelungen) gemolet und die 
l'ensterrohmen rot angestrichen gegeben 6 U j) sh. 

Item von 3 paren gehencken an die drei stobenthoren rot zu molen 
geben 2 sh. 

Item 17 fensterrahmen uf einer seile rot angestrichen 3 <;?." 

Die ausgezogenen Rechnungen betreffen das Baujahr 15 16. 



XIV. Die fürstliche Kanzlei. 

Der stattliche Bau von 1574 nimmt jetzt die Lokalitaten des Kreisgerichts 
auf. Erhalten war die Färbung, und zwar sauber und nicht ijberstrichen, in dem 
kreuzgewölbten Erdgeschoß. Wiederum hatte das konstruktive Gerippe seine 
Betonung durch Bemalung in hellroten Quadern erhalten, während die Flächen 
rein weiß geblieben waren. Die späte Elntstehungszeit sprach sich darin aus, daß 
an den weißen Fugen entlang die Licht- und Schattenkante der Quadern mit 
hellen und dunklen Strichen deutlich gemacht war. Bemerkenswert ist, wie die 
Anüingersteine der rippenlosen Gewölbe, obgleich der Flächenputz sie mitüberzogen 
hatte, samt ihren Vierungen in den Wänden durch die Malerei wieder ausgesprochen 
worden waren. 

Die betreffende Ausstattung ist seit kurzem verschwunden. 



XV. Wohnhäuser. 

Marburg liegt im Gebiete des Facluverkbaues; steinerne Privatgebäude blieben 
durch (las Mittelalter und die Zeit der Renaissance hindurch eine seltene Aus- 
nahme. 

Ueber dem Markte steht das in seiner ersten Anlage frühgotische ,, Steinhaus". 
Dieses große Giebelhaus ist nach einem Umbau am P2nde des 16. Jahrhunderts 
äußerlich in derselben Art bemalt worden, wie sie uns in der das Rathaus 
betreffenden, oben angeführten Rechnungsnotiz entgegentritt, nämlich weiß mit 
schwarzen (oder dunkelgrauen) Quadern auf Ecken und Gewänden. Hiervon sind 
noch Spuren sichtbar. 

In der Renaissance- und Barockzeit bemalte man die massiven Fassaden 
indes vorzugsweise entweder auf den ganzen Flächen oder nur auf Picken und 
Gewänden mit roten, schattierten, gern durch Spiegel verzierten Quadern; ebenso 
in noch späterer Zeit die zu diesem Zwecke über das Holz hin verputzten Fronten 
der Fachwerkhäuser. 

In der Nicolaistraße steht ein spätgotisches, zur Abhaltung bürgerlicher 
Festlichkeiten bestimmt gewesenes Steinhaus. In den Innenräumen desselben 
sind die Architekturteile im 15. Jahrhundert grau und im 16. dunkelrot gestrichen 
gewesen. 

Anno 1876 wurde auf der sogenannten Neustadt ein Holzhaus abgebrochen, 
welches wegen seines hohen Alters (es war 1320 aufgerichtet) und seiner merk- 

1(1* 



148 

würdigen Konstruktion das lebhafteste Interesse verdiente und auf welches ich 
in betreff seiner Architektur an anderer Stelle zurückkommen werde. Es hatte in 
den Zimmern Decken mit vortretenden gefasten Balken, die einen mittelalterlichen, 
kräftig roten Anstrich trugen. In den zu Läden und Werkstätten bestimmt 
gewesenen Räumen des Erdgeschosses fand sich auch der ursprüngliche noch vor. 
Ihm diente ein auf den zuvor eingekerbten Hölzern sehr dünner, auf den Gefachen 
dicker Kalkverputz als Unterlage. Der Anstrich stellte dunkelrot auf weißem 
Grunde wieder die Zimmerkonstruktion vor Augen, nur der Fuß der Wände war 
etwa 80 cm hoch schwarz gestrichen und mit sehr einfachen roten Linienmustern 
verziert. 

Aeußerlich strich man die Hölzer der Fachwerkhäuser in Marburg, wie in 
den meisten Gegenden des Fachwerkbaues, bis in das 17. Jahrhundert dunkelrot, 
später oft ockergelb. Die Gefache haben wohl sicherlich allgemein die jetzt 
noch auf den Dörfern der Umgegend sichtbare Behandlung mit flachmodellierten 
Ornamenten erfahren, doch hat sich in der Stadt selbst von derartigen Arbeiten 
nichts erhalten. — 1 

Schlußwort. 

In der Poljxhromierung der Marburger Monumente gotischer Bauzeit herrscht, 
wie das Vorhergegangene ergibt, das System der aufgemalten Quaderverbände bei 
weitem vor. Es finden sich folgende Arten der Behandlung ausgebildet: 

1. Alle Flächen sind rot, gelb oder weiß gestrichen und mit einem durch- 
gehenden Fugenmuster in weiflen bezw. roten Strichen detailliert, die Gliederungen 
in hellen und dunklen Erdfarben abgesetzt, die Kapitelle, Schlußsteine usw. durch 
lebhaftere Behandlung besonders betont. Manier besonders der frühen Zeit. 

2. Die Färbung der Flächen grau mit weißen Fugen. Häufig im 14. Jahr- 
hundert, wie ebenfalls; 

3. Die Behandlungsweise, wonach nur die Fxken und Glieder in Grau gequadert, 
die Flächen weiß belassen sind. 

4. Vom 14. Jahrhundert bis zum Schluß der gotischen Periode treten Deko- 
rationen auf mit rot gequaderten Ecken und weißen Flächen. 

5. Als für die Spätzeit charakteristisch müssen schließlich die Beispiele be- 
zeichnet werden, in denen die Art und Weise von 3 und 4 sich durch den weißen 
l-'lächen aufgemaltes Ptlanzenwerk bereichert. — 

In gleichem Sinne mit den Bauten Marburgs sind die gotischen Kirchen und 
Profangebäude Hessens überhaupt gemalt, und dasselbe ist nach meinen Erfahrungen 
der h'all mit der übergroßen Mehrzahl der Denkmäler dieser Zeit aus 
dem gesamten Deutschland, welche ihre Bemalung konserviert haben. Nur 
tritt in gewissen Gebieten als Steinfarbe das Grün hinzu, und es macht sich 
anderwärts die Beschränkung der Ouaderung auf die Ecken früher geltend als in 
den oben geschilderten Fällen. 



149 



Wohnhaus in Marliiirg. 



*) 



Das nach Größe und Programm sehr reduzierte Giebelhaus, das hier ver- 
öffentlicht wird, ist im Jahre 1877 zu Marburg ausgeführt worden. 

Das Gebäude enthält in zwei Stockwerken Bureaus und sonstige Geschäfts- 
räume für einen Rechtsanwalt, im Erdgeschoß Stallung ftir Pferde und Wagen- 
remise, im Dachboden Vorratsräume. Eine Retirade liegt gleichfalls im Erdgeschoß. 
Das Haus ist mit einer Seite dem Nachbarhaus angebaut, grenzt mit der gegenüber- 
liegenden, ohne hier Fenster offnen zu dürfen, an den unbebauten Raum eines 
anderen Nachbargrundstiicks und ist demnach nur von der vorderen und der 
rückwärtigen Schmalseite her beleuchtet. Es wurde deshalb nach mittelalterlicher 
Weise die Straßenfront ganz in h'enster aufgelöst, wenigstens soweit sie dahinter- 
liegenden Zimmern entspricht; vor Korridor und Treppe ist die Durchbrechung 
eingeschränkt. Ebenso kragen auf die Zimmerbreite die Geschosse über, für die 
]5reite des Korridors aber ist auf diese im Inneren doch nicht nutzbar zu machende 
Raum Vergrößerung verzichtet. 

Das Erdgeschoß ist in weißen Sandsteinquadern mit geputzter Bruchstein- 
fullung ausgeführt. Die HolzwJinde wurden in Eichenholz gezimmert und mit 
Backsteinen ausgemauert; die Gefache derselben sind geputzt und in einer weiterhin 
näher zu beschreibenden, den alten Bauernhäusern Oberhessens entnommenen 
Dekorationsweise durchgebildet. Dach und Erkerturm sind mit Schiefer gedeckt 
und haben schmiedeiserne Bekrönungen. Das Innere ist sehr einfach. Indes 
bestehen alle Türen, Fenster, Täfelungen sowie die Haustreppe aus stilmaßig ver- 
arbeitetem Eichenholz und alle Beschläge aus Schmiedearbeit. 

Es steht unter den Architekten, welche sich mit dem Studium der alt- 
deutschen Kunst ausfuhrlicher befaßt haben, längst fest, daß, um in den Formen 
dieser Kunst neu zu bauen, im höchsten Grade wichtig das Eingehen auf alle 
Eigenheiten der alten Technik ist und daß beispielsweise eine neugotische Aus- 
fuhrung auf das sorgfältigste die stilrichtige Anlage und Formendetaillierung 
einhalten kann und dennoch aus dem Stile fällt und auch dem gesunden Kunst- 
gefuhl nicht genügt, wenn sie in den Verbindungen, in der Flächenbehandlung 
des Materials, überhaupt im eigentlich Technischen von dem, was mittelalterliche 
Manier war, abweicht. Es sei mir daher vergönnt, auf die technische Ausfuhrung, 
wie man bei dem vorliegenden kleinen Bau sie durchzufuhren bestrebt gewesen 
ist, etwas näher einzugehen. 



*) Zuerst gedruckt in der Deutschen Bauleitung 1879, S. 337. 



I50 

Die Quaderarbeit ist mit schrägem Schlage scharricrt, die Steine haben 
gearbeitete Lagerfugen, gearbeitete Stoßfugen aber nur da, wo sie unter sich 
zusammenstoßen; stöJit der Quader an Bruchsteinmauerwerk bezw. Putz an, so hat 
er seine bossierte Kante behalten, außer im Bogen. Der Putz ist mit der Kelle 
glatt gestrichen und samt den Quadern ungefärbt geblieben. Bei der Zimmer- 
arbeit ist vorwiegend Wert gelegt auf die korrekte Herstellung der Verbindungen, 
für die natürlich Eisen nicht zu Hilfe genommen werden darf. Die Balken sind 
den Rahmen platt aufgedübelt, ebenso die Schwellen den Balken; die Füllhölzer 
liegen mit oben bündigen kurzen Blättern in Falzen der Balken. Die Kreuz- 
verstrebungen und Kopfbänder sind überblattet, auch die als Gesimse vortretenden 
Brustriegel bestehen aus langen ganzen Stucken und sind, die Ständer an drei 
Seiten, aber nur um ein geringes verschwächend, über die Wand hingeblattet. 
Die Holznägel blieben einen Zoll lang sichtbar. Die Schieferung ist nach deutscher 
Manier ausgeführt; wichtig ist es, auch die Kehlen rund auszuschiefern und nicht, 
wo sie liegen, die Dachfläche durch Metallstreifen zu zerschneiden. Das Schiefer- 
dach eines gotischen Gebäudes sieht ferner niemals stilecht aus, wenn zur Bequem- 
lichkeit des Schieferdeckers die Grate aufliegende Kanten bekommen haben. 

Die oben erwähnte Putzdekoration wird so hergestellt, daß man auf das 
hinter das Holz zurückgesetzte Gefach eine einzige Schicht ziemlich fetten Kalk- 
putzes aufbringt, dieselbe mit einem feinen Reiserbesen alsbald stippt, dann das 
anzubringende Ornament mit einer metallenen Spitze aufzeichnet bezw. den 
Konturen nach einreißt und dasselbe ferner mit dem Modellierholz oder Modellier- 
eisen glatt streicht und in ein mäßiges Relief bringt. Gut ist es, das Gefach 
ringsum an den Hölzern entlang mit einem ebenfalls glatt gestrichenen Streifen 
einzufassen. Die ganze Verzierung muß vorgenommen werden, wenn der Putz 
noch halb feucht ist. Ehe er ganz trocknet, wird das Ornament und der Rand- 
streifen mit Weißkalk bemalt. In dieser Weise ist bei dem in Rede stehenden 
Neubau verfahren worden, nach dem Vorgange der schon erwähnten oberhessischen 
Bauernhäuser, an welchen, wenigstens in gewissen Strichen noch, dieser bei 
einfachster Herstellung so wirksame Schmuck aus älterer und neuerer Zeit sich 
vielfach erhalten findet. Und zwar ist die geschilderte Herstellungsweise die 
älteste und verbreitetste. Einige neuere Methoden geben weniger günstig wirkende 
Resultate, am ungünstigsten sehen diese Gefache aus, wenn die Körnelung des 
Grundes nicht durch Behandlung mit dem Besen, sondern durch Punzieren mit 
einer drahtstiftbesetzten Bürste erzeugt wird, so daß dann ein Muster von regel- 
mäßig stehenden Punktchen auftritt. Erwähnt sei hier, daß die mehrgenannten 
alten Beispiele in dieser Verzierungsweise — teilweise noch dem vorigen Jahr- 
hundert angehörig — häufig eine recht geschmackvolle Durchbildung aufweisen 
und im Entwurf ihres Blattwerks mehr den Eindruck einer derben Bauern- 
renaissance, als den des Zopfes machen. In neuerer Zeit ist die Behandlung 
mehr naturalistisch geworden und gegenwärtig die ganze Verzierungsweise im 
Aussterben begriffen. Leider ist ihre Haltbarkeit beschränkt durch das in den 
fraglichen Dörfern allgemein übliche Aufsetzen des Kalkmörtels auf Lehmunter- 
grund; sie beginnt auch bei den in der ,, Bildung" fortschreitenden Bauern unbeliebt 
zu werden, und es sind zur Zeit schon bei weitem nicht so viele ältere, gut 
gezeichnete derartige Muster mehr anzutreffen, wie ich noch vorgefunden hatte, 
als ich vor zehn Jahren die Aufmerksamkeit der Fachgenossen auf diese so dank- 
bare Behandlung geputzter Flächen hinzulenken versuchte. — 



151 



Ks bedarf übrigens an dieser Stelle wohl kaum der besonderen Erwähnung, 
daß ein geputztes, wie ein gemauertes Gefach, wenn man gotisch oder in deutscher 

Renaissance bauen will, im all- 
gemeinen mit der Fläche der Höl/.er 
bundig zu liegen hat und daß sich 
dieser Stil am wenigsten mit der 
heute so äußerst beliebten Art 
vertragt, wonach die Gefache um 
ein ganz geringes zurückgesetzt 
und an den Hölzern „die Kanten 
gebrochen" werden. 

Die inneren Türen sind Fül- 
lungstüren, die äußeren glatt auf 
verjüngten eingeschobenen Leisten, 
die Fenster, wie die Fassaden- 
zeichnung erweist, sämtlich ein- 
flüglig mit festen, eingezimmerten 
Pfosten und Kreuzstücken. Die 
Brusthölzer wurden mit äußeren, 
abschüssigen, in die Fensterpfosten 
etwas eingelassenen Fensterbrettern 
abgedeckt. 

Bekanntlich wird in echter 
Gotik oder Renaissance zu bauen, 
durch nichts mehr erschwert, als 
durch den heutigen Zustand des 
Kunstschmiedegewerkes, den man 
im allgemeinen immer noch als 
ein gänzliches Daniederliegen be- 
zeichnen kann, wenn schon in ein- 
zelnen Zentren die Bemühungen 
hervorragender Baukünstler eine 
mehr oder weniger nachhaltige 
Besserung und in einzelnen Fällen 
sogar die höchsten Resultate er- 
zielt haben. In der Provinz aber 
sieht es mit diesen Dingen meist 
noch sehr trübe aus, und die 
einschlagenden Werke selbst der 
besten Architekten leiden nur zu 
häufig durch die mangelhafte Aus 
führung der Schmiedearbeit. In 
Marburg ist es jetzt möglich, diese 
Arbeiten in einer Vortrefflichkeit 
hergestellt zu bekommen, die mit 
der der alten Werke wetteifern 
kann. Beiläufig sei bemerkt, daß der strebsame Künstler, den wir hier' im Sinne haben, 
nicht einer von den ,, alten Meistern im Schurzfell" ist, auf die alle Hoffnung zu 




liiiiliiiil 



Abb. 20. 



152 

setzen, ehemals unter den „Gotikern" gebräuchlich war, sondern ein Mann, der 
in seinen Beruf die gründliche allgemeine Bildung mitgebracht hat, wie sie eine 
gelehrte Schule bietet. 

Sämtliche Türbänder sind aus viereckigen Stücken z.u Kunstzwecken besonders 
hergestellten, mit Holzkohlcnfeuer gefrischten Schmiedeisens allein mit Hammer 
und Meißel warm gearbeitet, dergestalt, daß auch alles Blattwerk ohne jede Hilfe 
der Feile nur mit jenen beiden Werkzeugen geschmiedet ward. Diese Arbeiten 
sind gleich den Fensterbändern, Schloflkasten usw. rauh abgehämmert und ohne 
Anstrich verblieben. Die Türschlösser zeigen eine Einrichtung, welche sich seit 
verschiedenen Jahren, wo ich sie zuerst für die Marburger Universitätsbauten projek- 
tierte, gut bewährt hat. Es sind aufgesetzte Kastenschlösser, abweichend aber 
von der gewöhnlichen Konstruktion sitzt der ganze Mechanismus des Schlosses 
einer Grundplatte auf, welche auf die Tür genagelt ist; er wird geschützt durch 
einen beweglichen, gänzlich hohlen Schloßkasten; dieser dreht sich mittels Scharniers 
um die Kante des gleichfalls auf der Grundplatte festsitzenden Stulpes und wird 
mit einer einzigen Schraube gegen diese Grundplatte angezogen bezw. gelöst. 
Infolgedessen kann man das Innere des Schlosses jederzeit besichtigen, reinigen, 
ölen und sogar viele Reparaturen daran vornehmen, ohne daß das Schloß von der 
Tür abgenommen zu werden braucht. 

Die geschmiedeten Bekrönungen der Giebel zeigen reiche Rosetten, die in 
einer Ebene liegen, während die Bekrönung des polygonen Turmchens konzentrisch 
gestaltet ist. Alle Schreinerarbeiten sind mit gewöhnlichen geschmiedeten Nägeln 
genagelt, deren unregelmäßige, unversenkte Köpfe nach dem Urteil vieler, 
die diese und ähnliche Ausführungen gesehen, nicht ungünstig, sondern günstig 
wirken. 

Die Fenster sind mit Butzenscheiben verglast. Dieselben werden sehr schön 
bei Neuhauser in Innsbruck fabriziert, sind 1 1 cm groß, mild grünlich und in der 
Mitte stärker als am Rande. Sie empfehlen sich in hohem Grade da, wo der 
Ausblick durch die geschlossenen Fenster entbehrt werden kann oder, wie im 
vorliegenden Falle, ausgeschlossen werden soll. Das ruhige, gleichmäßige, dem 
Auge äußerst wohltuende Licht, welches sie dem Zimmer mitteilen, dürfte diese 
Art von Verglasung besonders für besser auszustattende Arbeitsräume geeignet 
machen. Die Zwickel zwischen den Butzenscheiben sind mit Stückchen von 
Kathedralglas ausgefüllt. 

Die für alle Bauteile gewählten Formen entsprechen dem Stile des 13. Jahr- 
hunderts. Wenn man auf Grund dessen das in Rede stehende Bauwerk als ein 
Holzhaus in frühgotischem Stile bezeichnen könnte, so darf dies natürlich durchaus 
nicht etwa so verstanden werden, als habe es zur Zeit der Frühgotik Holzhäuser 
gegeben, welche diesem kleinen Bau gleich oder ähnlich gesehen haben. Der 
letztere ist vielmehr seiner Anlage und Konstruktion nach spätgotisch beziehungs- 
weise ein Renaissancebau und nur in der Art des 13. Jahrhunderts detailliert; unter 
das Detail ist hierbei die Ausgestaltung der Fenster mit ihrem Pfostenwerk einzu- 
begreifen. 

Wenn schon hier nicht der Ort ist, auf die Geschichte des Fachwerkhauses 
näher einzugehen, so möge doch bei vorliegender Gelegenheit der landläufigen 
Meinung entgegengetreten werden, als ob man über das Aussehen des Holzhauses 
der frühen Gotik ganz gut unterrichtet sei und als ob wir uns dies Holzhaus 
ähnlich den zahlreich noch vorhandenen Holzbauten der folgenden Perioden, nur 



in abweicliendes Detail gekleidet, vorzustellen hätten. Die Wahrheit ist, daß 
Holzbauten des 15. Jahrhunderts schon viel seltener sind, als man gewöhnlich 
annimmt, daß solche des 14. Jahrhunderts äußerst selten erhalten sind und solche 
des 13. Jahrhunderts, wie es allen Anschein hat, ganz fehlen, daß aber in den 
eigensten Gebieten des deutschen Holzbaues in der Zeit um 1350 eine wesentliche 
Aenderung im Konstruktionssystem erfolgt sein muß. Nach den höchst spärlichen 
Resten zu schließen, welche aus den fimf Jahrzehnten vor diesem Zeitpunkt sich 
noch vorfinden, scheint das Fachwerkhaus der Frühgotik überhaupt seinem ganzen 
Konstruktionsprinzip nach von demjenigen der späteren Zeit des Stils unterschieden 
gewesen zu sein. 

Es finden sich, was ich hier noch kurz besprechen möchte, in dem über 
unser Lob erhabenen Werke von VioUet-le-Duc unter dem Artikel Pan de hois 
zwei Beispiele von Holzfassaden mitgeteilt, von denen die eine dem F'ndc des 
13. und die andere sogar der Mitte des 12. Jahrhunderts entstammen soll. Es 
möchte indes vor Schlüssen, die aus den betreffenden Bildern auf die Ausbildung 
der Holzarchitektur in diesen Perioden gezogen werden können, zu warnen sein. 
Ich scheue mich nicht, es auszusprechen, daß ich dem Datieren des großen fran- 
zösischen Archäologen in diesem Falle kein Vertrauen schenke. 

Das Haus in Chateaudun (Bd. 7, S. 43 ff. des Dicfio)uinirc de rarchitecturc) 
mit seiner Konstruktion aus ziemlich gleichmäßig mittelstarken Hölzern, seinen 
Fullhölzern zwischen den Balkenköpfen, seinen Andreaskreuzen und steilen Wand- 
streben und seinen verhältnismäßig breiten Fenstern bin ich, trotz der Kleeblatt- 
bogen in den Fensterstürzen, durchaus geneigt, der Zeit um 1400, keineswegs 
aber einer früheren zuzuschreiben; auch datiert Viollet-le-Duc dies Haus nur auf 
Grund des Aussehens der sehr einfachen Profile. Das Haus von Dreux (S. 39 ff. 
daselbst) ist seit 1834 verschwunden, war überhaupt nur in Fragmenten erhalten, 
und es sind nicht diese Fragmente abgebildet, sondern restaurierte Zeichnungen 
mitgeteilt. Es ist kaum zu glauben, daß aus der Zeit vor einer zweihundert- 
jährigen Lücke in der Reihe der Denkmäler ein solcher einzelner Rest übrig 
geblieben sein sollte, und die l'uhrung der Hölzer sowie einzelne Verbindungen 
machen für eine so frühe Zeit viel zu sehr den Eindruck des Künstlichen. 



154 



Der äußere Putz am Limburger Dome. 



In einer Mitteilung in Nr. 4 der „Deutschen Bauzeitung" 188 1 spricht sich 
Herr H. Stier über die Frage, ob die äußeren Mauerflächen des Domes zu Limburg 
ursprünglich geputzt gewesen, in verneinendem Sinne aus. Veranlassung dazu 
ist eine Angabe, die von mir gelegentlich eines Vortrages im Berliner Architekten- 
Verein gemacht worden war. Ich habe damals den Putzüberzug, den der Dom 
bis in die 70er Jahre aufwies, als der Bauzeit angehörig bezeichnet und dessen 
nunmehrige Entfernung bedauert. Auch gegenüber der Aeußerung des Herrn 
Stier vermag ich an meiner bisherigen Meinung nur festzuhalten, denn: 

1. habe ich den Dom vor der Restauration zu verschiedenen Malen, zuerst 
in 1864, zu studieren Gelegenheit gehabt. Der Ueberzug, der damals die Bruch- 
steinflächen zwischen den Ecken und Gesimsen deckte, war seiner ganzen Be- 
schaffenheit nach mittelalterlichen Ursprungs; auf ihm waren die deutlichen Reste 
einer einfachen gotischen Bemalung sichtbar (die Flächen waren gelblich-weiß, 
die Ecken mit weißen Fugen grau gequadert); 

2. steht auf Seiten meiner Ansicht die Auffassung des gediegenen F"orschers 
und gründlichsten Kenners der nassauischen Monumente, des verstorbenen 
Professors Dr. Lotz. Derselbe sagt in dem von ihm auf staatliche Veranlassung 
verfaßten Buche: ,,Die Baudenkmäler im Regierungsbezirk Wiesbaden", Seite 282, 
Art. Limburg: 

,,Dom St. Georg. Von 1872 an einer gründlichen Restauration 
unterworfen, wobei der zum Schutze des Gebäudes gegen die Witterung 
schon ursprünglich auf die Wandflächen aufgetragene, 1766 bei einer Her- 
stellung des Aeußeren wieder ergänzte Putz beseitigt worden ist." 

3. sehe ich als sehr wichtig in dieser Frage an die Analogie. 

In jenen Lahngegenden stehen, gleichfalls dem Mittelalter entstammend und 
gleichfalls wie Limburg wild aus Bruchsteinen gemauert, hundert Kirchen aufrecht, 
und diese sind sämtlich Putzbauten. Das halte ich für geradezu entscheidend. 
Die nah belegene schöne Klosterkirche zu Arnstein hatte ich noch in den letzten 



Zuerst gedruckt in der Deutschen Bauleitung 1881, S 59. 



155 

Monaten Gelegenheit zu untcrsuclien; es kann bewiesen werden, daß der Putz 
auf ihren Außenflächen alt ist. l"ür Dutzende von benachbarten Monumenten 
besitze ich entsprechende Notizen aus früherer Zeit. 

Herr Stier spricht davon, daß gewisse, im 14 Jahrhundert durch Anbauten 
dem IMicke entzogene Flächen in 1869 ohne Putz gewesen seien. Ich würde 
mich verpflichtet fühlen, zur Aufhellung des Konflikts zwischen diesem Umstand 
und meiner wohlbegrundeten Ueberzeugung mitzuwirken, wenn dies jetzt nach 
Ueberarbeitung aller Außenflächen noch möglich Wcäre. Vielleicht weiß ein anderer 
von früherer Kenntnisnahme her hier Aufschluß zu geben. — Daß der ,, monu- 
mentale Eindruck des Bauwerks" durch Beseitigung des Putzes eine P3rhöhung 
erfahren hat, dürfte zu bezweifeln sein: der Mittelturm ist wieder geputzt worden, 
die übrigen Flächen stehen in sehr höckerigem Mauerwerk von viererlei Farbe da; 
die breite Ausfugung mit Portlandzement wirkt nicht günstig. Eine ,, Restauration" 
ist letztere wohl nicht zu nennen. 



156 



Steinerne Kanzel für den Dom in Naumburg.' 




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Abb. 21. steinerne Kanzel in Naumburg. Vorderansicht. 



Wenn die Aufgabe an uns herantritt, ein älteres Bauwerk seiner eigenen 
Stilfassung gemäß zu ergänzen oder auszustatten, wie dies unsere kritisch ange- 
legte Zeit im Gegensatz zu allen hinter uns liegenden Kunstperioden so häufig 
mit sich bringt, so wird diese Aufgabe im allgemeinen eine um so schwierigere, 
je früheren Datums das Denkmal ist, um das es sich handelt. Denn es möge 
von Dingen der großen Architektur oder solchen des Ausbaues oder von Er- 
zeugnissen der Kleinkunst die Rede sein, so ist die Zahl der Vorbilder, die sich 
dem Studium darbieten, der Regel nach eine größere aus jeder späteren als aus 



*) Zuerst gedruckt im Zentralblatt der Bauverwaltung 1881, S. 51, 151. 



157 

einer vorausjjegangenen Zeit, und zwar aus Gründen, die einer besonderen Dar- 
legung nicht bedürfen. 

Ein schwieriges Gebiet betritt beispielsweise derjenige, welchem die stilgemäUe 
Einrichtung eines romanischen Kirchenraums anheimfällt, während die Lösung 
wesentlich leichter wird, wenn ein Denkmal der gotischen Zeit in Frage steht. 
Es fehlt fast völlig an Altären, Stühlen und Orgelgehäusen aus jenen längst 
verwichcncn Jahrhunderten, und auch für die Kanzel liegt nur eine geringe Zahl 
geschichtlicher Muster vor. Dem Schreiber dieser Zeilen sind — außer den 
kanzelartigen Ambonen in Aachen und in der Liebfrauenkirche in Halberstadt — 
aus Deutschland nur die Kanzeln in Goslar und Wechselburg einerseits und in 
Buchen und Wiebrechtshau.sen anderseits als der romanischen Zeit angehörig 
bekannt.*) Die Kanzel in der Neuwerkskirche in Goslar steht nicht mehr an 
ihrer Stelle und weist überhaupt ihre ursijrüngliche Verfassung nicht mehr auf; 




Abb. 22. Steinerne Kanzel in Naumburg. Seitenansicht 

sie zeigt den viereckigen Grundriß. In Wechselburg ist die Grundrißform eine 
unregelmäßig eckige, in Buchen und Wicbrechtshausen die halbrunde. In allen 



*) Die genannten Werke sind sämllicli in Aufnahmen veröffentlicht: in Mithoff, „Archiv", in 
Puttrich, „Denkmale", und in den vom Hannoverschen Architekten -Verein herausgegebenen „Bau- 
denkmälern Niedersachsens". 

Die meist ebenfalls der romanischen Zeit zugeschriebene runde Kanzel in St. Jacob in Coslar 
gehört, wie hier beiläufig bemerkt werden mag, der spätesten Gotik (etwa 1510 — 1520) an, einer 
Kunstperiode, deren Werke, wenn sie in die nüchterne Richtung einschlagen, nicht selten einen 
romanisierenden Charakter zur Schau tragen. 



158 



um Steinballten und um Weikc von hci-vorragender 



können, daß die in den beistehenden 




vier Fällen handelt es sich 
Schönheit. 

Es wird ohne Bedenken gesagt werder 
Holzschnitten mitgeteilte neue Kanzel für 
den Dom von Naumburg sich diesen treff- 
lichen Vorbildern mit Erfolg zu nähern ver- 
sucht. Sie ist im Jahre 1877 im Zusammen- 
hange mit der inneren Restauration des 
Domes ausgeführt worden. Der Bau wurde 
notwendig, weil die bis dahin vorhandene 
Kanzel, eine verhältnismäßig kunstlose 
Schöpfung aus neuerer Zeit, mit der Bühne, 
auf der sie sich erhob, die herrliche Archi- 
tektur des westlichen Lettners dem Blicke 
entzog und deshalb entfernt werden mußte. 

Die Kanzel erhebt sich, entsprechend 
der wohlbegründeten Sitte des Mittelalters, 
an einer Längsseite; sie ist an einen der 
Pfeiler angebaut, welche Mittel- und Seiten- 
schiff trennen. Das Material ist der fein- 
körnige Kalkstein der Gegend. Die die 
untere Halle schließenden Gitter harren noch 

der Herstellung. Der Entwurf wurde in Berlin im Ministerium der öffentlichen 
Arbeiten nach den Angaben des Geh. Oberbaurats Salzenberg von dem Archi- 
tekten Au gen er gefertigt. 



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Abb. 23 Grundriß. 



159 



Die Glasmalerei des Mittelalters und der Renaissance.'^ 



Vorwort. 

Seit dem Wiederaufleben des Interesses an der Kunst unserer Vorzeit haben 
sich auch die glanzvollen Schöpfungen der alteren Glasmalerei einer immer mehr 
wachsenden Beachtung zu erfreuen gehabt und sind dementsprechend Gegenstand 
einer umfangreichen Literatur geworden. In zahlreichen Aufnahmewerken wurden 
die erhaltenen Denkmäler publiziert, und eine stattliche Reihe von Autoren hat 
Zeit und Miihe der Geschichte dieses Kunstzweiges gewidmet. Trotzdem wird 
man es wagen dürfen, auch hier von der vielberufenen , .Lücke" zu reden; den 
Verfasser dunkt, daß es an einer Arbeit fehle, welche in Kürze über den Ent- 
wicklungsgang der Glasmalerei zu orientieren vermag und dabei die gerade für 
diesen Entwicklungsgang so überaus wichtigen technischen Gesichtspunkte genügend 
zur Geltung bringt. In diesen liegt die Geschichte der Glasmalerei begründet; 
die vorhandenen Schriften bringen statt der letzteren, die sie versprechen, nur zu 
oft eine Geschichte der Glasmaler oder eine solche der Gegenstände der alten 
Fenstermalereien; eine viel zu geringe Berücksichtigung haben bisher die orna- 
mentalen, nicht figürlichen Malereien gefunden. 

In dem vorliegenden Schriftchen gibt Verfasser den Inhalt des ersten Ab- 
schnittes des von ihm an der Technischen Hochschule gehaltenen Vortrages über 
,, Ausbau und ausstattende Kunst im Mittelalter". Ein Zusatz ist entstanden, 
indem er die Gelegenheit benutzte, seine Meinung über den Wert der neuesten 
Auseinandersetzungen des Professor Sepp zur Tegernseer Frage anzudeuten, und 
indem einige Aenderungen zu der in den ,, Quellenschriften" gegebenen Ueber- 
setzung des Theophilus vorgeschlagen wurden. 

Die kleine Arbeit beruht durchweg auf dem Studium der Monumente. Die 
Illustrationen sind nach eigener Aufnahme für den Zweck dieser Veröffentlichung 
gezeichnet worden. 

Berlin, Oktober 1881. 



*) Zuerst gedruckt im Zentrallilatt der Rauverwaltung 18S1, S. 5 IT.; aucli als Sonderdruck mit 
dem obij^en Vorwort l)ci Krnsl u. Korn, Berlin 1881. 



i6o 

Unter Glasmalerei im engeren Sinne und nach dem Sprachgebrauch des 
Architekten versteht man die Kunst, Glas, das zum Fensterverschluß dienen soll, 
mit Farben zu bemalen, welche den Scheiben durch einen Schmelzprozeß auf- 
gebrannt werden. Diese Kunst hat bekanntlich das ganze Mittelalter hindurch 
und noch während des i6. und 17. Jahrhunderts eine sehr wichtige Rolle gespielt, 
ist in den dann folgenden Zeiten der Entartung und Vernachlässigung verfallen, 
neuerdings aber zu frischer Blüte erweckt worden. Gegenwärtig erfreut sich die- 
selbe bei den Künstlern jeder Richtung wieder einer hohen und allseitigen Wert- 
schätzung. 

Die vorliegenden Zeilen haben den Zweck, Berufsgenossen, denen die Ge- 
legenheit zu selbständigen Studien in diesem Kunstzweige nicht gegeben ist, kurz 
mit Geschichte, Wesen und Bedingungen desselben bekannt zu machen und 
ihnen die bemerkenswertesten von den Ergebnissen mitzuteilen, zu welchen der 
Verfasser in dieser Hinsicht während eines längeren Umgangs mit den Mo- 
numenten der Glasmalerei und durch einschlägige eigene Versuche gelangt ist. 

Quellen unserer Kenntnis. Literatur. Das Material, auf dem sich 
unser Wissen von der älteren Glasmalerei und der wohlgelungene Versuch unserer 
Zeiten, sie wieder aufzunehmen, aufbauen mußte, besteht vor allen Dingen in 
der glücklicherweise immer noch sehr bedeutenden Anzahl erhaltener Denkmäler 
in Deutschland und Frankreich, in England, den Niederlanden und der Schweiz, 
sowie in Italien. Verhältnismäßig von geringem Belang sind die gelegentlichen 
Nachrichten von Werken dieser Kunstgattung bei den mittelalterlichen und den 
ihnen folgenden Schriftstellern. Für die späten und spätesten Perioden kommen 
ferner mancherlei Entwürfe in Betracht, welche, von Künstlerhand für die Aus- 
führung in Glas gefertigt, sich bis in unsere Sammlungen gerettet haben. Eine 
nicht zu unterschätzende Bedeutung nimmt aber ein Buch des 12. Jahrhunderts 
in Anspruch, welches das Technische der Glasmalerei ausdrücklich zu seinem 
Gegenstande macht, des Theophilus presbyter seJicdula diversariim artkini. 

In dieser bekannten Schrift ist das zweite Buch der Kunst, Glas zu machen, 
zu malen und sonst zu verarbeiten, gewidmet. Ich werde im Verfolg auf diesen 
Autor noch zurückkommen und bemerke hier, daß das Buch seit 1874 in deutscher 
Uebersetzung*) zugänglich ist, daß der Name Theophilus ein Pseudonym ist und 
daß der Verfasser, wie A. Ilg wahrscheinlich macht, in dem zu Ausgang des 
II. und Anfang des 12. Jahrhunderts zu Heimarshausen in Hessen lebenden 
Benediktiner Rogerus gesucht werden muß. 

Die moderne Literatur über Glasmalerei ist in neuerer Zeit zu einem nicht 
unbeträchtlichen Umfange angewachsen. Ich behalte mir vor, am Schlüsse dieser 
Arbeit ein Verzeichnis von Werken zu bringen, welche Aufnahmen alter Glas- 
gemälde mitteilen; an dieser Stelle mögen die Titel einiger die Geschichte und 
das System der Glasmalerei behandelnden Schriften folgen. Bloße Kompilationen 
nehme ich dabei nicht auf. 

Le Vieil, L'art de la peinture sur verre etc. 1760, 

auch deutsch: 
— — , Die Kunst, auf Glas zu malen usw. Uebersetzt von Harrepeter. 
1779. 



*) Quellenschriften für Kunstgeschichte und Kunsttechnik usw. von Eitelberger von Edelberg, 
Band VII, mit dem Theophilus, übersetzt von Albert 11g. 



i6i 

Gessert, Geschichte der Glasmalerei. 

Wackernagel, Die deutsche Glasmalerei. 1855. 

Levy, Ilistoire de la pcinture siir verre. 1860. 

VioUet-le-Duc, Der Artikel „Vitrail" in des Autors Dictionnaire raisonne 

de rarchitecture frangaise, Bd. IX. 
Lasteyrie, Histoire de la peinture sur verre. 1853 ff. 
Ungar, Der Artikel ,, Glasmalerei" in der Enzyklopädie von Ersch und 

Gruber. 
Schäfer, , .lieber die Glasmalerei" in der ,, Zeitschrift des Vereins zur 

Ausbildung der Gewerke in München". Jahrgang 1867. 

Das erstgenannte Le Vieilsche Buch, welchem die moderne Glasmalerei zu 
großem Danke verpflichtet ist, besitzt gegenwärtig dessenungeachtet nur mehr 
literar-historischen Wert. 



Ursprung der Glasmalerei. Ursprung und Alter dieser Kunst, dieselbe 
in dem oben begrenzten Sinne verstanden, werden sich, wie es scheint, nie fest- 
stellen lassen. Aus dem ersten Jahrtausend der christlichen Zeitrechnung sind 
Nachrichten auf uns gekommen, die von dem Vorhandensein von Glasfenstern 
und auch von bunten Fenstern sprechen; ob letztere aber gemalt oder bloß 
Mosaiken von verschiedenfarbigen Glasstücken waren, bleibt ungewiß. In Deutsch- 
land ist es neuerdings beliebt geworden, das Kloster Tegernsee in Altbayern 
als die Geburtsstätte unserer Kunst anzusehen, und zuletzt ist Professor Sepp 
wiederum für diese Annahme aufgetreten.*) Der versuchte Beweis kann aber 
als erbracht nicht erachtet werden, denn den von Sepp hervorgehobenen 
Worten in dem anno 999 geschriebenen Briefe des Tegernseer Abtes Gozbert 
(übersetzt) : 

,,Die Sonne wirft zum ersten Male ;jer discoloria pietitrarum vitra 
ihren Schimmer" 
folgt im Original der Zusatz: ,,auf den Boden unserer Basilica". Auch bleibt 
es wieder unsicher, ob Fenster mit aufgebrannten Schmelzfarben ge- 
meint sind. 

Feststeht in bezug auf die Anfange dieser Kunst nur das eine, daß sich 
im Mittelschiffe des Domes zu Augsburg fünf mittelalterhche Fenster befinden, 
die ihrer ganzen Erscheinung nach älter sind als alle sonst erhaltenen, und daß 
diese Fenster den Typus der Schlußzeit des 11. Jahrhunderts tragen. Da sie 
technisch ganz übereinstimmen mit den Werken des 12. und 13. Jahrhunderts, 
so erscheint es angezeigt, ein der Anfertigung dieser Fenster vorausgegangenes 
Stadium der Erfindung und Entwicklung einer solchen Technik anzunehmen. 
Auf einen wie langen Zeitraum man dasselbe bemessen will, hängt, bis etwa 
weitere l'^ntdeckungen zu Hilfe kommen — was nicht sehr wahrscheinlich ist — , 
von dem Belieben des einzelnen ab. 

Für die Zeitbestimmung der Augsburger Glasgemälde ist übrigens keines- 
wegs die Art maßgebend, wie die dargestellten Figuren den Mantel tragen; diese 
Drapierung (mit der Mantelagraffe auf der rechten Schulter) findet sich noch viel 

*) MUnchener „Zeitschrift des Kunstgewerbe- Vereins". 1878/79. 
Sohüf^r. nesnmmelt»^ Aufsätze. ^' 



l62 

später, beispielsweise bei Figuren im Triforiuni des Straßburger Munsters, die 
entschieden für ihren Standplatz gefertigt und also nach 1275 gemalt sind, wichtig 
aber ist der Charakter der Buchstaben in den beigegebenen Inschriften und der- 
jenige des kleineren Zubehörs dieser Figuren. 

Einteilung. Jede geschichtliche Betrachtung der Glasmalerei, die sich auf 
die Denkmäler stützt, muß nach dem Gesagten mit den letzten Zeiten des 
II. Jahrhunderts beginnen. Der gänzliche Verfall tritt ein gegen das Jahr 1650. 
Innerhalb dieses Zeitraums lassen sich der Uebersicht halber am besten, wie ich 
glaube, drei Perioden unterscheiden, deren jede durch die Eigentümlichkeit der 
technischen Mittel charakterisiert wird: 

1. Die Frühzeit, die Zeit des Schwarzlots, etwa von iioo bis gegen 1350. 

2. Die mittlere Periode, die Zeit des Kunstgelb, von 1350 bis um 1500. 

3. Die Spätzeit, die Zeit des bunten Emails, von 1500 bis 1650. 

Die angenommenen Zeitgrenzen entsprechen den deutschen Verhältnissen; 
für Frankreich müßten sie einigermaßen verschoben werden. 



I. Abschnitt. 

Die Frühzeit der Glasmalerei. 

1 100 bis 1350. 

Der Zeitraum umfaßt die späte, der reicheren Detallierung zuneigende 
Periode des romanischen und die frühe Periode des gotischen Bausystems. Nach 
allen Anzeichen hat die Glasmalerei in dieser Zeit bereits eine sehr umfassende 
Anwendung gefunden, bei den zahlreichen Kirchenbauten sowohl, als auch bei 
den Schloß- und Klosterbauten und den öffentlichen Denkmälern, wie sie die 
Städte errichten. Besonders ist es der inmitten dieser Zeit eintretende Um- 
schwung in der großen Architektur, welcher der Glasmalerei ein ausgedehntes 
Feld sichert. Die gotische Konstruktion, im Kirchenbau den Schub der Gewölbe 
auf einzelne Punkte der Mauer übertragend, die direkt durch Strebepfeiler oder 
indirekt durch Strebebogen abgestützt werden, steuert von Anfang an stetig auf 
die Vergrößerung der Fensteröffnungen hin, welche in den Prachtbauten des 
Stiles zuletzt die dünne, bloß eine Füllung, einen Raumabschluß darstellende 
Wand, wenigstens in ihrem oberen Teile ganz verdrängen. Der romanische Stil 
hatte die Wandmalerei begünstigt; der gotische überläßt ihr zwar noch die 
Flächen der Gewölbe, der Pfeiler und Wandpfeiler, entzieht ihr aber besonders 
in den reichen, aufgelösten Werken einen großen Teil der Wandflachen, denselben 
dem Glasmaler überantwortend. 

In wenigen Worten läßt sich sagen, was unter einem gemalten Fenster, 
einem Glasgemälde dieser Frühzeit zu verstehen ist, und damit eine Definition 
der Glasmalerkunst der ersten Periode geben. Der Glasmacher dieser Zeit ist 
erst zur Herstellung verhältnismäßig kleiner Scheiben vorgeschritten, liefert die- 
selben aber in verschiedenen Farben; dem Glasmaler hat die Kunsttradition erst 
eine einzige Farbe überliefert, die sich mit dem Pinsel diesen Scheiben aufmalen 



i63 

und auf ihnen durch l'"euer befestigen läßt: das Schwarz. lün gemaltes P'enster 

der Fruhzeit ist also: 

,,Kin Mosaik kleiner durch Bleisprossen miteinander verbundenen 
Scheiben, welche die Lokalfarben der dargestellten Gegenstände in sich 
selbst tragen, das Detail der Malerei aber in aufgebrannter schwarzer 
Farbe zeigen." 

Das Material des Glasmalers. 

Das Glas zu Fenstern wird während des Mittelalters im Kleinbetrieb her- 
gestellt. Die Glashütten liegen verhältnismäßig dicht beieinander. Im ii. und 
12. Jahrhundert gibt es manches Kloster, welches, um in seinem Neubau die 
Fenster zu verglasen, die Glasmacherwerkstatt selbständig herrichtet. Theophilus 
a. a. O. gibt das Verfahren. Es wird ein Schmelzofen, ein Kühlofen und ein 
Streckofen gebaut, und die Asche von Buchenholz nebst reinem Quarzsand im 
Verhältnis von 2 : i geben das Material zum Glase. In Kapitel VI wird be- 
schrieben, wie die Scheiben erzeugt werden. Aus der an der eisernen Pfeife 
hängenden Blase entsteht durch Einschmelzen einer Oeffnung und Erweiterung 
derselben zunächst eine Tulpe, aus dieser aber ein Zylinder, der dann aufgetrennt, 
gestreckt und gekühlt wird. 

In allen Handschriften der Schedula fehlen zwischen Kapitel XI und XII 
vier Kapitel, welche die Anfertigung farbiger Gläser behandelt haben. So sind 
die betreffenden Rezepte des Mittelalters nicht auf uns gekommen. Heute wird 
Rot mit Kupferoxydul, Gelb mit Eisenoxyd, Blau mit Kobalt, Violett mit Mangan 
gefärbt; zu Grün dient Eisenoxydul oder Kupferoxyd. Rötliche Töne und Gelb 
entstehen bei Theophilus auch zufallig bei der Herstellung des weiflen Glases 
das Gelb*) offenbar dann, wenn vom Feuer Kohleteilchen in die flüssige Glas- 
masse einschlagen; auch absichtlich ist wahrscheinlich Gelb mit Kohle (durch 
Einbringen von Sägespänen) gefärbt worden. 

In den Fenstern aller Perioden ist das rote Glas ebenso wie gegenwärtig 
Ueberfangglas, d. h. weißes mit einem aufgeschmolzenen Häutchen roter Glas- 
masse; die Vereinigung beider Schichten erfolgt bereits am Ofen, indem die Pfeife 
nacheinander in die weiße und rote Masse eingetaucht wird und dann beim Auf- 
blasen die eine die andere überzieht. Eine weiße Scheibe in ihrer ganzen Stärke 
rot zu färben, ist zu schwierig, weil das einzubringende Metalloxyd, in geringem 
Verhältnis zugesetzt, die Eigentümlichkeit hat, sich einer gleichmäßigen V^erteilung 
in der Glasmasse zu widersetzen. 

lieber die Stärke der mittelalterlichen Gläser herrschen vielfach falsche 
Meinungen; sie wechselt für gewöhnlich zwischen nur 2 und 3 mm, steigt selten 
auf 4 und 5, sinkt dagegen häufig genug auf i mm herab. Uebrigens ist die 



*) In Kapitel VII müssen m. E. die Worte: ... et habebis croceum leve et operare inde . . . 
Übersetzt werden: „ . . . und du erhältst leichten Safran [safrangelbes Glas]; fertige davon . . .'" statt, 
wie A. Ilg sagt: . . . habe leichten Safran lur Hand und fertige damit . . . 
Ebenso wird in der Ilgschen Uebersetiung verbessert werden müssen : 
Kapitel XIU, Zeile S (solvitur)t löst es sich durch schmilzt es, 
„ X\, ., 5 (luminam): im Licht durch ritt Licht. 

„ XXVIII, ,, 15 (cadant): herausfallen durch lierabfallen. 

„ XU, ,, 7 dürfte schon im Text culligaiit statt colligunt lu setien sein, und in der 

Uebersetzung zusammenfügen statt sammeln. 

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i64 



einzelne Scheibe selbst meist von ungleichmäßiger Dicke. Die Oberfläche ist 
uneben und manchmal streifig. Die Scheiben sind höchstens handgrofl. 

Das für die Darstellung von Weiß benutzte gewöhnliche farblose Glas hat häufig 
einen Stich ins Grüne, ist aber auch oft sehr rein; Rot, Grün und Gelb kommen in 
den Fenstern der Frühzeit gewöhnlich nur in je einer Farbenabstufung vor und 
sind dann sehr tief im Tone; das Blau bleibt sich ebenfalls meist gleich, ist aber 
ziemlich hell und kalt. Das Studium der eigentümlichen Farben dieser alten 
Gläser ist von der größten Wichtigkeit. Für die ungefähre Wiedergabe im 
Aquarell kann das Rot etwa mit Karmin und Zinnober, das Blau mit Berliner 
Blau und etwas Schwarz und Gelb, das Gelb mit Indischgelb und Gummigutti 
dargestellt werden. 

Die Bleisprossen sind auf den Ansichtsflächen flacher oder mehr konvex 
profiliert und mit zwei Nuten versehen, in denen sie das Glas aufnehmen (vergl. 
Abb. 24). Der Steg zwischen den Nuten 
heißt „die Seele". Diese Sprossen oder 
Ruten wurden (Theophilus, Kapitel XXIV ff".) 
in Längen von etwa 2 Fuß in eisernen 
Formen gegossen. Ihre Ansichtsbreite be- 
trägt 3 bis 5 mm. 

Die schwarze Malfarbe heißt , .Schwarz, 
lot". Sie wird heutzutage aus Eisenhammer- 
schlag bereitet. Theophilus schreibt statt 
Eisen Kupfer vor. Da diese Farbe den 
Scheiben aufgeschmolzen werden soll, so 
muß sie als ihren eigentlichen Körper einen 
Zusatz von gemahlenem Glase erhalten, für 
welches natürlich ein höherer Grad von Leichtflüssigkeit notwendig ist, als ihn 
das Glas der Scheiben besitzt. Zu Theophilus' Zeit und später war als solcher 
Zusatz unter dem Namen ,, griechischer Saphir" ein aus Venedig kommendes 
weichflüssiges Bleiglas in Gebrauch, dessen Zusammensetzung man außerhalb des 
Fabrikationsortes nicht kannte und das man für ein natürliches Mineral gehalten 
zu haben scheint. Das Schwarzlot kann auch dünn, lasierend aufgetragen werden 
und spielt dann meist ins Braune. 




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Abb. 24 (natürliche Größe) 



Die Fensteröffnungen. 

Während der romanischen Zeit sind die Fenster rundbogig, in gotischer 
Zeit im allgemeinen nach spitzen Bogen geschlossen. Breitere Oefifnungen teilt 
die Gotik durch steinerne Pfosten, die im Bogenfeld durch die Stränge der Maß- 
werkfiguren belastet werden. Die Weite der einteiligen Fenster und die Felder- 
breite der mehrteiligen Pfostenfenster ist im 12. und 13. Jahrhundert eine sehr 
schwankende; als mit dem Beginn des 14. Jahrhunderts auf jedem Gebiete der 
Architektur eine mehr schematische Behandlung Platz greift, werden hier 
bestimmtere Maße eingeführt, so daß von da ab eine Fenster- oder Felderbreite 
von 50 bis 75 cm das Gewöhnliche ist. 

Um die Verglasung befestigen zu können, sind die Fenster durch wagerecht 
liegende, bei Aufmauerung der Gewände von vornherein eingefügte Eisenstäbe 
(die Sturmstangen) geteilt. Uebersteigt die Breite das Maß von 75 cm, so pflegt 



i65 

eine Teilunfj durch senkrecht laufende Sturmstangen hinzuzutreten. An den 
Kreuzungspunkten ist dann je der eine um den anderen Stab herumgekröpft. In 
den reichen Werken der frühen französischen Baukunst besonders aber geschieht 
es auch, daß diese Sturmstangen die wagerechte bezw. senkrechte Richtung 



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Abb. 25 bis 27. 

verlassen und, sich nach anderweiten geraden und gekrümmten Linien bewegend, 

in der Fensterfläche eine regelmäßige Einteilung von rauten- und paßförmigen 

Figuren bewirken (Abb. 25 bis 27). 

Rings am Stein entlang greifen die Tafeln, in welche die Verglasung der 

Sturmstangenteilung entsprechend zerfällt, in eingearbeitete Nuten oder Falze, die 

beliebig nach außen oder nach dem 
Innenraum hin liegen. Die Dichtung 
diesen Kanten entlang erfolgt durch 
Leisten von Haarkalk. Auf den 
Sturmstangen hingegen treffen die 
Tafeln mit einem gewissen Zwischen- 
raum zusammen, durch welchen 
eiserne Oesen gehen, die weiterhin 
eine lose auf die Fuge gelegte sog. 
Deckschiene durchdringen. Die er- 
wähnten Oesen sind durch die Sturm- 
stangen durchgenietet, am freien Ende 
aber gelocht, so daß die Deckschienen 
mit keilförmigen Splinten angepreßt 
werden können, wie Abb. 28 im ein- 
zelnen zeigt. — In den alten Fenstern 
pflegen die Verglasungsfelder so groß 
bemessen zu sein, daß ihrer zwei bis 
drei auf ein Quadratmeter gehen; 

die Sturmstangen messen bei mittleren Verhältnissen 12 zu 40 mm, die 

Deckschienen 4 zu 40 mm, für die Steinfalze genügt eine Hreite von 10 bis 

15 mm. 




i66 

Eine Verglasungstafel von der angegebenen Größe bedart übrigens, abgesehen 
von den eben geschilderten Einrichtungen, noch der Sicherung durch wenigstens 
zwei Wind eisen. Es sind dies hochkantig aufgelegte, rechteckige oder auch 
runde, im letzteren Falle lO mm starke Eisen, welche der Glaser vor dem Ein- 
setzen der Tafeln mit diesen bereits durch Haften verbindet, die auf die Blei- 
ruten gelötet sind. An ihren Enden sind sie abgeplattet; sie greifen mit den- 
selben entweder zwischen Sturmstange und Deckschiene oder werden mit ihnen 
besser um ein weniges in die Steingewände eingelassen ; dann laufen sie wagerecht. 

An ausgezeichneter Stelle schmücken die Bauten des romanischen und 
gotischen Zeitalters wohl prächtigere Rundfenster, die Rosen. Ihre Behandlung 
bezüglich der Befestigung der Verglasung erfolgt in entsprechender Art wie die 
der Langfenster. Auf die besonderen Fensterformen der profanen Bauwerke 
werde ich im weiteren Verlaufe noch zurückkommen. 

Komposition der Glasgemälde. 

Um den Ueberblick innerhalb der reichen Welt der mittelalterlichen Glas- 
malerei zu erleichtern, erscheint es zweckmäßig, bestimmte Gruppen zu bilden. 
Ich unterscheide daher: 

A. Ornament fenster, die kein Figuren werk enthalten. Sie zerfallen in 

a) Fenster mit bloß geometrischem Ornament, Mustern aus Streifen, 
Rosetten, Rauten und sonstigen Figuren, 

b) Fenster mit Laubwerk, in geometrische Teilungen eingefügt, 

c) Fenster mit frei angeordnetem Laub. 

B. Medaillon fenster. Sie entstehen, wenn in einem eingeteilten Ornament- 
fenster gewisse regelmäßig wiederkehrende Felder statt mit Laubwerk 
mit Figurenwerk kleinen Maßstabes gefüllt werden. Diese Kompositionen 
sind während des 12. und 13. Jahrhunderts für die Darstellung histo- 
rischer und legendarischer Szenen bezw. von Folgen solcher Szenen 
besonders beliebt. 

C. Fenster mit Standfiguren größeren Maßstabes. 

In der Zeit, mit der wir uns beschäftigen, ist die Fensterfläche regelmäßig 
in ein inneres Feld und einen der Steinkante folgenden Fries eingeteilt; die 
äußerste Kante des letzteren wiederum bildet stets ein weißer Glasstreifen, der 
die Aufgabe hat, die farbige leuchtende Fläche von dem undurchsichtigen Stein- 
werk scharf abzuschneiden. 

Prinzip der Verbleiung. 

Ueberall, wo im Bilde Gegenstände von verschiedener Lokalfarbe aneinander- 
stoßen, wird eine Bleirute nötig. Aber auch jede Fläche von einheitlicher Farbe 
muß durch Bleistreifen geteilt werden, wenn ihr wachsendes Maß die Herstellung 
aus einer einzigen Scheibe, die immer ja nur in sehr geringer Dimension zur Ver- 
fügung steht, nicht mehr gestattet. So entstehen Umrißbleie und Notbleie. 
Der Bleistreifen der ersteren Art ist in vielen Fällen nicht imstande, den feinen 
Biegungen und den Knicken der gezeichneten Kontur zu folgen. Dann umzieht 
er dieselbe nur in einem gröberen, abgerundeten Zuge, die Differenzflächen aber 
zwischen diesem Bleizuge und dem korrekten Umriß sind schwarz ausgemalt. 



i67 

In der Durchsicht gegen das Licht gehen diese Ausfüllungen mit dem Striche des 
Blcistrangs ganz zusammen (Abb. 29 bis 31). Wo das Schwarz zu viel werden 
sollte, ist es, wenigstens auf Scheiben, die Blattwerk darstellen, durch Punkte oder 
feine Rankenlinien wieder gelichtet. 

Die angegebene Art, die Kontur durch den Bleizug zu vereinfachen, er- 
möglicht es gleichzeitig, die betreffenden Scheiben wirklich ausschneiden zu 
können. Auf P>leichterung des Glasschnitts ist dann überhaupt allenthalben ge- 
sehen, scharf einspringende Ecken sind stets vermieden. 



Charakter der Malerei im allgemeinen. 

Er ist in dieser Zeit durchaus der der Flachmalerei. Die glasgemalte Fläche 
stellt sich dar als ein Teil der Wand. Zwar bringt die Zeichnung es ja fast 
überall mit sich, daß Gegenstände im Fenster erscheinen, die nur in verschiedenen 
hintereinanderliegenden Ebenen gedacht werden können. Bereits im einfachsten 
Bandmuster durchflechten sich die dargestellten Streifen, passieren also vor- und 
hintereinander her; wo Blattbüschel auftreten und die Blätter sich teilweise 
decken, liegt der Idee nach natürlich das eine dem Auge des Beschauers näher, 
das andere entfeinter von ihm; der abgebildete Heilige, die Königsfigur hält das 
Buch, den Stab, das Zepter vor die Brust, der Thronsessel, der aufgespannte 






Abb. 2g. 



Abb. 30. 



Abb. 31. 



Teppich liegen hinterwärts. Aber was die malerische Ausfuhrung angeht, so 
ist nichts geschehen, um dieses Vor- und Hintereinander weiter zu betonen, nichts, 
um das Ganze oder einen Teil körperlich zu machen. Einen Schlagschatten gibt 
es nicht, auch keinen Körperschatten im eigentlichen Sinne. Die sparsam auf- 
tretende Modellierung dient nur dazu, die Bewegung innerhalb einer und der- 
selben Fläche deutlich zu machen. Es gibt deshalb auch keine Luftperspektive. 
Kommt es in einer figürlichen Komposition vor, daß eine Figur die andere teil- 
weise deckt, daß die letztere also hinter der ersteren zurücksteht, so sind im Ge- 
wände einer jeden dieser Figuren zwar vielleicht die vortretenden Partien gegen- 
über den Tiefen der Gewandung gelichtet und so von ihnen abgehoben, aber 
keine Dämpfung des Tones, keine Abtönung im ganzen verrät, daß das eine 
Gewand auf einem vom Auge entfernteren Plane liegt als das andere. Mit 
dieser Art von Malerei kommt es also wesentlich auf eine kolorierte Umriß- 
zeichnung hinaus, und immer mehr gewinnt heutzutage die Meinung an Boden, daß 
die alte Kunst mit einer derartigen Behandlungsweise das stilistisch Richtige ge- 
troffen hat. Ich werde mir im Verfolge noch gestatten, auf diesen Punkt zurück- 



i68 

zukommen. Hier möge nur die Bemerkung Platz finden, daß es weit gefehlt sein 
würde, in der angedeuteten Art die Glasmalerei zu behandeln, ein Ergebnis der 
Reflexion zu erblicken. Vielmehr verbot sich ein Realismus der Darstellung, wie 
wir ihn in unseren Tagen widersinnigerweise auch in diese dekorativen Dinge so 
häufig hineintragen sehen, in den in Rede stehenden Zeitläuften von selbst; ihr 
malerisches Können leistete eben nicht mehr als jenen Umriß mit seinen platt 
eingetragenen Lokalfarben und seiner notdürftigen Modellierung. Aber dennoch 
sind ihre farbenglühenden Teppiche mit dem in der gleichen Fläche eingebetteten 
Figurenwerk und Laubornament, an monumentaler Stelle wenigstens, den auf 
Glas ausgeführten modernen Staffeleibildern ebenso hoch überlegen, wie das 
naive Fabrikat des persischen Wollenwirkers den Blumenleistungen des akademisch 
geschulten Musterzeichners von Brüssel. 

Wenden wir uns zur Betrachtung der Details. Geometrische Bänder sind 
glatt belassen oder geschmückt. Zunächst bleiben sie dabei einfarbig. Dann ist 
das den alten Glasmalern geläufigste ornamentale Motiv der sogenannte Perl- 
fries, bestehend aus einer Folge von kreisförmigen Augen, weiß oder farbig auf 
schwarzgemaltem Grunde, einfach für sich stehend, mit kleineren Augen ab- 
wechselnd, von hellen Linien eingefaßt usw. Desgleichen finden sich Muster aus 
Rauten, Dreiecken, Pässen u. dergl. zusammen- j^^^^^^^^^^^^_^^ 
gesetzt. Reichere Bänder wechseln streckenweise in TTTr^T^TTTniT'' 
zwei oder drei Farben, oder es ist ein Band von ^^^^^^^^^^^^^^g^ 
der einen Farbe durch Rosettchen von einer anderen m^bm^^hm ^m^^^^b 
in Abschnitte eingeteilt. Bei größerer Breite stellen ü XT IST V V V 
sich Laubfriese ein. Als ein nur scheinbar unwesent- 
liches Detail muß der Bleischnitt einfarbiger Bänder 
ins Auge gefaßt werden. Die einzelnen Glasstücke 
treten nicht in abgemessenen gleichen Längen auf, 
sondern man hat sie unregelmäßig so lang ver- 
wendet, wie sie zufällig aus dem vorhandenen Vorrat ^^b 32 
an Scheiben und Abschnitten gefallen sind; dies 

hilft mit dazu, die Kontinuierlichkeit als die charakteristische Eigenschaft eines 
Bandes zu betonen. 

Das Blattwerk ist, entsprechend der Behandlung, die es in der Skulptur 
findet, in der romanischen und frühesten gotischen Zeit streng stilisiert; später 
läßt die veränderte Auffassung deutlicher das natürliche, der einheimischen Flora 
entnommene Vorbild erkennen. Wie jede der kleineren Künste befindet sich auch 
die Glasmalerei gegenüber der großen Architektur in ihrer stilistischen Fort- 
entwicklung im Nachtrab. Noch eine geraume Zeit, nachdem sich in letzterer 
die Wandlung zur gotischen Konstruktion und Formengebung vollzogen hat, 
weisen die gemalten Fenster in ihrem Laub romanische Motive auf. Vorzüglich 
bezeichnend sind dabei jene in der Mitte geknickten und sonach im Profil er- 
scheinenden Blätter, die sich in drei oder mehrere einfache oder wiederum ge- 
spaltene Lappen teilen. Dieselben wachsen seltener aus Stielen heraus, als sie die 
Endigung und dann gleichzeitig oft den Umschlag breiter Ranken bilden; diese 
Ranken sind mit Längsadern, mit Perlstreifen oder sonstigen Mustern behandelt 
oder seitlich mit Blattlappen besetzt. Bunde verknüpfen die Ranken, in den Mittel- 
und Knotenpunkten des Musters sind häufig Rosetten angeordnet. Später, in der 
Zeit der gereifteren Gotik und des mehr naturmäßig dargestellten Laubes, sitzen 




169 

die Blatter an wirklichen, sich teilenden und verästelnden Stengeln. Verhältnis- 
mäßig selten kommen Blüten, häufiger l'^rüchte, meist Trauben vor. 

Modelliert sind weder Blätter noch Früchte. Die erstcrcn werden auf 
ihren Flächen belebt durch das Sp\c\ der Adern, die, mit der Pinselspitzc 
fein ausgezogen, meist den eigentlich braunen Ton des Schwarzlots er- 
kennen lassen. Die Ilauptstengel eines Blattgeflechts erfahren zuweilen eine 
gewisse Modellierung. Das Blattwerk tritt in allen Farben auf mit Ausnahme 
des Schwarz. 

Die Figuren folgen in der Zeichnung selbstverständlich dem allgemeinen 
Stil der Zeit. Sie tragen ferner — der dargestellte Gegenstand sei, welcher er 
wolle — das Kostüm der Entstehungszeit des Bildes, mit Ausnahme des Falles, 
wo es sich um die Vorführung der heiligsten Personen handelt, für welche eine 
idealisierte Gewandung in Gebrauch bleibt. Die Farben entsprechen denen der 
Natur, und es wird daher auch für die kleinste Figur noch die Zusammensetzung 
aus mehreren Glasstücken notwendig, indem das rote Kleid z. B. aus rotem, der 
gelbe Mantel aus gelbem Glase genommen werden muß. Die Farbe des Fleisches 
ist entweder durch Gläser in jenen oben erwähnten, auf der Hütte zufällig ent- 
standenen rötlichen oder gelblichen Tönen oder durch weifles Glas hergestellt; 
das Haar wird bei kleiner Dimension des Ganzen nur durch schwarze Zeichnung 
auf der fleischfarbenen oder weißen Scheibe des Kopfes angegeben, bei größeren 
Maßen werden eigene Scheiben gelben oder (bei Greisen) weißen Glases dafür 
eingesetzt. 

Vielfach hat man, auch was die F'iguren angeht, auf jede Modellierung ver- 
zichtet; dann wirkt in Fleisch und Gewandung nur der schwarze Zeichnungsstrich, 
der je nach der Bedeutung, die ihm zufallt, sich in größerer oder geminderter 
Stärke bewegt. Im anderen Fall wird modelliert mit einem bräunlichen Halbton 
verdünnten Schwarzlots, der die Tiefen füllt. Statt seiner kommen vereinzelt 
indes auch strichmäüige Schraffuren vor. 

Als Bekrönung und Einrahmung figurlicher Bilder erscheint die gemalte 
Architektur. Sie nach den Denkmälern zu studieren, ist von besonderer Wichtigkeit. 
Diese Architekturdarstellung ist etwas ganz anderes als eine einfache Wiedergabe 
der Steinformen; sie übersetzt die Motive der letzteren vielmehr ins Phantastische 
und echt Malerische in einer Weise, die sich mit der uns in den antiken, 
italisch griechischen Wandmalereien entgegentretenden wohl vergleichen läßt; 
die einzelnen Teile sind in Form, Zusammenstellung und Proportion nicht 
behandelt, als ob architektonisch-konstruktive Rücksichten und Notwendigkeiten 
das Maßgebende wären, sondern sie sind nach dekorativen Prinzipien ausgebildet. 
Wir sehen die Architekturformen entweder in bloßen Umrifliinien vor uns oder 
mit sparsam angewandter Modellierung, welche auch hier den bereits geschilderten 
rein konventionellen Charakter trägt und nur da angebracht ist, wo die not- 
wendige Verdeutlichung des Gegenstandes es erfordert. Das gleiche gilt von 
der Perspektive; denn noch weniger als eine bestimmte Lichtrichtung ist für die 
Zeichnung ein bestimmter Horizont, ein festliegender Augenpunkt angenommen. 
Die Perspektive tritt ein, wo es aus Gründen der Deutlichkeit wünschenswert 
erscheint, einen Teil nicht bloß in der V^orderansicht, sondern auch in der Seiten- 
ansicht, der Unter- oder Aufsicht zu zeigen. Die F"arbung für diese Architekturen 
ergibt sich, völlig absehend von naturalistischen Rücksichten, nur aus den Er- 
wägungen, welche für die Farbengebung im ganzen P^enster die Hauptrolle spielen, 



170 



und aus Gründen harmonischer Verteilung, Abwechslung und Abwägung der 
Farben. 

Inschriften bilden eine nicht seltene Zugabe. Meist haben die Buchstaben 
die Farbe des Glases und stehen auf schwarzgemaltem Grunde. Bei größerem 
Maßstab aber schiebt sich auch wohl zwischen je zwei derselben ein Flecken einer 
anderen Farbe ein. 

Die Ornamentfenster. 

Die Abb. 33 gibt zunächst in '/s der natiirlichen Größe als Beispiel einer nur 
mit geometrischen Formen arbeitenden Komposition ein Stück eines schmalen 
und hohen Fensterfeldes aus der Predigerkirche in Erfurt. Das hier gezeichnete 
Muster füllt in gleichmäfliger Wiederholung die betreffende Fläche ihrer ganzen 
Höhe nach. Diese Fläche zerfällt in den einfassenden Fries und den inneren an 
Größe weit überragenden Fond. Letzterer ist mit einem Bandgeflecht gefüllt, 
ersterer in zwei Streifen zerlegt. Der äußere an den Stein anstoßende Streifen 
ist in weißem Glase ausgeführt. Der innere Friesstreifen ist gelb gefärbt und mit 





Abb. 33. 



Abb. 34. 



dem Perlfries dekoriert. Dieser schmückt auch die weißen, auf blauer Fläche sich 
bewegenden Bänder im inneren Feld. 

Derartige nur geometrisch gemusterte Fenster finden sich am schönsten in 
der genannten und der Augustinerkirche in Erfurt, in der Elisabethkirche in Mar- 
burg und in St. Peter und Paul zu Weißenburg im Elsaß. 

Viel häufiger wird im Fenster durch ein Schema geometrischer Streifen ein 
Netz gebildet, welches sich mit von einzelnen Knotenpunkten ausgehenden Blatt- 
partien füllt oder durchwächst. 

Das Ornamentmuster Abb. 34 findet sich im Münster zu Freiburg. Der Fries 
ist breit und beginnt von außen her mit einem weißen Bande, dem ein grünes 
folgt, diesem eine aufsteigende Reihe weißer, von einem gemeinsamen Stengel 



I/I 



sich ablösender IJlatter auf gtüncni Grunde; gegen das Innere hin schließt der 
Fries mit einem blauen Streifen. Im Fond liegen große Kreise, von einem gelben 
perlfriesgeschmückten Bande umzogen; die von ihnen eingeschlossenen Rosetten 
haben folgende l'arben: das innerste, mit einer Blume bemalte Auge Gelb, die 
unbemalten Lappen ringsum Rot, die diesen aufsitzenden kleinen Blättchen Grün, 
die äußersten großen Blatter Weiß, die Zwickel zwischen diesen und dem Rande 
Blau. Außerhalb der Kreise liegt immer je ein weißes, aus einer griinen Düte 
entsteigendes Blatt auf rotem Grunde. Man sieht, daß das Blattwerk in diesem 
Fenster vorwiegend in Weiß gehalten ist. 

Ausschließlich weißes Laub zeigt sich in dem Fenster Abb. 35, aus der ehe- 
maligen Klosterkirche in Nordshausen bei Kassel stammend: weiß gefärbt sind 
Blätter und Ranken. Die Hauptzüge der letzteren bilden große Schleifen, innerhalb 
deren der Grund blau, außerhalb deren er rot gefärbt ist. Im Friese liegt ein gelber 

Streifen mit Perlstab neben dem 
äußersten weißen Rande. Dieses 
Fenster ist ein Beispiel für die 
dritte, die Ranken in freien Zügen 
ordnende Manier in der Kom- 
position der Ornamentfenster, zu- 
gleich für eine romanisierende Be- 
handlung des Laubes gegenüber 
der entwickelt gotischen des vor- 
hergehenden Falles. 

Eine nur wenig reichere Art 
der Farbengebung entwickelt sich 
in gewissen Fenstern der Marburger 
Elisabethkirche: Ranken, Blätter 
und Knospen treten gleichfalls in 
Weiß auf, und auch der Grund 
wechselt zwischen blau und rubin- 
rot; aber die Ranken sind hier 
und da von gelben Bändern zu- 
sammengefaßt, und überhaupt in 
das ganze System von weißer Orna- 
mentik an bevorzugten Punkten 
mit Gelb, in den traubenartigen 
Früchten mit Grün aufgeputzt. 
Anderwärts färben sich die Blätter gelb, indes die Ranken beim Weiß ver- 
bleiben, oder es sitzen umgekehrt weiß gefärbte Blätter an den in gelbem Glase 
hergestellten Stengeln. 

Vielfach in romanischen Werken, aber auch in gotischer Detaillierung, z. B. 
im Triforium des Straßburger Münsters vorkommend, dehnt sich sodann, immer 
mit Beibehaltung der freien Bewegung des Ornaments und der roten und blauen 
Gründe, der gesamte restierende Farbenvorrat auf die Stengel, Blätter und 
Blumen aus. Die Blätter sind in GruiJi:)en geordnet, die von gemeinsamen 
Knoten ausstrahlen, und wechseln in Weiß, Gelb, Grün und Violett, auf rotem 
Grunde kommt oft noch Blau, auf blauem Rot hinzu. Fortwährend aber 
sind Hauptteilungen gebildet durch helle Streifen, nimilich durch die weiß 




172 



und gelb belassenen größeren Rankenzüge oder durch verflochtene geometrische 
Bänder. 

Prächtige Fenster mit freibewegtem Ornament finden sich u. a. in Herford 
und im Münchener Nationalmuseum. 

Entsprechend dem oben angeführten Prinzip sind alle diese Ornamentfenster 
so hergestellt, daß man Blätter, Stengel, Früchte usw. in Umriß und Flächen- 
zeichnung auf weiße oder farbige Scheiben mit schwarzer Farbe aufgemalt hat, 
dergestalt, daß die natürliche Farbe der Scheibe die Farbe des Ornamentteils ab- 
gibt; der Grund, auf dem sich das Laubwerk bewegen soll, ist einfach aus 
Stücken bunten Glases zusammengesetzt. Wo Ornament an Grund oder wo ver- 
schiedenfarbiges Ornament aneinanderstößt, trennt ein Bleistreifen die betreffenden, 
die jedesmalige Lokalfarbe von der Hütte aus in sich tragenden Gläser. 

Die meistverwendeten P'arben sind außer Weiß und Gelb das Blau und Rot. 
Grün und Violett spielen eine mehr untergeordnete Rolle. Die Töne sind 
fast ausnahmslos gesättigte. Die weißen 
Scheiben sind mattiert, d. h. das durch- 
sichtige farblose Glas, aus dem sie be- 
stehen, ist mit einem sehr dünnen Ueber- 
zug von Schwarzlot bemalt, um ihnen 
Fläche zu geben und zu vermeiden, daß 
sie gegen die farbigen Gläser herausfallen. 
Aber auch das farbige Glas hat sehr häufig, 
wenn es, an sich verwendet, zu durch- 
sichtig geblieben wäre, diesen mattierenden 
Ueberzug erhalten. 

Was die Verteilung der Farben an- 
geht, so kann man beobachten, daß auch 
in dieser Beziehung die Glasmaler auf eine 
platte, teppichmäßige Wirkung ausgegangen 
sind. Stets ist es vermieden, daß die ein- 
zelne Farbe sich an dieser oder jener Stelle 
besonders anhäufe, im Gegenteil ist man 
bestrebt, sie auf allen Teilen der Fenster- 
fläche sich möglichst gleichmäßig wieder- 
holen zu lassen. Es ist deshalb gleich- 
gültig, in welcher Partie des Fensters man 
etwa einen Ouadratfufl ausschneiden möge, 
auf jedem solchen Stück wird man dieselbe Reihe von Farben verwendet 
finden. Ferner häufen sich nirgendwo dunkle Töne , ohne daß helle neben- 
und zwischentreten und den betreffenden Flächenteil wieder lichten und um- 
gekehrt. Zu konstatieren ist auch als ein allermeist durchgeführtes Gesetz, 
daß das Ornament hell abgeht von dunklem Grunde. Schließlich darf 
nicht unerwähnt bleiben ein Verteilungsmotiv in Hinsicht der Farbe, das, wie 
überhaupt in der dekorativen Malerei des Mittelalters, sich auch auf unserem Ge- 
biete sehr häufig geltend macht. W. Lübke hat die Sache mit dem Namen der 
Farbenverschiebung zu bezeichnen vorgeschlagen. Sie besteht darin, daß 
symmetrisch gestellte und einander entsprechende Stücke der Komposition bei 
der Wiederholung mit veränderten Farben behandelt werden. Es tritt z. B. ein 




Abb. 36. 



173 

lilatt, welches das erste Mal weiß gefärbt war, beim zweiten Male tjelb auf, dann 
wieder weiiJ usw. Ebenso wechselt grünes Ornament in Violett, rotes in Blau. 
In gleicher Weise verschieben sich die Farben auch der Grunde. Die Farben- 
verschiebung dient zur Belebung des gleichen Musters in demselben Fenster- 
kompartiment oder tritt in Kraft, wo es sich um die Färbung zweier gleichwertig 
nebeneinanderstehenden Fenster oder Fensterfelder handelt. 

Veränderlich i.st auch die Kraft der Kontur und der Raum, welcher der 
Hinterfüllung derselben mit Schwarzlot eingeräumt wird. Unter Umständen und 
besonders, wenn die Malerei in geringerer Entfernung vom Auge verbleibt, tritt 
der Bleistrang ganz dicht an den wirklichen L'mriß des Blattes heran; in anderen 
Fällen umzieht er ihn in loserem Schwünge. Abb. 36 gibt ein Dritteil der Ver- 
glasung eines Dreipasses, wie er den oberen Abschluß der Chorfenster in der 
Marienkirche zu Marburg bildet. Die Ausfüllung zwischen Kontur und Blei wird 
hier eine so breite, daß förmlich schwarze Gründe entstehen. Die Streifen, Ranken 
und Blätter sitzen auf weißem Glase, die Gründe sind rot, blau, dunkelgelb. Das 
Fenster ist im letzten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts gefertigt worden. 

Die Grisaillen. 

Eine besondere Abart der Ornamentfenster bilden die Grisaillen. Sie treten 
vereinzelt bereits im 13. Jahrhundert auf und gelangen im 14. und 15. zu immer 
ausgedehnterer Verbreitung. Diese Fenster sind offenbar für Fälle erfunden 
worden, wo man durch die vorstehend besprochene Verwendung bunter und 
dunkler Farben den Durchfall des Lichtes zu sehr zu beschränken fürchtete. Sie 
bestehen in überwiegendem Maße aus weißem Glase; statt der roten und blauen, 
oft auch grünen, violetten, gelben Gründe wird für das Laubwerk ein grauer 
Grund eingeführt. Ein Grisaillefenster zeigt ausschließlich oder vorherrschend 
weißes Laubwerk auf grauem Grunde. Der wichtige technische Unterschied 
zwischen dieser Manier und der bisher betrachteten besteht nun darin, daß, 
während die bunten Gründe aus besonderen Stucken bunten Hüttenglases her- 
gestellt waren, es ein entsprechendes, auf der Hütte grau gefärbtes Glas nicht 
gibt, sondern dieses Grau auf demselben weißen Glase, aus dem sich das Ornament 
zusammensetzt, durch Malerei mit dem Pinsel erzeugt wird, zumeist durch eine 
Kreuzschraffur von schwarzen Strichen, die, aus einiger Entfernung gesehen, zu 
dem gewünschten grauen Tone zusammenläuft. Natürlich hört bei dieser Be- 
handlungsweise die Notwendigkeit, zwischen Ornament und Grund ein Blei durch- 
zuziehen, auf, und der Glasschnitt kann sich freier bewegen, weil nur die Rück- 
sicht auf ein gewisses Maximum der Scheibengröße und auf eine bequem zu 
schneidende und zu verbleiende Scheibenform bestehen bleibt. Die Fenster sind 
gänzlich cn (jr'mtillc ausgeführt, oder es gruppieren sich Grisaillepartien mit bunt 
behandelten Teilen, oder die Grisaillefläche ist von bunten Streifen durchzogen, 
durch bunte Mittelpunkte, Rosettchen und Knoten belebt. Wie bei den bunten 
Fenstern bewegen sich die Ornamentzüge frei oder nach geometrischen Mustern 
oder verflechten sich aus geradlinigen oder zirkelgezeichneten Bändern. Ganz ein- 
fache Beispiele wiederholen in regelmäßiger Folge eine oder zwei Scheibenformate 
mit gleichem oder wechselndem Ornament. 

Statt der gekreuzten Strichlagen kommen gepünktelte Gründe vor, aber eg 
wird das Grau auch in glatten Tönen verdünnten Schwarzlots aufgetragen. Frühe 



174 

Beispiele für diese Technik bieten Marburg, Haina, Hersfeld. Dabei kann das Grau 
so hell werden, daß die Malerei fast weiß auf Weiß sitzt und beinahe nur durch 
den in allen Fällen festgehaltenen kräftigen schwarzen Konturstrich wirksam wird. 

Hat hierbei, seiner zufalligen näheren chemischen Beschaffenheit entsprechend, 
das Schwarzlot in der Verdünnung statt des grauen einen bräunlichen oder röt- 
lichen Ton, so entstehen Fenster von der eigentümlichen Wirkung der bekannten 
Muster von Heiligenkreuz. 

In Abb. 37 stelle ich ein Fenstermuster aus der Stadtkirche in Hersfeld dar. 
Im Fries wechseln zwischen zwei weißen Streifen rote Quadrate mit rechteckigen 
gelben Scheiben; im Fond ist die Mittelscheibe des Musters weiß, die vier die- 
selbe umfassenden Stücke sind rot. Das nach dem Kreise bezw. Vierpaß sich 
bewegende Band ist wechselnd gelb und blau, alles übrige ist weiß. 

Die Regel eines strengen klösterlichen Ordens, welche das Genre der Gri- 
saillen zu begünstigen geeignet war, wird später Erwähnung finden. 



Die Medaillonfenster. 

Sie ergeben sich aus den mit Blattwerk verzierten Glasmalereien, sobald 
der Fläche derselben einzelne oder der Höhe nach wiederholte Medaillons sich auf- 
legen, welche figürliche Darstellungen 
in sich schließen. Die Medaillons sind 
kreisförmig, rautenförmig oder nach 
einem Passe gebildet, auch nach 
reicherem Umriß von geraden Linien 
und Kreisstücken umrahmt. Eingefaßt 
sind sie von mehr oder weniger reich 
ausgebildeten Bändern oder auch von 
wirklichen Laubwerkfriesen. Die Ein- 
teilung der Medaillons verbindet sich 
mit der der Eisenarmatur der Fenster, 
indem jede der durch die Querstangen 
gebildeten Tafeln ein solches Medaillon 
in sich faßt oder diese von dem in 
reicherem Linienmuster geführten Eisen- 
werk umzogen werden. 

Das Medaillonfenster hat gleich- 
falls seine einfassenden Friese. Die 
Zwickel zwischen den Medaillons füllen 
sich mit Ornament nach der bereits entwickelten Behandlungsweise: dasselbe kann 
geometrischen, vegetabilischen oder gemischten Charakter haben. Auch figür- 
licher Schmuck kommt auf diesen Zwickeln vor, etwa in neue, halbe Medaillons 
eingerahmt oder in Einzelfigürchen, die direkt im Blattwerk sitzen. 

Der Grund in den Medaillons ist durch das ganze Fenster in gleicher Farbe 
durchgeführt oder wechselt in zwei Farben. Auch hier entscheidet man sich meist 
für Rot und Blau. Die Figuren sind tableauartig zu Gruppen verbunden; seltener 
stehen sie einzeln. Der Maßstab ist immer ein beschränkter. 

Diese schöne Gattung erfreut sich während der Frühzeit einer ganz be- 
sonderen Beliebtheit. Die Gegenstände der figürlichen Darstellung gehören in 




Abb. 37. 



'75 

den erhaltenen Beispielen, die sämtlich in kirchlichen Gebäuden sich vorfinden, 
dem biblisch-historischen, legendarischen und theologischen Gebiete an. Dabei 
bilden die Medaillons desselben Fensters immer einen einheitlichen Zyklus. Die 
Reihenfolge beginnt unten und, wenn das F"enster sich durch Steinpfostenwerk 
in nebeneinanderliegende Felder teilt, links. 

Ich gebe in Abb. 38 das System eines solchen Fensters aus dem Dome in 
I lalberstadt. Die Farben sind folgende: Im Fries der äußerste Streifen weiU, der 
innere ebenso, die Rosetten gelb und die Rauten weiß auf einem Grunde, der in 
der inneren Hälfte rot, in der äußeren blau gefärbt ist. Das Medaillon ist mit 
einem weißen Bande eingefaßt, das an weiße Rosetten anläuft, zwischen denen 
auf der Fenstermitte weiße Rauten mit blauem Bande ringsum und violetten 
äußeren Zwickeln liegen bleiben. Der Grund im Medaillon ist blau und mit 
weißen Punkten besetzt. Die Farben der Figuren wechseln. 




Fenster mit Standfiguren. 

Der Breite nach steht in jedem 
Fenster bezw. in jeder durch Steinpfosten 
eingerahmten Abteilung des Fensters eine 
einzige Figur; im Sinne der Höhe hin- 
gegen vervielfacht sich öfter die Figuren- 
stellung. Die Höhe der Figuren bewegt 
sich zwischen einem Meter und dem 
Kolossalmaße von sechs Metern. Größere 
Figuren werden von den Sturmstangen 
durchschnitten. 

Die Haltung ist eine strenge, statua- 
rische, die Komposition allermeist eine 
derartige, daß über jeder Einzelfigur sich 
ein Baldachin aufbaut, der der Regel 
nach in zwei den Fries begleitenden oder 
ihn auch ersetzenden Säulchen seine 
Stützen findet. In dieser Frühzeit bean- 
spruchen die bekrönenden Architekturen 
nur erst eine mäßige Höhenentwicklung 
und drängen sich demgemäß innerhalb 
des Gesamtbildes bei weitem nicht in 
dem Grade vor, als dies später geschieht. 
Eine einzige von zwei Sturmstangen eingefaßte Höhenabteilung pflegt für den 
Aufbau des Baldachins zu genügen. In den ältesten, noch romanisierenden 
Fenstern sind es jene aus der Steinarchitektur bekannten phantastischen, burg- 
artigen Kombinationen von Türmchen, krenelierten Mauern, Giebeln und Kuppeln, 
welche die Motive liefern; bereits am Schluß des 13. Jahrhunderts aber verein- 
fachen sich die Formen, indem das Schema der von zwei Fialen flankierten 
Wimperge in den Vordergrund tritt. 

Die Gründe sind oft einfarbig, meist dann wiederum blau oder rot; regel- 
los in wechselnder Richtung wird die Fläche von den Notbleien durchschnitten, 
welche die einzelnen Scheiben abteilen. Mitunter aber nimmt der Grund auch 



Abb. 38. 



176 



ein F'arbenmuster an, womit den Bleisträngen bestimmte Wege gewiesen werden. 
Besonders beliebt ist die Anordnung wagerechter verzierter Streifen auf dem roten 
oder blauen Grundton, am prächtigsten in der Wirkung aber die von großen, 
der Höhe nach wiederholten Rosetten, welche, im mittleren Teil von der F"igur 
gedeckt, rechts und links neben derselben sichtbar werden. Gründe, die im 
Rautenmuster mit zwei Farben wechseln, sind noch selten. 

Der Farbenaufwand ist, wie dies in der Natur der Sache liegt, im allgemeinen 
ein größerer als in dem Ornamentfenster. Rotviolette Gläser, in letzterem nur 
spärlich zur Verwendung gebracht, bieten, wenn es die Gewänder dieser Stand- 
figuren zu färben gilt, ein willkommenes Mittel der Abwechslung. Ein dunkles 
Violett muß auch aushelfen, wenn ein Gewandstück darzustellen ist, das in der 
Wirklichkeit die schwarze Farbe auf- 
weist. Hier und da kann man be- 
merken, daß ein Glas, welches beim 
Hüttenprozeß durch irgend einen Zu- 
fall eine besondere, sonst nicht vor- 
kommende Färbung angenommen hat, 
für die Verwendung in den Gewändern 
aufgehoben worden ist. Wie bei der 
Wahl der Farben vorzugsweise ein 
teppichartiges Zusammenwirken der- 
selben ausschlaggebend gewesen ist, 
ersieht man an einem Detail wie den 
Heiligenscheinen, die, weit entfernt, 
sich mit der gelben Farbe zu be- 
gnügen, ebenso oft rot, blau, grün 
und violett gefärbt erscheinen. 

In den Gewändern findet man, 
sobald der wachsende Maßstab für 
eine einheitlich gefärbte Fläche eine 
Teilung in Scheiben nötig macht, die 
Notbleie so weit als möglich in die 
stärkeren Faltenstriche hineingelegt, 
so daß sie Zeichnung machen helfen. 
Wo dies nicht anging, hat man 
sich aber auch nicht gescheut, eine 
Gewandpartie durch ein solches Not- 
blei rücksichtslos zu durchschneiden. Diese Gewaltteilungen konnten dann 
wiederum vermieden werden, wenn an entsprechender Stelle dem Kleide oder 
Mantel ein anders gefärbtes Band aufgelegt wurde, das mit seinen Umrißbleien 
die zu groß gewordenen Scheiben von selbst unterbrach. In der Tat ist von 
diesem Mittel der Teilung häufig Gebrauch gemacht worden. Selbst ähnliche 
Besatzstreifen, die in der Farbe des Gewandes verbleiben und nur mit einigen 
gemalten Parallelstrichen die Linie des Notbleies begleiten , sind anzutreffen. 
Noch verdienen ferner Erwähnung die einen prächtigen Schmuck abgebenden, 
gegen die Gewandfarben kontrastierenden Kantensäume, besonders an Mänteln, 
auf denen wieder rote und blaue Gläser den Edelsteinbesatz darstellen. Haupt- 
sächlich bei Figuren sehr großen Maßstabes endlich hat man auch manchmal 




Abb. 39. 



177 

zu einer mehrfarbigen Musterung der Gewandfläche selbst gegriffen, um das dem 
kaleidoskopischen Prinzip widersprechende Auftreten größerer eintöniger Farbe- 
massen zu brechen. 

Die (jegenstände dieser figürlichen Darstellungen sind, da es sich auch bei 
ihnen ausschlielJlich um Verwendung in kirchlichen Gebäuden handelt, denselben 
Kreisen entlehnt wie die der Malereien in den vorbesprochenen Medaillonfenstern. 

Das Beispiel Abb. 39 ist der Kathedrale in Chälons s. M. entnommen. Auf 
blauem Grunde hebt sich die Figur mit grüner, gelber und violetter Gewandung, 
weißem Schleier, gelber Krone und rotem Nimbus ab. Die Säulchen sind rot, 
ihre Kapitelle gelb, ebenso der Bogen; der rote Giebelstreifen trägt weiße Kanten- 
blumen; die Architektur über diesen ist in Weiß, Rot und Gelb gefärbt. Im 
Friese zeigen die Dreieckscheiben wechselnd die rote und blaue, der sie nach 
außen begrenzende Streifen die rote, der innere die weiße Farbe. 

Abweichende Kompositionen. 

Wenn durch die Einteilung in Medaillonfenster und Fenster mit Standfiguren 
auch die große Mehrheit der frühmittelalterlichen figürlichen Glasgemälde tat- 
sächlich charakterisiert erscheint, so kommen vereinzelt doch auch Anordnungen 
des Figurenwerks vor, welche eine Einreihung des betreffenden Fensters in eine 
der beiden genannten Klassen ausschließen. Am interessantesten in dieser Hinsicht 
ist eine Anzahl von Fenstern, welche zwischen der Behandlung mit Medaillons 
und der mit Baldachinfiguren gewissermaßen in der Mitte stehen. Die senkrechte 
Folge der Medaillons ist dabei durch eine Reihe in jedem Gefache übereinander 
sich gleich bleibender Arkaden ersetzt, welche Einzelfigürchen oder Szenen mittel- 
großen Maßstabes umrahmen. Derartige P'enster finden sich u. a. in Halberstadt, 
Amelunxborn a. d. Weser und in Resten in der Elisabethkirche in Marburg. 

Technische Hersteilung. 

Sie wird von Theophilus a. a. O. in Kap. 17 bis 23 und 27') besprochen 
und in der von ihm beschriebenen Weise im wesentlichen auch heute wieder 
gehandhabt. 

Die Arbeit beginnt mit dem Entwurf der Zeichnung auf einer mit Kreide 
präparierten Holztafel. Sie ist in Strichen ausgeführt, und die Lokalfarben werden 
nur mit Buchstaben bezeichnet. Indem man die entsprechenden Glasstücke auf- 
legt, paust man ihre künftigen Umrisse durch- Man schneidet das Glas aus dem 
Groben zu mit einem heißen Eisen, die genaue Kante wird durch Abbröckeln 



1) In Kap. XXI bedarf die ligische Uebersetzung einer wesentlichen Berichtigung. Die Stelle: 
Eodeni modo .... muB wiedergegeben werden : 

Auf dieselbe Weise mache Gründe aus hellstem weißen Glase; die Figuren 
[Persönlichkeiten] auf derartigem Grunde bekleide mit Blau, Grün, Purpur und Rot. Auf 
GrUnden hingegen, welche blau oder giUn und nach jener [zu Anfang des Kapitels be- 
schriebenen] Art gemalt, oder auf solchen, die rot und ungemalt sind, mache die Gewänder 
von reinstem Weiß, da es ... . 
Der dann folgende Sati: Ex supra dictis tribus coloribus .... greift auf Kap. XX zurück und 
nicht, wie es bei Ilg den Anschein gewinnt, auf die direkt vorhergehenden Worte. 
In Kap. XXVII heißt es besser: Hälfte des Brettes st.itt: Seite des Brettes. 
Schäfer, Gesammelte Aufsiitze. 1'2 



178 

mit dem gezähnelten sogen. Kröseleisen gewonnen. Dann beginnt das Bemalen 
der einzelnen Scheiben mit dem Schwarzlot. Dasselbe wird stellenweise einfach 
deckend, an anderen Orten außerdem noch in zwei oder drei Halbtönen auf- 
getragen. Aus letzteren wischt man die Lichter heraus, graviert auch mit dem 
zugespitzten Pinselstiele Striche und Linienmuster in sie hinein, die dann wieder 
den ursprünglichen Glaston bekommen. Auch Buchstaben erscheinen, auf gleichem 
Wege hergestellt, mit der Glasfarbe auf schwarzem Grunde. Das Schwarzlot 
wird den Scheiben aufgebrannt in dem besonders hergerichteten Brennofen, in 
den sie auf einer Eisentafel eingeschoben werden, nachdem auf letzterer vorher 
eine Schicht pulverisierten ungelöschten Kalks ausgebreitet worden ist. Das Ver- 
bleien wird schließlich auf der Holztafel vorgenommen, auf dem Räume neben 
der Zeichnung. Die Bleiruten werden um die Scheiben herumgebogen und 
immer weitere Scheiben angefügt und vorläufig mit am Rande eingeschlagenen 
Nägeln befestigt. Wenn eine Tafel zusammensitzt, lötet man die Stellen, wo die 
Bleie sich treffen und berühren, erst auf einer, später auf der umgekehrten Seite. 

(Heute trägt man wohl auch die verschiedenen Töne des Schwarzlots auf 
den verschiedenen Seiten der Scheibe auf oder macht, um bequemer zu arbeiten, 
den einen Ton mit Gummiwasser, den anderen mit Oel an. Statt der Eisen- 
platten, die in den Brennofen eingeschoben werden, sind Schamotteplatten in Ge- 
brauch. Subtilere Stücke werden wohl gemalt, gebrannt, in der Malerei nach- 
gearbeitet und wiederholt gebrannt. Doch läuft dies in vielen Fällen auf eine 
unnütze Ueberfeinerung hinaus; die mittelalterlichen Arbeiten haben den Brenn- 
prozeß immer nur einmal durchgemacht. 

Die feinen Fugen zwischen Blei und Scheibe werden wohl mit einem hinein- 
gewischten Kitt von Firnis und Sägemehl ausgefüllt.) 



IL Abschnitt. 

Die Mittelzeit. 

1350— 1500. 

Bereits in den späteren Jahrzehnten des vorbehandelten Zeitabschnittes hatte 
sich in der steinernen Architektur die bekannte Wandlung vollzogen, welche auch 
die Ausbildung des Fensterwerks wesentlich modifizierte. Die vorwiegend mit 
Hohlkehlen gegliederten Pfosten und Maßwerkstränge sind schmächtiger geworden, 
im Maßwerk selbst werden die frühgotischen Kreise und sogenannten Pässe 
zunächst durch die als ,,Drei- und Vierbogen" bezeichneten nasenbesetzten 
Figuren verdrängt; auch die Spitzbogen, welche unterhalb dieser Figuren 
zunächst die Pfosten verbinden, besetzen sich mit Nasen. Die Anordnung ein- 
teiliger Fenster ohne Maß- und Pfostenwerk aber wird überhaupt viel seltener, 
und die schönen Rosen und Rundfenster verschwinden, wenigstens in Deutschland, 
von äußerst seltenen Ausnahmefällen abgesehen. Im 15. Jahrhundert treten in die 
Komposition des Steinwerks die sogenannten Fischblasen ein. 

Die hochstrebenden Fensterfelder erhalten in der Zeit, mit welcher wir uns 
nunmehr beschäftigen, ihre Teilung ausschließlich durch Sturmstangen, die in wage- 
rechter Richtung laufen. 



179 



In Ansehung der Gläser, mit denen der Künstler arbeitet, des Schwarzlots, 
mit dem man malt, der Bleiruten, die zur Fassung gebraucht werden, der Art, 
wie man die P'enstertafeln einsetzt und durch Windeisen sichert, ändert sich nichts. 
Dagegen gewinnt der Glasmaler die Möglichkeit neuer Effekte durch zwei 
Erfindungen, welche ungefähr gleichzeitig, und zwar um die Mitte des 14. Jahr- 
hunderts, gemacht worden sind. War man bisher auf das mit voller Deckkraft 
oder auch lasierend aufgetragene Schwarzlot als auf die einzige Farbe beschränkt 
gewesen, welche der Pinsel auf den fertigen, weißen oder gleichmäßig gefärbten 
Glasscheiben noch aufzutragen vermochte, so tritt jetzt neben diesem Schwarz 
die gelbe Malfarbe, das Silber- oder Kunstgelb auf; dasselbe wird, wie das 
Schwarzlot, auf den Gläsern durch Einbrennen befestigt. Weiter aber beginnt 
nunmehr das Ausschleifen der Ueberfanggläser. Auf den rot überfangenen 
Scheiben wird die farbige Haut stellenweise weggenommen, und es erscheint auf 
rotem Grunde eine weiße Zeichnung. 

Der Gebrauch, welchen man von diesen Neuerungen macht, ist der folgende: 

Zunächst ist es nicht mehr in allen Fällen erforderlich, da, wo das Gelb die 

Lokalfarbe ausmachen soll, es in besonderen Scheiben einzufügen, vielmehr wird 

es häufig dem weißen 
Glase eines angrenzen- 
den Teiles aufgemalt. 
Es ermöglicht dies Ver- 
fahren die Anwendung 
der gelben Farbe in 
kleineren und kleinsten 
Partien, in feinen Linien 
z. B., und es schmücken 
sich daher zuerst die 
Ränder weißer Kleider, 
die Gliederungen weißer 
Abb. 40. Architektur mit Gelb; 

auch das Haar der 
Figuren wird vielfach mit diesem Kunstgelb der weißen Scheibe des Kopfes auf- 
gemalt. Ebenso trägt der Maler das Gelb auf eine blaue Scheibe auf, um auf 
Blau grüne Gegenstände darzustellen, ohne zwischen beiden Farben ein Blei durch- 
ziehen zu müssen. Färbt er mit dem Kunstgelb aber weiße Flächen, die zuvor 
auf Rot durch Ausschleifen erzeugt worden sind, so erscheinen Rot und Gelb 
und in anderen Fällen Rot, Gelb und Weiß auf derselben Scheibe. Die Abb. 40 
ist bestimmt, dies an einem Beispiel zu erläutern. Es möge Aufgabe sein, in einer 
glasgemalten Architektur ein rotes Giebelfeld mit einer weißen Maßwerkfüllung 
und gelben Rosettchen zu schmücken. Dann setzt die Frühzeit, deren Lösung 
linkseitig dargestellt ist, dieses Feld aus roten, weißen und gelben Gläsern zu- 
sammen, im vorliegenden Falle aus je neun, einem und drei Stücken, im ganzen 
13 Scheiben. Dem Erfinder des Silbergelbs und des ausgeschliffenen Ueberfangs 
indes ist es möglich, das ganze Giebeldreieck aus einer einzigen roten Glasscheibe 
herzustellen (vergl. die rechte Seite der Figuren). 

Das Ausschlcifen geschieht in mühsamer Weise mit einem Feuerstein; die 
rote Lage, die entfernt werden muß, ist oft i bis i'/j mm stark. Das Gelb ist 
Schwefelsilber, das mit Ocker zusammengerieben aufgemalt wird. Die Glas- 




i8o 

Scheibe trägt das Malgelb auf der einen, das detaillierende Schwarzlot auf der 
anderen Seite. 

Gegen den Ausgang unserer Periode geht man dann auf der betretenen 
Bahn weiter und fabriziert weiße Scheiben, die statt mit Rot mit blauem, grünem 
oder violettem Glase überfangen sind, zu dem Zwecke, um sie gleichfalls auszu- 
schleifen und event. auf dem AusschlifF mit Gelb zu malen. 

So ist die Ausschleiftechnik überhaupt neben der Verwendung des Malgelbs 
für den zweiten Zeitraum in der Geschichte der Glasmalerei charakteristisch. 
Es darf dies indessen keineswegs so verstanden werden, als ob die Inanspruch- 
nahme dieser neuen technischen Mittel uns in jedem gemalten Fenster entgegen- 
träte, welches der in Rede stehenden Kunstperiode seine Entstehung dankt, sondern 
es finden sich neben Arbeiten, die die fraglichen Erfindungen in ausgedehntem, 
und solchen, die sie in bescheidenem Maße verwenden, auch vielfach Fenster, 
welche ganz darauf verzichten und an dem alten einfachen Mosaiksystem fest- 
halten. In ihnen kennzeichnet sich dann die Entstehungszeit nur durch die ver- 
änderte Komposition der Zeichnung und durch den Stil der Details. 

Die Ornamentfenster sind in ihrer großen Mehrzahl Grisaillen. Mit Vor- 
liebe fügt man das Laub einem geometrischen Netzwerk ein. das allermeist aus 
gelben, roten und blauen Strängen besteht und sehr oft einen maßwerkartigen 
Charakter annimmt. Beginnt in dieser Zeit ja doch das Maßwerk überhaupt, sich 
auf allen Gebieten der Kleinkunst vorzudrängen, sobald es Flächen zu dekorieren 
gilt. Es ist selbstverständlich, daß das Laubwerk auch der Glasfenster an den 
allgemeinen Stiländerungen teilnimmt und aus der konventionellen Zeichnung der 
Frühzeit allmählich in die naturalistische des 14. und die manierierte des 15. Jahr- 
hunderts übergeht. Die Ornamentfenster vorzüglich beharren sehr oft in der Be- 
schränkung auf die technischen Mittel der Frühperiode; in anderen Beispielen sind 
es vielleicht nur im Muster wiederkehrende rote Rosen, welche einen aus- 
geschliffenen weißen Mittelpunkt zeigen, oder es handelt sich um eine ähnlich 
geringfügige Anwendung von Schliff oder Silbergelb. 

Das Medaillonmotiv büüt seine Beliebtheit ein, und in den hohen Fenstern 
überwiegen, sobald man Figürliches darstellen will, die Standfiguren. Aber 
das Bild dieser Figurenfenster ist, verglichen mit ehemals, ein wesentlich anderes 
geworden. Dies hängt hauptsächlich mit der Zeichnung der Baldachine zusammen; 
dieselben steigern ihre Höhe, oft sogar ins Außerordentliche, und bauen sich über 
dem unteren, giebelbekrönten, eigentlichen Schirmgewölbe in hochgetürmter 
Komposition aus Fialen, Wimpergen und Strebebogen zusammen. Derartige 
Baldachine nehmen, statt sich wie früher auf die Höhe von einer oder zwei 
Fenstertafeln zu beschränken, deren oft fünf, sechs oder sieben in Anspruch. 
Diese gemalte Architektur geht, wenigstens in ihren struktiven Linien, hell, 
von dunklen Gründen ab. Hauptsächlich nur die Fläche der fensterartigen 
Blenden in den Fialen, der Maßwerkfiguren in den Giebeln wird blau, rot, grün 
gefärbt. 

Die Bilder selbst bieten dann die vorzüglichste Gelegenheit für die Uebung 
der neuen Technik; inwiefern, ward oben bereits angedeutet. Sie stehen auf 
Gründen, die man mit Vorliebe in Rauten mustert. Die Rauten sind etwa blau, 
nur durch Bleie getrennt, wo sich letztere durchkreuzen würden, sitzt ein rotes 
Rosettchen; oder diese Farben drehen sich um; oder die Rosetten sind in weißem 
oder gelbem Glase hergestellt; oder die Rauten trennen sich voneinander durch 



i8i 

andersfarbige Streifen; oder sie wechseln selbst in zwei Farben. Meist sind sie 
noch mit schwarzen Strichen bemalt. 

In die Glasmalereien dieser Zeit werden bereits vielfach Wappen- 
schilder verwoben. 

Auf ihnen zumeist, aber auch auf Hintergründen beginnt dann die Dekorations- 
weise eine wichtige Rolle zu spielen, welche als Damaszierung bekannt ist. 
Sie wird dadurch hervorgebracht, daß man die zu damaszierende Fläche mit ver- 
dünntem Schwarzlot lasiert und aus ihm ein feines, gleichmäßig füllendes Kanken- 
wcrk hcrausradiert; doch kommt es auch vor, daß, umgekehrt, mit dünnem Schwarz 
entsprechende Ranken auf die unlasierte Scheibe gemalt worden sind. 

Figuren cn (jrisaille bilden eine allerdings nicht zu häufig verwertete Er- 
findung der uns beschäftigenden Periode. Sie sind auf Weiß in Schwarzlot ge- 
zeichnet und modelliert und an Haaren, Gewandsäumen und etwaigen Kleinodien 
mit Gelb aufgeputzt. Die bekanntesten Beispiele bietet das große Westfenster 
der Klosterkirche in Altenberg. 

Um noch einmal auf die Gesamtkomposition zurückzukommen, so ist zu- 
nächst zu bemerken, dafl selbst die bereits geschilderten Kaldachinentwicklungen 
oft nicht imstande sind, die gewaltigen Höhen der Fenster dieses Stils zu füllen. 
Deshalb entstehen überall Kombinationen aus figürlicher und ornamentaler Malerei; 
die letztere beginnt dabei über jenen Baldachinen und reicht bis in die Schlüsse 
der senkrechten Fensterabteilungen und in die Felder des Maßwerks. Die Ein- 
teilung ist beispielsweise in den Oberfenstern des Hauptchors der Wiesenkirche 
in Soest die, daß von den durch die Sturmstangen abgeschiedenen Tafeln die 
unterste in einrahmender Architektur ein Wappenschild enthält, daß zwei Tafeln 
darüber die Standfigur aufnehmen, dann fünf Tafeln für den Baldachin bestimmt 
sind und über ihnen erst das Grisaillemuster anhebt. 

Soweit waltet noch die strenge, echt monumentale, aus der Glasmalerei der 
Frühzeit überkommene Kompositionsweise. Doch versucht schon das 15. Jahr- 
hundert auch freiere Anordnungen des Figurenwerks, und nach dem Schlüsse 
desselben hin werden sie immer häufiger. Die Darstellung figürlicher Szenen hatte 
bereits die Medaillons der Frühgotik gefüllt. Jetzt werden, entsprechend dem 
Vorgange auf anderen Gebieten der darstellenden Kunst, Reihen solcher Gruppen- 
bilder kleineren Maßstabes aufs neue beliebt und dienen, die Legende der Heiligen 
zu erzählen. Aber die einzelnen Bilder entbehren der rahmenmäßigen Einfassung; 
jede Tafel der oft vielteiligen Fenster enthält eine Szene; der Hintergrund ist 
nicht mehr glatt oder regelmäßig gemustert, sondern stellt eine Landschaft, das 
Innere eines umbauten Raumes dar, und höchstens eine ganz niedrige Baldachin- 
architektur krönt diese Tafel. 

Während im übrigen die Zeit noch in vollem Maße die Vorzüge der Farben- 
pracht und guten Farbenverteilung von ehemals ihr eigen nennt, beginnt bei dem 
letzterwähnten Genre eine im Wesen dieser Kompositionen begründete systemlose 
Buntheit Platz zu greifen. 

Im allgemeinen sei noch bemerkt, daß schon vom 14. Jahrhundert ab die 
früher üblichen prächtigen Friese an Größe und Bedeutung immer mehr abnehmen, 
so daß zuletzt oft nur der an den Stein angrenzende Streifen weii3en Glases übrig 
bleibt. Bei den Figurenfenstern der Art, die ich zuletzt anführte, fehlt schließlich 
auch dieser Streifen. 



l82 



III. Abschnitt. 

Die späte Periode. 

1500— 1650. 

Bereits bei Betrachtung der Fenster aus der Spätzeit des 1 5. Jahrhunderts 
drängt sich die Wahrnehmung auf, daß das Schwarzlot nicht mehr ausschließlich 
nach dem alten einheitlichen Rezept bereitet wird. Dünn aufgetragen spielt es 
häufig statt nur ins Braune jetzt auch in das Rotbraune, Graue, Gelbliche, selbst 
Grünliche und in den Ton des Caput mortuum; doch ist die P'ärbung in dem- 
selben Fenster immer die gleiche; der einzelne Glasmaler scheint seine bevorzugte 
Mischung gehabt und im allgemeinen an ihr festgehalten zu haben. 

Neben diesem Schwarzlot in seinen bereits einigermaßen wechselnden Tönen 
und dem Silbergelb aber kommt nun gegen das Jahr 1500 eine neue, dritte 
Malfarbe auf, ein Pigment, welches, im Brennofen aufgebrannt, Rot ergibt, wegen 
seiner Zusammensetzung Eisenrot genannt. Im Laufe des 16. und im 17. Jahr- 
hundert gelingt es dann, auch alle übrigen Farben, Blau, Violett und Grün in den 
verschiedensten Nuancierungen als Malfarben oder Emails herzustellen. Damit 
wird es möglich, mit mehrfachen Lokalfarben nebeneinander nicht nur auf Ueber- 
fanggläsern, sondern auch auf ein und derselben weißen Scheibe zu arbeiten; solche 
Scheiben liefert der Glasmacher nunmehr auch in etwas größeren Abmessungen, 
als sie das eigentliche Mittelalter kannte. Die Zahl der Bleie vermindert sich 
hiermit mehr und mehr. Bereits die Ausschleiftechnik der vorigen Periode hatte 
sie ja eingeschränkt, und dieser schon mußte, nachdem sie einmal auf die Wirkung 
der kraftvollen Bleikontur zum Teil verzichtet, bei der Beschwerlichkeit des 
Ausschleifens die Herstellung dieser bunten Emails wünschenswert erscheinen. 

Diese aufgemalten Farben sind indes, besonders das Rot und Blau, keines- 
wegs imstande, die alten bunten Hüttengläser mit ihrer Leuchtkraft und Farben- 
glut zu ersetzen; verglichen mit letzteren erscheinen die in Rede stehenden Emails 
trübe und erdig. Nur für die Darstellung von Grün auf weißen Scheiben wird 
eine sehr dick aufgetragene Malfarbe gefunden, welche im Effekt mit dem in der 
Masse gefärbten Hüttenglase einigermaßen wetteifern kann und eigentlich den 
Eindruck eines aufgeschmolzenen Pulvers von grünem Glase macht, aber in Wirk- 
lichkeit doch, wie sich neuestens herausgestellt hat, eine Malfarbe im gewöhnlichen 
Sinne ist.^) 

Noch im 16. Jahrhundert beginnt man die Glasscheiben mit einem Diamanten 
zuzuschneiden, die Bleiruten aber statt durch Gießen mit einem kleinen Walz- 
werk, dem Bleizug, herzustellen. Die Architektur macht in Deutschland in diesem 
Jahrhundert den Uebergang vom gotischen zum Renaissancestil durch; doch tritt 
der Umschwung im Kirchenbau meistens am spätesten und oft am wenigsten 
durchgreifend auf, insofern sich hier vielfach eine Art Mischarchitektur entwickelt, 
die besonders den Fensteröffnungen der Kirchen noch längere Zeit die uns be- 
kannten, wenig modifizierten Formen des vorigen Jahrhunderts beläßt. 

In der Komposition geht immer mehr die gebundene und monumentale 
Haltung von ehedem verloren. Eigentliche Ornamentfenster werden überhaupt 



') Eigentümlicherweise wird dieses Grün zuweilen auch zum gleichförmigen Ueberziehen ganzer 
weißer Scheiben verwendet. 



'83 

selten und entbehren der einfassenden Friese. Es überwiegt bei weitem die 
Figurenmalcrei. Die Figuren aber sträuben sich gegen das einrahmende Nischen- 
werk; dasselbe verschwindet oder verringert doch sehr seine Bedeutung. Damit 
geben selbst die größeren Figuren den statuarischen Charakter auf, treten, sogar 
über das Steinpfostenwerk geteilter Fenster hinüber, zueinander in Beziehung, 
und schließlich entstehen über die ganze Breite solcher Fenster hin einheitliche 
Kompositionen, die wie zufällig von den Steinpfosten durchschnitten werden. 
Immer allgemeiner werden auch die Hintergründe im modernen Sinne; die dar- 
gestellte Handlung tritt immer häufiger aus der idealen Abgeschlossenheit, in 
welche die Tcppichgründe das Figurenwerk hineinversetzt hatten, heraus in die 
realistische Umgebung einer Landschaft, einer inneren oder äußeren Architektur. 
Die letztere ist oft, besonders bei Durchführung der Renaissanceformen, von großer 
Schönheit, immer aber ihrer Bedeutung nach etwas anderes als die lediglich einen 
dekorativen Rahmen abgebende Nischenarchitektur der vorausgegangenen Jahr- 
hunderte. 

Es handle sich um Ornament, figürliches Werk oder Hintergründe, so wird 
die Modellierung eine durchgeführtere als früher; sie geht zuletzt in eine wirkliche 
Schattierung über. 

Das Resultat dieser Wandlungen ist, wenigstens wo monumentale Aufgaben 
gelöst werden sollen, kein günstiges. Das Glasgemälde büßt allmähhch den 
Charakter der Fläche ein, reißt sich los vom Ganzen des Bauwerks und will sein 
eigenes, abgesondertes Leben führen. Es entspricht eine solche Richtung dem 
Auseinandergehen der einzelnen Künste, wie dasselbe überhaupt vom 15. Jahr- 
hundert ab sich geltend macht. Vielfach schwindet das Bewußtsein, daß der Bau 
in Architektur, Skulptur und Malerei ein Einheitliches sein soll, und der einzelne 
Meister sucht, unbekümmert um die Gesamtharmonie, die selbständige Ausbildung 
seines Werkes. Das Glasgemälde wird ein Kunstwerk für sich, das der Architektur 
sich nirgend willig einfügt, sondern nur widerwillig die vermeintlichen Hemmnisse 
erträgt, welche das Stabwerk und die Armatur der Fenster, sowie die Technik 
des Verbleiens ihm auferlegt, statt gerade aus diesen Bedingungen heraus seinen 
Charakter in eigentümlicher Weise zu entwickeln. Man sucht die höchste 
Aufgabe darin, sich die Effekte einer fremden Gattung, der Oelmalerei, anzu- 
eignen. 

Das neue Prinzip der Malerei mit bunten Farben auf weißem Glase, der so- 
genannten Appreturmalerei, spricht sich in manchen Fällen in einer so schroffen 
Weise aus, daß über das ganze Fenster hin eine Einteilung viereckiger Scheiben 
gezogen ist und diese dann unabhängig von der Bleifuhrung mit den einzelnen 
Teilen des Gemäldes versehen sind. Häufiger freilich folgt das Blei nach alter 
Weise noch den Hauptkonturen, wie denn auch die Benutzung von in der Masse 
gefärbten oder überfangenen Huttengläsern nicht sofort aufgegeben wird, sondern 
gerade in den besten Beispielen auch des 16. und 17. Jahrhunderts zum Teil sich 
beibehalten findet. Aber auch in diesen macht sich der Verfall geltend; der 
Verzicht auf zahlreiche Bleikonturen raubt dem Bilde einen Teil der Kraft; von 
den Farben übernehmen Weiß und Gelb die Hauptrolle und zerreißen und durch- 
löchern das Fenster, besonders von weitem aus gesehen, wo das Detail der 
Zeichnung mehr zurücktritt. Durchgeführte Linien- und Luftperspektive, die land- 
schaftlichen oder anderen vertieften Hintergründe stellen ganz und gar den 
Charakter der Staffeleibilder her. 



iS4 

Bei der Beurteilung der Werke dieser Spätzeit herrscht vielfach die unzu- 
treffende Phrase; üblich ist es beispielsweise, von der satten Farbenpracht der 
spätestgotischen Fenster des Kölner Domes zu sprechen, wahrend in Wahrheit 
in denselben das Weiß vorherrscht, die bunten Hüttengläser im ganzen ungünstig 
verteilt sind und das Gesamtbild ein zerrissenes, keinewegs mehr monumentales 
ist. Freilich ist der zeichnerische Entwurf der einzelnen Figuren in diesen Fenstern 
teilweise ein vorzüglicher, wie denn überhaupt in der Glasmalerei von jetzt ab 
eine Trennung einzutreten be- 
ginnt zwischen der Person des 
handwerksmäßigen, bloß repro- 
duzierenden und ausführenden 
Glasmalers und derjenigen des 
oft hervorragenden Künstlers, 
welcher die Zeichnung, den 
farblosen Karton entwirft. 

Eine zunehmend wich- 
tigere Rolle spielt das Wappen- 
wesen; Wappen machen zuletzt 
den bevorzugten Gegenstand 
der Glasmalerei aus. 

Die Abb. 41 gibt ein 
Stück eines Kirchenfensters 
vom Anfange des 16. Jahrhun- 
derts, entnommen der Samm- 
lung des Berliner Kunst- 
gewerbe-Museums. Der dar- 
gestellte Heilige trägt ein 
grünes Untergewand und hält 
in der Hand ein Buch mit 
rotem Deckel. Der letzte 
Hintergrund oberhalb der Brü- 
stungsmauer ist violett, mit 
Schwarzlot gedeckt und auf 
diesem wieder mit ausradiertem 
Rankenwerk damaszierend ge- 
lichtet. Die Sockel und Kapi- 
telle der Pilaster bestehen aus 
blauem Glase, letztere zeigen 
einzelne grüne, durch aufgemaltes Gelb gefärbte Blätter. Soweit ist mit bunten 
Hüttengläsern gearbeitet. Alle übrigen Flächen haben weißes Glas zur Grundlage. 
In der Architektur mischen sich gotische und Renaissanceformen. 




Abb. 41. 



Die Kabinettsmalerei. 

So sehr die Glasmalerei dieser Zeit die Fähigkeit zur Lösung monumentaler 
Aufgaben großen Maßstabes einbüßt, so geeignet erscheint die Technik des 16. Jahr- 
hunderts für die Behandlung kleiner Bilder, die von jetzt ab den Fensterflächen 
der profanen Architektur zum Schmucke dienen. Es handelt sich dabei haupt- 



i85 



säclilich um einzelne gemalte Medaillons, welche den übrigens weißen Glasflächen 
gewissermaßen aufgeheftet sind. Die Nahe dieser Darstellungen gegenüber dem 
betrachtenden Auge läßt die zarte Malerei auf Weiß zur vollen Wirkung kommen. 
Wappen, Szenen aus der heiligen und der profanen Geschichte, sowie Porträts 
bilden den gewöhnlichen Gegenstand der Kabinettsmalerei. Anfangs setzt man 
die Medaillons noch aus mehrfachen Glasscheiben zusammen, wobei die Tinkturen 
des Wappenschildes gern mit Hilfe bunten Ilüttenglases dargestellt werden; später, 
im 17. Jahrhundert, malt man allermeist mit den Emails auf ganz weiße Scheiben. 
In hohem Grade hat die Kabinettsmalerei in der Schweiz geblüht; die Erzeugnisse 
von dort sind auch in Deutschland vielfach verbreitet worden. 

Abb. 42 gibt ein Beispiel, gleichfalls aus der genannten Sammlung in Hcrlin. 
Das Wappen ist, abgesehen von dem grünen Rande, auf eine einzige weiße 
Scheibe gemalt. 

Bemerkt sei noch, daß die Form der Fensteröffnungen in diesen Profan- 
bauten zumeist die viereckige ist. Bewegt sich in der Oeffnung ein Holzflügel, so 
wird die bleiverglaste Tafel in denselben auf Nut oder Falz eingesetzt und durch 

übergelegte Windeisen, die seitwärts auf 
dem Holze mit ihren plattgeschlagenen 
Enden festgenagelt sind, gegen Einbiegen 
geschützt. 




Abb. 42. 



Die ungemalten Bleifenster. 

Es mögen hier noch diejenigen Ar- 
beiten Erwähnung finden, welche aus 
einem nur mittels Glasschnitt und Ver- 
bleiung erzeugten Flächenmuster bestehen, 
ohne daß die Leistung des Pinsels dabei 
in Anspruch genommen wäre, die also 
richtiger nur als Kunstglasereien be- 
zeichnet werden. 

Im Jahre 11 34 bestimmt das Generalkapitel des Zisterzienser-Ordens, daß 
die F^enster in den Ordenskirchen weiß und ohne Malerei sein sollen. Trotzdem 
dieser Beschluß niemals wörtlich durchgeführt worden ist, sondern sich in den 
Kirchen der Zisterzienser zahlreich gemalte Grisaillen finden, hat man dem Orden 
doch sicherlich die weitere Verbreitung jener einfach schönen Gattung von Fenster- 
werk zu danken, welches gänzlich aus weißem, ungemaltem Glase besteht. Der- 
artige Muster sind in allen Perioden in Gebrauch gewesen, leider aber nur in 
geringer Zahl erhalten. Beispiele von noch romanisierender Zeichnung, die im 
Original mir unbekannt geblieben, werden aus französischen Kirchen mitgeteilt. 
Die Muster Abb. 43 und 44 finden sich, nach alten Resten treu erneuert, in 
hessischen Werken. Ueblich sind Bandverschlingungen, Wiederholungen von im 
Umriß sehr vereinfachten Blättern und Zusammensetzungen aus einfachen geo- 
metrischen Figuren, wie Rauten, Streifen, Drei-, Sechs- und Achtecken sowie 
Kreisen. Die einfachste Musterung, welche denkbar, setzt sich aus lauter gleich 
großen Rauten zusammen. Diese Rautenfenster sind im Mittelalter indes oft als 



i86 

bloße Provisorien zur Verwendung gekommen. Die Rauten darin sind spitzwinklig 
und klein, nicht über 8 cm Seitenlänge messend. 

Auch kommen vereinzelt derartige rein musivische Fenster aus bunten 
Gläsern vor, besonders an sehr hochgelegenen Stellen. Dieselben weisen ganz die 
Technik unserer heutigen Glaserschilder auf. Das Genre ist, was die Neuanwendung 
betrifft, als ein entschieden gefährliches zu betrachten. 

Ferner haben sich in den Oberfenstern des Domes in Köln Muster erhalten, 
in denen eine Verbindung der beiden vorerwähnten Behandlungsarten eintritt. 
Auf die Fläche ist zunächst ein weißes Bandmuster gezeichnet, dem sich dann 
aber ein maßwerkartiges Netz aus rotem, blauem und gelbem Glase auflegt. 
In beiden Systemen ist die Zeichnung ohne Malerei nur durch die Verbleiung 
gebildet. 

In dieses Kapitel gehört aber schließlich eine ganz neue Manier der Ver- 
glasung, die mit Butzenscheiben. Der genaue Zeitpunkt der Erfindung der 
runden Butzengläser ist dem Verfasser unbekannt; sicher ist, daß solcher Art 
verglaste Fenster auf altdeutschen Altarwerken abgebildet erscheinen, die sich 
u. a. im Berliner Museum finden und der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts ent- 





Abb. 43. 



Abb. 44. 



stammen. — Die Butzenscheibe ist kreisrund und vom Rande nach der Mitte hin 
regelmäßig zunehmend verdickt; die äußerste Kante ist saumartig umgeschlagen. 
Diese Gläser werden erzeugt, indem der Glasarbeiter mit der Pfeife eine immer 
gleiche Quantität dickflüssiger Glasmasse aus dem Ofen nimmt, dieselbe in 
rotierende Bewegung setzt und sie so zur Scheibenform ausbreitet, wonach ein 
zweiter Arbeiter mit einer Zange ringsumfahrend den Saum anbiegt. Die Butzen 
haben gegen 10 cm im Durchmesser und sind, ins Viereck oder Dreieck gestellt, 
zu wagerechten oder senkrechten Reihen geordnet. Die Zwickel zwischen den 
Kreisen werden mit weißem, mitunter auch mit buntem Glase ausgefüllt. Butzen- 
verglasung dient zum Verschluß der Fenster in Kirchen sowohl als in Wohn- 
gebäuden. 

Mit der weißen Verglasung, möge sie aus glatten Scheiben oder aus Butzen 
bestehen, kombinieren sich nun aber häufig Stücke eigentlicher Glasmalerei, so, 
wenn vielleicht die unteren Tafeln eines Kirchenfensters (z. B. in Blutenburg bei 
München) figürhche Szenen, die oberen Butzenmuster haben; so, wenn sich der 



weißen Fläche eines Wohnhausfensters in schon besprochener Weise ein gemaltes 
Medaillon auflegt. Die letztere Art von Verglasung hat den Vorteil, daß der 
Malerei nicht gänzlich die Durchsichtigkeit des Fensters zum Opfer fällt. Hierhin 
gehören auch die italienischen Beispiele aus der Certosa bei Pavia und aus der 
Bibliothek von S. Lorenzo in P'lorenz. 



Schluß. 



Damit wäre in großen Zügen ein Ueberblick über die Behandlung der kunst- 
mäßigen Fensterverglasung bis zur Zeit des Verfalles dieser Kunst gegeben. Ich 
habe dabei wesentlich nur die deutsche Glasmalerei in Betracht gezogen. Manche 
Besonderheiten zeigt die französische, besonders in den Ornamentfenstern en 
yrimillc, mit ihrem viel spärlicher aufgesetzten, kleiner gezeichneten Blattwerk; 
auch die französische Verbindung von großen Grisailleflächen mit lebhaft gefärbten 
figürlichen Feldern kommt bei uns in ähnlicher Weise nicht vor. 

Die Glasmalerei geht im 17. Jahrhundert zugrunde infolge des Niedergangs 
der kirchlichen Baukunst und des damit zusammenhängenden Mangels an monu- 
mentalen Aufgaben, aber auch infolge des veränderten Geschmacks, welcher 
immer mehr auf eine oft übertriebene Helligkeit in den Räumen hinwirkt, auch 
mit den gemalten Fensterflächen neben der stets farbloser werdenden Innen- 
architektur nichts zu beginnen weiß und die größeren weißen Scheiben, die zuerst 
Murano liefert, vor allem elegant findet. Unter dieser Geschmacksänderung haben 
dann bekanntlich auch die bis dahin erhaltenen altdeutschen Glasmalereien stark 
zu leiden gehabt. Ausschließlich die Wappendarstellung hilft der Appreturmalerei 
noch hier und da bis in das 18. Jahrhundert hinein das Leben fristen, 
ähnlich wie sich zu gewisser Zeit die Arbeit des Emaillierens nur noch bei der 
Herstellung von Ordens-Insignien betätigen durfte. Aber die Technik wird stetig 
wieder eine ärmere und die Ausführung eine immer unvollkommenere. Die 
Rezepte für die Appreturfarben gehen zuguterletzt fast überall verloren, früher noch 
die Verfahrungsarten für die meisten bunten Hüttengläser, unter anderen auch für 
das rote und überhaupt für das Ueberfangglas. Es ist charakteristisch, daß das zu 
F^ingang dieses Aufsatzes genannte Buch von Levieux bereits von überfangenen 
Gläsern nichts mehr weiß. 

Das Verdienst der Männer, welche in unserem Jahrhundert die Kunst der 
Glasmalerei wieder aufnahmen, ist groß genug und bedarf nicht der künstlichen 
Aufhöhung dadurch, daß man ihnen als Erfindung zurechnet, was sie literarisch 
aufbewahrt, besonders bei Levieux, vorfanden. Dies waren die Rezepte zu allerlei 
Appreturfarben, mit denen zu operieren man anfing. Rotes Hüttenglas hatte man 
bereits seit Kunkel wieder machen können. Allmählich nahm man auch andere 
bunte Gläser zu Hilfe und schritt so von den dilettantischen Anfängen in den 
20er Jahren bis zur Schöpfung stilgemäUer Monumentalmalereien fort. Freilich 
sind die betreffenden Fortschritte nicht überall gleich stetige gewesen; vielfach 
schlagen sich die Institute noch mit naturalistischen Versuchen bei Aufgaben 
herum, wo die teppichmäßige Behandlung der älteren Zeiten allein am Platze ist. 
Auch das Surrogatenwesen hat leider angefangen sich auf diesem Gebiete breit 
zu machen. 



i88 

Die Herbeiführung eines allgemein besseren Zustandes darf wohl mit Recht 
vornehmlich als eine Aufgabe der Architekten betrachtet werden. Möge dem 
einen oder anderen von ihnen, der bisher der Sache noch ferner gestanden, das 
Vorstehende eine Anregung werden, besonders dem besten Mittel des Studiums, 
der Beschäftigung mit den Denkmälern selbst, näher zu treten. 

Bei der Anfertigung neuer Glasmalereien kommt es im höchsten Grade auf 
die Wahl der Gläser an. Die ordinären bunten Gläser sind wegen ihrer ungesunden 
Töne fast nicht zu gebrauchen; bessere Farbenauswahl bieten die englischen, auch 
in Innsbruck gut hergestellten, sogenannten Kathedralgläser, die auch eine größere 
Stärke, freilich aber eine Oberfläche besitzen, welche von der des alten Glases 
sehr verschieden ist; am nächsten kommen letzterem bis jetzt das Innsbrucker 
„Antikglas" und gewisse probeweise hergestellte Gläser von Grosse in Berlin. 
Das wirkliche Lüster der mittelalterlichen Gläser wird nur erreicht werden können, 
wenn man, statt dem Material Unebenheiten und Rauhigkeiten anzukünsteln, sich 
dazu entschließt, für Zwecke der feineren Kunst kleinere Glasstücke ganz in der 
eingangs beschriebenen alten Art zu fabrizieren. 

Die modernste, von England zu uns kommende Kunstglaserei wandelt ihre 
eigenen Wege und hat mit der älteren Kunstweise wenig zu tun. Insoweit sie 
mit ihrer Verwendung von stark reliefierten Gläsern gegen anerkannte Grundgesetze 
der Dekoration und mit der Zusammenstellung derartiger und platter Scheiben 
oft gegen das Natürlich-Schöne verstößt, darf sie wohl als eine vorübergehende 
Mode betrachtet werden. Wieder anderweitige Leistungen dieser Art werden 
indes sicherlich eine Zukunft haben. 

Als Abschluß folge ein Verzeichnis von Büchern, welche Abbildungen 
alter Glasmalereien geben, und zwar zunächst solcher, die sich mit unserer Kunst 
ausschließlich beschäftigen; unter dem Strich reihen sich Schriften an, in denen 
gelegentlich derartige Reproduktionen mitgeteilt erscheinen. Die wichtigeren 
Nummern sind mit einem * versehen. Das Verzeichnis dürfte für Deutschland 
und Frankreich einigermaßen vollständig, dagegen mag mir von der englischen 
Literatur dies oder jenes entgangen sein: 

*Lasteyrie, bist, de la peinture sur verre. 1853. 

*Levy, bist, de la peinture sur verre. 1860. 

Boetius, les peintures . . ä Gouda. 1736. 

*Eberlein, deutsche Kunstwerke. 1848 (i Nürnberger Fenster). 

Guerber, essai sur les vitraux etc. 1848. 

Descamps et Lemaistre, vitraux de . . . Tournay. 1848. 

*Martin et Cahier, la Cathedrale de Bourges. I. 1841 ff. 

*Camesina, Glasgemälde des Chorherrnstifts Klosterneuburg usw. 1857. 

*Camesina, Glasgem. des Cistercienserstifts Heiligenkreuz. 1858. (Nebst dem 

vorigen auch im Jahrbuch der „Zentralkommission".) 
Herberger, Glasgem. im Dom zu Augsburg. 1860. 
*Liebenau u. Lübke, Denkmäler des Hauses Habsburg. 
*Warnecke, Musterblätter für Glasmaler. 



i89 

Heideloff, Ornamentik des Mittelalters. 

Stillfried, Altertümer und Kunstdenkmale etc. 1838 ff. 

V. Hefner-Alteneck, Trachten des ehr. Mittelalters. 1840 ff. 

V. Aretin, Altertümer etc. 1854. 

Begin, cathedrale de Metz. 1843. 

*Viollet-le-Duc, dict. rais. de Farch. frangaise, Band IX. 

Eye u. Falke, Kunst und Leben etc. 1855. 

*Müller, Katharinenkirche zu Oppenheim. 1823 (53). 

Bulletin de la societe . . . d Alsace. 1857 ^■ 

Cahier et Martin, melanges d'archeologie. 1850 ff. 

*Baudenkmäler Niedersachsens (Bücken). 

Tschischka, Stephansdom. 1832. 

Schimmel, Cistercienserabtei Altenberg. 

Baudenkmale in Kurhessen (Fritzlar). 

Mithoff, Archiv für Niedersachsens Kun.stgesch. (Goslar und Wienhausen). 

*Mediaeval art. Divers works etc. 1846 (Gouda). 

Moller, Denkmale. 

*Ungewitter-Statz, Goth. Musterbuch. 

Boetticher, Holzarchitektur. 1835 ff. 

*King, study-book. 1868. 

Boisseree, Ansichten des Doms zu Köln. 1821 ff. 

*Boisseree, Denkmale am Niederrhein. 1833. 

*Schmitz, der Dom zu Köln. 

*Gailhabaud, l'archit. du V. au XVI. siecle. 1856 ft. 

Milde u. Deecke, Denkmäler in Lübeck. 1843. 

Zeitschrift für Bauwesen, Jahrg. 1867 (Marienstatt). 

Quast u. Otte, Zeitschrift, Band II. 

*Dupasquier, Monographie de N.Dame de Brou. 1842. 



190 



Anhang. 



Verzeichnis von Orten in Deutschland, an denen sich alte 
Glasmalereien erhalten haben. • 

(Nach Reisenotizen und literarischen Quellen.) 



1. Mittel- und Niederrhein. 


Schmalkalden. 


Altenberg. 
Coblenz. 


Wilhelmshöhe. 
Winnen. 


Darmstadt. 
Ehrenstein. 


III. Niedersachsen. 


Frankfurt. 


Amelunxbom. 


Gladbach. 


Bardowik. 


Heimersheim. 


Bremen. 


Kidrich. 


Bücken. 


Köln. 


Dortmund. i 


Kyllburg. 


Ebsdorf. 


Lorch. 


Falkenhagen. 


Marienstatt. 


Goslar. 


Munster b. Bingen. 


Hannover. 


Oberwesel. 


Herford. 


Oppenheim. 


Legden. 


Rheineck. 


Loccum. 


Trier. 


LUne. 


Vallendar. 


Lüneburg. 


Wiesbaden. 


Münster. 


Wimpfen am Berg. 


Nordheim. 


Wimpfen im Tal. 


Uslar. 


Worms. 


Verden. 


Xanten. 


Wienhausen. 


II. Hessische Lande. 


IV. Nordöstliches Deutschland. 


Corbach. 


Berlin. 


Eppstein. 


Brandenburg. 


Frankenberg. 


BUtzow. 


Friedberg. 


Culm. 


Fritzlar. 


Doberan. 


Gelnhausen. 


Frankfurt. 


Haina. 


Gadebusch. 


Hanau. 


Havelberg. 


Hersfeld. 


Lübeck. 


Immenhausen. 


Marienburg. 


Marburg. 


Marienwerder. 


Ortenberg. 


Neuendorf. 



Neukloster. 

Rethwisch. 

Röbel. 

Rostock. 

Salzwedel. 

Stendal. 

W^erben. 

Wilsnack. 

Wismar. 

V. Thüringen und Obersachsen. 

Dresden. 

Ebersdoif. 

Erfurt. 

Friesau. 

Gotha. 

Halberstadt. 

Jüterbog. 

Lauenstein. 

Leipzig. 

Liebstadt. 

Meißen. 

Merseburg. 

Mühlhausen. 

Naumburg. 

Pirna. 

Saalfeld. 

Sangerhausen. 

Zinna. 

Zwickau. 

VI. Oesterreich. 

Ardagger. 

Gratz, 

Heiligenkreuz. 

Judenburg. 

Kloster-Neuburg. 

Kremsmünster. 



191 



Laxenburg. 

Leoben. 

Lieding. 

Neuberg. 

Salzburg. 

S. Florin. 

S. Leonhard, Salzbg. 

S. Leonhard, Steierni. 

S. Polten. 

S. Wollgang. 

Seitenstetten. 

Weiten. 

Well. 

Wien. 

Wiener Neustadt. 

VII. Bayern. 

Amberg. 

Ammerthal. 

Augsburg. 

Blutenburg. 

ChammUnster. 

Dettendorl. 

Eichstädt. 

Freising. 

Gaierberg. 

Groß-Schönbrunn. 

GUnthersdorf. 

Ingolstadt. 

Iniell. 

Jenkofen. 

Kittensee. 

Landsberg. 

Moosfürth. 

München. 

Naaburg. 

Nürnberg. 

Peroha. 



Pipping. 

PrUll. 

Regensburg. 

Rothenburg. 

S, Colomans. 

S. Zeno. 

Schleißheim. 

Straubing. 

Suliberg. 

Tölz. 

VIII. Württemberg. 

Bebenhau^en. 

Eßlingen. 

Gaildorf. 

Gmünd. 

Hall. 

Heiligkreuz. 

Herrenalb. 

Hohenzollern. 

Ingelfingen. 

Kirchheim. 

Marbach. 

Mittelrotli. 

Münster. 

Nürtingen. 

Oehringen. 

Rosenfeld. 

Rothweil. 

Thüngerthal. 

Tomerdingen. 

Tübingen. 

Ulm. 

Urach. 

Vellberg. 

Wasser-Alfingen. 

Weissach. 

Wildberg. 



IX. Baden. 
Baden. 
Bidersheim. 
Constanz 
Durmersheim. 
Freiburg. 
Lichtenthai. 

X. Elsaß und Lothringen. 

Colmar. 

Lutenbach. 

Metz. 

Mülhausen. 

Mutzig. 

Neuweiler. 

Niederhaslach. 

Ober-Ehnheim. 

Oberkircli. 

Rosenweiler. 

RuflFach. 

Ruith. 

S. Walburg. 

Schlettstadt. 

Straßburg. 

Thann. 

Weißenburg. 

Westhofen. 

Zabern. 

XI. Schweiz. 

Bern. 

Freiburg. 

Königsfelden. 

Lausanne. 

Luzern. 

Meerstern, 

Muri. 

Rathhausen. 

S. Johann. 



192 



Das deutsche Schieferdach. 



Seitdem man im Norden und Nordosten von Deutschland so vielfach die 
hier von alters her übliche Ziegeleindeckung der Dächer verlassen und sich dem 
eleganteren und im allgemeinen für vornehmer gehaltenen Schieferdach zugewendet 
hat, ist dabei in der Regel nicht heimisches, sondern ausländisches Material zur 
Verwendung gekommen. Die betreffende Umwälzung ist nicht den unerschöpf- 
lichen Schiefergruben in Rheinland und Westfalen, in Nassau, Hessen, Waldeck 
und Thüringen zugute gekommen, vielmehr ist es die englische und in geringerem 
Maße die französische Schieferindustrie, der seit nun schon langer Zeit jahraus, 
jahrein von unserem Vaterlande her bedeutende Summen zufließen. Nicht etwa 
unbekannt, aber vergleichsweise doch nur gering ist der Verbrauch des außer- 
deutschen Schiefers im Süden und im Westen. Sucht man nach den Ursachen 
für diese auffallende und vom volkswirtschaftlichen Standpunkte bedauerliche 
Tatsache, wonach auf einem so großen Gebiete ein Erzeugnis des eigenen Landes 
durch ein an Güte nicht überlegenes fremdes geradezu hat ausgeschlossen werden 
können, so ist es in erster Linie gewiß die geringere Regsamkeit der deutschen 
Grubenindustrie und des deutschen Handels, welche der Konkurrenz des Aus- 
landes nicht rechtzeitig und energisch genug entgegenzutreten gewußt haben. 
Von großer Bedeutung aber in dieser Hinsicht sind auch die antikisierenden 
Neigungen der deutschen Architekten gewesen, denen möglichst flache Dächer 
das Erwünschteste waren, in Verbindung mit dem Umstand, daß für solche sehr 
flachen Eindeckungen in der Tat das deutsche Material sich weniger eignet. 
Und endlich ist zu berücksichtigen, daß es im Vaterlande der Ziegeldächer 
überall an Arbeitern fehlen mußte, die sich auf die allerdings künstlichere Ein- 
deckung mit deutschem Schiefer verstanden, während das Aufnageln englischer 
oder französischer Schieferplatten auch durch ganz ungeübte Handwerker bewirkt 
werden konnte. 

Erst in allerneuester Zeit beginnt auch bei uns hier und da die Ueberzeugung 
von der höheren Güte, Schönheit und Dauerhaftigkeit deutscher Schieferdächer 
sich Bahn zu brechen, zumal letztere durch größere Billigkeit sich mehr empfehlen 
— während gleichzeitig die Staatsbehörden durch die bestehende Stockung des 
deutschen Schiefergeschäftes und die trostlose Lage vieler Dachschiefergewerk- 



*) Zuerst gedruckt im Zentralblatt der Bauverwaltung 1SS2, S. 133. 



193 

Schäften und ihrer Arbeiter bewogen worden sind, bei ihren liautcn auf aus- 
gedehnte Verwendung des deutschen Schiefers hinzuwirken. Die Wahl desselben 
wird den Bauhcamtcn von dem preußischen Ministerium der öffentlichen Arbeiten 
bereits seit mehreren Jahren fast in allen Fällen zur Pflicht gemacht. Leider ist 
der Erfolg dieser Maßregel noch kein sehr durchschlagender, im Privatbau aber 
behauptet das fremde Material noch vollständig das Feld. Die ganze Angelegenheit 
ist von nicht zu unterschützender Wichtigkeit, und der Verfasser folgt einer ihm 
gewordenen Anregung, sie an dieser Stelle zur Sprache zu bringen, um so lieber, 




Abb.45. Turmpyramide 
mit altdeutscher 
Schieferdeckung. 



Abb. 47. Dachfenster 
mit altdeutscher Schieferdecliung. 



Abb. 46. Turmpyramide 

mit englischer 

Schieferdeckung. 



als er sich bereits seit lange für den Gegenstand interessiert und seit mehr als 
einem Jahrzehnt in Praxis und Lehrtätigkeit zugunsten unseres Materials und der 
von ihm nicht zu trennenden schönen deutschen Deckmethode zu wirken bemüht 
gewesen ist. 

Es kommt bei der Frage in Betracht, daß das Material der deutschen Gruben 
von Haus aus eine andere Beschaffenheit aufweist als das aus den Schieferbänken 
Englands und Frankreichs gewonnene, und daß infolgedessen das Aussehen des 
Daches aus dem einen und anderen Material ein ganz verschiedenes ist und sein 
muß. Die oft ungenügende Kenntnisnahme von diesen Bedingungen ist es 



Schäfer, Gesauiinpite Aufsiitze. 



13 



194 

zumeist, welche dem einheimischen Schiefer den Weg versperrt. Frankreich 
sowohl wie England besitzen Schieferlager von bedeutender Mächtigkeit und 
Ausdehnung, in denen das Material in ununterbrochener Gleichmäßigkeit des 
Gefüges und der Spaltbarkeit, also in ununterbrochener Bauwürdigkeit geschichtet 
ruht; der Stein ist rein, feinkörnig und feinspaltig, so daß es möglich wird, den 
freigelegten Schiefer ohne Verlust in Blöcke von gewünschter Form und Größe 
zu schneiden und danach in gleichgestaltete und, wenn verlangt, sehr große 
Tafeln zu spalten. Die ausgedehnte Verwendung von Arbeitsmaschinen kommt 
diesem Betriebe zu Hilfe. Anders liegt die Sache bei den deutschen Werken. 
Der Fels unserer Gruben und Brüche zeigt mit ganz verschwindenden Ausnahmen 
eine große Ungleichförmigkeit. Schieferbänke, die auf eine nur einigermaßen 
bedeutende Länge die gleiche Bauwürdigkeit beibehielten, gibt es nicht, und auch 
der bauwürdige Teil ist meist mit einer Menge sogenannter Unarten durchsetzt. 
Erst nachdem diese entfernt, wobei mitunter zwei Dritteile des Gesteins auf die 
Halde wandern oder in der Grube verfüllt werden, bleibt reiner Spaltestein übrig. 
Die sich dabei ergebenden Dachschiefer sind ganz ungleich an Größe und Form. 
Die Erzeugung gleich großer Platten wäre meist nur möglich, wenn man sich 
zur Verschleuderung großer Massen des edlen Materials entschliei3en wollte. 
Deshalb muß der deutsche Schiefer nach einer Manier eingedeckt werden, die es 
gestattet, Stücke von verschiedener Größe zur Verwendung zu bringen. Seit 
Jahrhunderten hat sich in dieser Beziehung der in den Lehrbüchern als ,, deutsche 
Eindeckung'' beschriebene Verband aus Reihen, welche in mäßiger Schräge 
ansteigen, bewährt. Die Schiefer hierzu pflegen dem Dachdecker in rohem Zustand, 
d. h. ohne bestoßene Kanten, überliefert zu werden; ihm bleibt es überlassen, 
das Material zu sortieren und es möglichst zweckmäßig auszunutzen. Die Ver- 
wendung von Werkzeugmaschinen ist ausgeschlossen. 

Daß hiernach das deutsche Material wichtige Besonderheiten hat, ist überall 
von vornherein zu berücksichtigen, wo es sich um Neueinfuhrung desselben 
handelt. Es aber in möglichst weitem Umfange einzuführen empfiehlt sich, ganz 
abgesehen von allgemeinen Rücksichten, wegen der Billigkeit, der größeren 
Solidität und Dauer, der leichteren Reparaturfähigkeit und der schöneren Wirkung 
der damit eingedeckten Dächer. 

Wo das Deckmaterial aus der Nähe bezogen werden kann, stellt sich der 
Einheitspreis des fertigen Daches, Schiefer und Schalung zusammen gerechnet, 
durchschnittlich um 30 vH. billiger als der, welcher für das englische Dach in 
Norddeutschland im Durchschnitt bezahlt werden muß. Innerhalb unseres Landes 
bleibt, auch wenn größere Transportweiten in Betracht kommen, das Preis- 
verhältnis immer noch ein günstiges. Verfasser, welcher kürzlich in einer Hafen- 
stadt an der Ostsee durch Arbeiter vom Rhein eine Eindeckung mit rheinischem 
Schiefer in deutscher Manier ausführen ließ, ist mit dem finanziellen Ergebnis 
durchaus zufrieden gewesen. 

Der englische Schiefer wird der Regel nach in sehr dünnen Platten verwendet. 
Er ist sehr spröde und langfaserig und die Platten springen bei geringem Druck. 
Der allzu weiche französische Schiefer ist vielfach mit metallischen Einsprengungen 
versetzt, die bald auswittern, so daß Kanäle für die Nässe sich öfi'nen. Dem 
gegenüber zeigen die besseren deutschen Schiefersorten eine verwachsene Textur, 
sind kiesfrei und werden in größerer Stärke verwendet. Daß der einzelne Stein 
im Durchschnitt viel kleiner ist als bei dem englischen Dache, und daß demzufolge 



195 

seine freiliegenden Kanten viel naher an die festijjendcn Nägel rücken, gibt der 
ganzen Deckung gegenüber den Angriffen des Windes eine größere Widerstands- 
fähigkeit. Besonders wenn das englische Dach bei sehr flacher Neigung von den 
Handwerkern ohne Leiter bestiegen werden kann, ist es in höherem Grade der 
Gefahr des Zcrspringens einzelner Tafeln ausgesetzt als die ohnehin stärkere und 
widerstandsfähigere deutsche Deckung, die bei ihrer steileren Neigung auf Leitern 
begangen werden muß. Die Entstehungszeit einer alten Eindeckung mit Sicherheit 
festzustellen, wird sich meist als umständlich oder unmöglich erweisen, zumal 
hier die allmähliche Erneuerung durch Reparaturen in Berücksichtigung kommt. 
Aber schon oberflächliche Beobachtungen in den Gegenden, wo die deutsche 
Deckung heimisch ist, und die Erfahrungen, die bereits in einem einzelnen 
Menschenalter gesammelt werden können, beweisen, daß die Dauer des deutschen 
Daches eine ganz unverhjLltnismäßig größere ist als die des französischen oder 
englischen. 

Die Erleichterung in der Vornahme von Reparaturen liegt darin begründet, 
daß, wenn ein einzelner Stein ersetzt werden soll, bei dem kleineren Format der 
deutschen Schiefer nur eine kleinere Fläche des Daches durch die Arbeit in Mit- 
leidenschaft gezogen wird. 

Ueber Schönheitsfragen läßt sich streiten. Wer sein Auge an glänzend ge- 
strichene Putzfassaden gewöhnt hat, wer einen Backsteinrohbau nur unter der Vor- 
aussetzung höchster Glätte des Verblendmaterials ertragen zu können glaubt, wer 
seinen Sandsteinquadern durch verwaschendes Abschleifen jede charakteristische 
Flächenwirkung zu entziehen sich verpflichtet fühlt, wird vielleicht regelmäßig an 
der glatten Oede eines Daches aus großen englischen Platten sein Gefallen finden. 
Dagegen möchte das kräftigere Relief und das wechselnde Lichtspiel, die 
Abstufung des Schieferformats und der rauhere Eindruck der ganzen Fläche bei 
deutschgedeckten Dächern allen denen mehr zusagen, welche den Vorsatz haben, 
die Dinge zu nehmen, wie sie sich darbieten, wenn an ihnen nicht herum- 
gekünstelt wird. Wer je mit freundlichem Sinn von waldiger Höhe herab sein 
Auge über eine unserer malerischen, altertümlichen, westdeutschen Bergstädte 
schweifen ließ, wird die Wirkung der nach altheimischem Verfahren eingedeckten 
Dächer zu würdigen wissen. Freilich liegt diese Wirkung nicht ausschließlich in 
der ,, deutschen" Herstellung der Flächen begründet; im Gegenteil ist dabei ganz 
wesentlich die Art, in welcher die diese Flächen begrenzenden Kanten gebildet 
sind. Es ist dies ein Punkt, der eine ganz besondere Berücksichtigung und Auf- 
merksamkeit verdient. Während das moderne, vorzüglich das englische Schiefer- 
dach mit Graten aus Zinkblech oder wenigstens aus durchgehenden aufgelegten 
Schieferreihen, jedenfalls aber mit Kehlen aus Zinkblech konstruiert wird, was 
den Zusammenhang der Flächen in unschöner Weise zerreißt, bildet die ältere 
deutsche Schieferdeckerkunst auch die, dann ausgerundeten, Dachkehlen aus 
schmalen Schiefern und die Grate mit dem sogenannten ,, eingedeckten Ort", 
wodurch die, ästhetisch genommen, ganz unentbehrliche Kontinuität der Gesamt- 
fläche des Daches gewahrt und erreicht wird. Um dem Leser, welchem diese 
Herstellung der Kanten vielleicht im Augenblick nicht ganz gegenwärtig sein 
sollte, die Sache in die Elrinnerung zurückzurufen, geben wir in den beistehenden 
Abbildungen das Bild eines ganz eingeschieferten Dachfensters und dasjenige einer 
kleinen Turmpyramide, letzteres einmal in altdeutscher und das andere Mal in 
häufig beliebter englischer lundeckung. In der zweiten Fassung wird die große 

13* 



Häßlichkeit der die Pyramidenkanten begleitenden aufgelegten Grate sichtbar. >) 
In diesen geschieferten Graten und Kehlen liegt wesentlich die Schönheit dieser 
Dächer, ebenso aber auch die größere Schwierigkeit der Ausführung. Dieser 
Teil der Arbeit erfordert durchaus geübte Schieferdecker, an denen es vorläufig 
in unseren Gegenden meist fehlen wird. Doch ist auch beispielsweise eine Schiefer- 
kehle technisch einer zinkenen überlegen, weil kleinere Durchlöcherungen in der 
letzteren zunächst verborgen bleiben, bei der ersteren aber gleich sichtbar werden. 

Wenn es gelingen soll, das Interesse für den deutschen Schiefer und ein 
einst blühendes, jetzt daniederliegendes vaterländisches Gewerk in weiteren 
Kreisen wachzurufen, so wird man freilich bei der Verwendung dieses Schiefers 
auf zwei Dinge, die der englische und französische ermöglicht, verzichten müssen. 

Zuvörderst auf die flacheren Neigungen. Fünfteldächer sind in dem kleineren 
und stärkeren deutschen Material nicht auszuführen, sondern höchstens noch 
Vierteldächer. Einem Dach von deutschem Schiefer etwa ein Drittel der Sattel- 
breite zur Höhe zu geben, wird stets noch besser sein, unerläßlich aber, wenn 
auf diesem Dache auszuschiefernde Kehlen vorkommen. In vielen Fällen werden 
stilistische Rücksichten indes ja von selbst viel steilere Dachneigungen herbeiführen. 

Zweitens aber muß das Schablonendach wirklich aufgegeben werden. Es 
ist die Erzeugung von Schablonensteinen auch aus deutschem Schiefer ja nicht 
ausgeschlossen, und einzelne Werke fertigen besonders kleinere Sorten davon. 
Im allgemeinen aber würde bei dem geringen Prozentsatz der im Rohschiefer 
enthaltenen, zu Schablonen geeigneten Steine der Preis der letzteren ein unver- 
hältnismäBig hoher werden, so dai3, wenn die deutschen Schieferwerke in aus- 
gedehnterem Maße sich auf die Herstellung solcher Schablonensteine würfen, die 
Konkurrenz dem Ausland gegenüber nicht aufgenommen werden könnte. Dem 
deutschen Material angepaßt ist nur die deutsche Eindeckungsmanier mit an- 
steigenden Reihen und abnehmender Größe der Steine. Mit ihr steht und fällt 
die deutsche Dachschieferindustrie. 

Es handelt sich hier um eine Sache, die es verdient, daß alle Beteiligten sich 
ihrer auf das wärmste annehmen. Es handelt sich um eine Verbesserung in unserer 
Baukunst, um die Rettung vielen Geldes, welches man jetzt ohne zwingenden 
Grund nach dem Auslande abfließen läßt, um das Wohlergehen von Tausenden 
von Arbeiterfamilien und um die Hebung und die Ehre deutschen Handwerks. 

Wo ein Schieferdach in deutscher Deckungsart ausgeführt werden soll, muß 
beim Entwurf der Zeichnungen auf Anlage der gehörigen Neigung Rücksicht 
genommen, und müssen im Texte des Anschlags und in den Submissions- 
bedingungen alle Bestimmungen ausgemerzt werden, die bloß bei Wahl der 
englischen Deckung einen Sinn haben, so besonders die Bestimmungen, die eine 
gewisse Abmessung des Schiefers oder auch eine kleinste Größe desselben fest- 
setzen. Bei der Ausführung gilt es dann, die Bequemlichkeit des Dachdeckers 
zu besiegen und seinen etwaigen eigennützigen Bedenken und Warnungen kein 
Gehör zu schenken. 



') Es ist mir nicht unbekannt, daß auch in Deutschland bereits im Mittelalter die Grate von Walm- 
dächern luweilen mit aufgelegten Bleistreifen gesichert worden sind, und ich habe sogar einige ver- 
lierte Ausführungen der Art, die sich datieren lassen, gesammelt; doch bin ich geneigt, die oben gemeinte 
Herstellung, bei welcher die Deckung der einen Dachseite über die der anderen hinaus einen schützenden 
Vorsprung bildet und Metall nicht zur Verwendung kommt, für die künstlerisch höher stehende zu 
halten. Die verbreitetere war sie jedenfalls auch ehemals. 



197 



Die Dachschieferfrage. 



In politischen Zeitungen und in Fachblättern spielt der Dachschiefer zur Zeit 
eine große Rolle. Stets mit Eifer, oft mit Sachkenntnis, oft aber auch ohne diese 
wird die Frage verhandelt, ob zum Zwecke der Eindeckung unserer Dächer die 
englischen Schieferplatten oder das Material der deutschen Gruben den Vorzug 
verdient. Die Veranlassung zu diesem lebhaften Für und Wider ist im allgemeinen 
in der Ankündigung des im Deutschen Reichstage einzubringenden (seither 
erledigten) Antrages auf Erhöhung des Schieferzolles zu suchen. 

Im allgemeinen — denn der Verfasser dieser Zeilen ist in der Lage, 
wenigstens von einem die Schieferfrage behandelnden Aufsatz berichten zu 
können, welcher mit den Zollabsichten der Reichsregierung oder irgendwelcher 
politischen oder wirtschaftlichen Parteien gar nichts gemein hat. 

Es ist dies sein eigener, in Nr. i6 des Zentralblattes der Bauverwaltung vom 
22. April 1882 erschienener Aufsatz. Derselbe entstand infolge einer Anregung 
von fachmännischer, nur baukünstlerisch bei der Sache interessierter Seite. Gerade 
ich wurde darum angegangen, die Anschauungen eines großen Teiles der deutschen 
Architekten einmal öffentlich auszusprechen, weil ich mich seit lange theoretisch 
und durch vergleichende praktische Versuche mit dieser Dacheindeckungsfrage 
beschäftigt habe, zu einer Zeit bereits, als noch niemand an Schieferzölle dachte, 
seit zehn und zwölf Jahren nämlich. Ich nahm in gedachtem Aufsatz auch 
Gelegenheit, mich hierüber auszusprechen. Trotzdem bin ich mißverstanden 
worden, und in einem Artikel der ,, Deutschen Bauzeitung" vom 27. Mai 1S82 
beginnt ein Herr M. seine Entgegnung auf meine rein sachUchen und nach allen 
Seiten hin unabhängigen Ausfuhrungen mit dem Hinweis auf die ,, Möglichkeit" 
des Zusammenhanges zwischen meiner Arbeit und den Zollverhandlungen. An 
diese Möglichkeit wird nun freilich niemand, der mich kennt, glauben, auch 
möchte ich weitere Erörterungen mit jemandem, welcher überhaupt derartige 
Unterstellungen zu machen keinen Anstand nimmt, am liebsten ganz vermeiden. 
Das sachliche Interesse aber zwingt mich dennoch, auf den Artikel kurz ein- 
zugehen. 



*) Zuerst gedruckt im Zentralblatt der IJauverwaltung 18S2, S. 210. 



198 

Dieser Artikel gehört zu den ohne Sachkenntnis geschriebenen. Das glaube 
ich sagen zu können, denn wie soll man es sich anders erklären, wenn Herr M. 
beispielsweise die Meinung ausspricht, ,, tatsächlich" würden auch bei Verwendung 
englischen Schiefers die Dachkehlen oft ausgeschiefert, .Jedenfalls da immer, 
wo man über das zulässige geringste Maß der Dachneigung etwas hinausgeht". 
Diese Behauptung ist, wie sich jeder durch Beobachtung moderner Dächer über- 
zeugen kann, nicht zum hundertsten Teile wahr. Von meinen im Zentralblatt 
ausgesprochenen Ansichten gibt der Artikel in der Bauzeitung nur in unvoll- 
kommener Weise Nachricht; ich habe zum Beispiel keineswegs den Satz auf- 
gestellt, daß Schieferkehlen bei englischem Schiefer nicht ,, zulässig" wären, und 
daß der deutsche Schiefer bezüglich der Ausdeckung von Kehlen und der Ein- 
deckung von Graten Vorzüge besäße, sondern ich habe von der schönen Wirkung 
eines deutsch gedeckten Daches gesprochen und gesagt, daß, wenn sie voll erreicht 
werden solle, Kehlen und Grate auf eine bestimmte Art herzustellen seien. 
Dagegen habe ich den Vorzug größerer Billigkeit der deutschen Schieferung nicht 
,, durchblicken" lassen, sondern mit Entschiedenheit behauptet. Meine weitere 
Behauptung, daß das deutsche Dach eines Vorzuges genieße, weil es bei Reparaturen 
mit Leitern, statt wie ein sehr flaches englisches Dach mit freien Füßen begangen 
wird, dürfte aber meines Erachtens für einen Sachverständigen nichts ,, Un- 
erklärliches" in sich schließen: der Dachdecker, welcher sich auf dem Dache 
ohne Leiter bewegt, mutet seine ganze Körperlast immer wiederkehrend einer 
einzelnen Schieferplatte zu, während die Leiter diese Last auf eine große Anzahl 
von Platten verteilt. 

Doch das ist alles minderwichtig; der wichtige Kern des M.schen Aufsatzes 
tritt in der Erklärung zutage, daß der englische Schiefer billiger, leichter und 
besser, der deutsche teurer, schwerer und schlechter sei: daß ,,das deutsche 
Material aus natürlichen, nicht abstellbaren Mängeln die Konkurrenz mit dem 
englischen Schiefer nicht wird aufnehmen können", daß nicht .selten der deutsche 
dem englischen Schiefer ,, wesentlich in der Qualität nachsteht" und ,,der englische 
Schiefer vermöge seiner billigen Transportgelegenheit auf dem Wasserwege einen 
großen Vorsprung im Preise vor dem deutschen hat", daß der letztere ,, durch 
hohe Fracht von jedem Transport auf große Entfernungen ausgeschlossen ist", 
daß, weil ein deutsches Dach steiler sein muß als ein englisches von minimaler 
Steigung, ein ,, vermeintlich billigerer Anlagepreis" für ersteres ,,in nichts zerfließt". 
Hierauf folgendes: 

I. Zur Kostenfrage. Man pflegt anzunehmen, und ich will diese Annahme 
adoptieren, daß englischer Schiefer noch bei einer Fünftelneigung, deutscher 
höchstens noch bei einer Viertelneigung (nicht Drittelneigung) des Daches dicht 
hält. Wenn dann ein englisches und ein deutsches Dach wirklich mit dieser 
geringfügigen Neigung von Y51 bezw. y^ ausgeführt wird, so würde auf demselben 
Gebäude das englische Dach um 3,7 vH. weniger Fläche haben als das deutsche; 
bei gleichem Einheitspreis für Schieferung einschließlich Unterlage würde das 
englische Dach auch um 3,7 vH. billiger sein; in Wahrheit würde es, da bei 
geringerer Neigung auch an Zimmerholz — Sparren, Streben, Säulen — gespart 
wird, nach meiner Berechnung sogar um 6 vH. billiger sein, — ■ aber der ge- 
dachte Einheitspreis ist nicht derselbe. Die Ersparnis von 6 vH. wird 
vielmehr durch einen bei norddeutschen Ausfuhrungen im Durchschnitt um 30 vH. 
höheren Einheitspreis der englischen Schieferung mehr als ausgeglichen. 



m 

Ich denke bei Angabe dieser Durchschnittszahl natürlich auch an die westlichen, 
den Gruben benachbarten Teile von Norddeutschland. Aber selbst in Berlin ist 
der Preisunterschied zugunsten des deutschen Daches noch erheblich. Einen 
wahrhaft klassischen Beleg hierfür bieten die Ergebnisse einer Submission, welche 
betreffs der Dacharbeiten eines großen Gebäudekomplexes vor einigen Monaten 
stattfand, 7.u einer Zeit, wo weder das deutsche Rohmaterial besonders billig 
angeboten worden ist, noch das englische ausnahmsweise hoch im Preise gestanden 
hat. Bei dieser den Neubau des Garde-Schützen-Kasernements in dem benachbarten 
Lichterfelde betreffenden Submission betrug der Anschlag für das Quadratmeter 
fertiger Schieferung ohne Unterlage 4,20 Mark. Von den leistungsfähigsten Unter- 
nehmern wurden hiervon abgeboten: 

Bei englischer Ausführung 6 bis 10', i, im Durchschnitt 8'/i vH. 

Bei deutscher Ausführung lo'/z vH. 

Hiernach wurde die deutsche Arbeit um rund 13 vH. billiger angeboten 
als die englische. Diese Ersparnis von 13 vH. würde sich nun zwar bei Zu- 
lassung von Latten statt der Schalung im Falle der englischen Ausführung etwas 
vermindert haben, es wird aber diese Verminderung reichlich eingebracht durch 
die zufolge Wahl der deutschen Manier eingetretene Verminderung von Zink- 
arbeiten, und angesichts dieser erhöht sich die Ersparnis sogar auf 15 vH. 

Die hier gemachte P>fahrung dürfte gewiß als lehr- und belangreich zu 
bezeichnen sein. Ich bin zur Zeit damit beschäftigt, auch von anderwärts her 
genaues Zahlenmaterial zu beschaffen. Für jetzt möchte ich noch bemerken, daß 
die oben zugegebene, den Preisunterschieden entgegentretende mögliche Ersparnis 
an Dachfläche durch geringere Neigung in den allermeisten Fällen nicht vorhanden 
ist, denn jede Wanderung durch Berlin allein belehrt dahin, daß die Praxis auch 
mit englischen Dächern nur selten bis zu dem kleinsten Maße der Fünftelneigung 
heruntergeht, daß vielmehr auch bei ihnen fast regelmäßig steilere Winkel gewählt 
werden, die für den deutschen Schiefer nicht vergrößert zu werden brauchen. 

Die ganze Kostenfrage wird bedauerlicherweise von Herrn M. — und, bei- 
läufig bemerkt, mehr noch in den Erörterungen der Tagesblätter — dadurch 
verwirrt, daß man dem Bauherrn vorrechnet, wie gewisse Einzelheiten der Dach- 
ausfuhrung, Holzunterlage, Nägel, Materialtransport u. dergl., beim engüschen 
Dach für ihn billiger werden, was ihm doch sehr gleichgültig sein muß, wenn — 
wie dies wirklich der Fall ist — das englische Dach im ganzen ihm teurer zu 
stehen kommt. 

2. Zur Frage des Gewichts. Herr M. gibt an, es stelle sich das Gewicht 
für I qm Dachfläche auf 25 kg für englischen und auf 65 kg für deutschen Schiefer. 
Zu meinem Erstaunen; denn ich glaubte, als ich diesen Zahlen bereits früher in 
der politischen Presse begegnete, ruhig annehmen zu dürfen, daß dieselbe sie 
vollständig aus der Luft gegriffen habe. Ich habe nämlich solche Untersuchungen 
einst selbst veranstaltet und dabei gefunden, daß die englische Schieferung etwa 
28 und die deutsche etwa 35 kg wiegt, und gedenke diese Zahlen auch vorläufig 
aufrecht zu erhalten. Zum Ueberfluß will es mir vorkommen, als ob diese 
Gewichtsunterschiede für das Bauwerk, solange das deutsche Material trotz seiner 
größeren Schwere billiger ist, ohne Bedeutung seien, weil niemand den Gewichts- 
unterschieden zuliebe die Dachhölzer oder die Mauern eines Gebäudes stärker 
oder schwächer macht. 



200 

3- Zur Frage der Güte. Welche Fehler dem deutschen Schiefer sonst 
noch anhaften, welches die „nicht abstellbaren Mängel'' sind, die dem vater- 
ländischen Material die Konkurrenz mit dem Erzeugnis Englands unmöglich 
machen sollen, hat Herr M. nicht näher angegeben. Damit nicht zurückzuhalten, 
wäre vielleicht seine Pflicht gewesen. Ich hatte meinerseits in loyaler Weise 
zugegeben, daß wirklich ausschlaggebende Vergleichungen hinsichtlich der Dauer 
schwer zu beschaffen sind, habe indes der bei den Technikern des Westens weit- 
verbreiteten Meinung von der unverhältnismäßig größeren Dauer des deutschen 
Daches unverhohlen Ausdruck verliehen. Beweise hatte ich nicht gebracht. Beweise 
für eine etwaige gegenteilige Meinung bringt auch Herr M. nicht, und ebensowenig 
bringt sie ein anderer. Betreffs dieses Punktes wäre es gewiß der Mühe wert, 
Material zu sammeln, was allerdings ohne größeren Zeitaufwand nicht möghch 
sein wird. Ich will diesen Punkt vorläufig dahingestellt sein lassen, ohne daß ich 
aber der vielleicht vorhandenen gegnerischen Meinung irgend etwas zugestehe. 

Nachweisen aber läßt sich heute schon, daß das deutsche Dach einmal 
billiger und das andere Mal nur wenig schwerer als das englische, und daß sein 
geringes Mehrgewicht kein Nachteil ist. 

Damit fallen die Ausführungen der Deutschen Bauzeitung in sich zusammen. 



201 



Die Fällzeit des Holzes und dessen Behandlung nach der Fällung. "^ 



Eine erhöhte Aufmerksamkeit wendet sich — ob in der Praxis, bleibe dahin- 
gestellt, jedenfalls aber in der Fachliteratur — neuerdings dem Bauholze und der 
Behandlung zu, welche dasselbe vor der Verzimmerung 7,u erfahren hat. Den 
nächsten Anlaß hierzu hat eine vom Verbände der deutschen Architekten- und 
Ingenieur-Vereine zur Erörterung gestellte Frage gegeben, weiter zurück verfolgt 
aber sind es die schlimmen Erfahrungen, welche die Neuzeit fast überall mit dem 
für das Bauwesen so wichtigen Material zu machen beginnt, die zum Austausch 
der bezüglichen Beobachtungen und Erfahrungen drängen. Das Zentralblatt der 
Bauverwaltung ist dem Gegenstande ebenfalls nähergetreten und hat in seinen 
Nr. 32 und 45 des Jahrg. 1882 die Vorschläge mitgeteilt, welche der Königliche 
Forstmeister Weise in Eberswalde, der Oberförsterkandidat Dr. Kienitz daselbst 
und der Baumeister Custodis in Düsseldorf der Oeffentlichkeit unterbreiten, und 
mit welchen eine sachgemäßere Vorbereitung der Bauhölzer angebahnt werden 
soll. Diese Vorschläge laufen auf eine bald nach dem Fällen der Bäume vor- 
zunehmende Entrindung und auf ein Auslaugen der entrindeten Hölzer im 
Wasser hinaus, und die Redaktion des Zentralblattes fordert zur öffentlichen 
Besprechung der hierin enthaltenen Anregungen auf Wenn ich meinerseits, 
dieser Aufforderung nachkommend, mir eine Aeußerung zur Sache gestatte, so 
muß ich zunächst der Anerkennung Ausdruck geben, die gewiß jeder für die 
Angelegenheit Interessierte den gediegenen Beobachtungen und Ausführungen 
von Eberswalde zollen wird. Und ebenso allgemein wie diese Anerkennung 
dürfte die Zustimmung sein, welche die betreffenden Vorschläge, auch der von 
Custodis gemachte, in der Fachwelt fmden werden. Eine Erwähnung aber scheint 
es mir zu verdienen, und sie ist der Zweck dieser Zeilen, daß diese Vorschläge 
nicht in dem Grade, wie es scheinen könnte, neu sind. Was zunächst das Aus- 
laugen der Stämme anbelangt, so erfolgt es ja heute wie von jeher ohne weiteres 
bei allem P'lößholz. Der Nutzen dieses Auslaugens und der Vorzug des geflößten 
Holzes vor dem nicht geflößten wird, soweit meine Kenntnis reicht, allenthalben 



*) Zuerst gedruckt im Zentralblatt der liauverwaltung 1882, S. 441. 



202 

von Architekten und Zimmerleuten anerkannt. Aber auch das Auslaugen des 
nicht zu Wasser beförderten Holzes ist eine alte Uebung. In meiner Heimat 
pflegen die Landleute — und bei solchen ist wohl sicherlich auf eine recht alte 
Ueberlieferung zu schließen — Stämme, die dereinst zum Bauen dienen sollen, 
womöglich im Dorfteich oder sonstwo im fließenden Wasser aufzubewahren. 
Auch gebildeteren Bauleuten ist das Verfahren nicht fremd; es fehlt mir zur Zeit 
an der Muße, dasselbe literarisch zurückzuverfolgen, ich weiß aber, daß es in 
älteren und neueren Lehrbüchern teils kurz, teils ausfuhrlich beschrieben wird, 
und daß u. a. ich selbst es seit i6 Jahren angewendet und öffentlich erwiihnt habe. 
Höchstwahrscheinlich geht es auf das Mittelalter zurück. 

Alt ist auch die Sitte, das Bauholz zur Erhöhung seiner Güte und Dauer 
gleich, nachdem es geschlagen, zu schälen. Wenn mich das Gedächtnis nicht 
sehr täuscht, so schreibt es schon Plinius in der Historia naturalis vor. Auf das 
bestimmteste auch Vitruv und später Palladio, unter Mitangabe derselben Gründe, 
welche die oben genannten Forstleute anführen. In den alten deutschen Ueber- 
setzungen heißt es: „daß das Bauwholtz sol gescheit und von der rinden ledig 
gemacht" werden, ,, wachsen sonst auch gerne zwischen stamm und rinden die 
Holtzwürm". 

Zum Schlüsse noch ein Wort über die Fällzeit. Schon seit vierzig Jahren 
sind hier und da Zweifel laut geworden gegenüber der gleichfalls alten, seit 
1800 Jahren überlieferten Ansicht, daß das Bauholz, um dauerhaft zu sein, im 
Winter gefällt werden müsse; die neueren Gutachten laufen darauf hinaus, daß 
die Fällungszeit von einem merklichen Einfluß auf Dauer und Güte des Holzes 
nicht sei. Ich möchte vor einem allzu blinden Vertrauen in diesen Ausspruch 
warnen. Von vornherein dürfte es als ein praktischer Fehlgriff bezeichnet werden, 
wenn auf kurz andauernde, im kleinen angestellte Versuche Schlüsse auf die 
Dauer eines Materials aufgebaut werden. Ueber die Dauer von Bau?iolz, welches 
auf die eine oder andere Weise behandelt wurde, kann nur die Beobachtung wirk- 
licher, in den Bau gebrachter Verbandstücke Aufschluß geben. Dazu aber gehören 
lange Jahre. Tatsache ist, daß die modernen Holzkonstruktionen, bei deren Her- 
stellung die uralten Regeln, auch was die Fällzeit der Bäume angeht, oft nicht 
beachtet wurden, im großen ganzen eine sehr geringe Dauer bewiesen haben.') 
Die Bauhölzer der mittelalterlichen Werke dagegen zeigen durchschnittlich eine 
geradezu wunderbare Erhaltung. Das kann nur mit einer stattgehabten sorg- 
samen Vorbereitung des Materials erklärt werden. Zu dieser aber nicht nur die 
Maßregel des Auslaugens, sondern auch die Beobachtung der Winterfallzeit zu 
rechnen, hat man angesichts der literarischen Zeugnisse allen Grund. Hier liegen 
Versuche im großen und Beobachtungen von Jahrhunderten vor, die denn doch 
alle Beachtung verdienen möchten. Ich kenne in Dächern, in Innen- und Außen- 
wänden Eichenhölzer, die fünf- und sechshundert Jahre alt und älter sind, Nadel- 
hölzer, welche vier bis fünf Jahrhunderte überdauert und sich gleich jenen wie 
neu erhalten haben. Noch kürzlich sah ich auf der Burg in Fuessen freistehende 
Lärchenbretter von 90 cm Breite, 4 m Höhe und nur 2 cm Stärke, deren voll- 
kommene Erhaltung in Stoff, Textur und Flucht uns fast unerklärlich scheint. 
Sie entstammen dem Ende des 15. Jahrhunderts. 



^) Bemerkenswert ist die kurze Zeitdauer, welche die neuesten Handbücher von vornherein den 
Hölrern zuweisen; Gottgetreu, Baumaterialien, spricht für Bauten im Trocknen der Eiche eine 100 jährige 
der Kiefer eine 50- bis 60jährige Dauer zu! 



203 

Der Nachforschung nach den liier beobachteten Rehandlungsmaßregeln bin 
ich geneigt einen größeren Wert für das moderne Bauwesen zuzuschreiben, als 
den bisherigen kurzen wissenschaftlichen Versuchen. Sehr zweckmäßig erscheinen 
mir auch die Vorschläge, welche neuerdings in der Baugewerkszeitung (Nr. 95) 
gemacht werden, nämlich das Holz auszulaugen, aber zugleich durch allgemeine 
Einführung bestimmter Querschnitte der Balken dem Holzhandel die Möglichkeit 
zu schaffen, das Holz auf lungere Zeit in Mengen vorrätig zu halten, während 
dasselbe nach heutigem Brauch häufig in den verschiedenartigsten und willkür- 
lichsten Querschnitten in kurzer Frist geliefert werden soll. Hinzufugen möchte 
icli ihnen den Vorschlag, auch die Holzverzeichnisse für Dachkonstruktionen auf 
eine geringe Zahl von Stärkerubriken zu ermäßigen und von den übertrieben 
starken Querschnitten, welche im östlichen Deutschland gebräuchlich sind, zu den 
geringeren Stärkemaßen überzugehen, wie sie im Westen vielfach in Uebung 
stehen und wie sie die Dachverbände der gotischen Periode aufweisen. 



204 



Die Frage der Fällzeit des Holzes. 



*) 



Es wird heutzutage wohl kaum einen Techniker geben, welcher — ob nun 
durch eigene oder durch fremde Beobachtungen aufmerksam geworden — der 
Frage nach der Sachgemäßesten Behandlung unseres Bauholzes interesselos gegen- 
überstände. Denn trotz der stets weiter um sich greifenden Verwendung des 
Eisens selbst in den Hochbaukonstruktionen gehört das Holz immer noch zu den 
unentbehrlichen Baustoffen, ja es wird dasselbe für die mannigfachsten baulichen 
Zwecke höchstwahrscheinlicherweise in alle Zukunft hinein seine Rolle spielen. 
Bezüglich der Haltbarkeit und Dauer dieses Materials aber hat man während der 
letztverwichenen Jahrzehnte in vielen Fällen sehr traurige Erfahrungen zu ver- 
zeichnen gehabt, Erfahrungen, welche die ältere Bautechnik in solchem Umfange 
nicht gekannt hat und die man ohne weiteres mit der allmählich eingerissenen 
Sorglosigkeit in der Auswahl und Behandlungsweise der Bauhölzer in Zusammen- 
hang bringen kann und muß. In dem Bestreben, die Ursachen des oft raschen 
Verderbens derselben aufzuklären, hat man unter anderem auch dem etwaigen 
Einflüsse der Fällzeit auf die Güte der gefällten Stämme rege Aufmerksamkeit 
zugewandt. Das Zentralblatt der Bauverwaltung hat in den Jahren 1882 und 1883 
mehrere hierher gehörige Mitteilungen gebracht. Eine besondere Beachtung fanden 
die Erörterungen des Dirigenten der forsttechnischen Abteilung des Versuchs- 
wesens, Forstmeisters Weise in Eberswalde, welcher über die in Tharand mit 
Hölzern verschiedener Fällzeit angestellten Versuche berichtete.') Diese Versuche 
schienen die Annahme zu rechtfertigen, daß der Zeitpunkt, zu welchem das Bau- 
holz im Walde gefällt wird, im allgemeinen gleichgültig sei, im Gegensatz zur 
alten Praxis, welche beim Winterholz die größere Widerstandsfähigkeit vermutet 
und dem im Sommer gefällten weniger zutraut. Von den verschiedensten Seiten 
her den Gegenstand beleuchtend, machte Herr Weise auch darauf aufmerksam, 
daß die Fällungszeit gar häufig eine wirtschaftlich gegebene sei und nicht im Be- 
lieben des Forstmanns stehe. Eine gleichfalls in diesem Blatte erschienene 
Aeußerung von C. Schäfer-) verfolgte u. a. den Zweck, vor einem allzu blinden 



*) Zuerst gedruckt im Zentralblatt der Bauverwaltung 18S5, S. 93. 

1) Zentralblatt der Bauverwaltung 1882, Seite 2S7 und 1883, S. 74. 

2) Zentralblatt der Bauverwaltung 1882, S. 441. 



205 

Vertrauen in die Tharander Versuche zu warnen und den Wert der Ueber- 
lieferung zu betonen, welche von alters her im großen ganzen die Winterfällzeit 
bevorzugt hat. 

Durch die Güte des Herrn Landesbaurat Keil in Breslau sind wir nun heute 
in der Lage, über neue wichtige Untersuchungen auf diesem Gebiete Mitteilung 
machen zu können. Diese Untersuchungen, von Professor Dr. Poleck in Breslau 
angestellt, durften mit überzeugender Kraft für die überlegene Güte des Winter- 
holzes sprechen, indem sie den Beweis liefern, daß der Hausschwamm sich 
in dem im Sommer gefällten Holze am leichtesten fortpflanzt. 

In einem vor der naturwissenschaftlichen Abteilung der Schlesischen Ge- 
sellschaft für vaterländische Kultur gehaltenen Vortrage hat sich ausweislich des 
uns vorliegenden Berichts Herr Dr. Poleck über das Ergebnis seiner Arbeiten aus- 
gesprochen, indem er einleitend die Tatsache berührt, daß der Hausschwamm in 
den letzten Jahrzehnten durch ganz Deutschland in unseren Bauten immer größere 
Verheerungen anrichtet und in Städten um sich greift, wo man ihn früher kaum 
kannte, wobei viele eben erst fertiggestellte Bauten ihm zum Opfer fallen, während 
die älteren und ältesten Häuser von ihm verschont bleiben. Auch in Breslau ist 
das Umsichgreifen des Pilzes zu einem wahren Notstande geworden. Dadurch 
veranlaßt, ist der Vortragende der Frage nach den Lebensbedingungen dieses 
Pilzes mit den Prüfungsmitteln nahegetreten, welche die Chemie an die Hand gibt. 

Diese Prüfung hat nun zunächst gelehrt, daß der Hausschwamm zu den an 
Stickstoff, Fett, Phosphorsäure und Kalium reichsten Pilzen gehört. Er enthält 
in der bei ioo° getrockneten Masse 4,9 vH. Stickstoff, 15 vH. Fett und 9,66 vH. 
mineralische Betandteile. Herr Dr. Poleck war, wie er hervorhebt, in hohem 
Grade überrascht, bei diesen Untersuchungen auf so überaus große Mengen von 
phosphorsauren Salzen und besonders von phosphorsaurem Kali zu stoßen; von 
der auf 9,66 vH. festgestellten Menge an unverbrennlichen Bestandteilen kamen 
bei einzelnen Versuchen 7,25 vH. auf phosphorsaures Kali. ,,Bei einem so außer- 
gewöhnlichen Bedarf an phosphorsauren Salzen und speziell an phosphorsaurem 
Kali lagen die Beziehungen der Entwicklung des Hausschwamms zu seinem Nähr- 
boden auf der Hand, er konnte zweifellos diesen Bedarf an Phosphorsäure und 
Kali nur aus dem Holze ziehen. Es war daher von großer Wichtigkeit, diese 
Beziehungen klarzulegen. Zu diesem Zweck wurde die Zusammensetzung der 
mineralischen Bestandteile einer im Winter gefällten und ferner jene einer gegen 
P^nde April gefällten Kiefer ohne Rinde durch die Analyse festgestellt. Die erstere 
gab 0,19 vH., die zweite 0,22 vH. Asche, welche in beiden Fällen keine Spur von 
löslichen phosphorsauren Salzen, sondern die Phosphorsäure nur an Kalk gebunden 
und kohlensauren Kalk überhaupt in überwiegender Menge enthielten. Sehr be- 
merkenswert war jedoch, daß das im April gefällte Holz rund 5 mal mehr Kali 
und 8 mal mehr Phosphorsäure als das im Winter gefällte Holz enthielt." Weil 
solchergestalt das Holz der im Safte gefällten Koniferen ein weit üppigerer Nähr- 
boden für die Keimung der Pilzsporen und für die weitere Entwicklung des Pilzes 
ist, schließt Dr. Poleck, daß die Verwendung von Sommerholz den Neubauten ver- 
hängnisvoll werden muß, wenn bei vorhandener Feuchtigkeit Sporen des Haus- 
schwamms in diese Bauten hineingelangen. Umgekehrt nimmt er an, daß in 
Winterzeit gefälltes Holz unter gleichen Bedingungen der Ansteckung durch den 
Schwamm kaum zugänglich sein wird, weil es der Spore einen ungleich weniger 
günstigen Keim- und Nährboden bietet. 



206 

Es ist ihm aber auch gelungen, durch einen experimentellen Beweis diese 
Annahme sicherzustellen, indem der Versuch gemacht wurde, den Schwamm 
durch Sporen zu züchten. Am 25. April 1884 wurden auf zwei Querschnitten 
von Hölzern, das eine im strengen Winter, das andere im April gefällt, Sporen 
in reichlicher Menge ausgesät. Beide Hölzer wurden an gleichem Orte unter den 
für die Entwicklung des Pilzes günstigsten Bedingungen aufbewahrt. Das Stück 
vom Winterholz hat sich nun bis heute vollständig unverändert erhalten. 
Dagegen begannen auf dem Sommerholz die Sporen zu keimen und es entwickelte 
sich auf und in ihm der Pilz bis zur teilweisen Zerstörung des Materials. Der 
Vortragende bezeichnet dies gleichzeitig als den ersten gelungenen Versuch, den 
Pilz auf seinem natürlichen Nährboden zu züchten. ,,So ist der strikte Beweis 
geliefert, daß nur das im Saft gefällte Holz als ein geeigneter Untergrund für den 
Hausschwamm gelten kann, und die Ansicht, daß Sommerholz vorzugsweise zur 
Schwammbildung hinneige, in der Tat erwiesen." ,,Zur Verhinderung der Ein- 
schleppung und Entwicklung des Pilzes in unseren Häusern würde in erster Linie 
die richtige Auswahl des Bauholzes und die Rückkehr zur früheren Praxis 
in bezug auf die Fällzeit nötig sein." 

Wir behalten uns vor, auf diese hochwichtigen Ermittlungen demnächst 
ausführlicher zurückzukommen. 



207 



Altes Turmkreuz aus Schmiedeeisen.*^ 



kM^->! 




*) Zuerst 



Abb. 48. 
abgedruckt im Zentralblatt der Uauverwaltung 1882, S. 325. 



Der erfreuliche Aufschwung, 
welcher in neuester Zeit auf dem 
Gebiete der kunstmäßigen Verar- 
beitung des Eisens immer allge- 
meiner sich geltend macht, beruht 
bekanntlich in seinem ganzen Um- 
fange auf dem Studium der meister- 
haften Schmiedewerke unserer Vor- 
zeit. Diese glücklicherweise noch 
in großer Zahl erhaltenen Eisen- 
arbeiten des 12. bis 18. Jahrhunderts, 
deren erzeugendes Prinzip die Aus- 
nutzung und Hervorkehrung der- 
jenigen Eigenschaften ist, welche 
das Schmiedeeisen von anderen 
Materialien unterscheiden, bilden 
einen Lieblingsvorwurf für das 
Skizzenbuch des Architekten und 
haben in verschiedenen Veröffent- 
lichungen eine vorzügliche Wieder- 
gabe gefunden. Es sei hier nur an 
die in jedermanns Händen befmd- 
lichen Spezialwerke von Raschdorff 
und V. Hefner-Alteneck erinnert. So 
groß die Verdienste sind, welche sich 
diese Autoren um die moderne 
Kunst erworben haben, so liegt es 
doch in der Natur der Sache, daß 
das beigebrachte Material je nach 
den Gegenständen ein mehr oder 
minder vollständiges ist. Besonders 
die schwer zugänglichen Turm- 
bekrönungen kann man genau nach 
den Maßen dargestellt zu finden nur 
in seltenen Fällen erwarten. Dem- 
entsprechend dürfte vielleicht auch 



208 



ein vereinzelt auftretender kleiner Beitrag nach dieser Richtung dem einen oder 
anderen gelegen kommen. Sind es doch tatsächlich gerade die Turmkreuze und 
verwandte Endigungen, die — wenigstens nach Ansicht des Verfassers — bei 
neuen Werken sich verhältnismäßig am häufigsten und, gewiß wohl wegen der 
schwierigen Zugänglichkeit guter Vorbilder, weniger gelungen darstellen. 

Die Abb. 48 gibt eine genaue Aufnahme des eisernen Kreuzes nebst Knopf 
und Hahn von dem ehemaligen, 89 m hohen Turmhelm der Stiftskirche in Wetter 
in Hessen. 

Genannte Kirche gehört mit der berühmten Elisabethkirche in Marburg und 
der kaum weniger bedeutenden Klosterkirche in Haina zu jenen wichtigen Denk- 
mälern, auf welche die vorgeeilte französische Gotik, von 
auswärts herübergetragen, zuerst auf deutschem Boden 
einen größeren Einfluß äußert, nachdem auch der deutsche 
Romanismus in eine neue, gotische Form und Kon- 
struktion anbahnende Entwicklung fast überall selbständig 
eingetreten war. Leider ist es noch niemals gelungen, 
über die Spezialgeschichte dieser Werke und ihre Archi- 
tekten, ihre Beziehungen zu dei überrheinischen Baukunst 
und die Beziehung, in welcher sie in den verschiedenen 
eigenen Bauperioden untereinander selbst gestanden haben 
müssen, näheres festzustellen. Hier im Herzen des Vater- 
landes und angesichts künstlerischer Schöpfungen, von 
welchen eine dem wirklichen Werte nach ganze Gruppen 
von Werken aufwiegt, deren überlieferte und mühsam 
erforschte Geschichte mit den volltönenden Künstlernamen 
uns ganz geläufig geworden, bleibt der kunstgeschicht- 
lichen Forschung noch ein dankbares Feld. 

In Wetter gehört nur Schiff, Kreuzschiff und Chor 
dem 13. Jahrhundert an, der Bau des westlichen Mittel- 
turms ward erst in viel späterer Zeit (inschriftlich 1506) 
begonnen, an Stelle zweier den Seitenschiffen vorgelegter 
Türme, deren Ausführung früh bereits liegen geblieben 
war. Der bis einschließlich der Giebel über dem Glocken- 
hause in Sandsteinquadern aufgeführte Turm schloß mit 
einem nach der Art der Zeit außerordentlich schlank 
gestalteten achtseitigen Helme ab, der eben mit unserem 
Kreuz als Krönung versehen war. Die Abb. 49 gibt ein 
Gesamtbild. 

Als vor einer Reihe von Jahren ein heftiger Orkan 
eine der Holzpyramiden der sehr vernachlässigten Türme der Stiftskirche in Fritzlar 
herabwarf und dieselbe das Gewölbe der Kirche zerschlug und in dem Einsturz 
26 Menschenleben zugrunde gingen, bemächtigte sich ein Schrecken der Bewohner- 
schaft der kleinen in der Gegend gelegenen Ortschaften, welche bisher in ähnlichen 
Turmriesen ihrer Pfarrkirchen eine Zierde und einen Stolz mit Recht gesehen hatte. 
Die Stadtgemeinde Wetter legte alsbald Hand an, ihren Kirchturm vorsorglicher-, 
meines Erachtens aber ganz unnötigerweise abzubrechen. Ich errichtete damals 
eine neue Bedachung, bestehend aus einem von vier Ecktürmchen umgebenen 
Dachreiter auf der Kreuzung zweier Giebeldächer. Das mächtige Eisenkreuz 




Abb. 49. 



209 

konnte sich dem schmächtigen Mitteltürmchen nicht anpassen; ich habe dasselbe 
später auf einem der neuen Helme der erwähnten Kirche in Fritzlar zur Ver- 
wendung gebracht. 

Das an Ort und Stelle früher und jetzt sehr schön wirkende Kreuz möchte 
besonders für die Bemessung der Querschnitte bei solchen Bekrönungen, die 
gegenwärtig häufig viel zu derb gearbeitet werden, als charakteristisches Muster 
dienen können. Die betreffenden Eisenstärken sind bei den gotischen Werken 
sowohl als denen der Renaissance viel geringer, als man ohne genauere Prüfung 
anzunehmen oft geneigt ist. Diese Stärken sind gleich den Gesamtmaßen in die 
Abbildung eingeschrieben. Letztere zeigt auch die Verbindungen und die 
Befestigung auf dem verlängerten Kaiserstiel mittels vier angeschweißter Federn 
und verschiedener umgelegter Ringe. Der Knopf und der drehbare, plastische 
Hahn bestehen aus Kupfer. Der Kaiserstiel war über die Länge der Federn 
herab mit Blei bekleidet. 



SchäfLT, Ot.'saniineltf Aufsiit/.e. 1* 



210 



Die Wiesenkirche in Soest.') 



In wenigen Tagen wird mit dem Akte der Einweihung der Restaurationsbau 
der berühmten Soester „Wiesenkirche" seinen Abschluß erhalten. Die Bedeutung 
des in alter Schönheit neuerstandenen Bauwerks, einer der prächtigsten mittel- 
alterlichen Kirchen in dem denkmalreichen Lande Westfalen, gibt uns Veranlassung 
zu einem etwas eingehenderen Berichte. 

Die Kirche S. Maria ,,zur Wiese" ist, was den alten Bestand anbetrifft, eine 
Schöpfung des 14. und 15. Jahrhunderts. Unter den Bauten der Stadt Soest und 
einer weiteren Umgebung nimmt sie eine besondere Stellung ein vermöge der 
einfach-eigenartigen Grundanlage, der kühnen räumlichen Entwicklung und der 
folgerichtigen und gleichmäßigen Durchfuhrung in einer strengen und doch der 
Eleganz nicht ermangelnden Stilfassung. Ein dreischiffiges Langhaus bildet den 
Kern der Anlage. Dasselbe zählt von Westen nach Osten hin nur drei Gewülbe- 
felder; jedoch ist die Pfeilerstellung eine weitläufige, in der Art bemessene, daß 
jedes Mittelschiffeld im Grundriß etwa einem Quadrat entspricht und die Gesamt- 
länge des Schiffes trotz der geringen Achsenzahl die Breite um ein Gewisses 
überragt. Die Seitenschiffe haben ungefähr zwei Drittel der Mittelschiffbreite. 
Oestlich legt sich diesem Langhaus unmittelbar und ohne Unterbrechung durch 
ein Kreuzschiff ein schön entwickelter dreifacher Chorschluß an, dessen Grundriß- 
bildung aus dem regelmäßigen Zehneck erfolgt. Während der dem Mittelschiff 
entsprechende Hauptchor über sieben Seiten dieses Vielecks aufgebaut ist, geben 
fünf derselben den Umriß der weniger breiten Schlüsse vor den Seitenschiffen 
ab. Die Anlage des Hauptchors befolgt also jene originelle Idee der Erweiterung 
über die gegebene Schiffbreite hinaus, eine Erweiterung, aus welcher die glanz- 
volle Wirkung eines reichen Kranzes gesteigert breiter Fenster sich ergibt, und 
welche in einer vorausgegangenen Bauperiode schon bei St. Peter in Soest zur 
Ausführung gekommen war. Im Westen wird das Schiff durch eine vorgelegte 
dreiteilige Halle abgeschlossen. Ueber den äußeren beiden Feldern derselben 
erheben sich die Türme. Das Aeußere ist ringsum mit Strebepfeilern besetzt, 
auch der Westbau entbehrt derselben nicht; nur die Nebenchöre begnügen sich 
damit, dem hier vielgeteilten Gewölbeschub die unverstärkte Mauer entgegen- 
zustellen. Im Aufbau tritt uns das System der Hallenkirche entgegen, zu 
mächtiger Wirkung hinausgeführt. Die Höhe der Schiffe ist eine sehr beträcht- 
liche, und die weite Pfeilerstellung in Verbindung mit der schlanken Gestaltung 
der Pfeiler dient dazu, dieser gewaltigen Halle einen überaus großräumigen, 



*) Zuerst abgedruckt im Zentralblatt der Bauvcrwaltung 18S2, S. 370. 



211 



lichten und einheit- 
lichen Eindruck zu 
sichern. Im Westen 
findet sie ihre unmittel- 
bare Fortsetzung in 
den drei Feldern des 
Turmbaues, in dem in 
ausgebildeter Weise 
der Innenraum der 
Türme mit dem 
Kirchenraum durch 
vollständige Durch- 
brechung der Mauern 
verbunden worden ist. 
Selbstverständlich zei- 
gen die Turmpfeiler 
den Pfeilern des Schif 
fes gegenüber ein 
wesentlich verstärktes 
Maß. Die Turmräume 
sind durch ein auf 
halber Höhe liegendes 
Gewölbe in je zwei 
Stockwerke geteilt, 
enthalten also je eine 
nach zwei Seiten hin ge- 
öffnete Empore. Alle 
Abteilungen des Inne- 
ren sind mit Kreuz- 
gewölben überdeckt. 

Dieser Innenraum 
nun verdient weiter 
unsere Aufmerksam- 
keit durch die vor- 
geschrittene Bildung 
der Gliederungen. In 
einem Grade, wie man 
es bei der verhältnis- 
mäßig noch frühen 
Bauzeit nicht erwarten 
sollte, findet sich die 
Horizontalgliederung 
in ihrer Mitwirkung 
bereits beschränkt. 
Pfeiler und Wand- 
pfeiler entbehren schon 
jedes Kapitells, und der Grundriß der ersteren entsteht einfach dadurch, daß 
die Profile der Scheide- und Gurtbogen unmittelbar an diesen im grc^ßen 

11* 




Wu s tu n sieht. 
Abb. 50, Wiesenkirche in Soest. 



212 

Umriß nach einem überecksstehenden Quadrat gestalteten Pfeilern herab- 
gefiihrt sind. Der ausgesprochen saalartige Charakter des Schiffsraumes wird 
noch begünstigt durch die Bildung der genannten Bogen. Während die 
Hallenkirchen in allen Perioden der Gotik ihrer großen Mehrzahl nach teils 
in der Erinnerung an die basilikale Kirche, teils aus konstruktiven Grianden 
daran festhalten, die Scheidebogen zwischen Mittel- und Seitenschiff erheblich 
stärker auszuführen als die die einzelnen Gewölbefelder desselben Schiffes 
trennenden Gurtbogen, sind in der Wiesenkirche Gurt- und Scheidebogen durchaus 
gleich gebildet. Damit schwindet zum Teil die kräftige Betonung der Längen- 
richtung im Gebäude. Die Kreuzrippen der Gewölbe wachsen aus schmalen 
Platten heraus, die auf den Mitten der einzelnen Pfeilerflächen zwischen den 
Gliederungen stehen geblieben sind. 

Schlanke Fenster durchbrechen alle Wände und lösen sie in den Chören 
vollständig auf, weil sie hier mit den profilierten Gewänden dicht an die zur 
Aufnahme der Gewölberippen hinaufsteigenden Gliederungen heranrücken. Die 
Fenster sind in den Nebenchören zwei-, im Hauptchor drei-, im Schiffe 
vierteilig; ihre Pfosten tragen, mit Ausnahme eines einzigen späteren Fensters, 
wohlgebildetes, mittelgotisches Maßwerk. In einiger Höhe über der Sohlbank 
sind die Pfosten durch eine querlaufende Maßwerkgalerie verbunden und ab- 
gesteift. 

Das Aeußere ist einfach. Wand und Strebepfeiler sind durch Sockel-, Kaff- 
und Dachgesims zusammengehalten. Hier wie im Inneren zeigen alle Glieder 
fließende Profilierung, in der teilweise schon einseitig die Kehle vorherrscht. 
Pflanzenornament findet sich fast gar nicht verwendet. 

Nur die Portale sind reicher ausgebildet. Es sind ihrer drei, die in 
das Mittelschiff auf der Achse der Westseite und in die Seitenschiffe beider- 
seits östlich neben den Türmen hineinführen. Tiefe, wechselvolle Gewände- 
gliederung, geschmückte Bogenfelder über den zierlichen Mittelpfosten, flan- 
kierende Fialenpfeiler und der Schmuck herrlicher, leider nur zum Teil er- 
haltener, frei gearbeiteter Figuren bilden jedesmal ein prächtiges und bedeut- 
sames Ganzes. 

Gemeinsam überdeckt die drei Schiffe ein hohes Satteldach, das die ursprüng- 
liche Holzkonstruktion sich bewahrt hat und mit Schiefer gedeckt ist. Der ganze 
Massivbau aber stellt sich äußerlich dar in jenem der Soester Gegend eigentüm- 
lichen, durch seine grüne Färbung merkwürdigen Mergelsandstein. 

Die Wiesenkirche war ursprünglich im Inneren bemalt, wie der Regel nach 
die Kirchen des Mittelalters. Das Sj^stem der betreffenden Dekoration war aller- 
dings ein ziemlich einfaches, indem Wände, Pfeiler und Gewölbebogen nur einen 
glatten grünen Anstrich, im Tone den verwendeten Baustein nachahmend, 
empfangen hatten; von diesem Anstrich hob sich ein Quadermuster mittels 
aufgemalter weißer Fugen vor. Die Gewölbekappen hingegen waren weiß ge- 
strichen und mit mannigfaltigem Ranken- und Blumenwerk in Braunrot, Grün 
und anderen Farben bemalt. In Verbindung mit solcher Behandlung des Stein- 
werks hat eine durchgehende Bemalung der I'ensterflächen gestanden. Wie 
überall, so ist auch hier von vornherein nicht zu erwarten, daß sich der ursprüng- 
liche Schatz alter Glasgemälde seinem vollen Umfange nach in unsere Zeit herüber- 
gerettet haben sollte; indes ist in der Wiesenkirche doch noch ziemlich viel, was 
von solchen edlen Schöpfungen die Ungunst der Jahrhunderte überdauert hat. 



213 



Die Fenster des Ilauptchoies sind noch alle erhalten, Glasmalereien, der besten 
Zeit des 14. Jahrhunderts angehörig, monumental in der Auffassung, stilvoll in 
der Ausführung, wunderbar in der Glut der tiefen l<arben. Heilige und Engelsfiguren 

stehen in horizontalen Reihen 
geordnet auf roten und blauen 
Gründen, überdacht von mächtig 

* 

hohen Baldachinen in helleren 
Farben. Im Schiff findet sich 
auch spätere Kunstverglasung. 
Einen schönen Schmuck 
haben im Hauptchor ehemals 
die vor den Gewölbediensten 
aufgestellten lebensgroßen Sta- 
tuen abgegeben, die indes heute 
verschwunden sind. Nur die 
zugehörigen reich polychromier- 
ten Kragsteine und Baldachine 
finden sich noch vor. Von ge- 
malten Bildern sind einige auf 
den Wänden des Chores er- 
halten. 

Was von innerer Einrich- 
tung des Bauwerks aus der 
Vorzeit noch vorhanden ist, ge- 
hört der Entstehung nach meist 
dem Schluß des 15. und dem 
16. Jahrhundert an. Es sind 
hauptsächlich einige Altäre und 
Tabernakel wichtig, 
mit hohen getürmelten 
und reich durchbroche- 
nen Aufsätzen, deren 
bewundernswert feine 
und zierliche Archi- 
tektur nur in dem 
zartkörnigen Kalkstein 

hergestellt werden 
konnte, welchen die 
Baumberger Brüche 
bei Münster liefern. 
Auch einige gute Tafel- 
bilder zieren noch das 
Innere.*) 




Abb. 51. 




Abb. 52. 



Griin il riß. 
Wiesenkirche in Soest. 



*) Es ist bedauerlich, daß es immer noch an einer brauchbaren Veröffentlichung der Wiesen- 
kirche gebricht. Die Aufnahmen in Lübkes Buch über Westfalen genügen in keiner Weise. Die 
Maßverhältnisse sind in den betreffenden Zeichnungen derart verschoben, daß beispielsweise die Höhe 
der unteren Abteilung der Fenster zu der der oberen sich bei LUbke wie i : i, in Wirklichkeit aber 
wie I : 6 verhält. 



214 

Eine im Chore vorfindliche gleichzeitige Inschrift teilt mit, daß der Bau der 
bestehenden Kirche im Jahre 131 3 von dem Meister Johannes Schendeler begonnen 
worden ist. Vordem hatte auf gleicher Stelle bereits eine ältere Kirche gestanden, 
die gegen I179 gegründet war und deren gelegentlich der Restaurationsarbeiten 
aufgefundene Fundamente auf einen um ein Drittel kleineren Umfang hindeuten, 
als ihn das jetzige Gebäude hat. Um 1369 war der Neubau von Osten her bis 
gegen die Türme hin vollendet, 1376 ward ein Nebenaltar geweiht. Wiederum 
eine Bauinschrift stellt das Jahr der Gründung der Türme (1422) und des Bau- 
beginns an denselben (1429) fest. Diese Türme, mit Strebepfeilern auf den Ecken 
und auf der Mitte jeder Wand ausgestattet, für deren Höherführung sicherlich ein 
eigenartiger Plan vorlag, haben damals ihre Vollendung nicht gefunden. Vielmehr 
erreichten sie nur ungefähr die Mauerhöhe der Schiffe, wonach der eine einen 
provisorischen Abschluß durch einen pyramidalen Schieferhelm erhielt. 

Auch in Soest waren die dann folgenden Jahrhunderte der Erhaltung der 
Baudenkmäler nicht günstig. Das Aeußere der Wiesenkirche verfiel und ver- 
witterte, und das Innere ward vielfach verunstaltet. Die Außenwände des Schiffes 
begannen unter dem durch die ursprüngliche Uebermauerung aller Gurtbogen und 
durch nachträgliche Schuttanhäufungen verstärkten Schub der Gewölbe auszu- 
weichen, eine Ausweichung, die schließlich bis auf 20 cm stieg. Erst mit dem 
Jahre 1839, als der damalige Kronprinz und spätere König Friedrich Wilhelm IV. 
die Kirche besuchte, begann eine bessere Zeit für dieselbe. Es ward eine würdige 
Restauration und ein vollständiger Ausbau beschlossen und für diese Zwecke ein 
Betrag von 40 000 Talern aus Staatsmitteln bewilligt. Dann wurde am 24. Juni 
1846 unter großen Feierlichkeiten der erste neue Baustein, und zwar im Sockel 
des Südportals eingefügt. Absicht des Königs war es, daß der Bau zu einer 
Pflanzschule von Werkleuten für altdeutsche Baukunst werden sollte, und das 
fortdauernde Interesse der allerhöchsten und höchsten Herrschaften an dem 
begonnenen Werke äußerte sich in den Besuchen, mit welchen 1852 Se. Königliche 
Hoheit der Prinz von Preußen, in demselben Jahre noch Se. Majestät der König 
und der Prinz von Preußen, 1855 Se. Majestät und der Prinz von Preußen, 1868 
Se. Majestät König Wilhelm I. und 1869 Se. Königl. Hoheit der Kronprinz Friedrich 
Wilhelm den Bau beehrten. 

Im Aeußeren wurde allmählich die gesamte Architektur neu verblendet, die 
verwitterten Profilierungen und skulptierte Teile wurden erneuert, die Strebepfeiler 
wurden mit Fialen und der ganze Mauerring mit einer Dachgalerie aus durch- 
brochenem Maßwerk bekrönt. Es kann nachträglich bedauert werden, daß man, 
als diese Arbeiten begannen, noch nicht genügend mit der Eigenschaft des grünen 
Bausteins vertraut war, nur auf das Lager gelegt sich dauernd zu bewähren, auf 
Spalt gestellt hingegen an Wetterbeständigkeit bald einzubüßen. Gar manches 
neue Stück, in weniger richtiger Weise eingefügt, ist der Verwitterung bereits 
wieder anheimgefallen und hat wiederholt ersetzt oder auf anderem Wege 
geschützt werden müssen. Die Gewölbe wurden verankert. Im Jahre 1878 war 
der Außenbau im wesentlichen vollendet, einschließlich der neuaufgesetzten Glocken- 
häuser und Helme der beiden Westtürme, letztere nach dem Motive des Münster- 
turms in Freiburg i. B. in Maßwerk aufgelöst und in dem vortrefflichen weißen 
Steine von Obernkirchen ausgeführt. 

Nunmehr begannen die Herstellungen im Inneren. Die Gewölbekappen zeigten 
damals eine rohe Kalktünche. Dieselbe ward entfernt und die ursprüngliche 



215 

ornamentale l^cnialung erneuert. Auf Wanden und Pfeilern wurde die alte grüne 
Tönung aufgefrisclit, jedoch mit Weglassung der weißen P'ugenlinien. Die vor- 
handenen Glasmalereien wurden sorgfältig restauriert, für das Westfenster zwischen 
den Türmen aber ein neues, stilistisch und technisch den schönen alten Fenstern 
des Chores sich treu anschließendes Glasgemälde beschafft. Die dann noch übrig 
bleibende weiße V'erglasung in den Fenstern des Schiffes ward stilmäßig erneuert. 
Statt des vorhandenen übergroßen Zopfaltars galt es einen neuen Altaraufbau zu 
errichten. Derselbe ist unter Benutzung eines an anderer Stelle gestandenen 
reichen Tabernakels, indes mit bedeutender beiderseitiger Verbreiterung hergestellt 
und mit den Figuren Christi, St. Pauli, St. Johannis des Täufers und der 12 Apostel 
ausgestattet worden. Die Kanzel wurde aus Sandstein und mit hölzernem Schall- 
deckel, die Stühle, der Orgelprospekt, die Türflügel und Windfänge aus Eichen- 
holz neugebaut. Der Fußboden erhielt einen Belag aus Wesersandsteinplatten. 
Im Aeußeren der Kirche handelte es sich schließlich dann noch um Instandsetzung 
der Umgebung. 

Die im vorstehenden angegebenen Herstellungen haben im ganzen 776000 Mark 
gekostet, welcher Betrag vollständig aus fiskalischen Mitteln bestritten worden ist, 
und zwar wurden ausgegeben: 

für Arbeiten an der Hauptsubstanz des Gebäudes, jedoch 

ausschließlich der Türme, bis 1872 

für die Türme, seit 1872 

für die abermalige Restauration verwitterter Bauteile 
für die Restauration des Inneren und den Ausbau . 
für Regulierung und Umfriedigung des Kirchplatzes 

Sa. 776 000 Mark. 
Die Restauration der Wiesenkirche ward im Jahre 1846 unter Leitung des 
damaligen Lokalbaubeamten, Bauinspektors Buchholz, begonnen und im laufenden 
Jahre von dem Baurat Westphal in Soest beendet. Seit 1878 war außerdem der 
Architekt Memminger daselbst mit der Spezialleitung beauftragt. Die neuen 
Türme sind ihrerzeit von dem Geh. Oberbaurat Soller, die Gegenstände des 
Ausbaues meist im Ministerium der öfi'entlichen Arbeiten entworfen worden. 
Außer den am Bau selbst herangebildeten Steinmetzen und dem Unternehmer des 
Orgelbaues haben sich von ausfuhrenden Kräften besonders der Dekorationsmaler 
Wittkop in Lippstadt, der Glasmaler Nicolas in Roeremonde, das Kgl. Glasmalerei- 
Institut in Berlin, der Schreinermeister Schäfer und Bildhauer Heidmann in Soest 
und der Kunstschlosser Sebinger in Marburg um die Restaurationsarbeit verdient 
gemacht. 

Ehre jedem, der zu dem Gelingen mitgeholfen, Ehre vor allem den kunst- 
sinnigen Monarchen, die angeregt und mit wahrhaft königlicher Munifizenz gefördert 
haben das schöne und verdienstvolle Werk, welches am 15. Oktober, bei der 
Wiederkehr des Geburtstages des Höchstseligen Königs Friedrich Wilhelm IV. 
seine Weihe empfangen soll. 



216000 Mark 
384 000 „ 

29000 
115000 

32 000 



2l6 



Die Kirche in Mensen. '^ 



Den Lesern des Zentralblattes ist es bekannt, in welcher Gefahr sich dieses 
zwar nicht durch die Größe seiner Abmessungen, aber durch den Wohlklang 
seiner Bauverhältnisse, durch die Einheitlichkeit des Stils, durch die Zierlichkeit 
seiner Einzelbildungen und durch gediegene Ausführung vor vielen anderen 
romanischen Kirchen ausgezeichnete Baudenkmal zur Zeit befindet. Vor fast zwei- 
hundert Jahren bereits dem räumlichen Bedürfnis gegenüber als ungenügend 
geschildert, reicht das Gebäude heute noch weniger aus, der angewachsenen 
Dorfgemeinde in gewünschtem Umfange gottesdienstliche Unterkunft zu bieten. 
Diese Gemeinde, in deren Besitz sich die Kirche befindet, plant daher den 
Abbruch; wenn es gelingt, dies noch zu ver- 
hindern, so wird hierfür in erster Linie den 
rührigen Bemühungen der hannoverschen Archi- 
tekten zu danken sein. Bei dem allgemeinen 
Widerhall, welchen der von Hannover aus- 
gegangene Aufruf in der Fachgenossenschaft 
gefunden hat, dürfte es ein gewisses Interesse 
haben, noch einmal mit einigen beschreibenden 
Worten und nach Originalaufnahme gezeich- 
neten Abbildungen auf das in baugeschicht- 
lichen Schriften allerdings schon mehrfach be- 
sprochene kleine Denkmal zurückzukommen. 

Idensen, die Kirche, gehört der roma- 
nischen Schule Westfalens an. Der Ort, ehe- 
mals Idenhusen (die Endigung ,,sen" der 
niederdeutschen Ortsnamen ist bekanntlich 
überall aus husen entstanden), liegt auf der Architekturkarte, welche vor nun 
langen Jahren W. Lübke seinem Jugendvverk über die westfälische Baukunst 
beigab, im äußersten nordösthchen Winkel des Gebietes, etwa eine Weg- 
stunde entfernt von dem durch seinen Wilhelmstein berühmten Steinhuder ,,Meer". 
Die Anlage ist eine kreuzförmige, dabei das Langhaus einschiffig. Die durchweg 
überwölbte Kirche besteht dem Grundriß nach aus einer nicht quadratischen, 
sondern rechteckigen Vierung, einem Schiff von zwei Gewölbefeldern, die ebenfalls 
Rechtecke darstellen, zwei sehr kurzen Kreuzarmen und einer innen halbrunden, 




Abb. 53. Sudportal. I : 75. 



*) Zuerst abgedruckt im Zentralblatt der Bauverwaltung 1883, S. 



217 





Säulen der Apsis. 



Kreuzschift-Nische. 
Abb. 55. 



Abb. 54. Längenschnitt. 



außen polygen gebildeten Ap.sis. Im Westen legt sich dem Schiff ein ver- 
hältnismäßig mächtiger quadratischer Turm vor. Dadurch, dafl das Halbrund der 
Apsis nicht unmittelbar der Vierung sich anschließt, sondern eine kurze, tonnen- 
überwölbte Vorlage zwischen beiden sich einschiebt, entsteht im Aeußeren 

vor dem polygonen 
Chorschluß jedcr- 
seits eine Mauer- 
ecke, wodurch für 
den Anblick von 
draußen eine Fort- 
setzung des Schiffes 
über das Querhaus 
hinaus geschaffen 
wird. In den öst- 
lichen Wänden der 

Kreuzarme sind 
kleine Nebenapsi- 
den ausgespart, die 
äußerlich mit keiner- 
lei Vorsprung hervortreten. Im 
Inneren sind die einzelnen Kreuz- 
gewölbe durch schwere, aus zwei 
Schichten übereinander gerollte 
Gurtbogen geschieden; der Bogen 
zwischen den beiden Feldern des 
Schiffes ist den die Vierung ein- 
fassenden Bogen gleichgestaltet. 
Als Träger dieser Gurte treten 
Wandpfeiler vor die Mauer- 
fluchten heraus, bestehend aus 
einem rechteckigen, der oberen Bo- 
genschicht entsprechenden Kör- 
per und einer vorliegenden, die 
schmalere untere Schicht auf- 
nehmenden Säule. Die recht- 
eckigen Kreuzgewölbe beginnen 
in Mittelschiff und Vierung au 
den Kapitellen besonderer Falz- 
säulchen; ihre Fläche steigt von 
Wand und Gurtbogen aus nach 
dem Scheitel hin ziemlich be- 
trächtlich an ; die Grate verflachen 
sich schon in geringer Höhe und 
verlieren sich in der Nähe des 
Scheitels gänzlich. Das Schiff hat 
in seinen Langwänden je zwei Fenster; je ein Fenster erleuchtet vom Giebel her 
den Kreuzarm; kleinere Fenster sind für die Nebenapsiden vorgesehen. Von den 
fünf Polygonseiten der Hauptapsis sind die drei mittleren fensterdurchbrochen, die 






Beschläge. 
Abb. 56. 



2l8 

zwei seitlichen nicht. Die Innenwand dieser Hauptapsis ist, dem äußeren Polygon 
entsprechend, mit fünf Blenden ausgenischt, die nur durch dem Mauergrund vor- 
gesetzte Säulchen geschieden werden. Auch die kurzen Wände der Chorvorlage 
haben beiderseits je eine solche Blende. Zwei Portale fuhren von Süden und 
Norden her unterhalb der betreffenden Fenster in das westliche Feld des Schiffes. 
Der Raum des Turmes ist in gleicher Höhe mit dem Schiff überwölbt; bereits 
in halber Höhe aber hat er noch einmal ein Gewölbe. So entstehen zwei Turm- 
stockwerke, von denen das untere sich mit einem Gurtbogen nach dem Schiffs- 
raum öffnet, indes das obere eine geschlossene, durch die in der Mauerstärke 
aufsteigende Treppe zu erreichende Kapelle abgibt. Sie hat ihre eigene, in die 
Ostmauer eingetiefte, im Grundriß halbrunde Altarnische, in der noch die ursprüng- 
liche gemauerte Mensa aufrecht steht und neben welcher beiderseits Doppel- 
öffnungen mit gefasten Mittelpfeilern nach dem Raum der Kirche hin den Blick 
gestatten. Ueber dieser Kapelle steigt der Turm in weiteren, mit Balkenlagen 
überdeckten Geschossen in die Höhe. Das Aeußere ist schlicht gehalten. Bis 
zum Anfang der Dächer wird die Mauerfläche nur durch die einfach schräg 
gewandeten Fenster und die beiden Portale belebt. Ueber den Frontmauern der 
Kreuzflügel und über dem östlichen Vorsprung des Schiffes erheben sich Giebel, 
die ersteren mit einer zierlichen Architektur gruppierter Fenster durchbrochen. 
Den Turm deckt jetzt ein von Westen nach Osten gerichtetes Satteldach mit 
zwei Giebeln. 

In dem geschilderten Bestand stellt sich so ziemlich die ursprüngliche Ver- 
fassung des Bauwerks dem Auge dar. Erhaltener Nachricht zufolge ist im 
Jahre 1823 der Turm auf die Hälfte seiner alten Höhe ,, erniedrigt" worden. 
Wenn dies wörtlich zu nehmen, so muß wohl zunächst an einen damals vor- 
handenen, etwa aus gotischer Zeit stammenden steilen Helm gedacht werden, 
der den Bestrebungen jener Restauratoren zum Opfer fiel. Im Schiff und Kreuz- 
schiff ist in nicht näher bekannter Zeit die Sohlbank der meisten Fenster herunter- 
gerückt worden. Die Verglasung aller Fenster ist modern; statt der zweifellos 
vorhanden gewesenen Bemalung deckt ein neuerer glatter Anstrich Wände und 
Gewölbe. Das Nordportal ist vermauert. Nach Hases Meinung (, .Mittelalterliche 
Baudenkmäler Niedersachsens") gehört das Dach des Schiffes einer nachträglichen 
Erneuerung an, welche ihm eine steilere Form gegeben habe. 

Was die Detailausbildung angeht, so fesseln zunächst Basen und Kapitelle 
der Gewölbdienste und Nischensäulen durch ihre schöne und wirksame Pro- 
filierung. Es sind nur Würfelkapitelle vorhanden, von denen, sowie von einer 
Säulenbasis mit ihrem hohen Untersatz die Abb. 55 ein Muster gibt. Sehr 
eigentümlich, wenn auch keineswegs ohne Beispiel, ist die Art, in welcher der 
Gewölbegrat durch Emporheben der betreffenden Dienstkapitelle in die Schicht 
über dem eigentlichen Pfeilerkapitell eine Stelzung erfährt. Die Fenstersohlbänke 
besaßen ursprünglich keine Wasserschräge, wie dies in romanischen Kirchenbauten 
nicht selten vorkommt. Von den beiden Portalen bewahrt das südliche seinen 
alten Holzflügel nebst Beschlag und der inneren Vorrichtung zum Verschluß 
mittels eines quer durchgehenden Holzriegels, der übrigens nicht, wie Hase a. a. O. 
annimmt, eine örtliche Eigentümlichkeit, sondern die regelmäßige Verschluß- 
konstruktion aller älteren Kirchentüren ist, mit Ausnahme einer Tür in jeder 
Kirche, die von außen mit dem Schlüssel verschlossen ward. Der genannte 
Türbeschlag (s. Abb. 56) gehört noch dem 12. Jahrhundert an, der Zeit vor dem 



219 



eigentlichen höchsten Aufschwung der Schmiedetechnik, von dem noch manches 
herübergerettete herrliche Werk uns Kunde gibt. Diese romanischen Türbänder 
bewegen sich in sehr einfachen, geraden und geschwungenen Linien ohne viele 
Verästelung. Dafür sind ihre Stränge meist, und auch im vorliegenden F"alle, 
durch warm eingeschlagene Linien, Rosettchen, Sterne u. dergl. verziert. Alle 
diese schönen Schmiedearbeiten sind übrigens, nebenbei bemerkt, heutzutage nicht 
so leicht nachzuahmen, wie ein Vergleich der alten mit so manchen neueren 
Beschlägen zeigt, welche in den Kostenanschlägen als ,, gotische geschmiedete 

und verzierte Bänder" auftreten 
und zum Teil selbst von sonst 
tüchtigen Werkmeistern ausge- 
führt sind. 

Die Mauern zeigen innerlich 
Füllwerk, auf den Ansichtflächen 
Quadern mit den bekannten knap- 
pen Fugen, welche die Werkleute 
der späteren romanischen Kunst- 
periode bevorzugten. Die Ge- 
wölbe sind aus Bruchsteinen her- 
gestellt. Alles Material ist Sand- 
stein der Gegend, nur die polierten 
Schäfte der freistehenden Saulchen 
bestehen aus einem hier nicht vor- 
kommenden Schiefer. 

Die Bauzeit angehend, hat 
Hase, der wenig wahrscheinlichen 
Annahme Lübkes gegenüber, mit 
vollem Recht für die Verweisung 
des Bauwerks in die Schluflzeit 
des 12. Jahrhunderts sich aus- 
Abb. 57. Innen-Ansicht. gesprochen. Wenn auch das 

rechteckige Kreuzgewölbe, welches er als bezeichnend 
ansieht, tatsächlich schon viel früher vorkommt, wenn 
auch das Verschwinden der Gewölbgrate nach oben 
hin keineswegs für diese Spätzeit charakteristisch ge- 
nannt werden darf, so sprechen doch der polygone 
Chorschluß, gewisse Fensterformen des Turmes, die 
Profilierung der Kapitelle und Basen, trotz des man- 
gelnden Eckblattes bei letzteren, für die Bauzeit von 





Abi). 58. Grunilriß. 



1180 bis 1200. Treffend hat auch der genannte 
Meister auf die Verwandtschaft mit spätromanischen Kirchen des südlichen West- 
falens aufmerksam gemacht, besonders auf die mit der Kirche zu Opherdicke 
(sprich Op-herdicke). 

Es sind zwanzig Jahre verflossen, seit der Schreiber dieser Zeilen am Orte 
war und an diesem liebenswürdigen, kleinen Werke einige Aufmessungen vornahm. 
Von damals her erinnere ich mich, daß mir als sehr merkwürdig der Dach- 
verband auffiel, in welchem die Verbindungen nicht genagelt sind, sondern wo 
die Befestigung durch Keile erfolgt, die, quer auf den Fugen der Schwalben- 



220 

Schwanzblätter sitzend, einen sehr länghch rechteckigen Querschnitt haben. Das 
zu Gebote stehende Wissen von solchen Dingen reichte nicht aus, um dieser 
Eigenheit recht auf den Grund zu gehen. Vielleicht fühlt sich ein anderer, welcher 
Augenschein genommen, zu einer Mitteilung iiber diesen Punkt veranlaßt. Meines 
Wissens ist auch von Ergebnissen etwaiger Nachforschungen nach der alten 
Bemalung, von der einzelne Spuren zu jener Zeit sichtbar waren, nichts ver- 
öffentlicht worden. Daß solche Untersuchungen angestellt und ihre Früchte 
öffentlich mitgeteilt werden, ist aber sehr wünschenswert. 

Wünschenswert vor allem aber erscheint es, daß das allgemeine Interesse 
an dieser echten Perle deutscher Baukunst wach und rege erhalten werde, auf 
daß es gelinge, dieselbe uns und denen, die nach uns kommen, zu erhalten. 



221 



lieber das deutsche Haus. * 

Vortrag, gehalten zum Schinkelfest im Architekten -Verein am 13. März 1883. 



Hochgeehrte Festversammlung! 

Wenn ein Volk sein Leben ausgelebt hat und vom Schauplatz der Ge- 
schichte abtritt, so bleiben, von seinem Dasein Zeugnis zu geben, noch übrig die 
Werke der Kunst; und beredter fast und gemeinverständlicher, als die Schöpfungen 
der Poesie erzählen können von dem Geiste verwichener Zeiten, erzählen von ihm 
die Monumente in Stein und Erz. Und wenn eine Nation zurückblickt auf den 
eigenen Lebenslauf, auf Entwicklungsphasen, die abgeschlossen hinter ihr liegen, 
so sind es wiederum in erster Reihe die Werke der Bauleute und der Bildner, 
welche dem Enkel Kunde geben von den Gedanken, die einst die Väter beseelt, 
vom Gemüt, vom innersten Wesen, von den Idealen der Vorzeit. Nicht weniger 
vernehmlich ferner als die Schöpfungsbauten und die Denkmäler ersten Ranges, 
nicht weniger klar als Gottestempel und Paläste berichten zahlreiche Werke von 
bescheidenerem Maß, von bescheidenerer Bestimmung, aber geplant von gleichem 
Kunstsinn, berichten selbst die bürgerlichen Familienhäuser dieser Vorzeit von 
dem, was diese Vorzeit gewesen und was sie gewollt. Und deshalb möge eine 
jegliche Generation mit Sorgfalt und Liebe hüten in seinem vollen Umfange das 
künstlerische Vermächtnis der Vergangenheit. 

So reden wir, die Kinder eines reflektierenden Jahrhunderts! Aber es hat 
Zeiten gegeben, die nicht ganz so dachten, die, im berechtigten oder anfecht- 
baren Stolze auf das eigene Können, gar nicht auf den Gedanken verfallen sind, in 
unserer Weise sich einleben zu wollen in das, was vor ihnen geschaffen worden. 
Was das Kunstgebiet angeht, so ist historischer Sinn und Gerechtigkeit gegen 
das Alte eine Errungenschaft erst unserer Periode. 

Gilt dies für unser Vaterland und ebenmäßig für die Nachbarvölker, so 
kommt noch ein besonderer Umstand in Betracht, der lange Zeit gerade den 
Deutschen in der gerechten Würdigung gerade der deutschen Denkmäler be- 
hindern mußte. Wir meinen die vielbeklagte und noch immer nicht überwundene 
leidenschaftliche Bevorzugung des Fremden, der Dinge, die ,,weit her" sind. Wie 
wenig fern noch liegen uns die Tage, wo das teure Gut der Muttersprache der 
größten Mißachtung gerade seitens der tonangebenden Kreise ausgesetzt war, und 
wo ernste Patrioten voller Trauer ein gänzliches Ab- und Aussterben deutscher 
Rede glaubten herannahen zu sehen. In diesen Tagen war auch die Baukunst 
unserer eigenen Vorvergangenheit tief verachtet. Das ist anders geworden. Vor 



*) Zuerst abgedruckt in der Zeitschrift für Bauwesen 18S3, S. 209; auch als Sonderdruck bei 
rrnf.t n Korn, Berlin 1883. 



222 

loo Jahren bekanntlich geschah es, daß sich die Aufmerksamkeit der Besten 
unseres Volkes jenen nationalen Kunstschöpfungen wieder zuzuwenden begann, 
die an wahrem Wert durch alle Zeit und allen Raum ihresgleichen suchen. 
Und seit diesen lOO Jahren hat die Achtung vor der Kunst der Väter und die 
Liebe zu ihr in immer weiteren Kreisen immer fester Wurzel geschlagen. Doch 
lag es in der Natur der Verhältnisse begründet, in dem gänzlichen Untergang 
der Tradition, die nirgend mehr ihre Brücken wölbte über die offene Kluft, wie 
sie unsere Zeit von der Kunst des Mittelalters und des i6. Jahrhunderts trennte, 
daß mit der steigenden Achtung und Liebe das wachsende Verständnis keines- 
wegs gleichen Schritt zu halten vermochte. Des stehen die Zeugen rings um uns 
herum. Denn als an mancher Stelle das Bedürfnis auftrat, die alten Werke vor 
materiellem Verfall zu schützen, als anderwärts der achtenswerte Wunsch rege 
ward, in harmonischer Weise auszubauen, was zu abschließender Vollendung zu 
führen, die Ungunst der Zeitläufte einst verhindert hatte, da ließ sich wahrnehmen, 
daß es fast überall an künstlerischen Kräften fehlte, welche den gestellten Auf 
gaben, den Aufgaben des Ausbauens und Restaurierens gewachsen gewesen wären. 
Und dieser Mangel ist auch heute noch nicht gänzlich überwunden. 

Der Begriff der Restauration von Kunstwerken ist etwas Neues, ein Produkt 
eben historischer Anschauung und der Reflexion. Keine Kunstperiode vor uns 
hat restauriert und keine hat restaurieren wollen; wir heute wollen es, ohne, 
wie schon angedeutet, immer voll das leisten zu können, was wir wollen. 

Die Frage liegt etwas seitab von meinem Gegenstande, doch ist ja stets der 
Mund übergegangen von dem, wes das Herz voll gewesen; und es drängt mich, 
die vorhandene Gelegenheit benutzend, vor dieser hochansehnlichen und einfluß- 
reichen Versammlung mit einigen Worten wenigstens diese wichtigen Dinge zu 
streifen und der Meinung Ausdruck zu geben, die nicht bloß meine Meinung ist, 
daß selbst heutzutage noch das praktische Verständnis für alte deutsche Kunst, 
unter der ich immer die Kunst zunächst des Mittelalters und der Renaissance 
verstehe, vielerorts kein ganz ausreichendes ist, und daß die glücklich auf uns 
geretteten Monumente in vielen FTillen noch unter den beliebten und in Mode 
gekommenen Restaurationen mehr oder weniger leiden. Wenn man vor wenig 
Jahren noch die Restauration eines gotischen Domes damit begann, daß man das 
schöne frühgotische Schiff dieses Domes dem Abbruch weihte und an seiner 
Stelle des stilistischen Einklangs mit den übrigen Bauteilen wegen einen neuen 
Bau errichtete, so wird ein solches Verfahren gewiß als ein wenig glückliches 
bezeichnet werden dürfen. Wenn noch später es geschah, daß von den Dächern 
einer anderen deutschen Domkirche die sechs Jahrhunderte alte, ehrwürdige und 
mit dem sonstigen Charakter des Gebäudes am besten zusammengehende Blei- 
bedachung ohne sichtbaren Grund abgenommen und eine neue Decke von 
moderner Gattung aufgebracht ward, so ist auch der hierin sich aussprechende 
„Baugedanke" kein sehr anheimelnder. Und kaum zum Nutzen gereicht es auch 
so manchem dieser Werke, daß oft gerade der wichtigste Teil einer solchen 
Restaurationsarbeit, die Ausführung, das Technische, das Detail ganz in den 
Händen von Künstlern liegt, denen es noch an Spezialerfahrungen fehlt und die an 
dem betreffenden Monument selbst mitunter ihre ersten Stilstudien vornehmen. 
Sobald an diese Werke Hand angelegt wird, ist die Verantwortung eine sehr große. 

Viel später als den Monumentalbauten hat sich damals das Interesse der 
Künstler und das öffentliche Interesse jenen scheinbar untergeordneten Schöpfungen 



22 3 

des Kunstgeistes zugewandt, wie wir sie in den Wohnhausarchitekturen erblicken. 
Die Anteilnahme ist auf diesem Gebiete auch nie eine so allgemeine geworden; 
die Sorge, wenigstens für die Konservierung im großen ganzen, die sich betreffs 
der Monumentalbauten doch allermeist konstatieren läßt, kennt man hier weniger. 
Das hat seine natürlichen Gründe. Auch die kunstmäßigen Wohnhäuser im 
gotischen und im Renaissancestil sind eben Wohnhäuser und als solche mit 
wenig Ausnahmen im Privatbesitz. Haben schon die sich ändernden Lebens- 
gewohnheiten, vermehrtes und vermindertes Wohnbedürfnis, die häufigen Besitz- 
wechsel im Laufe der Zeiten das ihrige getan zur Herbeiführung von oft ein- 
greifenden Umbildungen in der Gesamtdisposition, in der inneren und äußeren 
Erscheinung dieser Bauten, haben die letzteren in noch weit zahlreicheren Fällen 
solchen Momenten gegenüber und den Rücksichten des Verkehrs gegenüber 
ihren gänzlichen Untergang gefunden, so sind sie gleicherweise, unter den gleichen 
Einflüssen , noch heute täglich jeglicher Art von Gefahr ausgesetzt. Bei den 
häufigen Umgestaltungen können nicht immer künstlerische oder gar archäologische 
Erwägungen den Ausschlag geben. Hier herrscht oft unbedingt die Nutzfrage, 
die Finanzfrage. Und wer wird unter Umständen selbst den Abbruch seines 
möglicherweise kunstschönen Hauses dem schlichten Bürger verübeln können, 
wenn er, sein Leben anders lebend wie Ahn und Urahn, sich in diesem Hause 
nicht mehr wohl fühlt. Trotz alledem aber verdient — das brauche ich in 
diesem Kreise nicht zu betonen — auch die häusliche Architektur der Periode, 
von der wir reden, Beachtung und Studium in reichstem Maße. Nicht nur, weil 
in ihr die gleichen großen Grundsätze künstlerischer Gestaltung zum Ausdruck 
gelangen wie in den Kirchenbauten, von der Kathedrale bis zur dörflichen 
Kapelle herab, wie in der Architektur der Schlösser, der Paläste und Rat- 
häuser, nicht nur wegen des besonderen Reizes, den gerade die kunstgerechte 
Lösung der kleineren Aufgabe naturgemäß oft in sich trägt, nicht nur wegen des 
lehrreichen Apparates, mit dem die Konstruktion hier zu operieren pflegt, sondern 
vor allem auch, weil im Hausbau Volksart und Volkssitte im engeren Sinn am 
unverblümtesten sich ausspricht, in einer Weise, welche ganz direkt an Pietät 
und sinnige Betrachtung appelliert. 

Das deutsche Haus ist das eigentliche Thema unserer heutigen Unterhaltung. 
Dieses Haus, ein spezifisch nationales, echt germanisches Gebilde, ist ein hölzernes 
Haus, und Holz das charakteristische und in der Urzeit das einzige Baumaterial 
unserer Vorfahren. Es braucht hier nicht wiederholt zu werden, was die Ge- 
schichtsquellen über diesen Punkt beibringen, nicht noch einmal darauf hinge- 
wiesen zu werden, daß von den noch heute üblichen bautechnischen Ausdrücken 
nur diejenigen ursprünglich deutsch sind, welche das Holz und seine Verarbeitung 
betreffen, während die Namen für die Materialien und die Hantierungen des 
Maurers auf das Lateinische zurückgehen. 

Die früheste Geschichte unseres Hausbaues ist dunkel. Kaum mit einiger 
Wahrscheinlichkeit läßt sich feststellen, in welchem Moment die einzelnen Stämme 
dazu gelangt sind, stabile Wohnstätten zu besitzen. Diejenigen Landstriche, in 
denen, dem Berichte Cäsars zufolge, die Ackerverteilung jährlich erneuert wurde, 
damit das Wohnhaus nicht fest an seiner Stelle haften sollte, haben sichtlich zu 
beregter Zeit einen Hausbau im eigentlichen Sinne gar nicht besessen. Im Süden 
des deutschen Landes, den Tacitus aus Anschauung gekannt zu haben scheint, 
müssen aber, als er die , .Germania" schrieb, die Wohnstätten fest gegründet 



224 

gewesen sein. Der Einfluß, den indes auch hier der Trubel der großen Wanderungen 
und Stammeskämpfe auf die Wohnverhältnisse äußern mußte, entzieht sich unserer 
Kenntnis. Selbst in einem Landstrich, wo, wie in Hessen, die Bevölkerung mit 
verhältnismäßig so großer Zähigkeit durch die sturmvollen Jahrhunderte hindurch 
ihre angestammten Sitze verteidigt, scheinen um die Mitte des ersten Jahrtausends 
viele Niederlassungen wieder Wanderdörfer zu sein, die keine fest fundierten 
Häuser haben können, sondern nur transportable Hütten und Baracken. 

Wir müssen es im ganzen dahingestellt sein lassen, ob bestimmte Formen 
eines festen Hausbaues die Germanen etwa schon aus dem Osten nach Deutsch- 
land mitgebracht haben, wie weit in diesem Lande bereits vor der Völkerwanderung 
die Kulturstufe des stabilen Hauses eine allgemeine war, zu welchem Zeitpunkt 
durchgängig feste Wohnstätten vorhanden waren, und welches das früheste Aus- 
sehen derselben gewesen ist. Doch lassen sich über den letzteren Punkt bis zu 
einem gewissen Grade leidlich zu begründende \'ermutungen aufstellen. 

Wollen wir versuchen, uns ein Bild von dem ursprünglichen Gepräge des 
Hauses zu verschaffen, so sind wir genötigt, die noch heute vorfindlichen Typen 
bei unserer Betrachtung zu Rate zu ziehen. Diese sind aber von zweierlei Art, 
indem wir zwischen ländlichen und städtischen, zwischen Bauern- und Bürger- 
häusern unterscheiden müssen. Aber es ist sofort mit Sicherheit das Bauernhaus 
als das für die Frage wichtigere, weil der Form nach ursprünglichere, zu bezeichnen, 
denn zu Anfang gab es unter den Germanen nur Bauern und nicht Bürger, und 
als man Städte zu bauen begann, diente dem Stadthause das Bauernhaus der 
Nachbarschaft als Vorbild; abgesehen vorläufig vom Einfluß der Römerstädte. 
Wo im zehnten, elften, zwölften Jahrhundert im inneren Deutschland sich nächst 
einer Grenz- oder Landesfeste, einer bischöflichen oder Herrenburg die Ansätze 
eines städtischen Gemeinwesens bildeten, waren die Anziehenden im wesentlichen 
Ackerbauer der Umgebung, die keineswegs sich mit einem Male in Gewerbe- 
treibende und Handelsherren verwandelten, sondern der Mehrzahl nach das 
wurden, was wir jetzund Ackerbürger nennen. Ihre Nahrung blieb die Land- 
wirtschaft und ihr Haus zunächst das altgewohnte Bauernhaus. Wo andererseits, 
nachdem die großen Wanderungen zur Ruhe gelangt, Germanen die einst von 
Römern angelegten Städte besiedelt hatten, konnte zwar die fremde, römische 
Form des Hausbaues die nationale Sitte alterieren, jedoch vermögen sich die 
fremden Einflüsse sichtbarlich nur unter großen Schwierigkeiten auszubreiten und 
w'erden in vielen Beziehungen durch die germanische Bauerngewohnheit bald 
wieder zurückgedämmt. Am meisten Einfluß gewinnt die Römertradition in der 
Materialfrage. In den betreffenden altkolonisierten Ländern des Südens und 
Westens ist durch das ganze Mittelalter hindurch der Steinbau in der Lage, 
der Holztechnik eine gewisse Konkurrenz zu machen. In den inneren Teilen 
des Landes bleiben dagegen Steinhäuser bis zum i6. Jahrhundert hin ver- 
einzelte Ausnahmen, so daß selbst in dem so nahe beim Rhein gelegenen 
Frankfurt ein etwa 1460 erbautes Haus den ausdrücklichen Namen ,, steinernes 
Haus" bekommt. Es ist der noch vorhandene stattliche Bau am ,, alten Markt", von 
dessen Ecke vor kurzem der Besitzer den herrlichen Figurenbaldachin herabschlug. 

Die ältesten erhaltenen Bauernhäuser sind nicht über 300 Jahre alt, weisen 
aber bereits dieselben Verschiedenheiten der Landes- oder Stammesstile auf wie 
die modernen. Dieser Stammesstile sind es viele. Ich glaube jedoch, daß sich 
diese Stile nach Eliminierung alles minder Wesentlichen zunächst auf zwei Haupt- 



225 

stiltypen zurückführen lassen, von denen wieder einer die Kennzeichen des höchsten 
Alters an sich trägt. ^) Die betreffenden beiden Typen sind uns unter dem Namen 
des sächsischen und des fränkischen Bauernhauses bekannt. Das sächsische Haus, 
Menschen, Tiere und die Vorräte an Getreide und Futter gleichzeitig unter seinem 
einheitlichen Dache bergend, legt bei der Hauptteilung seines Innenraumes die Längs- 
richtung zugrunde. Anders das frimkische, welches für das Vieh und die Erzeugnisse 
noch andere Gebäude neben sich stehen hat, und welches in seinem Inneren die Quer- 
teilung aufweist. Das sächsische Haus, schon, soweit wir es überhaupt zurückverfolgen 
können, auf niederdeutsches Gebiet beschränkt, ist gegenwärtig im Rückzuge 
begriffen, der fränkische Typus dagegen seit lange in unaufhaltsamem Vordringen. 

Wenn es einmal eine Zeit gegeben hat, in welcher die deutschen Stämme, 
auf der asiatisch-europäischen Reise begriffen oder bereits in den schließlichen 
Wohnsitzen verteilt, eine gemeinsame Hausform besaßen, so muß man vermuten, 
daß dieselbe im Prinzip mit dem Gedanken des sächsischen Bauernhauses über- 
einstimmte. Denn die Idee des Zusammenfassens von Wohnung, Stall, Scheune usw. 
in einem einzigen Hause ist eine durchaus primitive Idee; die eigenartige Längs- 
teilung dieses Hauses, d. h. seine Hallenkonstruktion auf Reihen von Säulen, trägt 
das Gepräge des höchsten Altertums. Geben wir eine Darstellung von der auf 
die einfachsten Elemente zurückgeführten Erscheinung dieser Häuser! Es ist mit 
vier Wänden ein großes längliches Viereck eingefaßt, dessen Decke aus parallel 
nebeneinander gelegten Balken besteht, die zugleich dem mächtigen Satteldach 
als Verspannung dienen. Die Balken liegen nach der kürzeren Richtung des 
Hauses, der Breite nach. Mit ihrem Querschnitt über ein gewisses, mittleres 
Stärkenmaß hinauszugehen, ist unbequem und undurchführbar. Bei solcher Stärke 
aber sind sie vor Durchbiegung nicht gesichert. Es werden der Länge nach 
Unterzüge unterlegt und diese durch Reihen von Holzsäulen gestützt, die den 
1 lausraum in parallele Schiffe teilen. Den praktikablen Abmessungen des Hauses 
und der Art, wie es benutzt werden soll, entspricht am besten die Teilung in 
drei Schiffe. Das breitere Mittelschiff bildet die Dreschdiele und dient dem 
Tagestreiben der menschlichen Bewohner, in den Seitenschiffen sind die Tiere 
untergebracht und Schlafstätten für die Menschen abgeschlagen, in den Dach- 
räumen lagert das Getreide und Heu. Die Wände dieses Hauses bestehen dem 
Gerippe nach aus einem hölzernen F'achwerk. Die Wandgefache sind auf Zaun- 
geflecht mit Lehm ausgefüllt. Das Dach ist mit Stroh gedeckt. 

So ist dies Haus der Sachsen beschaffen, nicht in der Wirklichkeit, in den 
Repräsentanten, die uns auf einer Wanderung im Nordwesten des Vaterlandes 
hier und da in reicher Zahl noch begegnen, sondern so gestaltet es sich, wenn 
unsere Phantasie dieses Haus auf einen denkbar einfachsten Bestand zurückführt, 
auf eine Urform, wie sie einer Urzeit, den Anfängen der Kultur entspricht, 
Zuständen, welche auf dem Gebiete des Hausbaues nur das Naivste erst hervor- 
zurufen vermochten. Es ist nur eine ideale Rekonstruktion, die ich vorgeführt 
habe, eine Hypothese, für die strikte Beweise nicht herbeizuschaften sind, denn 
zu wenig ist es, was wir wirklich wissen von dem Leben unserer Altvorderen in 
jenen „weit rückwärts in der Zeiten Hintergründe liegenden Tagen". 

Wie wir das westfälische und hannoversche Bauernhaus tatsächlich vor uns 
sehen, hat es, verglichen mit dieser Urform, schon einige Veränderungen durch- 

1) Vergl. jedoch die abweichende Auffassung bei H. Meitien, „Das deutsche Haus" und 
R. Henning, „Das deutsche Haus". 

Schäfer. Ocsanimelte Aufsätze. ^^ 



226 

gemacht. An der hinteren Schmal- und Giebelseite — das Haus hat ein Vorn 
und Hinten, welch ersteres durch die zur Diele führende Toreinfahrt im anderen 
Giebel ausgesprochen wird — erstreckt sich heutzutage über die ganze Hausbreite 
hin ein durch eine Wand abgeschiedener Wohnraum, der in drei Stuben bezw. 
Kammern zerfällt;') vor der erwähnten Querwand aber erweitert sich der freie 
Raum der Diele bis an die äußeren Langwände des Hauses. Der solchergestalt 
den Wohnräumen am Giebel vorgelegte, von den Langwänden her durch Fenster 
beleuchtete, durch Türen zugänglich gemachte flurartige Raum mit dem niedrigen 
Herde heißt noch heute der oder das „Fleet", wie er diesen Namen gleicherweise 
schon zur Zeit des sächsischen Dichters führte, als derselbe sein Lied vom 
Heiland niederschrieb.-) Ein gut Stück Leben der bäuerlichen Familie spielt sich 
ab hier auf dem Fleet, wo bereits Herodes die Weisen des Morgenlandes in 
Audienz empfing, nach der Anschauungsweise jenes Dichters, dem die Apostel 
zu deutschen Herzögen werden, der Sohn Gottes zum mächtigen, milden deutschen 
Volkskönig wird, das orientalische Fürstenschloß zur holzgezimmerten Wohnstätte 
der Heimat. Auf dem ,, Fleet" ist der niedrige Herd erbaut, der altgeheiligte 
Mittelpunkt des Hauses. Nach ihm hin gehen auch die Bettschränke der Familie. 
Eine weitere Vervollkommnung, verglichen mit dem von uns erstgeschilderten 
primitiven Bestand, bilden die oberen Gelasse, die sowohl über den Wohnräumen 
des Giebels, wie über den Seitenschiffen des Vorderhauses durch in Halbhöhe 
und höher eingezogene Balkenlagen entstehen. Diese Oberräume sind nur selten 
zu einem voll viereckigen Querschnitt entwickelt, indem die Dachschräge meist in 
ihr Profil herunterreicht. Sie dienen zum Teil als Schlafgelaß der Knechte und 
Mägde. Dann gehen auch die Dachbalken nicht mehr über die ganze Hausbreite 
durch. Mit diesen Abweichungen von einem Idealplan, so einfach und urwüchsig, 
wie er nur ersonnen werden kann, ist aber das Bild der uns in greifbaren 
Beispielen überlieferten Hausform vollendet, das Bild des echt patriarchalischen, 
höchst zweckmäßig disponierten Bauernhauses, welches den patriotischen Moeser 
zu der schönen Schilderung anregte, die, manchmal wiederholt, auch hier im 
Auszug noch einmal ihre Stelle finden möge: 

,,Der Herd ist fast in der Mitte des Hauses, und so angelegt, daß die 
Frau, welche bei demselben sitzt, zu gleicher Zeit alles übersehen kann. 
Ein so großer und bequemer Gesichtspunkt ist in keiner Art von Gebäuden. 
Ohne von ihrem Stuhle aufzustehen, übersieht die Wirtin zu gleicher Zeit 
drei Türen, dankt denen, die hereinkommen, heißt solche bei sich nieder- 
setzen, behält ihre Kinder und Gesinde, ihre Pferde und Kühe im Auge, 
hütet Keller, Boden und Kammer, spinnt immerfort und kocht dabei. Ihre 
Schlafstelle ist hinter diesem Feuer, und sie behält aus derselben eben diese 
große Aussicht, sieht ihr Gesinde zur Arbeit aufstehen und sich niederlegen, 
das Feuer anbrennen und verlöschen und alle Türen auf- und zugehen, hört 
ihr Vieh fressen und die Weberin schlagen, und beobachtet wiederum Keller, 
Boden und Kammer." 

,,Wer den Herd der Feuersgefahr halber von der Aussicht auf die 
Diele absondert, beraubt sich unendlicher Vorteile. Er kann sodann nicht 



1) Meitzen, „Der Boden usw. des Preußischen Staates" zeichnet u. a. einen Grundriß ohne die 
Hinterstuben, ohne Angabe der Herkunft. Mir ist das Haus auf dieser primitiven .Stufe der Entwiclilung 
nirgends aufgestoßen. 

■-) S. den schönen Aufsatz v. Bezolds in der Allgemeinen ßauzeitung. j .<iyfZ<J '^f*4*lM/l^ f/>''^ 

U 2 Ty^^ 



227 

sehen, was der Knecht schneidet und die Magd futtert. Er hört die Stimme 
seines Viehes nicht mehr. Die Einfahrt wird ein Schleichloch des Gesindes, 
seine ganze Aussicht vom Stuhle hinterm Rad, am Feuer geht verloren, 
und wer vollends seine Pferde in einem besonderen Stalle, seine Kühe in 
einem anderen und seine Schweine in einem dritten hat und in einem eigenen 
Gebäude drischt, der hat zehnmal so viel Wände und Dächer zu unter- 
halten und muß den ganzen Tag mit Besichtigung und Aufiichthaben 
zubringen." 

Von diesem ländlichen Hause der sächsischen Gegenden, wie bereits an- 
gedeutet, ursprünglich vielleicht das Haus der sämtlichen Germanen, ist manches 
mittelalterliche Stadthaus, besonders in Norddeutschland, aber auch in den mittleren 
Gegenden und im Süden, eine direkte Ableitung. 

Ein solches Stadthaus steht nicht mehr isoliert und durch weiten Raum vom 
Nachbar getrennt, wie das des Bauern, sondern Wand an Wand, oder doch nur 
durch schmale Traufgäßchen geschieden, reihen sich die Wohnungen der Bürger 
längs enger Straßen aneinander in den durch F"estungsmauern eingeschnürten 
Wohnplätzen. Ich setze den F"all eines Handwerker-, eines Kaufmannshauses, aus 
dem die Viehzucht verbannt ist. Die langgestreckte Bauerndiele hat sich zu der 
über etwa quadratischer Grundform aufgebauten Halle verkürzt, denn die aus- 
gedehnten, rechts und links belegenen Stallungen sind unnötig geworden. Dagegen 
legen sich statt ihrer zwei Stuben dem Mittelraume an. Die rückwärts belegenen 
Wohnräume haben ihre Anordnung behalten, die Erweiterung aber, welche die 
Diele, jetzt Halle, vor diesen Hinterräumen erfuhr und welche den ,, Fleet" her- 
stellte, ist weggefallen, weil eine seitliche Beleuchtung hier wegen der Nachbar- 
häuser nicht möglich und wegen der geringen Tiefe der Halle, von der Straße 
aus gerechnet, nicht nötig ist. Die alten Oberräume sind wiederum vorhanden, 
die ganze Fläche des Hauses ist zweigeschossig, bis auf die Halle, welche als 
einheitlicher Raum durch die beiden Geschosse hindurchreicht, genau wie dies 
ehemals mit der Diele der Fall gewesen.') Wo in der Bauernwirtschaft eine 
schmale steile Stiege und stellenweise bewegliche Leitern genügen, um die Kommuni- 
kation nach oben zu ermöglichen, schwingt sich hier im Raum der Halle eine 
stattliche Treppe hinauf zu einer vorgekragten Galerie, welche an zweien oder 
dreien der Wände entlangzieht und für das Obergeschoß den Korridor abgibt. 
Im hohen Räume des steilen Daches lagert ein Speichergeschoß über dem anderen. 
Auch in diesem stolzeren Bauwerk noch ist das ganze Rauminnere bis unter die 
Dachbalken, der Konstruktionsidee nach, ein Ganzes. Nicht die Innenwände, 
sondern je zwei schwere Unterzüge stützen die Balkenlagen und werden ihrer- 
seits von zwei Reihen gewaltiger Holzpfeiler mit Kopfbändern und Sattelhölzern 
getragen. Was innere Wand heißt, stellt sich als unbelastete, gewissermalkn 
verschiebbare bloße Abscheidung dar, oftmals wirklich nur mit Jagdzapfen an 
Ständern und Riegeln nach vollendetem Aufbau in die Konstruktion des Hauses 
eingesetzt. 

Neben diesem besonders interessanten Typus stehen dann freilich ander- 
seits alte Stadthäuser da, deren Disposition das in letzter Linie zugrunde liegende 
Vorbild nicht mehr so klar erkennen läßt. Vielleicht hat das Bedürfnis der 
Raumvermehrung dazu geführt, der Höhe nach zwischen der Halle nebst den in 



') Vergl. hierzu v. Bezokl, a. a. U. 

15' 



228 

zwei Geschossen sie umgebenden Wohngelassen einerseits und dem Dachraum 
anderseits ein oder gar zwei vollständige Stockwerke von Sälen, Stuben und 
Kammern einzuschieben. Vielleicht zeigt sich das gesteigerte Raumbedürfnis 
dadurch befriedigt, daß die charakteristische doppelt hohe Anlage der Halle auf- 
gegeben und die Geschoßteilung durch sie durchgeführt worden ist. Vielleicht 
schließen sich nach rückwärts Hintergebäude, vielfach mit offenen Galerien statt 
geschlossener Korridore, vielleicht ein besonderer Treppenturm dem Vorder- 
hause an. 

In diesen Modifikationen wird teilweise der Einfluß der frühzeitig schon von 
Adelsgeschlechtern in den Städten aufgeführten Herrenhäuser, deren Anlage von 
vornherein eigenen Gesetzen folgt, sichtbar. Sie besonders liefern auch das ver- 
anlassende Vorbild für einzelne bürgerliche Ausführungen in Stein. Regel indes 
bleibt, wie schon gesagt, für das mittelalterliche Bürgerhaus der Holzbau. 

Die zahlreichen Stadtbrände haben es bewirkt, daß städtische Holzhäuser 
sehr alten Datums ebensowenig erhalten geblieben sind als sehr alte Bauern- 
häuser. Doch reichen die städtischen Beispiele um mehr als ein Jahrhundert höher 
hinauf wie die ländlichen. Nicht stichhaltig erscheint es bei näherer Prüfung, 
wenn in der Literatur über diesen Gegenstand gewisse, in unsere Zeiten hinüber- 
gerettete Fachwerkbauten dem 13. oder gar dem 12. Jahrhundert zugeschrieben 
werden. Der Wahrheit entspricht es besser, zu erklären, daß solche Holz- 
konstruktionen aus älterer Zeit als dem 14. Jahrhundert nicht auf uns gekommen 
sind und selbst aus diesem nur spärliche Bruchstücke von Konstruktionen. Ganze 
Häuser und Hausfassaden gibt es erst aus dem 15. Jahrhundert, und erst aus dem 
16. sind sie zahlreicher vorhanden. 

Nach den erwähnten ältesten Bruchstücken zu urteilen, muß man sich die 
Holzarchitektur der Frühzeit, von etwa 1400 ab aufwärts-, als recht einfach in der 
ganzen Erscheinung, als wenig geschmückt vorstellen, ähnlich, wie ja auch die 
Steinfassaden dieser Zeiten immer zwar durch ein gutes Verhältnis zwischen Fläche 
und Oeffnung und durch die zierliche Detaillierung der Fensterarchitektur die 
beste Wirkung erzielen, dabei in der Gesamthaltung aber stets eine große Ein- 
fachheit wahren. Auf den ersten Blick vielleicht verwunderlich, wenn man neben 
solcher Schlichtheit der Privatarchitektur den Reichtum der Ausstattung der 
Gotteshäuser in Betracht zieht, aber doch ganz angemessen dem Sinne der Zeit. 
Hatte ja auch der Grieche in der besseren Periode seiner Geschichte sich bei 
aller Pracht der Tempelarchitektur mit nur sehr schlichter Durchführung des 
Wohnhauses begnügt. 

Schon in dieser Frühzeit herrscht das Ueberbauen, d. h. das Vorkragen des 
Obergeschosses auf den über die P'lucht des Untergeschosses herausschießenden 
Köpfen der Deckenbalken. Diese Bauart ist es, welche dem Umriß des Hauses 
seine besondere Charakteristik und eine große Energie verleiht. Beweggrund war 
der Wunsch, der Knappheit der Baustellen in diesen eingeengten Quartieren 
wenigstens oben in der Luft noch nachzuhelfen und die Fläche der Stuben auf 
eine wenig kostspielige Weise zu vergrößern. Die statischen Vorteile der Kon- 
struktion wurden ungesucht mit in den Kauf genommen. Das Ueberbauen und 
die Folge davon, die Verdunkelung der ohnedies engen Straßen dieser Festungs- 
städte, war von Anbeginn her der Anlaß vieler Klagen und Zwistigkeiten, und 
mehrfach traten die Behörden mit beschränkenden Bestimmungen auf. Der 
einzelne pflegte freilich auch so rücksichtslos vorzugehen, und der Straßenraum 



229 

zwischen den obersten Stockwerken gegenüberstehender Häuser schrumpfte in 
einzelnen Fällen derart auf ein Minimum zusammen, daß beispielsweise Anno 1308 
bei städtischen Kämpfen in Zürich die Streitenden von Fenster zu Fenster über 
die Gasse hinüberzuspringen vermochten. Wo die Wände nicht überbauen, also 
seitwärts gegen den Nachbar hin, im Inneren des Hauses, wohl auch in einer Art 
verdoi^pelter Straßenwand, erhält sich ein interessantes und sehr altertümliches 
Konstruktionsmotiv. Schon im vorbesprochenen Bauernhause ist es enthalten. 
Denn wenn bei diesem beiderseits die Decken zwischen den Stallräumen und den 
über ihnen gelegenen Gelassen an die Außenwände zwar herangehen, sind die 
Balken dieser Zwischendecken doch einfach auf Riegel aufgelegt oder von innen 
in die Wandständer eingezapft; die letzteren haben also doppelte oder, da der 
Oberstock ein Kniestock ist, anderthalbfache Geschoßhöhe. Wie ich bei minder 
festlicher Gelegenheit in diesem Hause auszuführen mir gestattete,') schießen auch 
bei den Stadthäusern des 14. Jahrhunderts die starken Ständer einer primären, 
einer Hauptkonstruktion durch alle Geschosse auf, von der Grundmauer bis empor 
zu den Dachbalken. 

In der Folgezeit des 15. Jahrhunderts findet sich diese eigentümliche An- 
ordnung in reduziertem Umfange wohl auch noch vor, indem die Ständer des 
Parterres sämtlich oder doch auf einem Teil der Fassade noch in dem nächst- 
übergclegenen Geschoß durchgehen. Dies wird veranlaßt durch die Anlage der 
ebenfalls diese beiden Geschosse durchdringenden Halle. Im allgemeinen aber 
hat sich jetzt das Prinzip des Abbindens der Wände in einzelnen Etagenhöhen 
überall Bahn gebrochen. Jede Etagenwand wird nach unten durch ihre Schwelle, 
oben durch den Rahmen abgeschlossen. Zwischen dem Rahmen der Unter- und 
der Schwelle der Oberwand bildet die Reihe der durch Konsolen gestützten 
Balkenköpfe eine kraftvolle Ausladung. Die Dekoration bereichert sich in dieser 
Zeit. Balkenköpfe und Konsolen sind gestochen, oft mit Ornament, oft figürlich 
geschmückt, die Schwellen sind profiliert, ausgegründet und gestochen, tragen 
Bänder von Maßwerk, Laubwerk oder ornamental verwertete Schriftzeilen. Die 
leeren Weiten zwischen den Balkenköpfen werden durch schräg eingesetzte, reich 
ornamentierte Füllbretter geschlossen. Die Fenster, einzeln stehend oder zu 
Gruppen vereinigt, schmücken sich mit Kantenprofilen und variieren mannigfach 
das Motiv der ausgeschweiften Stürze. Ein durchlaufendes Bankgesims ist ihre 
Basis. Die Wandverstrebungen ordnen sich nach zierlichen Mustern. Im Erd- 
geschoß öffnet sich die Bogentür mit ihrem mehr oder weniger reich gestochenen 
Gewände, neben ihr vollenden vielleicht die mächtigen Auslageöffnungen der 
Verkaufsläden oder Werkstätten die Durchbrechung der Fassade. Giebel an 
Giebel reihen sich diese stolzen Eichenkonstruktionen, ausnahmsweise nur legt die 
Lokalsitte die Traufe längs der Straße an. Von den Spitzen der hohen Giebel 
winken die Fahnen herunter und von den Helmen der zierlichen turmartigen 
Erker. Was Holzwerk ist, zeigt den fröhlichen Schmuck der Farbe; als Grund- 
lage dieser polychromen Ausstattung läuft ein lebhaftes Rot durch ganze Reihen 
von Fassaden. Die Gefache gefallen sich hier in den wechselnden Mustern, wie 
sie der Ziegelverband an die Hand gibt, dort in der Phantastik einer aufgemalten 
oder in den Kalkputz einmodellierten Fülle von Ornamenten. Auch was die 

') Geschah in einem Vortrage im Architekten -Verein, betreffend ein in Marburg an der Lahn 
kürzlich lum Abbruche gelangtes Haus, welches das einiige mir bekannt gewordene Beispiel eines in 
Holi durchgeführten vollständigen Bauwerkes aus dem 14. Jahrhundert war. 



230 

Innenräume angeht, faßt Kunst und bereits auch Reichtum Boden. Gestochene 
Kanten an den sichtbar belassenen Balken beleben die Decken, ein Musterwerk 
aus Fliesen den Estrich, Täfelung und Farbe die Wand. Die Verglasung der 
Fenster ist eine kunstmäßige, die Ausstattung von Tür und Türbeschlag, von 
Galerie und Treppe, von Bank, Lade, Schrein, Tisch, Bettstatt und Ofen nicht 
weniger. ,,Was kann reizender sein, als das Bild einer Stadt des Mittelalters? 
Künste, die nur Reichtum ernährt, zogen herbei, kunstreiche Kirchen und öffent- 
liche Gebäude stiegen auf in den sichernden Mauern, grün bepflanzte Plätze 
erheitern die zutraulichen Wohnungen, und darinnen ein arbeitsames, reges 
Schaffen, neben aller Lust in Spiel, Scherz, Tanz und Kriegsübungen. Eines ge- 
gründeten Reichtums sich bewußt, gingen die schön gekleideten Bürger daher, 
stolz auf ihre Freiheit, tapfer sie verteidigend gegen jede Anmaßung, großmütig 
in Geschenken, ehrbar und streng in ihrer Familie und fromm vor Gott." Worte 
unseres Jakob Grimm. 

Mit dem Hereindringen antikisierender Formen, in der ersten Hälfte des 
i6. Jahrhunderts, treten Modifikationen ein, die jedoch zunächst nur das kleine 
Detail berühren. Grundriß, Konstruktionen und Gesamtaufbau des Hauses, welches 
vor allem auch sein steiles Giebeldach sich wahrt, bleiben unverändert. Die 
Renaissance äußert sich wie ein neuer Zierbesatz auf altem, denselben Körper 
deckendem Prachtkleid. Vielfach nimmt in der Detaillierung der Reichtum zu. 
An Stelle jener gotischen Maßvverkfriese, der Rundstäbe und Karniese, der ge- 
wundenen Taue und eingekerbten Plättchen entwickelt sich das elegante Ranken- 
werk des neuen Stils, entfalten die Eierstäbe, Perlfriese und Zahnschnittbänder 
ihre bewährten Effekte, jene Schmuckmotive, welche manche unter uns mit den 
wohllautenden Namen von Kymatien, Astragalen, Geisipodes usw. zu bezeichnen 
pflegen. Nach wie vor aber ist die Konstruktion die Grundlage und das A und 
das O in dem ganzen baulichen Organismus. Da gibt es keine angenagelten 
Leisten und keine angeklebten Klötzchen. Sondern das naturgemäße Prinzip eines 
Bauens mit Hölzern, eines Bauens mit Stücken, die zwar sehr lang, aber niemals 
sehr dick sein können und eine längsfaserige Textur besitzen, das Prinzip, welches 
ich so formulieren möchte, daß jedes in den Bau gebrachte Holz eine 
konstruktive Mission haben soll, daß diese konstruktiv notwendigen 
Hölzer zunächst mit holzgemäßen soliden Verbindungen zusammen- 
gesetzt werden müssen und dann erst an ihre, der Funktion nirgend 
zuwiderlaufende Verzierung gedacht werden darf, dieses Prinzip übt nach 
wie vor die unbestrittene Herrschaft aus. 

Erst das 17. Jahrhundert beginnt, zwischen diesen Weizen sein Unkraut zu 
säen. Zwar bleibt immer noch und im allgemeinen sogar durch das Zeitalter der 
Zöpfe und der Haarbeutel hindurch der Zimmermann den alten Traditionen treu, 
wenn es sich um schlichte Ausfuhrungen handelt. Sobald aber das, höhere 
Künstlertum einmal in diese Arena herniedersteigt, sobald dekorative Prachtstücke 
geschaffen werden sollen und man den eigentlichen großen Apparat der 
Renaissancekunst zu Hilfe ruft, sobald mit Säulen, Pflastern und Hermenpfeilern 
und den zugehörigen Gebälken gearbeitet wird, enthüllt sich der Pferdefuß. Da 
zeigt sich, daß diese Architekturmotive mit ihren großen und unvermittelten Aus- 
ladungen dem Wesen und den Bedingnissen des Materials widersprechen. Die 
Zimmerhölzer in ihren bescheidenen Querschnitten geben die Maße für die stärker 
vorspringenden Teile nicht her, und man entschließt sich, Holzbröckchen auf- 



23J 

zusetzen. Uebcrall stellen sich dem längsfahrenden Simshobel, dem mit dem 
Klöppel vorwärts getriebenen Eisen querliegendc Architekturglieder als Hindernisse 
in den Weg. Das verleitet förmlich dazu, zunächst einmal glatt durchzuarbeiten 
und jene Glieder nachträglich aus besonderen Leistchen wieder aufzusetzen. So 
wird das erzeugende Prinzip verdunkelt und untergraben und der Willkür die 
Tür geöffnet, durch die die Geister des Verfalls mit hereinschlüpfen. Diese 
reichere Richtung in der Holzbaukunst läuft in ein theatralisches Flickwesen aus, 
jene ehrlich gebliebene Zimmermannsrichtung aber schließlich, als das Volk immer 
mehr verarmt, in Nüchternheit und Trivialität. 

Es folgt auf unserem Gebiete eine Periode absoluter Kunstlosigkeit. Neue 
Holzhäuser werden in den Städten bereits im vorigen Jahrhundert unter Verzicht 
auf die schon vorher allmählich immer geringer gewordene Ausladung des einen 
Geschosses vor dem anderen aufgeführt, die Fensteröffnungen mit bretternen Be- 
kleidungen eingefaßt; es kommt die Idee auf, daß man sich des Holzes als Bau- 
material zu schämen habe, die ohnedies glatten Fassaden bekommen nun einen 
einheitlichen, die Konstruktion verhüllenden, den Baustoff verleugnenden Putz- 
überzug. An alten Häusern bemüht man sich, den architektonischen Reichtum 
der Gebälke durch umgenagelte Bretterkästen dem Blick zu entziehen. Von 
mehreren aufeinanderfolgenden Generationen kann man sagen, daß sie ,, Augen 
haben und nicht sehen". Der Sinn für Ueberlieferung einerseits, für wahre 
Schönheit anderseits geht dergestalt verloren, daß selbst ein Goethe angesichts 
des von den weniger blasierten Bauern in väterlicher Weise neu aufgebauten 
„Bergdorfs" entrüstet in die Worte ausbricht; 

„Neuer Scheiterhaufen ist aulgebaut, 
daß, wenn es Funl^en und Wind getiele, 
Gott selbst verlor' in solchem Spiele.'" 

Selbstverständlich büßt das Zimmerhandwerk jeden Rest von kunstmäßiger 
Auffassung ein, bis in noch neuerer Zeit die Kenntnis aller nicht ganz vulgären 
Konstruktionen und teilweise der elementarsten Handgriffe ihm abhanden kommen. 
Der kaum verständliche Verfall wird begünstigt durch eine Baugewerksliteratur, 
welche den Kiengeruch des Werkplatzes mit Geschick vermeidet, um dafür durchaus 
nach der Lampe zu duften. 

Bei unserer vorhergegangenen Schilderung des alten Bürgerhauses hat uns 
die Entwicklung vorgeschwebt, welche die Holzarchitektur im inneren Deutschland 
genommen hat. Die alte rheinische Bauweise weicht bekanntlich in manchen 
Stücken ab, und etwas im ganzen Wesen anderes ist der Blockbau der Alpen- 
länder, für den ein national-deutscher Ursprung kaum anzunehmen sein dürfte. 
Dieser Baustil überragt wahrscheinlich das deutsche Fachwerksystem noch an 
hohem Alter. Wer da will, kann sich hier sogar der Hypothese Leo von Klenzes 
anschließen, welcher in den blockgezimmerten Alpenhäusern einer grauen Vorzeit 
die Vorbilder des etruskischen Tempels sieht. Sicherlich ist die Form des 
Gebirgshauses mit dem flachen Dache uralt; ich glaube, daU sie auf eine Aera 
zurückgeht, wo man Metall höchstens in von auswärts eingeführten Werkzeugen 
kannte; denn die ganze Bauform beruht auf der ausschließlichen Verwendung von 
Holz und auf dem Mangel selbst eines eisernen Nagels zur Befestigung der 
Dachschindeln. 

Zum Wiedererwachen des Sinnes für die Poesie dieser volkstümlichen 
Architekturen hat übrigens gerade das sogenannte Schweizerhaus mit seiner 



232 

hervorragend malerischen Erscheinung nicht wenig beigetragen. Tatsächlich ist 
dieser Sinn heutzutage in weiten Kreisen wieder anzutreffen, und überall entstehen 
in neuerer Zeit wieder Bauanlagen, welche mit mehr oder weniger Glück den 
Reichtum an konstruktioneilen und ornamentalen Motiven auszubeuten suchen, 
den die erhaltenen Werke unserer Vorfahren darbieten. Aber trotzdem liegt in 
diesen noch eine Fülle weniger oder gar nicht beachteter Schönheit am Tage, 
und die Fundgrube architektonischer Gedanken, wie sie sich der Ausnutzung hier 
noch öffnet, ist eine sehr reiche. Das Bestreben, teils im kunstgeschichtlichen, 
teils im praktischen Interesse diese eben jetzt zahlreich dem Untergang entgegen 
gehenden Werke wenigstens auf dem Papier zu retten, hat schon manche ver- 
dienstliche Aufnahmesammlung ins Leben gerufen; doch ist es ein sehr kleiner 
Bruchteil erst, der in dieser Hinsicht als erledigt gelten kann, gegenüber einem 
sehr großen Ganzen, welches auf eine solche Erledigung Anspruch hat. Mit 
redlichem Bemühen ist ja der Verband unserer Vereine mit der Herbeischaffung 
von Aufnahmematerial zu Publikationen vorgegangen. Aber das Beste wird erst 
geschehen, wenn daneben möglichst der einzelne Künstler auch die Angelegenheit 
ins Auge zu fassen beginnt. Bei dem Wunsche, daß der hohe vorbildliche Wert 
der alten Holzbaukunst für unsere modernen Baubestrebungen recht allseitig 
erkannt und die künstlerische Ausbeutung des aufgehäuften Stoffes eine immer 
regere werden möge, daß es gelinge, in recht vielen Fällen die Erhaltung der 
Bauwerke selbst durchzusetzen, muß man es anderseits als ebenso dringend be- 
zeichnen, daß auch die literaturmäßige Bergung dieser Schätze ununterbrochen 
ihren P'ortgang nehme. Das schulden wir dem Andenken unserer kunstsinnigen 
Ahnen. Wenn der vaterländische Künstler hinausgewandert, um, der alt- 
germanischen Sehnsucht Folge gebend, dem goldenen Süden zuzueilen, wenn er, 
der als Knabe schon den Blick auf jene klassischen Weihestätten gerichtet hielt, 
der als Jüngling bereits dastand, ,,das Land der Griechen mit der Seele suchend", 
als Mann auf blauem Meeresspiegel dem Ziel der Jugendträume entgegengeschaukelt, 
wenn es den Künstler hingezogen nach dem Tal der Weltwunder, nach dem 
geheimnisrauschenden Nil, und wenn er dann heimgekehrt ,, reich mit des Orients 
Schätzen beladen", die Sinne voll vom Eindruck ehrfurchtgebietender Monumente, 
die Mappen gefüllt mit jenen Abbildern derselben hehren Hallen, derselben hohen 
Paläste, derselben Meisterwerke kluger Bildner und Maler, wie sie Tausende vor 
ihm in gleicher Treue, geleitet von gleichen sorgsamen Fahrern, gesammelt und 
mit heimgebracht haben, dann möge der Genius des eigenen Volkstums Sorge 
tragen, daß der Heimgekehrte noch die gleiche Empfänglichkeit sein nenne für 
das, was an echter Kunst auch die Heimat bietet, daß er sich entschließen möge, 
auch zu Hause noch einmal mit Hand anzulegen und einen Baustein zu brechen 
und beizuschaffen zum Bau unseres Wissens von deutscher Kunst, unseres 
Wissens vom deutschen Plause. 



233 



Glasmalereien in Anfnahmen nnd Entwürfen, 

ausgestellt im Kunstgewerbemuseum in Berlin. 



Zu einer außerordentlichen Ausdehnung hat sich in unserer Zeit das Gebiet 
der Architektur erweitert, und dem einzelnen Baukünstler ist es kaum noch mög- 
hch, auch nur einen allgemeinen Ueberblick über die weit auseinander liegenden 
Einzelfelder seines Faches sich dauernd zu bewahren. Deshalb wird man auch 
Hunderte von Architekten finden, welche kaum jemals den Namen von Johannes 
Klein gehört haben, den Namen eines Mannes, den andere ihrer Berufsgenossen 
seit Jahrzehnten mit Achtung als einen ihrer begabtesten und erfolgreichsten 
Mitarbeiter nennen. In der Tat ist der 1823 in Wien geborene und 1883 in 
Venedig verstorbene Maler J. E. Klein lange Zeit hindurch eine Hauptstütze für 
diejenige Richtung in der modernen Architektur gewesen, welche sich ein Wieder- 
anknüpfen an die künstlerischen Errungenschaften unseres Mittelalters zur Auf- 
gabe gesetzt hat. 

Die Direktion des Kunstgewerbemuseums in Berlin hat sich durch die am 
II. März 1884 eröffnete und bis zum 6. April dauernde Ausstellung einer großen 
Zahl hervorragender Zeichnungen dieses Meisters in mehr als einer Beziehung 
ein Verdienst erworben. Zum großen Teil sind es Entwürfe für glasgemalte 
Kirchenfenster, die hier aushängen, bestimmt, dem Beschauer ein Bild von der 
Eigenart des beachtenswerten Mannes zu geben. Diese Ausstellung wird sicher- 
lich in vielen Kreisen lebhaftem Interesse begegnen, ebenso wie die ange- 
schlossene Sammlung von Zeichnungen zu Kabinettbildern auf Glas aus dem 
16. und 17. Jahrhundert. Eine gewisse Verwunderung erregt dagegen die weiter 
angereihte Folge von Fensterentwürfen verschiedener neuer, meist lebender 
Künstler insofern, als ein Gedanke, der bei der Auswahl dieser Blätter etwa 
leitend gewesen, nicht ersehen werden kann. Vielmehr hat man hier durchaus 
den Eindruck des zufallig Zusammengefundenen, und von einer auch nur unge- 
fähren Darstellung der Gesamtheit der Bestrebungen auf diesem Gebiete kann 
schon deshalb keine Rede sein, weil gerade die geübtesten und bewährtesten 
deutschen Fachleute gar nicht oder nur kümmerlich vertreten sind. Auch Kopien 
alter Fenster sind vorhanden. 



*) Zuerst abgedruckt im Zentralblatt der Bauverwaltung 1884, S 123. 



234 

Ordnen wir das Dargestellte der Zeit nach, so sind zuerst einige von 
L. Dihm in Berlin herrührende Aufnahmen der schönen Ornamentfenster der 
Kirche St. Peter und Paul in Weißenburg zu erwähnen. Es sind Band ver- 
schlingungen und Blattmuster, welche diese Fenster füllen, in den Einzelheiten 
teilweise noch in romanischen Formen; nach der Weise ihrer Entstehungszeit, 
des 13. Jahrhunderts, sind sie musivisch zusammengesetzt aus kleinen Scheiben 
bunten Glases, die mit eingebranntem Schwarzlot bemalt wurden. Leider geben 
die vorgeführten Kopien zwar mit großer Gewissenhaftigkeit die Zeichnung und 
Technik der Fenster wieder, aber keineswegs einen Begriff von den Farben, 
welche in Wirklichkeit klar, leuchtend und lebhaft, hier trübe und erdig er- 
scheinen. 

Sonst ist von mittelalterlicher Glasmalerei nichts zu erblicken, dagegen 
erhalten wir ein gutes Bild von jener eigentümlichen Nachblüte dieser Kunst, 
welche die Zeit der Renaissance hervorgebracht hat. Aus dem Besitz des 
Königl. Kupferstichkabinetts, der Firma Amsler u. Ruthardt und des Malers 
Doepler sind etwa 500 „Visierungen" zu gemalten Scheiben ausgestellt, 
beginnend mit 1503 als Jahreszahl der Entstehung und schließend mit dem 
Ende des 17. Jahrhunderts. Die großen monumentalen Aufgaben, welche der 
Kirchenbau der Glasmalerkunst ehemals gestellt hatte, sind in dieser Periode in 
den Hintergrund getreten; es handelt sich für sie wesentlich um den Fenster- 
schmuck der Wohnungen, Rathäuser und Gildestuben. Hier, wo das Auge die 
Darstellung aus nächster Nähe erfaßt, ist die Kleinmalerei mit Appreturfarben 
am Platze, die in allen Tönen einer reich besetzten Palette sich über die Fläche 
weißer Glasscheiben ausbreiten. Für die Hauptfarbenwirkung müssen freilich 
immer noch bunte, in der Masse oder mit Ueberfang gefärbte Gläser sorgen. 
Ihre Verwendung nimmt indessen mit fortschreitender Zeit ab, zum Schaden 
der Sache. Im ganzen hat man es stets mit einem mäßig großen, aus wenig 
Glasstücken bestehenden, viereckig oder rund begrenzten Bilde zu tun, das in 
die übrigens weiße Fensterfläche eingebleit wurde. Die Gegenstände dieser 
Bildchen sind vorzüglich Wappen mit ihrem Zubehör, Allegorien, Portraits, 
biblische und profangeschichtliche Vorgänge. Sehr verbreitet ist die Anordnung 
eines figurenreichen, niedrigen, breitgestreckten Oberbildchens über der Haupt- 
darstellung. Für diese sogenannte Kabinettmalerei haben bekanntlich die nam- 
haftesten Künstler der Zeit gearbeitet. Die vorliegende Sammlung ist nur 
unvollkommen geordnet, erst wenige Blätter sind genauer bestimmt. Am 
reichsten scheint der Schweizer Daniel Lindmeyer vertreten zu sein, auch 
Christoph Maurer nennt sich einige Male; verschiedene Prachtstücke von und 
nach Hans Holbein zieren die Auslage. Ein gewaltiger Schatz von Erfindung, 
von Kunst der Komposition und der Zeichnung findet sich hier aufgehäuft, 
unvergängliche Muster für jede Zeit, welcher gesunde Auffassung und kernige 
Darstellung etwas gelten wird. Fast immer haben sich die Meister mit der 
Hingabe eines farblosen Entwurfs begnügt, es dem ausfuhrenden Glasmaler über- 
lassend, das Bild in Farbe zu setzen. Das war durchfuhrbar in einer Zeit 
undurchbrochener und unabgelenkter künstlerischer und handwerklicher Ueber- 
lieferung. Teils sehen wir Federzeichnungen in bloßem Umriß, teils solche, die 
angetuscht, vor uns. Wo mit Buchstaben die Farben eingeschrieben worden, 
haben meist bloß die Tinkturen der Wappen bezeichnet werden sollen. Nur 
wenige Blätter sind leicht angemalt. 



235 

Fünf riiotographien stellen italienische Fenster, die der Certosa dar. In 
ihnen, die angeblich von Giovanni da Udine gezeichnet worden und den 
Jahren 1560 bis 1568 ihre Ausführung verdanken, ist der Versuch gemacht, 
ganze Fensterflächen von großen Maßen in einheitlichem Zusammenfassen mit 
den Mitteln der Renaissance zu schmücken. Die Einrahmung bildet ein orna- 
mentaler Fries mit teilenden Schildern, das Mittel der rechteckigen Fläche 
trägt ein Bild mit einem Rahmen von Architektur und Kartuschen, der ver- 
bleibende Grund ist blank und durch die Bleistränge gemustert. Derartige 
durchkomponierte Lösungen sind, nachdem die gotische Weise verlassen worden, 
bekanntlich selten entstanden. Die besten und berühmtesten Beispiele bietet die 
Laurentianische Bibliothek in Florenz; manches Gute, wenn auch nur in Resten, 
Köln in verschiedenen seiner Kirchen. 

Johannes Klein ist sein Leben hindurch von der Ueberzeugung erfüllt 
gewesen, daß die mittelalterliche Architektur mit der Skulptur und Malerei dieser 
Zeit ein Ganzes darstellt, und daß, wenn in romanischer und gotischer Art 
gebaut werden soll, besonders die farbige Ausstattung dieser Bauten gemäß den 
Grundsätzen jener Jahrhunderte nicht nur wünschenswert, sondern zur Vollendung 
erforderlich ist. Neigung und Studiengang wiesen ihn hauptsächlich auf die 
Pflege des Figürlichen hin, ohne daß er darum das in dieser Kunstweise so 
wichtige ornamentale Element vernachlässigte. Für die figürlichen Erfindungen, 
mit denen er in reicher Zahl die Fenster und Wände alter und neuer Kirchen 
belebt hat, hatte er sich einen Formenkanon geschaffen, frei von der Nach- 
ahmung bestimmter Vorbilder, einigermaßen eklektisch gegenüber den ver- 
schiedenen Stilperioden, aber voll von dem Geiste jener entschwundenen Kunst- 
weise, ausgezeichnet vor allem durch hohe, erquickende Schönheit. Was das 
liebevollste Sichversenken in die Gedankenkreise jener Kunst, was eine seltene 
Begabung für Teilen, Zusammenfugen, Ein- und Anpassen, was der beste Sinn 
für den Flufl der Linie zu leisten vermag, das bieten uns diese Werke. Freilich 
geht ein Zug von Familienähnlichkeit durch diese Gestalten einer idealen Welt, 
und nicht selten wiederholen sich sogar Motive in Stellung und Gewandung in 
einem Grade, wie ihn der moderne Maler zu vermeiden sucht. Aber genau 
besehen ist dies keine Schwäche der Ausstattungs- und Schmuckzwecken 
dienenden Kunstweise, vielmehr eine Folge jener Auffassung, welche es der 
mittelalterlichen Kunst möglich machte, ihre Schöpfungen sowohl in die geringste 
Dorfkirche hineinzutragen, als sie gemeinverständlich zu machen. Die Ver- 
mählung von Kunst und Handwerk, von der auch wir ja zur Zeit viel reden, ist 
hier zur Wahrheit geworden. Die ausgestellten, der allgemeinen Aufmerksamkeit 
würdigen Arbeiten von Klein sind in Tuschzeichnung, vereinzelt in kolorierter 
Tuschzeichnung, soweit es sich aber um naturgroße Kartons handelt, in Kohle 
dargestellt und beziehen sich im wesentlichen auf Fenster für Kirchen in Köln 
und andere Orte im Rheinland und in Westfalen. Vorherrschend ist die Gattung 
der Medaillonfenster mit ihren in Rahmen gefaßten Einzelszenen und muster- 
gefuUten Gründen. Wie die Zeichnung, so ist auch Technik und Färbung, 
soweit sie angegeben, stets stilistisch echt und vortrefflich. 

Begonnen hat die Wiederbelebung der Glasmalerei in unserer Zeit nicht 
mit Männern wie J. Klein, sondern es war zunächst eine Periode der Mißver- 
ständnisse zu überwinden, während welcher man, ohne in das Wesen der alten 
Glasmalerkunst und die Bedingungen ihrer Wirkungen sich zu vertiefen, eine 



236 

Vereinigung anstrebte zwischen dem Farbenglanz dieser Kunst und den Errungen- 
schaften der Staffeleimalerei in bezug auf Komposition, Linear- und Luftperspektive. 
Diese Bestrebungen mußten mißlingen, nachdem sie viel Unerfreuliches gezeitigt 
hatten. Der betreffenden Richtung gehören in unserer Ausstellung an die Ent- 
würfe von P. V. Cornelius für den Dom in Aachen, von A. Menzel für den 
Dom in Magdeburg, mehr oder weniger auch die von Milde für den Dom 
in Köln, die Fenster für die Marienkirche in Stralsund, die Entwürfe von 
A. V. Heyden und die von L. Grunert für den Dom in Brandenburg. 

Dagegen lenken mit mehr oder weniger Glück in die neuen, heute ziemlich 
allgemein als die richtigen anerkannten, an die Wege des Mittelalters und des 
16. Jahrhunderts anschließenden Bahnen ein die Kartons von Ewald, L. Burger, 
H. Stöckhardt, C. Elis, sämtlich in Berlin, und von Schaper in Hannover. 
Ewald und Burger bewegen sich mit Sicherheit und bekannter Kunstfertigkeit in 
jenen, hauptsächlich auf Blankglas aufgemalten Renaissancekompositionen, für 
welche die obengenannten italienischen Fenster die gern befolgten Muster ge- 
währen, während sich in den ähnlichen Arbeiten Stöckhardts noch ein gewisses 
Tasten verrät. Der für solche Dinge hochbegabte Schaper bewährt auch hier in 
seinen für die Kirche in Bornstädt bestimmten Kartons trotz eines etwas süß- 
lichen Anflugs sein großes Können, während die Zeichnungen von C. Elis für die 
Nikolaikirche in Berlin im Vergleich zu seinen Entwürfen für den Dom in Halber- 
stadt recht deutlich zeigen, wieviel in Berlin seit den letzten Jahren in der Glas- 
malerei gelernt worden ist. Sehen wir bei dem Berliner Fenster noch jene ältere, 
modernisierte, ganz mißverstandene Art und Weise, so erfreut uns in den Halber- 
städter Entwürfen des Genannten eine gesunde, künstlerisch tüchtige und auch 
technisch fast tadellose Leistung. 

Zum Schlüsse möge eine Reihe von Photographien leider nur kleinen Maß- 
stabes genannt werden, welche den Beweis dafür liefert, daß auch in den Be- 
strebungen der Architekten Englands das Wahre und Gute auf diesem Gebiete 
sich mächtig Bahn gebrochen hat. 



237 



Wanderungen in der Mark Brandenburg 



'0 



Zahlreicher fast als in jeder anderen Landschaft unseres Vaterlandes stehen 
in den märkischen Gegenden die Denkmäler der mittelalterlichen Baukunst noch 
aufrecht, und es ist zu verwundern, daß die neuzeitliche Kunstforschung dieser 
eigenartigen Welt edler Werke nicht eine größere Aufmerksamkeit zuwendet, als 
es bisher geschehen. Zwar ist ja nicht in Abrede zu stellen, daß die Kunst des 
Backsteinbaues, die in diesen Landen die Herrschaft übt, gegenüber der 
Hausteinarchitektur des Westens und des Südens von Deutschland vielfach und 
längere Zeiträume hindurch als eine abgeleitete Weise dasteht; aber es nimmt 
diese Weise in den späteren Jahrhunderten des Mittelalters, die Fesseln der 
Nachahmung abstreifend, gerade ihrerseits einen Aufschwung zu größter Selb- 
ständigkeit, und im norddeutschen Tiefland erwächst eine fast endlose Reihe von 
Denkmälern, in eigenartigster Struktur und Formgebung, welcher andere Kunst- 
gebiete höchstens Verwandtes, keines ein Gleiches an die Seite zu stellen hat. 
Die Backsteinbaukunst der letzten großen Epoche des Mittelalters im nördlichen 
Deutschland tragt einen spezifischen Lokalcharakter, was die Anlage der Gebäude, 
noch viel mehr aber was die Bildung der Bauformen angeht. Es ist eine nord- 
deutsche Kunst, die mit gleichem Gepräge nirgends wiederkehrt. Schon darum 
ist sie unseres höchsten Interesses würdig. Der Wert, welchen wir ihr beizulegen 
haben, wächst aber noch außerordentlich, wenn wir an die mannigfachen 
Anregungen denken, deren wir für das Bauwesen unserer Tage von dieser 
altnorddeutschen Ziegelarchitektur noch gewärtig sein können, sobald wir mit 
unseren Baubestrebungen entschiedener in die Bahnen vorurteilsfreier Entwicklung 
einzulenken uns entschließen, als es in vielen Fällen bis jetzt geschehen ist. Ein 
solcher Wert der Denkmäler des Backsteinbaues wird nun ja auch im allgemeinen 
ziemlich allseitig zugegeben, und die vorstehenden Bemerkungen wollen deshalb 
nicht den geringsten Anspruch auf Neuheit erheben; der Verfasser dieser Zeilen 
möchte nur auf das Befremdliche des oben angedeuteten Umstandes hinweisen, 
daß trotz alledem die Zahl der Fachleute, welche diesen alten Backsteinwerken 
eingehendere Studien zu widmen gewillt sind — wenn man nach dem schließen 
darf, was an die Oeffentlichkeit tritt — , eine sehr geringe zu sein scheint. Eine 
sehr geringe in Ansehung des die Betrachtung herausfordernden massenhaften 
Stoffes, der von einzelnen, so eingehend und so hochverdienstlich ihre Forschungen 



*J Zuerst allgedruckt im ZcnIr.nllilaU ilcr li.iuverwaltung 1884, S. 150, 161, 172 



238 

auf diesem Felde waren, nicht bewältigt werden konnte. Noch gar viel ist hier 
zu tun geblieben, noch manches Bauwerk harrt darauf, daß seine Geschichte 
geschrieben wird, noch manche Zeitangabe dürfte der strengeren Eingrenzung 
oder Berichtigung bedürfen, noch manche Form und manche Konstruktion bedarf 
der Erklärung und ebenso manche noch der ersten Veröffentlichung und Be- 
sprechung. Ein paar Beiträge zur Kenntnis zunächst der märkischen Bauten 
wage ich als Ergebnis meiner Wanderungen im folgenden zu bieten, indem ich 
mir der bescheidenen Natur und Bedeutung dieser Beiträge voll bewußt bin. 

I. Jerichow. 

Ein Name, jedem Kenner und Freunde der norddeutschen Baukunst wohl- 
geläufig; denn in Jerichow tritt uns prächtig erhalten jene stattliche Prämonstratenser- 
Klosterkirche entgegen, die bis jetzt als das älteste Werk des deutschen Backstein- 
baues angesehen worden ist, ,,als Hauptausgangspunkt für die neue Technik des 
Ziegelbaues".') Was in bezug auf Zeitbestimmung von dieser Kirche auf Grund 
des vorliegenden Materials gesagt werden kann, faßt Wilhelm Lotz^) in die kurzen 
Worte zusammen: 

,, Jerichow. Kirche des 1 144 gestifteten Prämonstratenser-Klosters, romanisch, 
zwischen 1 147 und 1 149 begonnen, der älteste sicher dokumentierte Ziegelbau 
Norddeutschlands; Krypta, Erneuerung der Hauptapsis und Seitenkapellen des 
Chors um 1200 begonnen. Westbau Uebergangsstil um 1250?" 

Ich will nun diese Mitteilungen damit beginnen, daß ich meine lebhaftesten 
Zweifel ausspreche hinsichtlich der im vorstehenden durch Zeitangaben skizzierten 
Baugeschichte dieses Werkes und hinsichtlich der ganzen Stellung, die ihm damit 
zugewiesen wird. Als ich die Klosterkirche in Jerichow einst zuerst erblickte, 
hat sie mir den Eindruck eines in sich fertigen, in einem Zuge erbauten spät- 
romanischen Denkmals aus den Jahren 1200 bis 1250 gemacht, an dem die 
Krypta, die Hauptapsis und die Seitenkapellen des Chors keineswegs den Stempel 
späterer Zufügung und Erneuerung tragen. Von der Würde eines ältesten 
norddeutschen Ziegelbaues schien mir gar keine Rede sein zu können. Mit 
diesen Zweifeln trage ich mich auch heute noch, und vor allem habe ich bis heute 
von der angeblichen sicheren Dokumentierung nirgends etwas zu sehen 
bekommen können. Was an geschichtlichen, das Kloster Jerichow betreffenden 
Angaben in Betracht gezogen werden könnte und seit dem epochemachenden 
Werk von Adler wiederholt gedruckt worden ist, besteht kurzgefaßt in 
folgendem:^) 

1. Durch Bischof Anselm von Havelberg ist das Kloster Jerichow im Jahre 
1 144 bei dem schon bestehenden Orte gleichen Namens gegründet worden. 

2. Die schon vorhandene Pfarrkirche dieses Ortes hat anfänglich und vorläufig 
als Klosterkirche gedient. 

3. Später (1148?) ward das Kloster an eine passendere (die heutige) Stelle 
verlegt. 

4. 1 1 59 bestätigt Papst Hadrian IV. das Kloster in seinen Rechten und 
Gütern. 



■) ütte, Geschichte der romanischen Baukunst, S. 624.. 

3) Lotz, Kunst-Topographie Deutschlands, I, S 312. 

^) S. die Quellen bei Adler, Mittelalterliche Baclcsteinbauwerke des preußischen Staates. 



239 

5- 11/2 erfolgt eine nochmalige Bestätigung durch den Erzbischof von 
Magdeburg. 

6. II 72 iiberträgt Markgraf Otto I. zweien Edlen von Jerichow die Schutz- 
herrlichkeit über das Kloster, zum Ersatz eines Teiles der zum Bauen aufgewendeten 
Mittel. 

Wer jemals in die Geschichte mittelalterlicher Baugründungen Einblick ge- 
wonnen hat, sieht sofort, daß diese sämtlichen Nachrichten in keiner Weise mit 
dem Zeitpunkt eines in Jerichow vor sich gegangenen Kirchenbaues oder gar 
mit der Erbauungszeit der noch erhaltenen Kirche in Zusammenhang gebracht 
werden dürfen. Ueber die Gründung, etwaige Verlegungen und über Bestätigungen 
eines jeden mittelalterlichen Klosters mögen die gesichertsten Daten vorhanden 
sein, ohne daß aus ihnen jemals ein unmittelbarer Schluß auf die Entstehungszeit 
der Klosterbaulichkeiten gezogen werden kann. Und meines Wissens sind auch 
derartige unmittelbare Schlüsse aus den für Jerichow überlieferten geschichtlichen 
Angaben seitens der Quellenschriftsteller nicht gezogen, sondern es sind diese 
Daten nur zur Bestätigung einer Baugeschichte herangezogen worden, welche 
zunächst aus einer allgemeinen kunstgeschichtlichen Anschauung und einem 
gewissen Datierungsgefühl hervorgegangen war. Erst mit der Zeit sind die auf 
solche Weise entstandenen Hypothesen in der weiteren Literatur zu angeblich 
gesicherten baugeschichtlichen Tatsachen ausgewachsen. In Wirklichkeit kann die 
Zeit, in der die Kirche dieses Klosters erbaut ward, aus den oben genannten 
Jahreszahlen heraus ebenso wenig ermittelt werden, als aus ihnen Folgerungen 
auf die Zeit, beispielsweise einer Rodung, der Inangriffnahme einer Ackerbaufläche 
u. dergl. gezogen werden können. Wirkliche, auf den Bau bezügliche Nachrichten 
sind bis jetzt nicht aufgefunden worden (auch nicht etwa Ablaßbriefe) und sind 
vielleicht, wie so sehr häufig, in schriftlicher Form nie vorhanden gewesen. Haben 
doch überhaupt jene mittelalterlichen Klosterbrüder der fast ausnahmslosen Regel 
nach urkundlich nur dasjenige verewigt, was ihrem Hause Geld kostete oder 
einbrachte oder was sonstwie mit einem Besitzwechsel zusammenhing. Ein 
langsam vorschreitender, mit eigenen Arbeitskräften betriebener, aus selbst- 
gewonnenen Materialien errichteter Kirchenbau war im allgemeinen ebenso wenig 
Gegenstand urkundlicher oder chronistischer Ergüsse, als die täglich neu be- 
ginnenden Arbeiten in Wald und F'eld, Hof, Stall und Küche. Auch jene unter 6. 
genannte Nachricht von Bauten vor 11 72 kann nicht zu dem erhaltenen 
Kirchenbau in Beziehung gebracht werden, sobald auch nur der leiseste Grund 
gegen die Herstellung einer solchen Beziehung spricht; denn die Nachricht redet 
nur im allgemeinen von Bauten des Klosters, und daß das Kloster, 1144 gegründet, 
im Jahre 1172 irgendwelche Bauten besitzen mußte, ist von vornherein klar. 
Bei der Erwähnung solcher Bauten aber an die Klosterkirche und speziell sogar 
an die noch bestehende Klosterkirche zu denken, dazu liegt durchaus kein Grund 
vor. Selbst Vermutungen könnten hier mit einigem Recht nur dann Platz greifen, 
sobald wir von irgendwoher wüßten, daß die Kirche, welche wir heute noch 
sehen, die erste Kirche ist, die das Kloster sich errichtete. Davon wissen wir 
aber nichts, und wenn die Analogie von Hunderten von anderen Klöstern etwas 
gilt, so ist sogar das Gegenteil wahrscheinlicher. Soviel ich ersehe, sind wir in 
bezug auf die Baugeschichte der Klosterkirche in Jerichow, wie in so zahlreichen 
anderen Fällen, angewiesen auf die Anschauung des Werkes selbst, auf seine 
technische und ästhetische Untersuchung und auf den Vergleich mit verwandten, 



240 

womöglich mit datierten Bauten. Hieraus aber wird sich meines Erachtens eine 
andere Geschichte entwickeln als die bisher in der Literatur dar- 
gebotene. 

Erwähnt sei hier von vornherein, daß unter den in Vergleich zu ziehenden 
Bauten in vorderster Reihe die zweite Kirche des Ortes selbst, die Pfarrkirche 
von Jerichow, steht, ein kleineres Werk, nach den bisherigen Annahmen um 1220 
bis 1230 gebaut, nach meiner Meinung aber um 80 bis 90 Jahre älter. 

Es sei mir gestattet, durch einige beschreibende Worte die Erscheinung der 
Klosterkirche von Jerichow vor die Augen derjenigen Leser zuriackzurufen, denen 
sie nicht ohnedies gegenwartig sein sollte. Sie ist eine dreischiffige Basilika mit 
Kreuzschiff und drei Chören. Der Hauptchor besteht aus einer quadratischen 
Vorlage und der halbrunden Apsis; die Vorlagen der Nebenchöre sind fast 
gleich lang mit der des Hauptchors, aber beträchtlich schmäler als sie; auch diese 
Nebenchöre schließen mit Apsiden. Das Kreuzschiff ist in gewöhnlicher Weise 
aus drei Quadraten zusammengesetzt, das Mittelschiff etwa 2'/: Quadrate lang. 
Seine Lichtvveite beträgt 8 m, knapp halb so breit sind die Seitenschiffe. Die 
Scheidebogen zwischen Mittel- und Seitenschiff, jederseits fünf an der Zahl, ruhen 
auf Rundsäulen, für deren westliches Paar jedoch eckige Pfeiler eintreten. Dem 
gesamten Schiff legt sich am Westende ein Turmbau vor, bestehend aus zwei 
quadratischen, den Seitenschiffen entsprechenden Türmen und einer mittleren, 
ungefähr quadratischen Turmhalle, welche in bekannter sächsischer Weise im 
Westen vor die Flucht der Türme hinausbaut. Unter dem Hauptchor mit seiner 
Apsis und der Vierung erstreckt sich eine hohe, zweischiffige, nur auf geringe 
Tiefe in den Boden eingesenkte Krypta. Der unter der Vierung liegende Teil 
derselben ist vom Raum des Mittelschiffs und der Kreuzarme nicht, wie man es 
nach der gewohnten Art solcher Anlagen erwarten sollte, durch volle, etwa nur 
von Türen durchbrochene Mauern geschieden, sondern in eigentümlicher, übrigens 
sehr malerisch wirkender Weise nach jeder dieser Seiten, also nach Norden, 
Westen und Süden in je zwei weiten Bogen geöffnet. Nach Osten hin wird 
diese der Vierung entsprechende Hälfte der Krypta von der anderen Hälfte 
durch zwei besonders breite Gurte geschieden, welche in der Mitte über einer 
Doppelsäule zusammentreffen. Die Krypta ist mit quadratischen Kreuzgewölben 
versehen, in der Oberkirche jedoch zeigen nur die Nebenchöre mit ihren Apsiden 
und die Apsis des Hauptchors Wölbung, alle übrigen Räume sind flach gedeckt. 
Die beiden Türme behalten bis unter die Helme die quadratische Grundform bei, 
die Turmhalle zwischen ihnen schließt oberhalb des Mittelschiffsfirstes mit einem 
quergelegten Satteldach. i) 

Tritt hiermit das Bild einer einfachen romanischen Kirchenanlage vor uns, 
wie sie ebensogut einer früheren, als einer späteren Periode des Stils angehören 
könnte, so spricht sich m allen Einzelformen, wenigstens wie ich sie ansehe, auf 
das entschiedenste die Spätzeit des Romanismus aus. Die unverjungten Schäfte 
der Säulen der Krypta stehen auf Basen mit überquellendem Pfühl und tragen 
Knäufe mit reichem, körperlich aufgefaßtem Blattwerk. Die Kreuzgewölbe dieses 
Raums werden durch vortretende Gurtbogen voneinander getrennt. Die Wölbung 



') S. die Aufnahme bei Adler a. a. O., die jedoch einige, teilweise im zugehörigen Text bereits 
korrigierte Ungenauigkeiten enthalten; die Bogen des Chors und der Vierung sind in Wirklichkeit 
Spitzbogen; das Profil der Oberschiffsfenster ist reicher als gezeichnet. Die dargestellten Holzdecken 
sind, wie die westliche Empore, modern. 



Schäfer, Gesammelte Aufsätze. 




1884. 



Verlag von Wilheln\ Ernst u. Sohn. Berlin. 



I 



I 



24 t 

im Chor vind die großen Bogen um die Vierung herum sind bereits in der Weise 
der spätest-romanischen, den Uebergang zur Gotik vermittelnden ]5auten nach 
dem Spitzbogen gebildet. Die Fenster der Apsiden haben abgestufte Gewände 
an Stelle der einheitlichen Gewändeschrägen. An der Mittelapsis bereichert sich 
die Abstufung des Fenstergewändes noch durch Säulchen und Rundstäbe darüber. 
Aber auch im westlichen Teil der Kirche weisen die Oberfenster (die alten Seiten- 
schififsfenster sind zerstört) ausgesprochen späte Formen auf. Denn die Schräge 
der Leibung, auf der Mauermitte am Glas beginnend, erreicht nicht die Mauer- 
flucht, sondern scheidet sich von ihr durch eine winklige, gefaßte Abtreppung. 
Ohne Widerrede sind der spätesten Entwicklungszeit der romanischen Kunst 
zuzuweisen die Hauptgesimse der Kirche, nicht nur die der Apsiden, sondern 
ebenso die nur eine Variation derselben darstellenden Gesimse an der Chor- 
vorlage, dem Kreuzschiff und Mittelschiff sowie den Giebeln der Kreuzarme und 
des Chors. Alle diese Gesimse schmiicken sich mit durchschlungenen Bogen- 
friesen auf Konsolen, deutschen Bändern bezw. Schichten, die auf Reihen von 
Konsölchen vorkragen. Mit Ausnahme der Nebenapsiden sind sämtliche Teile 
des Gebäudes im Aeußeren auf ihren Mauerflächen mit Lisenen gegliedert. Die 
Lisenen der Ilauptapsis besitzen Kapitelle. Auch die unteren Geschosse der 
Türme tragen in ihrer architektonischen Behandlung ganz dasselbe stilistische 
Gepräge. Nur der Mittelbau zwischen diesen Türmen und die Obergeschosse 
der letzteren haben Einzelformen aufzuweisen von einer noch späteren Stilfärbung 
und noch mehr zur gotischen Behandlungsweise hinneigend. 

Nichts findet sich an und in der Kirche vor, was einer Entstehungszeit vor 
dem Jahre I200 zugewiesen zu werden verlangt. Einem Versuch, die Kapitelle 
der Schiffspfeiler mit ihrer berühmten und merkwürdigen Umgestaltung der rund- 
schildigen Würfelform in die Form mit Trapezschilden für eine frühere Periode 
in Anspruch zu nehmen, würde sofort das Beispiel der nahe bei Jerichow 
gelegenen Kirche von Schönhausen entgegenzuhalten sein. Die zwei als Säulen 
ausgebildeten Stützen derselben sind nämlich mit entsprechend gestalteten, nur 
noch einfacher gehaltenen Kapitellen bekrönt, und diese Kirche gewinnt durch 
die erhaltene Weihungsurkunde von 1212 eine sichere Datierung. Aber auch die 
Kirche von Arendsee, deren Bau wohl niemand einer anderen Zeit als der um 
das Jahr 1200 zuschreiben wird, hat Säulen mit Trapezkapitellen. Die Kapitelle 
der Schiffssäulen in Jerichow schließen mit sandsteinernen Deckplatten ab, die 
verschiedenartig profiliert, deren eine aber auf dem großen Fasen ihres Profils 
mit Laubschmuck versehen ist. Dieses Ornament ist nun zwar anders behandelt 
als das der Kapitelle in der Krypta, denn es ist plattes Flächenlaub und nicht 
plastisches, kräftig modelliertes Laubwerk wie dort. Einen Zeitunterschied 
begründet dies aber nicht. Stellen sich uns doch auf jeder Wanderung und in 
allen Gebieten Deutschlands Denkmäler der romanischen Kunstperiode gegen- 
über, in welchen beide Arten, das Ornament zu behandeln, gleichmäßig auftreten. 

Die Klosterkirche in Jerichow ist überhaupt aber ein einheitliches Werk, 
mit Ausnahme, wie oben angedeutet, der Mittelpartie der Westfassade und der 
obersten Turmstockwerke. Alle Gründe, welche für das Gegenteil, nämlich für 
eine spätere Entstehung von Krypta, Hauptapsis und Nebenchören und für eine 
frühere der übrigen Teile angeführt worden sind, bin ich gezwungen, als Schein- 
gründe anzusehen. Wenn wirklich die Stoßfugen auf der Mauerfläche der Apsis 
durchweg enger sein sollten als die am Schiff, so würde ich diesen Umstand für 

Schäfer, GesammeUe Aufsätze. lt< 



unwesentlich und zufällig erachten. Es ist aber gar nicht durchgängig, sondern 
nur an wenigen Stellen der Fall. Und ebensowenig wird man zustimmen 
dürfen, wenn für verschiedene Teile des Gebäudes eine verschiedene Bauzeit 
daraus hergeleitet werden soll, daß an den einen die Mauerplinthe aus Sandstein, 
an den anderen aus Backstein hergestellt ist. Derartige Erscheinungen treten ja 
im Mittelalter und im Ziegelbaugebiet sehr häufig auf, den Stempel des Zufalligen 
und Bedeutungslosen an der Stirn tragend. Werksteinvorräte standen, wenn hier 
etwa im dreizehnten Jahrhundert oder später mit der Errichtung eines Kirchen- 
baues begonnen werden sollte, gar nicht oder nur in geringem Maße zur Ver- 
fügung. Im letzteren Falle rührten sie meist aus dem Abbruch des vorher- 
gegangenen älteren und kleineren Werkes her, vorausgesetzt, daß dieses noch einer 
jener Werksteinbauten aus der Zeit vor Einführung des Ziegelmaterials gewesen 
war. Derartige Vorräte natürlicher Steine verwendete man gern, um die Funda- 
mente und die Sockelmauern des Neubaues herzustellen: ganz aus ihnen, wenn 
die Menge zureichte; streckenweise, wenn dies nicht der Fall war. Vom zwölften 
bis zum sechzehnten Jahrhundert treffen wir Kirchen an mit Sockelmauern 
aus Backstein, mit solchen aus Werkstein und mit solchen, die zum Teil 
aus diesem, an anderen Stellen aus jenem Material bestehen. Wenn in 
Jerichow das Schiff eine Werksteinplinthe hat und die Apsiden und andere Teile 
Ziegelplinthen zeigen, so beweist dies für eine auseinanderliegende Entstehungszeit 
nichts. >Es ist weiter, um die hier bekämpfte Hypothese zu stützen, auf die 
unbestreitbare Tatsache hingewiesen worden, daß, wo das Mauerwerk der Krypta 
an die Vierungspfeiler der Kirche anstößt, eine durchgehende Fuge das nach- 
trägliche Anbauen verrät. In der Tat liegt ein solches vor, sichtlich aber nur 
für die westliche Hälfte der Krypta, und keineswegs dürften die aus dem Vor- 
handensein jener Baufugen gezogenen weitgehenden Folgerungen sich begründen 
lassen. Fast der erste Augenschein lehrt nämlich, daß die Krypta aus zwei bau- 
zeitlich geschiedenen Teilen sich zusammensetzt. Die Grenze liegt bei jenen 
obengenannten breiteren Gurtbogen auf Doppelsäulen, der von hier aus westliche 
Teil ist der spätere. Die Wahrheit über diese Krypta besteht darin, daß sie sich, 
wie wir dies bei so vielen anderen Kirchen antreffen, ursprünglich nur unter dem 
Chor hin erstreckte, und daß sie, und zwar sehr bald schon nach ihrer und der 
ganzen Kirche Erbauung, auf das Doppelte ihres Maßes vergrößert wurde. 
Erheischt ward diese Ausdehnung der Krypta wohl nicht durch die eigenen 
Zwecke derselben, sondern dadurch, daß der von den Gewölben der Krypta 
getragene Mönchschor für die wachsende Zahl der Brüder bald zu klein geworden 
war. Der Unterschied zwischen beiden Hälften der Krypta macht sich sofort 
bei Betrachtung der verschiedenartigen Behandlung geltend, welche die zur Auf 
nähme der Gewölbe bestimmten Wandstützen in der einen und der anderen 
Hälfte zeigen. Weiterhin hat man bisher Gewicht gelegt auf die reichere Aus- 
bildung der Apsidenfenster gegenüber denen des Schiffes und auf die Herstellung 
auch der Bogen der ersteren aus Formsteinen und ohne Putz. Diese Apsiden- 
fenster sind aber reicher ausgestattet worden als die Schiffsfenster, offenbar des- 
halb, weil man , die Apsiden, als die vornehmsten Bestandteile des Gebäudes 
überhaupt, in ihrer Architektur auszeichnen wollte. Ein gleiches Vorgehen findet 
sich ja mancherorts. Als ein Beispiel für viele nenne ich die mit Jerichow fast 
gleichzeitige Kirche in Gelnhausen, welche im Schiff Fenster mit einfachen 
Schrägleibungen, im gleichzeitig erbauten Chor solche mit abgetreppten Gewänden 



243 

besitzt. Da man auch in Jcrichow die Gewände der Chorfenster in Absätze auf- 
löste, so konnte von der Verwendung von Putz keine Rede sein. Der Putz tritt 
für die Bogcnleibung der Fenster in der norddeutschen Ziegelbaukunst nur da 
in Verwendung, wo diese Leibungen nach großen Schrägen gestaltet sind, wo die 
Bogensteine also verhauen werden müssen und es gilt, die Haufugen zu decken. 

Wie überzeugend spricht dagegen der bloße Anblick des Aeußeren der 
Ostpartie der Kirche für die gleichzeitige Entstehung aller hier sichtbaren 
Teile. Die Dachgesimse mit den reichen Friesen darunter, übereinstimmend im 
Charakter an den Apsiden einerseits, der Chorvorlage, dem Kreuzschiff usw. ander- 
seits, ja, es sind die Ziegel für die Bogenfriese, deren Konsolen und die sonstigen 
Konsölchen sichtbarlich aus der gleichen Form hervorgegangen, die der einen und 
die der anderen Teile. Die gleichen Abmessungen der Backsteine, das unbedingte 
Durchgehen aller Lagerfugen, der nirgend gestörte Mauerverband in den Ecken, wo 
die vermeintlichen Anschlüsse alter und neuer Teile liegen müßten, sind geradezu 
beweisend für die Einheitlichkeit des Ganzen. Ein wirkliches Anbauen eines 
Neuen an ein Altes, wie wir es in mittelalterlichen Werken so unendlich oft 
beobachten können, sieht sehr anders aus, es hinterläßt seine Spuren. Durch- 
gehende senkrechte Anschlußfugen, Zahnungen, die sich nachträglich zu Rissen 
geöffnet haben, Verschiedenheiten in den Schichtenhöhen, Unterbrechungen in der 
Linie der Lagerfugen, Wechsel im Steinmaterial und in der Flächentechnik, das 
sind die vereinigt oder doch teilweise auftretenden Zeichen. Unsere Kirche 
selbst bietet ein Beispiel. Viel weiter nach Westen hin, wo die vierte Achsen- 
teilung des Schiffes, von Osten her gerechnet, endigt, liegt in der Tat ein Absatz, 
hat in der Tat eine, und zwar sehr kurze Unterbrechung und eine Wiederaufnahme 
des Baues stattgefunden. Aber wie deutlich und klar kennzeichnet sich auch auf 
allen beteiligten Mauerflächen die entsprechende Naht durch Risse, Springen der 
Lager gegeneinander, Zwicksteine usw., und wie völlig fehlt jede Spur solcher 
Anzeichen im Osten, zwischen der Apsis und dem Chorquadrat, zwischen den 
Nebenchören und den anstoßenden Mauern. 

Ich glaube, daß man wohltun wird, künftighin die Baugeschichte der Kloster- 
kirche von Jerichow folgendermaßen zu formulieren: .Urkundliche Nachrichten 
über das Bauwerk fehlen. Die technische und stilistische Untersuchung und die 
Vergleichung mit verwandten Werken zeigen, daß die Kirche in stetigem Wachsen 
nach einheitlichem Plane in der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts 
entstanden ist. Der gewöhnlichen Regel entsprechend ward der Bau im Osten 
begonnen, mit der Krypta, der Hauptapsis, dem Hauptchor, den Nebenchören, 
bald nach 1200. Ihnen folgten das Kreuzschiff und die vier östlichen Felder des 
Schiffes. An dieser Stelle angelangt, hat das Werk eine kurze Zeitlang still- 
gelegen. Fortgesetzt, entstand im Zusammenhang miteinander das fünfte Schiffsfeld 
und der Unterbau der Türme. Nur die westliche, das Portal enthaltende Mittel- 
wand zwischen den Türmen, welche streckenweise des Mauerverbandes mit diesen 
Türmen ermangelt und am Portal eine technische Neuerung (Glasuren) zeigt, ist 
eine Zeitlang auf Fundamenthöhe liegen gelassen worden, weil man möglichst 
lange sich eine offene Einfahrt in den im Gange befindlichen Neubau bewahren 
wollte.') Etwa 1240 kam man dazu, diese Portalwand zu schließen, das Fenster 

') Vgl. hierzu St. Elisabeth in Marburg, wo gleichfalls, wie ich nachweisen lu können glaube, 
die Portalwand zwischen den Türmen erst 20 Jahre nach Herstellung der Turniunterbauten geschlossen 
wurde. 

16' 



244 

darüber zu errichten und in ununterbrochenem Weiterbau die Turnifassade bis 
zum Beginn der Helme zu vollenden. Schon bald nach Fertigstellung des Chors 
und Kreuzschififes ward die Krypta, die ursprünglich nur auf die Länge des Chors 
berechnet gewesen war, unter der Vierung hin verlängert." 

Diese Anschauung von der Sache sich zu eigen machend, wird man nicht 
zu der seltsamen Annahme genötigt sein, die Prämonstratenser von Jerichow 
hätten eine Kirche errichtet und fünfzig Jahre später deren Apsis abgebrochen 
und in genau gleicher Größe und Gestalt sofort wieder aufgebaut; nicht zu der 
Annahme, diese Herren hätten um 1150 — als eine Krypta bei einer solchen 
Kirche ein fast unerläßliches Zubehör bildete — ihre Kirche ohne Krypta angelegt, 
und um 1220, als die Anlage der Krypten bereits nicht mehr so beliebt war, 
eine Krypta nachträglich eingebaut; nicht zu der Annahme, man habe die 
mächtige Turmfront aufgeführt, alsbald wieder abgebrochen und sie in denselben 
Formen noch einmal hergestellt; nicht zu der Annahme, es seien ebenso die die 
Vierung umgebenden Bogen halbkreisförmig aufgemauert und, ohne daß die 
kühnste Phantasie einen annehmbaren Grund zu ersinnen vermöchte, zerstört und 
spitzbogig erneuert worden; nicht zu der Annahme, es habe im dreizehnten 
Jahrhundert in Jerichow in der Altmark ein Mensch gelebt, der — er allein — , 
heraustretend aus den Schranken mittelalterlicher Sinnesweise, wie ein Architekt 
von 1860 oder 1880 imstande gewesen wäre, in ästhetisch-archaistischer Reflexion 
sein Werk halb im Geschmack seiner Zeit, halb in dem veralteten Geschmack 
einer gering geachteten Vorzeit aufzuführen. Es wird uns die nach allgemeinen 
Begriffen sehr bedenkliche Schlußfolgerung erspart, der erste deutsche Backstein- 
bau habe sofort das Höchste erreicht, was das Material zu leisten vermöge, 
,,den Gipfelpunkt in der technischen Behandlung des Backsteins". Die von mir 
in den Grundlinien skizzierte Baugeschichte annehmend, und weiter annehmend, 
daß dem nach 1200 begonnenen Bau der Klosterkirche in den fünfzig Jahren 
von II 50 bis 1200 kleinere und minder vollendete Bauten vorausgegangen sind, 
wird man im Gegenteil auch hier die Entwicklung vor sich sehen, welche wir ja 
sonst überall, wo es sich um menschliches Schaffen handelt, zu erblicken gewohnt 
sind, eine Entwicklung vom minder Vollkommenen zum Vollkommenen, vom 
Einfachen zum Reichen, vom Kleinen zum Großen, vom schwankenden Versuch 
zur gereiften Meisterschaft. Denn ein Werk gereifter Meisterschaft, voll 
sicheren, überlieferten Könnens, frei von dem Tasten der Erstlingsbauten, ist die 
Klosterkirche von Jerichow, das möchte ich vor allem hier aufs nachdrücklichste 
betonen. Aber auch bezüglich der Vorstufen zu einer solchen Kunsthöhe sind 
wir nicht auf die bloße Hypothese angewiesen, sondern es sind Bauten erhalten, 
deren Entstehung in eine frühere Zeit fällt, und dahin gehört: 

Die Pfarrkirche von Jerichow, ein Werk, bis heute kaum beachtet, 
aber meines Erachtens kunstgeschichtlich in hohem Grade wichtig. Die Kirche 
ist noch nirgends abgebildet worden, ihrer großen Einfachheit wegen aber auch 
ohne Bild dem Leser leicht vor Augen zu führen. Sie besteht aus einem einzigen 
im Grundriß rechteckigen Schiff und einem schmaleren, platt geschlossenen Chor. 
Die Decken sind Balkendecken. Ein Triumphbogen von kantigem, abgestuftem 
Querschnitt, auf Kämpfergesimsen aus Sandstein mit dem Profil der umgekehrten 
attischen Basis ruhend, trennt Schiff und Chor. Schmale Rundbogenfenster von ein- 
fachster Behandlung (jetzt zum Teil modernisiert) durchbrechen die Mauern, deren 
Außenflächen mit flachen Lisenen und schlichten Rundbogenfriesen gegliedert sind. 



245 



Wir wissen (s. oben), daß das Kloster Jerichow nach seiner Gründung 
zunächst die Pfarrkirche des Ortes als Klosterkirche benutzt hat. Ich behaupte 
nun, daß wir in dem zur Zeit noch wohlerhaltenen, soeben kurz beschriebenen 
Gebäude die dergestalt benutzte Pfarrkirche vor uns haben, daß also dieses 
schlichte, heute „Stadtkirche" benannte Bauwerk älter als die große Klosterkirche 
ist. Zur Begründung meiner Annahme möchte ich zunächst andeuten, daß dieses 
Werk in der Anlage und in den Einzelheiten nichts enthält, was sich nicht mit 
einer Entstehung in verhältnismäßig früher Zeit vertrüge. Der Mangel aller 
Gewölbe, die nach einer einfachen Schräge bewirkte Profilierung der Fenster- 
leibung, der geringe Vorsprung der Lisenen, die Einfachheit des Bogenfrieses und 
seiner Konsolen — verglichen beispielsweise mit der Reichheit dieser Teile an 
der Klosterkirche — sprechen für einen früheren Ursprung. Ebenso aber die 
Abmessungen der Backsteine. Bekanntlich sind diese bei den romanischen 
Werken Norddeutschlands geringer als bei den gotischen, und es findet in der 
Uebergangszeit ein allmähliches Wachsen statt. Nun messen aber die kleinsten 
Steine an der Klosterkirche nach Adler in der Länge 28 cm (io5/jj Zoll), während 
die Steine der Pfarrkirche nach meiner Messung 25 cm haben. Für ein höheres 

Alter der letzteren spricht auch 
die Behandlung der Mörtel- 
fugen an derselben. Diese 
Fugen sind wie üblich mit der 
Steinfläche bündig gehalten, 
jedoch statt des sonst vorkom- 
menden einfachen mit einem 
zweifachen eingeritzten Striche 
versehen, was gewiß altertüm- 
lich ist, weil es unmittelbar an 
die Fugenbehandlung bei den 
alten märkischen Granitbauten 
anknüpft. 

Wichtiger als dies alles 
ist aber nun ein Fund, welchen 
ich an dieser Kirche machte und der in unwiderleglicher Weise ihre frühere Ent- 
stehung gegenüber der Klosterkirche dartut. Auf der ganzen Nordseite dieser Kirche 
entlang sind nämlich die Spuren eines noch zu romanischer Zeit in Angriff ge- 
nommenen Umbaues sichtbar, welcher bezweckte, die Dorfkirche in eine 
Klosterkirche umzuwandeln. Diese Spuren beweisen, daß es Absicht gewesen 
ist, das Schiff sowohl wie den Chor durch den Anbau von Seitenschiffen zu er- 
weitern. In die Mauer des Chors finden sich unterhalb der Fenster drei durch 
Pfeiler getrennte Bogenöffnungen in sauberster Arbeit eingestemmt, die Schiffsmauer 
hat, der Sechszahl der Fenster entsprechend, mit sechs Bogen durchbrochen 
werden sollen. In beliebter romanischer Anordnung sollte diese Bogenstellung von 
abwechselnd starken und schwachen Stützen getragen werden, und der Ausbruch 
des Mauerwerks ist hier in vorsichtiger, sehr überlegter Weise nicht nach den 
Bogenlinien, sondern von der demnächstigen Kämpferhöhe ab nach steilen Schrägen 
vorgenommen worden, dergestalt, daß die Massen des vorhandenen Bauwerks 
den entstehenden starken Pfeilern aufgeladen, die schwachen Stützen aber 
entlastet worden wären. Die in Abb. 59 beigegebene Skizze stellt den 




Chor. Schiff. 

Abb 59. Teil der Nordmauer der Pfarrkirche in Jerichow. 



246 

jetzigen Zustand der Nordmauer, d. h. eines Abschnittes derselben, dar; sie zeigt 
auch, daß der mit diesen Ausbrüchen beabsichtigte Umbau der Kirche nicht zur 
Tat geworden ist. Die sechs in der Schiffsmauer vorgesehenen Bogen sind nie 
hergestellt, die geplanten Seitenschiffe nie gebaut, alle neun Ausbrüche (in Schiff 
und Chor) sind mit dem romanischen Ziegelmaterial und in romanischer Fugen- 
technik wieder vermauert worden, und bis zur Inangriffnahme der südlichen 
Mauern ist das ganze Unternehmen überhaupt nicht gediehen. Dieser Fund, der 
uns in einer fast einzig dastehenden Weise einen Einblick in die Vorgänge bei 
mittelalterlichen Erweiterungsbauten gewährt, lehrt daher meines Bedünkens 
folgendes: Hier in dieser noch erhaltenen Pfarrkirche hat sich der Konvent von 
Jerichow niedergelassen gehabt, bei zu eng werdendem Raum hat die Kirche 
erweitert werden sollen, bereits im ersten Stadium der Bauarbeiten aber hat man 
von dem Erweiterungsgedanken wieder Abstand genommen und die bereits 
gebrochenen Oeffnungen wieder zugemauert, weil — man unterdes zu dem 
Entschluß der Verlegung des Klosters (s. oben) gekommen war. So unter allen 
Umständen wird der Vorgang aufzufassen sein, denn an eine in Absicht gewesene 
Vergrößerung der Dorfkirche als Dorfkirche ist gar nicht zu denken. Durch 
die Anbauten haben Schiff und Chor zu dreischiffigen Anlagen umgestaltet 
werden sollen. Schon ein dreischiffiges Langhaus aber steht im Widerspruch zu 
der Ueberlieferung, wonach sich die Anlage dörflicher Kirchen regelte, eine Dorf 
kirche aber mit dreis chiffigem Chor muß als etwas in der mittelalterlichen 
Christenheit Unerhörtes bezeichnet werden, als eine sinnlose Anlage im Hinblick 
auf den Dienst, für den eine solche Kirche bestimmt war. Für einen Prämon- 
stratenserbau hingegen war der dreischiffige Chor vorzüglich geeignet. Hieraus 
folgt, daß diese Dorfkirche und jetzige Stadtkirche dem Konvent von Jerichow 
vor seiner Uebersiedlung nach anderer Stelle als Klosterkirche gedient hat oder 
zu dienen bestimmt war, und daß diese Dorfkirche somit älter ist als die berühmte 
— bisher der Zeit um 11 50 zugeschriebene, in Wahrheit aber der Zeit nach 1200 
angehörige — Klosterkirche. 

Zu welchem Zeitpunkt ist nun das Kloster von der alten Stelle an die neue, 
ihm später eingeräumte verlegt worden? Eine gleichzeitige Nachricht über diese 
Verlegung ist überhaupt nicht auf uns gekommen, sondern wir erfahren von dem 
ganzen Vorgang durch eine spätere, ihrem Zwecke nach sich mit anderen Dingen 
befassende Urkunde, in welche verschiedene geschichtliche Mitteilungen über die 
Klostergründung eingeflochten sind. Diese Urkunde ist im Wortlaute abgedruckt 
in A. F. Riedels „Sammlung von Urkunden usw. für die Geschichte der Mark 
Brandenburg", Bd. III, S. 336 u. f. Die Schlüsse, welche sie in bezug auf jenen 
Zeitpunkt erlaubt, hat Riedel an anderer Stelle^) bereits gezogen, nämlich nach- 
gewiesen, daß die Verlegung des Stiftes zwischen dem September 1 147 und dem 
Jahre 11 52 vorgenommen sein muß. Fragen wir, ob die beschriebene alte Pfarr- 
kirche von Jerichow ihrer architektonischen Erscheinung nach der Zeit vor dem 



1) V. Ledebur, AUg. Archiv f. d. GescWditskunde d. Pr. Staates, Bd. VIII, S. 238, in der An- 
merkung. Dunkel bleibt allerdings die ganie Angelegenheit meines Erachtens immer noch, da zwar 
von einer Verlegung die Rede, ein bestimmter Zwang, in der neugewählten Stelle gerade den Ort der 
jetzigen großen Klosterkirche zu sehen, aber doch eigentlich nicht vorhanden ist. Die geringe örtliche 
Entfernung zwischen den beiden Kirchen läßt sogar der Vermutung Raum, daß die erwähnte Verlegung 
nicht die einzige gewesen ist, sondern daß nach 11 72 noch eine weitere gefolgt sein möchte. Das 
Zisterzienserkloster Haina in Hessen änderte von 1140 bis 1196 seinen Niederlassungsort dreimal. 



247 

Jahre 1152 zugewiesen werden darf, so berechtigt alles, was ich über diese Er- 
scheinung oben angeführt habe, zu einer Bejahung der Frage. Die Konstruktion 
des Werkes ist eine so schlichte und die Formen befinden sich derart in 
Uebereinstimmung mit denen anderer Werke, für die die Entstehung um die 
Mitte des zwölften Jahrhunderts herum beglaubigt ist, dalj man kein ]5edenkcn 
zu tragen braucht, das Bauwerk als ein demselben Zeitraum angehöriges zu 
betrachten. Um ganz gewissenhaft zu sein, will ich aber nicht unterlassen zu- 
zugeben, dali diese Bauformen gleichzeitig doch auch sozusagen neutrale sind und 
derjenige, welcher die Kirche aus irgendwelchen mir zur Zeit unbekannten Gründen 
als später aufgeführt ansehen will, sich durch meine angegebene Meinung nicht 
beengt zu fühlen braucht. Gerade so, wie — um eine andere Stilperiode zum 
Vergleich heranzuziehen — es schwer und oft unmöglich ist, ein gotisches Werk 
des 14. Jahrhunderts, aus der Zeit der Schematisierung der Gotik, auf 50 Jahre 
genau abzuschätzen, wenn es einfach in seiner Architektur ist und nur gewisser- 
maßen den nüchternen Auszug aus dem festgestellten Formenkanon aufweist, 
gerade so ist es an und für sich mit der Zeitbestimmung derjenigen romanischen 
Bauten eine bedenkliche Sache, welche der vergleichenden Prüfung nichts bieten 
als schlichte, schräggeleibte Fenster, schlichte Rundbogenfriese und schlichte 
Wandlisenen. Entscheidend würde eben die obengenannte Urkunde sein, wenn 
mit Sicherheit angenommen werden dürfte, daß die darin erwähnte neue und alte 
Baustelle in dem Ort der Kloster- und der Pfarrkirche zu suchen sind. Eine 
Untersuchung des Innenraumes der letzteren, die durch in der Neuzeit daselbst 
angebrachte Holzverschalungen erschwert wird, habe ich übrigens nicht vor- 
genommen und erinnere mich von diesem inneren Räume nur dessen, daß er 
außer dem bei Adler gezeichneten Gesimsprofil von Bauformen nichts mehr 
bietet. Betonen möchte ich jedoch noch einmal meine Aufstellung — und glaube 
sie im vorhergehenden genügend begründet zu haben — , daß diese Pfarr- 
kirche älter als die vielgenannte Klosterkirche, nicht aber, wie bis jetzt an- 
genommen worden, um 80 Jahre jünger als dieselbe ist. Diese Stellung der 
beiden Bauwerke, wonach die Pfarrkirche in ihrer Architektur als Vorstufe der 
Klosterkirche aufzufassen ist, verleiht der ersteren den Anspruch kunstgeschicht- 
licher Bedeutung, den ich im früheren für sie geltend gemacht habe. Eine Ver- 
öffentlichung des Gebäudes nach Maßaufnahme wäre zu wünschen.') 

Ergebnis. Es ist mir in dem hiermit abschließenden Teile meiner Arbeit 
darauf angekommen, eine besser begründete Baugeschichte der Klosterkirche von 
Jerichow aufzustellen, als sie uns bis dahin vorgelegen hat. Auf S. 243 habe ich 
die Geschichte des epochemachenden Werkes, wie ich sie mir als zutreftend vor- 
stelle, in kurzen Worten formuliert. Um die Prüfung meiner Auffassung möglichst 
bequem zu gestalten, steile ich die für diese Auffassung sprechenden Gründe 
noch einmal übersichtlich zusammen. Sie bestehen in folgendem: 

I. Die Säulen der Krypta sind spatromanisch wegen ihrer Basenbildung und 
wegen der Behandlung des Blattwerks ihrer Kapitelle. — 2. In Chor und Vierung 
sind die oberen Bogen bereits stumpfe Spitzbogen. — 3. Die Fenster der Apsiden 
haben im Aeußeren abgestufte Gewände. — 4. An der Mittelapsis sogar Säulchen 
mit Basis und Kapitell. — 5. Auch im Mittelschiff sind die Fenstergewände nicht 



1) Die auf S. 245 gegebene Skizze ist lediglich nach der Erinnerung gezeichnet uml nur bestimmt, 
die merkwürdigen Spuren des beabsichtigt gewesenen Umbaues zu veranschaulichen. 



248 

mehr einfache Schrägen. — 6. Die Hauptgesimse aller Teile der Kirche tragen 
mit ihren reichen Friesen das Gepräge der Spätzeit. — 7. Alle äufleren Mauer- 
flächen mit Ausnahme derjenigen der Nebenapsiden sind mit Lisenen gegliedert. 

— 8. Die Lisenen der Hauptapsis besitzen Kapitelle. — 9. Es ist kein Grund 
vorhanden, die Trapezschildkapitelle der Schiffspfeiler für die Zeit von 11 50 in 
Anspruch zu nehmen, da ganz ebenso gebildete Kapitelle in Schönhausen (12 12) 
und in Arendsee (um 1200) vorhanden sind. — 10. Aus der Verschiedenheit des 
Materials der Mauerplinthe an verschiedenen Teilen der Kirche auf die Entstehung 
dieser Teile in weit auseinanderliegenden Perioden zu schließen, ist nicht angängig, 
da derartige Verschiedenheiten an anerkannt einheitlichen Bauten des Mittelalters 
sehr oft vorkommen. — 11. Unstatthaft ist es auch, den östlichen Teil der 
Krypta als einen späteren Einbau anzusehen, da keinerlei Grund für diese An- 
nahme vorliegt und die dafür angeführten Baunühte sich in diesem östlichen Teil 
nicht finden. — 12. Dafl die Hauptapsidenfenster außen reicher behandelt sind als 
die Schiffsfenster, begründet keinen Zeitunterschied, weil dergleichen auch an ganz 
einheitlichen Werken vorkommt. — 13. Dagegen ist zu beachten, daß im Inneren 
die Hauptapsiden- und die Mittelschiffsfenster völlig übereinstimmend gegliedert 
sind, und — 14. zu beachten die Uebereinstimmung der Hauptgesimse aller Teile, 
ferner — 15. das Durchgehen des Mauerverbands an den Stellen, wo nach der 
bisher gelehrten Baugeschichte Baunähte liegen müßten. — 16. Geschichtliche 
Nachrichten, welche meiner Darstellung von Werken dieses Denkmals wider- 
sprächen, sind nicht vorhanden. — 17. Es ist überhaupt bedenklich, anzunehmen, 
daß ein so reifer Backsteinbau, wie diese Kirche, der erste deutsche Backsteinbau 
gewesen wäre. Es sind auch ältere Bauten in diesem Material nachzuweisen. — 
18. Die Pfarrkirche in Jerichow ist deshalb älter als die Klosterkirche, weil sie 
die Spuren eines Versuches aufweist, sie selbst in eine Klosterkirche umzuwandeln; 

— 19. weil sie ferner in ihren Konstruktionen und Formen viel einfacher und 
urtümlicher sich darstellt. — 20. Die bloße Vergrößerung der Dorfkirche als solche 
konnte jener Versuch nicht bezwecken, indem ein dreischiffiger Chor an einer 
Dorfkirche etwas ganz Sinnwidriges sein würde. 

Ich verzichte vorläufig darauf, zur weiteren Stützung meiner Annahmen 
noch die Betrachtung verwandter Ziegelbauten, unter denen zunächst die Dorf- 
kirchen in der Nähe von Jerichow in Betracht kämen, hier anzureihen, würde aber 
allen, welche durch Interesse an der Sache dazu berufen sind, für etwaige Stellung- 
nahme zu der behandelten, in der Geschichte unserer heimischen Baukunst gewiß 
nicht bedeutungslosen Frage dankbar sein. 



249 



Die Zeitstellung der Klosterkirche von Jerichow.' 



Es sind sechs Monate verflossen, seit ich die für die deutsche Baugeschichte 
sehr wichtige Frage nach der Zeitstellung der Klosterkirche von Jerichow im 
Zentralblatt der Bauverwaltung zum Gegenstande einer Studie gemacht habe, mit 
der ich beweisen wollte, daß die genannte Kirche in ihrem ganzen Bestände 
ein Werk des dreizehnten Jahrhunderts sei und nicht, wie man bisher ange- 
nommen, mit ihrer Hauptmasse aus der Zeit von 1 149 bis 11 59 stamme. Herr 
Geh. Oberbaurat und Professor Adler ist es gewesen, welcher — durch seine 
Arbeit vom Jahre 1860 in den ,, Backsteinbauwerken des Preußischen Staates" — 
der letztgenannten Ansicht für unsere gesamte Fachliteratur zum Durchbruch 
verhelfen hat. Ich habe ihn aber in meinem Aufsatze nicht als Vertreter dieser 
Ansicht angeführt, weil mir seine Versuche zur Begründung derselben höchst 
bedenklich erschienen; ein Gefühl der Pietät verwehrte es mir, den Namen eines 
Mannes von seinem Ruf mit einer verlorenen Sache in Verbindung zu bringen. 
Freilich hat seitdem Herr Adler meine Aufstellungen einer scharfen und sehr 
abfälligen Kritik unterworfen, und ich bin — zu meinem aufrichtigen Bedauern 
— genötigt, mich nunmehr mit ihm selbst über die bedeutungsvolle Frage aus- 
einanderzusetzen. Diese Erörterung dürfte aber der Kunstwissenschaft zum Nutzen 
gereichen, insofern sie, wie ich hoffe, die Ansichten des geschätzten Forschers, 
die ich nach wie vor für gänzlich irrig halte, endgültig widerlegen wird. 

Es möge mir gestattet sein, meine Betrachtung der Adlerschen Arbeit mit 
einigen Bemerkungen über das Formelle einzuleiten. Da darf es denn zunächst 
bedauert werden, daß der Herr Verfasser in seinem Streben nach Gründlichkeit 
sich hin und wieder hat verleiten lassen, der Behandlung nebensächlicher Fragen 
einen unverhältnismäßig großen Raum zu gewähren. Infolgedessen läßt die Ab- 
handlung meines Erachtens im allgemeinen jene Einfachheit und Durchsichtigkeit 
vermissen, welche die einzelnen Punkte je nach ihrer Bedeutung abgestuft her- 
vorhebt und namentlich die Kernpunkte in den Vordergrund zieht, ein Erfordernis, 
auf welchem bei der ohnehin verwickelten Natur der Streitfrage bestanden werden 
muß. Ich werde mich in der nachfolgenden Beantwortung bemühen, diesem 
Gesichtspunkt nach Möglichkeit gerecht zu werden. 

Vor allem würde die hier notwendige Klarheit in höherem Grade gewahrt 
geblieben sein, wenn Herr Adler sich zu der unumwundenen Erklärung herbei- 



*) Zuerst gedruckt im Zentralblatt der Bauvcrwaltung 1884, S. 516, 530. 



250 

gelassen hätte, daß er in verschiedenen sehr wichtigen Stücken meiner 
Auffassung Zugeständnisse macht. Diese Stücke hätten dann aus der Ver- 
handlung ausgeschieden werden können. Der Standpunkt, den der Verfasser der 
„Backsteinbauwerke" jetzt verteidigt, ist nämlich keineswegs mehr sein Stand- 
punkt von 1860, gegen welchen meine Bedenken doch gerichtet gewesen sind: 
Nachdem ich in meinem Aufsatze vom Frühjahr auseinandergesetzt, daß die 
reichen Kranzgesimse der Kirche unmöglich dem zwölften Jahrhundert zuge- 
schrieben werden können, und daß zwischen der Hauptapsis und der östlichen 
Chorwand keine Ansatzfuge vorhanden ist, weist Herr Adler entgegen seiner 
ehemaligen Behauptung nun ebenfalls die oberen Kranzgesimse, die ganzen 
Giebeldreiecke des Kreuzschiffes und die östliche Chorwand vom Fuß bis zur 
Spitze dem dreizehnten Jahrhundert zu, so daß von seinem ,, Kernbau des zwölften 
Jahrhunderts" Teile mit reicheren Details (nach denen auch der weniger Kundige 
sich eine Meinung bilden kann) kaum noch übrig bleiben. Dabei baut er aber 
der Annahme vor, daß ich ihn in diesen Punkten überzeugt habe, vielmehr 
erfahren wir, daß er seine Ansichten innerlich schon 1862 geändert hat. Sein 
zweiundzwanzigjähriges Schweigen in bezug auf diese Dinge ist allerdings recht 
bedauerlich, weil die irrtümlichen Meinungen, die er vor 1862 ausgesprochen, in 
die Fachliteratur übergegangen sind und bis heute darin umgehen. Dem wäre 
gewehrt worden, wenn Herr Adler in diesem langen Zeitraum einmal zur Mit- 
teilung seiner neuen Ueberzeugungen das Wort ergriffen hätte. 

Ganz entbehrlich ferner erscheint alles dasjenige in dem langen Aufsatz, 
was den Zweck verfolgt, mich in bezug auf Aussprüche und Meinungen zu 
berichtigen, die ich in Wirklichkeit nie getan und nie gehegt habe. Ich habe 
keineswegs von Ablaßbriefen aus dem zwölften Jahrhundert gesprochen und 
brauche daher einer Aufforderung, solche namhaft zu machen — möge sie ernst 
oder ironisch gemeint sein — , nicht Folge zu leisten. Ich habe vielmehr bedauert, 
daß außer anderen fehlenden Dingen auch Ablaßbriefe, die sich auf den Bau der 
Klosterkirche beziehen, nicht vorhanden sind; dieser Bau ist für mich aber, 
wie ich damals ausgeführt habe, ein Bau der Zeit von 1200 bis 1260, und aus 
dieser Zeit kann ich allerdings viele Ablaßbriefe aufzählen. — Ebensowenig habe 
ich irgendwo zu erkennen gegeben, daß ich auf Urkunden zur Baugeschichte 
kein Gewicht lege — welcher denkende Mensch könnte an ihrem außerordent- 
lichen Werte zweifeln? — , sondern ich habe umgekehrt die leidige Tatsache 
beklagt, daß wir Urkunden über unsere Klosterkirche nicht besitzen, eine 
Tatsache, die durch Herrn Adler nicht widerlegt worden ist. — Und gerade 
so unrichtig ist es, wenn es heißt, ich hätte ,,die Annahme wegen des nach- 
träglich erfolgten Aufbaues der Westfassade von Jerichow bestritten", während 
ich doch dieser Annahme mich rückhaltlos und unter Angabe meiner Gründe 
angeschlossen habe (s. S. 243). 

Darf mit Bezug auf diese und ähnliche Irrtümer daran gezweifelt werden, 
daß der Herr Kritiker zu einer genaueren Durchsicht meines Aufsatzes die Zeit 
gefunden hat, so gereicht es seiner eigenen Beweisführung zum großen Schaden, 
wenn die Eile der Arbeit — wie ich annehme — ihn zu offenbaren Fehl- 
schlüssen verleitet. Ich hatte beispielsweise gemutmaßt, daß die Dorfkirche 
in Jerichow dem zwölften Jahrhundert entstamme; Herr Adler bekämpft diese 
Vermutung und setzt den Bau in das dreizehnte Jahrhundert, besonders deshalb, 
weil der Chorbogen der genannten Kirche kein Rundbogen mehr, sondern bereits 



251 

ein Spitzbogen ist. Nun sind aber die Chorbogen in der Klosterkirche eben- 
falls Spitzbogen, wonach letzteres Werk gleicherweise dem dreizehnten Jahr- 
hundert zugeschrieben werden mußte (was ich tue); da Herr Adler es indes für 
das zwölfte Jahrhundert in Anspruch nimmt, so ist er genötigt, jene spitzen 
Chorbogen für nachtragliche Erneuerungen zu erklären. Wenn nun jemand (ich 
meinerseits unterlasse das) den Chorbogen der Dorfkirche gleichfalls für erneuert 
erklären wollte, darf Herr Adler gegen diese Annahme etwas einwenden? Mit 
anderen Worten: Ist es dem Herrn Kritiker gestattet, diese spitzen Bogen da, 
wo es für seine Hypothese bequem ist, als untrennbare Bestandteile des Bau- 
ganzen zu behandeln und aus ihrem Vorhandensein Schlüsse zu ziehen, und sie 
gleichzeitig da, wo sie ihm unbequem werden, durch die Annahme einer nach- 
träglichen Einfügung aus dem Wege zu räumen? — Am Schlüsse seines Auf- 
satzes tritt Herr Adler meiner Behauptung, der Bau der Klosterkirche sei gegen 
I20O begonnen, mit dem Bedenken entgegen, damals habe man solche Kirchen nicht 
mehr mit flachen Decken hergestellt, und um dies wahrscheinlich zu machen, be- 
ruft er sich darauf daß ,, schon nach 1215" die Liebfrauenkirche in Magdeburg und 
schon „nach 1269" der Dom in Havelberg eingewölbt worden sei! — Daraus, daß 
der Taufstein der Dorfkirche das Gepräge der Zeit von 1220 trägt, wird ferner der 
Schluß gezogen, die Kirche selbst sei um 1220 entstanden! Gibt es doch eine Unzahl 
von Fällen, in denen die Taufsteine älter als die Kirchen, eine Unzahl von Fällen, 
wo sie jünger als die Kirchen sind, in welchen wir sie aufgestellt sehen! — Usw. — 

Doch zur Hauptsache! Zunächst zum angeblichen Urkundenbeweis für 
die Entstehung der Klosterkirche zwischen 1149 und 11 59. Er ist nicht erbracht 
worden. Denn entkleidet man die versuchte Beweisführung aller zur Sache nicht 
erforderlichen Ausführungen und alles schmückenden Beiwerks, so hat man, in 
knapper Kürze ausgedrückt, die folgenden, genau dem Gedankengang des Herrn 
Verfassers sich anschließenden Sätze vor sich: 

,,Das Kloster Jerichow ist im Jahre 1 144 begründet worden; 
etwa 1 149 wurde es verlegt; der Stifter war ein mächtiger und begüterter 
Mann (ein Graf von Stade). Das Kloster mußte selbstverständlich als- 
bald eine Kirche bauen. Da sein Stifter reich und seine Mittel beträcht- 
liche waren, ist anzunehmen, daß diese Kirche sehr stattlich ausfiel. Die 
uns erhaltene Kirche ist stattlich, also ist diese erhaltene Kirche die von 
1 149. Dies um so sicherer, als Nachrichten über einen nochmaligen 
späteren Bau nicht vorhanden sind." 

Man braucht die Folgerung nur in diese bündige Fassung hinüberzuleiten, 
um sie als unhaltbar zu erkennen. Der Herr Verfasser läßt eben den Fall außer 
Rechnung, daß eine spätere Erneuerung des ersten Baues stattgefunden hat und 
daß über die Erneuerung nichts niedergeschrieben wurde oder das Nieder- 
geschriebene verloren gegangen ist. Dieser Fall ist aber nicht nur ein möglicher, 
sondern tritt uns bei der Betrachtung mittelalterlicher Bauten sogar sehr häufig 
entgegen. Klöster und Stifter begnügten sich — besonders in der Frühzeit, mit 
der wir es hier zu tun haben — sehr gewöhnlich jahrzehntelang mit kleineren, 
bescheidenen Kirchen, oft mit wirklichen Notbauten; erst, wenn die Verhältnisse 
sich befestigt hatten, wenn die Rodungen vollendet, die Wasser gebändigt, die 
bessere Bodenkultur durchgeführt, Friede und Ordnung gesichert waren, dachte 
man an die Gründung von Prachtbauten. 



252 

Ich bemerke hier beiläufig, dal3 der Urkundenbeweis, den Herr Adler ver- 
sucht, derselbe ist, welchen er einst in den „Backsteinbauwerken" aufgestellt hat 
und welchen ich in meinem Aufsatze mit wenigen Worten für immer erledigen 
zu können geglaubt hatte. Die Urkunden, welche jetzt wieder beigebracht 
worden, sind die alten, allgemein bekannten und jedem zugänglich und haben 
mir bei Abfassung meiner Arbeit vom verwichenen Frühjahr ebenfalls vorgelegen. 

Wenn ein ,, Urkundenbeweis", wie der gelieferte, statthaft wäre, so würde 
die Geschichte der deutschen Baudenkmäler folgendermaßen lauten: 

Der Dom in Naumburg. Das Stift wurde 968 begründet, 1029 
an den jetzigen Ort verlegt; der Stifter war der sehr mächtige und 
begüterte Kaiser Otto I.; das Domstift mußte alsbald eine Kirche bauen 
(über diesen Bau des 11. Jahrhunderts sind sogar Nachrichten da). Weil 
der Stifter mächtig war und beträchtliche Mittel zu Gebote standen, 
mußte die Kirche stattlich ausfallen. Der erhaltene Dom ist ein statt- 
liches Werk, ist also der Bau vom Jahre 1029. Dies um so sicherer, 
als Nachrichten über einen späteren Bau nicht vorhanden sind. 

Die Klosterkirche von Memleben. Das Kloster wurde im 
Jahre 975 von Kaiser Otto II. auf eigene Kosten gegründet; zwei Kaiser 
haben es reich ausgestattet. Eine Kirche hatte es von Anbeginn an 
nötig, also ist die erhaltene Kirche die von 975, zumal auch keine 
Urkunde über einen später hergestellten Kirchenbau vorliegt. 

Usw. 

Tatsächlich rührt der Dom in Naumburg aber nicht von 1029, sondern aus 
dem 12. und 13. Jahrhundert her, die Klosterkirche von Memleben nicht von 975, 
sondern ebenfalls aus dem 13. Jahrhundert. Das ist allgemein anerkannt; man 
sieht es den Gebäuden selbst an, und auch Herr Adler hatte die wissenschaftliche 
Verpflichtung, das Gebäude von Jerichow darauf anzusehen, ob es der 1149 
begonnene Kirchenbau • — daß damals eine Kirche aufgeführt wurde, ist ja 
zweifellos — sein könne. Er hat diese Verpflichtung nun auch ausdrücklich 
übernommen und glaubt ihr in vollem Umfange nachgekommen zu sein, dies 
aber, wie ich überzeugt bin, mit Unrecht. Bei wirklich erschöpfender Betrachtung 
des Gebäudes hätte er meines Erachtens sicherlich gefunden, daß die auch von 
ihm geforderte Uebereinstimmung zwischen den Ergebnissen der Urkunden und 
denen der ,, Bauanalyse" nicht vorhanden ist und daß der erhaltene Kirchenbau 
aus kunstgeschichtlichen und technischen Gründen nicht für den Bau von 1149 
gehalten werden darf. Auf diese Gründe technischer und kunstgeschichtlicher 
Natur werde ich ausführlich zu sprechen kommen. 

Zunächst aber noch einige Worte über die Urkunden überhaupt, über 
ihre Benutzung und über baugeschichtliche Untersuchung von Denk- 
mälern! Herr Adler stellt hierüber eine Reihe allgemeiner Betrachtungen an und 
allgemeine Regeln auf. Er redet von der Fülle urkundlichen Materials, über welche 
die Baugeschichte zu verfügen hat, stellt in Beispielen dar, wie man Urkunden 
auszubeuten hat, und belehrt uns darüber, wie die Untersuchung der Denkmäler 
unter steter Vergleichung möglichst vieler verwandten Werke vor sich gehen soll. 
Ich möchte aber die Allgemeingültigkeit seiner Regeln und Darlegungen doch 
bestreiten. Wer z. B. aus den Ausführungen auf S. 443 des Zentralblattes etwa den 
Eindruck gewinnt, daß bei der Mehrzahl mittelalterlicher Bauten uns urkundliche 



2 53 

Nachrichten erklärend an die Hand gehen, ist damit zweifellos einem Irrtum ver- 
fallen. Wie ich früher gesagt habe und jetzt entgegen den Bemängelungen Herrn 
Adlers ausdrücklich aufrecht erhalte, lassen uns bei Forschungen auf dem Gebiete 
der mittelalterlichen Baugeschichte die Urkunden meistens im Stich. Behaupten 
möchte ich, daß unter hundert erhaltenen mittelalterlichen Kirchen in Deutschland 
durchschnittlich nicht zehn sich befinden, von denen in unseren Urkunden über- 
haupt die Rede ist; der Fall, daß die Baugeschichte einer solchen Kirche lücken- 
los aus Urkunden hergestellt werden könnte, ist sogar fast unerhört. 

Wie soll man Urkunden benutzen? Herr Adler hat die Urkunden von 
Jerichow mißverständlich benutzt, denn er deutet, wo diese Urkunden eines im 
zwölften Jahrhundert hergestellten Kirchenbaues Erwähnung tun, sie dahin aus, 
als sei von der heute noch bestehenden Klosterkirche die Rede. Ich werde 
im Verfolg dartun, daß dies unmöglich angenommen werden kann, sondern daß 
die Kirche, mit der sich diese Urkunden beschäftigen, der Erstlingsbau der 
Mönche war, von dem kein Stein auf uns gekommen ist. Fast noch weniger 
indes kann ich der Art beipflichten, in welcher er eine Jerichower Urkunde für 
die Geschichte der Dorfkirche ausnutzen will. Ich muß hier etwas weiter 
ausholen! 

An der Nordseite dieser Kirche sind die nun bereits mehrfach erwähnten 
Einbruchspuren zu sehen. Herr Adler sagt über diese (auf Seite 479, am 
15. November 1884): ,,Was demnächst die sog. Einbruchspuren betrifft, so 
sind dieselben in der Nordmauer des Chores wie des Schiffes so deutlich vor- 
handen, daß kein Techniker, welcher auch nur einmal die Kirche um- 
wandelt, sie übersehen kann." Ich pflichte ihm hierin bei; ich gehe sogar 
noch weiter und meine, daß kein Techniker bei den über die wagerechten Fugen 
hin eingehauenen halbrunden Arkadenumrissen im Chor (Abb. 59, S. 245) an ver- 
mauerte Blendnischen denken wird; fehlt doch jede Spur überwölbender Mauer- 
bogen; ich meine ferner, daß kein Techniker die steilgeführten Durchbruchslinien 
auf der Schiffsmauer als Dachanschlußspuren von angelehnt gewesenen Kapellen 
auffassen kann, weil die Mauerteile innerhalb der Durchbruchslinien (die Aus- 
mauerungen der Durchbrüche) ihre Lagerfugen in anderer Höhe haben und teil- 
weise aus anderem Material bestehen. 

In den ,, Backsteinbauwerken" sagt nun Herr Adler (Bd. I, S. 43): ,,An der 
Nordseite des Chores finden sich drei rundbogige, jetzt vermauerte Blend- 
nischen." ,, Ebenso sind drei auf der Nordseite des Schiffes früher vorhanden 
gewesene, mit Satteldächern bedeckte Kapellen jetzt verschwunden." Dies ist 
im Jahre 1860 geschrieben. Von Einbruch spuren, von vorhanden gewesenen 
Mauerausbrüchen ist hier mit keinem Worte die Rede. Ich zuerst habe am 
3. Mai 1884 (S. 245) den Sachverhalt so geschildert, wie er dem die Kirche um- 
wandelnden Techniker in die Augen springt; ich habe gesagt, daß diese Spuren 
beweisen, wie einst ,,es Absicht gewesen ist, das Schiff sowohl wie den Chor 
durch den Anbau von Seitenschiffen zu erweitern", habe klärgemacht, ,,daß die 
geplanten Seitenschiffe nie gebaut" und die Ausbruchsöffnungen in jener Zeit 
alsbald wieder vermauert worden sind. Diese meine Auffassung macht sich Herr 
Adler nun zu eigen und entwickelt mit meinen Worten nunmehr den Ortsbefund 
und die zu ziehenden Schlüsse. Er bestreitet mir aber jedes Verdienst in der 
Sache, indem er erzählt, daß er auch hier wieder bereits in jenem Jahre 1862 seine 
kurz zuvor öffentlich ausgesprochene Meinung im stillen geändert habe. Auch hier 



254 

aber hat er 22 Jahre lang es versäumt, sich auszusprechen, und ich lege auf den 
Punkt der Priorität grundsätzlich ein gewisses Gewicht und bin gesonnen — so 
verschwindend klein die Ehre dieses Fundes und der gelieferten Erklärung sein 
mag- — , diese Ehre ein für allemal für mich in Anspruch zu nehmen. Auf meine 
damals weiter ausgesprochene Vermutung, daß man mit den geplant gewesenen 
Seitenschiffen die Dorfkirche zu einer genügend großen Klosterkirche hat erweitern 
wollen, geht Herr Adler nicht weiter ein. Er sucht vielmehr nach einer anderen 
Deutung und zieht eine Urkunde von 1335 heran, die von einer großen Ueber- 
schwemmung des Ortes und der Gegend spricht. In diesem Jahre, vermutet er, 
sind die beschriebenen, auf Erweiterung gerichteten Bauarbeiten wieder aufgegeben 
worden, ,,sehr bald nach ihrem Beginn". Etwa 1335, meint er, hat man jene 
Maueröffnungen gebrochen, als die Ueberschwemmung eintrat, Verarmung die 
Folge wurde und man die Bauabsichten aufgeben und das Begonnene rückgängig 
machen mußte. Diese Art von Urkundenforschung stellt uns also vor ein Bild 
romanischen Kunsttreibens im 14. Jahrhundert! Denn die beabsichtigt 
gewesene Arkade ist rundbogig, zeigt den Wechsel starker und schwacher 
Pfeiler! Jerichow, nach Herrn Adler um 1150 dem ganzen baukünstlerischen 
Norddeutschland voranstrebend — Jerichow, nach demselben um 1250 seine 
Turmfront im Spitzbogenstil beendigend — dieses selbe Jerichow fallt um 1335, 
nachdem die gotische Kunst längst ihren Siegeslauf durch die germanische Welt 
vollendet, ja, ihre hundertjährige Blütezeit bereits hinter sich hat, in den Roma- 
nismus zurück! Dieses Ergebnis der Benutzung einer Urkunde ist ein höchst 
überraschendes und stellt die kunstgeschichtlichen Grundwahrheiten geradezu auf 
den Kopf. Ich möchte glauben, daß Herr Adler nach etwaiger nochmaliger 
Ueberlegung nicht gewillt sein wird, diese ,, Hypothese" im Ernste aufrecht zu 
erhalten. — 

Wie soll nun ferner ein Kunstforscher ein Baudenkmal untersuchen? Mein 
Herr Kritiker verlangt, wie schon erwähnt, daß in jedem Falle eine große Zahl 
verwandter Denkmäler mit in die Untersuchung hineingezogen werde. In vielen 
einzelnen Fällen ist dies auch gewiß erforderlich, und deshalb ist eine ausgebreitete 
Denkmalkenntnis für denjenigen, der auf diesem Felde tätig sein will, unerläßlich. 
Aber dennoch können andere Fälle vorkommen, in denen die Erscheinung des 
einzelnen Denkmals eine so unzweideutige Sprache führt, daß von der Heran- 
ziehung weitläufigen Vergleichsmaterials von vornherein abgesehen werden darf. 
Hierfür ein Beispiel: 

Abb. 60 stellt einen Teil der Mittelschiffswand der berühmten Klosterkirche 
von Chorin dar. Diese Kirche ist spät im dreizehnten Jahrhundert und früh im 
vierzehnten gebaut. Darüber ist niemand im Zweifel. Im Bau ist jedoch einmal 
eine Unterbrechung eingetreten. Man sieht dies sofort daran, daß der östliche 
und der westliche Teil des Bauwerks aus verschiedenfarbigen, der eine aus roten, 
der andere aus gelben Backsteinen besteht. Es fragt sich, welcher Teil der ältere 
ist. Herr Adler stellt in den „Backsteinbauwerken", Tafel 6^, den westlichen Teil 
als älter dar; ich möchte behaupten, daß er umgekehrt der jüngere ist. Den 
Beweis führe ich mit der überall unzweifelhaft feststehenden Ansatzfuge « h und 
halte diesen Beweis für unwiderleglich.^) Ich kann ihn aber fuhren, ohne 



1) Die wechselnde Form der Entlastungsbogen unter den Fenstern ist bedeutungslos, da diese 
Bogen im Dachboden lagen und auf Gesehenwerden überhaupt nicht berechnet waren. 



255 



andere Denkmäler vergleichend heranzuziehen, und umgekehrt wird die Ver- 
gleichung mit noch so vielen anderen Bauwerken diesen meinen Beweis nicht um- 
stoßen können. 

Im vorliegenden F'allc spricht übrigens die technische Untersuchung so über- 
zeugend für die Unhaltbarkeit der Adlerschen Annahme und für die Richtigkeit 
der meinigen, daß, wenn eine Urkunde vorhanden wäre, die scheinbar etwas 
anderes lehrte, es nur darum sich handeln könnte, durch wiederholte Prüfung den 
zweifellos vorhandenen Fehler in der Auslegung dieser Urkunde zu ermitteln. 
Was an dem Werke selbst unbestreitbar der Augenschein bekundet, kann durch 
Deutung aus dem Papier und Pergament heraus nicht umgestoßen werden. 

Ganz ähnliche Verhältnisse liegen nun für Jerichow vor. Durch das Mittel 
der baulichen Untersuchung laßt sich das Zutreffende meiner Aufstellung bindend 

nachweisen; der angebliche Wider- 
spruch der Urkunden aber wird 
leicht als ein nur scheinbarer zu 
beseitigen sein. Lassen wir also 
,,die Steine reden" — und sie reden 
hier noch viel vernehmlicher als in 
Chorin — , um die Hinfälligkeit der 
bisherigen Annahme über die Bau- 
zeit der Klosterkirche mit Sicher- 
heit zu erkennen. 

Wir treten in die Prüfung der 
Beweisführung aus technischen 
Merkmalen ein. Zuvor möge es 
jedoch gestattet sein, den Stand 
der beiderseitigen Meinungen noch 
einmal kurz zu wiederholen. 

In dem mehrangeführten Buche 
,,Die Backsteinbauwerke des Preußi- 
schen Staates" ward im Jahre 1860 
die Klosterkirche dargestellt als 
ein Bauwerk der Zeit von 11 49 
bis 1159; nur die beiden Neben- 
chöre mit ihren Apsiden, die Haupt- 
apsis, die ganze Krypta und die 
westliche Turmfront wurden, der 
reichen, ausgesprochen spätromanischen Formgebung wegen, der Bautätigkeit des 
13. Jahrhunderts zugeschrieben. Neuerdings, nach dem Erscheinen meiner Arbeit, 
hat Herr Adler — wie schon oben erwähnt — auch noch die östliche Mauer des 
Hauptchors, alle oberen Hauptgesimse, die beiden Giebeldreiecke des Kreuz- 
schiffes und die Vierungsbogen diesem 13. Jahrhundert zugewiesen — für welches 
Jahrhundert ich meinerseits nach wie vor das ganze Werk in Anspruch nehme. 
Zunächst zu den Nebenchören. Nach der von mir bestrittenen Meinung 
sollen sie dem Hauptbau der Kirche etwa 50 Jahre nach dessen Herstellung an- 
gefügt worden sein. Dies wird in den ,, Backsteinbauwerken" einzig und allein 
mit Berufung darauf begründet, daß ,,die Plinthen an den Nebenchören (und 
Türmen) in Backstein, die der übrigen Kirche in Sandstein hergestellt" seien. 




Osten. 



Abb. 60. Mittelschiffswand in Chorin. 



256 

Da ich in meinem Aufsatz vom Frühjahr 1884 weder die „Backsteinbauwerke" als 
Quelle, noch deren Verfasser als Verbreiter der bisher geltenden Ansichten 
nannte, so war ich der peinlichen Mühe überhoben, über den Wert oder Unwert 
jenes Versuchs einer Begründung mich eingehender zu äußern. Hierzu schreite 
ich nun heute, indem ich den Begründungsversuch für gänzlich mißlungen erkläre. 
Er ist mißlungen, weil die Tatsache, auf welcher die Begründung fußt, nicht be- 
steht. Es liegt hier ein mir unbegreiflicher Beobachtungsfehler vor, denn es 
ist nicht richtig, daß die Plinthen der Nebenchöre aus Backstein 
bestehen, sondern es besteht an der Klosterkirche von Jerichow nur die Plinthe 
des nördlichen Nebenchors aus Backstein, die des südlichen jedoch in gleicher 
Weise wie die Plinthe des Hauptbaues — aus Sandstein. Ich hatte den Punkt 
damit erledigen wollen, daß ich auf die Bedeutungslosigkeit eines Materialwechsels 
in der Plinthe mittelalterlicher Backsteinbauten hinwies und anführte, wie „für 
verschiedene Teile eines solchen Gebäudes eine verschiedene Bauzeit nicht daraus 
hergeleitet werden kann, daß die Mauerplinthe an den einen aus Sandstein, an 
den anderen aus Backstein besteht". ,, Derartige Erscheinungen treten ja im 
Mittelalter und im Ziegelbaugebiet sehr häufig auf, den Stempel des Zufälligen 
an der Stirn tragend." Herr Adler erklärt nun, daß er meine letzte Behauptung 
,,so lange als eine unbegründete und willkürlich formulierte bezeichnen" müsse, 
als ich nicht ,,aus der hier in Rede stehenden Periode sichere und zutreffende 
Beispiele nachgewiesen" haben werde. Ein auch weiter ausgedehnter Nachweis 
für die Richtigkeit meiner Worte würde zwar nicht schwer fallen, dürfte aber nach 
dem Vorgesagten kein Interesse mehr bieten: an unserer Kirche selbst haben 
wir das sichere und zutreffende Beispiel: die Nebenchöre sieht doch auch Herr 
Adler als miteinander gleichzeitig entstanden an, und trotz dieser Gleichzeitigkeit 
hat der eine von ihnen eine Sandstein-, der andere eine Backsteinplinthe. Es 
wird hierdurch bewiesen, daß man auch bei diesem Bauwerk mit den vorhandenen 
Werksteinvorräten gewirtschaftet hat, solange sie vorhielten, und daß man, wo 
und wann sie ausgingen, ohne Rücksicht auf Gleichmäßigkeit zum Backstein griff, 
genau, wie ich dies früher ausgeführt habe. 

Neuerdings wird nun aber noch ein weiterer Beweisgrund für die Annahme 
eines später erfolgten Anbaues der Nebenchöre ins Feld geführt. Wir werden 
auf die Lisenen aufmerksam gemacht, welche in den Ecken zwischen Hauptchor 
und Kreuzschiff sichtbar sind und deren Vorhandensein beweisen soll, daß ,, diese 
Ecken einst freigestanden haben, als statt der jetzigen Nebenchöre noch kleinere 
Nebenapsiden vorhanden waren". Ich führe diese Stelle im Wortlaut an, um 
klarzustellen, daß die Adlersche Hypothese einer nachträglichen Anfügung der 
Nebenchöre nicht besagen will, es sei an Stelle dieser Nebenchöre ursprünglich 
gar nichts vorhanden gewesen. Das letztere würde auch nimmermehr behauptet 
werden dürfen angesichts der die Ostwände der Kreuzarme durchbrechenden 
Bogen i (Abb. 61), welche, wie der erste Blick lehrt und die gründlichste Unter- 
suchung bestätigt, von Anfang an bestanden haben. Diese Bogen sollen sich 
nun — so will Herr Adler — ehemals nach kleinen Nebenapsiden hin geöffnet 
haben. Für die Anlage solcher unmittelbar an die Kreuzarme anschließenden 
Nebenapsiden gibt es ja bekanntlich auch sehr viele Beispiele. Daß sie aber 
hier, in Jerichow, dagewesen sind, halte ich für unmöglich, und zwar aus folgenden 
Gründen: In Hinsicht auf den Grundriß derartiger Nebenapsiden ist eine doppelte 
Lösung denkbar, je nachdem das innere Halbrund auf die Leibung des Eingangs- 



257 



w-^ 




pfeilers ausläuft oder hinter dieselbe zurücktritt (Abb. 62, .1 und B). Die erste 
Lösung ist die bei weitem häufigere. Wollten wir annehmen, daß sie bei unserer 
Kirche anfangs bestanden hat, so würde daraus folgen, daß zwar die westlichen 
Eck-en der Eingangspfeiler p und der Bogen darüber von jeher vorhanden 
gewesen, daß die östlichen Ecken derselben Pfeiler und Bogen aber erst nach 
dem Abbruch der kleinen Nebenapsiden hergestellt worden sind. Die Spuren 
eines derartigen Anflickens von abgestuften Ecken an Pfeilern und Bogen wurde 

man jedoch bei einem 
Rohbau nicht haben 
unterdrücken können, 
sie müßten heute noch 
sichtbar sein. Solche 
Spuren sind aber keines- 
wegs zu sehen, vielmehr 
zeigen die Bogen / und 
die Wandpfeiler, von 
denen sie getragen wer- 
den, nach Osten und 
nach Westen hin die 
gleiche sorgfaltige, bei- 
derseits sichtlich ur- 
sprüngliche Ausführung 
r- , n und, was die Pfeiler an- 

geht, in den Leibungen 
den besten Verband (die Leibung der Bogen ist auf dem mittleren Teil geputzt). 
Elin sicherer Beweis für die Ursprünglichkeit der östlichen Ecken dieser Pfeiler liegt 
aber darin, daß sie, gleichmäßig wie die westlichen Teile der Pfeiler, und bis in die 
letzten Winkel hinein, von dem Kämpfergesims umzogen werden. — Noch 

weniger kann die Mög- 
lichkeit einer ehemali- 
gen Anlage nach Grund- 
riß B (Abb. 62) in Frage 
kommen. Um diesklarzu- 
machen, kopiere ich eine 
Abbildung des Adler- 
schen Aufsatzes (Abb. 63, 
nach S. 489 d. Zentralbl. 
der Bauverw. 1884), 
in die ich jedoch zwei 
Linien hineinpunktiere. 
Aus dem geringen Ab- 
stand a b dieser Linien 
ist dann zu ersehen, daß, die Lösung B vorausgesetzt, für die angenommene Neben- 
apside nur eine sehr geringe Mauerstärke verbleiben wurde. Der Ausdehnung 
dieser Mauerstärke ist nämlich einerseits durch das in der perspektivischen Dar- 
stellung sichtbare Stück eines Plinthengesimses die Grenze gezogen, andererseits durch 
die Pfeilerecke. Wird zwischen dem P2nde des Stumpfes von Plinthengesims und der 
äußeren Mauerflucht einer Nebenapside der Plinthenverkröpfung wegen ein Zwischen- 

Schäför, Gesammelte Aufsätze. 1' 



W< 





->0 



Abb. 62. Grundriß. 



258 



n,b 



raurn von 8 cm, nämlich das Maß der Ausladung der Plinthen, angesetzt, zwischen 
der inneren Mauerflucht und der nächsten Pfeilerecke aber ein Zwischenraum gleich 
einer Backsteinbreite, so verbleibt an Mauerstärke nach genauer örtlicher Auf- 
nahme das geringe Maß von ii Zentimetern. Eine, zumal gewölbte, Neben- 
apsis mit einer Mauerstärke von 1 1 cm ist aber undenkbar; die vorhandenen 
Apsiden der Nebenchöre behelfen sich auch keineswegs mit einer Mauerstärke 
von II cm, sondern haben eine solche von 76 Zentimetern. 

Wenn ich nun hiernach die Annahme, daß die Klosterkirche ursprünglich 
Nebenapsiden unmittelbar an den Kreuzarmen besaß, verwerfen muß und statt 
dessen wiederholt die Gleichzeitigkeit der vorhandenen Nebenchöre mit Chor und 
Kreuzschiff behaupte, so wird man von mir verlangen dürfen, daß ich das Vor- 
handensein der ,,Aechsellisenen" erkläre, welche in Abb. 63 mit x und x' 
bezeichnet sind und welchen in den Darlegungen auf S. 489 des Zentralbl. d. 
Bauverw. 1884 eine so wichtige Rolle zugewiesen wird. Tatsächlich sind sie weniger 
wichtig, denn wir haben es in diesen Aechsellisenen nur mit dem Anzeichen dafür 
zu tun, daß an der betreffenden Stelle einst eine jener Planänderungen 
während der Ausführung stattgefunden hat, wie sie uns in hinterlassenen 
Spuren an den Denkmälern des Mittelalters in so übergroßer Zahl entgegen- 
treten. Mir ist das Vorhandensein dieser Lisenen ein Zeugnis dafür, daß man 
bei Aufführung der östlichen Teile der Kirche be- 
züglich der reicheren oder einfacheren Ausgestaltung 
des Grundrisses einen Augenblick geschwankt, und 
daß man in der Tat in einem gewissen Zeitpunkt 
eine Ausfuhrung ohne Nebenchöre, aber auch ohne 
Nebenapsiden beabsichtigt gehabt hat. Während 
aber davon, daß diese Absicht zur Ausführung ge- 
langt wäre, gar keine Rede sein kann, muß um- 
gekehrt angenommen werden, daß man von jener 
Absicht, unmittelbar nachdem man ihr durch An- 
lage der Aechsellisenen Ausdruck verliehen, wieder 
Abstand genommen hat, denn unmittelbar neben dem Stumpf des Plinthengesimses 
der Abb. 63 stehen die Kanten des Pfeilers, der den Eingangsbogen zu einem 
Nebenchore trägt. In der kurzen Spanne Zeit, wie sie zwischen dem ■ Hin- 
mauern des Gesimsstumpfes und dem der Pfeilerecken anzunehmen ist, war man 
von dem Vorhaben, die Kirche ohne Nebenchöre auszuführen, zurückgetreten. 
Eine der betreffenden Lisenen war damals erst 2V4 m hoch aufgeführt und bricht 
in dieser Höhe noch heute ab. Ich nehme hier also an, daß in bezug auf diesen 
einzelnen Punkt der Bauplan der Kirche während der Ausführung geändert 
wurde. Damit nehme ich aber etwas an, was im Mittelalter außerordentlich 
häufig vorgekommen ist. Nach meinen Beobachtungen wenigstens. Sollte ich 
aufgefordert werden, die Richtigkeit der letzteren durch Beispiele zu belegen, so 
würden mir deren in großer Zahl zu Gebote stehen. Zur Zeit beschränke ich 
mich auf die Anfuhrung eines einzigen Beispiels, wiederum von der Kloster- 
kirche selbst entnommen. Etwa 6 m von den besprochenen Aechsellisenen ent- 
fernt liegen nämlich auf der Wand des Kreuzarmes neben den Nebenchören 
äußere Lisenen, die in der Adlerschen Grundrißskizze auf S. 489 des Zentralbl. d. 
Bauverw. 1884 nicht gezeichnet sind (s. jedoch c in Abb. 61 u. 65). Diese Lisenen 
brechen jetzt ebenfalls in bestimmter Höhe roh ab. Als man sie anlegte, hat 




Abb. 63. 



259 

ohne allen Zweifel die Absicht bestanden, diese Anlage in irgend einer Höhe zu 
einer Lösung zu führen; auch hier aber ist während der Ausfiihrung eine Flan- 
änderung eingetreten. — Ganz ebenso wie das Auftreten der Aechsellisenen 
erklart sich der Umstand, daU der Pfeiler i (Abb. 6i) der Mauer ohne Verband 
vorgestellt worden ist. 

Ich erwähne zum Schluli hier noch eines Punktes, der mit starker Ikweis- 
kraft für meinen Satz von der Gleichzeitigkeit der Nebenchöre mit dem übrigen 
Bauwerk spricht. Beweisend für diesen Satz ist die völlige Gleichheit der 
Kampfergesimse auf den Pfeilern p und bei r (Abb. 6i). An diesen Stellen 
erblicken wir beiderseits das merkwürdige Kämpferprofil, Abb. 64. Wer wird 
annehmen, daß dieses Profil bei p und bei r sich wiederholen würde, wenn die 
Pfeiler p von 1150 und die Pfeilerecken r von 1210 wären? 

Bei Besprechung der Frage wegen Entstehung der Krypta werde ich mich 
kürzer fassen können. Darüber, daß der westliche, unter der Vierung der Kirche 
belegene Teil der Krypta ein späterer Einbau ist, besteht keine Meinungs- 
verschiedenheit. Wohl aber bezüglich der östlichen Hälfte. Diese erklärt Herr 
Adler im Gegensatz zu meiner Meinung gleichfalls für nachträglich eingebaut. 
Die Grunde, die er hierfür angibt, sind geeignet, Befremden hervorzurufen. Er 
teilt zunächst mit, daß die Wandsäulen, welche unter dem Chorquadrat die 
Gewölbe der Krypta tragen, der Wand bloß angelehnt sind. Dies ist auch 
Tatsache. Aber kann hieraus geschlossen werden, daß man es bei diesen Säulen 
mit nachträglichen Einbauten zu tun hat? Die Säulen werden in die 
Zeit von etwa 12 10 gesetzt. Damit bin auch ich einverstanden. Nun 
ist aber allgemein bekannt, daß um diese Zeit derartige gewölbtragende 
= Säulen fast immer den Wänden nur angelehnt worden sind. 
^ Gelten doch die angelehnten Wandsäulen geradezu für ein Kenn- 
= zeichen der betreffenden Kunstperiodel Dieser Versuch der Begrün- 
^ düng der althergebrachten Meinung darf gewiß als hinfällig bezeichnet 
werden. 

' ■ ''■ Weiter aber wird behauptet, auch die Schildbogen des Krypta- 

Gesims gewölbes unter dem Chorquadrat ermangelten des Verbandes mit den 
Mauern. Ich begreife vor allem nicht, wie dies festgestellt worden ist. 
Die Flächen dieser Schildbogen und der anstoßenden Wände zeigen sich nämlich 
mit einer gleichmäßigen, augenscheinlich sehr alten Kalkschicht verputzt, an welcher 
kein auch noch so feiner Haarriß, weder in den Ecken, noch an den Wänden, auf 
eine Ansatzfuge innerhalb des Mauerwerks zu schließen gestattet — an welcher bis 
auf den heutigen Tag keinerlei absichtliche Schädigung, nicht die geringste, etwa 
mit einem Messer ausgeführte Einritzung Kunde davon gibt, daß hier jemals eine 
bauanalytische Untersuchung beabsichtigt worden wäre. Zu was in aller Welt hätte 
eine solche freilich auch angestellt werden sollen? Wenn sie, heute noch vor- 
genommen, ergäbe, daß die Schildbogen oberhalb der Gewölbanfänger (diese 
müssen ja selbstverständlich eingemauert sein) ohne Verband mit der Mauer 
dastehen, würde dies als Anzeichen für eine nachträgliche Einfügung aufzufassen 
sein? Ich denke nicht, vielmehr ist ganz bekannt, daß man derartige schwere 
Schildbogen des Setzens wegen in der Regel außer Verband mit der Mauer 
ausführte, ebenso wie man noch heute einen Bogen, ein schweres Gewölbe, 
eine Bruckenstirn aus gleichen Gründen mit den davorliegenden Stirnwänden 
nicht in Verband setzt. Auch hier ist also von einem erbrachten Beweise oder 

17 



26o 

auch nur davon, daß etwas wahrscheinlich gemacht worden wäre, keine Spur zu 
erblicken. 

Nach den eingehendsten örtlichen Studien erklärt Herr Adler die Haupt- 
apsis mit der anstoßenden Giebelwand für ein späteres Anfügsei an den Kern- 
bau des 12. Jahrhunderts. Vor 22 Jahren galt nur die Apsis als angefügt. Diese 
ältere Annahme hatte zur Folge, daß man an der Stelle n (Abb. 6i) nach einer 
Fuge zwischen altem und neuem Mauerwerk suchte, die aber nicht zu finden war. 
Vielmehr zeigte sich hier ein einheitlicher und ursprünglicher Mauerverband. 
Nachdem die Giebelwand zu den erneuerten Teilen hinzugerechnet, könnte es 
scheinen, als wäre das Bestehen oder Nichtbestehen der neuen, nunmehr in das 
Innere des Mauerwerks gerückten Ansatzfuge nicht festzustellen. Dies ist aber 
umgekehrt außerordentlich leicht, weil diese Ansatzfuge (o in Abb. 6i) äußerlich 
da zutage treten müßte, wo die gegen den Hauptbau nur halbhohen Nebenchöre 
ihren Abschluß gefunden haben. Sie müßte in der Gegend der Linie a h in 
Abb. 65 sichtbar werden. Sie wird aber nicht sichtbar! Ich darf mich der Mühe 
überhoben erachten, den Lesern eines technischen Blattes die Unmöglichkeit dar- 
zulegen, einem bestehenden Rohbau auf große Höhen Bauteile anzufügen, ohne 
daß hiervon an den Anschlußstellen Spuren, und zwar zweifelloser Art, deutlich 
wahrnehmbar blieben (auch Herr Adler ist von dieser Unmöglichkeit überzeugt, 
denn er hat, weil zwischen Hauptapsis und Chorgiebelwand Anschlußfugen nicht 
vorhanden sind, neuerdings sich entschlossen, diese beiden Teile entgegen dem 
Standpunkt von 1860 als gleichzeitig anzusehen). Die oben erwähnte Fuge mußte, 
wenn vorhanden, aber auch im Inneren aufzufinden sein, denn auch im Inneien 
steht die Kirche im Rohbau; es ist jedoch auch im Inneren von der Fuge zwischen 
Giebelwand und Langwänden nichts zu entdecken. 

Und nun will ich hier zwei zur Erörterung stehende Punkte zusammenfassen. 
Auch die Vierungsbogen, hat es geheißen, sind in ihrer heutigen Gestalt, was 
den oberen Teil angeht, Erneuerungen. Wenn dies alles richtig wäre, so 
müßten auf der nördlichen Hälfte der Kirche Ansatzfugen aufzufinden sein, und zwar: 

2 Fugen zwischen üstgiebel und Langwand, 

8 „ an den ebenfalls im Rohbau ausgeführten Vierungsbogen, auf der 

Hintermauerung oder beim Anschluß derselben an die Mauern — also 

zusammen 



10 Fugen; dazu kommen dann noch 

10 ,, für die entsprechenden Stellen der Südhälfte; dies würde die Summe von 

20 ausgedehnten Ansatzfugen ergeben, welche dem Auge des Beschauers 

gegenübertreten müßten, wenn die Adlersche Darstellung von der Entstehung 
dieser Kirche begründet wäre. Von keiner dieser zwanzig Fugen ist aber 
auch nur eine Spur vorhanden, also ist jene Darstellung unbegründet. 

Die Ursachen, welche zu der angeblichen Erneuerung der Vierungsbogen 
geführt haben sollen, sind in den Wirkungen eines Brandes gesucht worden, 
der — so wird vermutet — auch Veranlassung zur Erneuerung der Hauptgesimse 
und Kreuzschiffgiebel geworden ist. Die Gesimse laufen an den Langwänden 
wagerecht, steigen aber an den Giebeln in Schräglinien empor. Es wäre nun 
ein eigentümliches Ergebnis jenes Brandes und seiner Folgen, daß sich an allen 
diesen Bauteilen der Abbruch der Gesimse und Giebelmauern ausnahmslos bis 



26 1 




auf entsprechend gleiche Höhe als notwendig ergeben, daß man es nicht fur 
angängig gehalten hätte, beispielsweise einen Teil der Giebeldreiecke zu erhalten. 
Eine so gleichmäßige Hoiizontalwirkung des Feuers kann man in der Tat kaum 
als in den Grenzen der Möglichkeit liegend voraussetzen. Abgesehen hiervon 
findet sich aber im ganzen Umfange der Kirche nicht die geringste Bestäti- 
gung einer solchen Annahme. Vergleicht man die F"lächen der Kreuzschiff- 

giebel mit den darunterliegen- 
den Wandflächen, so sieht man 
nicht den leisesten Unterschied 
in dem Maß, der Oberflächen- 
beschaffenheit und der Farbe der 
Backsteine, keine Abweichung 
im Verband, in der Größe oder 
dem Aussehen der Fugen; was 
Luft, Wasser und ansetzende 
Moose an den Mauerflächen ge- 
wirkt und geändert haben, ist 
genau dasselbe oben wie unten. 
Wie behauptet werden kann, 
Ziegelmaterial und Technik 
unterschieden die Giebeldreiecke 
von den Mauern unterhalb der- 
selben, ist mir nicht verständ- 
lich. Denn wenn ein hoher 
Preis auf die Namhaftmachung 
eines hier bestehenden Unterschieds gesetzt würde, so wijßte ich nicht, wie 
selbst der scharfsichtigste Techniker es ermöglichen wollte, diesen Preis zu er- 
ringen. Daß die Gesimse der Langseiten nicht erneuert worden sind, sieht 
man außerdem zweifellos an den neben ihnen hinaufsteigenden Flächen der 
Lisenen, an denen gleichfalls technische Abweichungen zwischen dem unteren und 

oberenTeil nicht vorhanden sind. 
Die Kämpferprofile sind 
es dann schließlich noch, durch 
deren Betrachtung das Gebäude 
in zweierlei Bestandteile, in 
solche des zwölften und solche 
des dreizehnten Jahrhunderts auf- 
gelöst werden soll. Es werden 
uns reichere und einfachere 
Profile vorgeführt, und es wird 
die reichere Form eine flüssig- 
reife, die einfache eine schwer- 
fällige genannt. Die letztere 
wird fur die notwendig ältere ausgegeben. Wie sehr mit Unrecht! ,,Wer die Einzel- 
bildungen der romanischen Baukunst in Sachsen einigermaßen kennt", von dem 
wird behauptet, er werde nicht zweifelhaft sein, die ,,flussigreife" Form fur spät, die 
,, schwerfällige" für früh anzusehen. Ich glaube, die Mehrzahl jener Kenner wird 
sich nicht hierzu bereit finden lassen, sondern wird sich darüber klar sein, daß 



Abb. 65. Ansicht. 





Profil , vermeint- 


Protil aus 


l'rutil, vermeint- 


Profil aus 


lich für das 


Paulin/.eUe 


lich für da» 


Schönhaiisen 


l:i. .lahrhundert 


ni9. 


12. Jahrhmidert 


1212. 


beweisend. 




heweist'Hil. 





Abb. 66. 



Abb. 67. 



262 

die vermeintlich späte, für das dreizehnte Jahrhundert in Anspruch genommene 
Form überall sehr viel früher vorkommt, und ebenso die vermeintlich frühe Form 
auch sehr spät. In den beigefügten Abb. 66 u. 67 stelle ich mit dem angeblich 
frühen Profil einen Kämpfer aus Schönhausen (1212) und mit dem angeblich 
späten Profil einen Kämpfer aus Paulinzelle (1119) vergleichend zusammen. 
Weiterer Erläuterungen zu dieser Nebeneinanderstellung darf ich mich ent- 
halten. 

Die Fenster der Hauptapsis, ihre Lisenen, alle oberen Gesimse, die ganze 
Krypta und die Vierungsbogen tragen die Kunstweise des dreizehnten Jahr- 
hunderts zur Schau; das ist längst zugestanden. Von diesen Teilen aber sind die 
übrigen durch keine Naht getrennt, sondern alles ist im Mauerverbande untrenn" 
bar verwachsen. Das Nichtvorhandensein der vielgenannten Ansatzfugen macht 
es unausführbar, irgend ein Stück des Bauwerks für die Zeit von 1 149 bis 11 59 
zu retten. Das Bauwerk kann aus technischen Gründen nur für ein einiges 
unzerreißbares Ganzes erklärt werden; es ist in allen seinen Teilen eine 
Schöpfung der Zeit nach 1200. Kann demgegenüber der Einwendung Wert 
beigelegt werden; ,, reine Säulenbasiliken" wie diese kenne man in Norddeutsch- 
land (wo es deren im ganzen nur sehr wenige gibt) bisher keine nach 1170 
entstandene.^ Oder der Einwendung, in der Zeit, die ich als Bauzeit annehme, 
in der Zeit bald nach 1200, sei die Herstellung einer solchen Kirche mit flacher 
Decke statt des Gewölbes unwahrscheinlich? Läßt sich die letztere Ansicht über- 
haupt aufrecht halten? Doch wohl sicherlich nicht! Die Verwendung der flachen 
Decke stirbt ja im mittelalterlichen Kirchenbau überhaupt nicht aus, und oft sind 
sogar in Orten mit tonangebenden Gewölbebauten nach deren Vollendung andere 
Kirchen mit flachen Decken ausgestattet worden. In der Nähe von Jerichow 
haben die romanischen Kirchen von Schönhausen (12 12), St. Nikolaus in Branden- 
burg (etwa 12 15) noch flache Decken, ebenso die unfern gelegenen, sogar schon 
gotischen Klosterkirchen von Dambeck (nach J224) und Neuendorf (1280), von 
den kleineren Kirchen im Lande Jerichow zu schweigen. Mit diesen letzteren, 
besonders aber mit der Kirche von Schönhausen hätte die Klosterkirche vor 
allen Dingen verglichen werden sollen, wenn es Vergleiche anzustellen galt. Der 
Vergleich zwischen Schönhausen und Jerichow ist im höchsten Grade lehrreich; 
denn erstgenannte, ziemlich bedeutende Kirche (ihr Mittelschiff iat nur um ein 
Zehntel weniger breit als das von Jerichow) ist in nächster Nähe von Jerichow 
und unter möglichst gleichen Bedingungen entstanden. Ihre Bildungen aber 
zeigen überall mit denen der Klosterkirche die größte Verwandtschaft, und sie, 
die Schönhausener Kirche, ist urkundlich sicher datiert, und zwar von — 1212I 
— Auf die ebenfalls wichtige Vergleichung mit der ehemaligen Dorfkirche von 
Jerichow und auf die Frage der Zeitstellung dieser Kirche möchte ich zurück- 
kommen, sobald ich in der Lage sein werde, Aufnahmezeichnungen von diesem 
noch nicht veröfientlichten Werke vorzulegen, ohne welche Zeichnungen eine 
Erörterung der auch hier sich widerstreitenden Meinungen nie ganz verständlich 
werden kann. 

Ich eile zum Schlüsse und wiederhole an der Hand meines ersten Aufsatzes 
noch einmal die Baugeschichte der Klosterkirche, wie ich annehme, daß sie 
von jetzt ab zu lauten hat: 

,,Die Kirche ist in stetigem Wachsen nach einheithchem Plane in 
der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts entstanden. Der gewohn- 



263 

liehen Regel entsprechend ward der Hau im Osten begonnen, mit der 
Krypta, der Hauptapsis, den Chören, dem Kreuzschifife, bald nach 1200. 
Ihnen folgten die vier östlichen Felder des Schiffes. An dieser Stelle 
angelangt, hat das Werk eine kurze Zeit lang stillgelegen. I'ortgesetzt, 
entstanden im Zusammenhang miteinander das fünfte Schiffsfeld und der 
Unterbau der Türme. Nur die westliche, das Portal enthaltende Mittel- 
wand zwischen den Türmen ist aus Gründen des Haubetriebs eine Zeit- 
lang auf Fundamenthöhe liegen gelassen worden. Etwa 124O kam man 
zum Schließen dieser Wand, zur Herstellung des Westfensters und zum 
Weiterbau der Türme. Schon bald nach Fertigstellung des Chors und 
Kreuzschiffes ward die ursprünglich nur auf die Länge des Chors berech- 
nete Kr)'pta unter der Vierung hin verlängert." (Seite 243) Da der 
ganze Bau nachweislich dem 13. Jahrhundert angehört, so können 
sich die Urkunden, welche von einer Klosterkirche schon im 
12. Jahrhundert reden, nur auf den untergegangenen Erstlings- 
bau beziehen. 

Wer diese Auffassung von der Entstehung des Werkes anzweifeln will, 
würde sich dabei in erster Linie auf eine wirklich gründliche Untersuchung des- 
selben stutzen müssen. Wie wenig entsprechen aber die der gegenteiligen Ansicht 
zugrunde liegenden Erhebungen dieser Anforderung. Wie groß ist nicht die Zahl 
der Unrichtigkeiten in den bildlichen Darstellungen und in den Angaben über den 
örtlichen Befund. Viele dieser Irrtümer habe ich bereits angeführt; und viel 
derartiges würde man weiterhin noch aufzählen können. Es seien nur noch zwei 
Punkte erwähnt. In dem Atlas zu den „Backsteinbauwerken" sind die vier 
großen Vierungsbogen der Kirche irrigerweise als Rundbogen gezeichnet. In dem 
zugehörigen Text wird dann bemerkt, dieselben seien in ,, mäßig erhobenen Spitz- 
bogen konstruiert", und der Irrtum dadurch erklärt, daß eine Prüfung der Auf- 
nahmen erst stattfinden konnte, ,,als die Zeichnungen im Stich vollendet waren". 
Neuerdings wiederum, auf S. 490 des Zentralbl. d. Bauverw. 1884, wird behauptet, 
von diesen vier Vierungsbogen seien drei (infolge teihveiser Erneuerung) Spitz- 
bogen, der vierte, der östliche Bogen sei ein Rundbogen, ,,der einzige Rund- 
bogen". In Wirklichkeit aber ist auch dieser östliche Bogen kein Rundbogen, 
sondern ebenfalls ein Spitzbogen, von den anderen drei Vierungsbogen in nichts 
unterschieden. 

F'erner: Auf Seite 488 des Zentralblattes zieht Herr Adler den seiner Ansicht 
nach gleichzeitigen Bau des Domes von Havelberg in seine Beweisführung hinein, 
als einen Bruchsteinbau von Plötzker Sandsteinen, und meint: ,,Wie hatte sich 
nun 1 149, wo der Bau von Jerichow begann, der Baumeister dieser Kirche jenes 
Material entgehen lassen können ... Er stellte daher . . das reiche Plinthen- 
gesims für die ganze kreuzförmige Basilika aus Plötzker Sandsteinen 
her!" — In Wirklichkeit besteht nun aber das ganze — übrigens nicht reiche, 
sondern mehr als einfache, nämlich nur gefaste — Plinthengesims der ganzen 
kreuzförmigen Basilika nicht auf eines Zolles Länge aus Sandstein — 
weder aus Plötzker Sandsteinen, noch aus anderen — , sondern das ganze Plinthen- 
gesims der Basilika besteht ausschließlich aus Backsteinen! 

Mangel an Raum nötigt mich, mit weiterem Beweismaterial für die 
Richtigkeit meiner Ansicht zurückzuhalten, und ich sehe vor allem von 



264 

einer Vergleichung des Hauptbaues der Kirche mit dem westlichsten Teile der- 
selben — den ich überhaupt vorstehend von der Erörterung ausgeschlossen — 
vorläufig ab. 

Die Kirche von Jerichow steht vor jedermanns Augen da. Ich bin über- 
zeugt, daß, wer das Werk unbefangen studiert, sich meinen Ansichten iiber die 
Zeitstellung anschließen wird*), und es wiirde mich freuen, wenn diese die Geduld 
der Leser vielleicht über Gebühr in Anspruch nehmenden Erörterungen den 
Erfolg hätten, den einen oder anderen Architekten 7u einem Ausfluge nach dem 
interessanten, von der Eisenbahnstation Genthin aus unschwer zu erreichenden 
Oertchen zu veranlassen. Ein solcher Ausflug ist in mehrfacher Beziehung 
lohnend, zumal auch die Landschaft dieser Gegenden nicht ihres eigenartigen 
Reizes entbehrt. 



*) Vergl liirzu auch ,,Die Niederländischen Kolonien der Altmark im XII Jahrhundert" 
Berlin 1S89. Walther u. Apolant. Insbesondere S. 6 u. S. 51 ft' 



26s 



Leo von Kletize.'^ 



Zum Gcdäclitnis des hundertjährigen Geburtstags Kien z es hat der bayerische 
Architekten- und Ingenieur -\'ereiti am 29. Februar 1884 in München eine F"eier 
veranstaltet, welche unter zahlreicher Beteiligung der Bevölkerung in glänzendster 
Weise verlaufen ist. Das neueste Heft der Zeitschrift für Baukunde bringt den 
Wortlaut der bei dieser Gelegenheit gehaltenen Denkrede Franz v. Rebers und 
mit ihr ein anschauliches Bild von dem Lebensgang des berühmten Meisters. 
Wir entnehmen den Ausführungen des Redners folgendes: 

Leo v. Klenze wurde am 29. Februar 1784 auf dem Gute seines Vaters bei 
Hildesheim geboren. Zur diplomatischen Laufbahn bestimmt, bezog er die Uni- 
versität Berlin, hospitierte aber gleichzeitig die Bauakademie und studierte mit 
Schinkel nach dem trefflichen jüngeren Gilly. Nachdem er den Entschluß gefaßt, 
sich ganz der Baukunst zu widmen, wallfahrtete er nach Paris, wo Durand und 
Percier lehrten, und bereiste später Südfrankreich und Rom sowie Unteritalien 
und Sizilien. Hier lernte er wirkliche Griechendenkmäler kennen, und die Bekannt- 
schaft mit diesen ist es ja, die den Klassizismus Klenzes und überhaupt der nach- 
napoleonischen Zeit von demjenigen der Revolution und des ersten französischen 
Kaiserreichs unterscheidet. Zurückgekehrt und zuerst als Königlich Westfälischer 
Hofbaumeister in Kassel lebend, beteiligte sich Klenze an der 1814 veranstalteten 
Preisbewerbung zum Bau der Glyptothek in München, bei welcher er den ersten 
Preis errang. Er ward nach München gezogen, zum Hofbaumeister und später 
zum Ministerialreferenten für Kultusbauten ernannt und konnte 1816 seine dortige 
fast beispiellose praktische Tätigkeit beginnen. In München wurde damals teils 
noch im entschiedensten Zopfstil gebaut, teils in jenem seltsamen Dorismus, wie 
ihn die französische Republik aus der falschen Vorstellung von der Bauweise der 
Römer zur Zeit des Brutus und Collatinus herausgeklügelt hatte. Fähig, mit 
Klenze in einen baukünstlerischen Wettstreit einzutreten, waren eigentlich nur 
zwei Munchener Architekten, C. v. Fischer und Jean Metivier, von denen der 
erstere jung verstarb, während der genannte Franzose erst viel später Gelegenheit 
erhielt, sich größeren Aufgaben gegenüber zu bewähren. So kann es nicht wunder- 
nehmen, wenn Klenze während der nächsten fünfzehn Jahre ein Wirkungskreis 
von noch größerem Umfange zufiel, als er Schinkel in Berlin beschieden war. 
Von Anfang an gab sich der Münchener Meister als ein unbeugsamer Anhänger 
des Griechentums in der Baukunst. Auch wo er zu Planformen und Aufriß- 
motiven römischen Ursprungs oder zu solchen der Renaissance griff, war er be- 

*) Zuerst gedruckt im Zentrall)latt der Bauverwaltung 1884, S. 196. 



266 

strebt, sie in den Einzelteilen hellenisch umzugestalten. Indes der griechische 
Formenkreis erwies sich als beschränkt, und schon beim Bau der Glyptothek war 
Klenze genötigt, das Bedürfnis selbst an Zierformen teilweise durch Anleihen bei 
der Kunst der Römer zu decken. Was die Ausschmückung römischer Kon- 
struktionen mit hellenisierten Formen anbetrifft, so ist Reber — damals ein über- 
zeugter Anhänger Klenzes und ein Bewunderer dieses seines Verfahrens — heute 
freilich geneigt, das letztere mit der Arbeit eines Philologen zu vergleichen, 
welcher eine ciceronianische Rede ins Griechische übersetzt. Indessen hatten die 
Vorbilder, welche Klenze in seinen Bauten aufstellte, den Nutzen, daß sie die 
herrschende Verwilderung und Roheit gründlich entwurzelten. Vor allem war 
auch ein neuer Aufschwung der Baugewerbe die Folge. Der Glyptothek reihten 
sich Wohnhausbauten und der Palast Leuchtenberg an, dann das Tor zu den 
Arkaden des Hofgartens, die Reitschule, das Kriegsministerium. 

Unter König Ludwig vermehrten sich die Auftrage. In dem einen Jahre 
1826 wurden das Odeon, die alte Pinakothek, der Königsbau der Residenz, die 
Allerheiligenkirche und das Herzog -Max -Palais begonnen. An der Pinakothek 
wurde das folgewichtige Beispiel einer Ausfuhrung der Flächen in Ziegelrohbau 
aufgestellt. 

Erst 1830 begann der kunstsinnige König, dem alleinherrschenden Architekten 
andere Baukünstler zuzugesellen. Gärtner, Ohlmuller und Ziebland traten 
auf den Plan, die romantische Richtung kam in Wettbewerbung. Indes blieb 
Kienze noch vorbehalten, den Festsaalbau der Residenz und vor allem die Wal- 
halla bei Regensburg auszuführen, welchen mächtigen Werken die Ruhmeshalle 
auf der Theresienwiese und die Propyläen folgten — die Propyläen, die sich mit 
der Glyptothek und dem Kunstausstellungsgebäude zu jener herrlichen, jedem 
Architekten gegenwärtigen Baugruppe des Königsplatzes verbinden. Wuchs die 
Muße im Dienste des Königs, so nahmen den Künstler nun auswärtige Aufträge, 
oft von größter Bedeutung, in Anspruch; wir nennen die Isaakskirche und die 
Eremitage in St. Petersburg. Wir nennen auch Klenzes Leistungen auf dem 
Schwestergebiet der Malerei, seine landschaftlich-architektonischen Gemälde, Bilder 
aus Griechenland und Italien; wir nennen schließlich seine literarischen Arbeiten, 
die zum Teil von bleibendem wissenschaftlichen Werte sind: seine Arbeit über 
den Tempel des Jupiter in Agrigent, den Versuch einer Wiederherstellung des 
toskanischen Tempels, die ,, aphoristischen Bemerkungen auf der Reise nach 
Griechenland", die ,, Sammlung architektonischer Entwürfe". 

Mit Begeisterung schildert Reber am Schlüsse die überwältigende Persön- 
lichkeit des seltenen Mannes, welchen der Tod 1S64 der Mitwelt entrissen hat. 
,,Doch wichtiger als sein Bild sind seine Werke, welche nicht bloß das schönste 
Denkmal eines großen Königs und einen der wichtigsten Marksteine der Wieder- 
belebung deutscher Größe bilden, sondern auch Gegenstand kunstsinniger Bewunde- 
rung sein werden, wenn längst niemand mehr leben wird, der ihn wandeln sah." 



26/ 



lieber Baukonstruktionen.' 



I. 

Der Verfasser des nachstehenden Aufsatzes beabsichtigt, in zwangloser Folge 
und Anordnung sich über einige neuere und ältere Konstruktionen des Hochbaues 
zu äußern. Abgesehen von der technischen Seite der Sachen soll dabei auch den 
geschichtlichen Gesichtspunkten so gut als möglich Rechnung getragen werden, 
da dieselben in der Literatur über diese Gegenstände im allgemeinen wohl zu 
wenig Berücksichtigung finden, trotzdem die Betrachtung gerade des Entstehens 
und der Weiterentwicklung einer Konstruktion des Interesses fast nie zu ermangeln 
pflegt. 

Ein technisches Fachblatt bringt die Beschreibung einer neu erfundenen Ait 
von Verzinkung, der bekannten Verbindung zwischen zwei im rechten Winkel 





Abb. 68. 



Abb. 69. 



zusammentreffenden Brettern oder Bohlen. Die neue Art und Weise zeigt gegen- 
über der älteren, seit Jahrhunderten in Gebrauch befindlichen Vorzüge, welche 
sofort in die Augen springen, und es liegt die F"rage nahe: Wie hat die letzt- 
genannte, wenig zweckmäßige Verbindung in Gebrauch kommen können, und wie 
ist sie entstanden? Die beigediuckte Abb. 68 gibt eine Darstellung dieser bisher 
üblichen Verzinkung, und zwar im Zustande des Nachgebens. Die beiden zu 

*) Zuerst geiiiuckt im Zcntralblalt der Bauverwaltung 18S4, -S. 317 uml 1SS5, S. 469. 



268 



verbindenden Bretter sind am Hirnrande gezähnt, das eine mit parallel begrenzten 
Zähnen, das andere mit solchen von trapezförmigem Umriß, die sich nach außen 
hin verbreitern. Es ist klar, daß eine Sicherung gegen Ausdrängen der Ecke 
nur in der Richtung des einen Brettes geschaffen wird, nicht in der des anderen. 
Die ganze Verbindung pflegt zur Herstellung kastenförmiger Konstruktionen ver- 
wendet zu werden, wobei die dargestellten Bretter auf der oberen und unteren 
Seite durch einen Boden, einen Deckel usw. gefaßt und miteinander fest ver- 
bunden werden. Stellt sich auf diese Weise der Zusammenhang an den beiden 
Enden der betreffenden Kante von selbst her, so bleibt für die Verzinkung nur 
die Aufgabe, zwischen diesen Ecken das ihrige zu tun, d. h das Werfen der 
Bretter zu verhindern. An und für sich kommt sie dieser Aufgabe aber, wie 
die Abbildung zeigt, nur für das eine Brett nach, während dem anderen ein 
solches Werfen höchstens durch die Reibung in den Zinken und durch den Leim 
verwehrt wird. Es scheint mir einleuchtend zu sein, daß diese so ungenügend 
wirkende und trotzdem so lange in Verwendung gebliebene Verbindung ihre be- 
sondere Vorgeschichte haben muß, und ich möchte über ihre Entstehung eine 
Vermutung aussprechen. Das Verzinken 
von Bretterkanten kommt, wie vor allem 
bemerkt werden mag, in der norddeut- 
schen Gotik nicht vor, wenigstens ist mir 
kein Fall davon aus der betreffenden Zeit 
zu Gesicht gekommen. Dagegen gibt es 
eine Anzahl von süddeutschen, besonders 
bayerischen Schränken, an denen die 
Kränze mit Zinken verbunden sind, bereits 
aus dem 15. Jahrhundert. Fast alle 
größeren Sammlungen bieten derartige 
Beispiele. Ich möchte nun annehmen, 
daß der betreffende Verband im baye- 
rischen, überhaupt im süddeutschen Ge- 
birgsland zuerst aufgekommen ist und 
daß er einfach eine Umformung des dort 
seit den ältesten Zeiten üblichen Eck- 
verbandes der Blockbauten darstellt, 

welchen wir in Abb. 69 abbilden. Eine unvollkommene Umformung, denn bei 
dem Vorbild sind die Zähne beider W^ände keilförmig gearbeitet, und dürfen es 
sein, weil diese Wände streifenweise aufgeführt werden. 

In Abb. 70 führen wir die neue Verzinkung vor, welche die Firma Hespa & 
Lembach in Ottensen erfunden hat. Die Zähne beider Bretter sind gleich- 
gestaltet und nicht keilförmig, sondern von parallelen Einien begrenzt, aber in 
ihrer Richtung gegen die Brettkante schräg gestellt. Wenn die Ecken der Kante 
durch Boden gesichert sind, so ist ein Herausziehen aus dem Kantenverband für 
das eine wie das andere Brett völlig ausgeschlossen. Die Verbindung genügt 
also gegenüber einem Druck oder Zug im beiderseitigen Sinne und kann außerdem, 
da die Einkerbungen parallel begrenzt und an beiden Brettern dieselben sind, 
leicht durch eine Maschine hergestellt werden. 




Abb. 70. 



269 




Al)b. 71, 



II. 

Bei der Konstruktion des nachstehend abgebildeten Türschlosses ist der 
Versuch gemacht, gewisse Vorziige, welche verschiedene ältere deutsche Schlösser 
vor dem heutigen Kastenschloß unzweifelhaft besitzen, miteinander zu vereinigen. 
Gleichzeitig galt es, ein solches SchloQ in derartige Formen zu kleiden, daß es in 
Bauten mittelalterlichen Gepräges unter Wahrung des stilistischen Einklanges ver- 
wendet werden konnte. Im 
allgemeinen geht es nicht an, 
die Anordnungen . welche 
das Mittelalter den Tür- 
schlössern gegeben hat, un- 
mittelbar in unsere Neu- 
bauten zu übertragen. Und 
zwar ist die alte Art des 
Kastenschlosses die wenigst 
gut verwendbare. Beson- 
ders bei den Türen von 
Wohngebäuden reichen die 
alten Muster im Punkte der 
bequemen Handhabung für 
unser Bedürfnis nicht mehr 
aus. Eher noch bei Kirchenturen ist es möglich, diesen Vorbildern, die sich 
ja andererseits durch schöne, sachgemäße Durchbildung in formlicher Hinsicht 
empfehlen, ohne wesentliche Abänderungen zu folgen. 

Das gotische Kastenschloß (romanische Beispiele sind wenigstens mir mit 
Ausnahme eines etwas zweifelhaften Falles nicht bekannt) zeigt eine einigermaßen 

umständliche Einrich- 
tung. Auf den Tür- 
flügel ist nahe der auf- 
gehenden Kante der 
Kasten aufgesetzt, der 
aber keineswegs den 

schließenden Riegel 
birgt. Vielmehr liegt 
dieser außerhalb des 
Kastens meist über 
demselben frei auf dem 
Holz. In zwei Kloben 
gehend, wird er — im 
wagerechten Sinne — 
mit der Hand bewegt, welche dabei an einem langen, gegen den Riegel rechtwinklig 
gerichteten, mit ihm mittels Durchnieten verbundenen Arm angreift. Dieser 
Arm trägt am freien Ende ein Oehr. Ist der auf Schließen bewegte, übrigens 
um seine Längsachse drehbare Riegel weit genug vorgeschoben, so paßt dieses 




Abb. 72. 



270 

Oehr auf einen Ausschnitt im Scliloßkasten. In denselben eingeklappt, wird der 
Schlüssel bewegt und Oehr, Arm und Riegel festgeschlossen. Diese Einrichtung 
ist deshalb unbequem, weil beim Oeffnen des Verschlusses vier Griffe zu machen 
sind und beim Schließen sogar der Gebrauch beider Hände nötig wird.*) 
Was diese Schloßform dagegen auszeichnet, ist die gediegene Konstruktion des 
Kastens. 

Die betreffenden Kästen sind nämlich aus einem einzigen Stück (geschlagenen) 
Eisenblechs geschmiedet. Um dies möglich zu machen, setzen die Seitenwände 
an die Deckelfläche nicht unter rechtem, sondern unter stumpfem Winkel an. 
Mit den Seitenwänden endet aber der Kasten noch nicht, sondern es folgt noch 
ein äußerer Rand, der in eine Ebene parallel der Deckelfläche zurückkehrt, einen 
mannigfach verzierten Umriß aufweist und die Nagellöcher trägt, durch die 
hindurch der Kasten auf der Tür befestigt wird. Eine UnvoUkommenheit besteht 
noch darin, daß der Kasten gänzlich von der Tür abgenommen werden muß, 
wenn an dem Schlosse irgend etwas in Unordnung ist. Dies muß aber, vorweg 
bemerkt, im gleichen Falle auch mit allen unseren neuzeitlichen Schlössern ge- 
schehen. 

Die gedachte Herstellungsweise des Schloßkastens, welche demselben eine 
fast unbegrenzte Dauer gewährleistet, findet heutzutage ein Gegenstück nur bei 
den zuerst in Amerika aufgekommenen Schlössern mit einem gleichfalls einheit- 
lichen, weil in Metall gegossenen Kasten. Bereits das 16 Jahrhundert verschlechtert 
nämlich die Konstruktion des Kastens. Er wird von dieser Zeit ab nicht mehr 
geschmiedet, sondern aus zwei Stücken zusammengesetzt, aus dem jetzt senkrecht 
zur Holzfläche gestellten Umlauf und aus der diesen Umlauf allseitig frei über- 
ragenden, am Rande zierlich ausgeschnittenen Deckplatte. Beide Teile sind 
durch Nietung verbunden. Noch später wird die Platte einfach viereckig gestaltet 
und an der Kante des Umlaufs entlang abgeschnitten. Dies hat zur Folge, daß 
die Nietlöcher ganz hart an den Rand der Platte zu stehen kommen. Ganz und 
gar unsolid wird die Konstruktion durch unser unseliges Bestreben, die Ver- 
bindung solcher Eisenteile um jeden Preis zu verbergen. Ihm zu Liebe werden 
die Köpfchen der die Platte haltenden Niete versenkt und verschlifTen und dadurch 
in ihrer Haltbarkeit dermaßen beeinträchtigt, daß die Dauer eines unserer 
Kastenschlösser, wenn es viel benutzt wird, immer nur eine sehr beschränkte 
sein kann. 

Im 16. Jahrhundert kommen aber an den Stubentüren noch andere Schlösser 
auf, welche in gotischer Zeit nur auf der Innenseite von Kasten und Schranktüren 
Verwendung gefunden hatten. Es sind diejenigen, deren Mechanismus einer auf 
das Holz aufgenagelten Grundplatte aufsitzt, dem Beschauer gegenüber aber 
offen daliegt und welche nach der Meinung eines berühmten, nicht ganz vor- 
urteilsfreien Kunstschriftstellers zum Nutzen der Diebe und Liebenden erfunden 
worden sind. 

Das von mir konstruierte Schloß besitzt eine Grundplatte und einen Schloß- 
kasten. Mittels jener ist es ein für allemal fest auf die Tür aufgenagelt. Der 

*) Zwei Hände sind übrigens auch notwendig zur Handhabung eines derzeitigen Berliner 
Haustürschlosses, bei welchem vor dem Schlüsselloch ein sehr locker gehender Vorfall hangt, 
der mit der Linken zurückgeschoben und festgehalten werden muß, während die Rechte den Schlüssel 
fuhrt. 



271 



Schioßkasten hingegen ist mit der Vorderkante des Stulps drehbar verbunden 
und kann, wenn im Schlosse etwas nachgeselien werden soll, mittels Lösung 
einer einzigen Schraube aufgeklappt werden. Der Stülp ist an die Grundplatte 
angebogen und durcii eine aufgenietete (in der Zeichnung nicht sichtbare) Ver- 
dopplung verstärkt. Der Kasten wird aus einem Stück geschmiedet, was leicht 
angeht, da er den äuüeren aufgestülpten Rand nicht mehr besitzt. Er ist, um 
das Eindringen von Staub zu verhüten, auf die Platte gut aufgeschliffen. Das 
Schloß hat außerdem den altdeutschen, so äußerst bequemen Schlüsselleiter und 
einen Drückerverschluö. Es ist seit 15 Jahren vielfach aufgeführt worden und im 
Preise nur wenig teurer als ein gewöhnliches Kastenschloß. 



Westliche Turmfront der Liebfrauenkirche in Clialons a. d. Marne. 

(Mit I Tafel) 



Bekanntlich befinden sich die Architekten Frankreichs in der beneidenswerten, 
wenn auch bisher vielleicht nicht voll ausgenutzten Lage, im eigenen Lande sich 
erbauen und bilden zu können an einer geradezu staunenswerten Summe von 
Denkmälern aus dem lehrreichsten und formenprachtigsten Zeitalter der mittel- 
alterlichen Baukunst, aus der Zeit der beginnenden und reifenden Gotik. Unser 
deutsches Vaterland steht, was die Zahl der Werke dieses Stils anlangt, gegen 
das Nachbarland entschieden zuriick. Gemeinsam aber ist beiden, daß sehr viele 
und sogar sehr viele großartige und umfangreiche Beispiele dieser Kunstweise, 
drüben wie hier, noch der Veröffentlichung durch Bild und Schrift harren, trotz- 
dem erst diese Veröffentlichung sie für die Studien unserer Zeit in vollem Maße 
nutzbringend machen wird. Zu den fi ühgotischen Kirchenbauten des Landes 
jenseit der Vogesen, welche wir in Anbetracht ihrer Abmessungen Bauten zweiter 
Ordnung zu nennen berechtigt sind, gehört die Marienkirche in Chalons an der 
Marne. Innerhalb des gleichen engen Mauerrings zusammenstehend mit dem 
mächtigen, gleichfalls frühgotischen bischöflichen Dome und noch drei kleineren, 
ebenfalls beachtenswerten Kirchen, stellt sie sich dar als eine unendlich anziehende 
Schöpfung jener mächtig vorwärtsringenden, erfindungsreichen Tage. Wir geben 
von dem in der Literatur bisher ganz ungenügend gewürdigten Werke in unserer 
beistehenden Abbildung den AufriÜ der Westseite. 

Die Errichtung dieser Kirche ist bald nach 1158 begonnen und im wesent- 
lichen im zwölften Jahrhundert vollendet worden. Das Langhaus ist dreischiffig, 
das Kreuz einschiffig, der Chor wird von einem Umgang mit drei Kapellen um- 
zogen. In den Winkeln zwischen ihm und den Kreuzarmen finden sich zwei 
Türme angelegt, welche unausgebaut geblieben sind. Zwei andere Türme stehen 
an der westlichen Fassade. Das ganze Denkmal darf nicht dem sogenannten 
Uebergangsstile zugewiesen werden, sondern ist fertig gotisch. Denn spitzbogig 
gebildet sind die Schildbogen der Gewölbe, aufgelöst in leichte Wände und in 
Strebepfeiler erscheinen die Mauern, der Schub der Wölbung von Chor und 
Mittelschiff wird durch Strebebogen nach außen hin übertragen. Alle Profilierungen 
zeigen das Gepräge des neuen Stils, und der höchst mannigfaltige, besonders in 
den Friesen am Chor zu großer Schönheit sich aufschwingende Blätterschmuck 
ist aufgefaßt und behandelt genau in der Weise wie in unseren Bauten in Geln- 
hausen, Magdeburg (Chor) und Maulbronn. 

Der mitgeteilte westliche Aufriß spiegelt die Höhenteilung des Langhauses 
wieder. Dasselbe baut sich in vier Stockwerken auf, weil das Seitenschiff zwei- 



Zuerst gedruckt im Zentralblatt der Bauverwaltung 1884, S. 340. 






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273 

stöckig ist, also über den unteren Gewölben noch sogenannte Galerien besitzt. 
Auf diese folgt das die Höhe der anschießenden Pultdächer ausgleichende Triforium, 
eine Anordnung, welcher von unserer älteren, durch Nichttechniker gepflegten 
Kunstgeschichtschreibung (s. Schnaase, Geschichte der bildenden Kiinste, Band V) 
seltsamerweise der Vorwurf des ,, Pleonasmus" gemacht wird. Darüber setzt sich 
der Lichtgaden mit den Oberfenstern auf. Auf der mittleren Abteilung der 
Fassade ist das Geschoß des Triforiums mit dem des Lichtgadens zusammen- 
gezogen, um die erforderliche Höhe fiir Anlage der großen Rose zu gewinnen. 
Diese Rose bietet am ganzen Bauwerk den einzigen Fall der Verwendung von 
Maßwerk und stimmt gänzlich überein mit zwei Rosenfenstern in Auxerre und 
in Regensburg (an St. Ulrich). Die übrigen Oeffnungen und die Nischen der 
Westfront bedienen sich teils des Rund-, teils des Spitzbogens, welch letzterer an 
der Kirche sonst fast uneingeschränkt herrscht. An den in fein empfundener 
Linie aufsteigenden Türmen wirkt besonders günstig die verhältnismäßig starke 
Einziehung am Fuße des obersten Stockwerks, des Glockenhauses, und das kecke 
Uebersetzen des Helmes über diesem Glockenhaus. Gerade die prächtige Ent- 
wicklung der beiden Turmhelme ist es hauptsächlich, welche uns zur Mitteilung 
unserer Aufnahme bestimmt. Diese Helme sind beträchtlich später entstanden 
als das Steinwerk der Türme, gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts nämlich, 
während dieses noch im zwölften zur Fertigstellung gelangte. Trotz des Zeit- 
unterschiedes bilden beide Bestandteile ein Ganzes von sehr einheitlicher Wirkung. 
Der Uebergang in das Achteck jedes Helmes aus dem darunter befindlichen 
Viereck heraus mittels der vier vierseitigen Eckpyramiden ist bekannt und in der 
neuzeitlichen Architektur vielfach verwendet worden; an den mittelalterlichen 
Bauten selbst findet er sich seltener, als man denken sollte, in Deutschland 
wenigstens (schön ausgebildet ist er in Nordhausen zu sehen). Der Verbindung 
dieses klassisch zu nennenden Uebergangs mit der die Hauptpyramide unter- 
brechenden Laterne und mit den unteren hohen Dachfenstern danken diese Turm- 
spitzen ihre eigenartige Erscheinung. Sie sind auf Schalung mit Blei eingedeckt. 
Die eine von ihnen wurde vor einigen Jahrzehnten erneuert. 

Ueberhaupt ist die Kirche aus Veranlassung der in der Revolution über sie 
ergangenen V'erwustung in den fünfziger und sechziger Jahren restauriert worden, 
und zwar in sehr geschickter und gediegener Weise. 



Schüfcr, Gcsainineitc Aufsiitze. l^ 



274 



Der Neubau der Technischen Hochschule in Berlin;^ 



Von dem Tage des Jahres 1878 ab, an welchem man auf dem Grundstück 
„Am Hippodrom" mit dem Ausheben der Baugrube begann, bis zu dem jüngst- 
vergangenen, für die Baugeschichte BerHns denkwürdigen zweiten November sind 
kaum sechs Jahre verflossen. In diesem verhältnismäßig kurzen Zeitraum gelang 
es der Tatkraft und Umsicht der mit der Ausführung beauftragten Männer und 
der Unermüdlichkeit der mit der schätzenswerten Gabe des raschen Entschlusses 
begnadeten leitenden Architekten, das Riesengebäude, über dessen Einweihung 
wir in den letzten Tagen berichteten, zu gründen, emporzuführen und aus- 
zuschmücken. Das Zentralblatt hat bereits zu einer Zeit, als Künstler und Bau- 
handwerker auf der interessanten Baustelle noch in vollem Schaffen begriffen 
waren, Gelegenheit genommen, seine Leser nicht nur mit dem Bauplan, sondern 
auch mit den Veranstaltungen bekannt zu machen, durch welche die schon im 
Hinblick auf die kurze Bauzeit höchst bemerkenswerte Leistung ermöglicht ward. 
Im Jahrgang 1883 des Zentralblattes der Bauverwaltung wurde in den Nummern 45, 
46 und 48 der Hauptbau der Technischen Hochschule und in der Nummer 27 des 
laufenden Jahrgangs der Bau des zugehörigen chemischen Laboratoriums von 
berufenster Seite ausführlich besprochen und durch Abbildungen erläutert. Auch 
dem vor wenigen Tagen erstatteten Festbericht haben wir das Bild der Haupt- 
fassade und den Grundriß der Anlage noch einmal beigegeben. So dürfen und 
müssen wir denn darauf verzichten, das glücklich vollendete Werk wiederholt im 
ganzen Zusammenhang schildern zu wollen. Dagegen ist es unsere Absicht, 
und wir hoffen uns den Dank der Architekten damit zu erwerben, daß wir in 
zwangsloser Folge und wie es Raum und Gelegenheit erlauben, in kleineren 
Mitteilungen uns über besonders wichtige Bestandteile des Bauwerks und über 
gewisse Ausführungsfragen noch im einzelnen äußern. Wir beginnen heute mit 
einigen Angaben über die im engeren Sinne verstandene Ausschmückung des 
Hauses. 

Der Geist jener rühmenswerten altpreußischen Sparsamkeit ist es gewesen, 
der, nachdem die Jahre der , .heidenmäßigen" Geldfülle verflossen, wiederholt 
gegen übertriebenen Aufwand bei den öffentlichen Bauten und gegen ihre Ueber- 
ladung mit den Erzeugnissen der Bildhauerwerkstätte Stellung genommen hat, 
und es mag manches Künstlergemüt, besonders wenn die betreffenden An- 



*) Zuerst abgedruckt im Zentralblatt der Bauverw.altung 18S4, S. 463. 



275 

schauungen in unserem Landtage zum Wort gelangten, in banger Sorge sich eine 
Zukunft vor Augen gefuhrt haben, die es den allerdings wenig kostspieligen 
, .schönen Verhältnissen" ausschließlich überlassen würde, die Monumentalbauten 
des Staates gegenüber den Nut/.ausfuhrungen des alltiiglichen Lebens zu kenn- 
zeichnen. Solche Befürchtungen sind indes grundlos gewesen. Nur ein ungesundes 
Zuviel galt es zu beschneiden. Gerade bei unseren Staatsgebäuden, auch denen 
der letzten Zeit, ist man unentwegt vorangegangen mit der Bekämpfung jeder 
unsoliden Technik. Sie sind vielfach Vorbilder geworden für die Geltendmachung 
derjenigen BaustofTe, welche der Berliner Sprachgebrauch — von früher her das 
Unechte als gegeben betrachtend — ,, echte Materialien" nennt. Und ebenso ist, 
wo die Bestimmung der Gebäude es rechtfertigte, ein angemessener bildlicher 
Schmuck ihnen selten versagt geblieben. Vor allem auch das Haus der Tech- 
nischen Hochschule befriedigt den Beschauer in seinem Aeußeren durchweg und 
im Inneren fast ausnahmslos durch die Güte des verwendeten Materials auf der 
einen Seite und durch den stattlichen Bilderschmuck auf der anderen. Dieser 
entwickelt sich sogar in außergewöhnlich reicher Weise, was aber in den Zwecken 
des Hauses und dem Range, welchen ihm dieselben zuweisen, seine Begründung 
findet. 

Treten wir von der großen, nach Charlottenburg führenden Fahrstraße aus 
der Nord front des Haupthauses gegenüber, so erblicken wir im Säulen- 
geschoß des Mittelbaues links und rechts in Nischen aufgestellt die doppelt- 
lebensgroßen Figuren Schlüters und Lionardos da Vinci. Ihnen entsprechen an 
den Risaliten der langen Fassade: am östlichen die Standbilder des Bramante 
und des Erwin, am westlichen die von Stephenson und von James Watt. So 
glücklich die Auswahl dieser Vertreter der Künste und Wissenschaften, die in 
der Hochschule gelehrt werden sollen, so gelungen sind die Werke in Entwurf 
und Ausführung. Sie sind von den Bildhauern Hundrieser, Eberlein, Encke 
und Keil hergestellt worden, gleich den allegorischen Reliefs, welche die Bogen 
der Figurennischen bekrönen. In eigenartiger Weise schmückt sich ferner der 
Mittelbau mit fünf Büsten. Dieselben werden von Postamenten, welche die 
Balusterbrüstungen des Hauptgeschosses unterbrechen, getragen und stellen 
fünf weitere Größen aus dem Gebiete der Kunst und Technik dar, nämlich 
Gauß, Eytehvein, Schinkel, Redtenbacher und Liebig. Ihre Ausfuhrung ist dem 
Bildhauer Karl Begas zugefallen, während fünf Künstler: Reusch, Hartzer, 
Herter, Eberlein und Schuler sich in die große Aufgabe zu teilen hatten, 
die achtzehn mächtigen Gestalten zu formen, welche in der Front und an den 
Seiten der Attika des Mittelbaues vorgesetzt worden sind. Diese letzteren Figuren 
versinnbildlichen je ein Bauhandwerk oder ein technisches Gewerbe. Der in 
ihnen ausgesprochene Gedanke, die praktische Seite der Technik darzustellen, 
wird weiter fortgeführt in den auf gleicher Höhe die Zwischenweiten füllenden 
breitgestreckten Reliefs. Wir erblicken hier in vielgestaltigen Kompositionen die 
verschiedensten Vorgänge aus dem Kunst- und Baubetriebe, abschließend mit der 
Darstellung eines Richtefestes. Der Erfinder dieser Flachbilder ist Otto Lessing 
gewesen. Indes an diesem Mittelbau das bekrönende Figurenwerk sich vor dem 
Hintergrund der Attika entwickelt und dem Bau auf diese Art eine gerade, 
architektonische Abschlußlinie gewahrt wird, heben sich auf den Eckrisaliten der 
Nordfront figurliche Gruppen, auf dem Mittelrisalit der Südfront Einzelfiguren 
frei aufgestellt von der Luft ab. Auch bei ihnen haben wir es wieder mit 

l.s- 



276 

Allegorien zu tun, mit der Verkörperung von Wissenschaften, wie Astronomie, 
Optik, Geometrie, Kunstgeschichte, von Kiinsten, wie Malerei und Bildhauerkunst, 
ferner mit dem Handel, dem Maschinenbau, dem Eisenbahnbau usw. Den Bild- 
hauern Professor Lürssen, Franz, Karl Begas, Moser, Dorn und Schulz 
war Erfindung und Ausführung übertragen. Erwähnen wir nun noch, daß die 
ornamentale Skulptur der Fassaden den Bildhauern O. Lessing und C. Dankberg 
ihre Herstellung verdankt, und daß auch die Umgebung des Gebäudes bei der 
Verteilung des plastischen Schmuckes nicht leer ausgegangen ist, vielmehr die 
schönen Gartenanlagen an verschiedenen Stellen durch wertvolle Bronzen belebt 
werden — wir nennen eine reizende ältere Figur von Kiss und den bekannten 
Schinkelschen Brunnen, früher im Hofe der Gewerbeakademie aufgestellt — , so 
haben wir gesagt, was uns heute über die äußere Ausstattung des Hauses mit- 
zuteilen obliegt. 

In den Innenräumen tritt die Farbe in ihr Recht. Teils der Wechsel in 
der natürlichen Färbung kostbarer Materialien, teils Wandmalerei und Glasmalerei 
sind es, mit welchen der leitende Künstler hier gewirkt hat. Die Bemalung wird 
vielfach durch eine Ornamentation in Stuck unterstützt, besonders in den überhaupt 
reicher durchgeführten Räumen des allgemeinen Verkehrs, in der Eintrittshalle, 
der großen Lichthalle, den Treppenhäusern und Fluren.*) In erster Linie freilich 
wird der hier Eintretende gefesselt und gefangengenommen durch die rein 
architektonische Wirkung dieser zu einem Ganzen sich verbindenden Räume. 
Abmessung, Verhältnis und Teilung ist hier überall so glücklich getroften, daß 
in dieser Beziehung die Leistung auf der vollen Höhe heutigen Könnens steht. 
Der Wechsel in der Behandlung der einzelnen Bestandteile dieses Ganzen, die 
Verbindung derselben miteinander und die erzielten Steigerungen des Eindrucks, 
ebenso aber die vollendete Zeichnung aller Einzelheiten verraten dem Kundigen 
auf den ersten Blick, daß er es hier mit der Schöpfung gereifter Meister zu tun 
hat. Die Durchblicke, welche sich von der Lichthalle in die sie umgebender» 
Galerien, von diesen in jene hinein, aus den Treppenhäusern heraus nach der 
Lichthalle und den Galerien öffnen, sind in höchstem Grade reizvoll. 

Was die Farbe angeht, so walten in der Eintrittshalle dunklere, sonst 
im allgemeinen hell abgedämpfte Stimmungen vor. Dort tragen schwarze Granit- 
säulen mit Basen und Kapitellen aus Bronze eine Decke von Kreuzgewölben, die 
mit Stuck verziert und auf kräftig blauem Grunde bemalt worden sind. Kartuschen 
mit Künstlernamen verzieren die Kappenflächen. Auf den Wangen der Marmor- 
treppe, welche von dieser Halle aus weiter ins Innere führt, lagern zwei Sphinxe, 
von Brütt modelliert, in Lauchhammer gegossen. In der anstoßenden glas- 
bedeckten Lichthalle tragen die Architekturglieder meist helle Steintöne. Die 
breiten Flächen der Pfeiler des Erdgeschosses sind in Teppichart bemalt, dagegen 
die Zwickel über den von diesen Pfeilern getragenen Bogen mit allegorischen 
weiblichen Figuren, die in verschiedenen Verrichtungen der Kunst, des Bauwesens, 
der Technik begriffen sind, worin sie von Knabengestalten unterstützt werden. 
Auch hier haben wir es wieder mit Sinnbildern der Einzelfacher zu tun, die im 
Gebäude gelehrt werden sollen. Die einfarbig ausgeführten Bilder stehen in 
einem hellen Grau auf gelbem Grunde und rühren von M. v. Beckerath her. 



*) Vergl. den Durchschnitt im Zentralblatt der Bauverwaltung, Jahrgang 1S83, S. 419 und den 
Grundriß in der vorigen Nummer. 



■277 

In den beiden Stockwerken hierüber bestehen die Schäfte der gekuppelt hinter- 
einander aufgestellten Säulen aus dunklem Granit, ihre Basen und Kapitelle 
ahmen Bronze nach, die Flächen über den Bogen sind bemalt: einmal in Gelb 
und Grau mit Medaillons, die die Köpfe von Künstlern enthalten, das andere 
Mal mit Kartuschen und den Wappen der Hauptstädte Deutschlands: diese Dar- 
stellungen auf einem Grunde von Blau. Das diese Halle überdeckende Oberlicht 
zeigt auf den Hauptflächen einheitlich grünes Glas, nach Mustern zugeschnitten 
und verbleit, im einfassenden Friese ein Glasmosaik mit ausgesprocheneren 
Farben. Die Anlage dieses Oberlichts ist eine höchst geschickte zu nennen. 
Ein gewaltiger, kunstvoll durchgebildeter Sonnenbrenner hängt von der Mitte 
herab. Die Kreuzgewölbe der Galerie, in die man von der Lichthalle aus hinein- 
schaut, sind abwechselnd mit zweierlei Farbe des Grundes bemalt. Das prächtige 
Bild, welches dieser Mittelraum bietet, wird vervollständigt durch die Einblicke 
in die nach den Galerien hin geöffneten Treppenhäuser mit ihren Säulen aus 
Granit und Marmor, ihren Brüstungen aus Messingpfosten und schmiedeeisernen 
F"eldern, ihren korbbogenförmig gewölbten Decken mit schönen Stuckarbeiten. 
In der Lichthalle hat eine ältere Erzfigur, den Gründer der Bau- und der Gewerbe- 
akademie, Friedrich Wilhelm IIL in römischem Kleide darstellend, Aufstellung 
gefunden. Sie ist nach dem Modell von Kiss einst in der Gewerbeakademie 
ausgeführt worden und hatte ihren Platz ehemals in der Rotunde des alten 
Museums. In der Galerie des Hauptgeschosses stehen die bronzierten Gipsabgüsse 
der Figur Beuths, welche Rauch, und der schönen Figur Schinkels, welche für 
das Neuruppiner Denkmal kürzlich Wiese gefertigt. 

Es kann die Aufgabe eines fachwissenschaftlichen Blattes nicht darin gefunden 
werden, eine bauliche Schöpfung wie die in Rede stehende deshalb mit seinem 
ununterbrochenen Beifall zu begleiten, weil allseitig anerkannte Künstler die 
Schöpfer waren. Vielmehr liegt es im Allgemeininteresse, daß der einzelne 
rückhaltlos seiner Ueberzeugung Worte verleiht, wenn er die Reihe schöner und 
oft bewunderungswürdiger Leistungen durch eine minder gelungene unterbrochen 
zu sehen meint. So wollen wir denn auch nicht verhehlen, daß die farbige 
Behandlung, welche die geschilderten Räume im Neubau der Technischen Hoch- 
schule gefunden haben, uns eine zu unentschiedene deucht. Die verwendeten 
Farben treten, soweit sie mit dem Pinsel aufgetragen wurden, wesentlich in 
Halbtönen auf, die nach derselben Richtung hin gebrochen sind. Die Wirkung 
im ganzen erscheint uns als eine etwas flaue, und wir vermögen nicht recht ein- 
zusehen, was den in allen Sätteln gerechten Meister bestimmt hat, der farben- 
scheuen Gefühlsweise einer im Absterben begriffenen Zeitrichtung derartige Zu- 
geständnisse zu machen. Besonders mit Rücksicht darauf, daß sich in diesen 
Räumen Jünglinge bewegen, die, je früher, desto besser, mit den Grundsätzen 
guter Dekorationsmalerei bekannt gemacht werden müssen, würde sich ein 
Anlehnen an die sattfarbigen Vorbilder älterer Zeitläufte unseres Erachtens mehr 
empfohlen haben. Doch dies nur beiläufig! Kommt doch auch bereits die Aula, 
mit deren Ausstattung wir uns noch kurz zu beschäftigen haben, dem, was wir 
bezüglich des Farbenwesens für das Bessere halten, bedeutend näher. Die Wände 
sind hier durch Pilaster in prächtigem roten Stuckmarmor geteilt, der Wandfuß, 
die Stichkappen der Decke und die Fläche derselben weisen lebhaftere Farben 
auf In den Bogenfeldern der Stichkappen sind neun Architekturbilder ein- 
geordnet, von Siiangenberg, Jacob und Körner gemalt. Es sind Ansichten 



278 

bedeutender Baudenkmäler aus den aufeinanderfolgenden Zeiten der Kunst. Der 
Parthenon auf der Akropolis von Athen, die Ueberbleibsel von Paestum, 
S. Apollinare in Ciasse bei Ravenna, die Kirche von Laach, die Elisabethkirche 
in Marburg, die Marienburg in Westpreußen, St. Peter und der Titusbogen in 
Rom und die Ruinen von Philae bilden den Gegenstand der Darstellungen, denen 
man teilweise vielleicht ihr Zögern, auf die Forderungen der Monumentalmalerei 
einzugehen, zum Vorwurf machen könnte. Die höchst gelungene Fensterverglasung 
der Aula — weiße Muster mit gemalten ornamentalen Umrahmungen und Mittel- 
stücken — ist nach Entwürfen von Raschdorff selbst, die Lichtkronen sind nach 
ebensolchen von Schäffer u. Walcker, das Katheder, ein Meisterwerk der 
Holzarbeit, ist von Bormann ausgeführt. Die Hauptzierde der Aula, die große 
Kaiserstatue von Hundrieser, steht vorläufig noch in Gips da, soll aber dem- 
nächst in Bronze übersetzt werden. Auch das an Jansen übertragene große 
Hauptbild fehlt noch. 

Bedeutend schlichter sind naturgemäß nun alle übrigen Räume des aus- 
gedehnten Hauses behandelt. Am meisten Ansprüche unter ihnen machen noch 
die drei Lesezimmer der Bibliothek, deren Deckenbildung aber, eine Holz- 
konstruktion mit Balken, Unterzügen und sogar freistehenden Kopfbändern in 
Leinwand und Stuckmasse nachahmend, als verunglückt bezeichnet werden muß. 
Einen hübschen Schmuck dagegen erhalten diese Säle durch zahlreiche kleinere 
Bronzen und Majoliken, die auf den Schränken, auf den Verkleidungen der Heiz- 
körper und sonstwie aufgestellt sind. Die langen Flure des Gebäudes sind zum 
Teil mit der sehr reichen Sammlung ornamentaler Gipsabgüsse besetzt, die aus 
den Beständen der Bauakademie und der Gewerbeakademie zusammengestellt 
worden ist. Sie teilt sich je nach der Entstehungszeit der Urbilder in eine 
griechische, römische, byzantinische, maurische, romanische, gotische und Re- 
naissance-Sammlung. Aber auch die figürlichen Gipsabgüsse, meist der Gewerbe- 
akademie entstammend, tragen insofern zur Ausschmückung des Hauses bei, als 
sie in Sälen Unterkunft gefunden haben, in die man von der Haupteintrittshalle 
im Erdgeschoß aus durch große Fensteröffnungen hineinsieht. Diesen Sälen, an 
der Ostseite der genannten Halle gelegen, entsprechen an der Westseite derselben 
ebensolche. Schaustücke von Modellen des Maschinen- und Ingenieurwesens auf- 
nehmende Säle. Die Flure, die die Lichthalle umziehenden Galerien, die Hallen 
und Treppenhäuser werden mittels Ampeln und anderer Leuchtkörper beleuchtet, 
die von M. Fabian in Eisen geschmiedet sind. Alles im Inneren vorhandene 
plastische Ornament ist, ebenso wie das im Aeußeren des Baues angewendete, 
von den Bildhauern O. Lessing und C. Dankberg modelliert. 

Um mit unserer heutigen Aufgabe abzuschließen, liegt uns nur noch ob, ein 
Wort über die Ausbildung der vier . seitlichen Höfe zu sagen. Sie sind in 
ihrer Architektur verhältnismäßig einfach durchgeführt. Die Flächen hat man mit 
gelben und bräunlichen Ziegeln verblendet, die Formen aus Sandstein gearbeitet. 
Die einzige reichere Ausschmückung, welche sie aufweisen, besteht in Bandern 
von Sgraffito, teils ornamental gehalten und von Esdorff gezeichnet, teils figürlich, 
von O. Lessing entworfen. 



279 



Die Preisbewerbung um Entwürfe zur Gedächtniskirche in Speier.*) 



Als im Jahre 1529 in dem damals schon altersgrauen Speier der Reichstag 
zusammentrat und die Frage der kirchlichen Neuerungen in den Kreis seiner 
Beratungen zog, legten dem ergehenden Beschlüsse gegenüber die evangelischen 
Reichsstände jene Verwahrung ein, welche den Anhangern der neuen Lehre den 
Namen der Protestanten gab. Das Haus, in dem zu Speier die Reichsversamm- 








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Abb. 73. Preisgekrönter Entwurf von Flügge und Nordmann. 

lungen zu tagen pflegten, ein weiträumiger, damals in städtischem Eigentum 
befindlicher, seitdem verfallener und bis auf geringe Mauertrümmer verschwundener 
Patrizierhof, führte die Bezeichnung „der Retscher". Deshalb gab sich, als gelegent- 
lich der Vorbereitungen zum Lutherfeste von 1883 ein Verein zusammentrat, um 



*) Zuerst aljgedruckt im ZentralbLitt der Bauverwaltung 1884, S. 551. 



28o 

auf der Stätte des Retschers zum Andenken an die „Protestation" eine Gedächt- 
niskirche, einen Protestantendom zu bauen, dieser Verein den Namen Retscher- 
verein. Die genannte, geschichtlich bedeutsame Baustelle liegt nicht weit entfernt 
von dem katholischen Dome, der gewaltigen Schöpfung unserer romanischen 
Kunstperiode, nahe hinter der evangelischen Dreifaltigkeitskirche. Der damals 
entstandene Retscherverein hat nun der tatkräftigen Förderung der Aufgabe, 
welche er sich gestellt, unentwegt obgelegen und unter anderem auch die not- 
wendigen Schritte getan, um sich in den Besitz eines Bauplanes zu setzen. In 
dieser Absicht ward eine zweimalige Preisbewerbung ausgeschrieben. Zunächst 
eine allgemeine, die Erlangung bloßer Skizzen bezweckende, dann eine engere 
unter den Verfassern derjenigen fünf Entwürfe, welche hierbei als die gelungensten 
anerkannt worden waren. Das Ergebnis der zweiten, engeren Bewerbung haben 
wir den Lesern des Zentralblattes bereits auf S. 490 mitgeteilt; wir führen ihnen 
heute nunmehr die preisgekrönte, künstlerisch hochhervorragende Arbeit der 
Architekten Flügge und Nordmann in Essen im Bilde vor, indem wir über die 
Angelegenheit in ihrem ganzen Zusammenhang das Folgende bemerken: 

Die erste Bewerbung ist von 45 Arbeiten beschickt gewesen, welche seitens 
der Preisrichter, der Herren Blanke nst ein - Berlin, v. Leins - Stuttgart und 
Siebert-München, in einem begründeten Gutachten beurteilt worden sind. Unter 
diesen Arbeiten zeigten weitaus die meisten den gotischen Stil; die Anwendung 
des romanischen Stiles war durch das Bauprogramm ausgeschlossen worden, wohl, 
weil man befürchtet hatte, daß ein romanisches Bauwerk von geringeren Ab- 
messungen — und um ein solches kann es sich nur handeln — neben dem 
mächtigen romanischen Dome zu sehr in den Hintergrund treten würde. Nur 
14 Entwürfe zeigten den Renaissancestil, und zwar in den verschiedenartigsten 
Auffassungen, von der strengen hellenisierenden bis zu der willkürlichen des 
Barocco. Diese letztgenannten Pläne wiesen aber sämtlich so zahlreiche Mängel, 
teils in der Grundrißbildung, teils in stilistischer Hinsicht auf, daß die Preisrichter 
ihre Auswahl allein unter den Arbeiten in gotischer Fassung trafen. Sie legten 
bei der Beurteilung das Hauptgewicht auf eine gute Sichtbarkeit des Predigers 
von möglichst vielen Plätzen aus und auf eine angemessene P'ursorge für die 
Unterbringung bildlicher Darstellungen zur Erinnerung an die Reformation und 
besonders an die Protestation. Als Verfasser der fünf auserlesenen und mit 
Preisen ausgezeichneten Arbeiten stellten sich heraus die Architekten Flügge 
und Nordmann in Essen, Hartel in Leipzig, L. Becker in Mainz, Vollmer 
und F. Lorenzen in Berlin und H. Schmidt in München. 

An diese Künstler erging dann die Aufforderung, behufs engerer Bewerbung 
ihre Entwürfe vollständig auszuarbeiten und sie mit einem Kostenanschlage bis 
zum I. September 1884 wiederum einzusenden. Erst am 18. November trat das 
nunmehr durch zwei nichttechnische Mitglieder sich verstärkende Preisgericht 
wieder zusammen, um unter vier eingegangenen Plänen Entscheidung zu treffen 
(der fünfte, von Becker in Mainz, mußte als verspätet vorgelegt von der Be- 
werbung ausgeschlossen werden). Der erste der beiden Preise wurde, wie wir 
früher bereits mitgeteilt haben, den Herren Flügge und Nordmann, der zweite 
den Herren Vollmer und Lorenzen zugesprochen. 

Der Entwurf von Flügge und Nordmann (vergleiche die beigegebenen 
Darstellungen) zeigt die Grundform des lateinischen Kreuzes. Das Langhaus ist 
dreischiffig, das Hauptschiff 12,5 m breit; die Seitenschiffe sind schmal und ent- 



28l 







^^^SS*?Ä^ 



Abb. 74. Preisgekrönter Entwurf der Gedächtniskirche in Speier. 
Architekten Flügge und Nordmann. 



282 

halten zu ebener Erde nur Gänge, werden über diesen aber in ganzer Breite zu 
Emporen ausgenutzt. Der Durchschnittsbildung des Langhauses nach ist die 
Kirche als Hallenkirche zu bezeichnen, und den gleichen Durchschnitt zeigen die 
ebenfalls dreischiffig angelegten Kreuzflügel. Der Chor ist gleich breit mit dem 
Mittelschiffe und schließt mit fünf Zehneckseiten. Durch Erweiterung der vier 
Seitenschiffsfelder in den Ecken zwischen dem Mittelschiffe bezw. Chore und dem 
Kreuzschiffe wird, wenigstens in dem gezeichneten Grundrisse, die Idee eines 
großen, die Vierung konzentrisch erweiternden Mittelraumes hervorgerufen; in der 
Wirklichkeit indes wird derselbe sich kaum als solcher aussprechen. Rechts und 
links am Chore ist je eine Sakristei angebaut worden. Den Portalen der Kreuz- 
schiffgiebel legen sich Vorhallen vor, begleitet von Treppentürmen für die auch 
in diesen Kreuzarmen sich entwickelnden Emporen. Betrachtet man den Chor 
der Kirche als nach Osten gerichtet, so ist es das Westende des Schiffes, dem 
als hervorragend wichtiger Bestandteil des Ganzen eine große sechsseitige Ge- 
dächtnishalle angefügt ist, mit einer ihrer Seiten sich nach der Kirche öffnend, 
auf drei Seiten mit Portalen durchbrochen, auf zwei Seiten mit größeren poly- 
gonen Treppenhäusern in Verbindung tretend. Auch vor den Portalen dieser 
Halle sind kleine dreiseitige Vorräume angeordnet. Ueber ihr erhebt sich der 
hoch emporsteigende Glockenturm. Der Aufbau, in bezug auf Mauern, Pfeiler 
und Turmhelm durchaus in Haustein geplant, ist ein sehr stattlicher. Zwar ist — 
und mit gutem Recht — für die Ueberdeckung aller Raumteile die einfache 
Form des Kreuzgewölbes gewählt, aber dieselbe wird überall durch schönprofilierte 
Rippen belebt, und als Stützen dienen mit Säulchen besetzte Pfeiler und Wand- 
pfeiler. Die Fenster nehmen an jeder Stelle nach jenem prächtigsten, auf die 
durchgängige Ausstattung mit Glasmalereien berechneten System des Mittelalters 
die volle Weite zwischen den Strebepfeilern ein, wobei in den Giebelseiten des 
Kreuzschiffes sich die ganze Mauerfläche zu gewaltigen Rosen öffnet. Ueber ihnen 
erheben sich die doppelwandig mit durchbrochener Vorderwand und zwischen- 
liegendem Umgang ausgebildeten Dachgiebel. Die Dachanlage des Langhauses 
ist die von der Marburger Elisabethkirche her bekannte, mit einem Satteldache 
über dem Mittelschiffe und quergelegten Walmdächern über den Seitenschiffen. 
Die Kreuzung der Dächer über der Vierung wird durch einen Dachreiter aus- 
gezeichnet. Der der Gedächtnishalle aufgesetzte Hauptturm vermindert zunächst 
in einem mit Anlauf versehenen, die Höhe des Kirchendaches einhaltenden 
Zwischengeschoß seine Grundfläche und gestaltet sich dann zu einem mit weiten 
Fenstern geöffneten Glockenhause, über dem ein durchbrochener Steinhelm den 
Abschluß herstellt. 

Bereits das Gutachten des Preisgerichts rühmt an dem Entwurf die Schön- 
heit der Verhältnisse und der Durchbildung. Es lobt die Anlage und Entwick- 
lung, welche die Gedächtnishalle gefunden hat, in deren Mitte das Standbild 
Luthers und vor deren Pfeilern die ewas kleineren Standbilder der protestierenden 
Fürsten aufgestellt werden sollen, deren Wände aber, soweit sie nicht durch- 
brochen sind, große, gut beleuchtete Bildflächen abgeben, Bildflächen, die zu be- 
trachten ein innerer, auf der Emporenhöhe liegender Umgang Gelegenheit gibt. 
Gleiches Lob wird dem Aufbau des Turmes gezollt. 

Wir unsererseits müssen sagen, daß uns die Arbeit von Flügge und Nord- 
mann nach jeder Richtung hin auf der Höhe dessen zu stehen scheint, was heut- 
zutage im Kirchenbau geleistet wird. Konstruktion und Form zeigen sich an 



283 



jeder Stelle mit gleicher sicherer Meisterschaft gehandhabt, und durch die Be- 
handlung des ganzen Werkes geht ein seltener Zug von Harmonie und Einheit- 
lichkeit. Drei Punkte erscheinen uns aber besonders bemerkenswert, drei Punkte, 
in denen der l^ntvvurf mit schlechten modernen Gewöhnungen bricht, welche in 
unserem neueren evangelischen Kirchenbauwesen fast zur Herrschaft zu gelangen 
drohen. Wenn man gelegentlich einer der zahlreichen Preisbewerbungen auf dem 
Gebiete des evangelischen Kirchenbaues zahlend vorgeht, so wird man finden, 
daß die Mehrheit der wetteifernden Architekten zunächst einen Kapellenkranz 
als ein unerläßliches Zubehör einer solchen Kirche ansieht. Das ist aber sicher- 
lich unrichtig. An den mittelalterlichen Werken umzieht sich der Chor mit 
einem Umgang und reiht sich diesem Umgang eine Folge von Kapellen bekannt- 
lich deshalb an, weil diese Kirchen dem katholischen Gottesdienst geweiht waren, 
und weil die Heiligenverehrung und die den Geistlichen obliegende Verpflichtung 

zur Darbringung des Meßopfers eine 
Mehrzahl untergeordneter Altäre nötig 
machen, die in jenen Kapellen auf 
gestellt werden und sich in gleich an- 
gemessener Weise um den Hauptaltar 
im hohen Chore herum gruppieren, wie 
sich die Polygone der Kapellen selbst 
um das Hauptchorpolygon herum lagern. 
Die Bestimmung der einzelnen Teile 
spricht sich in der Verbindung und 
Anordnung derselben aufs klarste aus, 
ja, letztere ist einfach aus dieser Be- 
stimmung heraus entwickelt; es entsteht 
ein Organismus, bei dem sich Form 
und Wesen durchaus decken. Der evan- 
gelische Gottesdienst kennt aber keine 
Nebenaltäre und bedarf keiner Kranz- 
kapellen; es ist daher — wenigstens 
unseres Erachtens — unrichtig, diesen 
Kranz, nur der reichen, malerischen 
äußeren Erscheinung wegen, dennoch an- 
zulegen und den Raum der Kapellen 
dann notdürftig für die verschiedenartigsten, mehr oder weniger profanen Zwecke 
auszunutzen. Mag man nun Sakristeien, Betstuben, Konfirmandenzimmer oder 
Sitzungssäle in die Kapellen legen, immer wird der Widerspruch zwischen Er- 
scheinung und Inhalt ein krasser sein. Wir glauben, daß es die so vielfach herbei- 
gewünschte Entwicklung eines besonderen evangelischen Kirchentypus in falsche 
Bahnen lenken heißt, wenn man an dieser Stelle auf einen durch und durch katho- 
lischen Plangedanken nicht verzichten will. Die logische Ausbildung des Bauplanes 
aus Zweck, Bestimmung und Programm heraus scheint uns allen sonstigen Rück- 
sichten voranstehen zu müssen. Die zwei weiteren Bedenken, welche wir gegen eine 
große Mehrzahl neuerer Kirchenpläne zu erheben haben, sind ästhetischer Art. Sie 
betreffen die für die Vierung von Kreuzkirchen zu wählende Form und die Ver- 
bindung eines schmalen Chores mit Schiff oder Kreuzschiff. Hier hat sich fast 
eingebürgert die Form eines Achtecks mit vier langen und vier viel kürzeren Seiten 




.'^bb. 75. Durchschnitt. 



284 

als Grundriß für jenes Mittelquadrat und ein nach Schrägen erfolgendes Einziehen 
der größeren Schiffsbreite auf die geringere Chorbreite hin: beides gleich unschöne 
Lösungen, von denen besonders die letztere die Grundsätze, nach denen die 
mittelalterliche Baukunst verfährt, unsanft vor den Kopf stößt: Dieses sanftmütige 
Beiziehen, die damit zusammenhängende Einführung eines kegelförmigen Gewölbes, 
das sich dem Auge gegenüber als breiter Gurtbogen gibt, und der Zwang, der in 
die Regelung der Scheitelhöhen der Gewölbe eingeführt wird, sind ganz ungotisch. 
Den praktischen Erwägungen aber, welche diesen Lösungen zugrunde liegen, 
kann auch auf anderen Wegen Genüge getan werden. In bezug auf diese drei 
Punkte nun hat, wie angedeutet, der Entwurf von Flügge und Nordmann dem 
Zuge der Mode nicht Folge geleistet, was wir den genannten Architekten als be- 
sonderes Verdienst anrechnen. — Gilt es, einer Anordnung dieses Entwurfs gegen- 
über Bedenken zu äußern, so ist dies die Art, wie die Verfasser den Turmhelm 
oder vielmehr den Umgang am Fuße desselben zugänglich zu machen gedenken. 
Es ist hier nämlich eine an den Wänden des Glockenhauses im Inneren sich um- 
her- und emporziehende geradläufige Treppe geplant, welche den Durchblick 
durch die im oberen Teile doch wohl often bleibenden großen Fenster dieses 
Geschosses in unangemessener Weise stören würde. Sollte sich hier die alther- 
gebrachte Anlage eines dem Glockenhause äußerlich angefügten Treppentürmchens 
nicht mehr empfehlen.' 

Die anderen zu der engeren Preisbewerbung eingesandten Pläne treten in 
ihrem Gesamtwert gegen den vorstehend besprochenen entschieden zurück, trotz 
vieler Schönheiten, die jeder von ihnen in seinen einzelnen Teilen autzuweisen 
hat. Schmidt, Vollmer und Lorenzen und ebenso Becker haben kathoUsche 
Chorlösungen (der letztere statt des Kapellenkranzes vier Nebenchöre); Hartel 
hat eine rechteckige, Becker eine quadratische, Vollmer und Lorenzen und auch 
Schmidt haben die unregelmäßig achteckige Vierung. Alle haben quadratische 
Westtürme, mit Ausnahme von Becker, der den Westturm achtseitig gestaltet. 
Die Arbeiten von Hartel sind mit großem Fleiß behandelt, doch schadet der 
Wechsel des Architektursystems in Chor und Schiff der Einheitlichkeit und Ruhe, 
besonders für das Innere. Vollmer und Lorenzen gelangen durch die Anordnung 
von Pultdächern über den schmalen Seitenschiffen zu einem Höhenunterschied 
zwischen den Fenstern und Bogen des Schiffes und Chores, der gleichfalls als 
ein ästhetischer Mangel bezeichnet werden muß. Der Plan von Schmidt ist 
leider unvollendet geblieben, so daß nicht zu ersehen ist, wie der Verfasser ge- 
wisse Schwierigkeiten, welche aus seinen Grundrißanordnungen mit Notwendigkeit 
erwachsen, hat lösen wollen. 

Nach Lage der Sache können wir nur wünschen und hoffen, daß es den 
Architekten, deren Arbeit schon durch das Urteil des Preisgerichts als die reifste 
gekennzeichnet worden ist, vergönnt sein möge, das, was sie im Plane so ver- 
heißungsvoll dargestellt, in die Wirklichkeit übersetzen zu dürfen. 



285 



Aufruf zu Beiträgen 

zur Erhaltung der romanischen Kirche in Idensen.O 



Nicht nur in der Architektenwelt, sondern auch in weiteren Kreisen ist es 
seit Jahren bekannt, in welcher Gefahr sich die wegen der Eigenart ihrer Anlage 
und der Schönheit ihrer Bauformen berühmte Kirche des Dorfes Idensen 
bei Wunstorf befindet. Es hängt von der Erlangung einer verhältnismäßig 
nicht sehr bedeutenden Geldsumme ab, ob dieses ausgezeichnete Baudenkmal 
uns und der Nachwelt erhalten oder ob es in wenigen Monaten der Zer- 
störung überliefert werden soll. 

Die Kirche, ein Werk vom Ende des 12. Jahrhunderts, ist klein und faßt 
nur 150 bis 200 Kirchgänger, die angewachsene Gemeinde bedarf aber eines Gottes- 
hauses mit 800 Sitzplätzen. Die Mittel für den sehr einfach gehaltenen Neubau 
sind im Kirchenvermögen nicht völlig vorhanden, weshalb die Dorfgemeinde 
zur Gewinnung von Baumaterial den alten Bau abbrechen will. Schon hat, 
den drohenden Verlust abzuwenden, der Herr Kultusminister einen Beitrag bis 
zur Höhe von 7500 Mark bewilligt, es fehlt aber noch eine gleiche Summe. 
Der Architekten- und Ingenieur- Verein in Hannover hat es nun unternommen, 
dieselbe durch Veranstaltung einer kunstgewerblichen Lotterie herbei- 
zuschaffen, und hat die Genehmigung zum öffentlichen Vertrieb der Lose inner- 
halb der Provinz Hannover auch erhalten; außerhalb derselben aber dürfen die 
Lose nur in Vereinen und Freundeskreisen unter der Hand vertrieben werden. 
Die Ziehung der Lotterie findet am 31. Dezember d. J. statt; bis dahin ist noch 
ein erheblicher Teil der Lose unterzubringen. Der Hannoversche Verein, welcher 
kein seinem schönen Ziele dienliches Mittel unversucht gelassen hat, rechnet auf 
die tätige Mithilfe der Architekten des gesamten Deutschen Reiches, und auch 
wir hoffen, daß nicht nur diese, sondern auch alle Freunde und Gönner der 
Kunst opferfreudig herbeieilen werden, um durch eine angemessene Beisteuer 
ihre Anteilnahme an den Denkmälern einer großen Vergangenheit zu betätigen. 

Angesichts der unausfuUbaren Lücke, welche durch die Vernichtung des 
köstlichen Werkes in die stolze Reihe der vaterländischen Monumente hinein- 
gerissen werden würde, unternehmen es die Unterzeichneten in letzter Stunde 
noch einmal, das allgemeine Interesse für diese gefährdete Perle der Baukunst 
wachzurufen. 

*) Der Aufruf wurde im November 1884 mit den Unterschriften der folgenden neun Architekten 
versandt: Ende. Fritsch. Hempel. Knoblauch. Kyllmann. Schäfer. Schmieden. Walle. Wallot. 
Die Lotterie ergab einen Reinertrag von 82CO Mark, so daß die Kirche erhalten bleiben konnte. 



286 



Die Bebauung der Kaiser-Wilhelm-Straße in Berlin.'^ 



Indem wir zu einigen Bemerkungen über die in den ausgestellten Plänen 
uns entgegentretende Fassaden- Architektur übergehen, sei zunächst einer 
merkwürdigen Tatsache Erwähnung getan. Das der Bewerbung zugrunde liegende 
Programm hatte verlangt, daß die auf jeder Seite der Kaiser-Wilhelm -Straße zu 
errichtenden Baulichkeiten je als ein einheitliches Ganzes erscheinen sollten, ohne 
daß damit eine vollständig symmetrische Anordnung der ganzen Fassaden gefordert 
wurde. Ueber die Richtigkeit des Gedankens, der aus dieser Forderung heraus 
spricht, läßt sich streiten, und es ist ein künstlerischer Standpunkt denkbar, von 
welchem aus es verfehlt erscheint, eine ganze Reihe einzelner Häuser vermöge 
der Fassadenbildung als ein einziges Haus, als ,, einheitliches Ganzes" in die 
Erscheinung treten zu lassen. Was aber in hohem Grade auffällt, ist, daß die 
große Mehrzahl der mit Entwürfen beteiligten Architekten mit dem Maß der 
Zugeständnisse an einen anfechtbaren Grundsatz der Gleichförmigkeit weit über 
das Gewünschte hinausgeht. In vielen Arbeiten ist nämlich ausdrücklich dar- 
gestellt, daß die Verfasser nicht nur die Fassaden derselben Straßenseite, sondern 
sogar die beiderseits von der Kaiser-Wilhelm-Straße gelegenen Fronten, soweit 
es die Verschiedenheiten in der Grundstücksteilung erlauben, in gleicher Weise 
zu gestalten gedacht haben. Und wo die Zeichnungen dies nicht sofort erkennen 
lassen, läßt sich auf eine solche Absicht oft aus anderen Anzeichen schließen. 
Damit hängt die Symmetrie in der Bildung der Eckbauten an der Burgstraße 
einerseits und der Heiligegeist-Straße andererseits zusammen, welche wohl drei 
Viertel aller Entwürfe, unter ihnen die besten, auch die prei.sgekrönten und die 
angekauften ohne Ausnahme, zur Schau tragen. 

Ja, die Pläne von Guth, Giesenberg, ,,K. W. S. I", ,,Mercaturae", ,,Avanti" 
u. a. gehen noch weiter und machen in der Ausbildung aller vier Ecken, der zwei 
an der Burg- und der zwei an der Heiligegeist-Straße, keinen Unterschied. Man 
denke sich derartige Anordnungen in die Wirklichkeit übersetzt! Im Wesen der 
Sache ist ein solches Streben nach symmetrischer Entwicklung gewiß nicht 
begründet; denn von jeher hat es als selbstverständlich gegolten, daß das 
städtische Wohnhaus auch in der Straßenflucht als Einzelwesen für sich dastehen 
soll, und ob der Umstand, daß die mit der Zeit an verschiedene Eigentümer 
übergehenden Häuser zunächst von der gleichen Unternehmung zur Ausführung 
gebracht werden, eine Ausnahme von der Regel rechtfertigt, erscheint doch mehr 



*) Aus einer Besprechung des Wettbewerbes für die Bebauung der Kaiser -Wilhelm -Straße in 
Berlin im Zentralblatt der Bauverwaltung 1885, S. 68. 



287 

als fraglich. Selbst zugegeben, daß ein Zusammenfassen der an derselben StraÖen- 
seite entstehenden Fassaden im Interesse des vermeintlichen monumentalen Ge- 
präges neuer Stadtteile und nach dem Vorbild anderer Großstädte denkbar 
erscheint, muß die geplante Symmetrie der einander gegenüberliegenden Blocks 
und der Ecken mit Entschiedenheit als unzulässig bezeichnet werden. Dieselbe 
würde, wenn ausgeführt, der ganzen Anlage auch eher einen Scherznamen, als die 
Anerkennung der gebildeteren Teile des Publikums einbringen. Es ist zu wünschen, 
daß das, was die Preisbewerbung in dieser Hinsicht zutage gefördert, auf dem 
Papier stehen bleiben möge. 

Im großen ganzen bewegen sich die Entwürfe im Stile der Renaissance. Teil- 
weise allerdings spielen schon Barock- und Rokoko-Motive in die Formengebung 
hinein. Man könnte sich darüber wundern, daß besonders die auch in Berlin mit 
einer gewissen Freudigkeit aufgenommene Kunstweise der deutschen Renaissance 
so bald schon wieder anderen Richtungen einen Teil des Feldes zu überlassen 
genötigt ist. Doch gibt es viele, die etwas anderes nicht erwartet haben. Wer 
die Entwicklung unserer Baukunst aufmerksamer verfolgt hat, weiß, daß dieser Stil 
bisher im wesentlichen nur ein Scheinleben geführt hat, daß — von seltenen 
Ausnahmen abgesehen — man bei einer Uebernahme seiner Aeußerlichkeiten 
stehen geblieben ist, statt den Versuch zu machen, in den Geist und das innere 
Wesen jener eigentümlichen Bildungen einzudringen. Was aber lediglich als bloßer 
Modeschmuck aufgefaßt worden, mag nur zu leicht durch eine neue Mode ver- 
drängt werden. 

Wie bekannt, haben wir es bei der deutschen Renaissance des i6. Jahr- 
hunderts mit keiner organisch erwachsenen Kunstform zu tun. Die Schlösser, 
die Rathäuser, die Wohngebäude dieser Zeit sind gotische Bauten, aufgeputzt mit 
den neuen, von Italien her bekannt gewordenen Einzelformen. Die Grundriß- 
gestaltung, die Verbindung verschiedener Bauten zur Baugruppe, die Bildung des 
Aufrisses, die Dachform, die Entwicklung des Hauses von innen nach außen, die 
gesamte Konstruktion folgt unentwegt der mittelalterlichen Ueberlieferung. Für 
die spätgotischen Hohlkehlen aber treten Karniese, für die Stäbe Wulste, für die 
Pfosten unter Umständen Säulchen, für die Giebelstaffeln Voluten, für die Fialen 
Pyramiden ein usw. Was das ganze Bauwesen dieser Zeit nach wie vor durch- 
leuchtet, ist der überkommene Sinn für das Wahre, Naive, Unmittelbare; und 
nirgends verleugnet sich die gesunde Technik der altdeutschen Meister. — Um- 
gekehrt ist das Deutschrenaissance-Haus unserer siebziger und achtziger Jahre 
nichts anderes als das moderne Haus jener Hitzig, Knoblauch und anderen 
Meister, denen das bauliche Berlin so viel zu danken hat — geschmückt mit 
den Bauformen einer um drei Jahrhunderte hinter uns liegenden Zeit. Das braucht 
in mehr als einer Beziehung nicht bedauert zu werden; ist doch diese Hausanlage 
in der Tat aus den wohnlichen Bedürfnissen der Neuzeit heraus entstanden. Zu 
bedauern ist nur, daß man sich von einigen gewiß nicht wesentlichen Ueber- 
lieferungen der letzten Jahrzehnte so selten freizumachen verstanden hat. Wir 
meinen die Ueberlieferung des Bauens von außen nach innen, die Meinung von 
der Selbständigkeit der Form gegenüber der Konstruktion, die Ueberlieferung 
einer weniger naturgemäßen, den unsoliden Reichtum begünstigenden Technik. 
Auf der Grundlage dieser Ueberlieferungen läßt sich ohne jeden Zweifel eben- 
falls ein architektonisches System aufbauen, nicht aber ein Bauwerk in dem 
Geiste der deutschen Renaissance herstellen. 



288 

Das Dach, welches sich über einem Hause des i6. Jahrhunderts erhebt, 
stellt mit seiner Form dem Techniker sofort den Grundriß des Gebäudes klar 
vor Augen. Die Dächer unserer Renaissancebauten sind fast ausnahmslos Schein- 
dächer. Auf die steile, der Straße zugewendete Dachfläche folgt regelmäßig 
rückseitig vom First ab ein flaches, nach dem Hofe hin fallendes Dach oder eine 
Terrasse, mit Holzzement belegt. Rücksichten auf Symmetrie und Achsenwesen 
beherrschen die Teilung der Fassaden. Die Lage der Giebel-, der Turm-, Treppen- 
und Dachfenster wird nicht selten von außen her im Widerspruch mit den Be- 
dingungen der Innenräume festgestellt. Auch das große Geheimnis vom Wert 
der Gegensätze erscheint sogar meistens nicht genügend gewürdigt: man zerstört 
die Fläche, indem man unter jedem Dachgiebel einen wenn auch noch so flauen 
Risalit anordnet, den Quaderverband in Relief vor die Mauerflucht herauszieht 
und einen gleichmäßigen Formenreichtum über die Außenwände ausbreitet, wo 
die altdeutsche Kunst sich begnügt hatte, von den einfachen Fronten einzelne 
Portale, Erker, Giebel durch ihre prächtigere Ausstattung abzuheben. Angehend 
die Technik aber wird es nur zu häufig den fragwürdigen, im Verborgenen 
wirkenden Künsten eines ,, Konstrukteurs" überlassen, die konstruktionswidrige 
Architektur notdürftig zusammenzuhalten. 



289 



Amtsgerichtsgebäude für Balve in Westfalen/^ 



Ueber die Anlage von Geschäftshäusern für die Amtsgerichte und Land- 
gerichte hat das Zentralblatt der Bauverwaltung seinerzeit aus der Feder des 
Geheimen Baurats Endell einen Aufsatz gebracht, welcher sich mit den nach 
Einführung der neuen Justizorganisation an diese Gebäude zu stellenden Anforde- 
rungen befaßt.') Seit- 
dem sind, teils in 
längeren Veröffent- 
lichungen, teils in 
kürzeren Mitteilun- 
gen, mehrfach neu- 
errichtete oder ge- 
plante Gerichtsge- 
bäude im Zentral- 
blatt besprochen und 
so die Ausführungen 
jenes Aufsatzes an 
einzelnen, der Praxis 
entnommenen Bei- 
spielen erläutert wor- 
den. Wir führen, 
hierin fortfahrend, 
den Lesern heute 
den Plan eines kleine- 
ren Amtsgerichtsge- 
bäudes mit eingebau- 
tem Gefängnis vor. 
Die Stadt Balve, 
für welche dasselbe 
entworfen worden ist, 

liegt im Kreise Iserlohn des Regierungsbezirks Arnsberg. Sie ist ein kleiner Ort 
von etwa 1200 Einwohnern und baut sich an der von Hachen nach Neuenrade 




Abb. 76. Ansicht der Nordseite. 



*) Zuerst abgedruckt im Zentralblatt der Bauverwaltung 1885, S. 86. Der Entwurf stammt von 
Schäler. 

') Zentralbl. d. Bauverw. 1882, S. 79 u. 88. 
Schäfer, Gesammelte Aufsätze. 19 



290 




führenden Bezirksstraße in einem freundlichen Tale auf. Der Bauplatz liegt zwischen 
genannter Straße und dem schmalen Hönneflüßchen, am oberen Ende der Ort- 
schaft. Er steigt vom Flusse bis zur Straße hin mäßig an und kehrt seine 
Schmalseite der Straße zu. Da diese Breitenabmessung eine sehr beschränkte, 
so galt es, einen Tiefbau mit schmaler Eingangsfront herzustellen. 

Das Haus hat, abgesehen von dem Keller, zwei Geschosse. Das Erd- 
geschoß enthält die Beamtenwohnung, ein Botenzimmer und die Gefängniszellen, 
nämlich eine gemeinsame und drei Einzelzellen. Die Wohnung, aus drei Räumen 
bestehend, wird ergänzt durch die im Kellergeschoß liegende Küche nebst Vor- 
ratsraum, nach welchen eine 

besondere kleine Treppe '^*'«« 

hinunterführt. Ein Mittelflur 
durchschneidet der Tiefen- 
richtung nach das ganze 
Gebäude. Er wird durch 
eine zellenmäßig hergestellte 
Tür Z in zwei Teile geschie- 
den und hat im vorderen, 
durch das Türoberlicht und 
vom Treppenhause her be- 
leuchteten Teil eine Breite 
von 2,20 m, im hinteren Teil 
zwischen den Einzelzellen 
die geringste zulässige Breite 
von 1,50 m. Durch den Flur 
gelangt man an der Rück- 
seite des Gebäudes in den 
Gefängnishof. Neben dem 
betreffenden Ausgang ist aui 
dieser rückseitigen Front ein 
Kellerhals angeordnet, der 
den Zugang zu der im 
Kellergeschoß untergebrach- 
ten Strafzelle bildet. Uebri- 
gens liegen im Keller noch 
Räume für Brennmaterial, 
ein Baderaum und ein 
Tonnenraum , im Erdge- 
schoß noch eine Spülzelle 
nebst Abort. Die steinerne, 
mit massiver Mittelwand konstruierte Treppe hat eine Laufbreite von 1,26 m, die 
Abmessungen der Einzelzellen betragen 4 und 2,25 m. — Im Obergeschoß liegt nahe 
beim Treppenaustritt der auf das Mindestmaß von 8,60 zu 6,50 m eingeschränkte 
Schöffensaal, durch drei Türen, eine für das Gericht, eine für die Angeklagten und 
Zeugen und eine für das Publikum bestimmte, zugänglich. Die letztere öffnet sich 
auf den Austritt der Treppe. Im übrigen enthält das Obergeschoß das Zimmer des 
Amtsrichters, die Gerichtsschreiberei, eine Schreibstube, einen für diesen Fall 
besonders gewünschten Kassenraum, den Raum für die Grundbücher, ein Zeugen- 



Abb. 77. Grundriß vom Erdgeschoß. 



Osttn 




Abb. 78. Grundriß vom Obergeschoß. 



291 

Zimmer und die nötigen Aborte. Der Grundbuchraum ist überwölbt, ebenso wie 
im Erdgeschoß die Einzelzellen. — Die Geschosse messen einschließlich der 
Decken in der Höhe: der Keller 2,8o, das Erdgeschoß 3,30, das Obergeschofl 
4 m. Dabei ist der Raum des Schöfifensaals noch um i m in das Dach hinein- 
gehoben, so daß sich für ihn eine Hohe von 5 m ergibt. 

Als Material ist für die Außenmauern Bruchstein, für die Ecken, die äußere 
Architektur und das Treppenhaus Sandstein, für die Dacheindeckung deutscher 
Schiefer auf Schalung gedacht. Als Stil wurde eine einfache Gotik gewählt. 
Man ist bestrebt gewesen, die abgestufte Bedeutung der Räume durch die Be- 
handlung der F"enster nach außen hin auszusprechen und die Ausbildung der 
Fassaden wie bei allen ähnlichen Bauten lediglich auf Grund der Motive durch- 




Abb. 79. Ansicht der Ostseite. 

zufuhren, welche sich aus der inneren Teilung des Hauses ergeben, so daß 
schmückende Zutaten, welche sich nicht hieraus ableiten lassen, vermieden werden. 
Der Grundsatz größter Sparsamkeit ward auch für die Durchführung des Inneren 
maßgebend gemacht und demgemäß für den Schöffensaal beispielsweise eine glatt 
verschalte Holzdecke und ein niedriger Wandsockel vorgesehen. Die Heizung 
erfolgt durch Oefen in den Zimmern, mit denen, wo erforderlich, eine einfache 
Lüftungsanlage in Verbindung tritt. 

Der Entwurf zu diesem Gebäude wurde in der Abteilung für das Bauwesen 
des Ministeriums der öffentlichen Arbeiten nach den Angaben des Geh. Baurats 
Endell aufgestellt. 



V.)' 



292 



Portale an Wohnhäusern in Halle a. d. S.'^ 



Die Stadt Halle a. d. S. hat bekanntlich einen reichen Schatz von alten Kunst- 
denkmälern bewahrt, Kunstdenkmälern, deren Entstehung vorwiegend in die Zeit 
der späten Gotik und die gute Zeit der deutschen Renaissance fällt und die, durch 
drei und mehr Jahrhun- 
derte hindurch vor Scha- 
den bewahrt, erst neue- 
stens in Gefahr geraten, 
zerstört oder ,, restauriert" 
zu werden. Unter diesen 
Denkmälern macht sich 
u. a. eine Folge schöner 
Portale geltend, teils 
Kirchen-, teils Wohn- 
gebäuden angehörig und 
geeignet, für sich in 
kleinem Rahmen ein 
lückenloses Bild vom 
Gange der baustilisti- 
schen Entwicklung wäh- 
rend eines verhältnis- 
mäßig langen Zeitraums 
zu geben. Wir führen 
den Lesern des Zentralbl. 
d. Bauverw. 1885 heute 
zwei solche Türen im 
Holzschnitt vor. ^) Das 
eine dieser Architektur- 
stücke gehört dem Aus- 
gange der gotischen 
Kunstweise an, das an- 
dere, wenige Jahrzehnte 
später entstanden, bereits 
dem Renaissancestil. Abb. 80. Portal aus der Schmeerstraße. 




*) Zuerst abgedruckt im Zentralblatt der Bauverwaltung 1SS5, S. 201. 

^) Den beiden Abbildungen liegen Aufnahmen und Zeichnungen des Architekten H. Stellen 
in Halle zugrunde. 



293 

Die Portale der weltlichen Bauten unseres Mittelalters und i6. Jahrhunderts 
würden, zusammengestellt, geeignet sein, Stoff für einen hochinteressanten Abschnitt 
eingehender, auch die Pünzelheiten berücksichtigender Kunstgeschichtsschreibung 
zu liefern. Im (Gegensatz zur Ausgestaltung der Fenster ist bei der der Türen 
ein wesentliches Merkmal, welches die Architektur der weltlichen von der der kirch- 
lichen Werke unterschiede, nicht vorhanden. Es liegt dies in der Natur der 




Abb. Sl. Portal aus der BrUderstraße. ^'m der nat. Größe. 



Sache. Für das Kirchenfenster ist von vornherein ein anderes Programm gegeben 
als für das Fenster eines Wohnzimmers, eines Saales usw. Während jenes einzig 
die Bestimmung hat, dem Innenraume Licht zuzuführen, soll dieses außerdem 



294 

die Möglichkeit bieten, Luft einzulassen und hinauszuschauen. Das Kirchenfenster 
ist darum mit fest eingekitteter Verglasung versehen, das weltliche Fenster mit 
beweglichen Verschliissen. Und hiernach richtet sich im einen und anderen Falle 
die Ausbildung der F"ensteröffnungen. Anders bei den Türen, wo dem gleichen 
Bauteil bei beiden Klassen von Bauwerken die gleiche Aufgabe zufällt. Ein 
Portal an einem gotischen Wohnhause ist deshalb oft genug das mehr oder 
weniger genaue Abbild dieses oder jenes Kirchenportals. Ein wesentlicher 
Unterschied ist hier nicht vorhanden. Dagegen fehlt es nicht an weniger wesent- 
lichen Eigenheiten, die im einzelnen Falle dem Hausportal sein besonderes Ge- 
präge verleihen. In dieser Beziehung möchten folgende Punkte eine Erwähnung 
verdienen: 

1. Das Hausportal hat oft in eine verhältnismäßig beschränkte Stockwerks- 
höhe eingeordnet werden müssen. Deshalb sind niedrige Formen besonders häufig: 
Türen, deren Architektur mit dem Sturze abschließt, Bogentüren, deren Oeffnung 
in den Bogen hineinragt, Türen mit Stichbogenschluß. 

2. Entsprechend der überhaupt vorherrschenden Behandlung der weltlichen 
Baukunst gegenüber der kirchlichen finden wir bei den weltlichen Portalen die 
einfacheren Grundformen bevorzugt und auch die Durchführung im einzelnen mehr 
vom Geiste der Einfachheit geleitet; der Figurenschmuck ist unterdrückt oder 
eingeschränkt. 

3. Die Anlage der Wohngebäude mit ihren Fluren und Hallen bringt es mit 
sich, daß die Tür häufig mit Fenstern in Gestalt von Ober- und Nebenlichtern in 
Verbindung tritt. 

4. Häufiger als bei kirchlichen Türen ist bei weltlichen Anlaß, zur Aus- 
schmückung mit Wappenschildern zu greifen. 

5. Die Haustüren finden sich in vielen Fällen mit steinernen Sitzplätzen aus- 
gestattet. 

Das letztgenannte Motiv zeigen die beiden abgebildeten Türen aus Halle. 
Es wird gewöhnlich für eine Erfindung der Renaissancezeit gehalten, kommt aber, 
wie u. a. unsere Abb. 80 beweist, schon bei gotischen Werken vor. Freilich ist 
es bei diesen noch nicht so beliebt als später, und die meisten der gotischen 
Türsitze, welche sich überhaupt vorfinden, gehören der eigenartigen Spätgotik der 
obersächsischen Lande an. ') Ersichtlich aber ist die anheimelnde, uns die ge- 
mütliche Seite des bürgerlichen Lebens früherer Zeiten vor Augen fuhrende 
Anlage mindestens schon im fünfzehnten, nicht erst im sechzehnten Jahrhundert 
aufgekommen. 

Das schöne Portal von Abb. 80 gehört zu einem Hause in der Schmeer- 
straße. Es trägt die Jahreszahl 1520. Das mittlere Stück des mit Birnstäben 
zwischen Hohlkehlen reich profilierten Bogens ist infolge eines Maßfehlers beim 
Versetzen nachgearbeitet worden, wodurch der Zusammenhang der Stäbe unter- 
brochen ward. Das Portal Abb. 81, von einem Hause der Brüderstraße, entstammt 
der Zeit um die Mitte des 16. Jahrhunderts. Für den Baldachin über den 
Sitzplätzen, dessen Form bei vielen Renaissancetüren Obersachsens umstilisiert 
beibehalten wird, ist hier schon der muschelverzierte Kuppelschluß der Nischen 
eingetreten. — Beide Portale sind in schönem roten Sandstein ausgeführt. 



1) Eine eigentümliche, ganz abweichende Ausbildung der TürsiUe fand Verfasser gelegentlich 
eines Maueraufbruchs an dem halbzerstörten, jetzt wieder vermauerten ursprünglichen Portal des spät- 
gotischen „Hochzeitshauses'' in Marburg. 



295 



Die Ausstellung von Lehrlingsarbeiten der Berliner Gewerbe.*^ 



Die dritte Ausstellung von Lehrlingsarbeiten der Berliner Gewerbe ist mit 
dem 26. Mai d. J. geschlossen worden. Dieselbe hat während der Zeit von etwa 
zwei Wochen die Räume des aus Glas und Eisen aufgerichteten Ausstellungs- 
gebäudes ausgefüllt, welches mit seiner luftig in die Höhe strebenden Kuppel 
dem Nordwesten Berlins zur Zierde gereicht, und hat sich im ganzen eines 
ziemlich lebhaften Besuches erfreut. Die Ausstellung zerfiel in zwei Abteilungen: 
in Abteilung I waren praktische Arbeiten vorgeführt, wie sie von Lehrlingen in 
den Werkstätten hergestellt worden sind, die Abteilung II gab in Zeichnungen 
und Modellierarbeiten ein breites Bild von den Leistungen der zahlreichen Schul- 
anstalten, welche in der Reichshauptstadt der gewerblichen Jugend Gelegenheit 
zu gründlicher Vorbereitung für den Lebensberuf bieten. Der Schwerpunkt der 
Ausstellung lag sichtbar in der zweiten Abteilung, schon darum, weil die erst- 
angeführte, die der praktischen Arbeiten, nicht gerade stark beschickt war und 
— mit Ausnahme der Ausstellung der Eisenbahnwerkstätten — kaum irgendwo 
eine planmäßige Darlegung dessen darbot, was der Lehrling innerhalb der ein- 
zelnen Gewerbe leisten lernen soll. 

Was die Ausstellung der Schulen angeht, so dürfte dem Leserkreise des 
Zentralblatts eine kurze Mitteilung über die Leistungen derjenigen Anstalten 
erwünscht sein, deren Lehrzwecke zu den Bedürfnissen und Interessen der Bau- 
gewerbe in nähere Beziehung treten. Es sind dies die Berliner Baugewerkschule, 
die Handwerkerschule, die Königliche Kunstschule und die Unterrichtsanstalt des 
Königlichen Kunstgewerbemuseums. 

Die Baugewerkschule ist von dem Berliner Handwerkerverein ins Leben 
gerufen worden und eine noch sehr junge Schöpfung. Sie bezweckt die Aus- 
bildung von Bauhandwerkern und Baugewerksmeistern in der Theorie, im Zeichnen 
und Entwerfen, ist in vier aufsteigende Klassen gegliedert und gewährt ihren 
Unterricht nur im Winterhalbjahr. Zur Zeit steht sie unter der besonderen 
Leitung des Architekten v. Stralendorff, der sich in Berlin zuerst durch den 
höchst ansprechenden Neubau des Klubhauses des t. Garderegiments zu Fuß am 
Pariser Platz bekannt gemacht hat. Die Schule wird gemeinsam vom Staate 
und der Stadt unterhalten. Von dem, was sie mit ihren Schülern erreicht, gibt 
die Ausstellung einen im ganzen sehr vorteilhaften Begriff. Das Freihand- 
zeichnen wird nach Holz- und Gipsmodellen betrieben und räumt naturgemäß 
dem Pflanzenornament eine hervorragende Stelle ein. Die Darstellung beschränkt 
sich auf Umrisse, was gebilligt werden muß, aber es nötig macht, die Plastik 
und die Bewegung der Formen mittels durchgelegter Schnitte zu verdeutlichen, 



*) Zuerst abgedruckt im Zentralblatt der Bauverwaltung 18S5, S. 232. 



296 

die künftig in ausgedehntem Maße einzuzeichnen wir anraten möchten. Der 
Unterricht im Zirkelzeichnen und der darstellenden Geometrie, iiber dessen 
Notwendigkeit und Berechtigung wir uns noch im allgemeinen auszusprechen 
gedenken, beschäftigt sich mit den herkömmlichen Gegenständen. Dies gilt 
auch vom Unterricht in den Baukonstruktionen, bei dem aber die Art und 
Weise, wie dem Schüler durch wechselnde Einkleidung der gleichen Aufgabe 
der Lehrstoff interessanter gemacht wird, ganz besondere Anerkennung verdient. 
Man gewahrt, daß dieser Lehrstoff auf die vier Klassen der Schule verteilt ist, 
so daß auf der untersten Stufe nur Holz- und Steinverbindungen, erst später 
ganze Mauer- und Zimmerkonstruktionen und zuletzt die Arbeiten des Ausbaues, 
Gründungen und Eisenkonstruktionen gezeichnet werden. Der Unterricht be- 
schränkt sich zweckmäßigerweise auf das, was in der Praxis Verwendung findet, 
wird offenbar ohne die fragwürdige Hilfe von Vorlageblättern erteilt und hält, die 
Lust am Bildermachen unterdrückend, auf eine einfache, gesunde Darstellung. 
Nur bei den Blättern aus einem der Parallelkurse der zweiten Stufe stören Pro- 
jektionsfehler und einzelne Härten in konstruktiver Beziehung. Wer sich der 
vielfachen Spielereien erinnert, mit welchen sich die Baugewerkschulen noch vor 
zweien und einem Jahrzehnt unter dem Namen von Baukonstruktionen beschäftigten, 
der Dachausmittlungen über undenkbaren Gebäudegrundrissen, der abenteuerlichen, 
federnden Balkenlagen, der krummen Grat- und Kehlsparren, wird vor allem die 
verständige Behandlung der Zimmerarbeiten, wie sie hier sich darbot, mit Ver- 
gnügen betrachtet haben. Ebenfalls durchaus praktisch angefaßt tritt uns in 
seinen Ergebnissen der Unterricht im Entwerfen entgegen; auch hier hat man, 
was gegenüber so manchen Verirrungen anderwärts nicht genug gelobt werden 
kann, sich ganz in dem der Schule zukommenden Kreise bewegt. Es sind land- 
wirtschaftliche und gewerbliche Anlagen verschiedenster Art gezeichnet worden, 
städtische Wohnhäuser jedoch nur unter Verwendung der einfachsten, allgemein 
gebräuchlichen Bauformen. Von den Fassaden der letzteren sind Werkzeichnungen 
großen Maßstabes und Schablonen für die Gliederungen hergestellt, wobei dem 
Technischen gebührend Rechnung getragen worden ist. Was unseres Erachtens 
an einer Baugewerkschule entbehrt werden könnte, ist das Eindringen in Einzel- 
heiten von ausschließlich baugeschichtlicher und baukünstlerischer Bedeutung. Es 
kann bezweifelt werden, daß den Schülern, welche die gleichfalls ausgestellte Folge 
von Blättern mit griechisch-dorischer Tempelarchitektur gezeichnet haben, aus 
dieser Beschäftigung ein eigentlicher Nutzen erwachsen ist. Was insbesondere wird 
es dem mit Backsteinen und Kalkspeis hantierenden norddeutschen Maurer helfen, 
wenn er lernt, welchergestalt die Architekten des Perikleischen Zeitalters ihre Blöcke 
kostbaren Marmors zum Heiligtum auftürmten und miteinander verbanden? 

Die Berliner Handwerkerschule, eingerichtet und geleitet von Direktor 
Jessen, wirkt auf einem viel ausgedehnteren Gebiete. Sie nimmt neben an- 
gehenden Bauhandwerkern auch Maschinenbauer, Mechaniker, Metallarbeiter jeder 
Richtung, Uhrmacher, Lithographen usw. auf Die jungen Leute werden im Frei- 
hand- und Zirkelzeichnen, in der darstellenden Geometrie, im Fachzeichnen und 
Modellieren unterrichtet, abgesehen von dem theoretischen Unterricht, dessen 
Ergebnisse auf einer Ausstellung nicht in die Erscheinung treten. Von den 
Arbeiten aus dem Bereiche des Freihandzeichnens, welches wesentlich sich 
der körperlichen Gegenstände, des Gipses und der lebenden Pflanzen als Vorlagen 
bedient, ist durchgängig nur günstiges zu berichten. Dasselbe gilt von den 



297 

Modellierarbeiten, die überall eine gründliche Schulung erkennen lassen. Zu 
einigen Bedenken gibt dagegen der Betrieb des Fachzeichnens Anlaß, so statt- 
lich und eindrucksvoll sich die Ausstellung der betreffenden Klassen auf den 
zahlreichen, von oben bis unten mit Uebungsblättern behangenen Wänden auch 
geltend machte. Bei aller Anerkennung des Fleißes und der hingebenden Liebe, 
welche die Lehrer, wie jeder sieht, ihrer Aufgabe entgegentragen, drängt sich 
dem aufmerksameren Beschauer doch die Wahrnehmung auf, daß die Gegenstände 
der Uebungen teilweise aus dem Rahmen, den ein Unterricht für Handwerker 
einhalten sollte, heraustreten, teilweise nicht in dem Grade, wie es möglich und 
nutzlich wäre, durchgearbeitet werden. Entschieden zu hoch greifen die Programme, 
nach welchen die jungen Maurer Fassaden von Land- und Stadthäusern entwerfen, 
dieselben mit ebenso schwülstigen und ästhetisch anfechtbaren als reichen Schmuck- 
formen überziehend. Zu reich sind durchgängig auch die Entwürfe der Tischler 
gehalten ; wir erinnern uns nicht, in der ganzen Abteilung derselben die Zeichnung 
eines für den gewöhnlichen bürgerlichen Hausgebrauch bestimmten Möbels ange- 
troffen zu haben. Dabei erscheint uns der Maßstab dieser Zeichnungen in ver- 
schiedenen Fällen als zu klein. Vor allem aber sollte bei diesen P'ntwürfen stets 
auf die Technik, auf die Zusammensetzung und die Verbindungen Rucksicht ge- 
nommen werden, insofern, als man dieselben einzuzeichnen nicht unterläßt und 
auch bis zu einem gewissen Grade die Form aus der Technik heraus zu entwickeln 
bestrebt ist. Viel wird man in letzterer Richtung von einer Handwerkerschule 
allerdings nicht verlangen dürfen, nachdem beim Aufleben der altdeutschen 
Studien die höher gebildeten Künstler, zu einseitig die äußere Erscheinung der 
alten Muster ins Auge fassend, dem Schlendrian und der Gleichgültigkeit gegen 
die technischen Grundlagen und Beziehungen die Tür geöffnet haben. Uebrigens 
fehlte es der Ausstellung der Fachzeichnungen auch nicht an Abteilungen, deren 
mit uneingeschränktem Lobe gedacht werden kann. Dahin gehören die Arbeiten 
der Steinmetzen, die der Mechaniker und Maschinenbauer. Die Entwürfe der 
Schlosser waren in vorzüglicher Weise durchgearbeitet, würden aber, was die 
Formen betrifft, durch näheren Anschluß an gute geschichtliche Vorbilder sehr 
gewonnen haben. Auch in dem für Goldschmiede eingerichteten Unterricht 
sollten mehr die klassischen Arbeiten der hinter uns liegenden Zeiten guter Kunst 
maßgebend gemacht werden. Die im Gedanken oft sehr schönen Uebungen der 
Zimmermaler schaden sich durch den gleichmäßigen Ueberzug mit jenem grau- 
braunen Gesamtton, in welchen die ältere Berliner Dekorationsmalerei, im Gegen- 
satz zur Farbenfreude der Antike, des Mittelalters, der Renaissance und der 
Barockzeit, kurzum jedes anerkannten Blütenalters der Kunst, ihre Werke mildernd 
einzutauchen liebte. 

Von diesem Uebel zeigen sich die dekorativen Malereien, welche die 
Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums ausgestellt hatte, befreit Daß 
überhaupt die betreffenden Studien an dieser Schule in richtigem Sinne geleitet 
werden, dafür würden die Namen der Meister, die hier lehren, gewährleisten, 
auch wenn die Ausstellung die erzielten trefflichen Erfolge uns nicht vorgeführt 
hätte. Die Leistungen des Kunstgewerbemuseums, mit den genannten Arbeiten 
der Maler abschließend, beginnen mit Blättern aus der Projektionslehre und 
reihen denselben an die Uebungen im architektonischen und Gipszeichnen, in 
der Anatomie und dem Aktzeichnen, dem Modellieren und Figurenzeichnen; 
ferner folgen Naturstudien, Flachornamente, Radierungen, Uebungen im Ziselieren, 



298 

Entwürfe zu Möbeln, Kunststickereien usw. Unter der Menge des Gebotenen 
zeichnen sich besonders aus viele schöne Blätter aus der Klasse für archi- 
tektonisches Zeichnen und für Ornamentzeichnen und fast alle Zeichnungen nach 
Gips. Die letzteren sind, der Sache angemessen, in breiter Manier behandelt 
und erreichen den vorgesetzten Zweck mit einfachen Mitteln; nur wenige Male 
hat die Schattierkreide sich verleiten lassen, zu sehr in die Tiefe hineinzugehen. 
Unübertrefflich muß die Darstellung genannt werden, welche in der Klasse für 
Flachornament besonders alte Stoffmuster gefunden haben. Die Kupferstich- 
klasse lieferte sehr gute Radierungen, zum Teil unmittelbar nach natürlichen, 
plastischen Gegenständen gefertigt. Und fast noch vorzüglicher nach jeder 
Richtung hin waren die meist nach Ornamentstichen in Kupfer, Messing u. dgl. 
ausgeführten Arbeiten der Ziseleure ausgefallen. Dagegen erschienen uns die 
Naturstudien etwas hart in der Farbe. Die Möbelentwürfe angehend, war auch 
hier viel Ueberreiches und wenig Einfaches geboten. Ebenso stand es mit den 
Zeichnungen zu Eisenarbeiten. Daß nirgend in diesen Schulen Kunstschmiede- 
arbeiten im eigentlichen Sinne gezeichnet werden, kann auffallend erscheinen. 
Für den Fall einer Wiederholung der Ausstellung dürfte den Ausstellern von 
Aktzeichnungen mit Rücksicht auf die jugendlichen Besucher vielleicht etwas 
Zurückhaltung in der Vorführung von Natürlichkeiten zu empfehlen sein. 

Würdig reiht sich der Schule des Kunstgewerbemuseums in ihren Leistungen 
die Königliche Kunstschule an, welche Ornament-, Architektur- und Gips- 
zeichnungen, Anatomie-, Natur- und Portraitstudien sowie Modellierarbeiten vor- 
führte, auf allen diesen Gebieten ihren anerkannten Ruf bewährend. Neben den 
mitunter freilich unnötig weit ausgeführten Zeichnungen nach Gips erregten 
besonders gewisse architektonische Dekorationen Bewunderung. 

Von sonstigen Schulen waren auf der Ausstellung vertreten die des Lette- 
vereins, die Fachschule der Malerinnung, die Fachschulen für Tischler, Stuhlarbeiter, 
Tapezierer, für Maurer und Zimmerleute, die letztere mit recht tüchtigen Leistungen; 
außerdem viele städtische Fortbildungsschulen. Von der nicht uninteressanten 
Sonderausstellung von Lehrmitteln erwähnen wir eine Reihe von Gewölbemodellen, 
die in Metall ausgeführt und — was bei solchen Dingen selten — aus wirklichem 
Verständnis für das Darzustellende hervorgegangen sind. 

An dieser Stelle sei nun bemerkt, daß es uns scheinen will, als ob unser 
neues, so fröhlich aufblühendes technisches Schulwesen in einer Beziehung viel 
zu fest an zwar altüberlieferten, aber durchaus zopfigen und pedantischen Ein- 
richtungen klebe. Wir denken an die nicht nur unnütze, sondern einfach schäd- 
liche Zersplitterung des Unterrichts im technischen Zeichnen in eine Menge 
einzelner Unterrichtsfacher. Zur Zeit wird der angehende Techniker und Hand- 
werker, einerlei, ob er die Baugewerkschule, die Handwerkerschule, das Kunst- 
gewerbemuseum oder eine andere verwandte Anstalt besucht, mit vielem Zeitauf- 
wand und nach- und nebeneinander im sog. Zirkelzeichnen, im Projektionszeichnen, 
in der Schattenkonstruktion, im axonometrischen, im perspektivischen Zeichnen, 
im Zeichnen von Baukonstruktionen und überhaupt von Fachgegenständen unter- 
richtet. Diese Trennung ist sicherlich vom Uebel, weil sie viel Zeit verschlingt, 
die Lernlust drückt und weniger erreicht, als sich bei einem Unterricht, welcher 
diese Gegenstände gleichzeitig in Angriff nimmt, erreichen ließe, außerdem aber 
die Mappen und den Kopf der Jünger mit interesselosem Ballast beschwert. Ein 
Maurer, welcher seine Zeichenübungen sofort mit der Darstellung einfacher Maurer- 



I 



_-99 _ 

konstruktionen, z. 15. mit der Darstellung von Ziegelverbänden beginnt, findet 
hierbei von selbst schon Gelegenheit, sich im Gebrauch der Zeicheninstrumente 
zu üben. Die Beziehung zwischen Grundriß, Aufriß und Durchschnitt, d. h. das- 
jenige, was er von den Errungenschaften der darstellenden Geometrie im Leben 
innehaben muß, läßt sich an diesen und an den nächstfolgenden Konstruktions- 
zeichnungen dem Schuler mit weit größerem Erfolge klarmachen, als es an 
abstrakten Sj'stemen von Linien, Ebenen und krummen Flächen möglich ist. 
Ebenso die axonometrische und perspektivische Darstellungsweise und die 
Schattenkonstruktion. Wer nicht in den eigentlich technischen Fächern unter- 
richtete, hat keinen Begriff davon, wie wenig bei den an mathematisches Denken 
nicht gewöhnten Schülern mit jenen theoretischen Vorübungen erreicht wird. Die 
Aufgaben, welche das eigentliche Bauzeichnen bezüglich der Darstellung bietet, 
sind regelmäßig von sehr einfacher Natur, verglichen mit den Aufgaben, wie sie 
die darstellende Geometrie vorher schon theoretisch lösen lehrt. Und doch 
kommt es kaum jemals vor, daß die in die technischen Kurse eintretenden 
Schuler die Fähigkeit zur Lösung jener einfachen Aufgaben mitbrächten. Dies 
liegt auch in der Natur der Sache. Denn machen lernt man diese wie alle Dinge 
nur durch Uebung; die theoretischen Lösungen der darstellenden Geometrie aber 
jedesmal frisch nach vollbrachter Tat an praktischen Beispielen anzuwenden und 
einzuüben — und nur ein solches Einüben wurde den Zweck erreichen — , dazu 
hat keine Schule die Zeit. Der Gegensatz zwischen den Zeichnungsblättern, 
welche der Schuler im ersten und zweiten Studienjahr fertigt und in welchen 
auch die schwierigen Darstellungsaufgaben theoretisch aufs beste gelöst erscheinen, 
und zwischen den später hergestellten Bauzeichnungen, in denen derselbe Schüler 
über die einfachsten Projektionsfragen zu straucheln pflegt, ist oft ein sehr über- 
raschender. Auch unsere Ausstellung bot Beispiele dieser Art. In einer ganzen 
Abteilung von Baukonstruktionszeichnungen waren die Schnitte durch Gewölbe- 
rippen und verstärkte Gewölbegrate immer unrichtig dargestellt. Und dennoch 
handelt es sich hier nur um Anwendung des einfachen, geradezu selbstverständ- 
lichen Satzes, daß die Schnittlinie zweier senkrechten Ebenen eine senkrechte 
Gerade ist. Daneben waren theoretische, durchweg richtig gelöste Uebungen in 
Fülle vorhanden, in welchen sich mit Geschick ermittelt zeigte, wie in allen drei 
Projektionen die Durchdringungslinie aussieht, die entstehen müßte, wenn etwa 
ein Hühnerei sich mit einer Tintenflasche in willkürlicher, schräger Richtung 
durchwachsen würde. Auf diesem ganzen Gebiet herrscht tatsächlich ein beklagens- 
werter unfruchtbarer Doktrinarismus. Wir möchten die Frage, ob hier nicht Ver- 
einfachung im Unterrichtsgang angezeigt erscheine, zur ernsten Erwägung stellen. 
Daß in der Abteilung für Werkstättenarbeiten die Ausstellung der Eisen- 
bahnwerkstätten hervorragte, ist bereits gesagt worden. Die Königliche Eisen- 
bahndirektion Berlin war es, welche Lehrlingsarbeiten der Werkstätten Berlin, 
Grunewald, Frankfurt a. d. O., Stargard und Breslau vorführte. Von jedem der 
ausgewählten Lehrlinge war eine Reihe von Arbeiten vorhanden, welche er in 
den verschiedenen Abschnitten seiner Lehrlingszeit gefertigt hat. Jedes Stück 
trug die Bescheinigung des Eisenbahn-Maschineninspektors. Es handelte sich 
vorzugsweise um Maschinenteile und angefertigte Werkzeuge, und das Ganze bot 
ein erfreuliches Bild von guter Schulung und gewonnener Handfertigkeit. Auch 
die Zeichnungen, welche diese Werkstätten aufgehängt hatten, gehörten zu den 
besten der Ausstellung. 



300 



Das Washington-Denkmal in der Hauptstadt der Vereinigten Staaten. 



") 



Bekanntlich hat das Volk der Vereinigten Staaten von Nordamerika das 
Andenken seines ersten Bürgers, George Washingtons, durch die Errichtung eines 
Bauwerks zu ehren gesucht, welches, in seinen Maßen zwar gewaltig und sogar 
unförmlich, in seiner Form den Forderungen der Kunst und des Geschmackes 
wenig entspricht. Das vor kurzem eingeweihte, bis auf einige Nebenarbeiten 
vollendete Denkmal erhebt sich in einem Außenbezirk der Bundeshauptstadt; von 
seinem Fuße aus erblickt man die Kuppel des Kapitols. Der Bau besteht in 
nichts als einem Obelisken über quadratischer Grundform, in gewohnter Verjüngung 
ansteigend und oben mit einer Pyramide abschließend. Die Grundfläche dieses 
Obelisken hat ein Seitenmaß von 55 Fuß englisch, die Gesamthöhe beträgt, vom 
Erdboden aus gemessen, 555 Fuß, also 169,2 m. Das Material der äußeren Be- 
kleidung ist weißer Marmor. Selbstverständlich ward der Koloß hohl angelegt, 
und man kann im Inneren mit einer Treppe emporsteigen, mit einem Aufzug 
emporfahren. Aber so sehr ist das Ganze ein Werk der eigensinnigen Laune, 
daß kein Fenster die Wände durchbricht, um diesen riesenhohen Innenraum zu 
erleuchten; vielmehr ist das elektrische Licht berufen, in diesem Schachte, den 
nur schwache Mauern vom sonnigen Tage draußen trennen, die Finsternis zu 
bekämpfen. Die Krone der Absonderlichkeit — um vorsichtig zu reden — hat 
der Architekt damit seinem Werke aufgesetzt, daß er eine Einrichtung traf, 
wonach derjenige, welcher elektrisch beleuchtet in die Spitze emporgeklommen 
ist, von da aus zwar durch ein Schauloch hindurch sich der Aussicht in die 
tagesbeleuchtete Landschaft erfreuen mag, aber, seinen Standpunkt verlassend, 
gezwungen wird, diese Oeffnung durch einen um seine Achse drehbaren 
Quaderstein wieder zu schließen. Auch hierbei ist, wie man sieht, gleichwie 
bei der Wahl der Gesamtform des Denkmals, ein ägyptischer Gedanke leitend 
gewesen. 

Die Errichtung dieses Washington-Denkmals wurde im Jahre 1848 von einer 
aus Bürgern der Hauptstadt gebildeten Gesellschaft begonnen. Ursprünglich lag 
ein etwas besserer Entwurf zugrunde, der aber verlassen ward. Die Wand wurde 
über dem Boden mit 15 Fuß Stärke bemessen und in Gneisquadern ausgeführt. 
Die Marmorquadern der äußeren Verkleidung bekamen 2 Fuß Höhe und durch- 



*) Zuerst abgedruckt im Zentralblatt der Bauverwaltung 1S85, S. 236. 



30I 

schnittlich etwa i'/; Fuß Stärke. Im Jahre 1856 geriet das Werk ins Stocken, 
nachdem es die Höhe von i56Fuf3 erreicht und die Summe von 300000 Dollars 
verschlungen hatte. Erst im Jahre 1877 nahm man die Arbeiten wieder auf, und 
zwar mit Staatsmitteln. Weil der vorhandene Stumpf eine Abweichung von der 
Lotlinie zeigte, ward zuerst das Fundament untersucht, welches man zu ver- 
stärken beschloß. Es hatte bisher bei einem Flächenmaß von 80 zu 80 Fuß eine 
Stärke von 23'/2 Fuß gehabt. Jetzt wurden 7 Zehnteile der Erde unter diesem 
Fundament auf eine Tiefe von 1372 Fuß weggegraben; dafür ward eine Zement- 
betonmasse eingebracht, deren unterste Schicht i26'/i Fuß Seitenlänge erhielt, 
so daß nunmehr .statt der früheren Standfläche von 6400 Quadratfuß eine solche 
von 16000 Quadratfuß vorhanden ist. Auf die Oberfläche des neu hergestellten 
unteren Fundamentteiles ist die Last des Denkmals dadurch angemessen über- 
tragen worden, daß man auch dem oberen, alten Fundament ringsum eine Ver- 




Abb. 82. 



Stärkung gab. Um diese dem Druck von oben dienstbar zu machen, mußte die 
alte Fundamentmasse ringsum, und zwar bis zur vollen Hälfte ihres körperlichen 
Inhalts ausgebrochen werden. 

Am 7. August 1880 wurde mit der Höherführung des Obelisken begonnen 
und am 6. Dezember 1884 der Schlußstein gesetzt. Am Fuflpunkt der Pyramide 
haben die Wände noch 34'/2 Fuß Länge bei einer Stärke von i'/i Fuß. Der 
neue Teil des Werkes ist mit einem gleichfalls weißen, aber feinkörnigeren 
Marmor (aus Brüchen in Maryland) verblendet. Die Pressung des Fundaments 
wird beim stärksten jemals zu erwartenden Winddruck nicht über 9 Tons auf den 
Quadratfuß (9,86 kg auf das Quadratzentimeter) hinausgehen; an den Außen- 
kanten des F"undaments beträgt sie etwa ein Drittel hiervon. Vom Wiederbeginn 
bis zur Vollendung der Arbeiten ist das Setzen des Bauwerks ein etwas ungleich- 
mäßiges gewesen, doch messen die Ungleichheiten zur Zeit nur wenige Zoll. 



302 

Die Baukosten haben bis jetzt 11877110 Dollars betragen. Zur vollständigen 
Fertigstellung des Denkmals und seiner Umgebung werden indessen noch 
mancherlei Arbeiten im Inneren sowie gärtnerische Anlagen im Umkreis des Baues 
notwendig. Hierfür ist noch ein Betrag von 166 800 Dollars veranschlagt. 

Als die Aegypter des Altertums aus dem rohen Steinpfeiler der vorgeschicht- 
lichen Zeit den Obelisken bildeten, gleichzeitig den erdgeschütteten Grabhügel 
zur Pyramide, die Steinkiste zum Tempel gestaltend, verliehen sie jener Obelisken- 
form ein erhöhtes Daseinsrecht dadurch, daß sie ihre Außenfläche zur Trägerin 
bedeutungsvoller Inschriften und Bilderfolgen machten. Damit war der Steinpfeiler 
auf eine Stufe künstlerischer Ausgestaltung gehoben, welche unsere Freunde jenseit 
des Weltmeeres freiwillig wieder preisgegeben haben. Dieselben sind zu der 
Anschauungshöhe jener Zeiten zurückgekehrt, in denen man sich des Neben- 
menschen mit dem Steinbeil entledigte und zur Herstellung einer Nähnadel des 
Zeitraums von Monaten bedurfte. Der Umstand, daß das Werk vor nun fast 
vier Jahrzehnten geplant ward, ist allerdings geeignet, den Mißgriff zu erklären, 
und man darf von den Architekten der Union, nach ihren oft so trefflichen 
neueren Leistungen zu schließen, mit Sicherheit erwarten, daß sie eine ähnliche 
Geschmackswidrigkeit zum zweiten Male nicht aufkommen lassen würden. 



303 



Das Rathaus in Ingolstadt. 



Das alte, in seinen Abmessungen sehr beschränkte, seiner Architektur nach 
höchst anspruchslose Rathaus in Ingolstadt hat in den letzten Jahren einen nunmehr 
zum Abschluß gelangten Um- und Erweiterungsbau erfahren, welcher in seinen 
Ergebnissen fast einem Neubau gleich zu erachten ist. Wir teilen in unseren 
heutigen Abbildungen zwei Grundrisse und zwei Ansichten des Gebäudes mit, 
welche dessen nunmehrige, bedeutend veränderte und erweiterte Gestalt wieder- 
geben. 

Das alte Rathaus war ein mit zwei Ecken freistehender Bau über unregel- 
mäßig vierseitigem Grundriß, mit seiner Langseite einer engen Straße, mit seiner 
einen Schmalseite dem Markt zugekehrt. An letztere Seite reihten sich unmittelbar 
fremde, unbedeutende Baulichkeiten an, durch deren Abbruch Platz für die 
Errichtung eines zweiten Rathausflügels gewonnen ward. Dieser reicht bis zur 
nächsten Straßenecke, so daß das Rathaus nunmehr eine hakenförmige Grund- 
gestalt und vier freistehende Fronten zeigt. Auf unseren Grundrissen ist der 
neue vom alten Flügel durch die schraffierte Darstellung der Mauerstärken ab- 
gehoben. Diese Grundrisse machen auch ersichtlich, daß die Grundfläche innerhalb 
des von dem Hause eingenommenen Hakens verbaut ist und demgemäß beide 
Flügel der Lichtzufuhr von ihren Hinterfronten her entbehren. Das Rathaus 
besitzt ein Erdgeschoß und darüber noch zwei Stockwerke. Letztere sind an der 
einen Ecke des Hauses behufs Anlage des größeren Rathaussaales zu einem ein- 
zigen Stockwerk zusammengezogen. 

Der Entwurf und die Bauleitung war dem Architekten Gabriel Seidl in 
München übertragen, welcher als einer der begabtesten und hervorragendsten 
Vertreter der wiedererweckten deutschen Renaissance bekannt ist. Der Künstler 
zeichnet sich vor vielen Mitstrebenden dadurch aus, daß er nicht nur in den 
Formen, sondern im eigentlichen, im innersten Geiste seines Stiles lebt. Seine 
Bauten stellen, wie jeder weiß, der sie gesehen hat, nicht notdürftige Kompromisse 
zwischen modernen Grundgedanken und altertümlichen Zierstücken dar, sie sind 
nicht widerspruchgeschwängerte Maskenfiguren, wie so viele Erzeugnisse neuerer 
Kunst, die wir in Deutschland haben erstehen sehen; die Bauten Seidls muten 
vielmehr den Beschauer an durchaus als Werke aus einem einheitlichen Guß, als 
Schöpfungen voller Unbefangenheit, Frische und Vorurteilslosigkeit. So auch das 
Ingolstädter Rathaus. 

Das Erdgeschoß enthält im alten Flügel hinter einer an der Straße entlang- 
fuhrenden Laube die städtische Registratur mit einigen Nebenräumen, den Stadt- 



*) Zuerst abgedruckt im Zentralblatt der Bauverwaltung 1885, S. 2S8. 



304 

arrest und eine Nebentreppe, im neuen Flügel u. a. die Polizeiwache und die 
Sparkasse und weiter die Haupttreppe. Im ersten Stockwerk sind der Reihen- 
folge nach das Standesamt und seine Registratur, das Paßbureau, die Bibliothek, 
der große Saal und die Arbeitszimmer des Bürgermeisters, des Rechtsrats und 
eines Adjunkten nebst einem zugehörigen Empfangszimmer untergebracht. Des- 




Abb. S3. Giebel des neuen l-lugelanbauc> 



gleichen im zweiten Stockwerk die Wohnung des Ratsdieners, die Rechnungs- 
kanzlei, die Rechnungsregistratur, ein kleinerer Sitzungssaal nebst Beratungszimmer 
und ein Wartezimmer. In den großen durchschießenden Saal MSt, der Höhe 
dieses Stockwerks entsprechend, eine Galerie eingebaut. Die Geschoßhöhen sind 
sehr beschränkte, 3,7s m für den Keller, 4,25 m für das Erdgeschoß, je 3,60 m 



305 

für die oberen Stockwerke. Einer Beschreibung der Fassaden, in welchen die 
Lage des großen Saales durch die Anordnung hoher Fenster gekennzeichnet ist, 
bedarf es angesichts der Abbildungen nicht. Diese Fassaden sind gemäß der in 
der Gegend von alters her überlieferten Bauweise in Stein und Putz ausgeführt. 
Das Hauptdach ist mit Flachziegeln eingedeckt, das Dach des turmartigen 
Risalits des neuen Flügels mit Kupfer. Die Abdeckung der Giebelmauern besteht 



Grundriß vom 
I. Stockwerk. 




Abb. 84. 



Abb. 85. 



gleichfalls aus diesem Metall. Im Inneren ist die neue, mit Oberlicht erleuchtete 
Treppe in kräftiger Holzkonstruktion hergestellt. Die Siile und vornehmeren 
Diensträume haben mehr oder weniger reiche Wandtäfelungen und zum Teil 
Holzdecken erhalten. Von dem plastischen Schmuck der Fassaden rührt das 
meiste noch von dem verstorbenen Gedon her. 



Schäfer, fiesammelte .Aufsätze. 



20 



3o6 



Der Spitzbogen und seine Rolle im mittelalterlichen Gewölbebau. 



Unter der Ueberschrift: „Der Spitzbogen und seine Einführung in die mittel- 
alterliche Baukunst" hat Herr Dr. J. Reimers in den beiden letzten Nummern 
dieses Blattes einen Aufsatz veröffentlicht, in welchem wiederum die Lösung der 
Frage versucht wird, wie und aus welchen Gründen die Form des geknickten 
Bogens in unsere alte Architektur Eingang gefunden und was sie in derselben 
zu bedeuten habe. Innerhalb der Geschichte der Baukunst und innerhalb der von 
ihr untrennbaren Geschichte der Baukonstruktion ist diese Frage eine der 
wichtigsten. Wir sind daher überzeugt, daß die Leser des Zentralblattes den von 
warmer Begeisterung für die Sache getragenen Ausführungen des Herrn Reimers 
mit Aufmerksamkeit gefolgt sind. Freilich nehmen wir auch an, daß der den 
behandelten Dingen näherstehende Teil jenes Leserkreises gerade dem Grund- 
gedanken des genannten Aufsatzes zuzustimmen kaum geneigt sein wird. Viel- 
mehr dürfte dieser Grundgedanke auf mancherlei Bedenken gestoßen sein. Der 
Unterzeichnete hofft im Sinne vieler zu sprechen, wenn er es unternimmt, im 
folgenden diese und zugleich einige minder wichtige Bedenken, welche dieReimerssche 
Abhandlung in ihm rege gemacht, zum Ausdruck zu bringen. 

Der in Rede stehende Gegenstand ist ein außerordentlich schwieriger. Denn 
es versteht sich von selbst, daß man an der Entscheidung der ganzen Frage nur 
mitarbeiten kann auf Grund des Studiums der Denkmäler selbst. Ebensowenig 
wie beispielsweise auf naturwissenschaftlichem Gebiete derjenige Forschererfolge 
erringen wird, welcher die Pflanzen, Tiere und Menschenformen, welche ihn inter- 
essieren, nur aus Abbildungen kennt, ist es in der Baugeschichte möglich, etwas 
Nützliches zu leisten ohne Prüfung, Nachforschung und Vergleichung an Ort und 
Stelle. Nun sind aber in den mittelalterlichen Bauwerken die Gewölbe, die für 
den baulichen Zusammenhang maßgebenden und die geschichtliche Entwicklung 
beherrschenden Teile des Ganzen minder zugänglich und nach Form und Zu- 
sammensetzung weit minder faßlich, als irgend ein sonstiges GHed des Baukörpers. 
In die unmittelbare Nähe einer solchen Steindecke kann man nur selten hin- 
gelangen, und eingehende Messungen sind meist nicht möglich. Das aus der 
Entfernung beobachtende Auge hat es nur ausnahmsweise mit geraden Linien 
und ebenen Flächen zu tun, welche leichter verfolgt werden können; die wesent- 
lichsten Glieder und Flächen der Gewölbe sind gekrümmt. Die Art und das Maß 



*) Zuerst abgedruckt im Zentralblatt der Bauverwaltung 1885, S. 290, 299. 



307 

der Kriimmung aber wird, besonders bei den Flächen, nur von einem eigens 
geübten Auge mit genügender Sicherheit abgeschätzt. Dazu zeigen sich die 
Unterflächen der Kai)pen, von wenigen Ausnahmefällen abgesehen, immer im 
Putzüberzug, auch die Rippen sind zumeist wenigstens mit Farbe gestrichen; das 
sind Hindernisse für die Beurteilung der Technik, des Verbandes, des Fugen- 
schnittes. Steigt man dann in die Dachböden hinauf, so findet man die Ober- 
fläche der Wölbungen gleichfalls mit Mörtel überzogen, mit Staub bedeckt, durch 
Schuttanhäufungen dem Blick entzogen. Ich habe schon angedeutet, daß bei 
baugeschichtlichen Untersuchungen die Besichtigung von bloßen Abbildungen 
überhaupt keine genügenden Grundlagen gewährt. Den eben berührten Schwierig- 
keiten aber ist die Schuld zuzuschreiben, wenn in den bisher vorhandenen zeich- 
nerischen Aufnahmen der Baudenkmäler ganz besonders die Darstellung der 
Gewölbe vielfach mit Fehlern behaftet ist und kaum jemals von vornherein Ver- 
trauen verdient. Es wurden sich ohne Muhe eine ganze Reihe von Bauaufnahmen 
aus unserer Literatur hernennen lassen, bei denen man die Wiedergabe, welche 
die Gewölbe gefunden haben, ohne weiteres als unrichtig und fehlerhaft erweisen 
kann. Ob in einem Bauwerk die Diagonalbogen der Kreuzgewölbe halbrund oder 
spitzbogig, ob die Schildbogen gestelzt oder von unten auf gekrümmt sind, ob 
die Kappen Busung oder keine Busung besitzen, ob sie nach dem Scheitel hin 
ansteigen oder fallen oder ob sie am Rand und am Schlußstein die gleiche Höhe 
behaupten: über alle diese Punkte geben die Zeichnungen unserer Aufnahmewerke 
oft Angaben, die sofort als unrichtig oder zweifelwürdig zu erkennen sind, im 
besten Falle aber Aufschlüsse, auf welche sich völlig zu verlassen der Kenner 
Scheu trägt. 

Selbst die besten und ruhmreichsten unter unseren Fachschriftstellern dürfen, 
was ihre Meinungen über Wesen und Geschichte des mittelalterlichen Gewölbes 
angeht, nur mit Vorsicht benutzt werden. Selbst Ungewitter und Viollet- 
le-Duc, deren Angaben und Ansichten auch Herrn Reimers wiederholt beschäftigen, 
sind hier gestrauchelt. Ich möchte nicht mißverstanden werden: Namentlich seit 
dem Tode Le-Ducs und seit dem Erscheinen des französischen Buches über ihn 
wird es Sitte, von seinen Arbeiten geringer zu denken und vor einer Ueber- 
schätzung seiner Verdienste zu warnen. Es liegt mir fern, mich dem Chorus 
derjenigen Stimmen anzuschließen, die in dieser Richtung laut geworden sind. 
Vielmehr scheinen mir dieselben mehr oder weniger unter das bekannte Wort 
Goethes zu fallen — ich denke an die Stelle, wo der Dichter von der wunder- 
lichen Tatsache spricht, daß jemand, der etwas leistet, und sei es auch eine Sache, 
an deren Leistensmöglichkeit noch niemals ein Mensch gedacht, daß dieser jemand 
durch diese Leistung nicht etwa zum Gläubiger des Publikums, sondern — nach 
dessen Auffassung — zu seinem Schuldner werde. Zu seinem Schuldner, dem 
man genau auf die Finger sehen müsse, damit er seine Schuld auch voll und 
ganz abbezahle. Ganz in solchem Sinne wird dem großen Franzosen ein Vor- 
wurf daraus gemacht, daß er in seinen Büchern oft den einen Gegenstand 
minder ausfuhrlich behandelt habe als den anderen, d. h. daß er, der über tausend 
Dinge zum erstenmal nachgedacht hat, nicht über alle Dinge, die es gibt, gleich- 
mäßig lange nachgedacht habe. Man tadelt die Form des Wörterbuches, welche 
er seinen Hauptwerken gegeben, statt für das Vorhandensein dieser Werke einfach 
dankbar zu sein und statt sich klarzumachen, daß wir diese Werke überhaupt 
nicht besitzen würden, hätte der Verfasser nicht jene in hohem Grade bequeme 



3o8 

und zeitsparende Form gewählt usw. Von einer derartigen Nörgelei wird aber, 
wie ich hoffe, das Vorgehen desjenigen unterschieden werden, welcher es unter- 
nimmt, nachweisliche Beobachtungsfehler und Fehlschlüsse, wenn sie ihm in den 
Schriften dieser grundlegenden Autoren aufstoi3en, zu berichtigen. Solcherlei 
Berichtigung mag heutzutage, wo wir — dank jenen Lehrern — an das Studium 
der Denkmäler ganz anders vorbereitet herantreten, selbst dem bescheidenen 
Schüler jener Lehrer möglich erscheinen. 

G. G. Ungewitter, der hochbedeutende, lange nicht genug gewürdigte Künstler 
und Forscher, ist in seinem herrlichen Lehrbuch bei Besprechung der Gewölbe- 
konstruktionen in einem schwerwiegenden Irrtum befangen. Er gibt^) als erstes 
Kennzeichen des gotischen Kreuzgewölbes ,,die Bildung der Kappenschichten 
nach Segmentbogen, d. i. die Busung oder den Busen" an. In Wirklichkeit haben 
aber die gotischen Kreuzgewölbe meist keinen Busen. Gerade in den Gegenden 
Deutschlands z. B., welche im 13. Jahrhundert an der Spitze der baugeschichtlichen 
Bewegung marschieren, werden die Gewölbekappen aus schweren, unregelmäßigen 
Bruchsteinen ausgeführt. Die Gotik stellt sie demgemäß auf einer bretternen 
Verschalung als Unterlage her. Da die Bretter ihre gerade Richtung hierbei bei- 
behalten, so ist jede Busung ausgeschlossen. Erst als man da, wo der Boden 
Bruchsteine nicht liefert, zum Wölben mit Ziegeln übergeht, gerät man allmählich 
auf den Gedanken, die Kappen, begünstigt durch die Leichtigkeit und regel- 
mäßige Form der Steine, aus freier Hand herzustellen. Dadurch erst erhalten sie 
Busung. Selbst in diesem Ziegelgebiet jedoch sind anfangs die Gewölbe noch 
auf Schalung gemauert und ungebust. Auch in Frankreich ermangelt die Mehr- 
zahl der Kreuzgewölbe dieser bezeichnenden Doppelkrummung. Wesentlich nur 
in der Isle-de-France und der Champagne tritt, durch die Eigenart des Materials 
ermöglicht, die Busung auf Der Irrtum Ungewitters, in dem ersten, schon früh 
geschriebenen Teile seines Buches begangen, erklärt sich daraus, daß er seine 
Jugendstudien an den Denkmälern Lübecks, im Lande des reinen Ziegelbaues 
gemacht hatte. Er ist sich über das wahre Verhältnis in diesem wichtigen Punkte 
nie klar geworden, denn noch die in seinem Todesjahr gefertigten Pläne zur 
Restaurierung der schönen Kirche von Gelnhausen stellen die Gewölbekappen 
mit doppelter Krümmung dar, während sie in der Tat nur eine einfache Krümmung 
besitzen. — - Das große Dictionnaire von Viollet-le-Duc ist in fast jedermanns 
Händen. Wer darin den Band IV und hier Seite 104 nachschlägt, findet durch 
die Abb. 55 des Artikels ,,Construction" dargelegt, wie der Verfasser die Her- 
stellungsweise der ersten gotischen Gewölbe verstanden wissen will. Trägt man 
aber den Aufriß der in dieser Abbildung gezogenen Fugenlinien N' O', M' P' aus, 
so wird man gewahr, daß die betreffenden Fugen, diese Linien als richtig voraus- 
gesetzt, um 70°, um 45° gegen die Wagerechte ansteigen würden. Das ist 
aber ganz unnatürlich und widerspricht jeglichem Befund. Also auch hier ein 
schlimmer Irrtum. 

Solche Irrtümer hat nun auch Herr Reimers, der auch seinerseits die ge- 
nannten Schriftsteller tadelt, nicht berichtigt. Sondern er schließt sich u. a. der 
Ansicht Ungewitters von der Selbstverständlichkeit der Busung bei den gotischen 
Gewölbekappen gleichfalls an. 



1) G. G. Ungewitter, Lehrbuch der gotischen Konstruktionen. Leipzig, T. O. Weigel. 1858. 
Vergl. S. 91. 



309 

Die Abhandlung von Dr. Reimers betont mit Geschick mehrere unbestreit- 
bare Wahrheiten. So wird zunächst von dem Verfasser eine Lanze gebrochen 
für die Anschauung, daß der Romanimus und die Gotik nur einen einzigen, 
stetig fortentwickelten Baustil darstellen. Diese Anschauung ist unbedingt richtig. 
Sie ist aber nicht, wie es den Anschein haben könnte, etwas Neues. 

Es ist ja wahr: Gar zu oft hat man ungeschichtlichen Sinnes die Gotik als 
eine selbständige, in sich abgeschlossene Kunstweise behandelt, welche ohne Be- 
riihrung mit dem Geist der anderen Stile ihren eigenen, sonst nirgend wieder- 
kehrenden Gesetzen folge. Und wenn man demgemäß Einzelheiten dieser Bau- 
kunst aus sich heraus hat erklären wollen, ohne sich die Vorgeschichte, zunächst 
die romanische Vorgeschichte dieser Einzelheiten anzusehen, so ist das sicherlich 
ein unwissenschaftliches Verfahren gewesen. Dasselbe steht als solches übrigens 
nicht allein da. Zwar sind, um einen Blick auf ein nachbarliches Wissensgebiet 
zu werfen, für die Wortforschung die Zeiten vorüber, wo man den Namen der 
Stadt Hanau von Hahn und Au ableitete, ohne sich darum zu kümmern, daß er 
einstmals Hagenowe gelautet. Aber wenn es sich beispielsweise um Volkssitten, 
um , .Gebräuche", um Dinge handelt, die so recht eigentlich ein Steckenpferd des 
Tages sind, so ist die Zahl der Forscher keine geringe, welchen die heutige, die 
augenblickliche Erscheinung einer Sache genügt, um die kühnsten Ableitungen 
aufzustellen; welche in jedem Fidibus, den ein Bauersmann entzündet, einen ver- 
späteten Widerschein altgermanischen Licht- und Sonnendienstes aufleuchten 
sehen und sich nicht fragen, ob sich die Verwendung solcher Fidibus denn über- 
haupt auch nur um fünfzig Jahre zurückverfolgen läßt. — Das nebenher. Tch habe 
gesagt, daß Herr Reimers mit der Betonung der Einheit der romanischen und 
gotischen Kunst nichts Neues vorbringt. In der Tat braucht man nur das Wörter- 
buch VioUet-le-Ducs aufzuschlagen, um gewahr zu werden, wie dessen Verfasser 
— trotz der immer wiederholten gewaltsamen Scheidung zwischen geistlicher 
Kunst und Laienkunst — von jener Einheit und jener stetigen Entwicklung fest 
überzeugt ist. Schreiber dieser Zeilen hat die gleiche Ueberzeugung unverblümt 
und alle Folgerungen ziehend seit längeren Jahren, in Berlin seit 1878, ausge- 
sprochen in seinen regelmäßigen Vorlesungen an der Technischen Hochschule und 
in anderen, vor älteren Fachleuten gehaltenen Vorträgen. Auf denselben Stand- 
punkt stellt sich v. Redtenbacher in seinem 1881 erschienenen ,, Leitfaden zum 
Studium der mittelalterlichen Baukunst". 

Noch weit weniger neu aber ist die Ansicht, welche Herr Reimers mit 
Nachdruck verficht, der Spitzbogen in der Gotik verdanke konstruktiven Er- 
wägungen, nicht einem übersinnlichen ,,Zuge der Zeit" seine Entstehung. Seit 
zwanzig und dreißig Jahren ist die Einsicht, daß dem so sei, Gemeingut aller 
eigentlich sachverständigen Kreise. In der kunstgeschichtlichen Literatur ist, so- 
weit dieselbe sich an Architekten und sonstige Kenner wendet, ein Buch, welches 
eine andere Meinung vertreten wollte, gar nicht mehr möglich. Nur m Werken, 
die einen weiteren Leserkreis vor Augen haben, wird die entgegengesetzte 
Anschauung von dem in einer geknickten Bogenlinie verkörperten Auf- 
schwung der Seele zu Gott zum Teil noch aufrecht erhalten — vielleicht 
nicht ohne einen gewissen Nutzen, da auf diese Weise die wünschenswerte 
Begeisterung für den Gegenstand dem größeren Publikum wohl leichter ver- 
mittelt wird, als es durch Vorführung trockener technischer Erörterungen ge- 
schehen könnte. 



3IO 

Etwas entschieden Neues dagegen leistet Herr Reimers, sich auf den Boden 
technischer Gesichtspunkte stellend, auf dem, wie gesagt, außer ihm fast alle 
übrigen Leute gleichfalls stehen, durch seine besondere Art, die Spitzbogenform 
zu erklären. Damit gelangen wir zum Kernpunkte seiner Auseinandersetzung und 
zu dem Punkte, wo unser Einverständnis mit seinen Ansichten endet. Herr 
Reimers beruft sich auf Scheitelbelastungen, welche bei den mittelalterlichen 
Gewölbebauten aufgetreten sind und welche den Gewölbebogen die spitze Form 
aufgezwungen haben sollen. Er denkt hierbei zunächst an die ihrerseits von oben 
her belasteten Stuhlsäulen der Dächer über den Gewölben. Und er gibt die (der 
Darstellung im Werk von Eisenlohr übrigens widersprechende) Querschnittszeich- 
nung des Refektoriums von Maulbronn, um durch sie seine etwas befremdliche 
Meinung zu stützen. Tatsächlich stehen in diesem Querschnitt auf den Scheiteln 
der Gurtbogen Dachsäulen.') Ehe aber aus dem Vorhandensein derselben irgend- 
welche Schlüsse gezogen werden durften, hätten ein paar sehr wichtige Vorfragen 
erörtert werden müssen. Herr Reimers nimmt ohne weiteres an, daß die be- 
treffende Dachkonstruktion mit dem Steinbau des Refektoriums gleichzeitig sei. 
Dies ist aber keineswegs selbstverständlich, ja nicht einmal wahrscheinlich. Ich 
habe trotz mehrmaligen Aufenthalts in Maulbronn diesen Dachraum nicht be- 
treten; ich glaube aber zu wissen, daß auf den Bauten des 13. Jahrhunderts die 
ursprünglichen Dächer durchaus nicht immer, auch nicht einmal häufig, sondern 
vielmehr nur selten erhalten sind. Das Maulbronner Dach sieht ferner in der 
mitgeteilten Zeichnung, da es ein Binderdach ist, gar nicht so aus, als ob es in 
dieser Form von Anfang an auf dem Gebäude gelegen hätte. Die Dächer des 
13. Jahrhunderts sind keine Binder-, sondern binderlose Dächer. Das Dach von 
Maulbronn macht vielmehr den Eindruck, als sei es nach irgend einer Brand- 
oder anderen Verwüstung in spätmittelalterlicher Zeit eilfertig und unter Ver- 
leugnung der gewöhnlichsten technischen Regeln dem Hause aufgestülpt worden. 
Die Regeln einer guten Technik erfordern nämlich, daß die Dachlasten nicht auf 
die Gewölbe übertragen, sondern denselben ferngehalten werden. Das ist heute 
Grundsatz und war es ebenso im Mittelalter. Die vielen alten Dachkonstruktionen, 
welche ich untersucht und nach dem Standpunkt meiner Kenntnis als gleichzeitig 
mit den Bauten selbst erfunden habe, sind freie, die Gewölbe nicht belastende 
Konstruktionen gewesen.^) Ich erachte demgemäß das Dach jenes Refektoriums 
oder wenigstens seine Säulen- und Pfettenkonstruktion für eine Zutat aus späterer 
Zeit; jedenfalls müßte, um es zu wiederholen, die Gleichzeitigkeit dieses Dächleins 
durch genaueste Untersuchung der Verbindungen und Zeichen bewiesen oder 
wahrscheinlich gemacht werden, ehe man aus seiner Anlage so schwerwiegende 
Folgerungen ziehen darf. Vor allem aber dürfte das Verfahren der Verall- 
gemeinerung, wonach eine kunstgeschichtliche Theorie auf ein einziges Beispiel unter 
so vielen aufgebaut wird, Billigung nicht verdienen. Vor allem weiter hätte der 
Urheber dieser Theorie sich doch auch fragen sollen, ob denn bei den Kreuz- 
gewölben, welche zuerst und lange vor Maulbronn den Spitzbogen aufnehmen, 



1) Bei Eisenlohr sieht es aus, als ob die Gewölbe jetzt mit Schuttmassen überlastet wären, in 
die man ein Schwelhverk zur Aufnahme der Stuhlsäulen in sorglosester Weise eingebettet habe. 

-J Bei Dächern, die als Erneuerungsbauten nach Unglücksfällen vor uns stehen und oft in Hast 
und mit sparsamsten Mitteln ausgeführt wurden, treten dagegen Konstruktionen, die sich auf die Gewölbe 
tUtzen, zuweilen auf, so bei den Dächern des Doms in Minden, des Doms in Paderborn, in Lippstadt, 
in Michelbach usw. 



3" 

ob in Vczelay und Saint- Denis denn gleichfalls Dachstuhlsäulen auf den Bogen- 
scheiteln stehen. Vor allem endlich wäre zu berücksichtigen gewesen, daß in dem 
Refektorium von Maulbronn nicht nur die Gurte, welche jetzt Stuhlsäulen zu 
tragen scheinen, sondern auch die Schildbogen, welche mit solchen Stuhlsäulen 
durchaus nichts zu tun haben, Spitzbogen sind. 

Wir stehen nicht an, die mehrgenannte neue Theorie von der Aufnahme 
des Spitzbogens in den mittelalterlichen Gewölbebau als eine zu ungenügend 
vorbereitete und zu wenig stichhaltige zu bezeichnen. 



Der Verfasser möchte die Gelegenheit benutzen , den interessierten Kreisen 
seinerseits eine Meinung über die Entwicklung des Kreuzgewölbes im Mittel- 
alter vorzulegen. Es ist dieselbe, welche ich bisher in meinen Vorlesungen 
vorgetragen und vor dem Berliner Architektenverein im Januar 1884 in einem 
ausfuhrlichen Vortrag dargelegt habe. Ich beschränke mich hier auf die Wieder- 
gabe der Hauptpunkte und werde mich bestreben, dieselbe möglichst übersichtlich 
zu halten. 

In der Geschichte des mittelalterlichen Kreuzgewölbes möchte ich folgende 
Zustände oder Stufen unterscheiden: 

Erste Stufe. Die romanische Kunst bildet Kreuzgewölbe in römischer 
Form und Reihen solcher Kreuzgewölbe, die nicht durch Gurtbogen geschieden 
.sind. Entstanden sind diese Gewölbe auf Grund von Studien an den karolingischen 
oder den römischen Bauten. Sie bestehen indes nicht aus einfachem Gußwerk, 
sondern aus schichtenweise auf die Unterschalung hingesetzten Bruchsteinen; die 
Fugen zwischen diesen hat man beim Mauern abschnittweise von oben her mit 
flüssigem Mörtel vergossen. Das Lehrgerüst ward bei Reihen solcher Gewölbe 
in der Art hergestellt, daß man in entsprechenden Abständen parallel zueinander 
halbkreisförmige Lehrbogen aufstellte, auf ihnen die Längstonne einschalte und 

auf diese Schalung für die Querfelder Stichkappen- 
~ i / \ I ~7 ^ Schalung auffutterte. Dies wird bewiesen durch das 

\^/^ \l/ häufig zu beobachtende Fehlen der Querkappen 

y^T\ über Wandfeldern, die der Fenster entbehren, 

X ! \ / und durch gelegentliche Verschiebungen zwischen 

„, solchen Querkappen, die sich gegenüber liegen 

(s. Abb. 86). Solche Gewölbe finden sich in den 
meisten romanischen Krypten und meist in den Seitenschiffen, sobald sie über- 
haupt gewölbt sind; auch wenn die Obergewölbe derselben Kirche schon eine 
weiter entwickelte Form zeigen. Diese römischen Gewölbe üben einen beträcht- 
lichen Seitenschub aus. Bei der geringen Breite und Höhe der Seitenschiffe lag 
hierin aber keine Gefahr; mußten doch deren Mauern aus Gründen der Guß- 
technik ohnehin ziemlich stark angelegt werden. 

Zweite Stufe. Man wagt sich daran, die Oberräume der Langkirchen mit 
Kreuzgewölben zu überdecken. Die Spannung derselben ist durchschnittlich 
doppelt so groß, der Kämpfer liegt durchschnittlich doppelt so hoch wie bei 
den Seitenschiffen. Deshalb genügt die von der holzgedeckten Basihka her 
gewohnte Stärke der Obermauern nicht als Wideriager. Jede Vermehrung dieser 
Stärke vergrößert die Tiefe der Pfeiler, welche die Obermauer tragen, und dient 



312 



dazu, den räumlichen Zusammenhang zwischen Mittel- und Seitenschiffen immer 
mehr zu schädigen. Es ist daher nötig, mit dem Maß jener Mauerverstärkung 
hauszuhalten, und man ändert die Gewölbeform, um den Seitenschub der Wölbung 
zu verringern. Das Gefühl lehrt, daß ein höher aufsteigendes Gewölbe weniger 
schiebt als ein flacheres. Die Erhöhung kann nur in der Mitte des Gewölbes 
vorgenommen werden, da ein Erhöhen der Randbogen (der Gurt- und Scheide- 
bogen) vorläufig ein noch zu kühner, noch zu fernliegender Gedanke. Man 
verleiht dem Diagonalbogen, der auf Stufe I eine flache Halbellipse war (aber 
nie gezeichnet oder aufgerissen worden ist, sondern sich durch das Aufschiften 
der Stichkappenschalung ganz von selbst ergeben hatte), Selbständigkeit und 
macht ihn zu einem Halbkreis (s. Abb. 87 u. 88). Der Gewölbescheitel wird 
dadurch auf nahe das Anderthalbfache der früheren Erhebung erhöht und jeder 
Punkt der GewölbefJäche innerhalb der Randbogen gegen früher mehr oder 
weniger gehoben. Daß die Veranlassung zu dieser Umwandlung des Gewölbes 
in dem Bestreben lag, den Seitenschub zu vermindern, geht schlagend aus der 
bisher zu wenig beachteten, vorstehend bereits angedeuteten Tatsache hervor, 
dafl bei sehr vielen romanischen Kirchen nur die Obergewölbe die neue Form 





Abb. 87. 





Abb. : 



Abb. 89. 



bekommen, in den Seitenschiffen dagegen, wo die üblichen Mauerstärken als 
Widerlager auch für die ältere, römische Form genügen, diese ältere Form 
bestehen bleibt. Ob die neue Gewölbeform von den abendländischen Meistern 
selbständig erfunden ward oder ob sie von Byzanz, wo sie schon früher auftritt, 
herübergeholt worden, wird wohl für immer unentschieden bleiben. 

Damit, daß man sagt: Die Rand- und die Diagonalbogen sind Halbkreise 
oder sollen Halbkreise sein, damit ist nun aber weder das Gewölbe erschöpfend 
beschrieben, noch für seine Ausführung ein Verfahren gewonnen. Es entsteht 
die Frage nach der Beschaffenheit der Flächen zwischen jenen Bogenhnien, es 
entstand für die romanischen Meister die Frage: Wie sollen diese Flächen, 
d. h. wie soll das diesen Flächen entsprechende Gewölbemauerwerk ausgeführt 
werden? Auf Stufe I hatte man die Gewölbe zum Zweck der Ausfuhrung ein- 
geschalt. Dabei blieb man: Alle romanischen Kreuzgewölbe, auch die 
nach dem Scheitel hin steigenden, sind — in Deutschland und in Frank- 
reich — auf Schalung gemauert. 

Wie konnte nun die Unterschalung solcher steigenden Kreuzgewölbe her- 
gestellt werden? Die alte Längstonne ist nicht mehr vorhanden, vielmehr steht 



313 



jetzt jedes Gewölbe abgesondert vom Nachbargewölbe für sich da, die einzelnen 
Gewölbe müssen sogar durch Gurtbogen voneinander geschieden werden. Jedes 
einzelne Kreuzgewölbe ist für sich einzurüsten. Die Art, wie diese Einrustung zu 
bewirken, mußte für die Form der Gewölbefliichen maßgebend werden. Die Frage 
nach der Beschaffenheit der Lehrgerüste ist deshalb für die Betrachtung 
dieser Gewölbe von der größten Wichtigkeit. — Nach heutigem Gedankengang 
würde man zunächst die Rand- und die Diagonalbogen aufstellen und parallel zu 
den Randbogen zwischen den Diagonalen Stümmelbogen anschiften, deren Form 
der Flachbogen sein mußte. Die Spannung und die Pfeilhöhe dieser Stümmel- 
bogen würde sich nach dem Ge- 
wölbescheitel hin vermindern, ihr 
Zentriwinkel gleichfalls, je nachdem 
auch ihr Radius. Ueber sie hin 
würden die Schalbretter zu liegen 
kommen. — Es wäre nun meines Er- 
achtens ganz verfehlt, anzunehmen, 
jene frühen Jahrhunderte wären gleich- 
falls einem solchen, zwar ein genaues 
Ergebnis verbürgenden, aber doch 
';/, sehr künstlichen und weitschweifigen 

V^erfahren gefolgt. Daran wird man 
gar nicht denken dürfen. Für das 
Austragen der Stümmelbogen hätte 
die geometrische Anschauung der 
Zeit nicht ausgereicht; die Ausfuh- 
rung so schwieriger Lehrgerüste hätte 
auch in die Hände der Zimmerleute 
fallen müssen, während wir wissen, 
daß die Maurer sie fertigten, und 
während diese bei naturwüchsigem 
Betrieb bis heute ihre Lehrgerüste 
selbst herstellen. Dagegen, daß die 
spätromanischen Gewölbe auf so 
exakt gedachten und ausgeführten 
Lehrgerüsten gemauert sind, sprechen 
auch die argen Versackungen, welche 
sie so häufig zeigen. Das Einrüste- 
verfahren kann vielmehr in jener ein- 
fachen Zeit nur ein sehr einfaches 




Abb. 90 



gewesen sein, ein urtümliches, weniger gebildetes. Wie es beschaffen war, dafür 
wird vielleicht die Beobachtung der alten, zünftigen Praxis Anhaltspunkte ergeben. 
In Hessen rüstet ein von der Kultur der Schule noch unberührter Maurer 
die Tonnengewölbe, die ihm bei landwirtschaftlichen oder bei Wegebauten vor- 
kommen, in der Art von Abb. 89 ein. Er legt Längspfetten a, die z. B. bei 
einem einen Bach überschreitenden Brückchen nur außerhalb der Stirnen unter- 
klotzt oder mit Steinen unterbettet werden; über diese hin werden in geeigneten 
Abständen gespaltene Latten b gebogen; darüber kommt die Schalung c zu 
liegen. Das ist naiv gedacht, einfach: denkbar sogar, daß wir in diesem Ver- 



314 



fahren eine Ueberlieferung aus ziemlich alter Zeit her vor uns haben, und ich 
habe nicht Anstand genommen, dasselbe auf die Ausführung stechender Kreuz- 
gewölbe zu übertragen. Danach sieht die Einrüstung eines Gewölbeviertels in der 
Hauptsache aus, wie Abb. 90 es darstellt. Die Gewölbeanfänge sind bis zur 
Höhe (j, gi mit den Mauern gleichzeitig ausgeführt; es werden die Rand- und 
Diagonalbogen aufgestellt, in der Zeichnung andeutungsweise durch ein paar 
Bohlstücke versinnlicht; dann bringt man die Längsbäume ein, deren Maß und 
Schmiege an Ort und Stelle ausprobiert wird und die an den Rand- und Dia- 
gonalbogen etwa gleiche Teilungen erzeugen. Die Bäume werden an den Lehr- 
bogen oberflächlich geheftet und neben denselben durch senkrechte Hölzer unter- 
stützt, jeder Baum an jedem Ende. Von den übergebogenen Latten ist in der 
Abbildung nur je eine dargestellt, siehe f, f\. Auf diese Latten kommt wiederum 
die Schalung zu liegen. 

Alle Untersuchungen, welche man an den romanischen Kreuzgewölben 
anstellt, weisen darauf hin, daß sie in dieser Art tatsächlich eingerüstet 
worden sind. Es ist nun aber sehr zu beachten, daß, wenn auf die solcher- 
gestalt gewonnenen Schalflächen unmittelbar gemauert wird, ein Kreuzgewölbe 
im gewöhnlichen Sinne gar 
nicht entsteht, sondern ein Ge- 
wölbe mit vertieften Graten, 
ein Mittelding zwischen Kloster- 
gewölbe und Stutzkuppel (s. den 
wagerechten Schnitt h in Abb. 90 
und den in radialer Richtung durch 
einen halbhohen Punkt des Dia- 
gonalbogens gelegten Schnitt I in 
Abb. 91). Diese Gewölbeform ist 
häßlich und entsprach nicht dem 
Bilde, das den Meistern vor- 
schwebte und sicherlich die wesent- 
lichen Züge des gewohnten älteren 

Kreuzgewölbes mit seinen erhöhten Graten trug. Das Gewölbe ist auch in der 
reinen Gestalt von Abb. 90 (s. Abb. 93 /) meines Wissens nie ausgeführt worden, 
sondern diese Gestalt zeigt sich mindestens in der Nähe des Scheitels, wo sonst 
erhabene Scheitelgrate e entstehen würden, abgeändert. Der Mittel zu gründlicher 
Abhilfe des Mißstandes der vertieften Grate waren sechs möglich: 

Dritte Stufe. Man legte den vertieften Graten vortretende Gratbogen 
unter, welche die üble Wirkung derselben in der Tat aufheben (Abb. 91, II). 
So geschehen in der Stiftskirche von Fritzlar u. a. a. O. 

Vierte Stufe. Man gab die Konstruktion ganz auf und wölbte Stutz- 
kuppeln (Abb. 91, III). So in Köln, in Knechtsteden, in der Bartholomäuskapelle 
in Paderborn usw. Wie sehr das Kreuzgewölbe aber Ideal blieb, sieht man aus 
zweierlei Vorkommnissen: 

a) Es werden den Stutzkuppeln nicht selten Diagonalbogen untergewölbt. 

b) Man stellt erhöhte Grate wenigstens im Putz der Kuppel her (Abb. 91, Uli). 
Dies war vor der Restauration der sechziger Jahre in St. Bartholomäus in Pader- 
born zu sehen (daher der verzeihliche Irrtum bei Lübke, Westfalen, welcher die 
betreffenden Kuppeln als Kreuzgewölbe zeichnet). 




Abb. 91. 



315 _ 

I*"ünfte Stufe. Das gewöhnliche spätiomanische Kreuzgewölbe. Man gab 
den Kappen Busung, indem man auf die Schalung von Abb. 90 Erde auftrug, 
den Auftrag nach kuppelartigen Flächen abglättete und mit schmalen, kurzen, 
gespaltenen Brettchen abdeckte. Auf diese wurden in der einen oder anderen 
Richtung die Steinschichten aufgesetzt. Die Mörtelabdrücke gedachter Brettchen 
erblickt man, sobald von einem solchen Gewölbe Putz abfällt (am deutlichsten 
bei dem gewaltigen Gewölbe, welches hochoben im I'aderborner Domturme liegt 
und nie geputzt worden ist). Siehe Abb. 92, IV, wo die schraffierte Hache die 
Stärke des Erdauftrags darstellt, und Abb 93 /. 

Das vorbeschriebene Gewölbe eignet sich wesentlich nur für quadratische 
oder nahezu quadratische Felder. Da der Mittelscheitel viel höher liegt als die 
Seitenscheitel, so entstand über den Schildbogen eine kostspielige, für die Innen- 
wirkung unausgenut/.t bleibende blinde Mauerhöhe (Abb. 93 /), oder man mußte 
sich mit einer Konstruktion des Dachgebälks begnügen, die höchstens über den 
Gurtbogen eine solide Sparrenverankerung ergibt, Abb. 93 /,-. Wie sehr letzteres 
als Uebelstand empfunden ward, zeigt u. a. die Kirche von Dobrilugk, wo nach- 
träglich die Mauern erhöht worden sind. 





Abb. 92. 



Abb. 93. 



Sechste Stufe. Man schritt deshalb zur Wahl eines noch ganz anderen 
Mittels, den vertieften Grat zu vermeiden. Man gab auch den Randbogen eine 
erhöhte Form und erhielt den radialen Schnitt Abb. 91, V. Der unbequeme Erd- 
auftrag fällt nun wieder fort. Der erhöhte Randbogen kann einer halben Ellipse, 
einem gestelzten Halbkreis, einem Spitzbogen folgen (s. Abb. 92). Er sei zu- 
nächst elliptisch (so in der Godehardskapelle in Mainz, nicht, wie behauptet 
wird, in Wetter). In dieser Form könnte er verharren, wenn etwa stets nur kleine 
Räume mit je einem Gewölbe zu überdecken, wenn also die Randbogen stets 
Schildbogen wären. Handelt es sich aber um Reihen von Gewölben mit zwischen- 
liegenden Gurten aus Haustein, so wird die elliptische Form zu einer höchst 
unzweckmäßigen, da jeder Bogenquader eine andere Krümmung bekommt. Daher: 

Siebente Stufe. Die Gewölbe mit Randbogen, welche nach gestelzten 
Halbkreisen gezeichnet sind, und 

Achte Stufe. Die Kreuzgewölbe mit spitzbogigen Randbogen. Man gibt 
ihnen vor denen mit gestelzten Halbkreisen den Vorzug, weil es natürlicher und 
einfacher erscheint, vom Kämpferpunkt aus nach dem festgestellten Scheitelpunkt 
in einer einheitlichen, gleichmäßig gekrümmten Linie vorzudringen, als in einer 



3i6 

zusammengesetzten, anfangs geraden, dann erst krummen Linie. (Nur bei sehr läng- 
lich gestalteten Feldern wird der kurze Randbogen gestelzt.) Dieses Gewölbe ist 
das gewöhnliche gotische Kreuzgewölbe der Bruchsteinländer. Es wird auf 
Schalung über einem Lehrgerüst entsprechend dem von Abb. 90 ausgeführt und 
hat keinen Busen. Gleich den Formen der sechsten und siebenten Stufe hat 
es vor dem gewöhnlichen spätromanischen Ge- 
wölbe in vielen Fällen noch den Vorteil einer 
weiteren Verminderung des Seitenschubs voraus. 
Da der Verband auf den Graten bei Bruchsteinen 
stets ein sehr unvollkommener, schreitet man zu 
einer Verbesserung desselben durch untergelegte 
Hausteinrippen. Die Scheitel der Randbogen Hegen 
gleich hoch mit dem Mittelscheitel oder etwas 
tiefer. Vergl. Abb. 94 0. 

Neunte Stufe. Im Ziegelgebiet einerseits 
und im Kalksteingebiet von Isle-de-France, Cham- 
pagne usw. andererseits führen die Eigenheiten des Materials darauf, die Ein- 
schalung der Kappen fortzulassen und die Kappenschichten freihändig oder auf 
beweglichen Brettschablonen einzuwölben. Diese Gewölbe haben dann Busen. 
(Siehe Abb. 94 JJ.) 




Abb. 94. 



Selbstverständlich folgen die vorstehend unterschiedenen Entwicklungsstufen 
nicht überall vollzählig und nicht überall in gleicher Reihenfolge aufeinander. 
Dem Verfasser würde es erwünscht sein, wenn zu der Art, wie er die geschicht- 
liche Entwicklung des Kreuzgewölbes sich vorstellt und wie er sie im obigen 
vorgetragen hat, von Fachleuten Stellung genommen würde. 



317 



Das Sedlmayrsche Haus in Berlin.'^ 

(Mit I Tafel.) 



Die folgenschwere Bewegung im Bauwesen unserer Zeit, welche man gern 
als eine Wiederaufnahme des Stils der deutschen Renaissance bezeichnet, hat zwei 
ihrem inneren Kern nach ziemlich scharf unterschiedene Richtungen gezeitigt. 
Die eine von ihnen könnte man die dekorative nennen, und ihr Mittelpunkt und 





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Abb. 9$. 



Im Erdgeschoß. 



Abb. 96. 



ihre Hauptpflegestätte ist Berlin. Gewöhnt, die Architektur der Hausfassaden als 
ein Kleid anzusehen, welches dem Baukörper nach Länge und Breite anzupassen 
zweckmäßig erschien, welches aber in den Einzelheiten seines Schnittes, in Schmuck 
und Besatz auf den Bau jenes Körpers eben nicht viel Rücksicht zu nehmen 



*) Zuerst abgedruckt im Zentralblatt der Bauverwaltung 1S85, S. 440. 



318 

brauchte, hat die Berliner Baukunst sehr vielfach die Kunstfornien jenes i6. Jahr- 
hunderts nur in ganz äußerlicher Weise verstanden und zur Verwendung gebracht. 
Dem „Zeitgeist" Rechnung tragend, zog man zur Belebung der Straßenwände die 
zierlichen und wechselvollen Einzelbildungen des neuen Modestils heran, in dem 
gleichen Geiste, der jenen Fronten sonst das hellenisierende Gewand aufgenötigt 
hatte. Und der veränderten Behandlung des Aeußeren mußte dann die Aus- 
bildung der Innenräume Folge leisten. Entsprechend einer so oberflächlichen 
Auffassung des Verhältnisses zwischen Form und Inhalt hat dann wirklich der 
neue Stil sich im großen ganzen nicht über die Bedeutung und die Standfähigkeit 
einer bloßen Mode erheben können. Mit überraschender Schnelligkeit beginnt er 
bereits neuesten Liebhabereien Platz zu machen. Alles deutet darauf hin, daß 
die jahrhundertelange Entwicklung vom Otto-HeinrichsBau in Heidelberg bis zum 
Empire und zu Schinkel uns während der kurzen Zeitdauer zweier oder dreier 
Jahrzehnte im Auszuge noch einmal vor Augen geführt werden soll: — mit 
Hilfe der Surrogatentechnik, der Plattenverkleidungen an Stelle der Haustein- 
quader, des Zinks und der Oelfarbe an Stelle der Steinmetzarbeit, des Flickwerks 
aus Leisten, Brettchen und Klötzchen an Stelle der Balken und Ständer; mit 
Hilfe vor allen Dingen des ,, Konstrukteurs" in Guß- und Schmiedeeisen, der den 
phantasievollen Gebilden des ästhetisch geschulten Mitarbeiters mit seiner im ver- 
borgenen arbeitenden Kunst das Rückgrat steift. 

Schon viele Male ist es ausgesprochen worden, daß es im Süden unseres 
Vaterlandes mit den betreffenden Verhältnissen im allgemeinen besser steht. 
Gestützt auf das Studium der in größerer Zahl erhaltenen Denkmäler, auf eine 
gesundere Technik und teilweise auf eine vorhergegangene Schulung in mittel- 
alterlicher Konstruktion und Kunst, treten uns dort mehrfach Neuschöpfungen 
entgegen, die als das Erzeugnis einer ernsthaften, tiefer in das Wesen der alten 
Renaissance eindringenden Richtung betrachtet werden müssen. Diese Richtung 
ist es, der sich mit einiger Wahrscheinlichkeit des Eintreffens eine längere Herr- 
schaft vorhersagen läßt; sie mehr als jene möchte berufen sein, zum Gebäude des 
Zukunftsstils Steine herbeizutragen. 

Eine dem räumlichen Umfange wie dem baulichen Aufwände nach sehr be- 
scheidene, künstlerisch aber entschieden hervorragende Leistung neuerer süd- 
deutscher Renaissance ist das Haus von G. Sedlmayr, Friedrichstraße Nr. 172 in 
Berlin, ein Werk des Architekten Gabriel Seidl in München. Der kleine 
Neubau hat in der deutschen Hauptstadt in seiner Eigenart ein gewisses Aufsehen 
erregt; wir glauben daher dem Wunsche vieler Leser nachzukommen, indem wir 
beistehend einige Zeichnungen von demselben mitteilen und dieselben mit kurzen 
erläuternden Bemerkungen begleiten. 

Das Haus ist für die Zwecke eines Bierausschankes erbaut. Bei der Grundrifl- 
bildung war, wie sichtlich, der leitende Gedanke, die sehr beschränkte Baufläche 
möglichst zu gut beleuchteten Gasträumen auszunutzen. Da für letztere nicht 
nur das Erdgeschoß, sondern auch das erste und zweite Stockwerk bestimmt 
sind, so galt es, auch das Treppenhaus geräumig zu gestalten und reichlich zu 
beleuchten. Die genannten Gasträume nehmen das Erdgeschoß und das zweite 
Stockwerk völlig in Anspruch, im ersten Stockwerk liegt auch noch die Küche 
mit ihren Nebenräumen. Das dritte und vierte Stockwerk enthält Wohnungen; 
die Zimmer des Hauspersonals und die Waschküche wurden in dem sehr ge- 
räumigen Dachgeschoß untergebracht. Ein einstöckiger Flügel im Hofe enthält 



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319 

die Treppe für die Küche und Aborte für die Dienstleute. Im Vorderhaus liegen 
die Aborte zwischen Treppe und Gasträumen, wobei zweckmäßigerweise die 
Höhe zwischen je zwei Treppenpodesten durch eine Zwischendecke geteilt und 
der gewonnene halbhohe Raum zur Abortanlage zugezogen ist. Das ganze 
Gebäude ist samt dem Hofe unterkellert; der Keller mußte gegen das über seine 
Sohle hinaufsteigende Grundwasser sorgfältig gedichtet werden. Die Heizungs- 
und Lüftungsanlage (Haubersches System) durchzieht das Haus mit zahlreichen 
Kanälen und Kaminen, so daß für die tragenden Pfeiler meist nur eine geringe 
Grundfläche verblieb Zwischen ihnen wurden, wo irgend tunlich, Wandschränke 
und Nischen ausgespart. 

Die schmale Straßenfront ist in ihrer Architektur höchst einfach gehalten. 






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Abb. 97. Grundriß vom Erdgeschoß. 



Abb. 98. Grundriß vom I. Stockwerk. 



Von dem Gurt über den großen Oeffnungen des Erdgeschosses an bis unter das 
aus einer dünnen Steinschicht bestehende Dachgesims zeigt sie einheitliche glatte 
Flächen, in welche die pfostengeteilten Fenster mit einer in allen Stockwerken 
gleichbleibenden Gliederung einschneiden. Auf der Mitte springt ein flacher 
Erker vor, der über die Dachtraufe noch mit einem Stockwerk hinaufgeführt ist. 
Die Giebel des Daches sind mit Staffeln ausgebildet und mit zierlichen Schornstein- 
köpfen bekrönt. Alle Architekturformen der Fassade sind in Sandstein her- 
gestellt, die zwischenliegenden Flächen jedoch geputzt und in trefi"licher Weise 
bemalt. Diese ganze Bemalung hebt sich in kräftigen, leuchtenden Farben von 



520 

einem gleichmäßig durchgehenden, fast rein weißen Grunde ab, welcher auch das 
ziemHch helle Grau der Steinarchitektur genügend hervortreten läßt. Das Dach 
des Erkers ist mit Kupfer, das Hauptdach mit deutschem Schiefer gedeckt- 
Etwas fremdartig berijhrt an der Fassade die Art, wie bei den Fenstern des 
Erdgeschosses Nische und Gewände bis zum Boden hinabgeführt sind, so daß 
der Eindruck zugeblendeter Türen entsteht. 

Bei der Ausstattung und dem Ausbau der Innenräume ist auf Bequemlichkeit 
der Benutzung in erster Linie Rücksicht genommen. (Jeberall treten auch hier 
gutes Material und tüchtige Konstruktion vereinigt auf Die Wände sind in 
allen Räumen auf etwas über Manneshöhe in schlichter Weise getäfelt. Der 
Raum über der Täfelung ist im Erdgeschoß weiß gestrichen, im ersten Stockwerk 
auf weißem Grunde mit Wappenwerk und Ornamenten bemalt. Die Decken 
sind einfache Holzdecken, in den schmäleren Räumen des Erdgeschosses jedoch 
flache Sterngewölbe von jener Art, wie wir sie häufig in alten Hausfluren süd- 
deutscher Städte finden. Das ganze Innere des Hauses, inbegriffen die malerischen 
Fluranlagen, atmet Gediegenheit und Behaglichkeit. 

Die Bauarbeiten sind von E. F. Jacob in Berlin ausgeführt, die Bemalung 
der Fassade rührt von Professor Rudolph Seitz in München her, die Malerei in 
den Gasträumen des ersten Stockwerkes von dem genialen Otto Hupp in Mitten- 
heim bei Schleißheim, jenem Kunstler, der wie kein zweiter heutzutage in Auf- 
fassung und Malweise unserer alten dekorativen Künstler eingedrungen ist. 

Das Haus ward anfangs Juni 1884 begonnen und in der kurzen Zeit bis 
Ende Juli 1885 fertiggestellt. 



32f 



Die Preisbewerbung um das Lutherdenicmal in Berlin. 



Vor wenigen Tagen hat das Preisgericht zur Beurteilung der Entwürfe für 
das Lutherdenkmal seine letzte, entscheidende Sitzung abgehalten. Den deutschen 
Bildhauern, welche zu Anfang dieses Jahres zur Einsendung von Skizzen auf- 
gefordert wurden, hat für die Ausarbeitung derselben eine Frist von acht Monaten 
zur Verfügung gestanden. Wie früher mitgeteilt, sind 47 Arbeiten zur Bewerbung 
eingelaufen. Dieselben waren etwa zwei Wochen lang in den Räumen der Berliner- 
Kunstakademie ausgestellt, ehe die Preisrichter ihre Entscheidung trafen. Jetzt, 
nachdem diese gefallen, ist die für kurze Zeit geschlossen gewesene Ausstellung 
abermals eröffnet. Von den früher genannten Mitgliedern des Preisgerichts haben 
die Herren Kammergerichtsrat Schröder, Geheimer Regierungsrat Spinola, 
Geheimer Oberbaurat Adler, Stadtschulrat Dr. Bertram, Stadtbaurat Blanken- 
stein, Geschichtsmaler Prof Geselschap, Geheimer Regierungsrat Dr. Jordan, 
Prediger D. Lisco, Bildhauer Prof Siemering und Bildhauer Prof Wilh. Wolff 
an den Verhandlungen teilgenommen. Die Herren Geheimer Oberregierungsrat 
Dr. Schöne, Geheimer Regierungsrat Grimm und Hofprediger Dr. Frommel 
sind an der Teilnahme verhindert gewesen. Im Verfolge eingehender Beratung 
wurde zuerkannt: 

I. Der erste Preis von 5000 Mark dem Entwurf des Bildhauers Paul Otto 
aus Berlin, zur Zeit in Rom; 2. der zweite Preis von 3000 Mark dem Entwurf des 
Bildhauers Karl Hilgers in Charlottenburg; 3. der dritte Preis von 2000 Mark 
dem Entwurf des Bildhauers Bernhard Römer in Berlin. — Durch Honorare 
von je 1000 Mark wurden ausgezeichnet die Entwürfe von Professor Encke in 
Berlin und Professor Voltz in Karlsruhe. Schließlich hat das Preisgericht noch 
die Arbeiten Nr. 14 (,,Mit Gott") und Nr. 29 (,,Ihr werdet die Wahrheit erkennen") 
dem Denkmals-Ausschuß zum Ankauf empfohlen. Der Entwurf Nr. 23 (,, Martin") 
ist wegen Verstoßes gegen eine Bestimmung des Ausschreibens von der Bewerbung 
ausgeschlossen worden. 

Wer Gelegenheit genommen hat, sich unter den überall zahlreich gleichsam 
aus dem Boden schießenden Denkmälern zur Erinnerung an verdiente Männer 
und große Ereignisse umzusehen, und wer etwa weiter die Ausstellung unserer 
Lutherentwürfe vorurteilsfreien Auges durchwanderte, der wird geneigt sein, mit 
mehr oder weniger Vorbehalt dem Ausspruche zuzustimmen, daß unsere Zeit einen 



*) Zuerst abgedruckt im Zentralblatt der Bauverwaltung 1885, S. 457. 
Schäfer, Gesammelte Aufsätze. 21 



322 

eigentlichen Beruf, Denkmäler zu gestalten, nicht besitze. Ist es doch überhaupt 
eine mehr als traurige Wahrnehmung, daß in unserem Jahrhundert der Zeitpunkt, 
welcher der Kunst große Aufgaben stellte, mit dem Zeitpunkt, welcher diese 
Aufgaben voll zu lösen verstand, gewöhnlich nicht zusammengetroffen ist. Man 
denke an die zahllosen Hochbauten, welche den Lauf unserer Eisenstraßen mar- 
kieren und zum großen Teil in Zeitläufen emporwuchsen, die dem neueren Auf- 
schwung unserer Baukunst noch sehr ferne standen. Man denke an die Art von 
Architektur, in welche die vor zwanzig und dreißig Jahren neu erbauten Viertel 
unserer Großstädte sich gekleidet haben. Vor allen Dingen, und daran möchten 
wir im besonderen erinnern, vergegenwärtige man sich die fast endlose Reihe der 
Erinnerungsmäler, welche von den Großtaten unseres Heeres in Frankreich oder 
von den Opfern des glorreichen Krieges reden. Der Architektenwelt brauchen 
wir die für ganze Klassen dieser Denkmäler aufgekommenen Uebelnamen 
nicht ins Gedächtnis zurückzurufen. Und nicht eine Bergeshöhe allein ist es, 
auf welcher, im Rahmen einer großen Natur zusammenschrumpfend, jeder Mög- 
lichkeit wirklichen Beschauens hohnsprechend, diese oder jene bronzene Riesen- 
jungfrau thront, statt des Turmes, des Obelisken, der Säule, die daselbst am 
Platze sein würden. Freilich wird, wer solche Erinnerungen an sich vorüberziehen 
läßt, dabei der alten Wahrheit eingedenk sein, daß zu jeder Zeit die Aufgabe, 
das reine Denkmal zu gestalten, in der bildenden Kunst das Schwierigste ge- 
wesen ist. 

Die schwierige Aufgabe, die alten Formen des Denkmals auf den einzelnen 
neuen Fall anzuwenden oder gar auf diesem Felde Neues zu ersinnen, wird nicht 
erleichtert, wenn man sich gedachter Aufgabe mit einem Grundirrtum behaftet 
nähert. In einem solchen Grundirrtum aber scheint in der Tat eine nicht kleine 
Zahl von unseren Bildhauern zu leben. Dieser Irrtum besteht, um es glatt, aber 
kurz zu sagen, in der Meinung, daß ein bildnerisches Denkmal aus zwei Teilen 
bestände, von denen der eine weniger wichtig als der andere sei. Wie oft sind 
Bildsäulen, Standfiguren anzutreffen, bei deren Entstehung es dem Verfertiger 
augenscheinlich allein darauf ankam, den Gefeierten mit Geschick seine Geste 
machen, sein Gewand drapieren zu lassen, die Portraitähnlichkeit herzustellen oder 
überhaupt dem figürlichen Teil seines Werkes als braver Künstler gerecht zu 
werden. Die Architektur jedoch, oft einer ganz anderen, vielleicht nur unter- 
geordneten Hand entstammend, denkt nicht daran, mit Masse, Linie, Verhältnissen 
des getragenen Bildes zusammenzugehen. Naturgemäßer aber ist es jedenfalls, 
ein solches Denkmal als ein Ganzes anzusehen, als ein Ganzes zu ersinnen und 
zu entwerfen. Von der Höhe des Straßenpflasters bis empor zur Feder auf dem 
Hute des Helden sollte Einheitlichkeit, gesunde Massenverteilung, Abwägung, 
Linienschönheit den ganzen Aufbau bestimmen und durchdringen. Das sind 
eigentlich selbstverständliche Forderungen, die, in Worte gefaßt, Gemeinplätze 
ergeben, und der Berichterstatter findet den Mut, diese Forderungen auszusprechen, 
nur angesichts der Tatsache, daß sie so sehr häufig unerfüllt bleiben. 

Auch unter den 47 Entwürfen zum Lutherdenkmal finden sich nicht gar zu 
viele, welche das Lob einer Erfindung aus dem Ganzen und Vollen beanspruchen 
dürfen. Glücklicherweise gehören die preisgekrönten Arbeiten ihrer Mehrzahl 
nach in diese Klasse. 

Der Entwurf von Otto (i. Preis) zeigt ein vierseitiges Postament mit einer 
verhältnismäßig etwas zu hohen Lutherfigur. Auf dem Sockel des Postaments 



323 

sitzen an einer und derselben Seite vier Nebenfiguren: Spalatin, Agricola, Jonas, 
Cruciger; seitlich lehnen Melanchthon und Buggenhagen am Postament selbst. 
Das Ganze steht auf einer großen Plattform, die sich einige Meter hoch über dem 
Platz erhebt und zu der auf einer Seite eine Freitreppe hinaufführt. Auf den 
Wangen dieser Treppe sitzen die Bilder Huttens und Sickingens. Der prächtige 
Kopf des Reformators würde, das Denkmal ausgeführt gedacht, durch die ge- 
waltigen Aermel der hocherhobenen Arme und durch das vorgestreckte Bibelbuch 
für die meisten dem Beschauer erreichbaren Standpunkte gedeckt werden. Auch 
ist die Idee, dem Denkmal ein Gesicht und einen Rücken zu geben — durch die 
einseitige Anlage der Treppe und dadurch, daß alle Figuren nach der gleichen 
Richtung hinschauen — , sicherlich eine verfehlte. Die vier Seiten des neuen 
Marktes, wo das Denkmal seine Stelle finden soll, stehen gleichberechtigt da, 
was gebieterisch auf eine konzentrische Gestaltung des Unterbaues hinweist. Die 
Anordnung der Nebenfiguren am Postament schlägt allzusehr ins Malerische. Die 
beiden Ritter am Treppenaufgang nehmen je den einen Unterschenkel in der 
gleichen Weise zurück, welche bei dem Humboldt Ottos vor der Berliner Uni- 
versität ziemlich allgemein als geziert und gezwungen empfunden wird. Im 
übrigen ist der Entwurf in allen Teilen aufs trefflichste zusammengestimmt und im 
Bildnerischen durch glückliche Charakteristik und echt künstlerische Gestaltungs- 
kraft ausgezeichnet. 

Der mit dem 2. Preis bedachte Künstler, K. Hilgers, ist von dem Gedanken 
einer Brunnenanlage ausgegangen. Am Postament seines Luther sitzen auf zwei 
entgegengesetzten Seiten Melanchthon und Hütten. Auf die auch hier vorhandene 
ausgedehnte Plattform führen, womit das Richtige getroffen wird, von vorn und 
von rückwärts Treppen hinauf. Zu beiden Seiten der einen Treppe wachen die 
Gestalten von Moses und St. Paulus, die erstere mehr als nötig an das gewaltige 
Werk Michel Angelos erinnernd. Die Arbeit teilt die Vorzüge des Entwurfs von 
Otto und übertrifft denselben an Ernst und monumentaler Haltung. Mehrfach 
hört man die Meinung aussprechen, daß eine Umkehrung in der beiden Denk- 
mälern zugewiesenen Rangstellung das Richtige gewesen wäre. 

Wohl lediglich wegen der in der Tat ganz hervorragenden Erfindung der 
Lutherfigur an und für sich ist dem Entwurf von Römer der 3. Preis zuerkannt 
worden; das Postament ist in Masse, Linien und Einzelheiten mehr als unglücklich 
ausgefallen. Die dasselbe umgebenden Gruppen sind in ihrer Auffassung durch- 
aus genrehaft. Die eine von ihnen, bei der ein Prediger des reinen Wortes einer 
Nonne den — in seiner Art ganz unmöglichen — Schleier entzieht (die Auf- 
hebung des Zölibats darstellend), würde nur Veranlassung zu schlechten Scherzen 
geben. 

Vielseitiges Bedauern erregt das Schicksal, welches den Entwurf mit dem 
Motto ,, Martin" (angeblich von O. Lessing herrührend) betroffen hat. Dieser 
Entwurf von bescheiden-großer Anlage, für die in Aussicht genommene Kosten- 
summe ausführbar, ist, was Feingefühl in der Gesamtgestaltung anlangt, gewiß 
das Beste auf der Ausstellung. Vom architektonischen Standpunkt aus beurteilt 
— der Ausdruck möge nicht mißverstanden werden — , welcher Standpunkt der 
zuerst maßgebende sein sollte, hätte dieser Entwurf die Siegespalme verdient. 
Statt dessen hat er von der Bewerbung ausgeschlossen werden müssen, da der 
Verfasser zur Ausstattung der vier Seiten seines Postaments die bekannten 
Evangelistensymbole verwendet hat und symbolische Darstellungen durch das 

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324 

Programm verpönt worden waren. Auch bei diesem Entwurf haben wir es mit 
dem Gedanken des Brunnens zu tun (die Ausgußröhren für die Wasserstrahlen 
werden vermißt). 

Mit der bei der Verteilung kleinerer Auszeichnungen getroffenen Wahl 
werden sich weitere Kreise teils mehr, teils weniger einverstanden erklären. Nr. 4 
verwertet das Motiv einer Wand gleichzeitig mit dem des Brunnens. Die Ent- 
würfe Nr. 30, 14 und 29 dagegen bedienen sich der bewährten Anordnung eines 
konzentrisch gestalteten Postaments mit stehenden oder sitzenden Figuren auf den 
Ecken. Bei allen dreien ist dieses Postament auch auf den Seitenflächen noch 
mit Vollfiguren oder Flachbildern geschmückt. Nr. 29 verfolgt den ziemlich 
wüsten Gedanken, bei einmal vorhandener Gelegenheit uns das ganze Leben und 
Treiben der Humanistenzeit vorzuführen. Zu Füßen des Reformators erblicken wir 
geschart die Vollbilder von Melanchthon, Dürer, Guttenberg, Hütten, Buggen- 
hagen, Jonas, Reuchlin, Keppler, Cranach, Vischer, Holbein, Fischart, Sachs, 
Brandt, Schöffer, Fust und WuUenweber. Dazu kommen noch vier figurenreiche 
Reliefs! 

Die drei Motive der eingefriedigten Plattform, der längsentwickelten Denkmal- 
wand und des konzentrisch gezeichneten Postaments oder Brunnens beherrschen 
überhaupt die Preisbewerbung. Unter der ersten Klasse von Arbeiten, die auf 
das Vorbild des Lutherdenkmals in Worms zurückgeht, zeichnet sich noch aus 
Nr. 22 (,, Reformation"). Der mancherlei Schönheiten aufweisende Entwurf hat 
auch das mit dem Werke Rietschels gemein, daß sich über die Richtigkeit der 
für gewisse Figuren gewählten Achse streiten läßt. Die Arbeiten der zweiten 
Klasse dürften, was den Grundgedanken angeht, überhaupt als verfehlt zu be- 
trachten sein — in Hinsicht auf den Aufstellungsplatz, welcher wenigstens die 
■ungefähre Gleichwertigkeit der verschiedenen Ansichten verlangt. Bei der dritten 
Klasse fällt es auf, wie häufig Mißverhältnisse zwischen Postament und Figur auf- 
treten und wie häufig fernerhin der architektonische Teil der Entwürfe den voll- 
ständigen Mangel jeder Schulung verrät. Besonders ist dies der Fall bei den 
Arbeiten Nr. 5, 16, 17, 20, 25, 26, 33, 35, 40 u.a.m. Die Architektur von Nr. 5 
macht den Eindruck, als sei sie in einem der Fabrikbureaus für polierte Granit- 
waren entworfen. 

Ein anderer, ziemlich allgemeiner Eindruck ist der, daß auch bei dieser 
Wettbewerbung wieder einmal das Ergebnis im ganzen hinter selbst billigen Er- 
wartungen zurückgeblieben ist. Ueber den weiteren Verlauf der Angelegenheit 
werden wir seinerzeit berichten. 



325 



Die Ausstellung gefärbter und getönter Bildwerke in Berlin. 



I. 

Vor nun bereits vielen Jahren geschah es, daß Berichterstatter eine unserer 
älteren, schönen Kirchen betrat, deren Innenräume unter Leitung eines bewährten 
Architekten kurz vorher restauriert und dabei auf Wänden, Pfeilern und Gewölben 
mit dem vollen Schmuck reichfarbiger Bemalung ausgestattet worden waren. Er 
befand sich in Begleitung des neuernannten Pfarrherrn, welcher die Freude des 
Besuchers an der wohlgelungenen Ausmalung des Gotteshauses nicht zu bemerken 
schien, sondern entschuldigend die Tatsache berichtete, daß er am Orte erst seit 
kurzem im Amte sei, und mit Lebhaftigkeit zu verstehen gab, nimmermehr würde 
unter seinem Regiment die Geschmacklosigkeit, die in grellen, bunten Farben sich 
hier breitmache, möglich gewesen sein: ,,Wenn ich zu bestimmen gehabt hätte, 
so wäre die Kirche einfach in Grau gemalt worden". Auf meine Bemerkung, 
über die Wahl gerade eines solchen Farbentones möge sich doch noch streiten 
lassen, entgegnete der sonst höchst würdige Seelenhirt: ,,Ja, entschuldigen 
Sie, ich meine ja nicht so ein gewöhnliches Grau, sondern ein zartes, schönes 
Silbergrau". 

Die Architektur und die Skulptur ist, solange es eine naturwüchsige, 
ursprüngliche Kunstübung gab, bemalt gewesen. Erst seit die Künstlerwelt sich 
von der alten, mehrtausendjährigen Ueberlieferung losgemacht hat, erst seit die 
Kunstjünger der Werkstatt den Rücken gekehrt haben, um in Akademien und 
Gelehrtenstuben sich die Ausrüstung für den Lebensberuf zusammenzusuchen, ist 
der Begriff der einfarbigen Baukunst und der einfarbigen, womöglich schneeweißen 
Bildnerei aufgekommen. Erst seitdem ist in Vergessenheit geraten, daß die 
bildende Kunst das Höchste nur erreichen kann, wenn sie an die Lösung ihrer 
Aufgaben mit Benutzung aller möglichen und verfügbaren Mittel herantritt, wenn 
vor allem die Farbe auch bei der Fertigstellung räumlicher Gebilde in ihre 
Rechte eintritt. Seit gedachter Zeit ist mancherlei, was der Kunst zum Heile 
dient, in Vergessenheit geraten. Aber während die neueste Gegenwart auf hundert 
Einzelgebieten bestrebt ist, das Vergessene und Verlorene zurückzuerobern, 
während Form und Inhalt der italienischen und deutschen Renaissance, der Antike 
und der Gotik auf Kunst und Kunstgewerbe klärend und befruchtend längst ein- 
zuwirken begonnen haben, und während dem wiedererwachten Studium ver- 



•) Zuerst abgedruckt im Zentralblatt der Bauverwaltung 1885, S. 477, 493, 522, 550. 



326 

gangener, glücklicher Kunstperioden das Verständnis selbst breiterer Volksschichten 
entgegenkommt, gibt es nach wie vor ein Feld, auf dem die Besserungsversuche 
begeisterter, am Born der alten Quellen schöpfender Künstler im allgemeinen 
noch zu scheitern pflegen, und zwar zu scheitern an der Geschmacksverbildung 
der Zeitgenossen. Dies ist das Feld der farbigen Ausschmückung und Vollendung 
der bildnerischen und baulichen Werke. Seitdem die Italiener des i6. Jahrhunderts 
und seit Winckelmann die Lehre von der marmorweißen Schönheit der ungefärbten 
Plastik, der ungefärbten Architektur gepredigt haben, stößt das lobenswerte Streben, 
diesen Künsten auch das naturgemäße Hilfsmittel der Färbung wieder eigen zu 
machen, sehr oft auf einen Widerspruch, der aus der Sache selbst heraus in 
keiner Weise zu erklären ist. Dieser Widerspruch ist ein noch lebhafterer, wenn 
es sich um Schöpfungen der Bildnerei, als wenn es sich um solche der Baukunst 
handelt. Nicht jeder von den Männern, welche im evangelischen und katholischen 
Gotteshause ihres hohen Amtes walten, denkt und fühlt wie der eingangs erwähnte 
Schwärmer für Silbergrau. Im Gegenteil erfreut man sich schon vielerorts wieder 
der farbenstrahlenden, gemütfesselnden Wirkung so manches alten und neuen 
Domes, so manches Kirchen- und Kapellenschiffes. In noch viel ausgedehnterem 
Maße ist der Farbenlust bereits in der Ausstattung unserer Wohnräume wieder zu 
ihrem Recht verholfen worden, auch in den Hallen und Sälen staatlicher und 
städtischer Monumentalbauten waltet gar oft wiederum der Pinsel, der den Gold- 
auftrag glättende Achat. Aber mit welchen Gefühlen würde noch der Mann ange- 
sehen werden, der den Vorschlag wagen wollte, das Marmorbildnis eines gefeierten 
Helden, eines Weisen, eines Dichters mit dem Zauber lebenswahren oder stilisierten 
Farbenglanzes zu verherrlichen, wie doch die Kunstvölker des Altertums und des 
Mittelalters es getan. Ja, wenn der Wahrheit gemäß die Macht des Schlendrians, 
gegen die der Architekt hier anzukämpfen hat, eine große genannt werden muß, 
so tritt sie als eine anscheinend unüberwindliche dem Bildhauer entgegen, der es 
unternehmen will, der Farbenscheu der Gegenwart den Kampf zu verkündigen. 
Und doch ist jedem, dem es gelang, sich von anerzogenen Vorurteilen freizu- 
machen, einleuchtend klar, daß — ebenso wie Architektur und Plastik — auch 
Plastik und Malerei bestimmt sind, verschwistert einherzugehen, und daß das Werk 
des Bildhauers, um zur vollendeten Bedeutung zu gelangen, der Mithilfe der Farbe 
eigentlich gar nicht entraten kann. 

Schon vielfach ist der heillose Bruch mit der Ueberlieferung beklagt worden, 
welchen die Künstler der Renaissance und die Kunstgelehrten Italiens herauf 
beschworen haben. Von den Anfängen ägyptischer und asiatischer Kultur, durch 
das gottbegnadete Zeitalter der Griechen hindurch, bei den Römern und im 
Mittelalter waren die Bauwerke, die Statuen und Flachbilder mittels Auftragens 
von Pigmenten oder mittels der farbigen Gegensätze der verwendeten Stoffe 
gefärbt gewesen. Dem umstürzlerischen Sinne jener Italiener entging der 
Zusammenhang, der in dieser Beziehung seit Jahrtausenden obgewaltet hatte; 
man gewöhnte sich, über die Schöpfungen der nächsten Vorvorderen als über 
Barbarentum die Achseln zu zucken, die Trümmer antiker Herrlichkeit aber, 
welche man aus Schutt und Verwüstung herausgrub, hatten ihren Farbenschmuck 
eingebüßt oder wiesen von demselben nur so geringe Spuren noch auf, daß sie 
zunächst unbemerkt bleiben konnten. So entstand der Lehrsatz von der rein 
steinfarbenen Kunst. Indem man glaubte, ein Altes wiederherzustellen, schuf 
man mit dem ungefärbten Steinwerk ein Neues, nie Dagewesenes. Künstler und 



327 

Schriftsteller priesen die weiße Kunst als allein würdig, als allein entsprechend 
der unvergleichlichen Höhe der antiken Anschauung. In Wirklichkeit jedoch ist 
besonders der griechische Tempel niemals ein eisfarbenes Unding, ein Peters- 
burger Schneepalast gewesen. Die Studien des laufenden Jahrhunderts haben 
aufs unwiderleglichste festgestellt, daß diese Tempelarchitektur ursprünglich in 
allen Farben strahlte. Wie aber hätte wohl im Rahmen dieser gemalten 
Architektur eine unbemalte Skulptur ihren Platz finden oder behaupten könnenl 
Wie ist es überhaupt denkbar, daß ein Volk von der Anlage der Griechen den 
Menschenkörper bei der Wiedergabe in Stein seiner ihm anhaftenden Färbung 
hätte entkleiden können. Wer von uns imstande ist, sich die Eindrücke der 
Kindheit ins Gedächtnis zurückzurufen, wird sich des Schauders erinnern, mit 
dem er zuerst die Köpfe unserer weißen Marmor- und Gipsbilder betrachtet hat, 
bei denen ein glatter Ball das Auge darstellt, weil eine seltsame Theorie dem 
Künstler verboten hat, den Augapfel abzubilden; man glaubte Wesen vor sich 
zu haben, die etwa unter einer schrecklichen Krankheit am edelsten Teile des 
Menschenantlitzes Schaden genommen hatten. Und ein jugendfrohes, naivfühlendes 
Volk wie die Hellenen sollte auf den Gedanken gekommen sein, an den Bildern 
seiner Götter und Helden das Auge, aus dem die Seele spricht, in dieser entsetz- 
lichen Weise zu verstümmeln? Das kann gar nicht geschehen, nicht gewesen 
sein! Dieselben Künstler von Hellas aber, die ihren Statuen den Augapfel auf- 
malten, welche Säulen, Gebälk und Decke des Heiligtums in Gold und Farben 
setzten, ist ihnen zuzutrauen, daß sie den schon in die Ferne wirkenden Gegensatz 
von Haupthaar und Fleisch, den farblichen Gegensatz nämlich, im Bilde unbetont 
gelassen, daß sie, was die Lippe zur Lippe, die Wange zur Wange macht, von 
der Darstellung ausgeschlossen hätten? Man hat lange geglaubt, es wäre dem 
so gewesen, die Bildnerei des sonnigen Landes der Kunst habe in der Tat eine 
so eigentümliche Enthaltsamkeit geübt, zuliebe einer grauen Theorie und einer 
schnörkelhaften Verstandestüftelei. Auch hier indes hat die unbefangene Forschung 
die Schulmeinung Lügen gestraft, auch auf den Statuen und Reliefbildern, die 
einst die Tempel und Festplätze geziert, entdeckt das geschärfte Auge unserer 
Tage die Ueberbleibsel von Gold und Farben, und die schriftstellerischen Zeugnisse 
für die Vielfarbigkeit der griechischen Skulpturen sind nunmehr in das rechte Licht 
gerückt worden. 

Darüber, daß das mittelalterliche Abendland seine figürlichen Arbeiten gefärbt 
hat, ist nie ein Zweifel aufgekommen. Bis heute aber ward sehr allgemein die 
Bedeutung übersehen, die den romanischen und gotischen Bildwerken hinsichtlich 
des Rückschlusses auf das gefeierte Kunstwesen der Römer und Griechen inne- 
wohnt. Auch der eigene Wert der mittelalterlichen Bildwerke und ihre künst- 
lerische Wirkung, eine Wirkung, die zum Teil in der Färbung begründet ist, 
wird zumeist noch übersehen oder gering geachtet. Kalt und teilnahmlos geht 
selbst die Mehrzahl der Kunstler an diesen Hervorbringungen unserer nationalen 
Vergangenheit vorüber. Ein unbefangenes Studium derselben würde ergeben, 
daß die Meister dieser Werke ohne besondere Anstrengung Aufgaben gelöst 
haben, mit deren Erfüllung wir selbst uns heute mehr oder weniger erfolglos 
herumschlagen. Zur Klärung der Frage, ob wir unsere Statuen bemalen 
sollen, würde das Studium der altdeutschen Skulptur aber die wertvollsten 
Beiträge zu liefern imstande sein. Und wenn es dann gälte, diese Statuen in 
stilisierendem Sinne zu färben, so würde für die Art, wie dabei vorgegangen 



328 

werden muß, die Betrachtung besonders unserer alten Holzskulpturen geradezu 
unschätzbare Fingerzeige liefern. An ihnen würde in dieser Hinsicht vielleicht 
sogar mehr zu lernen sein als an der — im großen und ganzen gesprochen — 
fratzenhaften Bildnerei der Chinesen und Japaner, welche sich zur Zeit einer liebens- 
würdigen Wertschätzung erfreut. 

Sicher indes sind gerade die vo rstehend gestreiften orientalischen Liebhabe- 
reien und Modeströmungen zum Teil wenigstens die Veranlassung geworden zu 
den Versuchen in Färbung und Tönung von Bildwerken, die augenblicklich 
manchen unserer Bildhauer beschäftigen, der noch vor kurzem die Zumutung, 
den Marmorschimmer seiner Figuren durch den Maler beschädigen zu lassen, mit 
Entrüstung zurückgewiesen haben würde. Das mit diesen Versuchen auftauchende 
Interesse auch der Kunstfreunde an der Bemalungsfrage hat nun die Direktion 
der Nationalgalerie in Berlin zu dem dankenswerten Entschluß veranlaßt, der 
Oefifentlichkeit den Stoff zur Erörterung dieser Fragen in einer Sonderausstellung 
farbiger Bildwerke aus alter und neuer Zeit zugänglich zu machen. Diese Aus- 
stellung ist am 14. November 1885 eröffnet worden. Bei der außerordentlichen 
Wichtigkeit, welche die Sache für die Architektur und die Architekten hat, 
werden wir uns mit den ausgestellten Werken etwas ausführlicher zu beschäftigen 
haben. 



II. 
Es ist eine beklagenswerte, aber nicht wegzuleugnende Tatsache, daß der 
Gedanke, plastische Bildwerke zu bemalen, der Mehrzahl unserer Künstler und 
der sogenannten Gebildeten fremdartig, abenteuerlich und widerwärtig erscheint. 
Nicht so freilich den minder hoch stehenden Schichten des Volkes, denen sogar 
umgekehrt die zuckerweiße Marmor- und Gipsfigur als etwas Unbegreifliches ent- 
gegentritt, welches von ihrem unverdorbenen Fühlen einfach abgelehnt wird und 
welches sie der Liebhaberei der ,, Vornehmen" ebenso geduldig zu überlassen ge- 
wohnt sind, wie die Austern und den Kaviar. Jenes Zurückschrecken der besser 
erzogenen Kreise aber ist das Ergebnis einer langen Gewöhnung, die, wie bekannt 
ist und schon erwähnt wurde, in den Irrtümern der Renaissancezeit ihren Anfang 
nimmt. Man darf es heute als unbestreitbar bezeichnen, daß die Plastik auch der 
Griechen und Römer gefärbt gewesen ist. Die Künstler des Renaissancezeitalters, 
zunächst die italienischen, die eine neue Kunst auf der Grundlage der Antike 
aufzubauen beschlossen, übersahen die Reste von Färbung, welche die verschüttet 
gewesenen und wieder ausgegrabenen Werke der Alten an sich trugen, und ver- 
kündeten laut die Lehre von einer rein steinfarbenen, weißen Bildnerei. Für unser 
unbefangenes Denken erscheinen hierbei zwei Dinge verwunderlich: einmal drängt 
sich uns die Frage auf, wie es möglich war, daß man die Reste von Gold und 
Malfarben, deren Vorhandensein wir nunmehr doch nach weiter verstrichenen 
drei- und vierhundert Jahren entdecken und mit Sicherheit nachzuweisen ver- 
mögen, dem Blicke jener Zeit entgehen konnten, und zweitens, wie es dem falschen 
Wahn, auch wenn er einmal eingerissen, möglich ward, so sehr lange seine Herr- 
schaft zu behaupten. In letzterer Beziehung muß aber sofort die Gewalt in Be- 
tracht gezogen werden, die zu allen Zeiten das Dogma, der Glaubenssatz, geübt 
hat. Auf jedem Gebiete pflegt eine Verirrung, in die einmal die Chorführer, die 
tonangebenden Geister, verfallen sind, lange nachzuwirken; der Schüler findet es 



329 

nicht nur bequemer, sondern auch pietätvoller, rechtschaffener, löblicher, durch 
die ihm übererbte Brille des Meisters hindurchzuschauen, als das eigene Auge zu 
selbständiger Forschung anzustrengen. An dem Worte, an dem Beispiel der an- 
gestaunten Künstler des goldenen Zeitalters zu zweifeln, ist den Nachfolgern ein- 
fach gar nicht eingefallen. In diesen Blättern, welche zunächst für die Pfleger und 
Liebhaber der Baukunst geschrieben werden, sei es gestattet, aus dem Gebiete 
der letzteren ein Beispiel anzuführen. Es bezieht sich gleichfalls aut eine Arbeit, 
mittels deren künstlerische, diesmal baukünstlerische Werke vollendet, fertig- 
gemacht werden. Die Bauwerke, welche eine der interessantesten Kunstperioden, 
das Mittelalter, uns in Deutschland hinterlassen hat, sind nur zum kleineren Teile 
in Steinquadern hergestellt, ein großer Teil derselben ist in gebrannten Ziegeln 
errichtet, der größte Teil weist die Technik des Bruchsteinmauerwerks auf. Die 
Werke der letzteren Art stehen zu vielen Tausenden noch vor uns da. An ihnen 
allen sind die Bruchsteinflächen nicht nur im Inneren, sondern auch im Aeuüeren 
mit einer Putzschicht überzogen gewesen und noch überzogen. Jeder Rundgang 
durch ein älteres deutsches Städtchen im Süden und Westen des Landes beweist 
dies. Wie hat nun angesichts dessen selbst in den Bauschulen, welche nach dem 
Aufkommen der mittelalterlichen Studien die Pflege des gotischen Stiles auf ihre 
Fahne schrieben, die Meinung Platz greifen können, daß die Verwendung eines 
solchen Außenputzes ungotisch, unserem Mittelalter und seiner monumentalen 
Richtung fremd und darum zu verwerfen sei? Tatsächlich ist diese Meinung 
durch längere Zeit fast die herrschende gewesen. Die Meister hatten sich nicht 
gründlich genug umgesehen, und die Schüler beschränkten sich auf ein befangenes 
Nachbeten. Von einer solchen deutschen Bauschule wurde vor zwanzig Jahren 
erzählt, der volkstümliche und gefeierte Lehrer habe seine jungen Anhänger durch 
eine Urkunde, welche der einzelne mit seinem Blute (?) unterzeichnen mußte, 
verpflichtet, sich niemals, welche Aufgaben auch das Leben ihm einmal stellen 
möge, jenem unheilbringenden, gänzlich unmittelalterlichen Laster des Außenputzes 
zu überliefern. Die schönsten alten Bauwerke haben dann nicht selten unter der 
Herrschaft dieses merkwürdigen und fast unerklärlichen Vorurteils Schaden ge- 
litten. Am Niederrhein wurden die spätrcmanischen Werke, welche von Anfang 
an auf ihren Tuffsteinflächen diese Putzhaut getragen hatten, derselben gelegent- 
lich der Wiederherstellungsbauten beraubt; noch vor wenigen Jahren entkleidete 
man die Auflenmauern des unvergleichlichen Domes von Limburg ihres schützen- 
den und für die künstlerische Wirkung unentbehrlichen Putzüberzugs, der nicht 
nur der ursprüngliche war, sondern größtenteils sogar eine ebenso ursprüngliche 
farbige Bemalung trug. Dies alles unter der Wucht einer Schulmeinung, deren 
Haltbarkeit durch das erste unbefangene Auf und Ausblicken hätte entkräftet 
werden müssen. 

Dafür, daß selbst dem kritischen Blick der Neuzeit es schwer fällt, gerade 
die Ueberbleibsel einer Polychromierung zu erspähen, wenn die überkommene 
Lehre dem Suchen nach derselben den Weg versperrt, möchte ich ein selbst- 
erlebtes Beispiel anführen. Ich habe vor etwa zehn Jahren den Nachweis dafür 
zu liefern beabsichtigt, daß unsere mittelalterlichen Bauwerke in unzähligen 
Fällen sogar im Aeußeren bemalt waren. Was ich von dem Ergebnis 
meiner Untersuchungen über diesen Punkt veröffentlichte, ist, da ich durch weit- 
läufigere, nicht von farbigen Bildern begleitete Mitteilungen langweilig zu werden 
fürchtete, auf die Beschreibung der Denkmäler einer einzigen Stadt beschränkt 



33 

geblieben.') Von dieser, der altertümlichen Stadt Marburg aber habe ich nachge- 
wiesen, daß alle Bauten aus dem Mittelalter, welche dieselbe noch birgt, ehemals im 
Glänze einer lebhaften Bemalung geleuchtet haben, und daß selbst das ganz in 
Quadern aufgeführte Münster von St. Elisabeth daselbst von den Meistern, die es 
errichtet, innen und außen in Rot, Weiß und Gelb, Gold, Grün, Blau usw. bemalt 
worden ist. Besonders in Marburg ist, ehe ich diese Beobachtungen machte, das 
Interesse für die alte Kunst schon lange rege gewesen. Trotzdem waren die Reste 
dieser merkwürdigen Farbenausstattung vorher niemandem aufgefallen oder doch 
von niemandem in ihrer Bedeutung erkannt worden. Der Restaurator von 
St. Elisabeth hat sie für eine Zutat späterer, kunstentfremdeter Zeiten gehalten 
(es läßt sich auf das unwiderleglichste beweisen, dafl sie ursprünglich sind) und 
für tunlichste Entfernung der Ueberbleibsel Sorge getragen. Unter der Wirkung 
der Bürsten und der ätzenden Säure sind die Außenflächen der genannten 
Kirche soweit als möglich in den naturfarbenen Zustand des Gesteins hinüber- 
geführt worden. 

Gewaschen, gebürstet und geschabt haben auch die Italiener an den von 
ihnen aufgefundenen Marmorbildern, und wenn überhaupt, finden wir nur in den 
tiefsten Faltentiefen dieser älteren Funde noch die Spuren der alten Polychromierung. 
Dieselbe ist auch schon zur Zeit der Ausgrabungen verblaßt und verschabt ge- 
wesen, durch die Berührung mit der Erde, mit der Luft, durch Nässe usw., und 
dieser Zustand war es, welcher das an die kraftvolle Farbengebung der gotischen 
Plastik gewöhnte Auge der Renaissancekünstler zu dem Irrglauben von der Farb- 
losigkeit der Antike verleitete. An neu gefundenen Werken pflegt sich der 
Farbenschmuck, seit man auf ihn aufmerksam geworden und beim Reinigen 
seiner schont, deutlicher darzustellen. Voran steht hier Pompeji, aus dessen 
Verschüttung wohl ein Dutzend sichtlich bemalter Marmorbilder an das Licht 
gestiegen ist. In Athen ward die Nachbildung der Athene des Phidias ausge- 
graben, die in satten Farben gemalt war. Die Bildwerke des Olympischen Zeus- 
tempels zeigen erhebliche Farbenreste, der Hermes des Praxiteles ebensolche. 
Die Bildwerke am Mausoleum im Halikarnaß waren polychromiert. Vor allen 
Dingen auch geben die pompejanischen Wandgemälde überall, wo sie Marmor- 
statuen darstellen, dieselben in vollem Farbenschmuck. In der natürlichen Weiße 
des Materials treten solche Statuen in den betreffenden Bildern nicht ein einziges 
Mal auf, und ein bekanntes Wandbild führt uns eine Malerin zwischen ihren 
F-arbentöpfen vor, welche eine vor ihr stehende Herme nach einer Farbenskizze 
bemalt. Einen besseren Beweis für die Polychromie der antiken Plastik kann 
man sich in der Tat kaum wünschen. Wie hoch die Griechen die Leistungen der 
Statuenmaler unter Umständen schätzten, beweist die Tatsache, welche sich aus 
einer Aeußerung des Praxiteles ergibt; ,,wenn der berühmte Nikias, einer der ersten 
Maler seiner Zeit, wenn dieser Künstler sich nicht für zu gut hielt, dem Praxiteles 
seine Statuen zu bemalen — dann liegt hierin für uns doch wohl die sicherste 
Bürgschaft, daß Schönheit und Feinheit der Färbung gewißlich nicht hinter 
den Formen zurückgeblieben sein werden, die der große Bildhauer geschaffen".') 

Dem Verfasser des Büchleins, welchem ich die letzten Worte entnehme, 
dem Professor Dr. Georg Treu in Dresden, gebührt das große Verdienst, die 



1) Deutsche Bauleitung 1876, S. 324 und 1879, S. 33, 43, 53. (Siehe S. 129 dieses Bandes.) 
■-) G. Treu, Sollen wir unsere Statuen bemalen; 



331 

Frage der Bemalung bildnerischer Werke neuerdings in Fluß gebracht zu haben. 
Wenigstens auf dem Gebiet, welches die Mehrzahl unserer Bildhauer allein kennt 
und das Publikum allein der Aufmerksamkeit würdigt. Es sind freilich noch 
andere Kreise vorhanden, innerhalb deren man alle hier zu besprechenden Fragen 
seit langer Zeit schon unter dem Gesichtspunkt abgetaner Sorgen betrachtet und 
innerhalb deren man längst davon überzeugt gewesen ist, daß jede naturwüchsige 
Kunstperiode ihre Statuen bemalt hat. Auch über die künstlerische Berechtigung 
eines derartigen Verfahrens und darüber, daß es heilbringend, dasselbe wieder 
aufzunehmen, besteht in den betreffenden Kreisen schon längst kein Zweifel mehr. 
In unseren Kirchenbauten, soweit dieselben mit wirklichem Verständnis an die 
großen Vorbilder der eigenen nationalen Vergangenheit anknüpfen, gibt es keine 
weißen Statuen mehr. Hier ist die alte Ueberlieferung längst wieder lebendig 
geworden. Eine Reihe bewährter Künstler ist es, die mit einiger Verwunderung 
auf die große Zahl schwächlicher, zaghafter, mit dem Unsegen der Halbheit be- 
ladener Versuche hinblickt, welche neben manchem Tüchtigen die Ausstellung 
gefärbter und getönter Bildwerke in ihrer modernen Abteilung uns vorführt. 



in. 

Die Ausstellung in der Nationalgalerie zerfällt in zwei Abteilungen. Zunächst 
ist eine Reihenfolge älterer Skulpturen dazu bestimmt, uns das Verfahren der 
verschiedensten, vor unserer Zeit liegenden Kunstperioden bei der Abfärbung 
größerer und kleinerer Bildwerke vor Augen zu führen. Ihnen schließen sich an 
die von der leisen einfarbigen Abtönung bis zur Heraufbeschwörung vollster 
realistischer F'arbenfuUe reichenden Versuche neuerer Kunstler. 

Wir haben bereits den einheitlichen Zug betont, welcher unserer Ansicht 
nach durch die Polychromie aller Zeiten bis zur Zeit des Absterbens der Färbung 
hindurchgeht. In der Tat will es uns scheinen, daß die Wirkung jener griechischen 
Götterbilder, deren Gewandung in Gold und deren Fleisch in Elfenbein hergestellt 
war, ungefähr dieselbe gewesen sein muß wie die sehr vieler gotischen Altar- 
figuren. Auch bei diesen, die etwa in Holz geschnitten und auf poliertem Kreide- 
grund bemalt sind, strahlen die Kleider im Glänze jenes edelsten Metalls, indes 
das Nackte mit seiner Färbung in mehr oder weniger stilisierter Weise der Natur 
folgt. Die Ausstellung selbst ferner enthält eine Anzahl ägyptischer Werke, die, 
was das Gepräge und den Gesamteindruck der Bemalung angeht, auf das leb- 
hafteste den Begriff deutsch-romanischer Skulpturen wachruft. Dies besonders 
hinsichtlich der Köpfe und — wie sich von selbst versteht — abzüglich des 
Unterschiedes der dort braunen, hier hellen Fleischfarbe. Ganz sicherlich aber 
ist eins in der ganzen langen Folge der Zeiten dasselbe geblieben: immer hat es 
in der Färbung plastischer Werke die beiden Pole von Stilisierung und Realismus 
gegeben, die freilich zahlreiche vermittelnde Verfahrungsarten zwischen sich ein- 
schließen. Wohl niemals ist in den guten Tagen der Kunst die Färbung gött- 
licher Gestalten eine einfach naturgemäße gewesen; sie hat nie die zufälligen 
Besonderheiten, welche das einzelne Menschenantlitz darbietet, wiederzugeben 
versucht, sondern dieses Gebiet ist stets der stilisierenden Farbengebung vor- 
behalten geblieben, die das betont, was allen Menschen gemeinsam ist: die Unter- 
schiede in der Färbung von Haut und Haar, von Lippen, Augapfel und Augen- 



332 

Stern usw. Das Bildnis aber und die Genrefigur mögen den malenden Kunstler 
wohl immer dazu eingeladen haben, ein treueres Abbild des Lebens zu liefern. 
Von natürlich bemalten Werken wie von mehr oder weniger stilisierten Bemalungen 
bietet die Ausstellung mancherlei Treffliches. Wir erwähnten bereits gewisse alt- 
ägyptische Bildwerke. Unter ihnen ragt die Holzstatue einer opfernden Frau 
hervor, einem Grabfund und wahrscheinHch der Zeit um 2000 v. Chr. entstammend 
(Nr. 4 des Katalogs). Ebenso die Darstellung eines hohen Beamten, die in 
Kalkstein ausgeführt ist (Nr. 9). Am besten erhalten und überhaupt am inter- 
essantesten unter den Werken dieser Herkunft ist der weibliche Kopf (Nr. 16), 
aus Leinwandpappe gefertigt und Bruchstück einer Mumienhülle. Streng stilisiert 
sind selbstverständlich die lebhaft gefärbten etruskischen Masken (Nr. 18 u. 19), 
welche Stirnziegel eines Tempels gebildet haben. 

Selbstverständlich fehlen die Tanagrafiguren und verwandte Kleinwerke aus 
gebrannter Erde nicht. Ihre Bemalung hat durchgehends sehr gelitten, doch ist 
es wahrscheinlich, daß denselben schon ursprünglich ein Anflug von Süßlichkeit 
eigen war. Die Farben der Gewänder waren fast ausnahmslos licht; der Mangel 
des Gegensatzes kräftigerer, wenn auch etwa nur kleine Flächen einnehmender 
Töne muß der Wirkung Eintrag getan haben. In voller satter Färbung dagegen 
ersteht dem einigermaßen geübten, aus den schwachen Ueberbleibseln von Farbe 
das Ganze restaurierenden Auge der prächtige Marmorkopf der Athene (Nr. 48) 
und die Grabstele des Aristion (Nr. 52), welch letztere in einem nach dem 
Original bemalten Gipsabguß aufgestellt worden ist. 

Besser, als es bei den jahrtausendelang im Schoß der Erde verschüttet 
gelegenen Werken Griechenlands möglich ist, hat sich die Bemalung der mittel 
alterlichen Skulpturen erhalten. Wenigstens gilt dies von denen, welche ihren 
Platz im Inneren der Kirchen gehabt haben. Das Alter dieser Arbeiten ist ja an 
sich schon ein viel geringeres und ihr Zustand oft ein noch ganz vortrefflicher. 
Die erste Stelle unter den Werken der Art nehmen die großen Freiberger Apostel- 
figuren ein (Nr. 87 bis 89). Sie sind in Holz geschnitten und mit viel Gold und 
herrlich zusammengestimmten, zum Teil sehr tiefen Farben bemalt. Schon der 
Goldglanz der Gewänder hebt diese und die Tausende von ähnlichen Arbeiten, 
welche unsere Gotteshäuser bergen, über bloße Abbilder einer etwaigen Wirk- 
lichkeit hinaus; stilisiert, in dieser Stilisierung aber höchst lehrreich, ist auch die 
übrige Färbung. Unter allen auf der Ausstellung vorhandenen älteren Arbeiten 
legen gerade diese Apostelfiguren in der edlen Würde und feierlichen Größe 
ihrer Erscheinung ein beredtes Zeugnis ab für den höheren Rang der gefärbten 
gegenüber der ungefärbten Skulptur. Mit gleicher Deutlichkeit reden freilich 
noch andere Stücke. So die Bilder der Heiligen Laurentius und Stephan, der 
Heiligen Georg und Florian (Nr. 81, 82, 85, 86) und viele andere, die teils der 
Spätgotik, teils der beginnenden Renaissance angehören. Frühgotische und 
romanische Beispiele sind nicht vorhanden; derartige Stücke würden schon wegen 
der meist anders behandelten, nämlich mit Mustern bedeckten Gewänder von 
Interesse gewesen und als neue Gattung den bereits vertretenen hinzugetreten 
sein; doch mag die Beschaffung solcher, vorwiegend in Stein gearbeiteter Stücke 
ihre Schwierigkeiten haben. Wie sehr in der mittelalterlichen Skulptur Form 
und Farbe einander bedingen, geht, nebenbei bemerkt, unter anderem daraus 
hervor, daß, je mehr in der beginnenden Spätzeit der Gotik die glatte Ver- 
goldung der Kleidung überhandnimmt, um so mehr die weiche Faltenführung 



333 

der geknitterten Platz macht. Die letztere ist meines Erachtens darauf berechnet, 
die Reflexe der Goldflächen zu vervielfachen und wäre in einer Zeit farbloser 
Skulptur wohl niemals auffrekommen. 

Als spiiter Ausläufer mittelalterlicher Kunstweise stellt sich dar die Holz- 
büste einer schmerzhaften Mutter Gottes (Nr. 137), aus Spanien herrührend. Die 
Bemalung ist auf dem üblichen Kreidegrund in Oelfarben ausgeführt und macht, 
im Gegensatz zu den Kirchenbildern der Gotik selbst, starke Zugeständnisse an 
den Realismus. Und doch scheinen die beliebten Reden vom Wachsfiguren- 
kabinett und dem Berliner Panoptikum vor diesem Bilde zu verstummen. Dem 
Zauber desselben möchte sich ein empfängliches Auge denn auch wirklich kaum 
entziehen können. Es verrät eben die Färbung ebensogut wie die Form die 
Hand des Meisters. — Bis zu einem Grade getrieben, wo bei schwachnervigen 
Besuchern dem eigenen mündlichen und schriftlichen Geständnis zufolge Gefühle 
der Aengstlichkeit bis zu solchen des Grauens eintreten, ist der Realismus der 
Farbe in zwei florentinischen Bildnisbüsten (Nr. iio u. 117), deren eine dem 
Benedetto da Majano zugeschrieben wird. P3s sind die Bilder des Filippo Strozzi 
und des Giovanni Rucellai, das eine aus gebranntem Ton, das andere aus Stuck 
bestehend. Sie gehören beide noch dem fünfzehnten Jahrhundert an. Die Besteller 
sind beide nicht gerade schöne Leute gewesen, und die Künstler haben ihnen 
nicht geschmeichelt. Die Darstellung geht der Färbung wie der Form nach 
unmittelbar auf Lebenswahrheit aus, doch glaubt wenigstens Berichterstatter zu 
bemerken, daß den Künstlern auch Dinge, wie seelischer Gehalt und geistige 
Stimmung der Stunde nicht gleichgültig gewesen sind und daß es ihnen gelungen 
ist, etwas von diesen Dingen auch in den gefärbten Bildern wiederzugeben. Eine 
naturmäßig bemalte Portraitbüstel Wie weit entfernt liegt der Gedanke auch nur 
an die Alöglichkeit einer solchen der heutigen Welt. Und doch wird sich nie- 
mals beweisen lassen, daß das Bemalen eines derartigen Bildes etwas Unrichtiges, 
Unkünstlerisches sei. Die gegen die Bemalung vorgebrachten Gründe — es wird 
nicht nötig sein, sie hier zu wiederholen — sind sichtlich Scheingründe. Mit 
ihnen könnte sich auch derjenige rechtfertigen, der etwa der Malerei das Mittel 
der Farbe zu entziehen und diese Kunst auf die Gattungen des Kartons, des 
Holzschnitts, Kupferstichs usw. einzuschränken gedächte. Denn wer ein Bildwerk, 
das sich mit Farben schmückt, allzu natürlich findet und davor Grauen verspürt, 
entsetzt sich doch vor einem Portrait von Lenbach bloß deshalb nicht, weil er 
gefärbte Leinwandbilder zu sehen gewöhnt ist. Ein Mensch, der auf einer Insel 
im Weltmeer aufgewachsen wäre, auf der es außer Kupferstichen keine Bilder 
gäbe, würde sich, nach Europa versetzt, auch vor unseren Leinwandbildern 
fürchten. Und vielleicht ständen wir heute vor der Frage: ,, Sollen wir unsere 
Oelbilder mit bunten Farben malen?", wenn es der Vorsehung gefallen hätte, 
unseren Renaissancemeistern des 15. Jahrhunderts, unserem Winckelmann und seinen 
Nachfolgern eine Folge Grau in Grau gemalter Tafelbilder aus dem alten Rom, dem 
alten Hellas in die Hand zu spielen. Ich möchte annehmen, daß in diesem Falle 
der einseitige Kartonstandpunkt noch heute seine Verfechter haben würde. 

Wenn wir aus der Fülle alter Arbeiten einige Stücke herausgegriffen und 
besonders genannt haben, so soll damit nicht gesagt sein, dafl diese Stücke eine 
ganz besondere Stellung einnehmen. Schon die Berliner Ausstellung bietet vieles, 
was sich ihnen fast ebenbürtig anreiht. Zur Zeit aber, als diese Stücke ent- 
standen, hat ihre Bemalung gewißlich nicht als Wunderbares gegolten. Ein 



334 

solches Stück war eines unter ungezählten Tausenden; der Künstler, der es färbte, 
war herangewachsen in der Ueberlieferung und sah sich hingestellt in eine Welt 
von Farbe. Was uns heute schwer wird: in der Stimmung der Farben, in dem 
Verhältnis zu den natürlichen Farben der Dinge, in der Flächenbehandlung das 
Richtige zu treffen, war jenem leicht. Ueber das ,,Ob" des Färbens brauchte er 
nicht nachzudenken, und das ,,Wie" angehend, bewegte er sich in der Hauptsache 
nach überkommenen Regeln. Für uns Heutigen wird allerdings, auch wenn die 
Frage des Ob, die Frage, in welchen Fällen Skulpturen wieder zu bemalen sind, 
gelöst sein wird, die Frage des Wie noch viele Schwierigkeiten machen. Uebrigens 
sind wir so weit noch lange nicht; die beiden gedachten Fragen werden sogar 
noch fortwährend durcheinandergeworfen. So jedesmal, wenn den Vertretern der 
gefärbten Plastik das schon erwähnte Schreckbild des Wachskabinetts, des Pan- 
optikums, entgegengehalten wird. Ein Wachskabinett ist an und für sich gar 
nichts Schreckliches, die betrübende Wirkung tritt nur darum ein, weil die 
betreffenden Bilder schlecht gemacht zu sein pflegen. An sich ist das Wachs 
selbstverständlich ein für gewisse Arten der Plastik höchst geeigneter Stoff. 

Die Nennung dieses Materials erinnert uns daran, noch des Liller Mädchen- 
kopfs zu gedenken (Nr. 133). Er ist aller Wahrscheinlichkeit nach ein italienisches 
Werk der Zeit um 1500 und in Wachs modelliert und fast realistisch abgefärbt. 
In der Nationalgalerie steht nur eine das Urbild nicht ganz erreichende Nach- 
bildung. Jenes befindet sich bekanntlich im Museum Wicard in Lille, doch gibt 
auch diese einen Begriff von dem wunderbaren Liebreiz, den das Original besitzt 
und der dem lebenden Modell einst eigen gewesen sein mag. Sonst seien aus 
der Abteilung der alten Werke noch hervorgehoben die Mutter Gottes des 
Jacopo Sansovino (Nr. 113) und diejenige, welche der Katalog unter Nr. 124 
bezeichnet. Die letztere bietet ein Beispiel für eine stilisierte F"ärbung, welche 
sich auf bloße Andeutungen beschränkt. Als Grund des Bildwerks ist überall 
der Marmor stehengeblieben. Er ist geölt worden, um ihn zu den aufgetragenen 
Farben zu stimmen. Diese bestehen in etwas Schwarz für die Augen, Rot für 
die Lippen und Gold für ein Muster auf den Gewändern und das Haar. Der- 
artige, in dem einen oder anderen Sinne eingeschränkte Behandlungsarten gibt 
es in jener Zeit des Mittelalters und der Renaissance verschiedene. Ohne den 
Verdiensten der Veranstalter dieser Ausstellung Abbruch tun zu wollen, kann 
man bedauern, daß von derartigen Arbeiten nicht noch einige weitere Beispiele 
zur Anschauung gebracht werden konnten. 

Wenden wir uns nun zu der Ausstellung unserer neueren Künstler. Die- 
selbe zerfällt in zwei Unterabteilungen. Es ist zuerst eine Folge antiker Bild- 
hauerarbeiten vorhanden, an welchen sich neue Maler und Bildhauer mit Abtönung 
oder Bemalung versucht haben; bei der dann folgenden Mehrzahl neuer Färbungs- 
versuche ist auch das zugrunde gelegte plastische Werk das Erzeugnis neuerer 
Kunst. Für den Zweck unserer kurzen Besprechung dürfen wir beide Gruppen 
zusammenfassen. Es wird bezüglich der Uebersichtlichkeit genügen, die neuen 
Malversuche, gleichgültig, ob die Grundlage ein altes oder neues Werk, folgender- 
maßen in Klassen abzuteilen: 

I. Werke mit blofler sogenannter Tönung. Diese Behandlungsweise ist 
auf Arbeiten aus weißem oder ganz hellem Material angewendet worden, um 
diesen Stoffen die zuckerige oder kreidige Weiße zu benehmen, welche sie im 
natürlichen und frischen Zustande zeigen. Daß diese Weiße in ihrer blendenden 



335 

Reinheit als ein Uebclstand empfunden wird, ist ein Zeichen der Zeit. Insofern 
die ausstellenden Kianstler sich begniigt haben, eine Arbeit aus weißem Marmor 
im ganzen und gleichmäßig mit einem leise gelblichen oder bräunlichen Ton zu 
iiberziehen, fällt der Gegenstand fast aus dem Rahmen unserer Besprechung 
heraus. Bei einer Abtönung dieser Art, die einfach gebilligt werden muß, 
übrigens auch mit zunehmendem Alter des Werkes sich von selbst einstellt, ist 
wesentlich die technische Frage, mit welchen Mitteln der Ueberzug gefertigt und 
festgehalten werden soll, von Interesse. Eine der vorhandenen Büsten zeigt ,,den 
Marmor getönt durch Belassen der Staub- und Rauchpatina". Das ist das Ein- 
fachste! — Anders steht die Sache, wenn die verschiedenen Teile einer Figur, so 
Fleisch und Haar oder Gewand und Fleisch durch verschieden gewählte Töne 
voneinander abgehoben werden sollen. Wenn dann der Unterschied in diesen 
Tönen ein so geringer ist, wie bei der Mehrzahl der solcherart durchgeführten 
Ausstellungsstücke, so halten wir das Verfahren für verwerflich. Mit dem Gegen- 
überstellen so verblasener, nur mit Mühe auseinanderzuhaltender Tönchen lassen 
sich unseres bescheidenen Erachtens weder künstlerische Wirkungen im höheren 
Sinne, noch sogenannte dekorative Wirkungen erzielen. Da wäre Einfarbigkeit 
wohl immer vorzuziehen. Bei aller Hochachtung vor der Kunsthöhe vieler der 
Meister, die mit Arbeiten dieser Gattung beteiligt sind, können wir uns des Ein- 
drucks nicht erwehren, daß diese trefflichen Künstler der neu auftauchenden Frage 
der Färbung mit denselben Gefühlen gegenüberstehen, wie noch vor wenigen 
Jahren und Jahrzehnten die Architekten. Wir denken hierbei an die hier 
früher, dort später überwundene Periode, wo man die Wand- und Deckenflächen 
monumentaler Räume mit Vorliebe im poetischen Dufte eines ,, gemilderten 
Pfirsichblüt" und einer in ,, Milchblau" gebrochenen Weiße schimmern ließ. 

2. Zu einer zweiten Klasse lassen sich diejenigen Werke zusammenfassen, 
deren Behandlung zwischen sogenannter Tönung und einer wirklichen Bemalung 
in der Mitte steht. Einige von den ausstellenden Künstlern haben ihre hierher 
gehörigen Arbeiten als ,, leicht gefärbte" bezeichnet. Gemeinsam ist all diesen 
Stücken, daß die aufgebrachten Farben blaß, gebrochen und absichtlich natur- 
widrig sind. Wir haben es mit Versuchen von stilisierter Farbengebung 
zu tun. Aber es liegt hier eine andere Art von Stilisierung vor, als die älteren 
Kunstperioden sie gekannt haben. Zum Vergleich möchten, ein Beispiel unter 
vielen, die grauen Grabfiguren des 15. bis 17. Jahrhunderts heranzuziehen sein. 
Auf dem natürlichen Grau des Sandsteins oder auf einem grauen Gesamtanstrich 
sind dieselben mit Weiß und Schwarz, vielleicht auch noch mit etwas Rot und 
Gold aufgeputzt. Oft sind die Augen mit Weiß und Schwarz, das Haar und die 
Brauen mit Schwarz behandelt, die Lippen rot. Auch bei ihnen kann man von 
einer „leichten Färbung" reden; es ist eine stilisierte Bemalung beabsichtigt und 
dieselbe mit den allerbescheidensten Mitteln hergestellt. Was die Natur am 
Menschenantlitz färbt, ist im Auszug des Wesentlichsten, im Prinzip wieder- 
gegeben. Vor allem arbeitet diese leichte Färbung mit wenigen F"arben. Aber, 
und dies ist für die Wirkung entscheidend, die Farben sind reine, ausgesprochene, 
es besteht die Möglichkeit, sie zu benennen und das Gesamtbild selbst durch eine 
Beschreibung in Worten deutlich zu machen. 

Im Gegensatz zu einer solchen oder jeder ähnliche Gedanken verfolgenden 
Behandlungsweise sind nun an den hierher gerechneten Ausstellungsstücken nur 
Farben zur Verwendung gelangt, die sich samt und sonders weder beschreiben 



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noch benennen lassen. Wenigstens nicht mit den Mitteln der landläufigen, 
bürgerlichen Sprache. Nur die mit dem Wechsel der Jahre und Jahreszeiten 
auftauchenden und wieder verschwindenden Ausdrücke der weiblichen Mode und 
des Modewarenhandels möchten imstande sein, einige dieser Halbfarben zu kenn- 
zeichnen. Denn auch bei dieser Klasse von Werken ist in einer fast unerklär- 
lichen Zaghaftigkeit jeder Effekt vermieden, der aus dem Nebeneinandersetzen 
zweier ausgesprochenen Farben oder einer ausgesprochenen Farbe und eines 
Halbtons entsteht. Hier steht immer nur Halbton dem Halbton gegenüber, und 
allermeist neigt die Gesamtheit der Halbtöne dem zu, was man nicht anders als 
mit dem Namen des Schmutzigen bezeichnen kann. Am ungesundesten und ab- 
schreckendsten tritt uns die ganze Art entgegen in dem weiblichen Bildnis von 
Adolph Hildebrand in Florenz (Nr. 213), einer Halbfigur, in gebranntem Ton aus- 
geführt und ganz und gar mit wenig voneinander abgehobenen Farben überzogen, 
über die wir uns nicht weiter äuflern dürfen, weil alle Vergleiche nur aus dem 
Gebiet des Unreinlichen entnommen werden könnten. Wie ist es zu erklären, 
daß ein sonst so feinfühliger, hochbegabter Künstler auf diesen Weg geraten 
konnte? Von Anklängen an die Natur ist keine Rede, von einem selbständigen 
Werte einer Farbenzusammenstellung noch weniger. Die schlichteste, mit den 
gleichgültigsten und flauesten Holztönen arbeitende Intarsia atmet Luft und 
Sonnenschein, verglichen mit diesem Ineinanderschwimmen unsagbarer bräun- 
licher Schattierungen. — Zu welchen Seltsamkeiten die Furcht vor der Farbe 
führen kann, beweisen auch die Arbeiten von Hermann Klotz in Wien (Nr. 200 
bis 205). Dieselben, im Plastischen vortrefflich, sind unmittelbar nach der Natur 
in Holz geschnitten und dann ,,nach eigener Methode gefärbt". Die Methode 
zielt darauf ab, den Beschauer gleichzeitig durch die aufgebrachten Farben und 
durch das zufällige Spiel der Holzadern zu erfreuen, ein ebenso seltsamer wie 
durch entschiedenen Mißerfolg verurteilter Gedanke. — In diese Klasse gehören 
noch die Stücke Nr. 194, 195, 212, 224, 226, 238 bis 247a, 258 bis 261, 331, 
332 u. a. 

3. Trotzdem ein Teil des Publikums von heute aus seiner Vorliebe für das 
,, anmutig Süße" kein Geheimnis macht, hat eine dritte Gruppe von Versuchen 
in gefärbter Plastik in allen öffentlich verlautbarten Besprechungen wenig Anklang 
gefunden. Wir meinen die reiche Folge von Fällen, wo Werke der neuen und 
alten Bildhauerkunst in stilisierter oder realistischer Weise mit Farben bemalt 
sind, welche die natürlichen Farben der Gegenstände ins ,, Zarte", „Delikate" 
übersetzen. Diese Art bietet nichts Neues, denn nach ihren, je nachdem bis zur 
ausgesprochenen Zuckersüße führenden Regeln wurden und werden von den für 
das kirchliche Bedürfnis arbeitenden ,, Kunstanstalten" seit lange die religiösen 
Bilder bemalt. Einige der hierher gehörigen Aussteller haben sich, abgesehen 
von einer solchen Behandlung ihrer Arbeiten, noch dadurch geschadet, dafl sie 
ungetärbte Ausfertigungen der betreffenden Statuen und Büsten neben den ge- 
färbten aufgestellt haben. So erblicken wir neben dem von Ludwig Otto in Dresden 
in Wachsfarben bemalten Abguß der schönen Gewandstatue aus Herculaneum (Nr. 58) 
den weißen Gipsabguß derselben, und alle Urteile, welche über den farbigen Versuch 
zu hören uns vergönnt war, gehen dahin zusammen, daß die weiße Figur, was 
die künstlerische Wirkung anlange, der gefärbten vorzuziehen sei. Auch wir 
können nicht umhin, uns dieser Meinung anzuschließen. Wir müssen es aber als 
sehr übereilt bezeichnen, wenn auf Grund dieses in der Tat nicht zweifelhaften 



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V^ciglciclies eine tiielir oder weniger umfassende Verurteilung der gefärbten Plastik 
überliaupt erfolgt. Wie schwierig der ganze Gegenstand ist, wird ja gerade durch 
die Ausstellung bewiesen. Sind es doch zum Teil unsere besten Künstler, welche 
an der der Gegenwart im großen ganzen neuen Aufgabe sich versucht und — der 
Mehrzahl nach einen befriedigenden Erfolg nicht erreicht haben. Der Schwierig- 
keit des Gegenstandes und der Vielseitigkeit der Frage heißt es aber gewiß nicht 
Rechnung tragen, wenn über den Bcmalungsversuch an der antiken Matrone und 
damit und darum gleichzeitig über alles Malen in der Großskulptur der Stab ge- 
brochen wird. Auch derjenige, welchen dieser Versuch nach seiner Angabe 
,, wahrhaft erschreckt" hat und welcher die Wirkung des reinen Gipsabgusses 
unvergleichlich edler, schöner und reiner findet als die der , .bunten Kolossalpuppe", 
sollte doch nicht gleich zu behaupten wagen, daß durch die Vergleichung der 
gefärbten und ungefärbten Matrone ,,der augenfälligste Beweis für die Zweck- 
widrigkeit und Kunstlosigkcit der Bemalung von Bildwerken in großem Stile" 
erbracht werde. Man sollte zehn, zwanzig oder fünfzig Abgüsse der Gewand- 
statue vor sich haben, jede im Wettbewerb mit den anderen von einem anderen 
Künstler bemalt, der jedesmal mit Liebe, Begabung und nach gründlichen Vor- 
studien der Aufgabe näher getreten wäre: wenn dann das Ergebnis immer noch 
ein erschreckendes wäre, würde allerdings eher Grund vorhanden sein, an der 
glücklichen Lösung des Problems zu verzweifeln. Ich glaube übrigens nicht, daß 
eine derartige Wettbewerbung im voraus etwa aussichtslos zu nennen sein dürfte, 
denn die zufriedenstellende Lösung der Aufgabe, selbst große Bildwerke antiken 
Stiles zu bemalen, erscheint mir möglich. Sie erscheint mir möglich, weil es 
Tatsache ist, daß der feine Sinn der Griechen sich mit Bildwerken, die nicht 
weifl, sondern vielfarbig, u. a. aus Gold und Elfenbein zusammengesetzt waren, 
befreundet hat. 

Eine Besonderheit zeigt sich innerhalb dieser Klasse von Arbeiten noch, in- 
sofern einige Maler, um den Gefahren eines glatten Anstrichs zu entrinnen, der 
allerdings leicht in den Charakter bloßer Anstreicherarbeit übergehen kann, bei 
den Fleischteilen ihrer Figuren zu einer Art von Schattierung gegriffen haben. 
Gegen eine solche ist gewiß nichts zu sagen, wenn sie die rechten Töne trifft 
und sich auf die Betonung der Tiefen beschränkt. Sobald aber, wie bei den 
Arbeiten Nr. 227 und 228, es ganze Körperteile sind, welche sich, in eine Schmutz- 
farbe hüllen, dürfte das Verfahren als verfehlt und der Anblick dieser Ohren u. dgl. 
als ein unangenehmer zu bezeichnen sein. 

Die ganze, dem Zarten, Milden, Duftigen nachstrebende und dabei in 
Schwächlichkeit verfallende Gattung ist besonders durch Arbeiten von E. Bastanier, 
J. Kaffsack, Max Koch, Robert Dietz, Julius Moser usw. vertreten. Lebhaften 
Widerspruch hat, und wohl mit Recht, auch die Raffaelstatue Hähneis gefunden, 
welche von Paul Kießling in Dresden in der gekennzeichneten halbentschlossenen 
Art bemalt worden ist. 

4. Wir gelangen zu einer Gruppe von Werken, deren Autoren sich — von 
unserem persönlichen Stand] )unkt aus gesprochen — auf dem rechten Wege be- 
finden. Das schlagendste und eindruckvollste Werk dieser Klasse ist der Gorgo- 
schild (Nr. 63), von Bruckmann in Hottingen modelliert, von Arnold Böcklin 
gemalt. Daß in dieser Schöpfung, verglichen mit jeder ungefärbten Dar.stellung, 
ein außerordentlicher Erfolg errungen ist, wird ziemlich allgemein zugegeben. Es 
möchte auch schwer sein, sich der zum besten Teil in der Bemalung begründeten 

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packenden Gewalt dieses Bildwerks zu entziehen. In ahnlich furchtloser Weise 
haben L. Bohn in Paris, L. v. Uechtritz in Wien, F. Pauwels in Dresden, R. v. Seydlitz 
in München, Ernst Herter in Berlin, L. Wiese in Hanau und in einzelnen Fällen 
E. Bastanier, Hermann Klotz und Robert Dietz den Pinsel in die Farbe eingetaucht. 
Gleichviel, ob es sich um die mehr realistische Abfärbung eines Genrebildes oder 
um die stilisierte eines Werkes von allegorischer Bedeutung oder feierlicher 
Handlung handelte, tritt uns in diesen Arbeiten ein zielbewußtes Wollen, tritt uns 
vor allem eine in sich harmonische und kunstschöne Farbengebung entgegen. 
Hierher gehören auch die Friese zum Gräfedenkmal in Berlin; hierher würde 
gehören die farbige Wiederherstellung des Hermes des Praxiteles, wenn es L. Otto 
in Dresden gelänge, etwa auf einem Abguß die Farbenwirkung zu erreichen, die 
bei Fertigung seiner Wasserfarbenskizze (Nr. 70) ihm vorgeschwebt hat. 

Auch die eigenartigen Arbeiten des verstorbenen Cauer dürfen nicht mit 
Stillschweigen übergangen werden. Dieselben, meist schon von früher her bekannt, 
sind auf einer durchgehenden Vergoldung mit Lasurfarben gemalt; ein Verfahren, 
welches bei den Gewändern und Nebendingen meist vorzügliche Wirkungen 
erreicht, für das Fleisch allerdings nicht am Platze sein möchte. 

Wir haben mit Absicht unsere kurze Besprechung nicht auf das Gebiet der 
Bronzen und der Porzellanarbeiten ausgedehnt. Das eine und das andere an- 
gehend, sind ja überhaupt Meinungsverschiedenheiten teils gar nicht, teils nur in 
geringerem Grade vorhanden. Vor allem wichtig erschien es uns, das zu be- 
sprechen, was zur Klärung der Frage dienen kann, ob und wann wir die Skulp- 
turen in Stein, Holz, Ton u. dgl. bemalen sollen, d. h. diejenigen Bildwerke, 
welche für gewöhnlich in unmittelbarer Verbindung mit der Architektur aufzutreten 
pflegen. Wir können allen, welchen die Möglichkeit dazu geboten ist, nur 
empfehlen, noch die letzten Tage der Ausstellung in der Berliner Nationalgalerie 
zu einem Besuche derselben zu benutzen, falls dieser Besuch bislang verabsäumt 
sein sollte. Uns hat das Studium der Ausstellung in der Meinung bestärkt, daß 
die Verwendung der Farbe in der Skulptur in Zukunft eine viel ausgedehntere 
sein wird, als sie es in der letzten Vergangenheit gewesen ist. Wenn auch die 
Frage, ob die Vorzeit ihre Bildwerke bemalt hat, von der anderen, ob wir selbst 
zur gemalten Plastik zurückkehren sollen, streng auseinandergehalten werden muß, 
so dürfte der Anblick so vieler prächtiger bemalter Werke aus jener selben Vor- 
zeit doch geeignet sein, einer vorurteilsloseren Beantwortung der zweiten Frage 
den Weg zu ebnen. In einer einzigen Beziehung werden dem Malen ja stets 
Grenzen gesetzt sein: Das Klima unserer Zone wird die Bemalung von Bildwerken, 
die im Freien stehen, immer erschweren und oft unmöglich machen. 

Wir schließen mit dem Wunsche, daß die zum Teil einander schroff gegen- 
überstehenden Ansichten und Meinungen zunächst es lernen möchten, sich gegen- 
seitig zu dulden und zu ertragen. Mit Aussprüchen wie der, daß alle bedeutenden 
Künstler gegen und alle mittelmäßigen für die Bemalung der Statuen gestimmt 
wären, ist der so sehr wichtigen Sache nicht gedient. Ein solcher Ausspruch muß 
vor allen Dingen übereilt genannt werden. Oder sollte es dem betreffenden 
Berichterstatter möglich gewesen sein, alle bedeutenden und alle mittelmäßigen